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Full text of "Die österreichische Revolution"

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V DIN 



BIÜER 








DIE ÖSTERREICHISCHE 
REVOLUTION 



VON OTTO BAUER 



WIEN 1 923 

WIENER VOLKSBUCHHANDLUNG / WIEN VI 



Inhalt. 



E r s t r A 1) s c h II i 1 1 : Krieg und Revolution. ^eite 

55 1. Die Südslawen und der Krieg 1 

§ 2. Die Tschechen und das Reich 20 

§ 3. Die Polen und die Mittelmächte 37 

§ 4. Deutsohösterreich im Kriege 49 

Zweiter Abschnitt: Der Umsturz. 

§ 5. Die Bildung der Nationalstaaten 71 

t< 6. Die Auflösung des Reiches >S4 

§ 7. Die deutschösterreichische Republik 94 

§ 8. Nationale und soziale Revolution 109 

Dritter Abschnitt: Die Vorherrschaft der Arbeiterklasse. 

§ 9. Revolutionäre und konterrevolutionäre Kräfte 116 

§ 10. Zwischen Imperialismus und Bolschewismus 130 

§ 11. Die Revolution in den Betrieben 161 

§ 12. Der Staat und die Arbeiterklasse 182 

Vierter Abschnitt: Die Zeit des Gleichgewichts der Klassenkräfte. 

§ 13. Wirtschaftliche Umwälzung und soziale Umschichtung .... 196 

§ 14. Der Kampf um die Institutionen der Republik 213 

§ 15. Der Kampf gegen die Konterrevolution 225 

§ 16. Die Volksrepublik 242 

Fünfter Abschnitt: Die Restauration der Bourgeoisie. 

§ 17. Die Währungskatastrophe 249 

§ 18. Der Genfer Vertrag 262 

§ 19. Die Ergebnisse der Revolution und die Aufgaben der Sozial- 
demokratie • 275 

Sachregister 292 

/,) 
1/ 




Vorwort. 




■h widme dieses Buch den Vertrauensmännern der österreichischen 
Arbeiterschaft: den Tausenden, die während des Krieges blut- 
trunkenen Militärgewalten tapfer die Stirn boten; den Tausenden, 
deren Einsicht, deren Verantwortungsgefühl, deren Mut in der 
Revolutionszeit die österreichische Arbeiterschaft aber- und abermals gerettet 
hat vor den Versuchungen des Hungers, der Verzweiflung, der Hiusionen 
in den eigenen Reihen; den Tausenden, die heute im zähen Abwehrkampfe 
gegen einen verständnislosen, haßerfüllten Feind ringen. Möge dieses Buch 
diesen Tausenden helfen, den Kleinkrieg, den sie alle, jeder in seinem 
Betriebe, in seiner Gemeinde, 'in seiner Organisation, geführt haben, im 
großen geschichtlichen Zusammenhange zu begreifen und aus solchem Ver- 
stehen neue Einsicht, neue Kraft, neue Zuversicht zu schöpfen für die 
Kämpfe, denen wir entgegengehen! 

Ich widme dieses Buch den Kameraden im österreichischen Heere: den 
sozialdemokratischen Offizieren, Unteroffizieren und Soldaten. Sie haben 
jetzt den schwersten Kampf zu bestehen; einen Kampf, der an ihre Über- 
zeugungstreue, an ihre Zähigkeit, an ihre Klugheit die höchsten Anforde- 
rungen stellt. Möge dieses Buch ihnen sagen, daß der Gegenstand des 
Kampfes der Opfer des Kampfes wert ist! ^^ 

Ich widme dieses Buch den österreichischen Intellektuellen, den In- 
genieuren, den Ärzten, den Lehrern, den jungen Studenten zumal, die den 
Befreiungskampf der Arbeiterklasse verstehen lernen wollen. Möge es ihnen 
helfen, das Netz zu zerreißen, in das, aus unzähligen Zeitungshiättern, von 
unzähligen Kathedern auf sie einredend, Kiassenvorurteil, Klassenhaß, 
Klasseniüge sie verstricken! 

Aber ich wage es, dieses Buch auch Marxens Schule in aller Welt zu 
widmen. Denn auch ihr will es einiges sagen. 

Der wissenschaftliche Sozialismus ist aus der Verarbeitung zweier großer 
Erfahrungen entstanden: der Erfahrung der industriellen Revolution des 
neunzehnten Jahrhunderts und der Erfahrung der politischen Revolutionen 
von 1789 bis 1871. Die Welt, die Marx und Engels erforscht haben, ist durch 
Krieg und Revolution völlig umgewälzt worden. Nur durch die Verarbeitung 
der Fülle neuer Erfahrungen, die wir im Kriege und in der Revolution 
erworben haben, kann sich der wissenschaftliche Sozialismus der verän- 



dorton Uniwrlt anpassen. Nur aus der wassenschaftlichen Verarl)eilunjx 
dieser neuen Krfalirun<ren kann sich der Sozialismus des zwanzigsten Jahr- 
hunderts entwickeln. Km kleiner Beitrag zu dieser großen Arheil will dieses 
Buch sein. Die Wechselwirkungen zwischen nationaler und sozialer Jlevo- 
lulion; die Wandlunigon des Staates, der Demokratie, der Heziehungen der 
Arheiterklasse zum Staat und zur Nation, die sich in der und durch die iHe- 
volulion vollziehen; die Entwicklung eigenartiger Slaatstypen in einer Knt- 
wicklungsphase. in der die Kräfte der Klassen einander das Gleichgewicht 
halten; die l-'unktion vorübergehender Kooperation der Klassen im Ent- 
wickluaiisgange der Klassenkämpfe; die Wechselwirkungen der Wirtschaft, 
der Gewalt und des Geistes im Entwicklungsgange revolutionären Klassen- 
kampfes — das sind Prolvleme von höchstem allgemeinen Interesse und zur 
Klärung dieser Probleme kann, so hoffe ich, die Geschichte der öster- 
reichischen Revolution manches beitragen. 

W i e n. 6. Mai 1923. 

Otto Bauer. 



Erster Abschnitt. 

Krieg und Revolution. 

1. Die Südslawen und der Krieg. 



Literatur: 



Ranke, Die serbische Revolution. Berlin 1844. — Källay, Geschichte der Serben. 
Budapest 1878. — Novakovic, Die Wiedergeburt des serbischen Staates. Sara- 
jevo 1912. 

Seton-Watson, Die südslawische Frage im Habsburgerreich. Berhn 1913. — 
Südland, Die südslawische Frage und der Yfeltkrieg. Wien 1918. — Wendel, Aus 
dem südslawischen Risorgimento. Gotha 1921. 

Suman, Die Slowenen. Wien 1881. — Dimitz, Geschichte Krains. Laibach 1874. 

Georgevitch, Das Ende der Obrcnovitch. Leipzig 1905, — Molden, Graf 
Ährenthal. Stuttgart 1917. — Conrad, Aus meiner Dienstzeit. Wien 1921. — 
Bauer, Der Balkankrieg und die deutsche Weltpoütik. Berlin 1912. — Kautsky, 
Serbien und Belgien in der Geschichte. Stuttgart 1917. 

Sisic, Dokumenti o postanku kraljevine SIIS 1914—1919. Zagreb 1920. — 
Potocnjak, Iz emigracije. Zagreb 1919. — Tomic, Jugoslavija u emigraciji. Beograd 
1921. — Djordjevic, Srbija i Jugosloveni. Beograd 1922. 



Das Ultimatum Österreich-Ungarns an Serbien hat den Weltkrieg 
herbeigeführt. Seine unmittelbare Ursache war der Zusammenstoß des 
habsburgischen Imperiums mit dem Freiheits- und Einheitsdrang des 
südslawischen Volkes. 

Im Verlauf des 19. Jahrhunderts hatte sich aus den südslawischen 
Bauernstämmen das südslawische Bürgertum entwickelt. Unter der 
Führung ihres Bürgertums standen die südslawischen Stämme im Kampfe 
gegen den Zustand der nationalen Fremdherrschaft und der nationalen 
Zersplitterung, die der Feudalismus in Jugoslawien begründet hatte. Dieser 
Kampf war die bürgerliche Revolution der Jugoslawen. Sein Ziel war die 
Liquidierung der feudalen Herrschaftsverhältnisse auf südslawischem 
Boden. Diese nationale Revolution der Jugoslawen war der Ausgangspunkt 
des Krieges. Sie leitete die nationale Revolution ein, der die Habsburger- 
monarchie erlegen ist. 

Schon im 9. Jahrhundert sind die Sloweneji — der nordwestliche 
Stamm des südslawischen Volkes — unter deuw^che Fremdherrschaft ge- 
fallen. In ganz Slowenien wurden die slawischen Bauern deutschen Grund- 
herren zins- und fronpflichtig. Deutsch war der Herrenhof, slowenisch 
das ßauerndorf. Den deutschen Grundherren folgten deutsche Bürger. Sie 
begründeten die Städte im Wendenland; die Städte waren deutsch, die 
Dörfer blieben windisch. So fielen hier Klassenscheidung und nationale 

- 1 - 1 



Sclicidung zusammen. Noch im ID. .Tnlirlumdcrt klaffte der krainische 
Dichter Franc rrcseron: 

Deutsch sprechen in der Regel hicrzuhirule 
Die Herrinnen und Herren, die hefchh;n; 
Slowenisch die, so von dem Dienerstandc. 

So war ein Jalniauscnd lang die slowenische Sprache bloPie Eauern- 
mundart, das slowenische Volk eine geschichtslose Nation. Ein slowenisches 
Schulwesen konnte nicht entstehen; denn Schulen gab es nur für die 
Söhne der deutschen Grundherren und Bürger, nicht für die der slawischen 
Bauern. Eine slowenische Literatur konnte sich nicht entwickeln; denn 
wer hätte in einer Sprache, die nur die \mwissenden, analphabctischen 
Bauern sprachen, Bücher schreiben wollen? Als in den Sturmtagen der 
Beformation protestantische Prädikanlen auch den Bauern das Evangelium 
predigen wollten, stellte einer von ihnen, Primo2 Trubar, fest, daß „kein 
Brief oder Begister, noch w^eniger ein Buch in unserer windischen Sprache 
zu finden war; denn man hielt dafür, die windische Sprache wäre so grob 
und barbarisch, daß man sie weder schreiben noch lesen könne". Trubar 
imd Juri Dalmatin, die die Bibel in die slawische Bauernsprache über- 
trugen, mußten hunderte Wörter fremden Sprachen entlehnen; denn die 
slowenische Sprache hatte Bezeichnungen nur für Begriffe des bäuerlichen 
Lebens. Habsburgs blutige Gegenreformation bereitete auch diesen ersten 
Versuchen, eine slowenische Literatursprache zu schaffen, ein schnelles 
Ende: Trubars ketzerische Schriften wurden verbrannt; und wiederum 
verschwand für zwei Jahrhunderte die slowenische Sprache aus der 
Literatur. 

Und wie an allem höheren Kulturleben, so hatte a,uch an allem staat- 
lichen Leben das slowenische Bauernvolk ein Jahrtausend lang keinen 
Anteil. Denn nur die Grundherrenklasse, nicht die Bauernschaft war in 
diesem Jahrtausend Trägerin des staatlichen Lebens. Mit der Unterwerfung 
unter die deutschen Grundherren fielen die slowenischen Bauern unter die 
Herrschaft des deutschen Herzogtums Karantanien; mit den Ländern, in 
die das Herzogtum zerfiel, fielen sie an das deutsche Österreich. Über den 
Grundherrschaften, in denen die slowenischen Bauern den deutschen 
Feudalherren fronten, baute sich die politische Herrschaft des deutschen 
Österreich über den slowenischen Volksstamm auf. 

Ein halbes Jahrtausend später als der nordwestliche verfiel der süd- 
östliche Zweig des jugoslawischen Volkes ähnlichem Schicksal. Nach der 
Niederlage am Amselfeld (1389) wurden die serbischen Fürsten zu Vasallen 
der türkischen Großherren; nach der Katastrophe von Varna (1444) wurden 
die serbischen Länder zu türkischen Provinzen. Das serbische Volk vvurde 
zur geknechteten ausgebeuteten Rajah. Die Städte wurden zu türkischen 
Festungen; nur die Dörfer blieben serbisch. Und über die serbischen Bauern 
herrschten die türkischen Spahis und die griechischen Priester. Nur in 
Bosnien behauptete sich ein Teil des nationalen Adels; aber er behauptete 
Besitz und Würde nur um den Preis, daß er den Islam annahm und damit 
in dem herrschenden Osmanentum aufging. So war auch das serbische 
Volk unter Fremdherrschaft gefallen. 

Niu" irr Zentrum des Siedlungsgebietes der Südslawen, in Kroatien, hat 
sich ein nationales Staatswesen behauptet. Nur dort lebte das Volk unter 



der Herrschaft nicht eines fremden, sondern eines nationalen Adels. Aber 
auch dort ging in furchtbaren Stürmen ein Stück nationaler Selbständigkeit 
nach dem andern verloren. Von den Türken bedroht, war das dreieinige 
Königreich nicht imstande, Dalmatien gegen die Venezianer zu schützen. 
:So verfiel dieses slawische Land italienischer Fremdherrschaft. Kroatien 
selbst aber warf die Türkennot zuerst den Habsburgern in die Arme. Dann, 
nach der Zurückdrängung der Türken, stürzte sich der kroatische Adel, 
vom habsburgischen Absolutismus im Besitz seiner ständischen Privilegien 
iDedroht, Ungarn in die Arme, um, sei es auch um den Preis des Vej-zichts 
auf staatliche Selbständigkeit, mit dem mächtigeren magyarischen Adel 
vereint, die ständischen Rechte zu verteidigen. So verlor, zwischen Türken 
und Venetianern, zwischen Österreich und Ungarn, der kroatische Adel 
nationale und staatliche Selbständigkeit. Viele Adelsfamilien wurden in 
■den Türkenkriegen ausgerottet. Andere endeten in den Kuru.zzenkriegen 
•auf österreichischem Schafott. Deutsche, magyarische, italienische Feudal- 
herren erbten die Latifundien der kroatischen Magnaten. Der Rest des 
höheren kroatischen Adels erl^g der mächtigen Anziehungskraft der Wiener 
höfischen Sitte; war die lateinische Sprache die Verhandlungssprache des 
Sabors und die Amtssprache der Behörden, so bediente sich der gebildete 
Adel im täglichen Umgang der deutschen oder der italienischen Sprache. 
Nur der unwissende Bauernadel, die „Zwetschkenjunker", sprachen noch 
kroatisch. Die staatlichen Sonderrechte Kroatiens aber gab der kroatische 
Adel Ungarn preis, um sich, mit dem magyarischen Adel vereint, als una 
eademque nobilitas, des habsburgischen Absolutismus zu erwehren: als 
Josef IL die Leibeigenschaft in Ungarn und Kroatien aufhob, übertrug der 
kroatische Sabor sein Steuer- und Rekrutenbewilligungsrecht dem unga- 
rischen Reichstag, um in ihm seinen Beschützer gegen die Bauern- 
befreiung zu finden. So ward Kroatien zum bloßen „angegliederten Teil" 
Ungarns. So war auch der kroatische Adel kein Träger nationaler Kultur 
und nationaler Selbständigkeit mehr. 

So hatte der Feudalismus den jugoslawischen Stämmen eine furchtbare 
Erbschaft hinterlassen. Österreich und Ungarn, Venedig und die Türkei 
hatten ihr Gebiet untereinander geteilt. In Slowenien saßen deutsche, in 
Dalmatien italienische, im Banat und in der Bacska magyarische Herren, 
in Serbien türkische Spahis, in Bosnien mohammedanische Begs über den 
hörigen slawischen Bauern. Überall waren die Jugoslawen zu einem ge- 
schichtslosen Bauernvolk, zu Hintersassen fremder Grundherren geworden;, 
selbst in Kroatien war der nationale Adel seinem Volkstum entfremdet. 
Nur der Bauer war der Träger des nationalen Lebens. Aber der Gesichts- 
kreis des armen, unwissenden Bauern reichte über die Grenzen der Grund- 
herrschaft, der er fronte, kaum hinaus. Den windischen Bauern Kärntens 
galten schon die Krainer als Fremde. Die katholischen Bauern in Kroatien 
haßten die griechisch-orthodoxen Nachbarn als Ungläubige. Ein Bewußtsein 
nationaler Gemeinschaft der jugoslawischen Stämme gab es nicht. Es hat 
■einer langen Kette gewaltiger Umwälzungen bedurft, um das jugoslawische 
Volk aus diesem Zustand der Knechtschaft, der Geschichtslosigkeit, der 
Zerstückelung emporzuführen. 

Der Krieg, den Josef IL und Katharina IL im Jahre 1788 gegen die 
Türkei begannen, war der Wendepunkt der serbischen Geschichte. Österreich. 



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rief damals die serbische Rajah zum Kampfe gegen die Türkenherrschaft 
auf. Den lautesten Widerhall fand dieser Ruf in dem kleinen Splitter des 
serbischen Stammes, der sich ein .lahrhundert vorher unter der Führung 
des flüchtiizen Patriarchen von Ipek in Ungarn angesiedelt hatte. Viele von 
den serbischen Kolonisten hatten in dem fn-mden Lande, wie es ent- 
wurzelte, in fremdes Land verpflanzte Gastvölker zu tun pflegen, im Handel 
Erwerb gefunden; so hatte sich hier ein handeltreibendes serbisches 
Rürgertum entwickelt, von dessen Söhnen so mancher den Weg an 
deutsche Universitäten fand, dort unter den i'^influß der Aufklärungs- 
literatur des 18. Jahrhunderts geriet und gewahrte, wie eben damals in der 
Wissenschaft die lateinische Kirchensprache durch die deutsche Volkssprache 
ersetzt wurde. Da setzte luin unter den ungarischen Serben lebhafte Bewegung 
ein. Schulen und Kirchengemeinden wurden gegründet. Dositej Obradoviö 
imd Vuk Karadzic ersetzten die kirchenslawische Schulsprache durch die 
Volkssprache, „wie sie auf dem Markt geredet und beim Reigentanz ge- 
sungen wird", und schufen damit die neue serbische Schriftsprache und 
die Anfänge des neuen serbischen Schrifttums. Zugleich aber weckte der 
Waffenlärm auch die Rajah jenseits der Save. Serbische Freischaren 
kämpften unter österreichischem Kommando gegen die Türken. Und wenn- 
gleich Österreich die serbische Rajah den Türken wieder preisgab, als die 
Schreckensnachrichten über die Anfänge der gro.ßen Französischen Revo- 
lution die Aufmerksamkeit des Wiener Hofes nach dem Westen lenkten, 
haben die Waffentaten der Kriegszeit das Selbstbewußtsein der Serben 
doch mächtig gestärkt. „Was habt ihr aus unserer Rajah gemacht?" 
klagten nun die Türken. 

Der Krieg hatte die Schwäche des türkischen Lehensstaates gegen den 
modernen Absolutismus geoffenbart. Unter dem Eindruck dieser Erfahrung 
versuchte der Sultan Selim HL eine Reform des Staats- und Heerwesens 
nach europäischem Vorbild. Gegen diese Reformversuche erhoben sich 
die Janitscharen. Der Gouverneur des Belgrader Paschaliks Hadschi 
Mustafa Pascha bot selber die serbischen Bauern gegen die rebellischen 
Dahia auf. So erhoben sich 1804 die Serben, von Kara Georg geführt. Aber 
sobald sie die Dahia besiegt hatte, richtete die rebellierende Rajah ihre 
Waffen gegen die Türkenherrschaft überhaupt. So begann der große Be- 
freiungskampf des serbischen Bauernvolkes gegen den türkischen Feuda- 
lismus. Bald von Rußland, bald von Österreich benützt, bald von dem 
Zaren, bald von dem Kaiser verraten, erkämpite sich der serbische Bauer 
schließlich seine Freiheit. Der erste Aufstand brachte den Serben die Auto- 
nomie, der Friede von Adrianopel (1829) die staatliche Selbständigkeit, der 
Friede von San Stefano (1878) die Unabhängigkeit von der Türkei Und mit 
dem Wachtum des Staates wurde die Nation: der Staat schuf die serbische 
Schule; der Staat schuf die serbische Bürokratie, deren Söhne von aus- 
ländischen Universitäten europäische Ideen heimbrachten; langsam, all- 
mählich begann sich aus dem Bauernvolk ein Bürgertum herauszulösen 
als Träger der werdenden nationalen Kultur. So wurde im Verlauf eines 
Jahrhunderts aus der Rajah eine Nation. 

Was der 'Türkenkrieg von 1788 für die Serben, war der Fran^osenkrieg 
von 1809 für die Kroaten. Das von Napoleon I. gegründete Königreich 
lUyrien vereinigte zum ersten Male Slowenien, Kroatien und Dalmatien zu 



€ i n e m Staate, es befreite die Bauern von der Fronpflicht und der Patri- 
monialgerichtsbarkeit, es führte die slawische Sprache in den Volksschulen 
«in. Wohl stellte Österreich schon 1813 das alte Regime wieder her; aber 
•der Anstoß, einmal gegeben, wirkte weiter. Die kroatischen Studenten an 
den Hochschulen von Wien und Pest schwärmten nun von der 
^,illyrischen" Freiheit, von der nationalen Einheit aller südslawischen 
Stämme. Die nationalen Befreiungskämpfe der Deutschen und der 
Italiener, der Polen und der Magyaren wurden ihnen zum Vorbild. Die 
Lehren der entstehenden Slawistik nahmen sie gierig auf. Es war vorerst 
nur eine Bewegung weniger junger Schwärmer. Aber sie gewann bald ge- 
schichtliche Bedeutung. Ljudevit Gaj, der den Kroaten zuerst eine ein- 
heitliche Orthographie schuf, war das Haupt der illyrischen Bewegung; 
der nationalen Einheit der drei „illyrischen" Stämme zustrebend, legte er 
-seiner Orthographie denselben stokawischen Dialekt zugrunde, aus dem 
Vuk Karadzic die serbische Schriftsprache geformt hatte; so gelangten 
Kroaten und Serben zu einer gememsamen Schriftsprache. Und diese 
literarische Bewegung wurde zur geschichtlich wirksamen Kraft, als sich 
•der kroatische Adel ihrer zu bemächtigen begann. 

Nach der französischen Julirevolution von 1830 gewann der Kampf des 
ungarischen Reichstages gegen den Wiener Hof revolutionären Charakter. 
Der reaktionäre kroatische Adel geriet in Gegensatz zur magyarischen 
Reformbewegung. Er widersetzte sich, als der ungarische Reichstag auch 
Kroatien die Gleichberechtigung der Protestanten aufzwingen wollte. Er 
geriet in Wut, als man in Preßburg und Pest die Aufhebung der Hörigkeit 
der Bauern zu fordern begann. Als Ungarn die lateinische Staatsprache 
■durch die magyarische ersetzte, widersetzte sich der Sabor ihrer Ein- 
führung in Kroatien; nun machte er sich die illyrische Kulturbewegung 
zunutze und führte in Kroatien, die kroatische Staatssprache ein. Der 
Wiener Hof, von dem revolutionären Ungarn bedroht, stellte sich an die 
.Seite der Kroaten. Als 1848 die revolutionäre Bewegung Ungarns zur Revo- 
lution ward, unterwarf das kroatische Aufgebot Jellacic' den Habsburgern 
das revolutionäre Ungarn und das revolutionäre Wien, während zugleich 
auch die Serben des Banats der ungarischen Revolution in den Rücken 
fielen. Aber bald lernten die Jugoslawen den „Dank vom Hause Österreich" 
kennen. Wohl löste der triumphierende Absolutismus Kroatien und die 
ungarisch-serbische Wojwodina von Ungarn los, aber nur um sie derselben 
brutalen Gewaltherrschaft zu unterwerfen, der Ungarn unterworfen ward. 
Und nach 1859 und 1866 schloß Habsburg seinen Frieden mit dem 
magyarischen Adel auf Kosten der Südslawen. Die Wojwodina wurde 
wieder an Ungarn ausgeliefert. Dalmatien blieb bei Österreich, der An- 
schluß an Kroatien wurde ihm verwehrt. Kroatien selbst aber wurde der 
Ausgleich von 1868 gewaltsam oktroyiert. Und der Rest der alten staats- 
rechtlichen Selbständigkeit, den er Kroatien ließ, wurde zum bloßen 
Schein. Der Banus wurde von der ungarischen Regierung ernannt. Der 
Landtag ging aus Wahlen hervor, bei denen dank dem engen Zensus- 
wahlrecht die Beamten die Mehrheit der Wähler bildeten; da das Wahl- 
recht öffentlich ausgeübt werden mußte, konnte es kein Beamter wagen, 
gegen die Regierung zu stmimen. So konnte der von der ungarischen Re- 
gierung ernannte Banus den Landtag nach seinem Gutdünken zusammen- 

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setzen. Kroatien ward damit ein magyarisches Paschalik, mit brutalar 
Gewalt und zynischer Korruption regiert. Der doppelte llaB gegen dea 
Wiener Hof, der es nach 1848 verraten, und gegen die magyarische Herrcn- 
klasse. die es seit 18G8 geknechtet hat, erfüllte die Seele des kroatischca 
Volkes. 

In diesem doppelten Haß crwuciisen die Kroaten zu einer modernen 
Nation. Mochte die magyarische Fremdherrschaft das Land noch so sehr 
benachteiligen, so verbreiterte doch auch hier die wirtschaftliche Ent- 
wicklung des 19. Jahrhunderts das städtische Bürgertum. Mochte der Aus- 
gleich von 1868 von der staatsrechtlichen Selbständigkeit des Landes noch' 
so wenig übrig lassen, so sicherte er ihm doch ein nationales Schulwesen 
von der Volksschule bis zur Universität und Akademie. So erstand auch 
hier ein nationales Bürgertum als Träger der nationalen Kultur. Auch int 
politischen Leben trat nach 1868 das Bürgertum allmählich an die Stelle- 
des Adels. 

Aber nicht als der Stamm eines einheitlichen südslawischen Volkes, 
sondern als eine besondere Nation fühlten sich noch die Kroaten. Von der 
illyrischen Einheit hatten die Studenten der dreißiger Jahre geträumt; als 
d^r Adel die Führung der nationalen Bewegung an sich gerissen hatte, war 
nicht mehr das natürliche Recht der „lUyrier ' auf Einheit und Freiheit,., 
sondern das historische Staatsrecht Kroatiens, an dem weder Serben noch 
Slowenen Anteil hatten, die Fahne im Kampf. Die von europäischer 
Aufklärung beeinflußten Studenten mochten die Kluft zwischen 
katholischen Kroaten und orthodoxen Serben nicht für breiter ansehen als 
die Scheidung zwischen evangelischen und katholischen Deutschen; als 
aber die kroatischen Ivleinbürger und Bauern, von ihrem Klerus geführt,. 
in die politische Arena eindrangen, brachten sie ihren Haß gegen die- 
serbischen Schismatiker mit. Die magA^arische Herrschaft beutete den 
Gegensatz aus und verschärfte ihn, indem sie sich auf die geschichtslosen. 
Serben gegen die ihr historisches Recht fordernden Kroaten stützte. 

Noch fremder aber als der Masse der Kroaten war den Slowenen der 
Gedanke der jugoslawischen Einheit. Die Serben hatten sich in revolutio- 
närem Sturm ihren Staat erkämpft. In Kroatien konnte sich die nationale 
Entwicklung an die Überbleibsel einstiger staatlicher Selbständigkeit 
klammern. Die Slowenen hatten keinen Staat, keine Städte, kein Bürger- 
tum. Wohl machte auch hier die österreichische Volksschule im. 19. Jahr- 
hundert eine nationale Literatur möglich, indem sie auch Bauern und 
Kleinbürger lesen lehrte. Aber die Literatur — nicht für Gebildete, sondera 
für Bauern geschrieben — mußte sich der bäuerlichen Mundart be- 
dienen, wenn sie Leser finden wollte. Daran scheiterte trotz der nahen 
Verwandtschaft zwischen Slowenen und Kroaten der Versuch des 
Illyrismus, auch die Slowenen der gemeinsamen kroatisch-serbischen 
Schriftsprache zu gewinnen; aus der krainischen Bauernmundart schufen 
sich die Slowenen ihre eigene Schriftsprache. Es konnte freilich nur eine 
dürftige Literatur sein, die das arme Völkchen hervorbringen konnte; und 
dürftig erschien zunächst auch seine politische Geschichte. Erst die all- 
mähliche Demokratisierung des öffentlichen Lebens ermöglichte es den 
slowenischen Kleinbürgern und Bauern, sich Keimzellen einer nationalen 
Selbstverwaltung zu erstreiten; nach der Erteilung des Wahlrechtes an die 

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Fünfguldenmänner eroberten die slowenischen Kleinbürger 1882 den bis 
dahin noch von der deutschen Bourgeoisie beherrschten Gemeinderat von 
Laibach, die slowenischen Bauern ein Jahr später den bis dahin noch von 
den deutschen Großgrundbesitzern beherrschten krainischen Landtag. Nur 
in furchtbar schwerem Kampfe konnte das kleine Volk die bescheidensten 
Kulturerfordernisse der deutschösterreichischen Bourgeoisie abringen. Sie 
stürzte noch 1893 eine Regierung, über die Zumutung erbost, den Slowenen 
ein paar slowenische Parallelklassen an einem deutschen Gymnasium zu 
bewilligen. 

Aber so gewaltig auch die Hindernisse waren, gegen die sich alle 
Stämme des südslawischen Volkes emporarbeiten mußten, das Ergebnis 
der ganzen Entwicklung im 19. Jahrhundert war doch, daß sich nun 
überall, in Serbien wie in Kroatien, in Dalmatien wie in Slowenien ein 
nationales Bürgertum entwickelt hatte, das die geistige Führung der jugo- 
slawischen Stämme an sich gezogen hatte und mittels der Schule, der 
Presse, der Organisationen auch die kleinbürgerlichen und bäuerlichen 
Volksmassen mit Nationalbewußtsein erfüllte. Diesem Nationalbewußtsein 
mußte der unwürdige Zustand unerträglich werden, dem noch am Anfang 
des 20 .Jahrhunderts das jugoslawische Volk unterworfen war. 

Auch am Anfang des 20. Jahrhunderts lebte noch der bei weitem größere 
Teil des jugoslawischen Volkes unter Fremdherrschaft. In Altserbien und 
Mazedonien herrschten noch die Türken; dort kämpften eben damals 
Bulgaren, Serben, Griechen gegeneinander und gegen die Türkenherrschaft 
in wildem Bandenkrieg. In Bosnien herrschte seit 1878 der militärische 
Absolutismus der Habsburgermonarchie. Kroatien hielt seit 1883 Graf 
Khuen-Hederväry „mit Peitsche und Hafer" in Fesseln. Nur in Serbien und 
in Montenegro genoß das jugoslawische Volk staatliche Selbständigkeit. 
Aber was bedeutete diese Selbständigkeit! Der Fürst des montenegrinischen 
Zwergstaates war ein Stipendiat des Wiener und des Petersburger Hofes. 
In Serbien aber war es noch schlimmer. Die Familienskandale der ent- 
arteten Dynastie der Obrenovic waren zum Schicksal des Landes geworden. 
Das verachtete Geschlecht hatte das Land einem orientalischen Despo- 
tismus unterworfen: Parlamentswahlen, Parlamentsabstimmungen, Richter- 
sprüche wurden vom Hofe kommandiert, Häftlinge in den Gefängnissen 
auf königliches Geheiß ermordet; noch 1898, nach dem Attentat auf Milan 
Obrenovic rettete nur ausländischer Einspruch den oppositionellen Partei- 
führern das Leben. Und dieses Regime, despotisch im Innern, war zudem 
noch knechtisch nach außen. Unter Milan Obrenovic war Serbien zum 
Vasallenstaat Österreich-Ungarns geworden, als Preis für den Schutz ihres 
schamlosen Despotismus im Innern entsagten Milan und Alexander jeder 
Selbständigkeit gegenüber dem mächtigen Nachbarn. Aber indessen lasen 
junge Menschen mit leuchtenden Augen und brennenden Wangen die große 
Geschichte des italienischen Risorgimento. Sie lasen, daß auch Italien einst 
zerstückelt, zerteilt, von Habsburg beherrscht war. Und sie träumten da- 
von, daß Serbien für die Jugoslawen zu leisten berufen sei, was Piemont 
für Italien geleistet hat. Noch war es ohnmächtige Idee, lächerlich fast der 
furchtbaren Wirklichkeit gegenüber. Aber die Idee wurde zur Gewalt. 

Mit dem Jahre 1903 begann die jugoslawische Revolution. Der Aufstand 
in Mazedonien, der Sturz der Dynastie Obrenovic in Serbien und der Sturz 

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Kliui-u-Il» Uli v.uvs in Kroalit^u — da? s-hul die drei Ereignisse, mit denen 
die revolutionäre Umwälzung einsetzte. 

Der blulise Handonkricg, den die bulgarischen, sorbischen und 
griechischen Komitalschi in Mazedonien gegeneinander führten, hatte die 
Türkei schlioBüch gezwungen, den Banden mit eiserner Faust entgegon/u- 
ireten. Mit blutigen Gewalttaten rächte Abdul Hamid die Opfer des Banden- 
krieges. Die Banden, die eben noch im Kampfe gegeneinander gestanden 
waren, vereinigten sich nun gegen die Türken. Und sobald sie sich gegen 
die verhaßten Feudalherren wandten, fanden sie die Unterstützung der 
Bauern. So endete der Bandenkrieg im Jahre 1903 in einer revolutionären 
Erhebung Mazedoniens gegen die Türkenherrschaft. Nun griffen die Groß- 
mächte ein. Rußland, in der Mandschurei beschäftigt, verständigte sich im 
Oktober 1003 in Mürzstcg mit Österreich-Ungarn über ein Reformprogramm 
für Mazedonien. Europäische Gendarmerie stellte die Ruhe im Lande not- 
dürftig wieder her. Aber die Balkanfrage war von neuem aufgerollt. 

In demselben Jahre hatte in Serbien Alexander Obrenovic die Ver- 
fassung aufgehoben und eine neue Verfassung oktroyiert. Dem Staats- 
streich des Königs antwortete die Militärrevolution. Alexander und Draga 
wurden ermordet, Peter Karadjordjevic zum König gewählt. Trotz der 
orientalischen Formen war es eine echte Revolution: der Absolutismus war 
gebrochen, der kleinbürgerlich-bäuerliche Radikalismus erlangte die Herr- 
schaft, eine demokratische Verfassung wurde geschaffen. Preß-, Vereins- 
und Versammlungsfreiheit waren gewonnen. Das neue Regime suchte das 
Land von dem Abhängigkeitsverhältnis zur Habsburgermonarchie zu be- 
freien. xVbcr eben damit geriet es sehr bald in Konflikt mit Österreich- 
Ungarn. 1906 bot die Habsburgermonarchie Serbien die Erneuerung des 
Handelsvertrages nur unter der Bedingung an, daß es q,uf die Ausfuhr von 
Lebendvieh nach Österreich verzichte und sich verpflichte,. Eisenbahn- 
material und Geschütze nur aus Österreich zu beziehen; als Serbien das 
Diktat ablehnte, sperrte die Habsburgermonarchie den serbischen Agrar- 
produkten ihre Grenzen. Der Zollkrieg traf die serbische Bauernschaft 
furchtbar schwer. Und als Serbien in einer Zollunion mit Bulgarien den 
Ausweg aus unerträglicher wirtschaftlicher Hörigkeit zu finden hoffte, er- 
hob Österreich-Ungarn auch dagegen drohend Einspruch. Nun verschärften 
sich die Gegensätze zwischen Serbien und Österreich-Ungarn sehr schnell. 
Aber auch den Jugoslawen in Österreich-Ungarn hatte das Jahr 1903 eine 
Wendung gebracht. Das korrupte Gewaltregime Khuen-Hedervärys in 
Kroatien war schließlich unhaltbar geworden. Zugleich aber hatte der 
Ausbruch des letzten großen Konflikts zwischen der habsburgischen 
Königsgewalt und der magyarischen Grundherrenklasse im jugoslawischen 
Volk neue Hoffnungen erweckt. Der Kampf um die Kommandosprache der 
ungarischen Truppenkörper war zum Entscheidungskampf darum ge- 
worden, ob die Krone oder das ungarische Adelsparlament über die be- 
w-affnete Macht verfügen solle. Am 16. September 1903 erließ Franz Joseph 
den Armeebefehl von Chlopy; er werde sich nie „der Rechte und Befugnisse 
begeben, welche dem Obersten Kriegsherrn verbürgt sind. Gemeinsam und 
einheitlich, wie es ist, soll Mein Heer bleiben". Vergebens versuchte im 
ungarischen Parlament Stephan Tisza den Widerstand der Unab- 
liängigkeitspartei gegen die militärischen Forderungen des Königs zu 

— 8 — 



brechen; die Neuwahlen vom Jahre 1905 brachten den koalierten Unab- 
hängigkeitsparteien die Mehrheit, das Parlament verweigerte Steuern und 
Rekruten, die Komitate hoben die Steuern nicht ein. Da nahm die Krone 
den Kampf auf: im Juni 1905 wurde die „Trabantenregierung" Fejerväry 
gebildet, im Februar 1906 ließ sie das Parlament von einer Kompagnie 
Honvöd auseinanderjagen. Die ganze Verfassung der Habsburgermonarchie 
war ins Wanken geraten. Kroaten und Serben hofften die schwere Reichs- 
krise für ihre Sache ausnützen zu können. Am 2. Oktober 1905 traten Ab- 
geordnete aus Kroatien, Dalmatien und Istrien in Fiume zusammen und 
beschlossen jene berühmte, von dem Dalmatiner Trumbic verfaßte Re- 
solution, die die Grundlinien der neuen jugoslawischen Politik festsetzte. 
„Kroaten und Serben", so hieß es nun, ,,sind durch Blut und Sprache eine 
Nation." Auch diese Nation habe wie jede andere „das Recht, frei und un- 
abhängig über ihre Existenz und ihr Schicksal zu entscheiden". Auf dieser 
Grundlage boten Kroaten und Serben den um die Unabhängigkeit kämpf en- 
den Parteien Ungarns ein Bündnis gegen die „Wiener Kamarilla" an. 

Die Fiumaner Resolution zeigte an, welch tiefe Wandlung sich im 
Denken der Südslawen vollzogen hatte. Daß sich Kroaten und Serben, deren 
Gegensätze die magyarische Herrschaft jahrzehntelang ausgenützt hatte, 
um beide zu beherrschen, für eine Nation erklärten; daß beide sich in der 
schweren Reichskrise nicht wieder, wie 1848, an die Söite Habsburgs 
gegen ihre magyarischen Bedrücker, sondern an die Seite ihrer magyari- 
schen Gegner stellten, zeigte zum ersten Male, daß die Südslawen nur noch 
von der schwersten Erschütterung des Habsburgerreiches ihre nationale 
Befreiung erhofften. In der Tat war ihre Allianz mit dem magyarischen 
Adel, die sie in diesen Tagen schlössen, keineswegs fruchtlos. Zwar schloß 
der magyarische Adel, durch die Drohung der Krone mit dem allgemeinen 
und gleichen Wahlrecht erschreckt, schon im Mai 1906 mit der Krone 
wieder Frieden. Aber die ungarische Koalition, die nun unter der Regierung 
Wekerle zur Macht kam, mußte ihren kroatischen und serbischen Ver- 
bündeten doch ein Zugeständnis machen. Zum ersten Male wurde ein 
kroatischer Sabor ohne Regierungsdruck gewählt. Ungarn konnte Kroatien 
nun nicht mehr durch einen gefügigen Sabor regieren lassen; lebte der 
Gegensatz zwischen Ungarn und Kroatien wieder auf, so mußte er die Ge- 
stalt eines Konflikts zwischen dem Banus und dem Sabor annehmen und 
damit zum Verfassungskonflikt werden. Das geschah in der Tat sehr bald. 
Als die ungarische Regierung im Jahre 1907 die Magyarisierungspolitik 
auf den kroatischen Eisenbahnen wieder aufnehmen wollte, setzte sich der 
Sabor kräftig zur Wehr. Dem Banus Baron Rauch blieb nichts übrig, als 
den Sabor zur Seite zu stoßen und unverhüllt absolutistisch zu regieren. 

Indessen aber hatte die Bewegung schon einen neuen Anstoß gewonnen. 
Nach dem Russisch-Japanischen Kriege hatten sich England und Rußland 
einander genähert. Der gemeinsame Gegensatz gegen die deutsche Schutz- 
herrschaft über die Türkei und die gemeinsame Bedrohung durch die 
Gärung in der mohammedanischen Welt, die in Persien schon 1906 zu re- 
volutionärem Ausbruch geführt hatte, hatte die beiden Mächte einander 
nähergebracht. Tölpelhaft förderte Ährenthal ihre Annäherung durch einen 
Vorstoß auf dem Balkan: die österreichisch-ungarische Konzession für den 
Bau der Sandschakbahn (Jänner 1908) rief nicht nur den Protest Italiens 

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und Serbiens hervor; sie gab auch Rußland den Anlnß, die Vercinbnrung: 
von Mürzslrg für aufgelöst zu erklären. Der alte Gegensalz zwischen 
lUiBland und Österreich-Ungarn lebte nun von neuem auf und gab damit 
Serbien neue Hoffnuiig. Rußland aber verständigte sich im Juni 1ÖÜ8 in 
Rcval mit England: die Entente war geschlossen. Ihre erste Tat war ein 
neues Reformprogramm für Mazedonien, Gegen dieses Programm bäumte 
sich das Nationalgefühl der türkischen Offiziere auf. Am 24. Juli 1908- 
mußte Abdul Hamid vor der revolutionären Armee kapitulieren. Die jung- 
iürkische Revolution fand in Bosnien und der Herzegowina lauten Wider- 
Jiall. 

Österreich-Ungarn selbst hatte einmal in Serbien Iloirnungen auf die 
Erwerbung Bosniens und der Herzegowina erweckt. 18GÜ hatten Andrässy 
imd Källay Serbien die beiden damals noch türkischen Provinzen ver- 
sprochen, um dadurch Serbien vom russischen Einfluß loszulösen und um 
den Gegensatz zwischen Kroatien, das auf diese Provinzen Anspruch 
erhob, und Serbien zu verschärfen. Aber diese Hoffnungen Serbiens waren 
bitter getäuscht worden: der Berliner Kongreß, der 1878 die Unabhängig- 
keit Serbiens anerkannte, ermächtigte zugleich Österreich-Ungarn zur 
Okkupation Bosniens. Damals schon lehnte sich die Volksleidenschaft in 
Serbien wild dagegen auf, daß abermals ein südslawisches Land der 
Fremdherrschaft preisgegeben wurde. Die Habsburgermonarchie regierte 
seither das Land mit den Methoden eines militärischen Absolutismus. Der 
kommandierende General schaltete als Vizekönig im Lande. Fremde 
Beamte — Deutsche, Magyaren, polnische Juden — führten die Ver- 
waltung. Im Lande selbst stützte sich die Monarchie auf den mohamme- 
danischen Adel und hielt sie die feudale türkische Agrarverfassung auf- 
recht. Diese Fremdherrschaft wurde um so unerträglicher, als sich mit 
der wirtschaftlichen Entwicklung und mit der Entwicklung des Schul- 
wesens doch auch in Bosnien ein nationales Bürgertum zu entwickeln be- 
gann, das das Leben Belgrads und Agrams mitlebte. Als selbst in der 
Türkei schon der Absolutismus fiel, wurde er in Bosnien unhaltbar. Nun, 
erinnerte sich Bosnien, daß es völkerrechtlich immer noch tü-'kische Pro- 
vinz war, und drohte mit der Beschickung des türkischen Parlaments 
durch bosnische Abgeordnete. 

So stand die Monarchie 1908 schon im Zollkrieg mit Serbien, in 
schwerem Verfassungskonflikt mit Kroatien, vor gefährlicher Gärung in 
Bosnien; da entschloß sie sich, durch eine Tat, die ihre Kraft beweisen 
sollte, die Südslawen einzuschüchtern. Am 5. Oktober 1908 wurde die- 
Annexion Bosniens proklamiert. Nun lohte der Volkszorn in Serbien wild 
auf. Und Serbien stand diesmal nicht mehr allein. Rußland, England,. 
Frankreich führten seine Sache. Die Jugoslawen begannen in der Entente 
ihren Beschützer gegen Habsburg zu sehen. 

Im Kampfe gegen den magyarischen Adel hatte die Kroni 1905 das- 
allgemeine Wahlrecht für den ungarischen Reichstag gefordert; so hatte sie 
den Nationen Ungarns Hoffnung auf ihre Befreiung von der magyarischen 
Adelsherrschaft erweckt. Jetzt erkaufte die Krone die Zustimmung des 
magyarischen Adels zur Annexion Bosniens mit der Preisgabe der 
ungarischen Nationalitäten. Die Wahlreform Andrässys erhielt im No- 
vember 1908 die Vorsanktion der Krone. Im Mai 1912 warf Stephan 

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Tisza die Revolte der ungarischen Arbeiter nieder und zwang eine Wahl- 
reform durch, die die Rechtlosigkeit der ungarischen Nationen verewigen 
sollte. Damit war wie allen Nationen Ungarns auch den Serben der 
Wojwodina alle Hoffnung auf die Unterstützung der Krone im Kampfe 
gegen die ungarische Adelsherrschaft genommen. 

Noch unmittelbarer und stärker waren die Wirkungen der Annexions- 
krise in Kroatien. Als Österreich-Ungarn seine Truppen drohend an der 
serbischen Grenze zusammenzog; als es durch Kriegsdrohung Serbien. 
demütigte, erkannte es, wie stark das serbisch-kroatische Einheitsgefühl 
nun schon geworden war. Die Sympathien nicht nur der Serben, auch 
eines Teiles der Kroaten in der Monarchie waren nun schon auf Serbiens 
Seite. Da glaubten Wien und Budapest diesem „Hochverrat" mit Richter- 
sprüchen beizukommen. Aber der Agramer Hochverratsprozeß führte nur 
zur furchtbaren Niederlage der Regierung; der Nachweis, daß ihre Beweis- 
urkunden von der k. u. k. Diplomatie fabrizierte Fälschungen waren, fügte 
zum Haß des jugoslawischen Volkes die Verachtung. Die Widerstandskraft 
der Nation erstarkte; vergebens bemühte sich der Banus Tomasic, sieh 
durch offenen Terror eine Mehrheit im Sabor zu schaffen. Da alle Be- 
mühungen mißlangen, wurde am 3. April 1912 die kroatische Verfassung 
suspendiert und unter Cuvaj als „königlichem Kommissär" die nackte Ge- 
waltherrschaft aufgerichtet. 

In demselben Jahre 1912, in dem der Staatsstreich Tiszas in Ungarn 
und das Kommissariat Guvajs in Kroatien den Südslawen alle Hoffnung 
auf demokratische Entwicklung innerhalb der Habsburgermonarchie 
raubten, im Herbst desselben Jahres griff Serbien, mit Bulgarien und 
Griechenland verbündet, die durch den Tripoliskrieg geschwächte Türkei 
an. In ruhmvollen Schlachten schlug das serbische Heer die Türkei und 
befreite die Volksgenossen in Altserbien und Mazedonien vom Joch der 
türkischen Feudalherren. Das war nicht mehr das barbarische Serbien der 
Obrenovic, auf das die Kroaten stolz hinabgesehen. Den Siegern von 
Kumanowo schlug das Herz aller südslawischen Stämme zu. Auch die 
Slowenen wurden nun von der mächtigen Welle des Enthusiasmus tür 
das sieggekrönte Serbien mitgerissen. „Dort, bei Tschataldscha/' sagte 
Krek, ein katholischer Priester, im österreichischen Abgeordnetenhause, 
„kämpft man auch für den letzten slowenischen Bauern des bedrohten 
Kärntner Dorfes." Der Gedanke der nationalen Einheit der Jugoslawen 
drang nun sieghaft vor. „iVls Kroaten und Slowenen bilden wir eine natio- 
nale Einheit", beschlossen am 20. November 1912 90 slowenische und 
kroatische Abgeordnete aller südslawischen Kronländer. Die Habsburger-' 
monarchie aber trat während des ganzen Balkankrieges Serbien abermals 
als Feind entgegen, sie ließ abermals ihre Truppen drohend an der ser- 
bischen Grenze aufmarschieren, sie gab sich abermals der Verachtung 
preis, als sie ihre Agenten jene Lügen über die Verstümmelung des Konsuls 
Prochaska erfinden ließ, die den Kriegsvorwand liefern sollten. So setzte 
sich Habsburg in den furchtbarsten Gegensatz zu dem durch den Krieg 
gewaltig entflammten Nationalgefühl der Jugoslawen. 

Nun sah Habsburg den ganzen slawischen Süden seines Reiches in 
Auflehnung. Es zitterte vor der südslawischen Revolution. Die Furcht 
peitschte es in den Krieg. Längst schon hatte die Militärpartei am Wiener 

— 11 — 



irofe. vor allem ilir ITaupl, der Goiiemlslaltsi'hof Conrad v. Ilötzcndorff, 
iiu dem Kriege gedrängt. Schon 1907 halle er in einer Denkschrift die 
,.Einverlei!)ung Serbiens inklusive des Zentralraums von Nisch" als Ziel 
gestellt; denn „ein selbständiges Serbien ist der konstante Herd jener 
Aspirationen und Macliinationen, welche auf die Abtrennung aller süd- 
slawischen Gebiete abzielen". Während der Annexionskrise liatte er mit 
allen Kräften danach gedrängt, loszuschlagen und Serbien zu annektieren. 
Ährenthal meinte freilich, man müsse zu diesem Zwecke „eine günstige 
« uropäische Konstellation abwarten", und Franz Joseph tröstete den 
Drängenden: „Dieser Krieg wird ohnehin von selber kommen." Aber all- 
mählich gewöhnte man sich an den Gedanken. Hatte Ährenthal noch 
widerstanden, so gab Berchthold nach. Das Attentat von Sarajevo gab den 
orschnton Vorwand. Diesmal war man entschlossen, sich von niemandem 
hindern zu lassen. Das Ultimatum ward so gefaßt, daß der Krieg unver- 
iueidlich wurde. 

Der Mechanismus der Bündnisse erweiterte den Zusammenstoß 
zwischen der Habsburgermonarchie und dem jugoslawischen Volke zum 
Vv'eitkrieg unerhörter Ausdehnung. Aber was immer der Krieg sonst in 
der Welt bedeuten mochte, auf jugoslav/ischem Boden war sein Sinn jedem 
Bauern verständlich: hüben die Deutschen, die Magyaren, die Türken, die 
drei Nationen, die seit Jahrhunderten die südslawischen Bauern unter- 
worfen, in ihre Hörigen verwandelt', das südslawische Volk zerstückelt 
hatten; drüben der serbische Bauer, der eben erst in glänzenden Waffen- 
laten die Volksgenossen in Altserbien von der Fremdherrschalt der 
türkischen Feudalherren befreit hatte und jetzt abermals auszog, die 
Volksgenossen im Habsburgerreich von der Fremdherrschaft der deutschen 
und der magyarischen Grundherren zu befreien. So war der Krieg dem 
jugoslawischen Volke seine nationale und seine soziale Revolution. 

In den Tagen, in denen die große Offensive der Armeen des Feldzeug- 
meisters Potiorek auf serbischem Boden furchtbar zusammenbrach; an 
demselben 7. Dezember 1914, an dem die kaiserliche Armee hinter die Kolu- 
bara zurückgeworfen wurde, erklärte die serbische Regierung ir. der in Nis 
versammelten Skupstina zum erstenmal „die Befreiung und Vereinigung aller 
unserer geknechteten Brüder Serben, Kroaten und Slowenen" für das 
Kriegsziel Serbiens. 

Diese Erklärung mußte unter den Südslawen innerhalb der Habsburger- 
monarchie ihr fcho finden. Auf südslawischem Boden waren Habsburgs 
Heere gegen Serbien aufmarschiert; aber in jedem serbischen Dorfe fürch- 
'teten sie den Verrat. Südslawische Reservisten hatte Habsburg zum Kriege 
gegen Serbien aufgeboten; aber jeder Serbe im kaiserlichen Heere war den 
deutschen und magyarischen Offizieren des Verrates verdächtig. So' arbeitete 
die Kriegsmaschine mit furchtbarer Gewalt: ohne vieles Federlesen ließen die 
Offiziere die griechisch-orthodoxen Popen in Bosnien, in Slawonien, in der 
Woiwodina an den nächsten Baum aufhängen, die Kriegsgerichte fällten 
täglich ihre Todesurteile, alle jugoslawischen Patriotismus verdächtigen 
Politiker, Intellektuellen, Geistlichen, Lehrer wurden aus der Heimat in die 
Internierungslager verschleppt; die Monarchie führte den Krieg gegen die 
eigenen Staatsbürger. Der Haß wuchs in dem mißhandelten Volke. In der 
Monarchie selbst hielt die brutale Gewalt des Kriegsabsolutismus seine 

— 12 - 



stimme nieder. Aber die Emigration konnte sprechen und sie sprach. Schou 
am Anfang des Krieges nahmen in Amerika Versammlungen und Kongresse 
der Auswanderer aus dem slawischen Süden der Monarchie leidenschaftlich 
gegen die Habsburgermonarchie, für Serbien Partei. Und diese Emigration 
fand ihre Führung in einer Gruppe von Politikern aus dem Süden der 
Monarchie, denen es zu Kriegsbeginn gelungen war, in das Ausland zu 
fliehen. Am 1. Mai 1915 konstituierte sich, von Trumbic geleitet, der„Jugo- 
slovenski odbor" in London, der die Propaganda für die Losreißung dei* 
südslawischen Länder von der Monarchie und ihre Vereinigung mit Serbien 
und Montenegro zu. einem unabhängigen Staate organisierte. 

Das serbische Königreich und die jugoslawische , revolutionäre Emi- 
gration hatten sich die Befreiung und Einigung der Südslawen als Ziel 
gesetzt. Aber zwischen den Zielen beider bestand doch wesentliche Ver- 
schiedenheit. Das Ziel der serbischen Regierung war em Großserbien, das 
sich die südslawischen Gebiete der Habsburgermonarchie einverleiben solle. 
Das Ziel der revolutionären Emigration war ein Jugoslawien, in dem die 
Königreiche Serbien und Montenegro ebenso aufgehen sollten wie die süd- 
slawischen Stämme Österreich-Ungarns. Die serbische Regierung dachte 
sich den künftigen Südslawenstaat unter serbischer Hegemonie. Die jugo- 
slawische Emigration lehnte die serbische Hegemonie entschieden ab. 
„Wir sind sieben Millionen, ihr nur vier", hielten die Südslawen aus der 
Monarchie den Serben aus dem Königreich entgegen. Das Selbstbewußtsein 
der alten historischen Nation der Kroaten, die sich dem erst im letzten 
Jahrhundert aus geschichtslosem Dasein aufgestiegenen Serbentum kul- 
turell überlegen fühlt; die alte Stammeseifersucht der Kroaten und 
Slowenen gegen die Serben; der Gegensatz des kroatischen und sloweni- 
schen Katholizismus gegen die serbische Orthodoxie; die demokratische, 
revolutionäre, rationalistische Ideologie der Intelligenz gegenüber der 
historischen Gestaltung des serbischen Staatswesens — all das setzte die 
jugoslawische Emigration in sehr entschiedenen Gegensatz gegen das Groß- 
serbentum der Karadjordjevic. Das Großserbentum stellte sich den künf- 
tigen Staat der Serben, Kroaten und Slowenen als einen Einheitsstaat 
unter serbischer Führung, das Jugoslawentum als eine Föderation, als einen 
Bundesstaat der gleichberechtigten südslawischen Stämme vor. Das Groß- 
serbentum stellte sich Belgrad, das Jugoslawentum Agram oder Sarajevo 
als Hauptstadt des Südslawenstaates vor. Das Großserbentum stellte sich 
ihn als Monarchie unter dem Zepter der Karadjordjevic vor; das Jugo- 
slawentum wollte die Entscheidung über seine Staatsform einer Kon- 
stituante vorbehalten, der sich die Dynastien Serbiens und Montenegros 
ebenso unterwerfen müßten wie die südslawischen Stämme Österreich- 
Ungarns. Das Großserbentum träumte von der Eroberung und Annexion 
der südslawischen Gebiete der Monarchie durch Serbien; das Jugoslawen- 
tum stellte sich vor, daß die südslawischen Gebiete Österreich-Ungarns, 
von der Herrschaft Habsburgs befreit, als selbständiger Staat konstituiert, 
in freiem Vertrag mit Serbien und Montenegro die Bedingungen der Ver- 
einigung vereinbaren werden. Das Jugoslawentum betrachtete auch die 
Bulgaren als einen Stamm des jugoslawischen Volkes; es hoffte, die 
künftige südslawische Föderation werde auch die Bulgaren in sich auf- 
nehmen können. Die Serben dagegen betrachteten die Bulgaren als einen 



13 — 



Krb- und Todfeind ihrer Nation. Die revolutionäre Emigration war zur Adria 
Jiin orientiert; um die durch die Ansprüche Italiens bedrohten slawischen 
händer an der Adria besorgt, maß sie dem Streit der Serben mit den Bulgaren 
um Mazedonien geringe Bedeutung bei. Serbien dagegen, zum Agäischcn 
Meere hin orientiert, hielt hartnäckig an dem Besitz Mazedoniens und Alt- 
serbiens, der mit Slnunon von Blut erkauften Errungenschaft der beiden 
Balkankriege, fest, während ihm die Grenzstreitigkeiten der Kroaten und 
Slowenen mit Italien die entferntere Sorge waren. Der Jugoslovenski odbor 
betrachtete sich als berufenen Repräsentanten der von Österreich-Ungarn 
beherrschten Südslawen, er verlangte für sich, die Verfügung über die aus 
Auswanderern und Kriegsgefangenen gebildeten südslawischen Erciwilligen- 
bataillone, die im Verband der Ententearmeen kämpften; er forderte 
schliei-ilich, daß aus Vertretern der serbischen Regierung und der revo- 
lutionären Emigration noch während des Krieges eine gemeinsame Re- 
gierung gebildet werde, die allein die Gesamtnation zu führen und zu ver- 
treten berechtigt sei; die serbische Regierung lehnte eine solche revo- 
lutionäre Neuerung ab, sie beanspruchte die Befreiung und Einigung der 
südslawischen Stämme als die liistorische Aufgabe der verfassungsmäßigen 
Regierung und Skupstina des Königreiches Serbien. So zog sich durch die 
ganze Geschichte der südslawischen Emigration während des Krieges der 
Gegensatz zwischen Großserbentum und Jugoslawentum, zwischen der 
serbischen Regierung und dem Jugoslovenski odbor, zwischen Pasic und 
Trumbic — ein Gegensatz, wohl dem Gegensatze zwischen Bismarck und 
dem Nationalverein, zwischen Cavour und Mazzini vergleichbar. 

Im Jahre 1915, dem Jahre der großen Siege der Mittelmächte, mußte 
freilich den Massen des südslawischen Volkes in Österreich-Ungarn das 
Kampfziel der revolutionären jugoslawischen Emigration ebenso als eine 
Utopie erscheinen wie das Kampfziel des Großserbentums; ein Ausgang 
des Krieges, durch den die südslawischen Länder von der Habsburger- 
monarchie losgerissen würden, war ihnen unwahrscheinlich. Der Gedanke, 
daß der Krieg, aus dem Kampfe der südslawischen Stämme nach ihrer Be- 
freiung von der Fremdherrsrjiaft, nach ihrer Vereinigung zu einem Staate 
entstanden, die Befreiung und Einigung bringen müsse, hatte die Massen 
mächtig gepackt; erschien es aber unwahrscheinlich, Befreiung und 
Einigung gegen Habsburg zu erringen, so lag der Gedanke nahe, sie mit 
Habsburg, durch Habsburg zu erreichen. So mußte der großserbischen und 
der jugoslawischen Idee eine dritte politische Konzeption entgegentreten: 
der Gedanke einer Vereinigung der südslawischen Länder der Monarchie 
mit Serbien und Montenegro zu einem Staate unter Habsburgs Zepter, 
der zu Österreich und Ungarn als dritter Staat der Monarchie hinzutreten 
sollte. Der Gedanke des Trialismus war nicht neu; am Hofe Franz 
Ferdinands, in den Erörterungen der Militärpartei war er seit 1905 oft 
erwogen worden. Er lag ihr nahe als eine Rechtfertigung einer kriegerischen 
und annexionistischen Balkanpolitik, als ein Mittel, die jugoslawische Ein- 
heitsbewegung, die das Gefüge der Monarchie zu sprengen drohte, in einen 
Anlaß zu ihrer Vergrößerung zu verwandeln, auch als ein Mittel ihrer 
inneren Politik: den Übergang vom Dualismus zum Trialismus hoffte sie 
benützen zu können, um die Reichseinheit zu festigen, der ungarischen 
Staatlichkeit engere Grenzen zu setzen. An diese Pläne der Militärpartei 

- 14 — 



felammerle sich nun die Hoffnung vieler Poltiker in Agram und Laibach. 
Was wir vor allem brauchen, so argumentierten sie, ist die Einigung; ob 
sich die Einigung unter Franz Josef oder unter Peter Karadjordjevic voll- 
zieht, ist weit weniger wichtig. Und die Einigung unter Franz Josef 
•erschien damals nicht nur leichter erreichbar als die Einigung unter Peter, 
sie konnte dem kroatischen und slowenischen Stammespartikularismus 
sogar verlockender erscheinen. Mochte sie auch nicht die volle Freiheit, 
die volle Selbständigkeit bringen, so mußte sie dafür Agram über Belgrad, 
den Kroaten über die Serben, den ICatholiken über die Orthodoxen die 
Hegemonie sichern. So trat dem revolutionären Jugoslawentum wie von der 
■einen Seite her das Großserbentum, so von der anderen das Großkroaten- 
tum entgegen, das die Lösung des nationalen Problems in einem Jugo^ 
•slawien innerhalb der Habsburgermonarchie erhoffte. 

Die Kriegsereignisse des Jahres 1915 stärkten die großkroatische, die 
trialistische Richtu^ng. Am 23. Mai 1915 erklärte Italien der Hubsburger- 
monarchie den Krieg. Kannte man die Einzelheiten des Londoner Ver- 
trages nicht, mit dem die Westmächte die Waffenhilfe Italiens erkauft 
hatten, so wußte man doch, daß er Italien slawisches Land an der Adria 
zusprach. Der Angriff Italiens auf die Monarchie erschien den Südslawen 
als ein Angriff auf südslawisches Land. Am Isonzo verteidigte die kaiser- 
liche Armee slawischen Boden gegen Italiens Eroberungsgier. Die 
Stimmung in den südslawischen Ländern wendete sich der Monarchie zu. 
Am 14. Juni 1915 trat der kroatische Sabor zusammen. Er demonstrierte 
nicht gegen Serbien, nicht gegen Rußland; aber unter stürmischen Rufen 
„Es lebe das kroatische Meer!" demonstrierte er für den Sieg der kaiser- 
lichen Waffen über Italien. „Die Erbitterung gegen Italien ist in unseren 
Ländern ungeheuer und allgemein. Unsere Regimenter schlagen sich am 
Isonzo wie die Löwen", schrieb am 11. Juli 1915 Dr. Trumbic. 

Brachte schon der Angriff Italiens die Südslawen der Monarchie näher, 
so mußte die Eroberung Serbiens durch die Armeen Mackensens im 
Herbst 1915 die Richtung, die die Einigung der Südslawen durch die Mon- 
archie in der Monarchie hoffte, abermals stärken. Nun war der ganze 
■slawische Süden Habsburg unterworfen. Nun schienen alle großserbischen 
Pläne, alle Wünsche der revolutionären Emigration ganz aussichtslos, 
schien dagegen die Einigung aller jugoslawischen Stämme unter Habs- 
burgs Zepter in den Bereich des Möglichen gerückt. 

Aber gerade nun zeigte es sich, welche Hindernisse der großkroatischen 
Lösung des jugoslawischen Problems entgegenständen. Mochte Conrad von 
Hötzendorff auch jetzt für die Annexion Serbiens eintreten, Stephan Tisza 
lehnte sie unbedingt ab. Er wollte Belgrad und die Macva annektieren, 
JSIis und Mazedonien den Bulgaren übergeben, das übrige Serbien aber als 
ohnmächtigen, armen Bauernstaat bestehen lassen. Die magyarische 
Herrenklasse wollte die Annexion Serbiens nicht; sie verstand, daß solche 
Vermehrung der südslawischen Untertanen Habsburgs unvermeidlich den 
Trialismus herbeigeführt und damit Ungarn vom Meere getrennt, Ungarns 
Machtstellung innerhalb des Reiches geschwächt hätte. Selbst ein voll- 
ständiger Sieg der Mittelmächte hätte schwerlich das ganze jugoslawische 
Volk im Rahmen der Monarchie vereinigt. 

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Aber so vollständigen Sieg der Millelmächte ließen die Kriegsereignisse 
dos Jahres 191G höchst unwahrscheinlich erscheinen. Und damit schwand 
jede Hoffnung auf die Vereinigung der drei jugoslawischen Stämme lu 
einem habshurgischen Jugoslawien. Denn mochten Kroaten und Slowcneiv 
die Einheit vor die Freiheit stellend, der Annexion Serbiens durch die 
Monarchie zuzustimmen bereit sein, um nur die ganze Nation in einem 
.'rtaatswosen zu vereinigen, die Serben aus dem Königreich dachten ganz 
anders. Sie wollten um der Einheit willen nicht ihre Freiheit der ver- 
haßten Monarchie opfern; ihnen galt jeder Südslawe, der der Annexion 
Serbiens durch die Monarchie das Wort sprach, als Verräter. Und hinter 
Serbien stand die Entente; sie sicherte Serbien zu, daß sie ohne die 
Wiederherstellung Serbiens so wenig wie ohne die Wiederherstellung 
Belgiens Frieden schließen werde. 

So erschien die Vereinigung der ganzen Nation zu einem Staat un- 
erreichbar. Die Südslawen innerhalb der Monarchie mußten sich vorerst 
ein bescheideneres Ziel setzen: die Voreinigung der in Österreich-Ungarn 
lebenden Südslawen zu einem Staat innerhalb der Ilabsburgcrmonarchie. 
Aber es war offenbar, daß sich die Monarchie selbst zu dieser Lösung 
nicht freiwillig entschließen werde. Südslawisches Land trennt ja sowohl 
Deutschüsterreich als auch Ungarn vom Meer; es war offenbar, daß die 
beiden herrschenden Klassen des Reiches, die deutschösterreichische Bour- 
geoisie und die magyarische Gentry, der Übergabe Sloweniens und 
Kroatiens an einen südslawischen Staat, sei es auch ein Staat im Rahmen 
der Monarchie, stärksten Widerstand entgegensetzen würden, den nur 
mächtiger Druck von außen brechen könnte. Daß die Entente solchen 
Druck üben werde, war die einzige Hoffnung, die den Südslawen blieb. 
In ihrer Note vom 10. Jänner 1917 an den Präsidenten Wilson bezeichnete 
die Entente die Befreiung der Slawen Österreich-Ungarns als eines ihrer 
Kriegsziele; es war offenbar, daß die Entente bei dem Friedensschluß 
eine innere Umgestaltung Österreich-Ungarns zu erzwingen plante, um die 
Vorherrschaft der deutschen Bourgeoisie und der magyarischen Gentry in 
der Monarchie zu brechen und dadurch die Monarchie vom Deutschen 
Reiche zu trennen. Nur solcher Zwang, von der Entente geübt, konnte die 
Slowenen von der deutschen, die Kroaten von der magyarischen Herr- 
schaft befreien, die Vereinigung der südslawischen Gebiete Österreichs^ 
Ungarns und Bosniens zu einem Staat im Rahmen der Habsburger- 
monarchie erzwingen. So mußten die Südslawen ihre ganze Hoffnung auf 
die Entente setzen. Das Großserbentum und das revolutionäre Jugoslawen- 
tum der Emigration standen von Anfang an im Lager der Entente; jetzt 
konnten auch diejenigen kroatischen und slowenischen Parteien, die die 
Lösung noch innerhalb der Monarchie suchten, nur auf den Schutz der 
Entente ihre Hoffnung gründen. 

Der Ausbrach der russischen Revolution im März 1917 und der Ein- 
tritt der Vereinigten Staaten in den Krieg im April 1917 stärkten die süd- 
slawische Einheitsbewegung. Die russische Revolution festigte die Über- 
:^eugung, daß dem Krieg große innere Umvv^älzungen folgen werden. 
Wilsons Propaganda des Selbstbestimmungsrechtes der Völker fand im 
slawischen Süden lauten Widerhall. Habsburg zitterte seit der russischen 
Revolution um seinen Thron. Habsbuj'g begann geheime Friedens- 

— 16 — 



Verhandlungen mit der Entente. Die Südslawen glaubten den Augenblick 
nahe, in dem Österreich-Ungarn den Frieden mit innerer Umgestaltung er- 
kaufen werde. 

Im Mai 1917 trat zum erstenmal seit dem Beginn des Krieges der 
österreichische Reichsrat wieder zusammen. Das Auftreten der süd- 
slawischen Abgeordneten ließ keinen Zweifel mehr oflen, daß ihre Sym- 
pathie auf der Seite der Entente, ihre Hoffnung der Sieg der Entente war. 
Es ließ keinen Zweifel mehr offen, daß sie sich mit keiner Lösung im 
Rahmen der dualistischen Verfassung der Monarchie mehr begnügen 
wollten, daß nichts mehr die Nation befriedigen konnte als der selbst<ändige 
jugoslawische Staat. Aber es ließ doch die Bildung dieses Staates immer 
noch im Verband der Habsburgermonarchie zu. Die Deklaration des 
„Jugoslawischen Klubs", die Korosec am 30. Mai 1917 im Abgeordneten- 
hause verlas, forderte „auf Grund des Nationalitätenprinzips und des 
kroatischen Staatsrechtes die Vereinigung aller Gebiete der Monarchie, in 
denen Slowenen, Kroaten und Serben leben, in ein selbständiges, von jeder 
Herrschaft fremder Nationen freies, auf demokratische Prinzipien ge- 
gründetes Staatswesen unter dem Zepter der Dynastie Habsburg-Loth- 
ringen". Diese „Maideklaration" fand im kroatischen Sabor, in zahllosen 
Kundgebungen slowenischer und kroatischer Organisationen stürmisches 
Echo. Sie erschien nun als das eigentliche Programm der Südslawen in der 
Monarchie. 

Das Großserbentum und das revolutionäre Jugoslawentum der Emigra- 
tion waren durch die geheimen Friedensverhandlungen zwischen der Mon- 
archie und der Entente beunruhigt. Sie fürchteten, daß vorzeitiger 
Friedensschluß Slowenien, Kroatien und Bosnien im Besitz der Monarchie 
belassen werde. Um die Propaganda für die Losreißung der südslawischen 
Länder von der Monarchie zu verstärken, suchten sie sich unteremander 
zu einigen. Im Juli 1917 verhandelte auf Korfu die serbische Regierung 
mit dem Londoner Jugoslovenski Odbor. Am 20. Juli unterschrieben Pasic 
und Trumbic die „Deklaration von Korfu". Die Deklaration war ein Kom- 
promiß zwischen dem Großserbentum und dem revolutionären Jugo- 
slawentum der Emigration. Sie forderte die Vereinigung aller süd- 
slawischen Länder zu einem „Königreich der Serben, Kroaten und 
Slowenen". Das Königreich solle eine „konstitutionelle, demokratische, 
parlamentarisch regierte Monarchie mit der Dynastie Karadiordjevic an der 
Spitze" sein. Ihre Verfassung, die den drei jugoslawischen Stämmen volle 
Gleichberechtigung sichern müsse, sei durch eine „Verfassunggebende 
Skupstina" festzusetzen, deren Beschlüsse aber der Sanktion des Königs 
bedürfen. 

So stand nun der Maideklaration die Deklaration von Korfu gegen- 
über. Beide Programme warben um die Seelen. Je mehr der Verlauf der 
russischen Revolution die Hoffnung stärkte, daß dem Kriege überall ge- 
waltige revolutionäre Umwälzungen folgen werden; je mehr Wilsons Pro- 
paganda die Überzeugung festigte, daß aus dem Kriege eine neue Welt- 
ordnung hervorgehen werde, die jedem Volke sein uneingeschränktes Selbst- 
bestimmungsrecht sichern werde; je mehr sich in Österreich-Ungarn selbst 
die Anzeichen wirtschaftlicher Erschöpfung, militärischer Zersetzung, 
revolutionärer Spannung häuften, desto mehr erstarkte in den von Habsburg 

— 17 — 



beherrschten südslawischen Stämmen die Iloffnune, daß sie sich mit der 
unvoUständigeii Lösung im Sinne der Maidcklaration nicht werden be- 
scheiden müssen, dali sie die vollständige Vereinigung und Befreiung der 
ganzen Nation im Sinne der Deklaration von Korfu werden erreichen 
können. Das Ideal der revolutionären Emigration erschien den Südslawen 
der Monarchie nun nicht mehr, wie 1914 und 1915, als eine Utopie, im 
'Verlauf des Jahres 1917 verschwand allmählich aus den Kundgebungen 
der südslawischen Organisationen für den selbständigen jugoslawischen 
Staat die Einschränkung, daß dieser Staat „unter dem Zepter der Dynastie 
Hal->?burg-Lothringen" leben solle. 

Aber noch hatte das revolutionäre Jugoslawentum nicht die Unter- 
stützung der Westmächte erlangt. Die Westmächte hofften immer noch, 
die Ilabsburgermonarchie zu einem Sonderfrieden zu bewegen. Wohl 
waren die Verhandlungen, die Kaiser Karl im Frühjahr und Sommer 1917 
durch den Prinzen Sixtus von Parma mit Frankreich, geführt hatte, an dem 
Einspruch Italiens gescheitert; waren auch die Verhandlungen mit Frank- 
reich, die Czernin durch den Grafen Revertera im August 1917 anzu- 
knüpfen versuchte, ergebnislos geblieben. Aber Ende 1917 und Anfang 
1918 wurden neue Fäden gesponnen; es war die Zeit der Konferenzen 
Smuts' mit Mensdorff, des Briefwechsels des Kaisers mit Wilson. Die 
Friedenshoffnung bestimmte noch die Stellung der Entente zum süd- 
slawischen Problem. Wilsons 14 Punkte vom 8. .Jänner 1918 forderten für 
Serbien nur die Wiederherstellung und einen Zugang zum Meer, für die 
Südslawen der Monarchie nur „Möglichkeit einer autonomen Ent- 
wicklung"; ebenso verlangte Lloyd-George in einer Erklärung im englischen 
Parlament am 9. Jänner 1918 für die Nationen Österreich-Ungarns nur die 
Autonomie. Da zerriß plötzlich Czernin die Friedensfäden. Eine Rede 
Czernins vom 2. April 1918 provozierte leichtfertig Clemenceau, die ge- 
heimen Verhandlungen von 1917 zu enthüllen. Damit war alle Hoffnung 
auf neue Verhandlungen vereitelt. Die Entente gab den Gedanken an 
Sonderverhandlungen mit Österreich-Ungarn auf. Konnte sie nicht mehr 
hoffen, Österreich-Ungarn von Deutschland loszureißen, so entschloß sie 
sich, das so locker gewordene Gefüge des österreichisch-ungarischen Staats- 
wesens zu sprengen. Die Haltung der Entente gegen die Habsburger- 
monarchie änderte sich nun vollständig. 

Der Londoner Jugoslovenski Odbor verkündete die Wendung den 
Südslawen. Italienische Flieger warfen in Istrien, Slowenien und Kroatien 
eine Proklamation Trumbic' ab, die verkündete: „Die Vorstellung, daß man 
Österreich reorganisieren und von Deutschland trennen könne, ist von 
allen Verbündeten aufgegeben. Alle Verbündeten sind nun überzeugt, daß 
Österreich nach dem Kriege nicht mehr existieren kann. Jetzt können wir 
unsere Freiheit, unsere Vereinigung erreichen." Vollständige Befremng, 
vollständige Einigung schien nun erreichbar. Der Gedanke der Losreißung 
der südslawischen Gebiete von der Monarchie, die revolutionäre Konzeption 
der jugoslawischen Einheit und Freiheit, wie sie die Emigration seit 191^i 
verfochten hatte, gewann nun vollends die Südslawen in der Monarchie. 
Die inner» Entwicklung dieses Gedankens verstärkte seine Anziehungs- 
kraft Seit der russischen Revolution erstarkte innerhalb der jugoslawischen 
Emierration der republikanische Gedanke. Die Idee einer Föderativ- 



- 18 — 



republik der jugoslawischen Stämme miißte Kroaten und Slowenen 
stärker locken als der Gedanke einer Monarchie der Karadjordjevice, in 
■der sie die Hegemonie der Serben zu fürchten hatten. Und der republi- 
kanische Gedanke erschien nun keineswegs aussichtslos. Im Sommer 191S 
zirkulierten in Kroatien und Dalmatien Abschriften eines Briefes Trumbic', 
in dem er versicherte, seit dem Eintritt Amerikas in den Krieg herrsche 
unter den Verbündeten die demokratische Strömung; Wilsons Macht ver- 
bürge, daß sowohl über die Staatsform des jugoslawischen Staates als 
auch über seine Grenzen nach dem Grundsatz des Seibstbestimmungs- 
TBchtes der Völker entschieden werde. Die Hoffnungen, die Wilsons 
Propaganda weckte, bannten so sowohl die Furcht vor der serbischen 
Hegemonie als auch die Furcht vor den italienischen Eroberungsgelüsten. 

Im Sommer 1918 erkannte die Entente die tschechoslowakischen 
Legionen als verbündete' kriegführende Macht, den tschechoslowakischen 
Nationalrat als de facto-Regierung an. Damit hatte sich die Entente tat- 
sächhch schon für die Auflösung der Habsburgermonarchie entschieden. 
Damit stärkte sie die Hoffnung der Jugoslawen auf volle nationale Selb- 
ständigkeit; und diese Hoffnung erstarkte mächtig, als sich seit dem Juli 
das Kriegsglück an der Westfront der Entente zuwendete. Die Monarchie 
aber vermochte den Südslawen auch jetzt noch nichts zu bieten. Man 
diskutierte in der Monarchie das südslawische Problem. Aber die 
magyarische Herrenklasse wollte den Südslawen auch jetzt noch nicht 
mehr bieten als die Vereinigung Dalmatiens mit Kroatien, das unter 
tmgarischer Oberherrschaft bleiben sollte, und die Einverleibung Bosniens 
in das ungarische Königreich mit einem eigenen Banus, einer besonderen, 
•der kroatischen ähnlichen Verfassung. Der deutschösterreichischen 
Bourgeoisie aber erschien es schon als ein fast unerträgliches Opfer, daß 
sie diesem Lösungsversuch zuliebe Dalmatien und Bosnien an Ungarn 
abtreten sollte; die Slowenen glaubte sie mit lokaler Autonomie innerhalb 
der historischen Landesgrenzen abfertigen zu können. Das war alles, was 
die Monarchie dem Volke, dem die Entente volle Einheit und Freiheit 
verhieß, zu bieten vermochte! Die beiden herrschenden Klassen der 
Monarchie blieben unbelehrbar bis zur letzten Stunde. Selbst noch im 
September 1918, als die Niederlage der Mittelmächte schon entschieden 
war, donnerte Stephan Tisza, als Vertrauensmann des Kaisers nach 
Sarajevo entsandt, die Wortführer der bosnischen Kroaten und Serben an: 
„Es ist möglich, daß wir untergehen; aber vorher werden wir noch stark 
genug sein, euch zu zerschmettern." So wendeten sich denn die letzten 
■Getreuen der Monarchie im slawischen Süden von Habsburg ab. Der 
Prozeß der Revolutionierung der Südslawen war vollendet. Der revolu- 
tionäre jugoslawische Einheitsgedanke beherrschte nun die ganze Nation. 

Seit dem Sommer sahen die Jugoslawen Österreich-Ungarns den 
militärischen Zusammenbruch der Mittelmächte nahen. Im Einvernehmen 
mit dem Londoner Jugoslovenski Odbor entwarfen sie ihren Revolutions- 
plan. Zunächst sollten die südslawischen Gebiete der Monarchie zu einem 
unabhängigen Staate zusammengefaßt werden; der sollte dann, mit Serbien 
von Macht zu Macht über die Bedingungen des Zusammenschlusses ver- 
handeln. Schon am 16. August 1918 konstituierte sich in Laibach, aus allen 

— 19 — 2« 



slowenischen Parloien zusammengesetzt, der Narodni svet; offen verkündete 
er als seine Aufgabe, „als ein Teil des allgemeinen jugoslawischen Nalional- 
rates in Agram, der binnen kurzem zusammentreten wird, die Übernahme 
aller Rechte der staatliehen Souveränität vorzubereiten". Die Südslaw^r 
rüsteten zu dem ersehnten Tage der Befreiung. 

§ 2. Die Tschechen und das Reich. 

Liteiatm : 

Bauer, Die Nationahtätenfrage und die Sozialdemokratie. Wien 1907. 

Tobolka, Ceskä politika za svölov^ vdlky. Praha 1922. — Masaryk osvobodilei. 
Praha 1922. — Diplomaticke dokumenty o ceskoslovensköm statu. Pafi2 1918. — 
Papdnek, La Tch^coslovaquie. Prague 1923. 

Steidler, Ceskoslovensk^ hnutf na Rusi. Praha 1921. — Papousek, Zborow. 
Praha 1921. — Cervinka, Cestcu naseho odboje. Praha 1920. — Cervinka, Na§i 
na Sibii-i. Praha 1920. — Kratochvil, Cesta revoluce, Praha 1922. — Gajda, Moje 
pamgti. Vinohrady 1920. — Podwojski, Prawda o tschechoslov.akach. Moskau 
1918 (fussisch). — Logai, Ceskoslovenskö legie v Italii. Praha 1922. 

Urteilsbegründung des k. k. Landwehrdivisionsgerichtes Wien gegen Kramdf, 
Rasfn und Genossen vom 3. Juni 1916. — Anklageschrift des k. k. Militäranwalts 
in Wien gegen Hajek, Dusrk, Soukup und Genossen vom 2. August 1916. 

Die jugoslawische -Revolution hat Habsburg in den Krieg getrieben. Der 
Krieg hat die tschechische Revolution geweckt. Unter den durch den Krieg 
entfesselten national-revolutionären Bewegungen der österreichischen 
Nationen war die Bewegung der Tschechen die mächtigste, die folgen- 
schwerste; sie hat das Schicksal der Habsburgermonarchie entschieden. 

Schon unter den Triebkräften der habsburgischen Außenpolitik, die 
schließlich zum Kriege führten, war die Verschärfung der nationalen 
Kämpfe zwischen den Tschechen und den Deutschen eine der stärksten. 
Seit den neunziger Jahren schon hatten die nationalen Kämpfe innerhalb 
Österreichs, halte vor allem der nationale Kampf zwischen Deutschen und 
Tschechen immer größere Ausdehnung, immer bedrohlichere Gestalt ge- 
wonnen. Das Parlament war seit 1897 durch die nationale Obstruktion ge- 
lähmt, die bürokratische Verwaltung durch die nationalen Gegensätze 
innerhalb des Beamtenkörpers zersetzt, »elbst das Gefüge der Armee zeigte 
sich immer stärker durch die nationalen Kämpfe bedroht. Dieser Auf- 
lösungsprozeß drängte Habsburg zu dem Versuch einer gewaltsamen 
Lösung des österreichischen Problems. Am Hofe Franz Ferdinands wurde 
längst schon ein Plan eines militärischen Staatsstreichs gegen die durch 
die nationalen Kämpfe tatsächlich bereits funktionsunfähig gewordene 
Dezemberverfassung ausgearbeitet. Mit kriegerischer Gewalt nicht nur die 
Jugoslawen niederzuwerfen, sondern auch die durch einen siegreichen 
Krieg gestärkte Kraft des Militarismus zu einem Verfassungsoktroi, zur 
gewaltsamen Einfügung der sich auflehnenden Nationen in ein neu- 
geordnetes Habsburgerreich zu benützen — das war die eigentliche Absicht 
der schon seit 1907 zu dem Kriege drängenden Militärpartei. Die 
nationale Revolution war nicht nur das Ergebnis, sie war auch die Ursache 
des Krieges. Denn die nationale Revolution hat nicht erst 1918, sie hat im 
Grunde schon 1897 begonnen. 

— 20 — 



Die soziale Grundlage dieser nationalen Revolution war das Erwachen 
des Kleinbürgertums, der Bauernschaft und der Arbeiterschaft zu selb- 
ständigem politischem Leben. Nur solange das öffentliche Leben von einer 
kleinen Oberschicht der Völker, von dem Feudaladel und der Groß- 
bourgeoisie beherrscht wurde, blieb das Gefüge des österreichischen 
Staates unerschüttert. In dem Maße, als mit der Demokratisierung des 
öffentlichen Lebens die Volksmassen selbst das staatliche Leben zu be- 
stimmen begannen, wurde der österreichische Staat durch die nationalen 
Kämpfe zersetzt. Es ist kein Zufall, daß gerade in dem im Jahre 1897 ge- 
wählten Parlament, dem ersten L^arlament, da.s wenigstens zum Teil aus 
Wahlen des allgemeinen Stimmrechts hervorgegangen war, die nationale 
Obstruktion ausbrach, der sich der österreichische Pariaro entarism.us seither 
nicht Mn:eder zu entwinden vermochte. Diese Selbstauflösung des öster- 
reichischen Parlamentarismus durch die nationale Obstruktior. war der 
eigentliche Anfang der nationalen Revolution. 

Von 1860 bis 1890 war das politische Leben Österreichs beherrscht 
durch den Gegensatz zwischen der zentralistischen Großbourgeoisie auf 
der einen, dem föderalistischen Keudaladei auf der andpren Seite. Die 
zentralistische Großbourgeoisie war vertreten durch die deutschliberalen 
Parteien. Der föderalistische Feudaladel vereinigte unter seiner Führung 
die deutschen Klerikalen mit den Alttschechen und den Südslawen. Es war 
kein nationaler Gegensatz; denn Deutsche standen hüben wie drüben. 
Deutsch war die liberale Bourgeoisie. Aber deutsch war auch die klerikale 
Gefolgschaft des Feudaladels. Beide Parteien aber waren gut österreichisch. 
Gegenstand des Streites war die Gestaltung der österreichischen Ver- 
fassung, nicht die Existenz des österreichischen Staates. Die deutschliberale 
Bourgeoisie betrachtete sich als die eigentliche Staatspartei; die Verteidigung 
der Einheit des österreichischen Staates gegen die föderalistischen Zer- 
setzungspläne galt ihr als ihre höchste Aufgabe. Nicht minder gut öster- 
reichisch war aber dam-als auch das alttschechische Bürgertum gesinnt, das 
in der Gefolgschaft des Feudaladels für die Föderalisierung des öster- 
reichischen Staates kämpfte. Denn die Auflösung des österreichischen 
Staates hätte ja, solange das Deutsche Reich mächtig war, nichts anderes 
bedeuten können, als daß die alten deutschen Bundesländer vom Riesen- 
gebirge bis zur Adria an das Deutsche Reich gefallen, die tschechischen 
Länder also unter deutsche Herrschaft geraten wären. Aus Furcht davor 
hatten die Tschechen schon 1848 für Österreich, gegen die nationalen 
Revolutionen der Deutschen, der Magyaren, der Italiener Partei ergriffen; 
man müßte Österreich erfinden, wenn es nicht bestünde, schrieb damals 
Palacky. 

Schon in den achtziger Jahren erstarkte aber im deutschen wie im 
tschechischen Lager die Opposition gegen die Führung der Großbourgeoisie 
hier, des Feudaladels dort. Der Feudaladel hatte 1878 bis 1885 die Gefolg- 
schaft der Tschechen mit nationalen Zugeständnissen erkauft; das 
tschechische Schulwesen wurde ausgebaut, tschechische Beamte drangen 
in wachsender Zahl in die Xrnler ein, der Gebrauch der tschechischen 
Sprache im Amt und Gericht wurde ausgedehnt, viele Gemeinde- 
vertretungen gingen aus den Händen des deutschen Großbürgertums in die 
der tschechischen Kleinbürger über. Der deutsche Liberalismus hatte 



— 21 



gehofft, der Ausglcicli von 1SG7 werde der deutschen Bourgetiisie m 
Osterreich die Herrschaft sichern, wie er der magyarischen Genlry in 
Ungarn die Herrschaft gesichert hat; in den achtziger Jahren erkannte das- 
deutsche Bürgertum, daß es seine Vorherrschaft über die slawische 
Bevölkerungsmehrheil nicht zu beliaupten vermochte. Unter dem Eindruck 
dieser Enttäuschung begann in der deutschen .Tugend eine deutsche 
Irredenta zu entstehen, die von Dcutschösterreichs Rettung in das Hohen- 
zollcrnrcich träumte Die Gegnerschaft der deutschen Intelligenz gegen 
das feudal-klerikale Regime verschärfte sich zur. Gegnerschaft gegen den 
österreichischen Staat selbst. Die entstehenden deutschnationalen Parteien 
stellten, im bewußten Gegensatz gegen die schwarzgelben Liberalen, das 
deutsche Volksinleresse dem österreichischen Staatsinteressc entgegen. 
„Wir wollen im Kampfe um die nationalen Rechte der Deutschen keine 
anderen Rücksichten walten lassen als diejenigen, die durch die nationalen 
Interessen selbst gegeben sind"; erklärte nach den Wahlen 1885 das 
Programm der Deutschnationalen Vereinigung. Das Erstarken der deutsch- 
nationalen Bewegung schreckte den Hof; um das deutsche Nationalbewußtsein 
nicht zu reizen, kargte man nunmehr mit nationalen Zugeständnissen an 
die Tschechen. Die Alttschechen stützten immer noch das feudal-klerikale 
Regime; aber sie konnten nicht mehr nationale Zugeständnisse als Preis 
dafür heimbringen. So erstarkte unter den Tschechen der Widerstand gegen 
die alttschechische Politik. Parallel mit der deutschnationalcn Bewegung- 
gegen die liberale Großbourgeoisie entwickelte sich die jungtschechische 
Opposition gegen die alttschechische Gefolgschaft des feudalen Regimes. 
Bei den böhmischen Landtagswahlen von 1889 wurden die Alttschechen 
von den Jungtschechen hinweggefegt. Damit hatte sich das tschechische 
Bürgertum von der feudalen Führung befreit. Der „Eiserne Ring", der die 
föderalistischen Parteien unter der feudalen Führung vereinigt hatte, war 
gesprengt. 

Zugleich erhob sich aber auch die Arbeiterklasse. 1890 hat sie 
den Kampf um das Wahlrecht begonnen. Das erste Ergebnis des Wahl- 
rechtskampfes war die Wahlreform von 1896. Ein neues Parlament, den 
früheren nicht vergleichbar, trat 1897 zusammen. Die Liberalen waren 
von den Deutschnationalen und den Christlichsozialen, die Alttschechen 
von den Jungtschechen verdrängt. Trotzdem versuchte es die Regierung- 
Badeni noch einmal, das alte Regime, die Koalition der föderalistischen 
Parteien unter feudaler Führung, wiederherzustellen. Sie kaufte die 
Jungtschechen mit ihren Sprachenverordnungen, wie 1880 Taaffe die 
Alttschechen mit den Stremayrschen Sprachenverordnungen gekauft hatte. 
Aber Badeni stand anderen Gegnern gegenüber als Taaffe. Die deutsch- 
nationalen Parteien beantworteten die Sprachenverordnungen mit der 
lärmenden, jede parlamentarische Arbeit vereitelnden, die Volksmassen 
aufwühlenden Obstruktion. Als Badeni die Obstruktion gewaltsam nieder- 
werfen wollte, sprengten die Sozialdemokraten das Parlament. Als Thun 
an die Stelle des zerstörten Parlamentarismus den Absolutismus des § 14- 
setzte, erhoben sich die Arbeitermassen. Der Hof kapitulierte. Die Regierung 
Thun, die letzte Regierung der feudal-föderalistischen Rechten, wurde 
entlassen; die Regierung Clary hob 1899 die Sprachenverordnungen auf. 

— 22 — 



jüem slawisch-feudalen Regierungssystem folgte nunmehr das deutsch- 
bürokratische. Die Tschechen hatten eine schwere Niederlage erlitten. 
Aber nun griffen sie zu der Waffe, die die Deutschen mit so großem Erfolg 
gebraucht hatten. Die deutsche Obstruktion wurde von der tschechischen 
abgelöst. Das österreichische Parlament ist ihrer nie mehr ledig geworden. 
Die Periode der nationalen Obstru!ition hat immer breitere Volksmasen 
mit den Leidenschaften des nationalen Kampfes erfüllt, die Nationen ein- 
ander immer tiefer verfeindet, die internationalen Bindungen immer voll- 
ständiger aufgelöst. War der Nationalismus zunächst von der Intelligenz 
und ihrer kleinbürgerlichen Gefolgschaft -getragen, so gelang es ihm mit 
der Verschärfung der nationalen Kämpfe allmählich, auch die anderen 
Klassen der Führung des nationalistischen Bürgertums unterzuordnen. 
Zuerst erlag ihm die Bauernschaft. Deutsche und slav/ische klerikale 
Bauernabgeordnete, bis 1895. im Hohenwart-Klub zu einer Partei vereinigt, 
wurden auseinandergerissen, in die „nationale Gemeinbürgschaft" mit den 
bürgerlichen nationalen Parteien hineingezwungen und damit der Führung 
des nationalistischen Bürgertums untergeordnet. Dann wurde die Beamten- 
schaft in den nationalen Kampf hineingezerrt. Die Landsmannministerien 
und die nationalen Volksräte machten einander jede Beamtcnstclle streitig, 
das individuelle Interesse des einzelnen Beamten an seinem Avancem.ent 

■ wurde an das nationale Interesse im nationalen Machtkampf gebunden, 
die Beamtenschaft begann sich den nationalen Volksräten unterzuordnen. 
Die tschechischen Beamten führten „via facti" die durch die Claryschen 
Sprachenverordnungen aufgehobene innere tschechische Amtssprache 
wieder ein. Die deutschen Richter setzten die durch die Stremayerschen 
Sprachenverordnungen eingeführten Rechte der tschechischen Sprache 
außer Wirksamkeit. Endlich griff der Nationalismus auch auf die Arbeiter- 
schaft über. Solange das tschechische Bürgertum die feudalen Regierungen 
Badeni und Thun gestützt hatte, stand die tschechische Arbeiterschaft im 
heftigsten Kampfe gegen sie; sobald nach 1899 das tschechische Bürgertum 
im heftigsten Kampfe gegen die deutsch-bürokratischen Regierungen stand, 
geriet die tschechische Arbeiterschaft immer stärker unter den Einfluß des 
tschechischen Nationalismus; der tschechische Separatismus sprengte die 
österreichische Internationale. So entAvickelte der fünfzehnjährige Kampf 
des tschechischen Bürgertimis gegen die deutsch-bürokratischen Regie- 
rungen von Clary bis Stürgkh allmählich die Kräfte, die über alle Klassen- 
und Parteigegensätze hinweg die ganze Nation geeint dem österreichischen 
Regierungssystem entgegenstellten. 

Noch einmal wurde diese Entwicklung unterbrochen. Das Kurien- 
parlament hatte durch die nationale Obstruktion alle Wirkensmöglichkeit 
verloren. Die Siege der russischen Revolution von 1905 gaben dem Wahl- 
rechtskampf des österreichischen Proletariats neue Wucht. Der Konflikt 
des Kaisers mit dem ungarischen Adelsparlament hatte 1905 in Ungarn 
zur Einsetzung der Regierung Fejerväry-Kristoffy geführt, die die 
rebellierende magyarische Gentry mit der Drohung, das allgemeine 
Wahlrecht einzuführen, schreckte; um das ungarische Adelsparlament 
einzuschüchtern, gestand der Kaiser in Österreich das allgemeine und 
gleiche Wahlrecht zu. Die demokratische Wahlreform entfesselte mächtige 
Gegenkräfte gegen den Nationalismus. Nach den Wahlen von 1907 

— 23 - 



vereinigle Beck die Vcrtrcler des deutschen, des tsclu'cliischcn und des 
polnischen Bürjiertunis zu einer Knalitionsretrierung. Ein gewalliger Forl- 
schrilt schien errungen. Die bürokralischen Obrigkeilsregierungen waren 
von einer Regierung der Parlainenlsmehrlicil abgelöst An Stelle der 
Feudalherren und der Bürokraten saßen die Prade und Pacäk, die Pctschek 
und Prä§ek. die Vertreter der deutschen und der tschechischen Bürger 
und Bauern, auf der Ministerbank. An die Stelle der nationalen Obstruktion 
war die gemeinsame Regierung des Bürger- und Bauerntums der drei 
führenden Nationen getreten. Die Entwicklung der Demokratie hatte 
seit den achtziger Jahren die nationalen Kräfte geweckt und gestärkt, 
deren Zusammenstoß den alten Obrigkcilsstaat zersetzt hat; die Macht- 
ergreifung der Demokratie schien nun diese nationalen Kräfte zu gemein- 
samem Aufbau eines demokratischen Völkerstaates vereinigen zu sollen. 
Aber gegen die Machtergreifung der bürgerlichen Demokratie ralliierten 
sich sofort die durch die Wahlreform entthronten Mächte. Die großkapita- 
listische Presse schürte den nationalen Kampf. Der Feudaladel intrigierte. 
Der Militarismus führte den entscheidenden Streich. Die Militärpartei haßte 
die Regierung Beck, die die Forderungen des Militarismus gegen Ungarn 
und gegen das österreichische Parlament nicht kräftig genug vertreten habe. 
Die Mililärpartei bereitete die Annexion Bosniens vor und brauchte dazu 
eine „Regierung der starken Hand". Auf Franz Ferdinands Befehl stürzte 
Geßmann die Regierung Beck. Mit Bienerth kehrte das deutsch-büro- 
kratische Regierungssystem, kehrte daher auch die tschechische Obstruktion 
wieder. Der Imperialismus hatte den ersten, den einzigen Versuch der 
Demokratie, mit ihren eigenen Mitteln das durch ihre eigene Entwicklung 
gestellte österreichische Problem zu lösen, vereitelt. Der Imperialismus 
wollte dieses Problem nunmehr mit seinen Mitteln, mit den Mitteln einer 
kriegerischen Außenpolitik lösen und eben dadurch hat er es aus einem 
innerösterreichischen zu einem europäischen Problem erweitert. 

Wenige Wochen nach dem Sturze der Regierung Beck wurde die 
Annexion Bosniens proklamiert. Die Annexionskrise stellte zum erstenmal 
die Habsburgermonarchie unter Deutschlands Schutz den Ententemächten 
gegenüber. Die neue Weltlage begann nun das Verhältnis der Nationen 
zum Staat zu bestimmen. 

Sehr schnell veränderte sich die Stellung des deutschnationalen Bürger- 
tums zum Staat. Die deutschnationalen Parteien waren in den achtziger 
Jahren entstanden im Kampfe gegen die Staatspolitik des Liberalismus, der 
das deutsche Volksinteresse mit dem österreichischen Staatsinteresse 
identifizierte. Sie hatten von 1897 bis 1899 in ihren Kämpfen gegen Badeni 
und Thun dem habsburgischen Staat das großdeutsche Ideal drohend 
entgegengestellt. Jetzt aber, unter dem Druck der neuen Weltlage, kehrten 
sie in Habsburgs Lager zurück. Deutschland stand im W^esten und im 
Osten gewaltigen Feinden gegenüber. Die Gefahr eines Krieges zwischen 
Deutschland und den Ententemächten ward sichtbar. In dem drohenden 
Kriege mußte die Habsburgermonarchie an Deutschlands Seite fechten. 
Nun ward den Deutschnationalen die geschichtliche Bestimmung der 
Habsburgermonarchie klar: ihre Aufgabe war es, die Bajonette von 
vierzig Millionen Slawen, Magyaren Und Romanen unter deutsches 



— 24 -- 



Kommando zu stellen. Nun forderte deutsches nationales Interesse, daß der 
habsburgische Staat möglichst stark, möglichst vollkommen gerüstet sei. 
Die Deutschnationalen wurden schwarzgelb — mit weniger Vorbehalten 
schwarzgelber, als es die Liberalen je gewesen. Sie wetteiferten in patrio- 
tischem Eifer mit den Klerikalen. Sie standen an Habsburgs Seite in den 
Tagen der Annexionskrise und des Balkankrieges. Sie bewilligten in 
begeisterter Stimmung das Wehrgesetz, die Rüstungskredite, das Kriegs- 
leistungsgesetz. 

Aber eben damit änderte sich die Stellung der Tschechen zum öster- 
reichischen Staat in der entgegengesetzten Richtung. Habsburg hatte in 
Österreich das deutsch-bürokratische Regime wiederhergestellt, das die 
Obstruktion der Tschechen, der Slowenen, der Ruthenen mit dem Absolu- 
tismus des § 14 beantwortete. Habsburg hatte in Ungarn mit der magya- 
rischen Herrenklasse seinen Frieden geschlossen, ihr die slawischen 
Nationalitäten wieder ausgeliefert. Habsburg bedrohte Serbien. Habsburg 
rüstete zum Krieg gegen Rußland. Und je feindlicher Habsburg den 
slawischen Mächten gegenüberstand, desto mehr ward es auf Deutsch- 
lands Schutz angewiesen; desto mehr erschien es als ein Vasall der Hohen- 
2ollern. Auch den Tschechen erschien es nun als die geschichtliche Be- 
stimmung der Habsburgermonarchie, die Slawen in Österreich und in 
Ungarn niederzuhalten, um ihre Volkskraft in dem nahenden großen Kriege 
unter Deutschlands Führung, unter deutschem Kommando den Slawen 
Rußlands und den Slawen am Balkan entgegenzuwerfen. Damit mußte 
sich das Verhältnis der Tschechen zur Habsburgermonarchie verändern. Nun 
steigerte sich ihre Gegnerschaft gegen das deutsch-bürokratische Regime 
zur Gegnerschaft gegen den Staat selbst. Diese Entwicklung begann mit der 
Annexion Bosniens, sie wurde beschleunigt durch Habsburgs antislawische 
Politik während des Balkankrieges, sie fand ihren Abschluß, als Habsburg 
mit dem Ultimatum an Serbien den Weltkrieg entfesselte. 

Die habsburgische Eroberung im Jahre 1620 hatte nicht nur den 
böhmischen Staat, sondern auch die tschechische Kultur zerstört. Der 
rebellische tschechische Adel war ausgerottet, das tschechische Bürgertum 
seines evangelischen Glaubens wegen des Landes verwiesen worden. Was 
den Sturnj der blutigen habsburgischen Gegenreformation überlebt hatte, 
erlag den Wirren des Dreißigjährigen Krieges. Von 1620 bis in die ersten 
Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts waren die Tschechen ein Volk höriger 
Bauern, die deutschen Gutsherren fronten, ein Volk ohne Bürgertum, ohne 
städtische Kultur, ohne Literatur, ohne Anteil am staatlichen Leben, nicht 
anders als die Slowenen eine geschichtslose Nation. Erst mit der kapita- 
listischen Entwicklung des 19. Jahrhunderts ward aus dem Schöße des 
tschechischen Bauernvolkes ein neues Bürgertum geboren, ward der 
tschechische Bauer von der Hörigkeit befreit, entstand ein selbstbewußtes 
tschechisches Proletariat. In hartem zähen Kampfe gegen die Herrschaft 
der deutschen Bürokratie, gegen die ökonomische Übermacht der deutschen 
Bourgeoisie, gegen die überlegene Anziehungskraft der deutschen Kultur 
stiegen die Tschechen im Verlauf eines Jahrhunderts zu neuem nationalen 
Leben auf. Aber in ihren Anfängen, noch um 1848, erschien diese Bewegung 
schier hoffnungslos. Die Sudetenländer bildeten damals noch einen Bestand- 
teil des Deutschen Bundes; innerhalb des Deutschen Bundes standen drei, 

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höchstens vier Millionen Tschechen 40 Millionen Deutschen gegenüber. Ii> 
den tschechischen Ländern selbst waren damals ein paar hundert Intellek- 
tuelle, auf eine schwache Klcinbürgerscliicht gcstülzt, die Träger der 
nationalen Bewegung-, der Bauer hatte an ihr noch keinen Anteil, Bour- 
geoisie und Bürokratie, Kapital und Industrie, Gemeindevertretungen und 
Schulen waren damals auch in Böhmen überall noch deutsch. Auf ihre 
eigene Kraft angewiesen, erschien die junge tschechische Bewegung sich 
selbst' aussichtslos; so mußte sie Selbstvertrauen in dem Gedanken suchen, 
daß hinter dem kloinen tschechischen Volke die große hundcrtmillid^en- 
köpfige slawische Basse stehe. Schon diese Zeit des Erwachens des tschechi- 
schen Volkes versenkte in seine Seele die Hoffnung auf die Gemein- 
schaft der slawischen Völker; seit Kolärs „Slävy dcera", der ersten großen. 
Dichtung des wiedererwachenden Volkes, weckte und stärkte die tsche- 
chische Kunst in den nachfolgenden Generationen den romantischen 
Enthusiasmus für die Einheit der slawischen Basse. In dieser Überlieferung 
waren die tschechischen Soldaten erzogen, die nun einrücken mußten, um 
gegen Serben und Bussen, gegen die „slawischen Brüder" zu kämpfen. 

Die Ilabsburgermonarchie war entstanden, als Ferdinand I. die König- 
reiche Böhmen und Ungarn mit den deutschen Erbländern vereinigte. Der 
Absolutismus hat 1620, 1749, 1849 die staatliche Selbständigkeit Böhmens 
vernichtet. Als auf den Schlachtfeldern von Magenta und Solferino der 
Absolutismus zusammenbrach, forderten die Tschechen so gut w^ie die 
Magyaren die Wiederherstellung ihrer staatlichen Selbständigkeit. 1865, 
als Habsburg zum Kriege gegen Preußen rüstete, glaubten sie sich dem Ziele 
nahe; Belcredi sistierte die zentralistische Verfassung. Preußens Sieg ent- 
schied gegen sie: der Ausgleich von 1867 sollte sie der Herrschaft der 
deutschösterreichischen Bourgeoisie unterwerfen, wie er die Slawen in 
Ungarn der Herrschaft der magyarischen Gentry unterwarf. Als Beust 1869 
den Revanchekrieg an Frankreichs Seite gegen Preußen vorbereitete, 
wandte sich der Kaiser abermals den Tschechen zu; die Regierung Hohen- 
wart wollte 1870 den böhmischen Staat wiederherstellen. Aber nach dem 
Ausgleich von 1867 war die Macht des magyarischen Adels, nach den 
deutschen Siegen in Frankreich die Furcht des Kaisers vor deutschem 
Irredentismus in Böhmen zu stark, als daß dieser Plan hätte gelingen 
können. Hohenwart fiel, die deutsch-zentralistische Verfassung hatte 
gesiegt. In der langen Friedensperiode, die nun folgte, hatten die Tschechen 
keine Hoffnung mehr, ihren Staat wiederherstellen zu können; 1878 gaben 
sie den passiven Widerstand gegen die zentralistische Verfassung auf, sie 
traten in das Parlament ein, sie begnügten sich mit der „Brosamenpolitik", 
mit Eroberungen innerhalb der zentralistischen Verfassung. Aber in der 
jVation lebte die Hoffnung fort, neue europäische Umwälzungen würden ihr 
dereinst die Möglichkeit bieten, den Kampf um die Wiederherstellung ihres 
Staates von neuem aufzunehmen. Nach jeder ihrer großen Niederlagen, nach 
1867, nach 1871, nach 1890, nach 1899, nach 1908 träumte die Nation davon,, 
es werde „der unvermeidliche Weltkampf des Germanentums mit dem Slawen- 
tum kommen", der der Nation ihren Staat wiedergeben werde. So hatte es 
Palacky selbst noch 1871 geschrieben; seit der Annexionskrise von 1908, 
seitdem 1913 der deutsche Beichskanzler selber von dem drohenden Kampf 
zwischen Germnientum und Slaw^entum gesprochen hatte, waren diese 

— 26 - 



Gedanken zu neuem Leben erwacht. Als sich 1914 die russischen Heeres- 
massen der deutschen Grenze zuwälzten, schien die Stunde, von der die 
Nation so lange geträumt hatte, gekommen. Und nun mußten tschechische 
Soldaten kämpfen und sterben für die Sache des Germanentums gegen das 
Slawentum ! 

So mußte sich das durch die ganze Geschichte der Nation bestimmte 
Fühlen der Massen gegen den Krieg auflehnen. Die tschechischen Soldaten 
mußten es als furchtbarste Leibeigenschaft empfinden, daß Habsburg sie 
zwang, für eine Sache zu kämpfen und zu sterben, die ihnen nicht die 
Sache ihres Volkes, sondern die Sache der Feinde ihres Volkes war. Das 
Gefühl der Nation mußte sich gegen Habsburg aufbäumen. ,,Wir müssen 
die Befreiung vom Habsburgerjoch anstreben," schrieb Bohdan Pavlü, 
„um für die Zukunft den ungeheuren Seelenqualen des Zwanges, an der 
Seite unserer Gegner kämpfen zu müssen, zu entgehen." 

Aber nicht nur das Gefühl, nüchterne politische Erwägung selbst mußte 
die Tschechen gegen Österreich stellen. Die Tschechen hatten es nicht ver- 
gessen, daß Königgrätz und Sedan ihre Niederlage in ihrem Kampf um das 
böhmische Staatsrecht entschieden hatten. Siegten im Weltkrieg die Mittel- 
mächte, so wurde Deutschland zur Vormacht Europas; die Vorherrschaft 
des Deutschen Reiches in Europa mußte die Machtstellung der Deutschen 
innerhalb der Habsburgermonarchie gewaltig stärken. Siegte dagegen die 
Entente, dann war die Wiederherstellung des tschechischen Staates gewiß. 
Zwar mochten am Anfang des Krieges nur wenige Tschechen die voll- 
ständige Zertrümmerung des Habsburgerreiches für möglich, für wünschens- 
wert halten. Aber wenn die Entente siegte, dann war es offenbar ihr 
Interesse, die Vorherrschaft des deutschen Bürgertums und des magyari- 
schen Adels in der Monarchie zu zertrümmern und eine Umbildung der 
Monarchie, die der slawischen Bevölkerungsmehrheit die Führung sicherte, 
zu erzwingen, um Österreich für immer von Deutschland zu trennen. So 
konnte das tschechische Volk nur von einer Niederlage der Mittelmächte 
Freiheit und Macht erwarten. 

An der Front standen die tschechischen Soldaten. Die Maschinerie des 
Militarismus hielt sie in Zucht. Und im Gefecht vergaßen auch sie alle 
Politik: wer auf uns schießt, ist unser Feind. Aber freilich, jene höchste 
Kraftanspannung, jene volle Selbstaufopferung, die nur der Enthusiasmus 
des Kampfes um die eigene Sache verleiht, sie durfte man von den tschechi- 
schen Regimentern nicht erwarten. Brach der Feind in ihre Linien ein, 
kam es zum Kampfe Mann gegen Mann, dann streckten sie die Hände hoch; 
sie waren nicht gewillt, für eine ihnen fremde, ihnen feindliche Sache 
zu sterben. 

Die Heimat aber verstummte. Sie konnte sich nicht offen auflehnen. 
Aber gegen alle Begeisterung, alle Opferwilligkeit für den Krieg stritten 
nicht nur alle ihre Gefühle, stritt auch alle politische Erwägung. „Nichts 
unternehmen, was als eine Billigung des Krieges aussehen könnte", war 
Kramärs Parole; nur diese Haltung konnte der Nation im Augenblick 
des Friedensschlusses den Schutz der Entente sichern. 

Indessen hatten die russischen Heere Österreich geschlagen. Die Russen 
standen am Dunajec, in den Karpathen hart vor den Toren des tschechischen 
und slowakischen Siedlungsgebiets. Ein Manifest Nikolaj Nikolajewitsch', des 

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russisphon Oberkommandieronden, vprsprach dnn Tschechen die staatliche 
^Selbständigkeit Der Ischechisohß Nationalrat in Hußland bot einem 
russischen Großfürsten die böhmische Krone an. Die Nation horchte auf. 
Der Traum vom national-^n Staat schien zum ersten Male wieder in den 
15 reich des Möglichen zu treten. 

Die politischen Führer blieben stumm. Der Kriegsabsolulismus hatte 
ihnen den Mund geschlos.sen. Aber die kleinen Leute im Volke wußten ihr 
\ olles Herz nicht vv, vvahren. Die tschechischen Soldaten sangen: 

Weti", roles Tüchlein, dreh' dich ringsum. 
Wir ziehu gegen die Bussen und wissen nicht wurum. 
Und im Hmterlande drückte einer dem andern das Manifest des 
russischen Großfürsten in die Hand. Da begannen die i^fenker ihr Werk. In 
den ersten Kriegsmonaten wurden in Mähren allem 500 Hochverratsprozesse 
eingeleitet. Todesurteile wurden gefällt und vollzogen. 

Der Durchbruch von Gorlice machte den tschechischen Hoffnungen ein 
Ende. Die russischen Heere fluteten zurück. Habsburg triumphierte. Das 
Selbstbewußtsein des österreichischen Militarismus war mächtig gewachsen. 
Er hatte in den bösesten Stunden tschechische Regimenter wankend, das 
tschechische Hinterland unzuverlässig gesehen. Jetzt beschloß er, den 
fehlenden Patriotismus zu erzwingen. Die Führer des tschechischen Bürger- 
tums wurden verhaftet und von den Militärgerichten nicht wegen Hand- 
lungen, sondern wegen Gesinnungen zum Tode verurteilt. Täglich sprachen 
die Militärgerichte ihre Bluturteile gegen tschechische Soldaten, Arbeiter, 
Lehrer, Frauen, die ein unvorsichtiges Wort der Kritik gebraucht, ein Flug- 
blatt aufbewahrt hatten oder einem russischen Gefangenen allzu freundlich 
begegnet waren. Die Organisation der Sokoln wurde aufgelöst. Den 
tschechischen Zeitungen schickte die Polizei patriotische Artikel ins Haus, 
die sie veröffentlichen mußten. Ein Konfiskationskrieg gegen tschechische 
Bücher aus der Vorkriegszeit, gegpn Denkmäler der tschechischen Ge- 
schichte begann. 

Die deutsche Bourgeoisie sah den nationalen Gegner von der eisernen 
Faust der Militärgewalt niedergeworfen. Jetzt glaubte sip ihre Stunde ge- 
kommen. Sie formulierte ihre ^.Belange". Sie forderte einen Staatsstreich, 
durch den die deutsche Staatssprache und die „Sonderstellung" Galiziens 
oktroyiert, den Deutschen im Abgeordnetenhause die Mehrheit gesichert 
werden sollte. 

Es war sehr ernst Bei Luck war der letzte Rest der Selbständigkeit 
Österreich-Ungarns zusammengebrochen." Die ganze Ostfront wurde unter 
deutsches Kommando gestellt. „Mitteleuropa", die Eingliederung Österreich- 
Ungarns in einen von Deutschland geführten Staatenbund bereitete sich 
vor. Sollte Österreich in dem deutschen „Mitteleuropa" aufgehen, so mußte 
man die deutsche Vorh«^rrscha!( inn'^rhalb Österreichs sichern. 

Nun war es anschaulich geworden, was der Sieg der Mittelmächte 
bedeuten sollte: die Herrschaft des deutschen Imperialismus, der durch die 
Deutschösterreicher und die Magyaren die slawischen Völker der Monarchie 
gewaltsam niederhalten wird. Und für dieses Ziel sollten tschechische 
Soldaten bluten, sterben! 

Die Ära der Verfolgungen und Staatsstreichpläne hatte zwiefache Wirkun- 
gen. Die Führer der politischen Parteien trieben sie dem „Opportunismus" 

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in die Arme. Sie demonstrierten österreichischen Patriotismus, um den 
Druck der Militärgewalt zu mildern, das Schlimmste abzuwenden. Die Volks- 
massen aber verstanden diese Diplomatie der nationalen Führer nicht. In' 
den Volksmassen sammelten sich nur Haß und Trotz gegen das Reich und 
die Dynastie. Und diese Volksstimraung erfaßte immer stärker auch die 
Soldaten an der Front. Immer häufiger liefen ganze Bataillone zum Feinde 
über. 

Da durchkreuzte mit einem Male die russische Märzrevolution alle 
Oktroipläne. Nun war es klar: Der Krieg muß die Revolution zeugen^ die 
die geknechteten Völker befreit. Die Vereinigten Staaten traten in den Krieg 
ein. Im Westen verkündete Wilson wie im Osten die Revolution das Selbst- 
bestimmungsrecht der Völker als Ziel des Krieges. Hüben die Blutjustiz, der 
Absolutismus, die „Belange", „Mitteleuropa"; drüben die Verheißung der 
staatlichen Selbständigkeit jeder Nation! Mit seinem ganzen Fühlen, mit all 
seinen Hoffnungen erwartete nun das ganze tschechische Volk von der 
Niederlage der Mittelmächte seine Befreiung. 

Die russische Revolution hat den österreichischen Kriegsabsolutismus 
gesprengt. Im Mai 1917 wurde das Parlament einberufen. Nun war offene 
Sprache möglich. Die tschechischen Abgeordneten aller Parteien begrüßten 
das Parlament am 30. Mai mit einer Erklärung, die die Aufrichtung eines 
tschechischen Staates forderte. Freilich, noch forderte sie den tschechi- 
schen Staat im Rahmen der Habsburgermonarchie. Noch ließ der Opportu- 
nismus der nationalen Führer Habsburg die Möglichkeit einer Versöhnung 
mit dem tschechischen Volke hoffen. Und Habsburg klammerte sich jetzt an 
diese Hoffnung. Seit der russischen Revolution zitterte Habsburg um seinen 
Thron. Kaiser Karl suchte den Frieden mit den Westmächten. Durch seinen 
Schwager, den Prinzen Sixtus von Parma, verhandelte er mit Frankreich. 
Aber wie „Mitteleuropa" die deutsche Vorherrschaft in Österreich voraus- 
gesetzt hätte, so setzte eine Verständigung mit der Entente die Versöhnung 
mit den slawischen Nationen der Monarchie voraus. Der Kaiser wünschte 
der Versöhnung den Weg zu bahnen. Im Juni erteilte er den tschechischen 
„Hochverrätern" Amnestie. Nun tobten die Deutschnationalen. Haben nicht 
deutsche Truppenkörper infolge des Versagens tschechischer Nachbar- 
bataillone schwere Verluste erlitten? Wohin sollte e^ kommen, wenn der 
Verrat von der Strafe freiblieb? 

Aber waren die Deutschen erbittert, so waren die Tschechen nicht be- 
friedigt. Davon, daß die Parma zwischen Wien und Paris Fäden spannen; 
davon, daß Habsburg den Abfall von Deutschland, die Wendung zur 
Entente erwog; daß solche Wendung auch die Machtverhältnisse innerhalb 
der Monarchie umwälzen sollte — von alledem ahnte-n die tschechischen 
Volksmassen nichts. Sie beherrschte der aus den blutigen Verfolgungen der 
beiden ersten Kriegsjahre erwachsene Haß. Sie revolutionierte die große 
Botschaft der russischen Revolution. Ihre Hoffnungen schwellte die Pro- 
paganda des „Rechtes der kleinen Nationen" im Westen. Der Zusammen- 
bruch des Kriegsabsolutismus war ihnen nur ein Anzeichen der Schwäche 
des verhaßten Feindes. Die neue Ära gab ihnen die Möglichkeit, endlich 
offen zu bekennen, was sie unter dem Druck des Absolutismus hatten im 
Herzen verschließen müssen. Die Volksmassen lehnten sich gegen die 
opportunistische Führung der tschechischen Parteien auf. Im Herbst 1917 

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'.vurde die opportunistisolie Führung der Jun,c;tsclicchcn, der National- 
sozialen und der Sozia Idoniukraton gestürzt und durch eine national- 
revolutionäre ersetzt. Die neue, aus der Massenstimmung dos revolutionierten 
Volkes erwachsene Tendenz fand ihren Ausdruck in der „Deklaration" des 
„Gcnerallandtages" aller tschechischen Abgeordneten vom 6. Jänner 1918. 
In dieser Deklaration wurde bereits der vollkommen selbständige tsche- 
ohische Staat gefordert; der noch in der Deklaration vom 30. Mai 1917 ent- 
lialfene. Zusatz, daß der tschechische Staat unter der Dynastie Ilabsburg 
Itben solle, wurde hier gestrichen. Damit erst halte sich die offizielle 
tschechische Politik in der Heimat auf den Boden der nationalen Revolution 
gestellt. Die Aktion der Tschechen im Heimatland stellte sich damit unter 
die Führung der revolutionären tschechischen Emigration. 

Schon seit dem Beginn des Krieges ging durch die tschechischen 
Kolonien im Ausland eine starke Bewegung. Schon in den ersten Kriegs- 
tagen hatten die tschechischen Kolonien in Rußland, Frankreich, England, 
der Schweiz und Amerika gegen den Krieg protestiert, einen „nationalen 
Staat mit einem slawischen König" gefordert, zur Bildung von Freiwilligen- 
formationen, die in den Ententearmeen gegen Habsburg kämpfen sollten, 
aufgefordert. Aber größere Bedeutung erlangte diese Bewegung doch erst, 
als die Heimat ihr den Führer und die Kämpfer schickte: den Führer in 
-der Person Masaryks; die Kämpfer in den Massen, der tschechischen Kriegs- 
gefangenen, die in den Gefangenenlagern Rußlands und Sibiriens, Serbiens 
und Italiens die revolutionäre Propaganda der tschechischen Auslands- 
kolonien erfaßte. 

Im Dezember 1914 begab sich Professor Masaryk in das Ausland. Er hatte 
fin Leben lang gegen die traditioneile tschechische Romantik, gegen die 
Vorurteile der Nation gekämpft: gegen den Aberglauben an die Echtheit 
aev Königinhofer Handschrift, gegen den romantischen Historismus des 
böhmischen Staatsrechtes, gegen die antisemitische Pogromhetze, gegen 
den naiven Glauben an die allslawische Geistesgemeinschaft. Er trat auch 
in der Emigration der traditionellen Romantik entgegen. Dem Ideal der 
Wiederherstellung der Krone des heiligen ^Yenzel stellte er da? Ideal einer 
dem.okratischen tschechoslowakischen Republik, der Hoffnung auf den 
russischen Zarismus die Hoffnung auf die Demokratie des Westens ent- 
gegen. Nur dadurch gewann er die Arbeiter, die die überwiegende Mehrheit 
der tschechischen Emigration bildeten, für die nationale Bewegung. Nur 
dadurch konnte er sie auch nach den russischen Niederlagen im Jahre 1915 
aufrechterhalten. Nur dadurch konnte sie aus der russischen Revolution 
von 1917 neue Kraft schöpfen. Zugleich aber sicherte seine Persönlichkeit 
der Bewegung die Sympathien der Intelligenz des Westens und Beziehungen 
zu den Regierungen der Ententemächte. 

Nachdem Masaryk im Herbst 191-4 in das Ausland gekommen war, ging 
er zunächst daran, die tschechischen Kolonien im Ausland zu organisieren. 
Es gelang ihni, sie zusammenzufassen, ihnen in dem im Mai 1916 konsti- 
tuierten „Nationalrat" in Paris, dessen führende Männer Masaryk, Benes 
und Stefanik waren, ein einheitliches leitendes Organ zu schaffen, inner- 
halb ihrer die Einflüsse der von der russischen Regierung unterstützten 
zarophilen Strömung zurückzudrängen und aus den eigenen Kräften der 
tschechischen Auslandskolonien die Mittel für eine großzügige Propaganda 

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zugunsten eines selbständigen tschechoslowakischen Staates zu gewinnen. 
Zugleich wurde dafür gesorgt, daß die revolutionäre tschechische Emi- 
gration in enger Verbindung mit der Heimat blieb. Schon im Herbst 1914; 
hatte sich in Prag eine geheime Vereinigung revolutionärer Politiker, die 
später sogenannte „Maffie" gebildet, die die Verbindung mit der revolutionären 
Emigration aufrechterhielt Sie empfing auf illegalen Wegen von Masaryk 
Informationen und Weisungen und schickte ihm Berichte über die Heimat. 
Indessen hatte die Bewegung der Emigration bis zum Jahre 1917 doch nur 
den Charakter einer großen Propagandaaktion. Zu realer Macht wurde die 
tschechische Emigration erst, als es ihr gelang, an einer Stelle in der Welt, 
■der "die Kriegsereignisse zeitweilig besondere Bedeutung gaben, ein Heer 
in ihren Dienst zu stellen. 

Schon im Herbst 1914 hatte die zarische Regierung aus in Rußland 
ansässigen Tschechen eine tschechische ,, Druschina" gebildet, die im 
Verband des russischen Heeres kämpfte. Aber die Druschina zählte kaum 
mehr als 1000 Mann. Erst nachdem die russische Märzrevolution die 
tschechischen Kriegsgefangenen in den Lagern Rußlands und Sibiriens mit 
revolutionärer Kampflust erfüllt hatte, erst als mit dem Zarat auch die 
zarophile Führung der tschechischen Emigration in Rußland, deren reaktio- 
näre Ideologie die demokratisch denkenden Kriegsgefangenen abstieß, 
gestürzt, Masaryk selbst nach Rußland gekommen war und dort die 
Emigration reorganisiert hatte, erst dann erlangte die militärische Bewe- 
gung der Tschechen in Rußland größere Ausdehnung. Nun gelang es, binnen 
wenigen Monaten ein tschechisches Heer von 42.000 Mann in der Ulcraine 
zu formen. Seine erste Division kämpfte im Juni 191^. bei Zborow gegen 
die Österreicher. Als sich aber im Herbst 1917 die große russische Armee 
aufzulösen begann, bewahrte sich das tschechische Korps mitten in dieser 
allgemeinen Auflösung sein Gefüge, seine Disziplin. Die russische Armee 
wurde durch die soziale Revolution aufgelöst; dem tschechischen Korps 
gab die Idee der nationalen Revolution stärksten Halt. Im Winter 1917/18, 
in den Wochen von Brest-Litowsk war das tschechische Korps die einzige 
•geordnete, disziplinierte militärische Kraft auf dem ganzen weiten Boden 
Rußlands. Als die deutschen und österreichisch-ungarischen Truppen nach 
dem Sonderfrieden mit der ukrainischen Rada in die Ukraine einbrachen, 
zog sich das tschechoslowakische Korps kämpfend nach Osten zurück. 
Schulter an Schulter mit den bolschewikischen Rotgardisten schlug es bei 
Bachmatsch und Kiew seine Nachhutgefechte gegen die Deutschen. Als 
•dann aber auch die Sowjetregierung mit den Mittelmächten Frieden schloß, 
als sie sich verpflichtete, auf russischem Boden keine fremden bewaffneten 
Formationen zu dulden, vereinbarten die Vertreter des Pariser Nationalrates 
mit der Sowjetregierung, daß die tschechischen Soldaten ihre Waffen den 
Sowjets abliefern und als ,, freie Bürger" in geschlossenen Transporten 
über Sibirien nach Wladiwostok gebracht werden sollten; dort wollten sie 
sich nach Frankreich einschiffen, um auf französischem Boden den Krieg 
gegen die Mittelmächte weiterzuführen. 

Aber dieser Plan konnte nicht durchgeführt werden. Die Zerrüttung 
der russischen Eisenbahnen machte den Transport der tschechischen 
Legionen zu einer unlösbaren Aufgabe. Wochen-, ja monatelang standen 

— 31 -' 



die tschechischen Transporte auf den einzelnen Eisenbahnstationen. Im 
Mai hatten erst drei Regimenter Wladiwostok erreicht. Vier Regimenter 
standen noch, auf verschiedene Transporte verteilt, in Westsibirien und 
Transbaikalien auf dem weiten Raum zwischen Tscheljabinsk und Tschita. 
Drei Regimenter aber harrten des Transports noch im europäischen 
Rußland, im Raum von Pensa. 

Während des monatelangen Wartens aber hatte sich eine immer größere 
Spannung zwischen den tschechischen Bataillonen, die auf den Eisenbahn- 
stationen müßig des Transports harrten, und den lokalen Sowjets, die in 
den benachbarten Städten herrschten, entwickelt. Die Russen sahen die 
tschechischen Legionäre mit großem Mißtrauen. Schon daß sie sich 
militärische Ordnung und Disziplin bewahrt hatten und unter dem 
Kommando ihrer Offiziere geblieben waren, ließ sie damals als Konter- 
revolutionäre erscheinen. Und daß sie. nachdem sich das russische Volk 
für den Frieden um jeden Preis erhoben hatte, den Krieg weitcrführen,^ 
ihn als Verbündete des der Sowjetrepublik feindlichen französischen 
Imperialismus weiterführen wollten, machte sie zu Feinden der Proletarier- 
rcvolution. Anderseits betrachteten die tschechischen Legionäre die 
russischen Kommunisten als Verräter. Sie hatten ja das slawische Rußland 
von der Entente losgerissen, hatten mit Deutschland Frieden geschlossen, 
hatten dadurch die Hoffnung auf die Niederwerfung der Mittelmächte, von 
der allein sie für die kleinen slawischen Nationen die Befreiung, für sich 
selbst die Möglichkeit ungefährdeter Heimkehr erhofften, erschüttert. Mit 
diesem politischen Gegensatz vermengten sich nationale Gegensätze. Die 
Bolschcwiki hatten in Sibirien aus deutschen, deutschösterreichischen und 
magyarischen Kriegsgefangenen die „internationalistischen" Bataillone 
formiert, die damals in weiten Teilen Sibiriens ihre stärkste, oft ihre 
einzige bewaffnete Macht bildeten. Im Gegensatz zwischen den „Internatio- 
nalisten" und den tschechischen Legionären lebten die nationalen Gegensätze 
der Heimat in neuer Verkleidung auf. Die Bolschewik! suchten, stellenweise 
nicht ohne Erfolg, ihre Agitation auch in die tschechischen Bataillone zu 
tragen; der Abwehrkampf der tschechischen Offiziere gegen die,=^e Agitation, 
die- die nationale Armee zu sprengen drohte, verschärfte die Gegensätze. 
Das Mißtrauen beider Parteien gegeneinander wuchs. Die Bolschewiki 
fürchteten, daß sich die Tschechen mit der russischen Konterrevolution 
verbünden könnten; waren doch schon am Don im Verband der weißen 
Truppen des Generals Alexejew tschechische Abteilungen aufgetaucht. Die 
Tschechen wieder fürchteten, daß die Sowjetregierung sie den Mittel- 
mächten, den österreichischen Henkern ausliefern werde. Je schroffer die 
Gegensätze wurden, desto hartnäckiger verweigerten die Tschechen die 
vereinbarte Ablieferung ihrer Waffen an die Sowjets. So trieben die Gegen- 
sätze einer Krise zu. 

Im April hatte Japan in Wladiwostok Truppen auf das Land gesetzt. 
In Transbaikalien hatten sich die konterrevolutionären Banden Semenows 
weiter Gebiete bemächtigt. Die konterrevolutionäre Intervention der 
Entente im fernen Osten hatte begonnen. Nun entschloß sich die Sowjet- 
regierung, den. weiteren Transport der tschechischen Legionen gegen 
Wladiwostok ni^ht mehr zuzulassen; sie wollte nicht selbst der Konter- 
/evolution ein schlagkräftiges Heer zuführen. Die Sowjetregicrung verein- 

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harte mit dem Vertreter des Pariser „Nationalrats" in Moskau, daß die 
noch im europäischen Rußland und in Westsibirien stehenden tschechischen 
Regimenter nicht über Wladiwostok, sondern über Archangelsk nach 
Frankreich gebracht werden sollten. Die Regimenter, die monatelang 
unter unsäglichen Schwierigkeiten einen Teil des Weges nach Osten zurück- 
gelegt hatten, sollten jetzt plötzlich umkehren, den Weg nach Westen 
nehmen. Die Legionen lehnten sich gegen diesen Befehl auf. Sie fühlten 
sich stark. Rußland hatte keine Armee. Die schwachen Roten Garden, in 
Sibirien zumeist aus den deutschen und magyarischen Kriegsgefangenen 
zusammengesetzt, zu überrennen, erschien nicht schwer. In den tschechi- 
schen Legionen erstarkte der Gedanke, sich gewaltsam der Herrschaft über 
die sibirische Bahn zu bemächtigen, um sich den Transport nach Wladi- 
wostok zu erzwingen. 

Die Spannung führte schon am 14. Mai zu gewaltsamem Zusammenstoß. 
Auf dem Bahnhof von Tscheljabinsk hatten die Tschechen einen 
magyarischen Kriegsgefangenen erschlagen. Als darum der Sowjet von 
Tscheljabinsk die tschechische Wache verhaften ließ, drangen die Tschechen 
in die Stadt ein, sie bedrohten den Sowjet, sie entwaffneten einen Teil 
der Roten Garde. Zwei Tage später traten in Tscheljabinsk die Delegierten 
der Legionen zu einem Kongreß zusammen. Sie beschlossen, die Fahrt 
über Archangelsk abzulehnen und sich „aus eigener Ordnung" den Weg 
nach Wladiwostok zu bahnen. Nun entschloß sich die Sowjetregierung zu 
entschiedenster Abwehr. Am 23. Mai befahl das Kriegskommissariat „alle 
tschechischen Transporte zu entwaffnen und aufzulösen und aus ihnen 
Teile der Roten Armee oder Arbeitsabteilungen zu bilden". Am 25. Mai 
befahl Trotzki: „Jeder Tschechoslowake, der mit der Waffe in der Hand 
an der Bahn betreten wird, ist auf der Stelle zu erschießen. Jede Abteilung, 
in der auch nur ein bewaffneter tschechoslowakischer Soldat gefunden wird, 
ist in einem Gefangenenlager zu internieren. Allen Eisenbahnern ist 
bekanntzugeben, daß sich kein Waggon mit Tschechoslowaken mehr nach 
Osten bewegen darf." 

An demselben Tage, an dem Trotzki diesen Befehl erließ, schlugen die 
Tschechen in Westsibirien los. Sie bemächtigen sich der Eisenbahn- 
stationen, drangen in die Städte ein, überwältigten und entwaffneten die 
schwachen roten Besatzungen, verhafteten die Mitglieder der Sowjets. 
Binnen wenigen Tagen war die ganze sibirische Bahn von Tscheljabinsk 
bis zum Bajkal in den Händen der Tschechen. 

Nun erhoben sich auch die noch im europäischen Rußland stehenden 
Regimenter. Am 29. Mai nahmen sie Pensa. Von dort erzwangen sie sich 
den Transport nach Osten. Bei Lipjag schlugen sie rote Streitkräfte, die 
sich ihnen entgegen warfen; so fiel Samara in ihre Hand. Hier, an der 
Wolga, bildete sich eine neue Front. Es waren in der ersten Zeit auf beiden 
Seiten der Front Österreicher, die den rieuen Krieg führten: hüben Deutsche 
und Magyaren unter roter Flagge, drüben die Tschechen. Am 6. Juni wurde 
die Verbindung zwischen Samara und Tscheljabinsk hergestellt; von der 
Wolga bis zum Bajkal war nun die Eisenbahn in den Händen der Legionen. 

In diesem ganzen Gebiet hatten die Tschechen die Sowjets gestürzt. 
Unter dem Schutze der tschechischen Bajonette bildeten sich die „demo- 

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kratischen" Regierungen von Samara und Omsk, die im Namen der von 
den Bolschewiki auseinandergejagten Konstituante die Herrschaft über- 
nahmen. Es waren die rechten Sozialisten-Revolutionäre und die Kadetten, 
die das Erbe der Sowjets antraten. Die Tschechen verband mit diesen 
Parteien der Glaube an die Demokratie und die Gegnerschaft gegen den 
Frieden von Brest-Litowsk. Sie glaubten, durch ihren bewaffneten Schutz 
das große slawische Rußland wiederherzustellen, den Frieden von Brest- 
Litowsk zu vernichten, die Ostfront gegen die Mittelmächte wieder 
aufzubauen. Von der Fahrt nach Wladiwostok war nun keine Rede mehr. 
Nun galt es, die tschechischen Regimenter an der neuen Front an der 
Wolga zu konzentrieren, damit sie die Front halten, bis die russische 
Demokratie in ihrem Rücken eine neue nationale Armee aufstellt. 

Der Maiaufstand der tschechischen Legionen war ein Ereignis von ge- 
schichtlicher Bedeutung. Seine Wirkung war konterrevolutionär gegen das 
proletarische Rußland, revolutionär gegen das feudale Österreich-Ungarn. 
Der zwieschlächtige Charakter jeder bürgerlichen Revolution, die, revo- 
lutionär gegen das feudale Regime, zugleich konterrevolutionär wird gegen 
das Proletariat, erweist sich mit größter Anschaulichkeit an der nationalen 
Revolution der Tschechen. 

Die russische Revolution geriet infolge des Aufstandes der Tschechen in 
die schwerste Gefahr. Das Wolgagebiet, der Ural und ganz Sibirien wurden 
von der Sowjetrepublik losgerissen. Rußland verlor die Verfügung über die 
Getreidespeicher Sibiriens und über die Bergwerke des Ural, über die 
Verkehrsstraßen zum Kaukasus und nach Turkestan. Die Sowjetrepublik 
wurde dadurch in die schwerste Nahrungsmittel- und Rohstoffkrise ge- 
stürzt. Zugleich mußte die Sowjetregierung eine neue Armee aufstellen, 
einen neuen Krieg führen, um sich an der Wolga des Ansturms der sich 
unter dem Schutz der tschechischen Legionen sammelnden Konterrevolution 
zu erwehren. Zunächst war es die kleinbürgerliche Demokratie, der die 
Tschechen die Herrschaft in den von der Sowjetrepublik losgerissenen 
Gebieten übergeben hatten. Aber die Demokratie, nur von fremden Truppen 
eingesetzt, geriet in dem Maße, als sie hinter der tschechischen Front ein 
neues russisches Heer aufzustellen versuchte, unter die Kontrolle des 
konterrevolutionären russischen Offizierskorps; und sobald dieses Offiziers- 
korps, auf die neugebildete Armee gestützt, hinreichend erstarkt war, 
stürzte es die demokratischen Regierungen und erhob den Zarenadmiral 
Koltschak zum Diktator des von den Tschechen „befreiten" Gebietes. Der 
zerstörende Bürgerkrieg zwischen der weißen und der roten Diktatur war 
das schließliche Ergebnis des tschechischen Aufstandes. 

Aber so sehr der tschechische Aufstand Rußland gegenüber konter- 
revolutionär gewirkt hat, so sehr hat er Österreich-Ungarn gegenüber 
revolutionär gewirkt. Denn nun war die Stellung des tschechischen Volkes 
in der Welt mit einem Male vollständig verändert. Der Pariser tschechische 
Nationalrat war nun keine bloße Propagandagesellschaft mehr. Er war mit 
einem Male zu einer kriegführenden Macht geworden, die an einer für den 
Ktiegsverlauf überaus wichtig gewordenen Stelle über ein Heer verfügte. 

Der Friede von Brest-Litowsk hatte die Sowjetrepublik verpflichtet, die 
Millionen deutscher, österreichisch-ungarischer, türkischer Kriegs- 
gefangener, die in Sibirien gefangengehalten wurden, den Mittelmächten 

— 34 — 



zu übergeben. Das bedeutete viele neue Armeen gegen die Entente I Der 
Friede von Brest-Litowsk gab den Mittelmächten die Möglichkeit, über 
Rußland die Lebensmittel und Rohstoffe Asiens zu beziehen. Das bedeutete 
den Durchbruch der Blockade! Es war eine Lebensfrage für die Entente, 
die Sowjetrepublik von Sibirien zu trennen. Das haben die tschechischen 
Legionen besorgt. Ihre Erhebung riegelte Sibirien gegen Rußland ab, sie ver- 
eitelte den Transport der Kriegsgefangenen und die Zufuhr von Lebens- 
mitteln und Rohstoffen aus Sibirien nach Deutschland; sie sicherte der 
Entente die Verfügung über die sibirische Bahn. Mit Recht sagte Guinet, der 
französische Kommissär bei den tschechischen Legionen, der tschechische 
Aufstand bedeute nichts weniger als die „Wiederherstellung der Ostfront 
gegen Deutschland". Waren es auch kaum 50.000 Mann, die diese neue 
Front hielten: in dem Rußland von damals, in dem die Zarenarmee nicht 
mehr und die Rote Armee noch nicht existierte, waren 50.000 Mann eine 
gewaltige Macht, ihre Wolgafront trennte den Ural, Sibirien, Turkestan 
völlig vom europäischen Rußland, ihre Bajonette hielten die ganze sibirische 
Bahn im Bann. Und diese 50.000 Mann folgten den Beschlüssen des Pariser 
Nationalrates, der nunmehr als Verbündeter der Ententemächte auftreten, 
von Macht zu Macht mit ihnen verhandeln konnte. 

Das Selbstbewußtsein der tschechischen Nation- wurde durch diese Ereig- 
nisse mächtig gestärkt. Zum ersten Male wieder seit dreihundert Jahren gab 
es ein selbständiges tschechisches Heer. Zum ersten Male seit der Nieder- 
lage am Weißen Berg hatte die Nation selbständig in das Weltgeschehen 
eingreifen können. Der Gedanke des selbständigen tschechischen Heeres 
gewann nun wachsende Kraft. Auch an der französischen und italienischen 
Front kämpften schon tschechische Freiwilligenfcrmationen; die an der 
italienischen Front kämpfende Legion wuchs im Sommer 1918, unter dem 
mächtigen Eindruck der Ereignise an der Wolga, durch starken Zuzug aus 
den Gefangenenlagern zur Stärke Von 17.000 Mann an. Immer häufiger 
drangen zu den tschechischen Soldaten in die österreichischen Schützen- 
gräben tschechische Patrouillen in italienischer Uniform ein, um sie aufzu- 
fordern, zu ihnen überzugehen, mit ihnen für die Befreiung des tschechi- 
schen Volkes zu kämpfen. Und wenn die tschechischen Legionäre, ge- 
fangengenommen und als Überläufer zum Tode verurteilt, erhobenen 
Hauptes zum Galgen schritten, galten sie auch den tschechischen Soldaten 
in der kaiserlichen Uniform als Märtyrer der nationalen Idee. 

In den tschechischen Ländern selbst nahm die nationale Bewegung nun 
unzweideutig revolutionären Charakter an. Am 13. Juli wurde in Prag der 
„Närodnl Vybor" gebildet. Er trat mit einer Erklärung ins Leben, die kaum 
noch einen Zweifel offen ließ, daß er sich als Keimzelle der künftigen 
Revolutionsregierung betrachtete. In der Tat ging er unverzüglich daran, 
die Pläne für die Übernahme der Staatsgewalt in den tschechischen 
Ländern auszuarbeiten. 

Aber der Maiaufstand des tschechischen Heeres an der Wolga und in 
Sibirien hat nicht nur die Revolutionierung des Bewußtseins der 
tschechischen Volksmassen vollendet, er hat zugleich auch das Ver- 
hältnis der Entente zu der tschechischen Revolution vollständig umgewälzt. 

Noch im Jahre 1917 war die Zerstörung Österreich-Ungarns keineswegs 
ein Kriegsziel der Entente. In den durch den Prinzen Sixtus von Parma 

— 35 — a» 



• 
vcriiiiltellcn Fricdensverhandlunjicn zwisclien dem Wiener Itofe und der 
französischen Regierung im Frühjahr 1917, in dem Friedensangebot, das 
im August 1917 der französische Generalstabsoberst Graf Armand dem 
von Czernin bevoHmächtigten österreichischen Diplomaten Grafen 
Revertera übermittelte, in Wilsons ,.1-i Punkten" vom Jänner 1918 war 
von der Aufrichtung eines souveränen tschechischen Staates nicht die 
Rede. Erst nachdem alle Versuche, zum Frieden zu gelangen, gescheitert 
waren und Czernins Rede vom 2. April 1918 ihre Fortführung unmöglich 
gemacht hatte, gewann zunächst in Paris die Neigung Oberhand, Öster- 
reich-Ungarn zu zerschlagen, um auf diese Weise Deutschland den Bundes- 
genossen, der von ihm nicht mehr loszulösen schien, zu entziehen. Als nun 
wenige Wochen später der Maiaufstand des tschechischen Heeres in 
Rußland den tschechischen Nationalrat in Prag plötzlich zu einer krieg- 
führenden Macht erhoben, seine Autorität gegenüber der Entente mächtig 
gestärkt hatte, konnten Masaryk und Benes diese veränderte Stimmung 
ausnützen, um der tschechischen Revolution die förmliche Anerkennung 
durch die Entente zu erringen. 

Schon am 4. Juni, unter dem unmittelbaren Eindruck des Mai- 
aufstandes, teilten die Ententeregierungen der Sowjetregierung mit, daß 
sie die tschechoslowakischen Verbände als eine verbündete kriegführende 
Macht ansehen, ihre Entwaffnung als eine feindliche Handlung betrachten 
würden. Am 29. Juni erkannte die französische Regierung das Recht des 
tschechischen Volkes auf Selbständigkeit und den Pariser Nationalrat als 
das oberste Organ des tschechischen Volkes an. Am 1. Juli schloß sich die 
englische Regierung dieser Erklärung an; am 9. August erkannte England, 
an demselben Tage Japan das tschechische Heer als eine verbündete 
Kriegsmacht an. Am 2. August hatten die Vereinigten Staaten eine ähn- 
liche Erklärung abgegeben; in ihr wurde der Pariser Nationalrat als 
de facto-Regierung anerkannt. Endlich teilte am 3. Oktober, nachdem sich 
die tschechische Legion an der italienischen Front im Kampfe am Doss' 
Alto ausgezeichnet hatte, auch Orlando mit, daß auch Italien den Pariser 
Nationalrat als de facto-Regierung anerkannt habe. So hatte das selbständige 
Auftreten des tschechischen Heeres reiche Frucht getragen: nachdem die 
Tschechen an der Wolga ihre Waffen in den Dienst der Entente gestellt 
hatten, erkannte die Entente die Tschechen als verbündete kriegführende 
Macht an; damit wurde die Aufrichtung des tschechoslowakischen Staates, 
wurde also auch die Zerstörung des österreichisch-ungarischen Reiches 
zum Kriegsziel der Entente. 

Und dieses Ziel rückte in greifbare Nähe, als im August das deutsche 
Heer in Frankreich geschlagen ward. Solange Deutschland stark war, galt 
für die Tschechen immer noch Palackys Wort: daß man Österreich erfinden 
müßte, wenn es nicht bestünde; konnte also nur der tschechische Staat 
innerhalb des habsburgischen Reiches ihr Ziel sein. Sobald Deutschland 
geschlagen war, sobald nicht mehr die Gefahr bestand, daß nach der 
Auflösung des Habsburgerreiches auch die Sudetenländcr an Deutschland 
fallen könnten, hatte das tschechische Volk an der Existenz des habs- 
burgischen Reiches kein Interesse mehr. Nun dachte es an das andere Wort 
Palackys: „Wir waren vor Österreich und wir werden nach Österreich 
sein." Das tschechische Volk kümmerte sich nicht mehr um das groteske, 

— 36 - 



in iragikomischen Widerspruch zur historischen Wirklichkeit geratene Spiel 
der österreichischen PoUtilc, die, um die seit der Enthüllung der Parma- 
intrigen von 1917 gegen den Kaiser erbitterten Deutschnationalen zu 
versöhnen, noch unmittelbar vor der Katastrophe einen „deutschen Kurs" 
in Österreich proklamierte, noch im August, als die deutsche Macht an der 
Westfront schon zusammengebrochen war, durch die Teilung der 
böhmischen Landesverwaltungskommission in nationale Sektionen 
deutsche „Belange" zu oktroyieren versuchte. Der Närodni Vybor arbeitete 
die Pläne für die Übernahme der Staatsgewalt in den tschechischen Ländern 
aus. Das tschechische Volk harrte der unabwendbaren Kapitulation der 
Habsburgermonarchie. 

Dreihundert Jahre vorher hatte der tschechische Adel die nationale 
Adelsrepublik vor dem Angriff des habsburgischen Absolutismus zu retten 
versucht. Er war den Heeren des deutschen Kaisers erlegen. Mit zwei 
Jahrhunderten der Knechtschaft, der Geschichtslosigkeit hatte die Nation 
■diese Niederlage bezahlt. Aber die Entwicklung des Kapitalismus und der 
Demokratie im 19. Jahrhundert hatte die tschechischen Volksmassen 
geweckt. Ihr Aufstieg hatte sie in immer heftigeren Gegensatz, hatte sie 
schließlich zum offenen Zusammenstoß mit dem habsburgischen Imperia- 
lismus geführt. Als das deutsche Kaisertum zusammenbrach, konnte die 
tschechische Volksmasse die nationale Republik wiederherstellen, die 
dreihundert Jahre vorher der tschechische Adel verspielt hatte. 

§ 3. Die Polen und die Mittelmächte. 

Liieiatui: ' 

Feldman, Geschichte der politischen Ideen in Polen. München 1917. — 
Bernhard, Die Polenfrage. Leipzig 1910. — Rosa Luxemburg, Die industrielle 
Entwicklung Polens. Leipzig 1898. 

Wskrzeszenie Panstwa Polskiego. Krakow 1920. — Rosner^ W krytycznej 
chwili. Wiederi 1916. — Moraczewski, Zarys sprawy polskie] w obecnej wojnie. 
Lausanne 1915. — Daszyiiski, Cztery lata wojny. Krakow 1918. — Anonymus, 
Jözef Pilsudski. Warszawa 1918. 

Czernin, Im Weltkriege. Berlin 1919. — Glaise-Horstenau, Die Zeit der Friedens- 
schlüsse im Osten. „Der österreichisch-ungarische Krieg." Leipzig 1922. 

Als der Krieg begann, jubelte ein großer Teil des polnischen Volkes in 
Galizien den kaiserlichen Armeen zu, die gegen Rußland aufmarschierten, 
und zu Tausenden meldeten sich polnische Studenten, Intellektuelle, Ar- 
beiter, um als Kriegsfreiwillige in den polnischen Legionen gegen Rußland 
zu kämpfen. Standen Südslawen und Tschechen gegen Habsburg, so schien 
hier doch eines der slawischen Völker des Reiches zu Habsburg zu stehen; 
-auf Habsburgs Sieg seine Hoffnung zu setzen. Als der Krieg zu Ende ging, 
standen die Polen nicht anders als Jugoslawen und Tschechen mit allen 
ihren Wünschen und Hoffnungen auf der Seite der Entente, erwarteten 
auch sie von Habsburgs Fall ihre Befreiung. Auch diese große Wandlung, 
-die sich im Verlauf des Krieges innerhalb des galizischen Polentums voll- 
•Eogen hat, stellt ein wichtiges Kapitel der Geschichte der österreichischen 
Revolution dar. 

— 37 — 



In der Slurmzcit der großen Französischen RcvoliiÜDn war die polnische 
AdelsrepuMik untergciiangcn. In den Aufständen von 1794, 1830, 1S16, 
18G3 hatte die polnisclie Schlachta vergebens die verlorene stadtliche Selb- 
ständigkeit wiederzuerobern versucht. Die furchtbare Niederlage des Auf- 
slandcs von 1863 brach die revolutionäre Energie des polnischen Adels. Der 
Sturz Napoleons III. im Jahre 1870 raubte ihm alle Hoffnung, daß die 
polnische Frage von außen her wieder aufgerollt werden werde. Nicht 
mehr die Wiedereroberung der nationalen Staatlichkeit, sondern nur noch 
die Rettung des nationalen Seins war nun die Aufgabe, „organische Arbeit" 
statt revolutionärer Romantik die Parole des Tages. Schon 1846 hatte die 
österreichische Regierung die galizischen Bauern gegen die rebellierenden 
Edelleute aufgeboten. 1864 hatte die russische Regierung das Herrenland 
auf die Bauern verteilt, um sich auf die Bauern gegen die revolutionäre 
Schlachta zu stützen. Ebenso glaubte Bismarck, den „loyalen" polnischen , 
Bauern gegen die rebellische Schlachta ausspielen zu können. Der Adel sah 
seine Klassoninteressen bedroht, wenn die Regierungen die Bauern gegen 
den Edelmann schützten. So suchte der Adel die Versöhnung mit den Re- 
gierungen der drei Kaisermächte. „Dreifache Loyalität" war nun die 
Losung, die die Krakauer Stanczyken dem Adel der drei Teile Polens gaben. 

In Galizien trug diese Politik reiche Früchte. Nach dem Ausgleich von 
1867 schlössen der Kaiser und die deutsche Bourgeoisie ihren Frieden mit 
dem polnischen Adel. Die Schlachta wurde im Reichsrat und in den De- 
legationen zur sicheren Stütze jeder österreichischen Regierung. Dafür 
aber wurde Galizien ihr völlig ausgeliefert. Hier erstand die polnische 
Adelsrepublik wieder. Polnisch waren Verwaltung und Schule. Und die 
polnische Schlachta herrschte unbeschränkt über den polnischen und den 
rutlaenischen Bauern. Anders im russischen und im preußischen Ant^eil. 
Dort blieben alle Bemühungen der Schlachta, die Gnade der Herrschenden 
zu erlangen, fruchtlos. Mochte der Adel im Königreich Polen dem Zaren 
huldigen, mochte das Kolo polskie im deutschen Reichstag mit seinen 
Stimmen die Bewilligung von Militär- und Flotte nvorlagea entscheiden: 
dem polnischen Volke blieb dennoch die nationale Schule, blieben den- 
noch alle Elemente nationaler Selbstverwaltung versagt. Die preußische 
Regierung hatte schon 1832 die deutsche Amtssprache in Posen einge- 
führt, 1833 die Landratswahkn in Posen suspendiert, im Jahre 1836 die 
Woyts beseitigt, an die Stelle der gewählten Dorfvorsteher ernannte 
Distriktskommissäre gesetzt, und diese Zertrümmerung aller Selbst- 
verwaltung hatten die Polen mit ihrem Austritt aus dem Staatsdienst be- 
antwortet. 1873 führte Preußen dann die deutsche Unterrichtssprache in 
den Volksschulen ein, 1886 begann die Ansiedlungskommission, polnische 
Güter aufzukaufen und auf ihnen deutsche Bauern anzusiedeln. So standen 
die Polen in Posen und Westpreußen nach völliger Zerstörung ihrer Selbst- 
verwaltung unter der Herrschaft einer fremden Bürokratie, die ihnen 
mittels der deutschen Schule die Seelen ihrer Kinder, mittels der Ansiedlungs- 
politik ihren Boden zu entreißen suchte. Nicht anders erging es nach 1863 
den Polen im russischen Anteil. Seit 1863 war alle Selbstverwaltung zer- 
stört, seit 1869 wurde der gesamte Unterricht, seit 1873 das Gerichtswesen 
russifiziert. In Litauen wurde 1865 den Polen der Bodenkauf, 1868 der 
öffentliche Gebrauch der polnischen Sprache verboten. 

— 38 - 



Aber so hart der Druck dieser nationalen Fremdherrsctiaft auch war, 
die wirtschaftliche und soziale Entwicklung wurde durch ihn nicht be- 
hindert. In Posen, dessen Bauern weit früher zu freien Grundeigentümern 
geworden waren, wo Landwirtschaft und Volksbildung weit höhere Ent- 
wicklungsstufe erreicht hatten als in den beiden anderen Anteilen, erwachte 
im Kampf gegen die germanisierende Schulpolitik und Ansiedlungs- 
politik der preußischen Regierung der polnische Bauer. Seit den achtziger^ 
Jahren entwickelte sich unter der Führung der katholischen Geistlichkeit 
ein dichtes Netz von Bauernvereinen und bäuerlichen Genossenschaften. 
„Große Politik" war nicht die Sache des Posener Bauern; aber im zähen 
Kleinkrieg verteidigte er die Nationalität und den Grundbesitz der Volks- 
masse und durchkreuzte er alle Pläne der Ansiedlungspolitik. 

In derselben Zeit, in der in Preußisch-Polen die Führung der Nation aus 
den Händen des Adels in die der Bauernschaft überging, entwickelte sich in 
Russisch-Polen dank der russischen Schutzzollpolitik seit 1877 eine be- 
deutende Industrie, mit der die industrielle Bourgeoisie aufstieg. Sie ent- 
wickelte sich im heftigen Gegensatz gegen die gewaltsame und korrupte 
russische Bürokratie. Aber auf den breiten russischen Markt angewiesen, 
mit dem Handel und der Industrie Petersburgs, Moskaus, Rigas eng ver- 
knüpft, stand sie unter starkem Einfluß der russischen Gesellschaft. 

Genoß Gaiizien ungleich mehr nationale und politische Freiheit als die 
beiden anderen Anteile, so blieb es doch wirtschaftlich und sozial weit 
hinter ihnen zurück. Es hatte keine starken Bauernorganisationen wie der 
preußische, keine aufstrebende industrielle Bourgeoisie wie der russische 
Anteil. Hier blieben bis 1914 die Macht im Lande und die Führung der 
Nation in den Händen des Adels. Wohl stand auch hier schon seit dem 
Anfang der neunziger Jahre der Adelsherrschaft eine allmählich er- 
starkende Opposition gegenüber. Aber Träger dieser Opposition war weder 
die Bauernschaft noch die industrielle Bourgeoisie, sondern die klein- 
bürgerliche Intelligenz, der das polnische Schulwesen Galiziens die revo- 
lutionär-patriotischen Traditionen der polnischen Emigration von 1831 und 
1863, die großen Überlieferungen Mickiewicz' und Slowackis vermittelte. 
An diese Überlieferung knüpfte die neuromantische Literatur, knüpften die 
Wyspiaiiski und 2eromski, an sie knüpfte die neue historische Schule 
Aszkenazys an; so erwuchs diese Intelligenz irn Traum von dem revolu- 
tionär-patriotischen Kampfe um die Wiederherstellung eines unabhängigen 
Polen. In diesem Kampfe gegen die Adelsherrschaft konnte sich die 
Intelligenz nur auf die Arbeiterbewegung stützen, die, jung, unentwickelt, 
auf kerne breite industrielle Basis gestützt, unter die Führung der revolu- 
tionär-patriotischen Intelligenz geriet und sich mit ihren Idealen erfüllte. 

So ging die Entwicklung in den drei Anteilen schon grundverschiedene 
Wege, als der Russisch-Japanische Krieg im Jahre 1905 die erste russische 
Revolution auslöste. Das Königreich Polen ward von dem mächtigen Strom 
der russischen Revolution mitgerissen. Die Arbeiter erhoben sich, gewaltige 
Generalstreiks erschütterten das Land, Straßenkämpfe schüchterten die 
besitzenden Klassen ein. Die erschreckte polnische Bourgeoisie flüchtete 
unter den Schutz der Bajonette des russischen Zaren. Die Revolution wurde 
niedergeworfen. Aber ihre Schrecken wirkten nach. Die polnische Bour- 
geoisie wußte nun, daß jeder Aufstand gegen den Zarismus das Prole- 

— 39 — 



tariat auf den Plan rufen, ihre eigene Klassenherrschaft gefährden mußte> 
Sie brach nun vollends mit der ganzen überlieferten Ideologie des natio- 
nalen Aufstandes, der nationalen Unabhängigkeit. Dmowski führte die 
Nationaldeniokraten. die führende Partei der polnischen Bourgeoisie, zur 
Versöhnung mit Rußland. Die Revolution hatte Rußland die Verfassung 
gebracht. Auf dem Boden der Duma begegneten die Vertreter der polnischen 
Bourgeoisie den russischen Liberalen, die im Kampfe gegen die Bürokratie 
nicht abgeneigt schienen, Polen die Autonomie innerhalb des russischen. 
Reiches zuzubilligen. Auf den Aufstieg des russischen Liberalismus setzten 
die Nationaldemokraten fortan ihre Hoffnung, die Autonomie Polens inner- 
halb des russischen Imperiums war fortan ihr Ziel. 

Die preußische Polenpolitik förderte diese Annäherung der polnischen 
Bourgeoisie an Rußland. Im Jahre 1904 hatte Preußen ein Ausnahmegesetz 
gegen den polnischen Landerwerb erlassen. Im Jahre 1907 folgte das Enteig- . 
nungsgesetz, das den polnischen Grundbesitz mit zwangsweiser Enteignung 
bedrohte. Zugleich hatte das deutsche Vereinsgesetz den Gebrauch der 
polnischen Sprache in Versammlungen verboten. Während sich Russisch- 
Polen mit der Revolution von 1905 doch wenigstens die freie Entwicklung^ 
des privaten polnischen Volks- und Mittelschulwesens erobert hatte, griff 
Preußen zu Ausnahmegesetzen, die den Polen gewaltsame Verdrängung 
von ihrem heimischen Boden ankündigten. Ein Sturm der Entrüstung ging 
durch die polnischen Lande. Nicht Rußland, sondern Deutschland erschien 
nun als der gefährlichste Feind der Nation. Der Gedanke der slawischen 
Interessengemeinschaft gegen die Deutschen gewann nun auch in Polen 
Kraft; 1908 erschienen polnische Vertreter auf dem Panslawistenkongreß^ 
in Prag. 

Wandte sich die polnische Bourgeoisie von dem Gedanken der nationalen 
Unabhängigkeit ab, so stieß sie in den Volksmassen Russisch-Polens auf 
keinen Widerstand. Die Bauernschaft hatte dort an der Tradition der Schlach- 
zizenaufstände von 1831 und 1863 keinen Anteil; in jedem Bauerndorf 
erinnerten Kreuze und Steindenkmäler daran, daß der polnische Bauer 
erst nach der Niederwerfung des Adelsaufstandes von 1863 aus den Händen 
des russischen Zaren den Boden der polnischen Schlachta empfangen hatte. 
Die Arbeiterschaft, aus diesem bäuerlichen Milieu aufgestiegen, war in 
der Revolution von 1905 in den Strudel der russischen Klassenkämpfe 
hineingeraten. Während der Revolution hatte in der P. P. S., der Polni- 
schen Sozialistischen Partei, die „Linke" die Mehrheit erlangt, die — ebensa 
wie früher schon die von Rosa Luxemburg begründete S. D. K. P. i. L. 
(Sozialdemokratie des Königreiches Polen und Litauens) — den gemein- 
samen revolutionären Klassenkampf des russischen und des polnischen 
Proletariats proklamierte, jeden besonderen nationalen Kampf des polni 
sehen Proletariats für nationale Ziele ablehnte, die nationale Autonomie 
Polens durch die Revolution des russischen Proletariats erreichen wollte. 
So ist erst durch die Revolution von 1905 das Königreich auch geistig von 
Rußland annektiert worden: sowohl die Bourgeoisie als auch das Prole- 
tariat verbündeten sich mit ihren Klassengenossen in Rußland, sie setzten 
auf die innere Umwälzung in Rußland ihre Hoffnungen, sie setzten der 
Nation die Autonomie innerhalb Rußlands als Ziel. 

— 40 — 



Freilich, es gab auch eine Gegenströmung. Mit blutiger Gewalt hat der 
Zarismus die Revolution niedergeworfen. Der Warschauer Generalgouver- 
neur Skallon allein setzte unter tausend Todesurteile seine Unterschrift. 
Die Kerker füllten sich. Ein Transport nach dem andern ging nach Sibirien 
ab. Die Gewerkschaften, die nationalen Schul- und Turnvereine wurden 
aufgelöst. Die Zeiten der Suworow, der Paskiewitsch, der Murawjew waren 
wiedergekehrt. Wild loderte der alte Haß gegen den Zarat empor. Der Ge- 
danke des bewaffneten Aufstandes, der Polen von der Russenherrschaft be- 
freien sollte, lebte wieder auf. Er ward verkörpert in dem „rechten", 
patriotischen Flügel der P. P. S., vor allem in ihrer von Pilsudski begrün- 
deten Kampforganisation. Aber die Niederwerfung der Revolution löste den 
Partisanenkrieg der Kampforganisation gegen die zarischen Schergen in 
zielloses Banditentum auf. Pilsudski und die Seinen zogen sich nach 
Galizien zurück und ihre Parole des nationalen bewaffneten Aufstandes 
gegen Rußland fand hier in der revolutionär-patriotischen Intelligenz und 
der von ihr geführten, in der galizischen P. P. S. D. (Polnischen Sozial- 
demokratie) vereinigten Arbeiterschaft weit stärkeren Widerhall als in 
Russisch-Polen. 

Die internationale Lage war dem Wiederaufleben der Idee des nationalen 
Aufstandes gegen den Zarat günstig. Seit der Annexion Bosniens spitzte sicli 
der Gegensatz zwischen Österreich-Ungarn und Rußland zu. Pilsudski 
hoffte, den drohenden Krieg zwischen Rußland und den Mittelmächten zum 
Kampf für die Befreiung Polens ausnützen zu können. Der österreichisch- 
ungarische Generalstab hoffte, im Kriegsfall eine polnische Erhebung gegen 
Rußland der Kriegführung der Monarchie dienstbar machen zu können. So 
konnte Pilsudski 1910 seine Schützenverbände gründen und sie vor den 
Augen der österreichischen Behörden mit Waffen, die die k. u. k. Militär- 
behörden geliefert hatten, einexerzieren. Als der Balkankrieg 1912 den 
russisch-österreichischen Gegensatz abermals verschärfte, bildete sich die 
Vereinigung der Unabhängigkeitsparteien, die den Aufstand gegen Rußland 
als Ziel, die Organisation der Schützenverbände als Kadres der im Kriegs- 
falle aufzustellenden polnischen Legionen als nächste Aufgabe bezeichnete. 
Den Kern der Vereinigung bildeten die rechte P. P. S., die P. P. S. D. und 
eine kleine Intellektuellenpartei. 

Nun begannen sich auch in Galizien die Geister zu scheiden. Einerseits 
"nährte die preußische Polenpolitik immer von neuem den Haß gegen 
Deutschland und trieb viele damit den seit 1905 russophilen National- 
demokraten zu. Im Jahre 1912 beschloß die preußische Ansiedlungskommission 
zum erstenmal, von dem Enteignungsgesetz Gebrauch zu machen und vier 
polnische Güter zu enteignen. Anderseits aber trieb die russische Polenpolitik 
immer neuen Wind in die Segel der Unabhängigkeitsparteien. Hatte schon 
der Staatsstreich Stolypins vom 3. Juni 1906 die polnische Vertretung in 
der Duma empfindlich geschwächt, waren alle Bemühungen der National- 
demokraten, auf dem Boden der Duma Erfolge für die polnische Sache zu 
erringen, erfolglos geblieben, so wurde die im Jahre 1912 durchgeführte 
Losreißung des Gouvernements Cholm aus dem administrativen Verbände 
des Königreichs Polen vom ganzen Polcutum wie ein Schlag ins Gesicht 
empfunden. So zwischen preußische und russische Feindseligkeit gestellt, 

— 41 — 



stritt die palizische Intelligenz darüber, oh der drohende Krieg Polen an der 
Seite Rußlands oder an der Seite der Mittelmächte finden solle. 

Die Scheidung ä^r Geister vollzog sich im Streit um die Behandlung der 
galizischen Ruthcnen. Der ruthenische Bauer war erwacht. In großen 
Agrarstrciks hatte er sich gegen die polnischen Gutsherren erhoben. Die 
russische Revolution hatte auf ihn machtig eingewirkt. Die ersten "Wahlen 
des allgemeinen Stimmrechts zeigten das Erstarken seines Selbstbewußt- 
seins. Aber die junge Intelligenz, die die Bauern führte, war in zwei 
Parteien geteilt. Ukrainer und Moskalophile stritten um die Macht. Den 
Ukrainern galt das klcinrussische Bauernvolk als eine selbständige Nation; 
von Haß gegen Rußland erfüllt, das den Gebrauch der ukrainischen Schrift- 
sprache verbot und der Ukraine die großrussische Schriftsprache aufzwang, 
auf die landarme Bauernmasse gestützt, waren sie demokratisch, revo- 
lutionär gesinnt, vom Geiste des russischen Narodnischestwo erfüllt. Den 
Moskalophilen dagegen galten die Kleinrussen als ein Stamm der großen 
russischen Nation; ihre Liebe galt dem slawischen Rußland des Zaren und 
der orthodoxen Kirche. Wie unhaltbar die polnische Adelsherrschaft in 
Ostgalizien geworden war, zeigte die energische Opposition der seit der 
Einführung des allgemeinen Wahlrechts (1907) erstarkten ukrainischen 
Fraktion im Wiener Reichsrat, lehrte das Attentat Siczynskis auf den 
Statthalter Potocki (1908). Die Habsburgermonarchie suchte nun, da sie 
sich auf einen Krieg gegen Rußland vorzubereiten begann, die Ukrainer 
mit Österreich zu versöhnen, während sie zugleich die Moskalophilen 
gewaltsam niederzuhalten bemüht war. Der Versöhnung der Ukrainer sollte 
die Demokratisierung des galizischen Adelslandtages dienen, die der 
Statthalter Bobrzyriski unternahm. Der Streit um diese Reform spaltete 
den galizischen Adel. Die westgalizischen Stanczyken, immer darauf 
bedacht, ihrer Klasse die Unterstützung des Wiener Hofes zu sichern, 
wollten sich nicht mit einem Gebot österreichischer Staatsraison in Wider- 
spruch setzen; die ostgalizischen Gutsherren dagegen, die „Podolier". auf 
ihren Gütern von der ukrainischen Bauernbewegung unmittelbar bedroht, 
ergriffen für die konservativen Moskalophilen Partei. Und derselbe Riß 
teilte nun die ganze polnische Gesellschaft in Galizien: die Unabhängig- 
keitsparteien betrachteten die Ukrainer als ihre natürlichen Verbündeten 
im Kampfe gegen Rußland: die Nationaldemokraten, in Lemberg von der 
ansteigenden ukrainischen Flut bedroht, proklamierten den „nationalen 
Egoismus", die „nationale Machtpolitik" im Kampfe gegen das Ukrainer- 
tum. So standen die Stanczyken und die Unabhängigkeitsparteien auf der 
einen, die Podolier und die Nationaldemokraten auf der anderen Seite — 
der Gegensatz zwischen der österreichischen und der russischen Orien- 
tierung war bereits vorgezeichnet. 

Der Krieg brach aus. Am 6. August 1914 überschritt Pilsudski mit ein 
paar hundert Schützen die russische Grenze und besetzte Kielce. Die mili- 
tärische Geste w^urde von den Unabhängigkeitsparteien mit überschwäng- 
lichem Enthusiasmus begrüßt. Sie galt ihnen als der Beginn des nationalen 
Befreiungskampfes für das unabhängige Polen, Pilsudskis Schützen als 
die Erben der Legionen D^browskis, die unter den Adlern des großen 
Napoleon gekämpft hatten. Wenige Tage später formierte sich in Krakau 
das N. Iv. N. (Naczelny Komitet Narodowy), als Keimzelle der Regierung 

- 42 - 



des selbständigen Polenstaates gedacht. Die Stanczyken und die Unab- 
hängigkeitsparteien bestimmten seine Politik. Ein selbständiger polnischer 
Staat, aus Russisch-Polen und Galizien gebildet, der sich als drittes Glied 
der Habsburgischen Doppelmonarchie angliedern sollte, war das nächste 
Ziel. Aber Russisch-Polen protestierte. In der Duma stellten sich die Polen- 
führer auf die Seite der Entente. In Warschau bildete sich ein nationales 
Komitee, das dem Krakauer N. K. N. das Recht, in Polens Namen zu 
sprechen, absprach und bald auch, wenngleich mit unbeträchtlichem Erfolg, 
gegen die Legionen Pilsudskis eine Legion, die an Rußlands Seite kämpfen 
sollte, zu werben versuchte. Indessen eroberten die russischen Heere den 
größten Teil Galiziens und der russische Oberkommandierende, der Groß- 
fürst Nikolai Nikolajewitsch, erließ am 14. August ein Manifest, das den 
Polen aller drei Teile die Vereinigung in einem autonomen Polen innerhalb 
des Zarenreiches verhieß. Nun wagte sich auch in Galizien die Opposition 
gegen die „österreichische Orientierung" hervor. Die Nationaldemokraten 
und die Podolier traten aus dem N. K. N. aus und sie zerstörten die ost- 
galizische Legion. Der Gegensatz zwischen der österreichischen und der 
russischen Orientierung innerhalb des galizischen Polentums wurde nun 
sichtbar. 

Die österreichische Orientierung — das war der Kampf um einen 
polnischen Staat. Freilich, einen Staat ohne den national am schwersten 
gefährdeten preußischen Anteil. Aber doch jedenfalls einen Staat. Ersteht 
nur erst überhaupt polnische Staatlichkeit von neuem, dann wird sie für 
die Vereinigung aller Polen in einem Nationalstaat schon zu kämpfen 
wissen. 

Die russische Orientierung — das war der Kampf um die Vereinigung 
Polens. Freilich, die Vereinigung unter der Zarenherrschaft. Aber vor allem 
die Vereinigung, und wäre es in einem Gefängnis! Sind erst zwanzig Mil- 
lionen Polen innerhalb eines Staates vereinigt, dann werden sie sich 
nationales Eigenleben schon zu erkämpfen vermögen. 

, Das Ideal der Freiheit, der staatlichen Selbständigkeit war so in Wider- 
streit mit dem Ideal der nationalen Einheit geraten. Die polnische Ge- 
sellschaft war in zwei Lager zerrissen. 

Immerhin, der aktivste, energischeste Teil des galizischen Polentums 
hatte sich für die Mittelmächte erklärt. Es waren sonderbare Alliierte. 
Habsburg und Hohenzollern als Verbündete der von revolutionären Ver- 
schwörern organisierten, mit der Ideenwelt der demokratischen Revolu- 
tionen des 19. Jahrhunderts erfüllten Legionen! Österreich, das den Krieg 
unternommen hatte, um das revolutionäre Nationalitätsprinzip im Süden 
zu brechen, als Vorkämpfer des revolutionären Nationalitätsprinzips im 
Norden! Und hinter Österreich das hakatistische Preußen-Deutschland, das 
die Entstehung eines selbständigen Polen als Bedrohung seiner Herrschaft 
über Posen und Westpreußen betrachten mußte! 

In der Tat begannen die Reibungen sofort. Sie begannen damit, daß das 
k. u. k. Armeeoberkommando von den Legionen den Treueid für den Kaiser 
forderte. Sie setzten sich fort im Kleinkrieg zwischen dem Armeeober- 
kommando und Pilsudski. Aber Bedeutung erlangten sie erst, als die große 
Offensive 1915 Russisch-Polen den Mittelmächten unterwarf. 

— 43 — 



Nun wurde vor allem sichtbar, wie ganz anders die Stimmung in 
Russisch-Polen war als in Galizien, wie eng das Königreich schon seit 1905 
geistig an Rußland geknüpft war. Warschau empfing Pilsudskis Legionen 
stumm, ohne Gruß. 

Nur eine Tat konnte die Stimmung im russischen Antril zugunsten der 
Mittelmächte wenden. Aber zu solcher Tat waren die Mittelmächte un- 
fähig. Gegen die austropolnische Lösung erhob zunächst Tisza Einspruch; 
ein dritter gleichberechtigter Staat innerhalb der Habsburgermonarchie 
hätte den ungarischen Einfluß geschmälert. So einigte man sich am 
Wiener Hofe, daß Russisch-Polen, mit Galizien vereinigt, ein autonomer 
Bestandteil des österreichischen Staates werden solle. So hatte auch 
Österreich nun nur noch Autonomie, nicht Staatlichkeit zu bieten; so viel 
bot Xikolaj Nikolajewitsch auch. Er bot mehr: den Anschluß des preußi- 
schen Anteils dazu! 

Aber nicht Österreich, sondern Deutschland hatte über Polens Zukunft 
zu entscheiden. Und in Deutschland war man nicht einig. Preußisches 
Herrschaftsinteresse sprach für eine neue Teilung: einen Teil Russisch- 
Polens annektieren, den Rest entweder Rußland zurückgeben oder zum 
kleinen, Deutschland hörigen Pufferstaat machen. 

Aber so wenig sich Habsburg und Hohenzollern über Polens Zukunft 
einigen konnten, in einem waren sie einig: sie wollten polnische Rekruten 
für ihren Krfeg. Im Königreich sollten Rekruten für die polnischen Legionen 
geworben werden. Xun begann die Spaltung innerhalb der Anhängerschaft 
der österreichischen Orientierung. Die Stanczyken förderten die Werbungen. 
Die P. P. S. unter Pilsudskis Führung stellte sich ihnen seit dem Herbst 1915 
entgegen: Werbungen für ein polnisches Heer erst dann, wenn eine 
polnische Regierung existiert, die über das Heer verfügt. Im Kampf gegen 
die Werbungen war nun alles vereinigt: die antirussischen Unabhängigkeits- 
parteien mit den russophilen Nationaldemokraten. Beselers Bemühungen 
um die Aufstellung einer „polnischen W^ehrmacht" unter deutschem 
Kommando blieben erfolglos. 

Im Sommer 1916 brach Österreich bei Luck zusammen. Die deutsche 
Oberste Heeresleitung kommandierte nun die ganze Ostfront. Im Sommer 
1916 lehnte Deutschland die austropolnische Lösung ab. Und in Deutschland 
kommandierte Ludendorff. Er brauchte polnisches „Menschenmaterial". 
Er verlangte das Recht, in Polen Rekruten auszuheben. Beseler glaubte, 
fünfzehn Divisionen aus Polen herausschöpfen zu können, wenn die 
Mittelmächte Polen die Wiederherstellung seiner Staatlichkeit versprechen. 
Am 5. November 1916 erklärten die Mittelmächte den russischen Anteil zu 
einem „selbständigen Staat als Erbmonarchie mit konstitutioneller 
Regierungsform", während Franz Josef Galizien Erweiterung seiner 
Autonomie innerhalb Österreichs versprach. 

Das Manifest behielt die Festsetzung der Grenzen des neuen polnischen 
Staates vor; Preußen wollte sich die Möglichkeit, einen Teil Russisch- 
Polens zu annektieren, wahren. Das Verhältnis des neuen Staates zu den 
Mittelmächten blieb späterer Regelung vorbehalten; in Berlin dachte man 
an wirtschaft'iche und militärische „Angliederung" Polens an das Reich. 
In Warschau wurde ein Staatsrat eingesetzt; aber er war nur ein beratender 

— 44. . 



Körper, die ganze Regierungsgewalt blieb in den Händen des deutschen 
Generalgouverneurs. 

Pilsudski legte das Kommando seiner Legionen nieder. Er trat in den 
Staatsrat in Warschau ein. Als seine Legioi'en 1915 an der Seite der Deutschen 
in Warschau eingezogen, waren sie stumm empfangen worden. Als er selber, 
nun schon im Konflikt mit den Mittelmächten, 1916 nach Warschau kam, 
wurde er wie ein Triumphator empfangen. Er arbeitete im Staatsrat Pläne 
für den Aufbau eines polnischen Heeres aus; aber er blieb bei der Parole: 
Aufstellung des Heeres erst dann, wenn eine selbständige polnische Regie- 
rung da sein wird, die über das Heer verfügt. 

Am 15. März 1917 siegte in Rußland die Revolution. Am 30. März 
erließ die russische Revolutionsregierung eine Proklamation an Polen, in 
der sie das Selbstbestimmungsrecht Polens anerkannte und Polen die 
Unterstützung des revolutionären Rußland bei der Aufrichtung eines 
polnischen Staates verhieß. Die Westmächte, bisher durch die Rücksicht 
auf das verbündete Rußland gebunden, erklärten jetzt die Aufrichtung 
eines unabhängigen polnischen Staates, der alle drei Teile Polens umfassen 
müsse, für eines der Ziele ihres Krieges. Als im Mai die letzte Offensive 
Brussilows gescheitert war, war aller Zweifel geschwunden; nun war es 
klar, daß der polnischen Unabhängigkeit von Rußland keine Gefahr mehr 
drohte; nur die deutschen Teilungs- und Angliederungspläne konnten Polen 
noch gefährden. Und nur die Entente konnte Polen noch gegen Deutschland 
schützen. Hatten deutsche Waffen die Herrschaft Rußlands über Polen 
gebrochen, so konnten nur die Waffen der Entente die Herrschaft der 
beiden anderen Teilungsmächte über Polen brechen. Pilsudski, der 1914 die 
Legionen zum Kampfe für die Mittelmächte gegen Rußland aufgeboten 
hatte, ging nun daran, die Legionen aufzulösen und die konspirative Organi- 
sation der P. 0. W. (Polnische Militäroganisation) gegen Deutschland 
zu verwenden. Als im Sommer 1917 die Legionen einen Treueid für den 
Kaiser Wilhelm ablegen sollten, während Wilhelm eine neue Teilung 
Polens vorbereitete, verweigerten Pilsudskis Anhänger den Eid; sie wurden 
in Gefangenenlagern interniert, Pilsudski selbst von dem deutschen 
Kommando verhaftet und in Magdeburg gefangen gehalten. In derselben 
Zeit aber vereinigte auf russischem Boden der General Dowbor-Musnicki 
die polnischen Formationen der russischen Armee zu einem polnischen 
Korps, das gegen die Mittelmächte für die Befreiung Polens kämpfen sollte, 
und bildete sich in Frankreich eine polnische Legion im Verband der 
französischen Armee. 

Die österreichische Orientierung war tot. Schon im Mai 1917, als das 
österreichische Abgeordnetenhaus zum erstenmal nach dreijähriger Unter- 
brechung zusammentrat, zeigte sich in den Beschlüssen des Polenklubs die 
neue Stimmung. Der Polenklub forderte nun „das unabhängige vereinigte 
Polen mit dem Zugang zum Meer" und sprach dem polräschen Problem 
„internationalen Charakter" zu. An die Stelle der österreichischen Orien- 
tierung war die Ententeorientierung getreten. 

Polen erschien für Österreich verloren. Nur als Tauschobjekt glaubte die 
Habsburgermonarchie Polen noch verwenden zu können. Kriegsmüde, seit 
der russischen Revolution mehr denn je die Revolution fürchtend, bot 

— 45 - 



Habslnirg im Frühjahr 1917 dem Doulschen Reich ganz Polen einsehlicBUch 
Galizions unter der Bedingung an, daß sich Deutschland bereit erklare, 
Elsaß-Lothringen an Frankreich abzutreten und dadurch die Beendigung des 
Krieges zu ermöglichen; Österreich-Ungarn hoffte, sich durch Angliederung 
eines Teiles Rumäniens entschädigen zu können. Deutschland lehnte ab. 
Michaelis antwortete im August 1917, für Deutschland sei nicht nur die 
Abtretung ]']Isaß-LotIu-ingens unmöglich, sondern es müsse darauf bestehen, 
daß der F'riede ihm die wirtschaftliche Angliederung Belgiens und des Erz- 
gebiets von Longwy und Briey, die militärische Angliederung Polens, Kur- 
lands und Litauens bringe. 

Wenige Wochen später brach in Rußland die Oktoberrevolution aus. 
Die völlige Auflösung der russischen Heeresmacht schien die austropolnische 
Lösung noch einmal beleben zu sollen. Die deutschen Ostheere waren frei 
geworden. Deutschland hoffte nun, den Durchbruch im Westen erzwingen 
zu können. Der deutsche Imperialismus glaubte nun, ein großes kontinen- 
tales Imperium von der Nordsee bis zum Persischen Golf begründen zu 
können, innerhalb dessen Kurland, Livland, Estland, Litauen und Polen, 
Österreich und Ungarn, Bulgarien und die Türkei an Deu'tschland mili- 
tärisch, wirtschaftlich und politisch angegliedert werden sollten. „Mittel- 
europa", die enge wirtschaftlich-militärische Verknüpfung der Donau- 
monarchie mit dem Deutschen Reiche war ein Bestandteil dieses Planes, 
die Angliederung Polens an die Donaumonarchie der Preis für ihre Ein- 
gliederung in das deutsche Imperium. 

Aber diesem Plan standen unüberwindliche innere Schwierigkeiten ent- 
gegen. Der Kaiser Karl, innerlich längst Deutschland feind, verbot Czernin 
geradezu, über die militärische Angliederung Österreich-Ungarns an 
Deutschland zu verhandeln. Und die Verhandlungen über eine Zollunion 
wurden zu Verhandlungen über einen Handelsvertrag abgeschwächt. Öster- 
reich-Ungarn war nicht bereit, den Preis für die austropolnische Lösung 
zu bezahlen. Es war es um so weniger, da der deutsche Imperialismus die 
Angliederung an unannehmbare Bedingungen knüpfte: „Die Deutschen", 
erzählt Czernin, „forderten, abgesehen von ganz enormen territorialen Be- 
schneidungen Kongreß-Polens, die Niederhaltung der polnischen Industrie, 
das Miteigentumsrecht bei den polnischen Eisenbahnen und Staats- 
domänen sowie die Überwälzung eines Teiles der Kriegsschuld auf die 
Polen. Ein so geschwächtes, kaum lebensfähiges Polen, welches naturgemäß 
äußerst unzufrieden sein mußte, konnten wir nicht an uns anschließen." 

Der ungarische Imperialismus nützte die vom deutschen Imperialismus 
geschaffene Lage aus. Man solle Polen samt Galizien dem Deutschen Reich 
überlassen, dafür Rumänien gewinnen, es Ungarn unterwerfen und Öster- 
reich für den Verlust Galiziens dadurch entschädigen, daß Ungarn auf 
seinen Anteil an Bosnien verzichtet und es Österreich übergibt! 

In die Zeit dieser Länderschacherphantasien fielen die Friedensverhand- 
lungen in Brest-Litowsk. Da vertrat Trotzki gegen die Mittelmächte das 
Selbstbestimmungsrecht Polens. Neben Trotzki aber erschienen die Ver- 
treter der Kiewer ukrainischen Rada. Die Mittelmächte wollten die Rada 
benützen, um sie gegen Sowjetrußland auszuspielen, um die Ukraine von 
dem bolschewikischen Rußland zu trennen, um sich der Getreidevorräte 

— 46 - 



der Ukraine als eines riesigen Reservoirs, das die Fortführung des Krieges 
ermöglichen sollte, zu bemächtigen. 

Aber der Macchiavellismus fing sich hier in seinen eigenen Schlingen. 
Die Teilnahme der Rada an den Verhandlungen wurde zur Köpenickiade. 
In der Ukraine drangen die Bolschewiki sieghaft vor. Die Truppen der Rada 
wurden bis zur galizischen Grenze zurückgeworfen. Hinter den jungen 
Leuten, die in Brest-Litowsk im Namen der Ukraine verhandelten, stand 
keine Regierung, keine Militärmacht, kein Staat mehr. Aber in Österreich 
hatte die Ernährungskrise ihren Höhepunkt erreicht; Czernin brauchte um 
jeden Preis den „Brotfrieden", der dem hungernden Wien die ukrainischen 
Getreidemagazine erschließen sollte. In Deutschöstereich hatten sich die 
Arbeiter, Frieden fordernd, erhoben; Czernin brauchte um jeden Preis ein 
Friedensdokument. Die Kiewer Delegierten nützten die Bedrängnis der 
Donaumonarchie aus. „Die Ukrainer verhandeln nicht mehr, sie diktieren!" 
schrieb Czernin in sein Tagebuch. Und das in einem Augenblick, in dem 
die Ukraine der Rada nicht mehr existierte! 

Czernin ließ sich bluffen. Und Preußen, immer und überall nur auf die 
Schwächung Polens bedacht, half den Ukrainern. „Von der Forderung nach 
dem Cholmer Lande," erzählt das Protokoll der österreichisch-ungarischen 
Friedensdelegation, „die wir auf den Weg der Verhandlungen mit Polen 
gewiesen wissen wollten, waren die ukrainischen Bevollmächtigten nicht 
abzubringen, wobei sie offensichtlich die Unterstützung des Generals Hoff- 
mann besaßen. Überhaupt war man von deutscher militärischer Seite den 
ukrainischen Forderungen sehr geneigt, polnischen Ansprüchen gegenüber 
jedoch durchaus ablehnend." So kam am 8. Februar jener tragikomische 
Friedensschluß zustande, in dem Österreich-Ungarn den Herren Sewrjuk 
und Lewicky nicht nur das Gouvernement Cholm abtrat, sondern sich auch 
ihnen gegenüber zu einer Umgestaltung seiner inneren Ordnung, zur Tren- 
nung Ostgaliziens von Kleinpolen und Vereinigung Ostgaliziens mit der 
Bukowina zu einem Kronland verpflichtete. 

Ein Sturm der Entrüstung brauste durch Polen. Nun war es klar, was aus 
der austropolnischen Lösung geworden war: im Westen Annexionen zu- 
gunsten Preußens; im Norden Annexionen zugunsten des Deutschland „an- 
zugliedernden" Litauen, wo sich ein deutscher Prinz als Mindowe II. eta- 
blieren sollte; im Osten Annexionen zugunsten der Ukraine; der Rest ein arm- 
seliger Vasallenstaat Deutschlands. Der Polenklub im Wiener Parlament ging 
in die Opposition über; für die Wiener Regierung gab es keine Möglichkeit 
mehr, noch eine Parlamentsmehrheit zu bilden. An der Front meuterte das 
Polnische Hilfskorps, der klägliche Rest der Legionen Pilsudskis. Einem 
Teil der Meuterer unter dem Kommando des Generals Haller gelang es, über 
die Grenze zu marschieren, sich in abenteuerlichen Märschen und Kämpfen 
bis zur Küste durchzuschlagen und nach Frankreich einzuschiffen; dort 
trat Haller an die Spitze der polnischen Legion, die an der Westfront gegen 
die Deutschen kämpfte. Ein anderer Teil de^- Meuterer wurde von öster- 
reichisch-ungarischen Truppen gefangengenommen und vor das Kriegs- 
gericht von Marmaros-Szigeth gestellt. Pilsudski in Magdeburg gefangen, 
seine treuesten Anhänger unter seinen Legionären teils in den deutschen 
Lagern Benjaminöw und Szczypiora interniert, teils in Marmaros-Szigeth 
vor das österreichisch-ungarische Krieg'?frericht gestellt, Haller aber und 

— 47 — 



die Seinen auf französischem Boden gegen die Mittelmächte kämpfend — 
das war das Ende des Versuchs eines Teiles des polnischen Volkes, im 
Bunde mit Österreich, durch Österreich die Freiheit Polens zu erobern. 

Ilabsburg hatte die Polen verloren. Es mochte hoffen, die Ukrainer zu 
gewinnen. Aber auch das war eine Selbsttäuschung. 

Als am Anfang des Krieges die russischen Heere in Ostgalizien ein- 
drangen, hat es der ruthenische Bauer nicht vorstanden, daß er in dem 
kleinrussischen Kosaken, der dieselbe Sprache spricht und sich zu der- 
selben Religion bekennt wie er, den Feind, in dem magyarischen Honved- 
husaren, die sein Dorf plünderten, seine Beschützer und Befreier sehen 
sollte. Die Standgerichte der k. u. k. Armee hatten dieses politische Un- 
verständnis der ruthenischen Bauern blutig gestraft. Seitdem grollte es in 
den Bauernmassen. 

Die kleinbürgerliche ukrainische Intelligenz hoffte trotzdem auf Üsterreicl 
und Deutschland. Ihr Sieg sollte die Ukraine von der Herrschaft Moskaus be- 
freien. Ihre österreichische Orientierung hatte ihren Sinn verloren, als sich 
nach der russischen Märzrevolution in Kiew die Rada, die Regierung einei 
autonomen Ukraine, bilden konnte. Sie hatte ihren Sinn wiedergewonnen, 
als nach der russischen Oktoberrevolution Moskau es unternahm, die auto-' 
nome Ukraine niederzuwerfen. Der Friede von Brest-Litowsk, der der 
Ukraine die Anerkennung der Mittelmächte als einem souveränen Staate 
gab, war dieser österreichischen Orientierung höchster Triumph. 

Aber das Bild änderte sich sehr schnell. Deutsche und österreichisch- 
ungarische Truppen setzten sich in Bewegung, die Ukraine den Bolsche- 
wiken zu entreißen. Sie besetzten das Land. Aber sie besetzten es, um den 
ukrainischen Bauern ihre Getreidevorräte zu rauben, um den Boden, dessen 
sich die ukrainischen Bauern bemächtigt hatten, den russischen und 
polnischen Gutsherren zurückzugeben, um gegen die rebellierenden 
Bauern blutige Henkerarbeit zu verrichten. Sie nahmen Kiew. Aber nicht 
die kleinbürgerliche Rada, sondern den Hetman Skoropadsky .setzten sie 
hier in die Macht; nicht die patriotisch-revolutionäre ukrainische 
Intelligenz, sondern die alten zarischen Generale und Gouverneure über- 
nahmen unter dem Schutze deutscher und österreichischer Bajonette die 
Herrschaft. Was die kleinbürgerliche Intelligenz als ein Werk nationaler 
Befreiung erhofft hatte, war zu einem Werk der Plünderung, der Konter- 
revolution, der Fremdherrschaft geworden. Wut bemächtigte sich der Ent- 
täuschten. Habsburg hatte die Polen verloren und dafür nicht einmal die 
Ukrainer gewonnen. 

So war der Ring geschlossen. Habsburg hatte den Krieg gegen die Jugo- 
slawen begonnen, es war durch den Krieg in den heftigsten Gegensatz 
gegen die Tschechen geraten, es hatte im Verlauf des Krieges die Polen 
verloren und die Ukrainer nicht gewonnen. Alle slawischen Völker standen 
nun gegen Habsburg. Alle hofften auf den Sieg der Entente. Österreich- 
Ungarn führte den Krieg nicht nur gegen äußere Feinde ringsum, sondern 
auch gegen zuei Drittel seiner eigenen Bürger. Das Schicksal der 
Habsburgermonarchie war besiegelt. 

— 48 — 



§ 4. Deutschösterreich im Kriege. 

Liteiafni: 

Renner, Österreichs Erneuerung. Wien 1916. — Renner, Marxismus, Krieg und 
Internationale. Stuttgart 1917. - Renner, Das Selbslbestimmungsrecht der 
Nationen. Wien 1918. 

Friedrich Adler, Die Erneuerung der Internationale. Herausgegeben von Robert 
Danneberg. Wien 1918. — Friedrich Adler vor dem Ausnahmegericht. Berlm 1919. 

Denkschrift über die Rechts- und Arbeitsverhältnisse in den österreichischen 
Krie<^sleistungsbetrieben. Wien 1916. (Protokoll des Arbeitertages.) — Bericht der 
Gewerkschaftskommission Deutschösterreichs an den Gewerkschaftskongreß 1919. 
Wien 1919 — Die Tätigkeit des Klubs der deutschen sozialdemokratischen Abge- 
ordneten im österreichischen Reichsrat. 5. Heft. Wien 1917. — Protokoll der Ver- 
liandlungen des Parteitages der deutschen sozialdemokratischen Arbeiterpartei 
in Österreich. Wien 1917. 

Glaise-Horstenau, Österreich-Ungarns Politik in den Kriegsjahren 1914 bis 1917. 
„Der österreichisch-ungarische Krieg." Leipzig 1922. — Czernin, Im Weltkriege. 
Berlin 1919. — Nippold, Heinrich Lammasch als Völkerrechtsgelehrler und 
Friedenspolitiker. „Heinrich Lammasch. Seine Aufzeichnungen, sein Wirken und 
seine Politik." Wien 1922. 

Um Friede. Freiheit und Recht! Der Jännerausstand des innerösterreichischen 
-Proletariats. Wien 1918. — Ein Nationalitätenprogramm der Linken. „Der Kampf", 
XI, Seite 269 ff. — Diskussion über das Nationalitätenprogramm im Jahrgang 1918 
des „Kampf". 

Durch die ganze neuere Geschichte Deutschösterreichs zieht sich der 
Gegensatz zwischen unserem Deutschtum und unserem Österreichertum. 

Die deutschösterreichische Bourgeoisie ist in dem Jahrhundert zwischen 
1750 und 1850 en-tstanden. Sie ist entstanden in der Zeit, in der der Gegen- 
satz zwischen der halDshurgischen Kaisermacht und der aufstrebenden 
hohenzollernschen Königsgewalt das alte römisch-deutsche Reich auflöste; 
entstanden in der Zeit, in der sich die deutschen Bundesländer Österreichs 
■von Deutschland loslösten, um in dem allmählich zum einheitlichen Staat 
zusammenwachsenden Länderbündel der habsburgischen Hausmacht auf- 
zugehen; entstanden auf der Basis des einheitlichen österreichischen 
Wirtschafts- und Rechtsgebiets. Mochte sie deutsch sprechen und ein gut 
-Stück eigenartiger deutscher Kultur aus sich entwickeln: ihrem Fühlen 
nach war sie doch österreichisch, nicht deutsch; nicht das zerfallende 
Deutschland, sondern das völkerreiche Österreich war ihr ihr Vaterland. 

Aber seit der Julirevolution von 1830 wuchs ein anderes Geschlecht. 
Die junge Intelligenz, die im Haß gegen den Absolutismus Metternichs 
heranwuchs, die die Ideen des aufstrebenden europäischen Liberalismus 
in sich aufnahm, geriet in den Bann des deutschen Geisteslebens der Zeit. 
Sie fühlte nicht mehr österreichisch. Sie fühlte deutsch. Nicht das alte, 
Tückständige, undeutsche Österreich, das große Deutschland, das sie im 
Kampf und Sturm wieder zu vereinigen gedachte, war ihr ihr Vaterland. 

Seither streiten in der Seele des deutschösterreichischen Bürgertums 
.sein Deutschtum und sein Österreichertum gegeneinander. Ihr Gegensatz 
findet in jeder neuen Generation neue Verkörperung. Er verkörpert sich m 
•den Stürmen von 1848 in dem Kampfe zwischen den Schwarzrotgoldenen 
und den Schwarzgelben; er ersteht wieder am Beginn der Verfassungsära 

— 49 - 



im Gegensatz zwischen dem deutschen Liberalismus und dem im Gefolge 
des Feudaladcls cinhcrgehenden österreichischen Klerikalismus; er findet 
in der letzten Generation vor dem Kriege seinen Ausdruck in den Kämpfen 
zwischen Schönerer und Lueger, zwischen Deulschnationalen und 
Christlichsozialen. Die altöslerrcichische Tradition lebt fort im Altwiener 
Patriziat, in dem Wiener Kleinbürgertum, in der vom katholischon Klerus 
erzogenen Bauernschaft der Alpenländer. Die deutsche Tradition lebt fort 
in der Intelligenz, die in den Grenzgebieten, wo der Kampf gegen die sla- 
wischen Nachbarn im Norden und im Süden die Gemüter beherrscht, Klein- 
bürger und Bauern mit ihrem Denken und Fühlen erfüllt. 

Die große europäische Krise, die seit 1908 das Deutsche Beich und 
Österreich-Ungarn vereiijit einer Welt von Feinden gegenüberstellte, über- 
wand diesen Gegensatz. Deutscher Nationalismus und österreichischer 
Patriotismus schlugen nun in eins zusammen. Der österreichische Patrio- 
tismus sah sein Beich bedroht; seit 1897 zerreiß't der Kampf zwischen 
Tschechen und Deutschen den Staat, seit 1903 wächst gefahrdrohend die 
Gärung im slawischen Süden, seit 1905 in Galizien; der österreichische 
Patriotismus hoffte auf Franz Ferdinand, den Thronfolger, der mit kriege- 
rischer Tat den äußeren Feind niederw^erfen, das Beich im Innern erneuern 
werde. Der deutsche Nationalismus sah Deutschland bedroht: seit 1908, 
seit der Zusammenkunft von Beval, steht Deutschland dem furchtbaren 
Bündnis der Westmächte mit Bußland gegenüber; der deutsche Nationa- 
lismus hoffte auf den Krjeg, der den Feind niederschmettern w^erde, ehe 
russisches Bevölkerungswachstum und russische Eisenbahnbauten die Ge- 
fahr vergrößern. Schon während der Annexionskrise 1908/09, schon während 
des Balkankrieges 1912 drängten führende Kreise der Christlichsozialen 
sowohl w^ie der Deutschnationalen zum Kriege. Als 1914 der Krieg kam, 
war es ihr Krieg. Den einen war es der Krieg für Österreichs Behauptung 
und Erneuerung, den anderen der Krieg für Deutschlands Macht und Größe. 
Beide aber jubelten dem Kriege zu, beide stützten den Kriegsabsolutismus 
der ersten Kriegsjahre, beiden galt der Kampf der slawischen Völker um 
ihre Befreiung als Hochverrat, den eine eiserne Hand nieder\verfen müsse. 
Der Gegensatz zwischen dem Deutschtum und dem Österreichertum des 
deutschösterreichischen Bürgertums schien überwunden. 

In ganz anderer Gestalt wiederholt sich der Gegensatz zwischen dem 
Deutschtum und dem Österreichertum in der Geschichte der deutsch- 
österreichischen Sozialdemokratie. 

Die Revolution von 1848 hatte die Demokratie zum erstenmal vor das 
österreichische Problem gestellt. Italiener, Ungarn und Polen kämpften 
damals um ihre Befreiung aus Habsburgs Fesseln. Das deutsche Volk aber 
rang nach seiner Einheit und Freiheit. An die Stelle der erbärmlichen 
Kleinstaaterei im Deutschen Bunde ein einheitliches Deutsches Reich zu 
setzen war das nationale Ziel der deutschen Revolution von 1848. Aber 
der Erreichung dieses Zieles stand der österreichische Staat im Wege. In 
ihm waren deutsche Bundesländer — Westösterreich vom Riesengejpirge 
bis zur Adria — mit Ungarn, mit Galizien, mit der Lombardei und Venetien 
vereinigt. Der deutsche Norden wollte die deutschen Bundesländer Öster- 
reichs, aber nicht seine italienischen, ungarischen und polnischen Provinzen 

— 50 — 



in das Deutsche Reich aufnehmen. Die Einigung Deutschlands setzte also 
die Auflösung des Habsburgerreiches, die Trennung der deutschen Bundes- 
länder Österreichs von Italien, Ungarn und Polen voraus. Dieses Ziel war 
nicht durch die Dynastien, es war nur gegen sie zu erreichen. Habsburg 
wollte sich Hohenzollern. Hohenzollern wollte sich Habsburg nicht unter- 
werfen; die Revolution konnte das Deutsche Reich nur schaffen, wenn 
es ihr gelang, in Wien und in Berlin die Dynastien zu stürzen, ganz 
Deutschland, einschließlich der deutschen Bundesländer Österreichs, zu 
einer deutschen Republik zu vereinigen, Habsburgs andere Länder aber 
an ein geeintes Italien, ein selbständiges Ungarn, ein freies Polen fallen 
zu lassen. Das war das nationale Ziel, das die Republikaner im Jahre 1848 
gegen Habsburg und gegen Hohenzollern verfochten. 

Diese Gedanken lebten nach dem Kriege von 1859 und der italie- 
nischen Revolution von 1860 wieder auf. Das deutsche Bürgertum, durch 
die Erfahrungen von 1848 geschreckt, war nun nicht mehr revolutionär. 
In Norddeutschland setzte es alle seine Hoffnungen auf Preußen: ein 
deutsches Kaisertum mit preußischer „Spitze" war sein Ziel; aber dieses 
Ziel, setzte die Ausstoßung der deutschen Bundesländer Österreichs aus 
dem Reiche voraus. Dagegen protestierten die Arbeiter. Sie waren revolu- 
tionär geblieben. Sie hofften, die deutsche Einheit werde nicht durch die 
Bajonette der deutschen Fürsten, sondern durch die Fäuste der deutschen 
Arbeiter erobert werden. Sie stellten dem kleindeutschen Ziel des nord- 
deutschen Bürgertums das gesamtdeutsch-republikanische Ideal von 1848 
entgegen. In diesem Kampfe vollzog sich in Deutschland die Scheidung 
zwischen der bürgerlichen und der proletarischen Demokratie. „Groß- 
deutschland moins les dynasties", so formulierte Lassalle das nationale 
Programm der entstehenden Sozialdemokratie. Und als sich nach 1866 auch 
die deutschösterreichische Arbeiterschaft wieder zu regen begann, nahm 
auch sie den gesamtdeutsch-republikanischen Gedanken auf. Die Hoffnung 
auf eine Revolution, die die deutschen Dynastien stürzen, Deutsch- 
österreich mit dem übrigen Deutschland zu einer deutschen Republik ver- 
einigen, den anderen Nationen der Habsburgermonarchie ihre staatliche 
Selbständigkeit wiedergeben werde, war einer der führenden Gedanken 
der entstehenden Sozialdemokratie. 

Die Geschichte hat zunächst gegen die junge Sozialdemokratie ent- 
schieden. 1866 wurde Österreich aus dem Deutschen Bunde ausgeschlossen, 
1871 das kleindeutsche Kaisertum aufgerichtet. Aber die Sozialdemokratie 
hat diese Lösung der deutschen Frage zunächst nur als vorläufig ange- 
sehen. Engels hielt bis zu seinem Tode daran fest, daß „die vollständige 
Auflösung Österreichs die erste Voraussetzung der Einigung Deutschlands" 
sei. Wohl habe Österreich als Bollwerk gegen die Expansionstendenzen 
des russischen Zarismus noch eine Funktion zu erfüllen. Aber diese 
Funktion werde es verlieren, sobald wieder die Revolution durch Europa 
zieht, deren „äußerste Punkte" bei ihrem neuen Ausbruch Petersburg und 
Konstantinopel sein würden. Die nächste Phase der europäischen Revo- 
lution werde Österreich auflösen, seine deutschen Gebiete mit Deutschland 
wiedervereinigen, seinen anderen Nationen ihre Freiheit geben. Der Ge- 
da,nke, daß die Periode der sozialen Revolution die Auflösung Österreichs 
in freie Nationalstaaten und damit auch die Vereinigung Deutschösterreichs 

— 51 — 4* 



mit dorn übrigen Doulschland bringen müsse, bildete seit der Enlslohuns 
der Sozialdeniokralie einen Bestandteil ihrer politischen Tradition. 

Vorerst mußte die Sozialdemokratie aber ihren Kampf auf dem Boden 
des österreichischen Staates führen. Als sie seit 1890 zu einer großen 
Massenparlei wurde; als seit 1897 der nationale Kampf der Bourgeoisien 
das ganze öffentliche Leben Österreichs beherrschte, den Parlamentarismus 
zerstörte, den Absolutismus des § 14 aufrichtete; ^Is die entfesselten Leiden- 
schaften dels Nationalismus auch die internationale Einheit der öster- 
reichischen Sozialdemokratie selbst zu bedrohen begannen, konnte sie sich 
nicht mehr damit begnügen, die Völker auf die nahende Revolution zu ver- 
weisen, die mit der Auflösung des österreichischen Staates auch das natio- 
nale Problem lösen werde, sie mußte nun den nationalen Kampfzielen 
der streitenden Bourgeoisien ein gemeinsames Kampfziel des gesamten 
österreichischen Proletariats entgegenstellen. So stellte der Brünner 
Parteitag von 1899 dem Zentralismus der deutschen Bourgeoisie und dem 
Kronländer-Föderalismus des l'eudaladcls und des in seinem Gefolge ' 
einhergehenden slawischen Bürgertums das Programm der Verwandlung 
("•sterreichs in einen Bundesstaat autonomer Nationen entgegen. 

Die schwere Reichskrise von 1905, der Konflikt Habsburgs mit der 
magyarischen Herrenklasse gab diesem Programm Aktualität. Gegen den 
Nationalismus der hadernden Bourgeoisien stand auf der einen Seite die 
Krone, der die nationalen Kämpfe ihr Reich zu zerstören drohten, stand 
auf der anderen Seite das Proletariat, dem der nationale Kampf den Auf- 
stieg behinderte. In Österreich zwang der Druck der Krone von oben und 
des Proletariats von unten dem Privilegienparlament die Wahlreform auf. 
In Ungarn bot die Krone durch das Wahlreformprogramm der Regierung 
Fejerväry-Kristoffy das Proletariat und die Nationalitäten gegen den 
magyarischen Adel auf. Es erschien denkbar, daß die Krone und das 
Proletariat vereint die dualistische Reichsverfassung zerschlagen, die 
nationalistischen Bourgeoisien niederzwingen, den Bundesstaat auto- 
nomer Nationen aufrichten. Der Verfechter dieses politischen Gedankens 
war Karl Renner. P'ür den Gedanken kämpfend, daß die „übernationale"^ 
Macht der Dynastie und die internationale Macht der Arbeiterklasse aller 
österreichischen Nationen vereint den Nationalismus der kämpfenden 
Bourgeoisien niederwerfen und Österreich-Ungarn zu einem Bundesstaat 
freier Völker umgestalten sollen, revidierte er die ganze traditionelle 
Stellung der Sozialdemokratie zu dem österreichischen Problem. In jener 
Zeit erschienen Renners „Grundlagen und Entwicklungsziele der öster- 
reichisch-ungarischen Monarchie" und meine „Nationalitätenfrage".. 
Während ich aber auch in diesem Buch jede Lösung des österreichischen 
Nationalitätenproblems innerhalb der Monarchie nur als eine vorläufige 
betrachtete, feierte Renner die österreichische „Reichsidee", die Idee einer 
,, Eidgenossenschaft der österreichischen Nationen", als eine geographische 
und wirtschaftliche Notwendigkeit. Der Zerfall der Monarchie in nationale 
Kleinstaaten wäre, so meinte er damals schon, nur die Lösung eines reak- 
tionären Nationalismus. Nicht dem Nationalstaat, sondern dem autonome 
Nationen föderierenden „übernationalen Staat" gehöre die Zukunft. 

Als der Kaiser mit dem magyarischen Adel wieder Frieden schloß, als- 
die Reichskrise nicht mit der Umbildung der Monarchie in einen Bundes- 

— 52 — 



Staat freier Völker endete, sondern mit dem Staatsstreich Tiszas, mit dem 
Kom.missariat Cuvajs, mit dem Absolutismus Bienerths, schienen Renner? 
Illusionen zerstört. Das Nationalitätenprogramm des Brünner Parteitages 
von 1899 erlangte nun andere Bedeutung. Seit 1908 rüstete die Monarchie 
zum Kriege gegen Serbien. Seit 1908 glaubte sie sich nur durch kriege- 
rische Gewalt die sich auflehnenden Nationen einordnen zu können. Die 
Sozialdemokratie stand seit 1908 im Kampfe gegen den serbenfeindlichen, 
zum Krieg treibenden Imperialismus. In diesem Kampfe war es unsere 
Parole: Kein Krieg löst das österreichische Staatsproblem; nur innerer 
Umbau zum Bundesstaat autonomer Nationen versöhnt die Nationen dem 
Staat und rettet den durch die Kämpfe der Nationen bedrohten Frieden. 
Am Tage der Kriegserklärung an Serbien noch lehnte die Sozialdemokratie 
drohend jede Mitverantwortung für diesen Krieg ab; stellte sie dem Krieg: 
ihre Forderung entgegen: „Ein Österreich, das wirklich ein Bund freier 
Völker ist." 

Am Anfang des Krieges stand Österreich-Ungarn allein gegen Rußland. 
Das deutsche Heer brach in Belgien und Frankreich ein; den Ansturm der 
russischen Heere hatte Österreich-Ungarn abzuwehren. Ein Reich mit 
52 Millionen Einwohnern gegen eines mit 160 Millionen. Eine halbe Million 
Mann gegen anderthalb Millionen. Am Ende der ersten großen Schlacht 
' war Galizien verloreB, standen die Russen vor Krakau und vor den 
Karpatenpässen. Ein Stoß noch — und die Russen brechen durch Mähren 
gegen Wien vor, das die Heeresleitung schon mit Befestigungswerken um 
gürten ließ. Ein Stoß noch — und Nikolai Nikolajewitsch kann auf tsche- 
chischem Boden ein böhmisches Königreich unter dem Zepter eines 
Romanow proklamieren. Ein Stoß noch — und die russischen Heeressäulen 
wälzen sich üb«*r Ungarn dem Balkan zu. Die Furcht vor den Riesen- 
heeren des Zaren herrschte in Deutschösterreich. Die Niederlage der 
habsburgischen Armeen — sie bedeutete nun die Verheerung und Ver- 
wüstung Deutschösterreichs durch die russischen Truppen; sie bedeutete 
die Aufrichtung slawischer Vasallenstaaten des Zaren bis hart vor die 
Tore von Wien, von Nürnberg, von Dresden; sie bedeutete die Unterwerfung 
ganz Osteuropas von Petrograd bis Zarigrad unter den russischen Despotis- 
mus. Die Furcht vor dem Siege des Zarats packte alle Klassen des deutsch- 
österreichischen Volkes, sie packte auch die deutschösterreichischen 
Arbeitermassen. Sie dachten nicht an Serbien und nicht an Belgien, nicht 
an Habsburg und nicht an Hohenzollern. Ihre Wünsche begleiteten in den 
ersten Kriegsmonaten die kaiserliche Armee, die mit Blutopfern ohne- 
gleichen die Heimat gegen die furchtbare russische Übermacht verteidigte. 

In den ersten Kriegsmonaten stand die deutschösterreichische Sozial- 
demokratie völlig im Banne dieser Massenstimmung. Ohne Vorbehalt stellte 
sie sich an die Seite der Mittelmächte. Ohne Vorbehalt stellte sie ihren 
Einfluß auf die Massen in den Dienst der Kriegführung. 

Aber gegen die Mittelmächte stritt die Propaganda der Entente, die im 
Namen der Demokratie, im Namen des Selbstbestimmungsrechtes 
der Völker, im Namen des revolutionären Nationalitätsprinzips 
der Habsburgermonarchie das Recht auf das Dasein bestritt. Gegen die 
Habsburgermonarchie stritt die Auflehnung ihrer slawischen Völker, die es 
als unerträgliche Leibeigenschaft, als unerträgliche Seelenqual empfanden, 

— 53 — 



daß sie känipfon mußlon für eine ihnen fremde, ihnen feindliche Sache. 
Gegen die Habsburtrernionarchie stritt die Talsache, daß sie' gegen die 
Bürger des eigenen Landes Krieg führen mußte, nur mit den furchtbaren 
Gewaltmilleln des Kriegsabsolulisnms die Völker im Kampfe gegen den 
äußeren Feind zusammenzwingen konnte. So war die deutschösterreichische 
Sozialdemokratie vom ersten Kriegstag an vor das österreichische Staats- 
problem gestellt. 

Die Zersetzung Österreichs durch die nationalen Kämpfe seit 1897 hatte 
das Selbstvertrauen der österreichischen Patrioten schwer erschüttert. Daß 
trotz alledem die Mobilmachung im Sommer 1914 gelang; daß trotz der 
schweren Niederlagen im September und Oktober 1914 immer noch ein 
gewaltiges Heer, aus den Söhnen von zehn Nationen zusammengesetzt, in 
den Karpathen dem russischen Ansturm standhielt; daß, sei es auch nur 
unter dem harten Zwange des Kriegsabsolutismus, die Nationen im Hinter- 
land stumm, ohne Auflehnung die Opfer des Krieges trugen, erschien den 
Patrioten als freudige Überraschung. „Der Staatsgedanke hat über das 
Nationalitätsprinzip gesiegt", triumphierte damals Renner; die staats- 
bildende Kraft des Nationalitätsprinzips sei erschöpft, die Neubildung von 
Nationalstaaten auf den Trümmern der Monarchie sei zur „reaktionären 
Utopie" geworden, die Überlegenheit des großen „übernationalen Staates" 
über nationale Kleinstaaten, die Notwendigkeit des „großen Wirtschaftsreiches 
der kleinen Völker", das Interesse aller Nationen des Habsburgerreiches 
an ihrer „Wehr- und Wirtschaftsgemeinschaft" sei durch das Urteil der Ge- 
schichte selbst entschieden. Forderten nicht polnische Parteien die „austro- 
polnische", südslawische Parteien die „großkroatische Lösung"? Habsburg 
selbst werde, meinte Renner, den Umbau des Reiches zum Bundesstaat 
autonomer Nationen durchführen müssen, um Polen, um Serbien seinem 
Reich eingliedern zu können. So werde Österreich im Sturm der Kriegs- 
ereignisse seine Verfassung seinem Wesen anpassen, sich selbst zu einer 
„demokratischen Internationale" entwickeln. Nicht die Wiederherstellung 
der alten, durch den Kriegsabsolutismus zerstörten Verfassung sei die Auf- 
gabe; Renner hoffte auf ein Oktroi des Kriegsabsolutismus als das In- 
strument der inneren Umgestaltung, der „Erneuerung Österreichs". Da er 
den „übernationalen Staat" als eine höhere, entwickeltere Staatsform be- 
trachtete als den Nationalstaat, trat er, ganz im Sinne des habsburgischen 
Imperialismus, für die „austropolnische Lösung" der polnischen, für die 
„großkroatische Lösung" der jugoslawischen Frage ein; die deutsche Ein- 
heit suchte er, ganz den Plänen des hohenzollernschen Imperialismus ent- 
sprechend, in der „mitteleuropäischen Zoll- und Schützengrabengemein- 
schaft" in Naumanns Sinne. Das mitteleuropäische Imperium, unter 
deutscher Führung die kleinen Nationen föderierend, werde ein weit 
höheres soziales Gebilde darstellen als die demokratischen Staaten des 
Westens. „Altliberale", die noch an den veralteten „Ideen von 1789" 
hangen, mögen für die Demokratie des Westens schwärmen; Sozialisten 
müßten sehen, wie die Kriegsnot die Mittelmächte zur „Durchstaatlichung" 
ihrer Wirtschaft und damit zu einer dem Sozialismus ungleich näheren, 
ihn vorbereitenden Wirtschaftsverfassung zwinge. In den Monaten, in denen 
die Furcht vor d°n Heeren des Zaren die Massenstimmung beherrschte, in 
denen sich die Sozialdemokratie unter dem Eindruck dieser Massen- 

— 5i — 



Stimmung ohne Vorbehalt an die Seite der Mittelmächte stellte, für Krieg 
und Sieg der Mittelmächte ihren Einfluß auf die Massen einsetzte, lieferte 
Renner so der Stimmung der Massen, der Haltung der Partei die Ideologie. 

Aber im weiteren Verlauf des Krieges mußte diese österreichisch- 
patriotische Ideologie in immer schrofferen Gegensatz gegen die Massen- 
stimmung geraten. Die Blockade der Entente hat Österreich noch viel 
schwerer getroffen als Deutschland. Galizien wurde durch' die rus^^schen 
Armeen verwüstet, Ungarn sperrte sich gegen Österreich ab; so verfiel 
Österreich in furchtbare Lebensmittelnot, die die Rationierungsmaßregeln 
des bürokratischen „Kriegssozialismus" nur wenig zu lindern vermochten. 
Die entsetzlichen Verluste der Armee in den ersten Kriegsmonaten zwangen 
zu immer neuen „Musterungen"; der Militarismus holte Kinder von den 
Schulbänken und alte Männer zogen mit ihren Söhnen ins Feld. Brutale 
Gewalt suchte die hungernden Arbeitermassen der Kriegsindustrie zur 
Arbeit zu peitschen; die Fabriken wurden militarisiert, die Arbeiter unter 
Kriegsrecht gestellt, militärische Betriebsleiter kom.mandierten in den Be- 
trieben. Die Verfassung war sistiert, das Parlament geschlossen, die Presse 
geknebelt, die Zivilbevölkerimg der Blutjustiz der Militärgerichte unter- 
worfen. Die Massen hatten diesen furchtbaren Druck ruhig ertragen, so- 
lange sie noch die Furcht vor der russischen Invasion beherrschte. Nach 
dem Durchbruch von Gorlice, nachdem die russischen Heere weit zurück- 
geworfen waren, hielt nicht mehr die Furcht vor der fremden Invasion 
den Groll gegen die Fortsetzung des Krieges nieder. Nun wuchs die Er- 
bitterung der Massen. 

Der Mann, der dieser Stimmung der Massen Ausdruck gab, war Friedrich 
Adler. „Wir haben," das war sein leitender Gedanke, „in diesem Kriege die 
Pflicht, als Sozialdemokraten zu handeln, unsere sozialdemokratische 
Überzeugung durchzuhalten." Der einzelne Genosse mag, sei er nun 
Deutscher oder Franzose, Österreicher oder Russe, auf dem Schlachtfelde 
seine Soldatenpflicht erfüllen; die Partei aber darf sich nicht „geistig 
assentieren lassen", sie darf nicht zum Werkzeug der Kriegführung der 
herrschenden Klassen werden, sie darf ihre Sache weder mit der der 
Mittelmächte noch mit der der Entente identifizieren. 

Renner glaubte, in der Zeit des imperialistischen Krieges müsse sich das 
Proletariat auf die Seite des Imperialismus des eigenen Landes stellen, um 
nicht vom fremden Imperialismus !:;eknechtet zu werden. Adler forderte, 
das Proletariat müsse in imvcrsölinlicher Opposition gegen den Imperia- 
lismus überhaupt bleiben, vor allem aber überall gegen den Imperialismus 
des eigenen Staates für die Beendigung des Krieges, für den Frieden ohne 
Annexionen und Kontributionen kämpfen. 

Renner betrachtete als Aufgabe des proletarischen Internationalismus 
die Verteidigung und Vergrößerung des „übernationalen" Staatsgebildes. 
Adler betrachtete als Aufgabe des proletarischen Internationalismus die 
Wiederherstellung der internationalen Kampfgemeinschaft des Proleta- 
riats gegen alle nationalen und „übernationalen" Imperialismen. 

Renner forderte vom Kriegsabsolutismus die Verwaltungsreform und 
Veriassungsrevision, die den Grund legen sollen zur Umgestaltung Öster- 
reichs in einen Bundesstaat der Völker. Renner feierte die Militarisierung, die 
„Durchstaatlichung" der Wirtschaft durch den Kriegsabsolutismus als den 

— 55 — 



Anfang ihrer Sozialisierung. Adler dagegen rief zum Kampf gojrpn den 
Kriegsabsolulismus auf. „In Österreich und Rußland handelt es sich noch 
gar nicht um die soziale Revolution. Hier ist die bürgerliche Revolution 
noch nicht zum Siepe gelangt, hier steht die Abrechnung mit dem Absolu- 
tismus, die Verwirklichung der Demokratie noch aus. Gegenüber dem Ab- 
solutismus ist zunächst noch nicht die Herstellung dos Sozialismus nötig, 
sondern es ist die alte bürgerliche Revolution, deren Aufgaben für Öster- 
reich zu erfüllen bisher versäumt wurde, durchzuführen." 

Dem österreichischen Slaalsproblem gegenüber stellte sich Adler „auf 
den Standpunkt der striktesten Neutralität". Er identifizierte die Sache des 
Proletariats nicht mit der Sache der national-revolutionären Bewegungen 
der slawischen Nationen. Aber er lehnte es auch ab, gegen diese Bewegun- 
gen die Existenz Österreichs zu verteidigen, „die Sache des Sozialismus zu 
kompromittieren durch die zu enge Verflechtung mit dem Schicksal eines 
Staats", über den Wirren der Kämpfe zwischen Staaten und Nationen 
habe die internationale Sozialdemokratie ihre besondere Aufgabe zu er- 
füllen, den Kampf an ihrer Front zu führen: den Krampf gegen den 
Kriegsdespotismus in den Betrieben für die Freiheit der Arbeiter, gegen 
den Kriegsabsolutismus im Staate für die Demokratie, gegen den Krieg für 
den Frieden ohne Annexionen und Kontributionen, gegen Kriegsleidenschaft 
und Kriegshaß für die internationale Solidarität des Proletariats. Sie habe 
ihren Einfluß auf die Massen nicht in den Dienst der Kriegführung zu 
stellen, sondern Kriegsnot und Ivriegszerrüttung zur Revolutionierung der 
Massen auszunützen. 

Friedrich Adler scharte imi sich eine kleine Gruppe von Genossen, 
die sich in dem Verein „Karl Marx" organisierte und in den Spalten des 
,, Kampf", auf den Reichskonferenzen der Partei ihre Auffassungen gegen 
die überwiegende Mehrheit der Partei verfocht. 

Aber der Aktion der von Friedrich Adler geführten „Linken" standen 
zunächst unüberwindliche Hindernisse im Weg. Ihr fehlte vor allem der 
Boden des Parlamentarismus, auf dem sich im Deutschen Reich die Aus- 
einandersetzungen in der Partei entwickeln konnten. Und ihrem Kampf in 
der Presse setzte die Zensur sehr enge Schranken. So konnte sie an breitere 
Massen nicht heran. Friedrich Adler erkannte immer deutlicher, daß, da der 
Absolutismus der Opposition alle Möglichkeiten legaler Massenpropaganda 
geraubt hatte, nur noch eine außerordentliche individuelle Tat die Massen 
aufrütteln, die latente Energie ihres dumpfen Grolls in bewußte politische 
Aktion transformieren konnte. Im Herbst 1916 war jede Hoffnung auf 
nahen Frieden geschwunden. Die Hungersnot war so unerträglich geworden, 
daß im September trotz dem harton Kriegsrecht eine Bewegung in der 
militarisierten Kriegsindustrie ausbrach, die die Heeresverwaltung zwang, 
eine besonSere Organisation für die Lebensmittelversorgung der Kriegs- 
leistungsbetriebe zu schaffen. Die Erbitterung gegen den Absolutismus der 
Regierung Stürgkh erfaßte alle Klassen. Hochfeudale Gruppen des Herren- 
hauses forderten die Einberufung des Parlaments; Stürgkh lehnte sie ab. 
Der deutschnationale Präsident des Abgeordnetenhauses berief die Ob- 
männer der Parteien ein; Stürgkh lehnte die Teilnahme an der Obmänner- 
konferenz ab. Uaiversitätsprofessoren beriefen eine Versammlung ein, in 
der die Präsidenten des Abgeordnetenhauses sprechen sollten; Stürgkh ver- 

— 56 - 



bot die Versammlung. Es. gab keine Möglichkeit einer legalen Opposition 
mehr. Da entschloß sich Fritz Adler zur Tat. Am 24. Oktober 1916 erschoß 
er den Ministerpräsidenten. 

Adlers Tat war ein Wendepunkt in der Geschichte der Arbeiterbewegung. 
Den Massen, die in hoffnungs- und tatenloser Verzweiflung dahinlebten, 
war er ein Held, der sein Leben geopfert, um ihre Leiden zu rächen. Der 
Eindruck der Tat verstärkte sich, als ihr unmittelbarer Erfolg erkennbar 
wurde: das System Koerbers, der Stürgkh folgte, lockerte den Kriegs- 
absolutismus, es stellte der Diktatur Tiszas im Reiche stärkeren Wider- 
stand entgegen, es gab Hoffnung auf die Einberufung des Parlaments. Der 
Arbeitertag am 5. November 1916, von der Partei und den Gewerkschaften 
einberufen, konnte endlich die Greuel des militärischen Despotismus in den 
Kriegsindustriebetrieben enthüllen und damit den erschütternden Motiven- 
bericht zu Adlers Tat liefern. Wenige Wochen später folgte die russische 
Märzrevolution. Sie revolutionierte auch in Deutschösterreich das Denken 
der Massen. Die Furcht vor dem russischen Zarismus ward nun von der 
Begeisterung für die russische Revolution abgelöst. Gegen den Zaren hatte 
man sich gewehrt; gegen die Revolution wollte man nicht Krieg führen.. 
Und mit dem Kampf um den Frieden verknüpfte sich der Kampf um die 
Demokratie; nun standen die Mittelmächte auch im Osten wie früher schon 
im Westen demokratischen Gemeinwesen gegenüber; ihr Krieg war nur 
noch der Krieg halbfeudaler Militärmonarchien gegen die Demokratie. Die 
Bewegung in den Massen fand ihren Ausdruck in immer häufigeren Streiks 
in den Kriegsindustriebetrieben, die der Militarismus mit allen seinen Ge- 
waltmitteln nicht mehr zu verhindern vermochte; die Verordnung vom 
18. März 1917, die die Arbeitsverhältnisse in der Kriegsindustrie neu regelte, 
den industriellen Kriegsabsolutismus lockerte, war die erste Kapitulation 
des Absolutismus vor der Massenbewegung. Am 18. und 19. Mai 1917 fand 
vor dem Ausnahmegericht die Verhandlung gegen Friedrich Adler statt. 
Die offene revolutionäre Sprache, die Adler zum ersten Male vor den 
Schranken des Gerichtes sprechen konnte, fand in den Massen leiden- 
schaftlichen Widerhall; und weit über die Reihen der Arbeiterklasse 
hinaus wirkte und warb das in der Gerichtsverhandlung enthüllte Bild 
seiner Persönlichkeit, in der sich kritisches, undogmatisches, vom Geiste 
inodernen Relativismus genährtes Denken mit unbedingter, zur höchsten 
Selbstaufopferung gesteigerter Treue zum eigenen Prinzip, zum eigenen 
politisch-moralischen Charakter, zur sittlichen Pflicht, intellektueller 
Relativismus und ethischer Absolutismus so seltsam verknüpft zeigten. 
Wenige Tage später, am 30. Mai 1917, trat endlich nach dreijähriger 
Unterbrechung das Parlament wieder zusammen. Es nahm sofort den 
Kampf gegen den Terror der Militärgewalten auf. Die Mehrheit, aus den 
Sozialdemokraten und den Vertretern der slawischen Nationen zusammen- 
gesetzt, verweigerte den §-14-Verordnungen über die Aufhebung der Ge- 
schwornengerichte und über die Unterstellung von Zivilpersonen unter die 
Militärgerichtsbarkeit die Genehmigung und entriß dadurch der Schreckens- 
herrschaft des Militarismus seine furchtbarste Waffe; Austerlitz hatte 
diesen Sieg über die Militärjustiz durch die Enthüllung ihrer Justizmorde 
in der „Arbeiter-Zeitung" wirksam vorbereitet. Mit der Wiederherstellung 
der Verfassung war die Möglichkeit der Massenpropaganda und Massen- 

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aklion wiedergewonnen, das zwei Jahre lang durch den militärischen 
Terror niedergehaltene Selbstbewußtsein der Massen mächtig gestärkt. 

Im Verlaufe aller dieser Ereignisse, unter dem Drucke der sich wan- 
delnden Massenstimmung hatte sich die Haltung der Partei zwar nur all- 
mählich, nur schrittweise, aber vollständig verändert. Der Parteitag, der 
vom 19. bis zum 2i. Oktober 1917 in Wien tagte, gab dieser Entwicklung den 
Abschluß. Die „Erklärung der Linken" faßte noch einmal die Anklagen 
gegen die Haltung der Partei in den ersten Kriegsjahren zusammen. Die 
Abwehr der Mehrheit war nur noch ein Rückzugsgefecht. Dem Parteitag 
folgten große Massenkundgebungen gegen den Krieg und für die russische 
Revolution. Das Bild der „Arbeiter-Zeitung" veränderte sich vollständig. 
Austerlitz führte nun in der „Arbeiter-Zeitung" den Kampf für einen demo- 
kratischen Verständigungsfrieden gegen den österreichisch-ungarischen und 
vor allem gegen den deutschen Imperialismus; seit den Tagen von Brest- 
Litowsk rückte die „Arbeiter-Zeitung" von den reichsdeutschen Mehrheits- 
sozialisten ab. Hatte schon die Stockholmer Konferenz im Sommer 1917 in 
den Massen die Hoffnung geweckt, daß der Sozialismus den Frieden bringen 
werde, so wurde die Partei nun, dank der entschlossenen Wendung, die 
sie gemacht, zur Wortführerin der Friedenssehnsucht der kriegsmüden 
Massen an der Front und im Hinterlande, ihr Einfluß wuchs daher weit 
über ihre alten Kaders hinaus, sie erwarb so das Vertrauen, die Autorität, 
die Kraft, die sie befähigten, in der nahenden Revolution die Führung zu 
übernehmen. 

Aber nicht nur in der Sozialdemokratie, auch in den Reihen der herr- 
schenden Klassen hatte sich 1917 schon eine tiefe Wandlung vollzogen. 
Alter Gegensatz, in den ersten Kriegsjahren überbrückt, klaffte wieder auf: 
der Gegensatz zwischen dem Deutschtum und dem österreichertum wurde 
wieder lebendig. 

An der Front hatte es begonnen. Der preußische Offizier ließ es den 
österreichischen Kameraden fühlen, daß deutsche Divisionen nach jeder 
österreichischen Niederlage den schwachen Bundesgenossen retten mußten; 
preußischer Hochmut reizte das österreichische Selbstgefühl. Eifersüchteleien 
zwischen der deutschen Obersten Heeresleitung und dem k. u. k. Armee- 
oberkommando, Streit zwischen den beiden Diplomatien um das Trentino, 
um Polen, um „Mitteleuropa" verschärften den Gegensatz. Der Kampf um 
den Frieden ließ ihn offenbar werden. 

Die Tat Friedrich Adlers, der Ausbruch der russischen Revolution, die 
Maideklarationen der Tschechen und der Südslawen im Parlament hatten 
den Wiener Hof eingeschüchtert. Er sah, wie nach der russischen Revo- 
lution unter Tschechen, Polen, Südslawen die Bewegung für den Abfall vom 
Reiche erstarkte. Er sah die revolutionäre Gärung in den deutschöster- 
reichischen Arbeitermassen. Der Wiener Hof erkannte, daß nur schneller 
Friedensschluß das Reich noch retten konnte. Durch das Jahr 1917 ziehen 
sich die Versuche des Wiener Hofes, durch geheime Verhandlungen zu 
schnellem Frieden mit der Entente zu gelangen und den deutschen Bundes- 
genossen zu schnellem Friedensschluß mit der Entente zu bewegen. 

Noch war Habsburg nicht bereit, dem Frieden schwere Opfer zu bringen. 
Wohl bot Czernin im April 1917 dem Deutschen Reich die Angliederung 
Polens samt Galizien an, um es zur Abtretung Elsaß-Lothringens an Frank- 

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reich zu bewegen; aber er entwertete das Angebot sofort, indem er für den 
Erzherzog Karl Stephan die pchiische Königskrone verlangte. Wohl er- 
klärte sich im Mai 1917 Kaiser Karl bereit, das Trentino an Italien abzu- 
treten; aber er verlangte als Preis dafür die Abtretung italienischer Kolonien. 
Wohl wiederholte im Mai 1917 Czernin das Angebot an Deutschland, ihm 
Polen und Galizien zu überlassen; aber diesmal verlangte er als Preis dafür 
die Angliederung Rumäniens an die Monarchie. Je schwerer aber die Wirt- 
schaftsnot in der Monarchie wurde, je drohender die revolutionäre Bewe- 
gung ihrer Völker, desto mehr wuchs Habsburgs Friedenssehnsucht; desto 
eher war der Kaiser bereit, selbst mit schweren Opfern den Frieden zu 
erkaufen, um seinen Thron zu retten. Aber in Berlin stieß er auf ein 
starres Nein. Die deutschen Generale, die die Politik des Reiches be- 
stimmten, hofften noch auf den Sieg. Sie wollten nicht nur von der Ab- 
tretung Elsaß-Lothringens an Frankreich nichts hören; sie sprachen noch 
von der Annexion Lüttichs, von der Kontrolle der flandrischen Küste, von 
der Angliederung der russischen Randvölker. In Wien wuchs die Erbitterung 
gegen die deutschen Generale, die den rechtzeitigen Friedensschluß, der 
allein die Monarchie retten konnte, verhinderten. Der Wiener Hof begann 
die Trennung von Deutschland und einen Sonderfrieden mit der Entente zu 
erwägen. 

'Zum Sonderfrieden drängten die Kaiserin, die in französischen Tradi- 
tionen erzogene, Deutschland hassende Familie Parma-Bourbon. Zum 
Sonderfrieden rieten magyarische Diplomaten und kroatische Generale. 
Bi^^marcks Satz, keine große Nation werde „je zu bewegen sein, ihr Be- 
stehen auf dem Altar der Vertragstreue zu opfern", wurde am Hof das 
beliebteste Zitat. Der Kaiser schwankte. Aber schließlich wagte er doch 
den Sonderfrieden nicht. Er fürchtete die Auflehnung der Deutschöster- 
reicher. Er fürchtete vor allem die deutschen Generale. Er fürchtete, daß 
Deutschland den Sonderfrieden mit dem Einfall seiner Heere in das Gebiet 
der Monarchie beantworten werde. Schon im März 1917 hatte der Prinz 
Sixtus von Parma dem Kaiser für diesen Fall die Waffenhilfe der Entente 
gegen Deutschland zugesichert. Im November 1917 urteilte Czernin über die 
Wirkungen eines Sonderfriedens: „Die deutschen Generale werden nicht 
so dumm sein, zu warten, bis die Entente über Österreich na,ch Deutschland 
einfällt, sondern dafür sorgen, daß Österreich zum Kriegsschauplatz wird. 
Wir beenden also damit den Krieg nicht, wir wechseln bloß den Gegner 
und liefern einzelne bisher noch hievon verschonte Provinzen, so Tirol 
und Böhmen, der Kriegsfurie aus, um schließlich doch zertrümmert zu 
werden." Nach der russischen Oktoberrevolution, nachdem die Auflösung 
des russischen Heeres die große deutsche Ostarmee freigesetzt hatte, war 
diese Gefahr unzweifelhaft sehr ernst. 

So scheiterten alle Friedensbemühungen. Aber sie hatten ein folgen- 
schweres Nachspiel. Im April 1918 deckte Clemenceau das Geheimnis der 
durch den Prinzen Sixtus geführten Friedensverhandlungen auf. In dem 
Augenblick, in dem die deutsche Armee an der Westfront zu dem zweiten 
gewaltigen Offensivstoß eingesetzt hatte, von dem die Deutschnationalen 
den Durchbruch nach Paris und Calais, den endgültigen Sieg erhofften, in 
diesem Augenblick erfuhr Deutschösterreich, daß der Kaiser mitten im 
Krieg durch seinen im feindlichen Heere dienenden Schwager ,,das tapfere 

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französiselio Hocr" seiner SympaUiicn versichert und hinter Deutschlands 
Rücken seinen Schwager ermächtigt hatte, „Plerrn Poincarö, dem Prä- 
sidenten der französischen Repubhk, mitzuteilen, daß ich mit allen Mitteln 
und mit Anwendung meines ganzen persönlichen Einflusses bei meinen 
Verbündeten die gerechten Rückforderungsansprüche l'>ankreichs auf 
Elsaß-Lothringen unterstützen werde". Alle deutsch Gesinnten im öster- 
reichischen Bürgertum lehnten sich wild auf. Sie waren mit dem Kaiser 
unzufrieden, als er nach der russischen Revolution die „Belange" nicht 
zu oktroyieren wagte. Sie waren erbittert, als er, in der Zeit der Be- 
mühungen um den Frieden, den tschechischen „Hochverrätern" Amnestie 
gewährte. Jetzt, da des Kaisers Brief an den Bourbonen bekannt vv^urde, 
erschien ihnen der Kaiser nur noch als Verräter, an dem deutschen Bundes- 
genossen, der seit vier Jahren aber- und abermals mit deutschen Blutopfern 
das geschlagene österreichische Heer gerettet hatte. Mißtrauen, Verachtung, 
Haß gegen den Kaiser beherrschten jetzt das deutschnationale Bürgertum.' 
Ganz anders urteilten die altösterreichisch Gesinnten. Auch sie mochten 
•des Kaisers Methoden für falsch halten. Sein Ziel aber hielten sie für 
richtig. Daß nur schneller Friede, und sei es selbst ein Sonderfriede, das 
Reich retten könne, daß sich Österreich von Deutschland trennen, sich der 
Entente in die Arme werfen, sich in einen Bundesstaat autonomer Nationen 
umbilden müsse, um nicht gänzlich zu zerfallen, war auch ihre Über- 
zeugung. So entstand ein ganz eigenartiger österreichischer Pazifismus, in 
dem sich menschlicher Abscheu vor dem Kriege und pazifistischer Glaube 
■an Wilsons Friedensbotschaft mit altösterreichischem Patriotismus und alt- 
<)sterreichischem Preußenhaß. mit der Sorge um die Existenz der Monarchie 
und der Furcht vor der nationalen und der sozialen Revolution vermengten. 
Lammasch' Persönlichkeit gab dieser pazifistischen Strömung Bedeutung. 
Drüben die Deutschnationalen, die immer noch auf den Sieg der deut- 
•schen Waffen hofften, immer noch bis zu dem Deutschlands Macht 
mehrenden Siegfrieden durchhalten wollten. Hüben einerseits der patrio- 
tische Pazifismus, anderseits die Sozialdemokratie, die beide den Frieden, 
heide die innere Umbildung Österreichs zu einem Bundesstaat .freier 
Völker forderten. Einen Augenblick lang traten dem Alldeutschtum das 
pazifistische Altösterreichertum und die Sozialdemokratie vereint entgegen. 
Als Lammasch im Herrenhause den Schönburg und Pattai tapfer entgegen- 
trat, jubelten ihm die Arbeitermassen zu. Aber die Allianz zwischen dem 
patriotischen Pazifismus und der Sozialdemokratie währte nicht lang. Sie 
wurde gelöst durch die weitere innere Entwicklung der Sozialdemokratie. 
Die „Linke" hatte in den Jahren 1914 bis 1917 ihre Aufgabe innerhalb 
der deutschösterreichischen Sozialdemokratie erst zur Hälfte erfüllt. Vor- 
erst war es nur ein demokratischer Pazifismus, der in der Partei obsiegt 
hatte. Nun galt es, die Partei vom bloßen Pazifismus zur Erkenntnis ihrer 
revolutionären Aufgaben weiterzuführen. 

Im Herbst 1917 war es uns klar: Kommt der Friede nicht bald, dann 
endet der Krieg mit der Revolution. Und auch den Inhalt dieser Revolution 
konnte jeder, der die innere Entwicklung der nationalen Bewegungen der 
Tschechen, der Polen, der Südslawen im Jahre 1917 beobachtet hatte, vor- 
aussagen: zerbricht die Revolution den Herrschaftsapparat, der die 'zehn 
Nationen im Gehorsam hält, dann werden Tschechen, Polen, Südslawen 



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von Österreich-Ungarn abfallen, wird Österreich-Ungarn zerfallen. Nicht 
das war die Frage, ob die deutschösterreicliische Arbeiterscliaft wünsche, 
daß das Reich zerfällt; die Frage, die wir zu beantworten hatten, war viel- 
mehr, wie sich die deutschösterreichische Arbeiterschaft verhalten 
solle, wenn Tschechen, Polen, Südslawen das Reich zerfallen. 

Wir forderten seit 1899 die Umbildung Österreichs zu einem Bundes- 
staat freier Nationen. Im Verlaufe des Krieges war es klar geworden, daß 
sich Tschechen, Polen, Südslawen mit dieser Lösung ihres nationalen 
Problems nicht mehr begnügen werden, wenn die Revolution ausbricht; 
daß sie in der Revolution um ihre volle nationale Unabhängigkeit kämpfen 
werden. Unser Problem war: Kann sich die deutschösterreichische Sozial- 
demokratie der nationalen Revolution der slawischen Völker entgegen- 
stellen? Soll sie, wenn erst die Revolution kommt, die Nationen, die ihre 
volle Freiheit fordern, zu zwingen versuchen, daß sie sich mit der Auto- 
nomie innerhalb Österreichs bescheiden? 

Das Brünner Nationalitätenprogramm war eine revolutionäre Parole, 
als wir es 1899 dem Zentralismus der deutscliösterreichischen Bourgeoisie 
und dem Kronländerföderalismus des Feudaladels entgegenstellten. Es war 
eine revolutionäre Parole, als wir es 1908 bis 1914 dem kriegerischen Im- 
perialismus entgegenschleuderten. Es mochte allenfalls noch für eine 
revolutionäre Parole gelten, als die Partei es 1915 und 1916 der Oktroi- 
politik, den „Belangen" der deutschösterreichischen Bourgeoisie entgegen- 
warf. 1917 aber war es schon klar: Kommt die Revolution, dann wird die 
Umbildung der Monarchie zu einem Bundesstaat autonomer Nationen zui- 
Parole der Konterrevolution werden; zu dem Programm, das die Dynastie, 
die deutschösterreichische Bourgeoisie, die magyarische Gentry den Nationen, 
die um ihre vollständige Befreiung kämpfen, entgegenstellen werden. Unsere 
Frage war: Soll sich die deutschösterreic bische Arbeiterklasse in der 
nahenden Revolution an die Seite der Dynastie, der deutschösterreichischen 
Bourgeoisie, der magyarischen Gentry gegen die ihr uneingeschränktes 
Selbstbestimmungsrecht fordernden Nationen stellen? 

Wir erwogen: Schlägt die Stunde der Revolution, dann kann nur noch 
konterrevolutionäre Gewalt die Nationen dem Verband des österreichisch- 
ungarischen Staatswesens wieder einfügen. Aber konterrevolutionäre Gewalt 
kann nicht einen demokratischen Bundesstaat freier Völker aufrichten, sie 
kann nur mit den Mitteln der Gewalt die niedergeworfenen Völker zu- 
sammenhalten. Siegt die Revolution, so wird Österreich nicht zu einem 
Bundesstaat freier Völker werden, sondern zerfallen. Siegt die Konter- 
revolution, so wird sie nicht einen Bundesstaat freier Völker aufrichten 
können, sondern nur eine despotische Gewaltherrschaft, die mit den nieder- 
geworfenen Nationen auch die deutschösterreichischen Arbeitermassen 
despotisch niederhalten wird. 

Unsere Erwägungen führten zu dem Schluß: Kommt die Revolution, so 
dürfen wir nicht Arm in Arm mit den konterrevolutionären Mächten, mit 
der Dynastie, mit der deutschösterreichischen Bourgeoisie, mit der magyari- 
schen Gentry die Existenz Österreichs gegen die revolutionären Nationen 
verteidigen. Wir müssen das uneingeschränkte Selbstbestimmungsrecht der 
slawischen Nationen anerkennen. Und müssen aus dieser Anerkennung 
unseren Schluß ziehen: Erkennen wir das Selbstbestimmungsrecht der 

— 61 — 



slawischen Nationen an. so nuissrn wir dasselbe Selbsthestimmnngsrecht 
für das deulschösterreichische Volk fordern. Verwirklichen die slawischen 
Nationen ihre Einheit und Freiheit in neuen Nationalstaaten, so müssen 
wir die Einheit und Freiheit des deutschen Volkes zu verwirklichen ver- 
suchen durch den Anschluß Deutschösterreichs an Deutschland. Sprengt 
die nationale Revolution der slawischen Nationen das Ijeich, so müssen 
wir die revolutionäre Krise ausnützen für die Sache der sozialen Revo- 
lution; müssen wir auch auf unserem Boden die Dynastie stürzen, die 
demokratische Republik aufrichten, auf dem Boden der demokratischen 
Republik den Kampf um den Sozialismus beginnen. 

Wollten wir also die Partei zur Erfüllung ihrer Aufgaben in der nahen- 
den Revolution geistig vorbereiten, so mußten wir den Einfluß der Lehre 
Renners von der Notwendigkeit und Überlegenheit des „übernationalen 
Staates" brechen, die Massen zur bedingungslosen Anerkennung des Selbst- 
bestimmungsrechtes der Völker erziehen, das Brünner Nationalitäten- 
programm von 1899 überwinden, auf die alte Tradition der republikanischen 
Demokratie, ihre Tradition von 1848 her, zurückgreifen, daß die Aufgabe 
der österreichischen Revolution die Auflösung des österreichischen Staates 
selbst, die Aufrichtung freier Nationalstaaten auf seinen Trümmern sein 
werde. 

Ich hatte schon vor dem Kriege, schon seit der Annexians- 
krise, im „Kampf" die Auffassung vertreten, daß der nahende 
Krieg das revolutionäre Nationalitätsprinzip wieder auf die Tages- 
ordnung der Geschichte setzen werde. Als ich im September 1917 
aus der russichen Kriegsgefangenschaft heimkehrte, begann ich 
die Propaganda dieses Gedankens. Freilich, wollten wir öffentlich zu den 
Massen sprechen, so mußten wir innerhalb der Schranken bleiben, die die 
Preßzensur uns setzte. Wir konnten also nicht offen von der Revolution 
sprechen, sondern mußten sie als ,, vollen Sieg der Demokratie", als „Ein- 
berufung konstituierender Nationalversammlungen" umschreiben; wir 
konnten nicht offen die Auflösung Österreichs proklamieren, sondern sie 
nur umschreiben durch die Forderung, daß den Nationen nur diejenigen 
Angelegenheiten gemeinsam bleiben sollen, die sie durch freie Vereinbarung 
als gemeinsam feststellen. So fügte ich schon in die „Erklärung", die die 
„Linke" auf dem Oktoberparteitag 1917 verfocht, den folgenden, gegen 
Renner polemisierenden Satz ein: 

„Wie das soziale Prcblem nicht in bloßer Verwaltungsarbeit gelöst werden 
kann, sondern nur durch die Eroberung der politischen Macht durch das Prole- 
tariat, so kann auch das nationale Problem nicht durch ein paar Verwaltungs- 
gesetze gelöst werden, sondern nur durch den vollen Sieg der Demo- 
kratie. Nicht die Kreisverwaltung kann unsere Losung sein im Kampfe für 
die nationale Autonomie, sondern nur die Einberufung Konstituieren- 
der Nationalversammlungen der einzelnen Nationen, von 
denen jede die Verfassung und die Verwaltungsorganisation ihrer Nation 
souverän festsetzt und die Besorgung der gemeinsamen Angelegenheiten mit 
den anderen Nationen vereinbar t." 

Aber diese Gedankengänge waren der Partei noch imi Oktober 1917 so 
wenig vertraut, daß sie von dem Parteitag überhaupt nicht verstanden 
wurden. Derselbe Parteitag, der vor den Auffassungen der „Linken" über 
die Stellung der Partei zum Kriege zurückwich, nahm eine Resolution 

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Renners an, die eine demokratische Verwaltungsreförm als Grundlage der 
Umgestaltung Österreichs in einen NationaUtätenbundesstaat forderte, ohne 
daß auch nur die auf dem Parteitag anwesenden Vertreter der „Linken" 
dagegen Einspruch erhoben hätten. Erst die Ereignisse des Jänner 1918 
machten die deutschösterreichische Arbeiterschaft mit dem Gedanken des 
Selbstbestimmungsrechtes der Nationen vertraut. 

In Brest-Litöwsk verhandelten die Vertreter der Mittelmächte mit der 
Delegation der Sowjetrepublik über den Frieden. Gegen alle die „Anglie- 
derungs"-Pläne des deutschen und des österreichischen Imperialismus ver- 
focht Trotzki das Selbstbestimmungsrecht Polens, Litauens und Kurlands. 
Am 12. Jänner schlug der General Hoffmann mit der Faust drohend auf 
den Verhandlungstisch; die Protestversammlungen, die die Partei am 
folgenden Tage in Wien veranstaltete, zeigten die leidenschaftliche Erregung 
der Massen über den imperialistischen Vorstoß der deutschen Obersten 
Heeresleitung gegen die Sowjetrepublik. Die Erbitterung über die Ver- 
schleppung der Friedensverhandlungen wurde durch eine schwere Krise 
des Ernährungsdienstes verschärft. Als am 14. Jänner 1918 die Mehlration 
auf die Hälfte herabgesetzt wurde, traten die Arbeiter in Wiener-Neustadt 
in den Streik. Am folgenden Tage griff der Streik auf Ternitz, Wimpassing, 
Neunkirchen, das Triestingtal und St. Polten über. Die Bewegung breitete 
sich ungeregelt von Betrieb zu Betrieb, von Ort zu Ort aus. Der Partei- 
vorstand beschloß, sie zu vereinheitlichen und ihr ein politisches Ziel zu 
geben. Am 16. Jänner veröffentlichte die „Arbeiter-Zeitung" ein Manifest 
der Parteivertretung, das erklärte, das Volk wolle nicht „den Krieg gegen 
Rußland zu dem Zweck weiterführen, damit der Kaiser von Österreich 
zum König von Polen gewählt werde und damit der König von Preußen 
wirtschaftlich und militärisch über Kurland und Litauen verfüge". Das 
Manifest schloß mit den Worten: 

„Darum fordern wir euch. Arbeiter und Arbeiterinnen, auf, überall und immer 
wieder laut und nachdrücklich eure Stimme zu erheben und mit uns zu kämpfen: 

Für die schleunigste Beendigung des Krieges! 

Für den Frieden ohne offene und ohne verhüllte Eroberungen! 

Für den Frieden auf der Grundlage des unverfälschten Selbstbeslimmungs- 
rechtes der Völker!" 

Es zeugte von der tiefen Wandlung, die sich bereits vollzogen hatte, daß 
die Parteivertretung dieses Manifest erließ und daß die Zensur es, einer 
von Viktor Adler und Seitz dem Ministerpräsidenten Seidler aufgezwungenen 
Weisung gemäß, nicht mehr zu unterdrücken wagte. Der niederöster- 
reichische Streik hätte wohl auch ohne dieses Manifest Wiener Betriebe 
mitgerissen; das Manifest aber vereinheitlichte die ganze Bewegung. Am 
16. Jänner trat die ganze Wiener Arbeiterscha.c in den Streik. Am 17. und 
18. Jänner wurden auch die oberösterreichischen und die steirischen Indu- 
striegebiete von der Bewegung erfaßt. Am 18. Jänner trat auch die unga- 
rische Arbeiterschaft in den Ausstand. Die Riesenmasse der Streikenden, 
die wilde revolutionäre Leidenschaft ihrer Massenversammlungen, die Wahl 
der ersten Arbeiterräte in den Streikversammlungen — all das gab der Be- 
wegung grandiosen revolutionären Charakter und weckte in den Massen die 
Hoffnung, den Streik unmittelbar zur Revolution steigern, die Macht an 
sich reißen, den Frieden erzwingen zu können. 

- 63 — 



Das war nun froüich eine Illusion. Den mililärischcn Kommanden 
gelang es, sehr schnell bedeutende Streitkräfte in die Streikgebicte zu 
werfen: durchwegs rumänische, ruthenische, bosnische Truppen, mit denen 
sich die streikenden Arbeiter nicht verständigen konnten, eingeschüchterte 
junge Rekruten, die fest in der Hand ihrer Führer waren. Es unterlag 
keinem Zweifel, daß diese Truppen stark und verläßlich genug waren, jeden 
Versuch der Massen, den Streik zu revolutionärem Gewaltakt weiterzu- 
treiben, blutig niederzuwerfen. 

Aber selbst wenn der österreichische Militarismus über die Abwehr- 
kräfte gegen eine revolutionäre Erhebung nicht mehr verfügt hätte, wäre 
im Jänner 1918 nicht möglich gewesen, was im Oktober 1918 möglich 
geworden ist. Denn eben damals, in den Tagen von Brest-Litowsk, war der 
deutsche Imperialismus auf dem Höhepunkt seiner Macht. Die russische 
Armee hatte sich seit der Oktoberrevolution vollständig aufgelöst. Das 
Riesenheer der deutschen Ostfront war verfügbar geworden. Eine Million 
Mann konnte der deutsche Militarismus in den folgenden Wochen vom 
Osten nach dem Westen werfen. In dem Augenblick, in dem der deutsche 
Imperialismus über eine größere Reservearmee verfügte als jemals vorher 
oder nachher während des ganzen Krieges, hätte die österreichische Revo- 
lution nichts anderes bewirken können als die Invasion Österreichs durch 
die deutschen Heere. Deutsche Armeen hätten Österreich besetzt, wie sie 
kurze Zeit später unvergleichlich größere Gebiete in Rußland und der 
Ukraine besetzt haben, und hätten die österreichische Revolution nieder- 
geworfen, wie sie kurze Zeit später die Revolution in Finnland nieder- 
geworfen haben. Und da die Revolution zugleich die Südfront aufgelöst 
hätte, wären auf österreichischem Gebiet die vom Süden vordringenden 
Ententeheere mit den von Norden einbrechenden deutschen Heeren zu- 
sammengestoßen; Österreich wäre zürn Kriegsschauplatz geworden. 

Wir wußten, wie ernst die Gefahr einer deutschen Invasion war. Es 
war uns bekannt^ daß nur die Furcht vor der deutschen Invasion den 
Wiener Hof von dem Sonderfrieden abschreckte. Es war uns bekannt, daß 
auch die tschechischen Revolutionäre die deutsche Invasio ■>. fürchteten. 
Nichts war uns während des Jännerstreiks ein wichtigeres Symptom als die 
Haltung der tschechischen Arbeiterschaft. Nur Brunn, wo die den Wiener 
Gewerkschaften angeschlossenen Zentralisten die Führung hatten, wurde 
von dem Streik erfaßt. Das ganze große tschechische Gebiet, in dem die 
tschechoslawische Sozialdemokratie führte, blieb ruhig. Die tschecho- 
slawische Sozialdemokratie stand längst schon unter dem starken Einfluß 
der tschechischen revolutionären Führer, die die nationale Revolution der 
Tschechen vorbereiteten und von dem Nationalrat der tschechischen Emi- 
gration ihre Weisungen empfingen. Offenbar wünschten die Führer der 
tschechischen nationalen Revolution die Teilnahme der tschechischen 
Arbeiter an dem Streik nicht. Den Streik als Demonstration für den Frieden 
mit Sowjetrußland konnten sie als Verbündete der Entente nicht wünschen; 
denn die Entente hatte soeben mit Sowjetrußland gebrochen, weil es über den 
Frieden mit den Mittelmächten zu verhandeln beschloß. Die Steigerung des 
Streiks zur Revolution konnten sie noch weniger wünschen; denn ihre 
Taktik während des ganzen Krieges war durch die Überzeugung bestimmt, 
daß jede tschechische Revolution, solange der deutsche Imperialismus noch 

— 64 — 



nicht geschlagen war, nur zur Besetzung Böhmens und Mährens durch 
reichsdeutsche Truppen führen konnte. 

Diese Erkenntnisse mußten unsere Entschlüsse bestimmen. Wir hatten 
den Streik als eine große revolutionäre Demonstration gewollt. Die Steige- 
rung des Streiks zur Revolution selbst konnten wir nicht wollen. Darum 
mußten wir dafür sorgen, daß der Streik beendet werde, ehe Hungersnot 
die Streikenden zur Kapitulation zwingt, so beendet werde, daß die Macht 
und das Selbstvertrauen der Massen gestärkt wird. Der Parteivorstand for- « 
mulierte schon am ersten Tage des Wiener Streiks, am 16. Jänner, Forde- 
rungen an die Regierung. Der in den Streikversamralungen gewählte Ar- 
])eiterrat genehmigte diese Forderungen in seiner ersten Sitzung am 
18. Jänner. Die Regierung gab nach. Am 19. Jänner überreichte der 
Ministerpräsident einer Abordnung des Arbeiterrates eine Erklärung des 
Ministers des Äußern Czernin, in der sich dieser feierlich verpflichtete, die 
Friedensverhandlungen an keinerlei territorialen Fragen scheitern zu 
lassen, keinerlei Gebietserwerbungen auf Rußlands Kosten anzustreben, 
Polens Selbstbestimraungsrecht vorbehaltlos anzuerkennen; außerdem ver- 
sprach er Reformen des Kriegsleistungsgesetzes und des Ernährungs- 
dienstes und die Demokratisierung des Gemeindewahlrechtes. In 
der Nacht vom 19. auf den 20. Jänner nahm der Arbeiterrat nach leiden- 
schaftlichen Debatten den Antrag des Parteivorstandes an, die Arbeiter- 
schaft aufzufordern, sie solle die Arbeit am Montag, den 21. Jänner, wieder 
aufnehmen. Dieser Beschluß stieß in den von revolutionärer Leidenschaft 
erfaßten Massen auf heftigen Widerstand. In stürmischen Riesenver- 
sammlungen wurde um ihn gekämpft. In den meisten Betrieben wurde 
die Arbeit erst am Dienstag, in vielen erst am Mittwoch oder am Donners- 
tag wieder aufgenommen. 

In den stürmischen Versammlungen vor der Beendigung des Streiks 
trieben die „Linksradikalen" eine heftige Agitation. Diese kleine, von Franz 
Koritschoner geführte Gruppe hatte im Sommer 1917 auf einer Konferenz 
in St. Ägyd im Föhrenwalde bei Wiener-Neustadt Verbindungen mit der 
Arbeiterschaft des Wiener-Neustädter Industriegebietes angeknüpft. Im 
Jänner hatte ihre Agitation an der Ausbreitung des Wiener-Neustädter 
Streiks auf das niederösterreichische Industriegebiet einigen Anteil. 
.Jetzt warf sie sich dem Beschluß, den Streik abzubrechen, ent- 
gegen. Das militärische Aufgebot in den Streikgebieten, die ablehnende 
Haltung der tschechischen Arbeiter, die millionenköpfige Armee- 
reserve des deutschen Imperialismus — all das kümmerte sie nicht; ihr 
war die Beendigung des Streiks nackter „Verrat". Sie richtete ihren Angriff 
nicht nur« gegen den Parteivorstand, sondern auch gegen die „Linke", weil 
wir für die Durchführung der Beschlüsse des Arbeiterrates eintraten. Die 
Wege der „Linken" und der „Linksradikalen" schieden sich nun. Während 
die „Linke" allmählich die Partei für ihre Auffassungen gewann, stellten 
sich die „Linksradikalen" gegen die Partei. Im November 1918 kon- 
stituierten sie sich, mit einer Gruppe aus Rußland heimkehrender Kriegs- 
gefangener vereinigt, als Kommunistische Partei. 

Der Jännerstreik konnte nicht unmittelbar in die Revolution münden. 
Aber er war eine revolutionäre Demonstration von großer geschichtlicher 
Wirkung, die überaus viel dazu beigetragen hat, die Vorbedingungen der 

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Okiober- und Novemberrevolution zu schaffen Zunächst hat der Streik die 
Kecierung eingeschüchtert. Anfangs dachte man am Hofe daran, eine 
Militärdiktatur aufzurichten, die die rebellischen Arbeiter niederwerfen 
sollte; der General der Kavallerie Fürst Schonburg war zum Minister- 
präsidenten ausersehen. Aber der Kaiser wagte diese Herausforderung der 
Arbeiter nicht mehr. Vor dem Wiederausbruch des Streiks zitternd, wagte 
CS der Militarismus nicht mehr, seine Gewaltmittel gegen die Arbeiterschaft 
voll zu gebrauchen. Der Einfluß der Sozialdemokratie war gestärkt, unsere 
Bewegungsfreiheit erweitert, das Kriegsrecht in den Fabriken wesentlich 
gelockert. 

Noch folgenschwerer war die Wirkung des Sireiks auf die Armee. Der 
Kampf der Arbeiterschaft um den Frieden fand unter den kriegsmüden 
hungernden Soldaten lautes Echo. Die Gärung in den Truppen äußerte 
sich in einer Kette von Meutereien, die dem Jännerstreik folgten. In Juden- 
burg meuterten slowenische, in Fünfkirchen serbische, in Rumburg 
tschechische, in Budapest magyarische Truppen. In Gattaro schlug 
in den ersten Februartagen ein Streik der Arsenalarbeiter auf die 
Kriegsmarine über. Die Mannschaft der Kriegsschiffe hißte rote 
Flaggen, sie setzte die Offiziere gefangen und forderte Friedens- 
schluß auf Grund der „14 Punkte" Wilsons. Erst die vom Hafen- 
kommando zu Hilfe gerufene Flottendivision von Pola, von deutschen 
U-Booten unterstützt, zwang die Meuterer zur Kapitulation. Die Meutereien 
wurden niedergeworfen. Aber wie sehr der Jännerstreik unsere Macht 
gestärkt, die Herrschenden eingeschüchtert hatte, zeigte sich darin, daß 
es dem Eingreifen der sozialdemokratischen Abgeordneten in den meisten 
Fällen gelang, die Hinrichtung der zum Tode verurteilten Meuterer zu ver- 
hindern. Unter den Truppen aber breiteten sich revolutionäre Ideen immer 
weiter aus. Sie gewannen noch an Kraft, als nach dem Friedensschluß mit 
der Sowjetrepublik Zehntausende Kriegsgefangene, die in Rußland die Re- 
volution erlebt hatten, heimkehrten und in die Truppen eingereiht wurden. 
Zugleich gewann aber die revolutionäre Idee selbst auch größere Be- 
stimmtheit. Der Jännerstreik hatte die Forderung nach dem Frieden mit 
der Forderung nach der Anerkennung des Selbstbestimmungsrechtes der 
Völker verknüpft. Daß nur die vorbehaltlose Anerkennung des Selbst- 
bestimmungsrechtes der Nationen dem Krieg em Ende setzen könne, wurde 
im Jännerstreik und durch den Jännerstreik zur Überzeugung der deutsch- 
österreichischen Arbeiterschaft. Damit erst begann die deutschöster- 
reichische Arbeiterschaft die Aufgabe zu begreifen, die ihr die nahende 
nationale Revolution der Tschechen, Jugoslawen und Polen stellen mußte. 
Diese Aufgabe mußte nun näher bestimmt werden. 

An demselben 20. Jänner, an dem in stürmischen Massenversamm- 
lungen für und wider die Beendigung des Streiks gekämpft wurde, kamen 
im Eisenbahnerheim in Wien einige Vertreter der „Linken" und der 
tschechischen Zentralisten zusammen; auch ein polnischer und ein 
slowenischer Sozialdemokrat waren gekommen. Wir waren überzeugt, daß 
der Augenblick der Revolution noch nicht gekommen war; darum waren 
wir mit der Einstellung des Streiks einverstanden. Wir waren überzeugt, 
daß der Augenblick der Revolution nahte; darum waren wir zusammen- 
gekommen, um uns über die konkreten Aufgaben des Proletariats in der 

— 66 — 



nationalen Revolution zu verständigen. Das Ergebnis dieser Beratungen war 
das „Nationalitätenprogramm der Linken". 

Die Darlegungen des Nationalitätenprogramms gingen von der l''est- 
stellung aus, daß die slawischen Nationen der Monarchie einen Entwick- 
lungszustand erreicht haben, in dem sie die Fremdherrschaft und die Zer- 
stückelung nicht mehr ertragen. „Sie fordern ihr volles Selbstbestirnmungs- 
recht. Sie werden es erringen, sobald der volle Sieg der Demokratie die 
Gewalten, die die^ Völker knechten, überwindet." Was wird nun — das ist 
die Frage, die das Programm zu beantworten sucht • — die internationale; 
Sozialdemokratie in dieser nahenden Stunde zu tun haben? Das Programm\ 
sagt darüber: 

„Die deutsche Sozialdemokratie kann als demokratische, als internationale,, 
als revolutionäre Partei diese Entwicklung nicht bekämpfen. Sie nnuß das- 
Selbstbestimmungsrecht der tschechisclien Natiuu, sie muß- 
das Recht der Slowenen, Kroaten und Serben auf ili re Ver- 
einigung in einem südslawischen Gemeinwesen anerkennen^ 
Sie muß die Forderung nach der Vereinigung des ganzen polni- 
schen Volkes, also auch des polnischen Volkes in Galizien und Schlesien,, 
mit dem unabhängigen Polen unterstützen. 

Die Deutschen bilden nur eine Minderheit der Bevölkerung Österreichs. Die 
Vorherrschaft der deutschen Bourgeoisie in Österreich beruht nur auf poli- 
tischen und sozialen Vorrechten. Sie wird daher durch den wirtschaftlichen und 
kuturellen Aufstieg der anderen Nationen erschüttert. Sie wird vollständig 
zusammenbrechen durch den Sieg der Demolcratie. Durch ihn gelangen die 
slawischen und romanischen Völker Österreich-Ungarns zu ihrer eigenen 
Staatlichkeit; eben dadurch löst sich aber aus dem österreichischen Völker- 
gemenge Deutsch Österreich als ein besonderes Gemein- 
wesen heraus. Ist dieses konstituiert, so wird es seine Beziehungen zum 
Deutschen Reiche nach seinen Bedürfnissen und seinem Willen selbständig 
ordnen können. 

Für das Proletariat ist die Demokratie Lebensbedürfnis. Die deutsche Sozial- 
demokratie kann daher die politischen und sozialen Vorrechte nicht aufrecht- 
erhalten, auf denen die nationale Vorherrschaft der deutschen Bourgeoisie in 
Österreich beruht. Aber gerade indem die deutsche Arbeiterklasse diese Vor- 
rechte niederreißt und dadurch die Befreiungsbestrebungen der nichtdeutschen 
Nationen unterstützt, bereitet sie die Einheit und Freiheit der 
deutschen Nation, die Vereinigung aller Deutschen in 
einem demokratischen deutschen Gemeinwesen vor. 

Anderseits muß die tschechische, die polnische und die südslawische 
Sozialdemokratie jeden Versuch der Bourgeoisien ihrer Nationen bekämpfen, im 
Namen der Freiheit der eigenen Nation andere Nationen zu knechten. Die 
tschechische Sozialdemokratie muß die Forderung der tschechischen Bourgeoisie, 
daß dem tschechischen Staate auch die deutschen Gebiete Böhmens 
und Mährens, die deutschen und die polnischen Gebiete Schlesiens 
einverleibt werden sollen, unbedingt bekämpfen. Die polnische Sozial- 
demokratie muß die nationalistische Forderung, daß dem polnischen Staate die 
ukrainischen Gebiete Ostgaliziens, daß ihm auch litauische und 
weiß russische Gebiete einzuverleiben seien, unbedingt ablehnen. Die süd- 
slawische Sozialdemokratie muß jeden Plan der Bereicherung ihres Volkes auf 
Kosten der Italiener, der Albaner oder der Bulgaren unbedingt 
zurückweisen." 

Von diesen Grundsätzen ausgehend, forderte das Programm: eine voll- 
kommen souveräne Konstituierende Nationalversammlung für jedes ge- 
schlossene Sprachgebiet; Entscheidung der Grenzstreitigkeiten durch Volks- 
abstimmung, keine staatsrechtliche Gemeinsamkeit zwischen den Nationoii 
als diejenige, die sie etwa freiwillig miteinander vereinbaren. 

- 67 - r* 



Das Programm zog aus der Anerkennung des Selbslbestimmungsrechtos 
der Nationen die letzte Konsequenz, indfem es zum erstenmal die „Ver- 
einigung aller Deutschen in einem demokratischen deutschen Gemein- 
vvresen" — so mußten wir der Zensur wegen die Republik umschreiben — 
also den Anschluß Deutschösterreichs an Deutschland, forderte. Es griff damit 
auf die Traditionen a'ou 1818. die Traditionen der sechziger .fahre zurück. 
Freilich, mit einer wesentlichen Abweichung. Im Jahre 1848 waren die 
Tschechen und die Südslawen noch unentwickelte Bauernyölker gewesen; 
alle bürgerliche Kultur in Böhmen, Mähren, Krain war noch deutsch. Ihr 
Gegensatz gegen die nationale Revolution der Deutschen, der Magyaren, der 
Italiener halte damals Tschechen und Slowenen zu Stützen der habs- 
burgischen Konterrevolution gemacht. Ein tschechischer, ein jugoslawi-scher 
Nationalstaat wäre damals nur als Vasallenstaat des zarischen Rußland 
denkbar gewesen. Darum hat die Demokratie von 1848 den Tschechen 
und den Slowenen keineswegs das Recht auf selbständige Staatlichkeit zu- 
gesprochen. Ihr Ziel war das Aufgehen der historischen deutschen Bundes- 
länder Österreichs einschließlich der tschechischen und der slowenischen 
Gebiete in einer deutschen Republik, neben der nur die revolutionären 
historischen Nationen — Italiener, Magyaren und Polen — ihre selbstän- 
digen Nationalstaaten begründen sollten. In den siebzig Jahren seither hatte 
£!ch die Lage völlig verändert. Tschechen und Südslawen hatten ihre eigene 
bürgerliche Kultur entwickelt, sie waren jetzt die Träger der nationalen 
Revolution gegen Habsburg, sie konnten nach der russischen Revolution 
nicht mehr zu Werkzeugen des Zarismus werden. Das Nationalitäten- 
programm der Linken konnte daher nicht mehr den Anschluß der histori- 
schen deutschen Bundesländer, sondern nur den Anschluß der deutschen 
Sprachgebiete Österreichs an Deutschland fordern. Es mußte nicht nur den 
historischen Nationen — Italienern, Polen und Magyaren — sondern auch 
den ehemals geschichtslosen Nationen — Tschechen, Jugoslawen und 
Ukrainern — das Selbstbestimmungsrecht zuerkennen. 

Das Nationalitätenprogramm der Linken ist in den Tagen von Brest- 
Litowsk, den Tagen des Kampfes der russischen Revolution mit dem 
deutschen Imperialismus formuliert worden. Als eine Proklamation gegen 
den deutschen Imperialismus war das Programm zunächst gedacht. Da- 
mals, nach der Auflösung der russischen Armee, war der deutsche Im- 
perialismus siegessicherer denn je. Es war die Zeit seiner verwegensten 
Pläne. In Brest-Litowsk wollte er Kurland und Litauen an Deutschland an- 
gliedern, Polen zwischen Deutschland und Österreich teilen. Wenige Tage 
später erstreckten sich die deutschen Angliederungspläne auch schon auf 
Livland und Estland. In Finnland sollten deutsche Truppen einen deutschen 
Fürsten einsetzen, in der Ukraine setzten sie den Hetman als Deutschlands 
Vasallen ein. Der Friede von Bukarest sollte Rumänien der deutschen Volks- 
wirtschaft hörig machen. Zugleich bereitete Ludendorff die große Offensive 
im Westen vor, die Frankreich niederwerfen, Deutschland die wirtschaft- 
liche und militärische Verfügung über die flandrische Küste sichern sollte. 
So gestaltete sich damals als Ziel des deutschen Krieges ein ungeheures 
Imperium, das in dem zur Wehr- und Wirtschaftsgemeinschaft vereinten 
„Mitteleuropa" die zehn Nationen Österreich-Ungarns unter deutsches 
Kommando stellen, im Westen Belgien und die französischen Err-gebiete 



— 68 — 



von Longwy und Briey, im Os^en die russischen „Randvölker" vom 
Finnischen Meerbusen bis zum Schwarzen Meer, im Südosten Rumänien, 
den Balkan und die Türkei bis zum Persischen Golf unter deutsche Ober- 
hoheit stellen sollte. Diesen Herrschaftsplänen des deutschen Imperialismus 
stellten wir das Prinzip des Selbstbestimmungsrechtes der Völker, dem all- 
deutschen Gedanken eines „Mitteleuropa", durch das die deutsche Bour- 
geoisie über fünfundzwanzig kleinere Nationen herrschen sollte, den alten 
Gedanken der großdeutschen Republikaner von 1848 entgegen, daß das 
deutsche Volk seine Einheit und Freiheit nur erlangt, wenn es die Freiheit 
und Einheit der anderen Nationen anerkennt. Im Kampfe gegen die all- 
deutschen Eroberungspläne ist der großdeutsche Einheitsgedanke wieder- 
erstanden. Friedrich Adler hat später den Gegensatz so formuliert: „Nicht 
.alldeutsch, das heißt: so weit der deutsche Säbel reicht, sondern groß- 
deutsch, das heißt: so weit die deutsche Zunge klingt." Während der 
deutsche Imperialismus den phantastischen Projekten der Ausdehnung 
seiner Herrschaft über fremde Völker Gut und Blut der Nation opferte, 
dachten wir bereits die Politik der deutschen Zukunft vor: den Weg, d^-n 
allein das deutsche Volk gehen konnte, sobald erst das Unentrinnbare 
geschehen, der deutsche Imperialismus an der Übermacht der von ihm 
herausgeforderten Völker der Welt gescheitert, alle deutsche Herrschaft 
über fremde Völker zusammengebrochen war. 

Die geschichtliche Bedeutung des Nationalitätenprogramms der Linken 
bestand eben darin, die Partei auf die Aufgaben der Zukunft vorzubereiten, 
in der ihr die Führung der Nation zufallen mußte. Zunächst rief das 
Programm innerhalb der Partei heftigen W^iderstand hervor; besonders 
von Renner wurde es leidenschaftlich bekämpft. So führte das Programm 
■zu einer heftigen Debatte in den Spalten des „Kampfes", die in viele 
Parteisitzungen und Parteikonferenzen übertragen wurde. In diesen 
Debatten, durch diese Debatten rang sich die Partei allmählich zu bestimmten 
Vorstellungen von der nahenden Revolution und von den Aufgaben der 
Partei in der nahenden Revolution durch. In dem Maße, als die Niederlage 
der Mittelmächte und die innere Auflösung Österreichs den Parteigenossen 
erkennbar wurden, setzten sich im Verlauf des Sommers 1918 die Auf- 
fassungen, die die Linke in dem Nationalitätenprogramm formuliert hatte, 
innerhalb der Partei durch. Am 3. Oktober beschloß der Klub der deutschen 
sozialdemokratischen Abgeordneten eine Resolution, durch die er sich die 
Grundsätze des Nationalitätenprogramms der Linken aneignete. Wir 
Averden diese Resolution noch kennen lernen; denn mit ihr begann 
eigentlich die Oktoberrevolution. Noch in der Vorberatung dieser Resolution 
hatte Renner, nur mehr von wenigen Abgeordneten unterstützt, sie 
bekämpft; wenige Tage später beugte auch er sich der Entscheidung, die 
die Geschichte bereits gefällt hatte, erkannte auch er, daß es nunmehr 
keinen anderen Weg mehr gab als den, den die „Erklärung" der Linken 
schon auf dem Oktoberparteitag 1917 angedeutet, den das Nationalitaten- 
programm der Linken schon während des Jännerstreiks 1918 deutlich 
beschrieben, zu dem sich die Partei in den Diskussionen über das 
Nationalitätenprogramm der Linken im Verlauf des Sommers 1918 allmählich 
durchgerungen hatte. Damit erst waren die Gegensätze innerhalb der 
Partei vollständig überwunden. Die Partei hatte eine einheitliche Auf- 



69 — 



fassung ihrer näclislon Aufirabcn wiedoriüowonncn. Einig und geschlossen 
ging sie im Oktober und November 1918 den Weg des Nationalitäten- 
programms der Linken. 

Die „Linke" war die treibende Kraft der großen inneren Entwicklung 
gewesen, die die Partei im Verlauf des Krieges durchgemacht, durch die sie- 
sieh auf die Erfüllung ihrer Aufgaben in der Revolution vorbereitet hat. 
Beide Riclitungen innerhalb der Partei aber, die Rechte und die Linke^ 
haben gleiches Verdienst da.ran, daß die Gegensätze innerhalb der Partei 
nicht durch die Siialtung der Partei versteinert, sondern durch die innere 
Entwicklung des Parteiganzen überwunden wurden. Unter der weisen 
Führung Viktor Adlers, Seitz' und Austerlitz' hat die Mehrheit der Partei 
ihre Auffassungen,- die sich verändernde historische Situation erkennend,, 
allmählich berichtigt, ihre Haltung der sich wandelnden Stimmung der 
Massen allmählich angepaßt, den Gegcnsatz^^ der Linke und Rechte schied,, 
allmählich aufgelöst. Der ganze Verlauf der Revolution ist wesentlich 
dadurch bestimmt worden, daß die Partei als einheitliche Kraft in die 
Revolution eintrat. 



7n — , 



Zweiter Aoschnitt 

Der Umsturz. 

§ 5. Die Bildung der Nationalstaaten. 

Liteiatni: 

Nowak, Der Sturz der Mittelmächte. München 1921. — Kerchnawe, Der Zu- 
sammenbruch der österreichisch-ungarischen Wehrmacht im Herbst IJlö. 
München 1921. 

Redlich, Heinrich Lammasch als Ministerpräsident. „Heinrich Lammasch. Seme 
Aufzeichnungen, sein Wirken und seine Politik." Wien 1922 -Nowak, Chaos. 
München 1922 — Andrässy, Diplomatie und Weltkrieg. Berlin 1920. — bteno- 
graphische Protokolle über die Sitzungen der Provisorischen Nationalversamm- 
lung für Deutschösterreich. Wien 1919. 

Rasin Pfevrat z 28. fijna, und Scheiner, Vojensky pfevrat v Praze. „Maffie", 
Praha 1919 — Soukup a Rasin, Närodni Vybor a 28. fljen. „Närodni shromazdgnf 
V prvnim roce republiky." Praha 1919. — Tschuppik, Die tschechische Revolution. 
Wien 1920. 

Siäic, Dokument! o postanku kraljevine SHS. Zagreb 1920. 

Vierjähriger Krieg hatte die k. u. k. Armee, das einst so gewaltige 
Herrschaftsinstrument, das die auseinanderstrebenden Nationen Habsburg 
im Gehorsam erhielt, zerbröckelt. Noch hielt sie an der Piave stand. Noch 
hielt sie in Polen und in der Ukraine, in Serbien und in Rumänien, in 
Montenegro und in Albanien weite Gebiete besetzt. Aber Monat für Monat 
-schwand ihre Kraft dahin. 

Das „Menschenmaterial" war versiegt. „Von den fünfzehn Einheiten 
der Isonzoarmee", meldete Ende September 1918 der Verbindungsoffizier 
•dem Armeeoberkommando, „verfügen sieben über weniger als ein Drittel, 
drei über die Hälfte und nur fünf Divisionen über zwei Drittel der vor- 
geschriebenen Feuergewehrstände." Die Artillerie einzelner Brigaden hatte 
nicht mehr Mannschaft genug, den vollen Geschützstand zu bedienen. Bei 
vielen Formationen mußten vier, sechs, acht, ja seihst zehn Pferde von 
einem Manne gewartet werden. 

Man war nicht mehr imstande, die Truppen zu ernähren. Die fleisch- 
losen Tage wurden immer häufiger. Und fleischlose Tage waren Hunger- 
tage. ,,Früh und abends leerer schwarzer Kaffee, mittags ein inhaltloses 
Dörrgemüse ohne Fett, hiezu bestenfalls 60 Gramm Käse oder Kürbis", 
■das war nach dienstlicher Meldung Ende Septem*Der die Ernährung der 
Kampftruppen an der unteren Piave. Der Hunger machte die Truppen 
aktionsunfähig. „Eine normale mehrstündige miUtärische Schulung halten 
die Mannschaften körperlich nicht mehr aus", meldeten die Kommandanten. 

— 71 — 



„Bei einer nivision ist das Durchschnitlskörpcrgcwicht des Mannes 
50 Kilogramm", meldete das Kommando der 6. Armee. „Monatelange Auf- 
besserung der Verpflegung wäre not\v(>ndig, um die Armee erst wieder 
zum Bewegungskrieg physisch fähig zu machen", meldete dasselbe 
Kommando. „Jeder Deserteur im Hinterland, selbst wenn er in den 
Wäldern versteckt leben muß, kann sich besser ernähren als der Sdldat 
an der Front", damit erklärten Offiziere und Mannschaften dem Ver- 
bindungsoffizier des Oberkommandos die Zunahme der Desertion. 

Wie mit der Ernährung stand es mit der Bekleidung. „Jeder Mann 
besitzt durclischnittlich eine Garnitur Wäsche. Es kommen aber Fälle 
vor, wo nicht einmal mehr eine volle Garnitur vorhanden ist, da Hemd 
oder Unterhose fehlen. Man muß diese Wäsche gesehen haben, um erst 
einen Begriff über das Elend zu bekommen! Der eine hat keine Ärmel 
mehr am Hemd, dem anderen fehlt der Rückenteil, der dritte besitzt nur 
halbe Unterhosen oder Fragmente von Fußfetzen ... Bei einem Front- 
regiment fehlt jedem dritten Mann der Mantel", so meldete der der Isonzo- 
armee zugeteilte Generalstabsoffizier des AOK. „Der ärmste Bosniak 
schämt sich vor der venezianischen Zivilbevölkerung seiner Lumpen; 
Mannschaften aus den ärmsten Gegenden Dalmatiens sagen: Mi nismo 
junaci, nego prosjaci (Wir sind nicht Helden, sondern Bettler)", fügte 
derselbe Offizier hinzu. 

Mit unzulänglicher technische^ Rüstung sah sich der Soldat dem Feinde 
preisgegeben. Die feindliche Artillerie donnerte die Infanteriestellungen 
nieder. "^Die eigene Artillerie mußte schweigen, weil ihr Munitionsnachschub 
längst versiegte. Unmittelbar vor feindlichem Angriff mußten viele- 
Geschütze aus der Stellung gezogen werden, weil es an Pferden fehlte, sie 
zu bespannen. Im Luftkampf war der Feind weit überlegen; der Infanterist 
sah sich ohne Schutz dem feindlichen Flieger preisgegeben. 

All das lastete auf den Seelen. Die schwachen Stände erlaubten nicht 
hinreichend häufige Ablösung, hinreichend häufigen Urlaub. Den jungen 
Burschen, die man aus den Mittelschulen geholt und über alte Familien- 
väter als Kommandanten gesetzt, fehlte jede moralische Autorität. Jeder 
Brief aus der Heimat erzählte von der Verzweiflung der Frauen, von dem 
Hunger der Kinder. Und mitten in all der Verzweiflung sah der Mann bei 
den höheren Stäben aufreizende Gelage, hörte er von den Profiten des 
Kriegsgewinnertums daheim, wußte er in den Kanzleien des Hinterlandes 
die Unentbehrlichen zu Hunderttausenden in Sicherheit . . .. 

Die Mannszucht begann sich zu lösen. In Bergen und Bauerngehöften 
hielten sich Heere von Deserteuren versteckt. Zwischen den Fronten fuhren 
Heere von Drückebergern, Geschäfte machend, hin und her. In den Wäldern 
des Südens sammelten sich die „grünen Kaders". 

'Mit dieser Armee hatte man im Juni noch eine Offensive gewagt. Sie 
hatte um den Preis furchtbarer Menschenopfer nichts gebracht als den Be- 
weis der sich vollziehenden Auflösung. Nun wußte es jeder: es ging dem 
Ende zu. 

Freilich, österreichisch-ungarische Niederlagen war man seit dem Be- 
ginn des Krieges gewöhnt. In der Stunde der Not hatten deutsche Heere den 
vom Kriegsbeginn an geschlagenen Verbündeten immer wieder gerettet. 



72 — 



Jetzt aber wußte man, daß auch Deutschland nicht mehr reden konnte. Im 
Westen war Ludendorfts große Offensive gescheitert. Der Marscliall J^och 
war am 18. Juli zum Gegenangriff übergegangen. Und nun kam, was früher 
oder später kommen mußte. Der Feind hatte die Übermaclit du Zaiil. Der 
Feind^ der über den Ozean, der über die fruchtbaren Ebenen, über die Roh- 
stofflager, über die Industrien der Welt verfügte, hatte den ungleich besser 
genährten Soldaten, die ungleich vollkommenere technische Rüstung. In 
entsetzlichem Ringen räumten Schritt für Schritt die deutschen Heere den 
-blutig eroberten Boden. Seit dem 8. August war Deutschlands Niederlage 
nicht melir zu bezweifein. In banger Spannung harrte nun alles des Un- 
vorsteilbaren. Unentrinnbaren, das nun komm.en mußte. 

Und jeder wußte, daß es gekommen war, als am 15. September die 
iranzösische Infanterie des Generals Franchet d'Esperey die bulgarische 
Front auf dem Dobropolje durchbrach. Die bulgarische Armee, längst schon 
physisch, technisch, moralisch noch tiefer zerrüttet als die österreichisch- 
ungarische, löste sich völlig auf. Die geschlagenen Truppen stürmten das 
Hauptquartier in Küstendil und marschierten drohend gegen Sophia. Am 
29. September unterzeichnete Bulgarien den Waffenstillstandsvertrag. 

An demselben Tage forderte Ludendorff, die Mittelmächte mögen die 
Entente um sofortigen Waffenstillstand bitten. Das System der preußisch- 
deutschen Obrigkeitsregierung brach zusammen. In Berlin wurde unter der 
Leitung des Prinzen Max von Baden, unter der Mitwirkung der Sozial- 
demokratie eine parlamentarische Regierung gebildet. In der Nacht vom 
3. auf den 4. Oktober ging Deutschlands Bitte um Waffenstillstand und 
Friedensverhandlungen an den Präsidenten Wilson ab; Österreich-Ungarn 
und die Türkei schlössen sich dieser Bitte an. 

Die Mittelmächte hatten die vierzehn Punkte Wilsons als Grundlage der 
Friedensverhandlungen angenommen. Der zehnte der vierzehn Punkte hatte 
für die Völker Österreich-Ungarns „Möglichkeit autonomer Entwicklung" 
gefordert. Die Entente hatte den Tschechen, den Polen, den Jugoslawen die 
Befreiung feierlich versprochen. ^Es war klar, daß ohne die Befreiung der 
slawischen Völker der Friede nicht zu erlangen war. Aber noch hoffte 
Habsburg, die Nationen mit der Autonomie innerhalb seines Reiches be- 
friedigen zu können. Am 1. Oktober verkündete der Ministerpräsident 
Hussarek im Abgeordnetenhaus als Programm der Regierung die Föderali- 
sierung Österreichs, die Umwandlung des österreichischen Staates in einen 
Bundesstaat autonomer Nationen. Was das Brünner Nationalitätenprogramm 
der österreichischen Sozialdemokratie im Jahre 1899 gefordert hatte; was in 
der Reichskrise von 1905 als ein mögliches- Ziel aufgetaucht und mit dem- 
Verrat Habsburgs an der ungarischen Demokratie im Annexionsjahr 1908 
für immer zur Utopie geworden war — daran suchte sich jetzt, in der 
Sterbestunde, Habsburg zu klammern. Zu spät! Tschechen, Jugoslawen, 
Polen antworteten Hussarek: nichts könne sie mehr befriedigen als völlige 
Unabhängigkeit! Ratlos stand Habsburg den Nationen gegenüber, die nun 
ihre Stunde gekommen sahen. 

Und ebenso ratlos war die deutschösterreichische Bourgeoisie. Sie hatte 
■Bich soeben noch über die tschechischen „Hochverrätter" entrüstet, soeben 
noch der abermaligen Ankündigung eines „deutschen Kurses" durch den 
Ministerpräsidenten Seidler zugejubelt, hatte bis zur letzten Stunde noch 

— 73 - 



die Aufrcchlcrhaltung, ja dio Bofosligung dor deutschon Vorherrschaft 
innerhalb Österreichs erhofft. Auch ihr war nun alles zusatnmengel)ro('hon. 
Nie waren die Gegensätze zwischen den deutschbürgerlichen Parteien 
und der dculschösterreichischen Sozialdemokratie so schroff gewesen wie 
im letzten Kriegsjahr. Jetzl, da ihre ganze Politik gescheitert war, wandten 
sich die bürgerlichen Parteien an die Sozialdemokratie. „Bei den Tschechen'' 
sind bürgerliche Parteien und Sozialdemokraten längst im Cesky svaz, bei 
den Polen alle Parteien im Polenklub vereinigt; wäre solches Zusammen- 
wirken nicht auch für uns Deutsche möglich?" Am 3. Oktober versammelte 
sich der Klub der deutschen sozialdemokratischen Abgeordneten, um die 
Anfrage der deutschbürgerlichen Parteien zu beantworten. Seine Antwort 
lautete: 

„Die Vertreter der deutschen Arbeiterschaft in Österreich erkennen d a s- 
Selbstbestimmungsrecht der slawischen und rumä- 
nischen Nationen Österreichs an und nehmen dasselbe Recht auch 
für das deutsche Volk m Österreich in Anspruch. Wir erkennen das Heclit der 
slawischen Nationen an, ihre eigenen Nationalstaaten zu bilden; wir lehnen aber 
unbedingt und für immer die Unterwerfung deutscher Gebiete unter diese- 
Nationalstaaten ab. Wir verlangen, daß alle deutschen Gebiete Österreichs zu 
einem deutschösterreichischen Staat vereinigt werden, der seme- 
Beziehungen zu den anderen Nationen Österreichs und zum Deutschen 
Reiche nach seinen eigenen Bedürfnissen regeln soll." 

Unsere Antwort war klar. Wir forderten als Bedingung des Zusammen- 
wirkens mit den bürgerlichen Parteien den völligen Bruch mit aller bis- 
herigen deutschösterreichischen Politik: Anerkennung des uneingeschränkten 
Selbstbestimmungsrechtes der nichtdeutschen Nationen. Wir forderten eine 
revolutionäre Tat: nicht die gesamtösterreichische Gesetzgebung soll unsere 
Zukunft bestimmen, unsere Beziehungen zu den anderen Nationen regeln; 
wir wollen unseren eigenen deutschösterreichischen Staat bilden, der,, 
unbekümmert um den bisherigen österreichischen Rechtszustand, selbst 
entscheiden soll, ob er sich mit den Nationalstaaten, die die anderen öster- 
reichischen Nationen bilden werden, zu einem Staatenbund vereinigen oder- 
ob er sich dem Deutschen Reiche anschließen soll. 

An demselben Tage, an dem der Klub der deutschen sozialdemokrati- 
schen Abgeordneten diesen Beschluß gefaßt hat, wurde in Berlin die erste 
parlamentarische Regierung gebildet, und entsagte in Sofia Ferdinand von 
Bulgarien dem Thron; wenige Stunden später wurde die Waffenstillstands- 
bitte der Mittelmächte an Wilson abgeschickt. Nun gab es für Deutsch- 
österreich keinen anderen Weg mehr als den, den die Sozialdemokratie ihm 
wies. Am 4. Oktober schon beschlossen die deutschnationalen Parteien, 
„die allgemeinen Grundsätze der Resolution der deutschen sozialdemo- 
kratischen Partei als Grundlage der weiteren Verhandlungen anzunehmen". 
Die Christlichsozialen zögerten noch; erst am 9. Oktober stimmten auch sie, 
auch jetzt noch mit dem Vorbehalt zu. Österreich solle in „eine Föderation 
freier nationaler Gemeinwesen" umgewandelt werden, der sich der zU' 
schaffende deutschösterreichische Staat einzugliedern habe. 

Nun begannen die mündlichen Verhandlungen zwischen den deutschen 
Parteien. Die bürgerlichen Parteien dachten zunächst immer noch an die 
Bildung eines gemeinsamen Parteienverbandes innerhalb des österreichi- 
schen Abgeordnetenhauses nach dem Beispiel des Cesky svaz und des- 

— 74 — 



Folenklubs. Wir antworteten: Nichts da! Es handelt sich nicht um das 
österreichische Abgeordnetenhaus, dessen Uhr abgelaufen ist, sondern um 
den deutschösterreichischen Staat, der gegründet werden muß. Alle Ab- 
geordneten deutschösterreichischer Wahlbezirke zusammen sollen die Grün- 
dung des deutschösterreichischen Staates proklamieren, sich als Provisorische 
Nationalversammlung dieses Staates konstituieren und eine Regierung 
für diesen Staat einsetzen. Es war eine parlamentarische Revolution, die 
wir vorschlugen. Die bürgerlichen Parteien zögerten. Aber die Ereignisse 
■der folgenden Tage zwangen sie auf unseren Weg. 

Im Süden drang die Armee Franchet d'Espereys schnell vor. Die 
schwachen deutschen und österreichisch-ungarischen Streitkräfte mußten, 
der Übermacht weichend. Schritt für Schritt zurückgehen. Die serbischen 
Truppen näherten sich den Grenzen Bosniens und Kroatien^. Die süd- 
:slawischen Länder rüsteten zu ihrem Empfang. Am 5. Oktober trat^ in 
Agram eine Versammlung von Abgeordneten aller Parteien und aller Gebiete 
'des slawischen Südens der Monarchie zusammen. Sie begründete am fol- 
genden Tage das „Narodno Viiece". In seiner Proklamation an die Nation 
erklärte das Vijece, seine Aufgabe sei die „Vereinigung aller Slowenen, 
Kroaten und Serben zu einem nationalen freien und unabhängigen Staat" 
-und schon in den folgenden Tagen begann es, die Organisation des wer- 
denden jugoslawischen Staates vorzubereiten. 

Am 7. Oktober proklamierte der polnische Regentschaftsrat in Warschau 
die Bildung eines unabhängigen polnischen Staates aus allen drei Teilen 
Polens. Der Regentschaftsrat löste zugleich den Staatsrat auf und kündigte 
die Einsetzung einer Regierung an. Der Polenklub im österreichischen 
Abgeordnetenhause huldigte am 9. Oktober dem Regentschaftsrat. Am 
15. Oktober erließ die polnische Abgeordnetenversammlung in Krakau eine 
Proklamation an das polnische Volk: „Das unabhängige freie vereinigte 
Polen beginnt sein eigenes staatliches Leben zu führen. Wir betrachten 
uns als Bürger des polnischen Staates, dem allein wir Treue und Gehorsam 
schulden." Die ukrainischen Abgeordneten beantworteten diese Kund- 
gebung damit, daß sie einen ukrainischen Nationalrat nach Lemberg 
für den 19. Oktober einberiefen. 

Für den 14. Oktober ordnete der tschechische Närodni Vybor große Massen- 
kundgebungen gegen die Ausfuhr von Lebensmitteln und Kohle aus dem 
tschechischen Sprachgebiet an. Der Prager „Sozialistische Rat" beschloß, diese 
Kundgebungen mit einer Demonstration für die Republik zu verbinden. 
Es war die erste unzweideutig republikanische Kundgebung: im ganzen 
tschechischen Gebiet ruhte die Arbeit, die demonstrierenden Arbeitermassen 
forderten die unabhängige tschechische Republik. Aber diese Kundgebung 
war mehr als eine mächtige Demonstration. Die Massen hatten gegen die 
Ausfuhr von Nahrungsmitteln aus den Sudetenländern nach Deutsch- 
österreich und an die Front demonstriert. Und in der Tat begann vom 
folgenden Tag an diese Ausfuhr zu stocken: die tschechischen Landwirte 
steUten die Lieferungen an die staatliche Getreideverkehrsanstalt ein, die 
tschechischen Beamten der Prager Filiale der Kriegsgetreideverkehrsanstalt 
leiteten keine Transporte mehr nach Wien, die tschechischen Eisenbahner 
hielten alle Lebensmitteltransporte an der nieder- und der oberöster- 
reichischen Grenze an. Die Tschechen hatten die Blockade über Deutsch- 



- 75 



öslcrroich und über die Fronl verhängt; sie wurde binnen wenigen Tagen 
fühlbar. 

An demselben Hr. Oktober, an dem der Generalstreik der tschechischen 
Arbeiter den Umsturz in den tschechischen Ländern ankündigte, teilte 
Dr. Benes den Enlcntcrcgicrungen mit, daß sich in Paris „im Einvernehmen 
mit den politischen Führern in unseren Ländern" die erste tschechische 
Regierung konstituiert habe; Masaryk sei zum Präsidenten, Bene§ zum 
Minister des Äußern, Stcfanik zum Kriegsminisler ernannt. Schon am 
folgenden Tage erkannte Frankreich diese Regierung an. Zwei Tage später, 
am 17. Oktober proklamierte Masaryk in Washington, die tschecho- 
slowakische Republik trete ins Leben. 

Im Hauptquartier in Baden wußte mAn. daß die italienische Heeres- 
leitung eine gewaltige Offensive gegen die hungernde, zerlumpte, zerrüttete 
k. u. k. Armee in Venetien vorbereite. Wilson aber ließ Habsburgs Bitte 
um Waffenstillstand immer noch unbeantwortet. Er wechselte mit dem' 
Deutschen Reiche Noten über die Waffenstillstandsbedingungen; Österreich- 
Ungarn würdigte er überhaupt keiner Antwort. Eine furchtbare Angst wurde 
am Hofe wach: Wollte die Entente der Monarchie überhaupt keinen Frieden 
mehr bewilligen? 

Der Kaiser versuchte es, mit den Nationen selbst zu verhandeln. Am 
12. Oktober empfing er in Baden 32 Abgeordnete aller Nationen. Er hatte 
ein „Völkerministerium" im Sinne. Aber Tschechen und Südslawen ant- 
worteten, sie hätten in einer österreichischen Regierung nichts mehr zu 
tun. Sie hätten nur eines zu fordern: Übergabe der ganzen Regierungs- 
gewalt in ihrem Gebiet an ihre Nationalräte und Räumung ihres Gebiets 
durch alle Truppen fremder Nationalität. 

Der Hof sah, daß sich der offene Aufruhr in Böhmen, in Kroatien, in 
Galizien vorbereitete. Aber hatte man noch die Macht, den Aufruhr 
niederzuschlagen? Sind die schwachen hungernden Landsturmformationen 
im Hinterland gegen die Volksmassen noch verläßlich? Und wenn sie es 
selbst wären: alles hing davon ab, ob die Entente doch noch vor dem 
Beginn der drohenden italienischen Offensive einen Waffenstillstand 
bewilligt; konnte man die Gnade der Entente hoffen, wenn man die 
Volker, die die- Entente als ihre Bundesgenossen anerkannt hatte, blutig 
niederwarf? So verzichtete denn Habsburg auf jede Gegenwehr. 

Nun sahen auch die deutschbürgerlichen Parteien, daß sich das deutsch- 
österreichische Volk nicht an das untergehende Reich klammern, daß es 
sein Geschick in seine eigene Hand nehmen mußte. Sie stimmten unserer 
Forderung, daß sich die deutschösterreicjii sehen Abgeordneten als Provi- 
sorische Nationalversammlung des deutschösterreichischen Staates kon- 
stituieren und die volle Gesetzgebungs- und VoUziehungsgew^alt in dem neu 
zu errichtenden Staate für sich in Anspruch nehmen sollten, endlich zu. Dem 
Kaiser blieb nun nichts anderes mehr übrig, als den Schein der Macht 
noch dadurch aufrechtzuerhalten, daß er ausdrücklich erlaubte, was ohne 
seine Erlaubnis schon beschlossen, schon in Durchführung war. So ent- 
schloß sich der Kaiser zu dem Manifest vom 16. Oktober. „Österreich soll",. 
so sagte das kaiserliche Manifest, „zu einem Bundesstaat werden, in dem. 
jeder Volksstamm auf seinem Siedlungsgebiet sein eigen(>s staatliches Ge- 

— 76 — 



meinwesen bildet. Der Vereinigung der polnischen Gebiete Österreichs mit 
dem polnischen unabhängigen Staate wird hiedurch in keiner Weise vor- 
gegriffen." An dieser Umgestaltung sollen die Völker „durch Nationalräte 
mitwirken, die, gebildet aus den Reichsratsabgeordneten jeder Nation, die 
Interessen der Völker zueinander sowie im Verkehr mit Meiner Regierung 
zur Geltung bringen sollen". Soweit das Manifest zur Bildung dieser 
Nationalräte aufforderte, legalisierte es nur einen schon im Gange befind- 
lichen Prozeß. Zugleich aber zeigte das Manifest nur noch einmal, wie 
unmöglich es war, die sich auflehnenden Nationen mit der Monarchie zu 
versöhnen. Die ungarische Regierung hatte es durchgesetzt, daß in das 
Manifest Hie Bestimmung aufgenommen wurde, durch die Neugestaltung 
Österreichs dürfe „die Integrität der Länder der ungarischen heiligen Krone 
in keiner Weise berührt werden"; damit war den Südslawen die nationale 
Vereinigung auch nur innerhalb des Reichsrahmens, war den Tschechen 
die Angliederung der Slowakei verwehrt. Und die ganze Umgestaltung 
wollte das Manifest „auf gesetzlichem Wege vollenden"; als ob die Völker 
noch bereit gewesen wären, sich das Maß ihrer Selbständigkeit von der 
Krone und den beiden Häusern des österreichischen Reichsrates zuweisen 
zu lassen! Mit Hohn lehnten alle slawischen Völker dieses Manifest ab. 
Nichts anderes mehr als die volle Unabhängigkeit — so antwortete der 
Närodni Vybor, der am 19. Oktober in Prag zusammentrat, und an dem- 
selben Tage das Narodno Vijece in Agram. 

So stellte sich nun endlich auch Deutschösterreich auf den Boden der 
nationalen Revolution. Am 21. Oktober versammelten sich im Sitzungssaal 
des niederösterreichischen Landtages die Reichsratsabgeordneten aller 
deutschen Wahlbezirke. Dr. Waldner, der Obmann des Verbandes der 
deutschnationalen Parteien, eröffnete die Versammlung. „Die Geschichte", 
sagte er, „hat uns Deutsche zu Gründern des alten Staates Österreich ge- 
macht, und wir haben diesem Staat durch die Jahrhunderte in unver- 
brüchlicher Treue und in selbstloser Aufopferung unser Bestes an Kultur 
und Wirtschaft hingegeben. Ohne Dank scheiden wir nun aus diesem 
Staate, um unsere Volkskraft auf uns allein zu stellen und aus ihrem un- 
versiegbaren Born hoffnungsvoll ein neues, nur unserem Volke allein 
dienendes Gemeinwesen aufzubauen." Einstimmig faßte die Versammlung 
den folgenden Beschluß: 

„Das deutsche Volk in Österreich ist entschlossen, seine künftige staatliche 
Ordnung selbst zu bestimmen, einen selbständigen deutschöster- 
reichischen Staat zu bilden und seine Beziehungen zu den 
anderen Nationen durch freie Vereinbarungen mit ihnen zu 
regeln. 

Der deutschösterreichische Staat beansprucht die Gebietsgewalt über das 
ganze deutsche Siedlungsgebiet, insbesondere auch in den Sudeten- 
ländern. Jeder Annexion von Gebieten, die von deutschen Bauern, Arbeitern und 
Bürgern bewohnt werden, durch andere Nationen wird sich der deutschöster- 
reichische Staat widersetzen. Den Zugang des deutschen Volkes zum Adriatischen 
Meer wird er durch Vereinbarungen mit den anderen Nationen sicherzustellen 
suchen. 

Das deutsche Volk in Österreich wird eine Konstituierende Natio- 
nalversammlung wählen. Die Konstituierende Nationalversammlung, auf 
Grund des allgemeinen und gleichen Wahlrechtes gewählt, wird die Ver- 
fassung des deutschösterreichischen Staates festsetzen. 

— 77 - 



Bis zum Zuscunmenlritt der Konstituierenden Nalionalvoisaiunilung obliegt 
den Reichsratsabgeordneton der deutschen Wahlbezirke die Pflicht, das deutsche 
Volk in Österreich zu vertreten. Die Gesamtheit der deutschen Abgeordneten des 
österreichischen Reichsrales bildet daher die Provisorische National- 
V e r s a m m 1 u n g für Deutschosterreich. 

Die Provisorische Nationalversammlung beansprucht das Recht, bis zum 
Zusannnentritt der Konstituierenden Nationalversammlung das deutsche Volk 
in Österreich bei den Friedensverhandlungen zu vertreten, Verhand- 
lungen mit den anderen Nationen über die Übertragung der Ver- 
waltung an die neuen Nationalstaaten und über die Neugestaltung 
der Beziehungen zwischen den Nationen zu führen und eine Gesetz- 
g e b u n g s- und V o 1 1 z u g s g e w a 1 1 einzurichten. Die Provisorische 
Nationalversammlung wird die Wahlordnung festsetzen, auf Grund deren 
die Konstituierende Nationalversammlung gewählt werden soll, und sie wird die 
Organisation der neuen Verwaltung des deutschösterreichischen Staates vor- 
l)ereilen. Die Provisorische Nationalversammlung wird ihre besondere Aufmerk- 
samkeit der schweren wirtschaftlichen Not des deutschen Volkes in Österreich 
zuwenden, sie wird sich vor allem bemühen, die Gefahren zu bekämpfen, die 
■infolge des Stockens der Lebensmittelzufuhr drohen, und wird die zu 
diesem Zwecke erforderlichen Verhandlungen führen." 

Demgemäß beschloß die AbgeordnetenversaiTimlung, sich als Provi- 
sorische Nationalversammlung zu konstituieren und einen Vollzugsaus- 
.-^(•huß als Keimzelle der zu schaffenden deutschösterreichischen Regierung 
EU. wählen. 

Im Namen der Sozialdemokraten sprach Viktor Adler. Er begann mit 
einem Gruß an die Nachbarvölker. „Wir entbieten", so sagte er, „in dieser 
Stunde unseren brüderlichen Gruß unseren slawischen und romanischen ■ 
Genossen. Wir beglückwünschen sie dazu, daß ihre Völker der Verwirk- 
lichung ihres so leidenschaftlich, so zäh, so opferbereit erstrebten Selbst- 
bestimmungsrechtes endlich nahe sind. Wir erkennen dieses Selbst- 
bestimmungsrecht ohne Vorbehalt und ohne Einschränkung an. Wir fordern 
es ebenso ohne Vorbehalt und ohne Einschränkung auch für unser deutsches 
Volk." Deutschösterreich solle sich „mit den Nachbarvölkern zu einem 
freien Völkerbund vereinen, wenn die Völker dies wollen. Lehnen aber die 
anderen Völker eine solche Gemeinschaft ab oder wollen sie ihr nur unter 
Bedingungen zustimmen, die den wirtschaftlichen und den nationalen Be- 
dürfnissen des deutschen Volkes nicht entsprechen, dann wird der deutsch- 
österreichische Staat, der, auf sich selbst gestellt, kein wirtschaftlich ent- 
wicklungsfähiges Gebilde wäre, gezwungen sein, sich als besonderer 
Bundesstaat dem Deutschen Reiche anzugliedern". In jedem Falle aber 
solle sich Deutschöstereich als demokratische Republik konstituieren und 
solle es zunächst ohne Säumen, „ohne sich durch die Schranken der bis- 
herigen, nun völlig zusammengebrochenen Verfassung hindern zu lassen", 
eine deutschösterreichische Regierung bilden, die die Verwaltung Deutsch- 
Österreichs schleunigst übernehmen müsse. Damit waren die nächsten Auf- 
gaben klar bezeichnet: Bildung einer Regierung, tatsächliche Übernahme 
der Regierungsgewalt, Republik, Anschluß an Deutschland! 

Aber so weit waren die bürgerlichen Parteien noch nicht. Schrafil er- 
klärte im Namen der Christlichsozialen, Steinwender im Namen der 
Deutschnationalen, daß sie an der konstitutionellen Monarchie festhalten. 
Erst die Ereignisse der folgenden Woche rissen auch diese Schranken 
tiicder. 



Am 18. Oktober hatte Wilson endlich auch Österreich-Ungarns Bitte um 
Waffenstillsland beantwortet; an demselben Tage, an dem Masaryk dem 
Staatsdepartement in Washington die tschechische Unabhängigkeits- 
erklärung übergeben hatte. Wilsons Antwort, die in Wien erst am 21. Ok- 
tober, am Tage der Konstituierung der Provisorischen Nationalversammlung, 
bekannt wurde, raubte Habsburg die letzte Hoffnung. Sie lautete: 

„Der Präsident hält es für seine Pflicht, der österreichisch-ungarischen 
Regierung zu erklären, daß er sich dem gegenwärtigen Vorschlag dieser Regierung 
wegen gewisser Ereignisse von großer Bedeutung, die sich seit Abgabe seiner 
Adresse vom 8. Jänner zugetragen haben, nicht anschließen kann. 

Unter den 14 Bedingungen, die der Präsident damals formuliert hatte, kam 
die folgende vor: ,,Den Völkern Österreich-Ungarns, deren Platz unter den 
Nationen wir gescliützt und gesichert zu sehen wünschen, soll die Möglichkeit 
autonomer Entwicklung gewährt werden." 

Seitdem dieser Satz geschrieben und vor dem Kongreß der Vereinigten 
Staaten ausgesprochen wurde, hat die Regierung der Vereinigten Staaten 
anerkannt, daß der Kriegszustand zwischen den Tschecho- 
slowaken einerseits, dem 'Deutschen und dem öster- 
reichisch-ungarischen Staat anderseits, besteht und daß der 
tschechoslowakische Nationalrat eine de facto krieg- 
führende Regierung ist, berufen, die militärischen und politischen 
Angelegenheiten der Tschechoslowaken zu vertreten. 

Sie hat auch in weitestgehender Weise die Gerechtigkeit der nationalen 
Ansprüche der Jugoslawen nach Freiheit anerkannt. 

Der Präsident verlügt daher nicht mehr über die Freiheit, die bloße Auto- 
nomie dieser Völker als Grundlage des Friedens anzuerkennen. Er ist vielmehr 
gezwungen, darauf zu bestehen, daß diese Völker selbst, nicht er 
Richter darüber sein sollen, welche Maßnahmen der öster- 
reichisch-ungarischen Regierung genügen werden, um die 
Ansprüche dieser Völker und ihre Auffassung von ihren Rechten und von ihrer 
Bestimmung als Mitglieder der Familie der Nationen zu befriedigen." 

Der Präsident erklärte: Keinen Frieden ohne volle Befriedigung der 
Tschechen und der Jugoslawen. Die Tschechen und die Jugoslawen aber 
hatten längst erklärt, daß nichts sie voll befriedigen könne als die voll- 
ständige Unabhängigkeit. Die vollkommene Unabhängigkeit der Tschechen 
und der Jugoslawen war zur Bedingung des Waffenstillstands geworden! 

Auf den Waffenstillstand aber konnte Habsburg nicht länger warten. 
Der Beginn der großen italienischen Offensive an der italienischen Front 
stand unmittelbar bevor. Am 24. Oktober setzte sie tatsächlich ein. Es war 
klar, daß die hungernde, zerlumpte, technisch mangelhaft ausgerüstete 
Armee dem Angriff nicht werde standhalten können. Es war um so klarer, 
als sich die Anzeichen der Aullösung in der Armee selbst mehrten. Seit dem 
20. Oktober liefen täglich Meldungen über Meutereien magyarischer und 
slawischer Trappenkörper auf dem Balkankriegsschauplatz ein. Seit dem 
24. Oktober forderten magyarische Truppen in Tirol und in Venetien ihren 
Abtransport nach Ungarn, wo sie die bedrohte Heimat verteidigen wollten. 
Am 23. Oktober hatten kroatische Truppen in Fiume die nationale Fahne- 
gehißt, die ungarischen Honveds und die Stadtpolizei entwaffnet, sich der 
Stadt bemächtigt. Habsburg mußte es versuchen, den Kampf an der 
italienischen Front, der zu vollständiger Zerschmetterung der Armee führen 
mußte, um jeden Preis zu beenden, sofortigen Waffenstillstand um jeden 
Preis zu erlangen, um sich wenigstens einen Teil der Armee zu retten. 

- 79 — 



Denn nur wenn das gelang, konnte Habsburg hoffen, seine Herrschalt 
wenigstens in Deutschösterreich und in Ungarn noch zu behaupten. 

Indessen ging der Notenwechsel zwischen Wilson und der deutschon 
Regierung weiter. Am 2-i. Oktober, dem Tage des Beginns der italienischen 
Offensive, wurde eine neue Note Wilsons an die deutsche Regierung 
bekannt. Wilson ericlärte da: „Wenn die Vereinigten Staaten jetzt mit 
militärischen Beherrschern und monarchischen Autokraten verhandeln 
sollen, oder wenn es wahrscheinlich ist, daß sie später mit ihnen über die 
völkerrechtlichen Verpflichtungen des Deutschen Reiches zu verhandeln 
haben werden, müssen sie nicht Friedensverliandlungen, sondern Übergate 
verlangen." Damit war die Frage der monarchisclieii Staatsform für 
Deutschland aufgeworfen. Damit war zugleich klar geworden, daß Öster- 
reich-Ungarn sofortigen Waffenstillstand an Deutschlands Seite nicht 
erlangen konnte. Nun entschloß sich Habsburg, seine Sache, von der Sache 
Deutschlands zu trennen. Durch Angebot eines Sonderfriedens hoffte 
Habsbu.rg den sofortigen Waffenstillstand zu erlangen, Habsburgs Schicksal 
von dem der Hohenzollern, deren Sturz Wilson forderte, zu trennen und die 
monarchische Staatsform in dem Rest, der von der Habsburgermonarchie 
jioch übrig bleiben konnte, zu retten. Am 26. Oktober, an demselben Tage, 
an dem Ludendorff seines Amtes enthoben wurde, telegraphierte der Ivaiser 
Karl an den Kaiser Wilhelm: 

.,Die Ordnung im Innern und das monarchische Prinzip sind in der 
ernstesten Gefahr, wenn wir dem Kampf nicht sofort ein Ende bereiten. Selbst 
die nuiigsten bundesbrüderlichen Gefühle müssen vor der Erwägung zurück- 
stehen, daß ich den Bestand jener Staaten rette, deren Geschick mir die göttliche 
Vorsehung anvertraut hat. Deshalb kündige ich Dir an, daß ich den unabänder- 
lichen Beschluß gefaßt habe, innerhalb vierundzwanzig Stunden um einen 
Separatfrieden und um einen sofortigen Waffenstillstand anzusuchen." 

■ Die magyarische Oligarchie hatte zum Sonderfrieden gedrängt; nur 
durch ihn glaubte sie Ungarn noch retten zu können. Als ihr Vertrauens- 
mann war schon am 24. Oktober Graf Julius Andrassy zum Minister des 
Äußern ernannt worden. Zugleich hatte der Kaiser den Professor Lammasch 
mit der Neubildung der österreichischen Regierung betraut, da sich der Hof 
zum Sonderfrieden, zur Kapitulation vor Tschechen und .fugoslav\'en ent- 
schloß, suchte er Zuflucht bei dem patriotischen Pazifismus, der längst 
schon nur durch den Bruch mit Deutschland, durch die Verständigung mit 
der Entente, durch die Versöhnung mit den Nationen das Reich retten zu 
I^önnen glaubte. Am 26. Oktober, dem Tage des Telegramms an den ICaiser 
Wilhelm, wurde die Regierung Lammasch, deren bedeutendste Mitglieder 
die Professoren Josef Redlich und Ignaz Seipel waren, gebildet. Da nach 
der Antwortnote Wilsons die Übergabe der tatsächlichen Regierungsgewalt 
an die Tschechen und Jugoslawen als Bedingung des Waffenstillstandes 
anerkannt werden mußte, erhielt die Regierung Lammasch den Auftrag, 
„im fortlaufenden Einvernehmen mit den Nationalregierungen die Über- 
leitung der zentralen Verwaltung in die Verwaltung der Nationalstaaten 
durchführen". In der Nacht vom 27. auf den 28. Oktober ging die Antwort- 
note Andrassys an Wilson ab und gleichzeitig bekam der General der 
Infanterie v. Weber den Befehl, in das italienische Hauptquartier mit der 
Bitte um sofortigen Waffenstillstand abzugehen. 

— 80 - 



Andrassys Antwort an Wilson war die Todesurkunde der Monarchie. Die 
österreichisch-ungarische Regierung erklärte, daß sie „der in der letzter 
Note des Herrn Präsidenten enthaltenen Auffassung über die Rechte dei 
Völker Österreich-Ungarns, speziell jene der Tschechoslowaken und Jugo- 
slawen, zustimmt". Damit war die Unabhängigkeit »der Tschechoslowakei 
und der Jugoslawen tatsächlich anerkannt, hatte Habsburg jedem Wider- 
stand gegen ihre Trennung von der Monarchie bereits entsagt. Zugleicl'. 
erklärte sich Österreich-Ungarn aber auch bereit, „ohne das Ergebnis 
anderer Verhandlungen abzuwarten, in Verhandlungen über einen 
Frieden zwischen Österreich-Ungarn und den gegnerischen Staaten und über 
einen sofortigen Waffenstillstand einzutreten"; damit -hatte Habsburg dem 
Separatfrieden zugestimmt, es hatte mit dem Deutschen Reich gebrochen 
imd dadurch wurde nun 'auch das Verhältnis des deutschösterreichischen 
Bürgertums zu Habsburg vollständig umgewälzt,, wurde auch in Deutsch- 
österreich die Revolution vorwärtsgetrieben. 

Am 28. Oktober wurde Andrassys Note in Prag bekannt. Die Massen 
strömten jubelnd auf die Straße. Die Häuser wurden mit den nationalen 
Fahnen geschmückt. Auf der Straße wurde geredet, gesungen, getanzt. Die 
österreichischen Hoheitszeichen wurden von den Häusern gerissen. Die 
Soldaten schmückten ihre Kappen mit der Nationalkokarde. Indessen 
fuhren Vertreter des Närodni Vybor zuerst in die Kriegsgetreideverkehrs- 
anstalt, dann in die' Statthalterei und in das Gebäude der Landes- 
verwaltungskommission, um die Behörden im Namen des Närodni Vybor zu 
übernehmen. Sie stießen auf keinen Widerstand. Überall leisteten die 
Beamten dem Närodni Vybor sofort das Gelöbnis der Treue. Um 3 Uhr nach- 
mittag ließ das Militärkommando ein ungarisches Bataillon auf den Alt- 
städter-Platz ausrücken, um den Platz zu räumen; auf energisches Ver- 
langen des Närodni Vybor wurde das Bataillon wieder zurückgezogen. 
Zugleich wurden die wichtigsten Plätze der Stadt von bewaffneten Kom- 
pagnien tschechischer Sokoln (Turner) besetzt; die Mannschaft einiger 
militärischer Magazine und Formationen hatte ihnen die Waffen aus- 
geliefert. In den Abendstunden stellten sich tausend tschechische Offiziere 
und die in Prag anwesende tschechische Mannschaft in den Dienst des 
Närodni Vybor; aus ihnen wurden militärische Abteilungen formiert, die 
die Sokoln verstärkten. Um 8 Uhr abend verhandelten die Vertreter des 
Närodni Vybor mit dem kommandierenden General Kestranek, während 
bewaffnete Sokoln in das Gebäude des Militärkommandos eindrangen. Der 
General erkannte an, daß die in den Dienst des Närodni Vybor über- 
getretenen tschechischen Offiziere und Soldaten den Kommanden 
der Sokoln unterstehen, verpflichtete sich, nichts gegen die 
neuen Gewalthaber zu unternehmen, behielt sich aber das Kom- 
mando über die in Prag stehenden deutschen und ungarischen Truppen- 
körper bis zu ihrem Abtransport vor. Am folgenden Tage proklamierte 
der Närodni Vtbor, daß der tschechoslowakische Staat ins 
Leben getreten, die Regierungsgewalt im .ganzen tschechischen Sprax;h- 
gebiet in seiner Hand sei. Der böhmische Statthalter, der an diesem Tage 
i^on Wien nach Prag zurückkehrte, wurde bei seiner Ankunft verhaftet. An 
demselben Tage unterstellte sich die k. k. Staatspolizei dem Närodni Vybor. 
^ber noch war die militärische Gewalt nicht ganz in seiner Hand. An 

— 81 — R 



diesem Ta^c ergaben sich Konflikte zwischen dem neifen tschechischen und 
dem noch bestehenden k. u. k. Militärkommando. Am 30. Oktober drangen 
tschechische Truppen in das Militärkommando ein, die ungarischen Truppen 
lieforten ihnen ohne Widersland Waffen und Munition aus, der General 
Kestranek legte die Kommandogewalt nieder und übergab sie dem Mrodnf 
Vybor. Damit erst war die ganze Macht in die Hände der neuen nationalen 
Regierung übergegangen. 

Dramatischer, pathetischer vollzogen sich die Ereignisse in Kroatien. 
Die ]\Ieuterei der kroatischen Truppen in Fiume am. 23. Oktober hatte die 
Bewegung eingeleitet. Große Demonstrationen im. Gebiet von Ogulin waren 
gefolgt, zu deren Unterdrücku];ig die Militärbehörden keine Assistenzen 
mehr aufzutreiben vermochten. Am 28. hatte die kroatische Mannschaft der 
Kriegsflotte, von der Mannschaft der anderen Nationen passiv unterstützt, 
zu meutern begonnen; auf jedem Schiff wurden Mannschaftskomitees' 
gebildet, die am folgenden Tage schon die Kommandogewalt übernahmen. 
Am 29. Oktober trat in Agram der Sabor zusammen. Er beschloß: „Alle bis- 
herigen staatsrechtlichen Beziehungen zwischen dem Königreich Kroatien, 
Slawonien und Dalmatien einerseits, dem Königreich Ungarn und dem 
Kaisertum Österreich anderseits sind aufgehoben. Der kroatisch-ungarische 
Ausgleich wird für nichtig erklärt. Das Königeich erklärt sich für einen 
unabhängigen Staat, der beitritt dem nationalen souveränen Staat der Slo- 
wenen, Kroaten und Serben. Der Sabor erkennt das Narodno Vijece als die 
oberste Regierung an." Auf Grund dieses Beschlusses des verfassungs- 
mäßigen Landtages übernahm das Narodno Vijece die Regierungsgew^alt. 
Der Banus IMihalovic und der kommandierende General Snjaric unter- 
stellten sich der nationalen Regierung. Am folgenden Tage erzwangen die 
meuternden Matrosen in Pola die förmliche Übergabe der gesamten k. u. k. 
Kriegsflotte an den südslawischen Staat. 

Zugleich gewann aber auch in Deutschösterreich die republikanische 
Bewegung Kraft. Sie ging von der Arbeiterschaft aus. Sie war geweckt 
worde^n durch die republikanische Demonstration der tschechischen 
Arbeiter am 14. Oktober. Sie hatte ihr Stichwort empfangen aus der Er- 
klärung, die Viktor Adler bei der Konstituierung der Provisorischen National- 
versanimlung am 21. Oktober abgegeben, in der er die Republik gefordeft. 
hatte. Sie drängte nach der Vollendung, als die Prager Ereignisse vom 
28. Oktober in Wien bekannt wurden. Am 29. Oktober schickten die- 
Arbeiter vieler Wiener Betriebe Deputationen in das Parlament, die von der 
Partei forderten, sie solle unverzüglich eine Massendemonstration für die- 
Republik organisieren. 

Aber seit Andrassys Bitte um den Separatfrieden hatte die republi- 
kanische Bewegung mit einemmal auch das deutschnationale Bürgertum 
erfaßt. Schon seit Clemenceaus Enthüllung der Friedensintrigen des Kaisers 
mit Sixtus von Parma standen die Deutschnationalen dem , Kaiser voll 
Mißtrauens, voll Verachtung gegenüber. Jetzt, da Habsburg in der Stunde der 
höchsten Not Deutschlands mit Deutschland brach, brachen sie mit Habs- 
burg. Sie hatten Habsburgs blutige Gewaltherrschaft gestützt, so lange sie- 
deutschem Kommando die Verfügung über die Volkskraft der slawischen 
und romanischen Völker sicherte. Jetzt, da sich Habsburg in der Hoffnung 
von Deutschland trennte, durch die Gnade der Entente den Rest seines 

— 82 - 



Reiches zu retten, konnte Habsburgs Herrschaft nur nocli das Gegenteil 
bedeuten: die Eingliederung Deutschösterreichs in ein von Ungarn 
beherrschtes, der Entente gegen Deutschland dienstbares Reich. So ver- 
schieden die Beweggründe auch v/aren: Deutschnationale und Sozialdemo- 
kraten waren nunmehr darüber einig, daß sich Deutschösterreich nunmehr, 
ohne sich um die kaiserlichen Rechte und die kaiserliche Regierung zu 
kümmern, eine provisorische Verfassung geben, eine nationale Regierung 
■einsetzen, die tatsächliche Regierungsgev/alt im deutschösterreichischen 
Gebiet an sich reißen müsse. Zu diesem Zwecke wurde für den 30. Oktober 
'die Provisorische Nationalversammlung einberufen; die Sozialdemokratie 
aber forderte die Arbeiterschaft auf, an diesem Tage um 3 Uhr nachmittag 
die Arbeit einzustellen und zum Landhaus, wo die Nationalversammlung 
^zusammentreten sollte, zu ziehen. 

Der Kaiser sah, daß sich das Schicksal der Dynastie zu vollenden 
■drohte. Er geriet auf den verzweifelten Einfall, an die Treue der Soldaten 
zur Dynastie zu appellieren. Am 29. Oktober telegraphierte das Armeeober- 
kommando an die Truppen: 

„Bestrebungen der Nationalräte gehen dahin, die republikanische Staats- 
form in den zu schaffenden Gebieten zu propagieren. Hierüber wird aber die 
Armee im Felde nicht befragt, die alle IVIänner vom 18. bis 50. Lebensjahr umfaßt 
und eigentlich die Völker repräsentiert. 

Telegraphische Kundgebungen von Truppen und Formationen aller Nationali- 
täten erwünscht, die ohne Zwang durch Offiziere für Monarchie und Dynastie 
sich aussprechen. Solclie sofort an das Armeeoberkommando leiten, das sofort 
für Weiterbeförderung sorgen wird. 

Sehr dringend sind solche deutscher Nationalität, da am 30. mittags ent- 
scheidende Sitzung des deutschen Nationalrates in, Wien stattfindet." 

Die Fronttruppen erreichte diese Frage des Kaisers nicht mehr. In der 
'Etappe ließen einzelne Kommandanten Mannschaft und Offiziere über Mon- 
archie oder Republik abstimmen. Sie beschleunigten damit nur den Auf- 
lösungsprozeß in der Truppe. 

Gewaltige Massen folgten am 30. Oktober unserem Ruf. In eine Unzahl 
von Riesenversammlungen löste sich die Kundgebung vor dem alten Hause 
der niederösterreichischen Landstände auf. Die Republik und die Befreiung 
Friedrich Adlers aus dem Kerker waren die Forderungen des Tages. Soldaten 
in großer Zahl waren unter den Demonstranten. In den Abendstunden zogen 
ungeordnete Massen von Soldaten und jungen Leuten durch die Stadt. Sie 
rissen die kaiserlichen Adler von den Häusern. Die Soldaten rissen die 
Rosetten mit dem kaiserlichen Namenszug von ihren Kappen; sie zwangen 
ihnen begegnende Offiziere, dasselbe zu tun. 

Indessen tagte im Landhause die Provisorische Nationalversammlung. 
Sie beschloß, was die Masse auf der Straße stürmisch forderte. Zwar ver- 
mied man es noch, die Republik förmlich zu proklamieren; noch hielten 
'die bürgerlichen Parteien daran fest, daß erst die Konstituierende National- 
versammlung über die Staatsform entscheiden könne. Tatsächlich aber 
beschloß die Provisorische Nationalversammlung bereits an diesem Tage 
eine republikanische Verfassung. Der Beschluß über „die grundlegenden 
Einrichtungen der Staatsgewalt" besagte: Das Recht der Gesetzgebung übt 
die Provisorische Nationalversammlung aus. Die Regierungs- und Vollzugs- 
gewalt überträgt die Nationalversammlung einem von ihr gewählten S'aats- 

— 83 ~ K« 



rat; der Staatsrat ernennt die Staatssekretäre, die die einzelnen Slaatsäiuter 
zu leiten haten. Der Staatsrat wurde sofort gewählt und beauftragt, die tat- 
sächliche Regierung des deulschösterreichischen Gebiets sofort zu über- 
nehmen. So war in dieser provisorischen Verfassung für die kaiserliche 
Gewalt kein Raum mehr; am 30. Oktober, genau 70 Jahre nach dorn Tage, 
an dem Windischgrätz Wien genonnnen, die revolutionäre Hauptstadt dem 
Kaiser zu Füßen gelegt hatte, ward Deutschösterreich Republik. 

Am folgenden Tage zog die Revolution durch ganz Österreich. In Laibach 
übernahm am 31. Oktober der Narodni Svet die Rcgierungsgewalt und 
setzte eine Regierung ein. In Triest übernahm ein Wohlfahrtsausschuß 
die Macht. In Krakau bemächtigte sich die von den polnischen Abgeord- 
neten eingesetzte Liquidationskommission im Namen der Reczpospolita 
der gesamten Zivil- und Militärgewalt. Der ukrainische Nationalrat setzte 
sich, auf einige ruthenische Truppenkörper gestützt, in den Besitz Lem- 
bergs. Am 1. November übergab der General Sarkotic die Regierungsgewalt- 
m Bosnien dem Narodno Vijece. 

Nirgends hatte Habsburg der Bewegung Widerstand «-"ntgegengesetzt. 
Und dennoch glaubte Habsburg, glaubten seine Generale und Diplomaten 
ihre Sache noch keineswegs verloren. Denn mi Süden, in entsetzlichem 
Ringen vor dem Feinde zurückweichend, lebte trotz allem ja immer noch 
die kaiserliche Armee. Gelang es, nur einen Teil des geschlagenen Heeres 
aus der allgemeinen Auflösung zu retten und ihn in der Hand seiner 
Kommandanten zu erhalten, dann konnte man inuaer jioch hoffen, wenig- 
stens in Deutschösterreich und in Ungarn die Revolution niederzuwerfen. 
Das war die Hoffnung der kaiserlichen Generale. „Was sich im Hinterland 
abspielt, ist ein Rausch, der morgen vorbei ist", tröstete noch am 30. Ok- 
tober der Feldmarschall Boroevic das Armeeoberkommando. Unter einer 
Bedingung freilich; „Wenn nur die Armee, das Instrument, vor dem allein 
das Hinterland noch Respekt hat, nicht verschwindet." In der Tat: nicht 
m den wohlfeilen Siegen der Revolution im Hinterland, dort im Süden, wo 
noch am 30. Oktober italienische Anstürme am Monte Asolon-. und Pertica 
zusammenbrachen und tapfer kämpfende ^Nachhuten noch den Rückzug 
der sechsten und der Isonzo-Armee deckten, dort mußte sich das Schicksal 
des Reiches entscheiden. 

§ 6. Die Auflösung des Reiches. 

Literairii: 

Jäszi, Magyariens Schuld, Ungarns Sühne. München 192:3. — Hatvany, Das- 
verwund'ete Land. Leipzig 192L — Szanto, Klassenkämpfe und die Diktatur des 
Proletariats in Ungarn. Wien 192L 

Nowak, Der Weg zur Katastrophe. Berhn 1919. — Nowak, Der Sturz der 
Mittelmächte^ München 1921. — Krauß, Die Ursachen unserer Niederlage. München 
1921. Cramon, Unser österreichisch-ungarischer Bandesgenosse im Weltkrieg. 

Berlin 1920. 

Kerchnawe, Der Zusammenbruch der cisterreichisch -ungarischen "Wehrmacht im 
Herbst 1918. München 1921. — Horsetzhy, Die vier letzten Kriegswochen. Wien 
X920.^ — Glaise-Horstenau, Der Zusammenbruch. ,.Der österreichisch-ungarische 
Krieg." Leipzig i922. — Nowak, Chaos. München 1922. — Berichte der Kommission 
zur Erhebung militärischer Pflichtverletzungen ira Kriege. 97-i der Beilagen zu 
den PfolokoUen der Konstituierenden Nationalversammlung. — Rager, Warum hat 
nsterreuh-Ungarn den Krieg verloren? Wien 192U, . 

— 84 — 



In einem ganz anderen Zustand als Österreich war Ungarn in den Krieg 
eingetreten. In Ösierreicli hatten alle Nationen längst ein nationales Bürger- 
tum hervorgebracht, das die Volksmassen in den nationalen Kampf geführt 
hatte. Seit 1897 schon erschütterte der nationale Kampf die Grundlagen des 
österreichischen Staatswesens. Während des Krieges traten die nationalen 
Gegensätze immer schroffer hervor. Die nationale Revolution im Oktober 
1918 erschien hier als der natürliche Abschluß der inneren Entwicklung 
Österreichs. Die herrschende Klasse selbst, die deutschösterreichische 
Bourgeoisie gab hier schließlich den Widerstand gegen das revolutionäre 
Nationalitätsprinzip auf und stellte sich auf seinen Boden. Ganz anders in 
Ungarn. Dort saßen immer noch über analphabetischen slawischen und 
rumänischen Bauern magyarische Grundherren und magyarische Bürger. 
Dort waren Slowaken, Walachen, Ruthenen immer noch geschichtslose 
Bauernvölker. Ungarn war immer noch ein Nationalstaat, von den 
magyarischen Herrenklassen allein beherrscht. Die Ansprüche der 
Tschechen auf die Slowakei, der Rumänen auf Siebenbürgen, der Jugo- 
slawen auf das Banat erschienen dort nicht als das Ergebnis der inneren 
nationalen Entwicklung, sondern als Annexionsgelüste fremder Eroberer. 
Gegen sie verteidigte die ganze magyarische Gesellschaft die „Integrität" des 
historischen Ungarn. 

Deutschösterreich hatte sich von der Führung durch die Grundherren- 
klasse längst emanzipiert. Das Bürgertum, die Bauernschaft, die Arbeiter- 
schaft standen längst im Parlament und außerhalb des Parlaments als 
organisierte Mächte einander gegenüber. In Ungarn dagegen war das 
Parlament, auf ein Zensuswahlrecht aufgebaut, immer noch vom Adel 
beherrscht, der nur eine schmale Schicht der großen Finanz- und Handels- 
bourgeoisie an seiner Macht teilnehmen ließ. Das Kleinbürgertum, die 
Arbeiterschaft, die Bauernschaft standen noch „außerhalb der Schanzen der 
Verfassung". 

Der Krieg hatte die Macht der herrschenden Adelsklasse mächtig 
gestärkt. Dem zerklüfteten Österreich gegenüber ward das von der Oligarchie 
mit eiserner Hand geführte Ungarn übermächtig. Stephan Tisza war der 
eigentliche Herr der Monarchie. Aber zugleich entwickelte der Krieg doch 
auch die Kräfte der magyarischen Demokratie. 

Im Jahre 1905 hatte der König das widerspenstige Adelsparlament mit 
dem allgememen Wahlrecht bedroht. Der Adel hatte sich dem König zu 
Füßen geworfen, um der Demokratie zu entrinnen. Die Unabhängigkeits- 
partei hatte sich imi Jahre 1909 gespalten. Die Mehrheit, von Franz Kossuth 
geführt, gab die Tradition Ludwig Kossuths, den Kampf um die nationale 
Unabhängigkeit auf, um dafür den Verzicht des Königs auf die demo- 
kratische Wahlreform zu erkaufen. Eine Minderheit aber, von Justh 
geführt, dachte anders. Die Erfahrung von 1905 hatte sie gelehrt, daß das 
ungarische Parlament die nationale Unabhängigkeit nicht zu erringen 
vermochte, solange die Demokratie in jedem Augenbjick zum Instrument 
Habsburgs gegen den nationalen Parlamentarismus werden konnte. Den 
Idealen von 1848 treu, wollte sie Habsburg diese Waffe aus der Hand 
schlagen. Sie v/ollte die Demokratie in ein Instrument des nationalen 
Parlamentarismus gegen Habsburg verwandeln. Der von Justh geführte 

— 85 — 



flügcl der Unabhängigkeitspartei schrieb nun selbst das allgemeine Wahl- 
recht auf seine Fahnen. Wollte die Mehrheit des Adelsparlanients die 
militärischen Forderungen des Königs bewilligen, um der denioKratischen 
Wahlreform zu entgehen, so stellte Justh dieser Politik der Kapitulation 
• die Parole gegenüber, keine militärischen Forderungen zu bewilligen, ehe 
nicht die demokratische Wahlreform durchgeführt ist. Diese Parole scharte 
um ihn die Kräfte des neuen, aus der industriellen Entwicklung hervor- 
gegangenen Ungarn, das gegen das alte, in dem Adelsparlament verkörperte 
Ungarn anstürmte: den bürgerlichen Radikalismus, der, um die Budapester 
Soziologische Gesellschaft und die Zeitschrift „Kuszadik Szäzad" geschart, 
die junge, von der Gedankenwelt der Demokratien des Westens erfüllte 
bürgerliche Intelligenz vertrat, und die sozialdemokratische Arbeiterschaft. 
Stephan Tisza hat den proletarischen Widerstand der Justh-Partei und die 
Straßenrevolte der Arbeiter im Mai 1912 gewaltsam gebrochen; aber die 
demokratische Koalition, in jenen Kämpfen begründet, lebte fort. 

Juslhs Erbe trat der Graf Michael Kärolyi an. Er war der letzte Träger 
der kossuthistischen Tradition; sein Name und sein Ziel verknüpften die 
moderne Demokratie mit dem historischen Ungarn. Sein Ziel war die 
Zertrümmerung des Ausgleichs von 1867, die nationale Unabhängigkeit. 
Durch eine demokratische Wahlreform und eine demokratische Agrar- 
reform wollte er die magyarische Bauernmasse zum Kampf für die von 
der Gentry verratene Unabhängigkeit Ungarns mobilisieren. Als seit der 
Annexion Bosniens die auswärtige Politik der herrschenden Oligarchie 
immer mehr in die Gefolgschaft des deutschen Imperialismus geriet, stellte 
er, auch darin ein Erbe kuruzzischer und kossuthistischer Traditionen, der 
deutschen Orientierung die westliche gegenüber. Er suchte vor dem Kriege 
Beziehungen zur westlichen Demokratie und zum russischen Liberalismus. 
Er vertrat während des Krieges den dem deutschen Imperialismus feind- 
lichen demokratischen Pazifismus. Die Partei, die seinen Namen trug, war 
nur klein. Aber der bürgerliche Radikalismus stellte ihr einen Stab rede- 
und schriftgewandler Intellektueller, die Sozialdemokratie gesellte ihr die 
kampfgewohnten organisierten Arbeitermassen. Das waren die demokrati- 
schen Kräfte, die in den Oktobertagen der herrschenden Oligarchie ent- 
gegentraten. 

Der Zusammenbruch Bulgariens stellte Ungarn vor die furchtbarsten 
Gefahren. In Serbien rückte die Armee des Generals Franchet d'Esperey 
gegen die ungarische Grenze vor. Die Besetzung Bulgariens durch Truppen 
der Entente stellte die Verbindung Rumäniens mit der Salonikiarmee der Ver- 
bündeten wieder her; nun erhob sich Rumänien gegen den schmählichen 
Gewaltfrieden, den Czernin in Bukarest auf Geheiß der ungarischen Oligarchie 
diktiert hatte. Österreich zerfiel ; Tschechen und Jugoslawen forderten ungari- 
schen Boden. Und in Ungarn selbst wagten es nun endlich die bisher 
stummen geknechteten Völker ihre Ansprüche anzumelden. Am 18. Oktober 
verlas der Abgeordnete Vajda im ungarischen Reichstag eine Erklärung, in 
der er der ungarischen Regierung das Recht absprach, im Namen der 
Rumänen Siebenbürgens Verhandlungen zu führen. Am 19. Oktober for- 
derte der Abgeordnete Juriga im Reichstag das Selbstbestimmungsrecht für 
die Slowaken. Am 23. Oktober wurden die magyarischen Truppen in Fiume 
von einem kroatischen Regiment entwaffnet. 

— 86 - 



Wenige Wochen vorher hatten sich die Magyaren noch sehr sicher ge- 
fühlt: Österreich mag zerfallen, Ungarn wird leben. Jetzt sahen sie mit 
einemmal ihr tausendjähriges Reich von furchtbarer Katastrophe bedroht. 
Aus wilder tanik und leidenschaftlichem Patriotismus wuchsen die Ge- 
danken: Was kümmern uns Trient und Triest? Die ungarischen Truppen 
gehören in die Heimat, unseren Boden gegen Rumänen und Serben zu ver- 
teidigen! Österreich und Deutschland sind verloren. Trennen wir uns von 
ihnen! Werfen wir uns der Entente in die Arme, um Ungarn zu retten! 

In diesem Geiste erhob sich die magyarische Demokratie. Am 16. Ok- 
tober demonstrierten die Abgeordneten der Kärolyi-Partei im Reichstag für 
die Entente. Die Verbindung mit Österreich und das Bündnis mit Deutsch- 
land haben Ungarn in Gefahr gebracht; nur der Anschluß an die 
Entente könne die Integrität des Vaterlandes retten. Darum Aufhebung aller 
staatsrechtlichen Verbindung mi* Österreich, Bruch mit Deutschland, 
Separatfrieden mit der Entente! Vor allem aber dürfen die ungarischen 
Truppen nicht mehr für eine fremde Sache gegen die Entente kämpfen. Es 
ist Wahnsinn, daß ungarische Truppen in Tirol österreichischen Besitzstand 
verteidigen, während Ungarns Grenzen gegen Rumänien und gegen Serbien 
ungeschützt sind. Darum vor allem sofortige Rückberufung der ungarischen 
Truppen von der' italienischen Front zur Verteidigung der bedrohten 
ungarischen Grenzen! 

Die öffentliche Meinung wendete sich der Demokratie zu. Nicht die 
Klasse, die Ungarn in den Krieg und im Kriege geführt hat, kann die In- 
tegrität Ungarns retten; Kärolyi, der schon vor dem Kriege freundschaft- 
liche Beziehungen zu der, Demokratie des Westens angeknüpft hat, die 
Demokratie, die den imperialistischen Krieg bekämpft hat, sie werden, so 
glaubte man, von der Entente gnädiger behandelt werden. Und nicht die 
Oligarchie, die die Nationalitäten unterdrückt hat, sondern die Radikalen 
und die Sozialdemokraten, die längst schon für die politische Gleichberech- 
tigung und die nationale Autonomie der Nationalitäten eingetreten sind, 
werden die Slowaken, Rumänen, Serben für Ungarn gewinnen. Die öffent- 
liche Meinung forderte die Übertragung der Macht an die Demokratie. 

Noch hielt die Oligarchie die Macht in ihren Händen. Aber auch sie 
glaubte nun, nur durch den Bruch mit Österreich und mit Deutschland 
Ungarn und ihre Herrschaft in Ungarn retten zu können. Am 16. Oktober,, 
dem Tage, an dem Kaiser Karl das Manifest über die Umgestaltung Öster- 
reichs in einen Bundesstaat unterschrieb, erklärte der Ministerpräsident. 
Wekerle im ungarischen Reichstag, mit der Föderalisierung Österreichs 
seien die Voraussetzungen des Ausgleichs von 1867 zerstört; zwischen 
Ungarn und Österreich könne es kein anderes Verhältnis mehr geben als 
das der bloßen Personalunion. Am 22. Oktober erklärte Wekerle im Reichs- 
tag, auch die Regierung sei darauf bedacht, die ungarischen Regimenter in 
die Heimat zurückzubringen. Am 24. Oktober setzte die Oligarchie die Er- 
nennung Andrassys zum Minister des Äußern durch, der der Entente den 
Separatfrieden anbieten sollte. Zwischen der Politik der Oligarchie und der 
Politik der Demokratie bestand im Grunde kein Unterschied mehr; aber 
die Macht wollte die Oligarchie nicht aus ihren Händen geben. 

Wohl verhandelte der König mit Kärolyi. Aber die Oligarchie war immor 
noch stark genug, die Betrauung Kärolyis mit der Regierungsbildung zu 

- 87 — 



verhindern. Nicht Kärolyi, sondern der Graf Joh.ann Hadik wurde am 
29. Okiober zum Minislerpräsidonlen ernannt. Der Nationalrat, den die drei 
demokratischen Parteien gebildet und dem Adelsparlament entgegengestellt 
hatten, erwog nun, sich durch einen revolutionären Handstreich der Gewalt 
zu bemächligen. Noch schob er die Tat hinaus. Aber einige meuternde Kom- 
pagnien, die sich am 30. Oktober dem Befehl zum Abmarsch von Budapest 
widersetzten und sich dem Nationalrat zur Verfügung stellten, handelten 
auf eigene Faust. In der Nacht vom 30. auf den 31. Oktober bemächtigten 
sie sich im Namen des Nationalrates der Kommanden und Behörden. Noch 
suchte der Hof, sich dadurch zu retten, daß er nachträglich legalisierte, was 
bereits aus dem Recht der Revolution vollzogen war: am 31. Oktober 
ernannte der König den Grafen Ivärolyi zum Ministerpräsidenten und die 
neue Regierung leistete dem Erzherzog Josef als dem Stellvertreter des 
Königs das Gelöbnis. Aber dagegen erhob sich die Arbeiterschaft: „Keine 
Regierung des Königs mehr! Kärolyi ist Ministerpräsident aus dem Rechte 
der Revolution!" Der König mußte die Regierung ihres Eides sofort wieder 
entbinden. So war auch Ungarn am 31. Oktober tatsächlich schon Republik. 
Der Abfall Ungarns hat Habsburgs Schicksal entschieden. Denn ehe 
noch die Bewegung, die durch Ungarn ging, in Budapest selbst den Sieg 
erkämpft hatte, hatte sie schon auf die Truppen an der Front übergegriffen 
und damit die nationale Revolution an der entscheidenden Stelle, in der 
Armee, ausgelöst. Keine geheimnisvollen „Emissäre" Karolyis, keine „Pro- 
klamationen" des Nationalrates haben die Revolution in der Armee ent- 
fesselt. Die historischen Ereignisse selbst, die das tausendjährige Reich der 
Magyaren in die Katastrophe stürzten, haben die magyarischen Offiziere und 
■die magyarischen Soldaten an der Front mit derselben Leidenschaft erfüllt 
wie die magyarischen Volksmassen im Hinterland, mit der Leidenschaft 
eines aus Panik wild auflodernden Patriotismus, aus dem an der Brenta 
und an der Piave ebenso wie an der Donau die ungarische Revolution 
erwuchs. 

Am 24. Oktober begann im Gebiet des Monte Grappa, zwischen Brenta 
und Piave die italienische Offensive. Eine bedeutende Übermacht war auf 
der Seite des Feindes: 780 österreichisch-ungarischen standen 841 feind- 
liche Bataillone gegenüber. Und dieser Übermacht sollte sich die hungernde, 
in Lumpen gekleidete k. und k. Armee, diese Armee mit Divisionen, in 
denen das durchschnittliche Körpergewicht des Mannes 50 Kilogramm be- 
trug, mit Regimentern, in denen kein Mann mehr eine ganze Garnitur 
Wäsche hatte, mit Batterien, die keine Pferde und keine Munition mehr 
für 4hre Geschütze hatten, erw^ehrenl Aber nicht nur an Mann und 
Material war der Feind weit überlegen. Überlegen war er vor allem am 
Geist. Hüben ein Heer, das an die Möglichkeit des Sieges nicht mehr glaubte 
und dessen aus zehn Nationen zusammengewürfelte Bataillone kein ge- 
meinsames Vaterland mehr zu verteidigen hatten; drüben eine Armee, die, 
nach vierjährigem vergeblichem Ringen, nun endlich die Möglichkeit sah, 
mit einem großen Schlag den Sieg und den Frieden zu erzwingen! „Voll 
Bchwerster Besorgnis", erzählt der Oberstleutnant Glaise-Horstenau, 
„harrten auf österreichischer Seite die höheren Führer der ersten Meldungen 
vom Schlachtfeld. Nur ein Wunder Gottes konnte die Lage retten." 



Aber trotz alledem bewährte sich noch einmal die gewaltige suggestive 
Kraft, mittels deren der militärische Mechanismus den Offizier und den 
Mann im Kampf in seiner Gewalt zu erhalten vermag. Koch einmal opferten 
Deutsche und Tschechen, Polen und Ukrainer, Magyaren und Slowaken, 
Schulter an Schulter tapfer kämpfend, Leife und Leben für ein Vaterland, 
das nicht mehr war. Die Berichte der italienischen Obersten Heeresleitung 
geben von diesen letzten Waffentaten der k. und k. Armee ein anschau- 
liches Bild. Vom 24. Oktober meldete sie: „Der Asolone, welcher im ersten 
Anlauf genommen w^urde,- mußte unter dem Druck heftiger feindlicher 
Gegenangriffe wieder geräumt werden. Die Brigade Pesaro nahm den 
Pertica, das 23. Sturmbataillon und andere Abteilungen die Höhe 1484 des^ 
Prassolan; aber durch das feindliche Feuer zusammengeschmolzen, mußten 
auch diese in den erreichten Stellungen stelienbleiben." Vom 25. Oktober: 
„Der Gegner führte nach Erho'lung von der Überraschung von allen Seiten 
Gegenangriffe auf die eingebrochenen Sturmtruppen, welchen es gelang, 
durch die feindlichen Kräfte mit den Gefangenen in die Ausgangsstellung 
zurückzugelangen." Es war die zu zwei Dritteln aus tschechischer Mann- 
schaft zusammengesetzte 4. Infanterie-Truppendivision, die die Italiener 
im Asoloneabschnitt zurückwarf; es waren Egerländer und Szekler, 
Slowaken und Rumänen, Magyaren und Tschechen, deren „heftigen 
^Yiders^and" der italienische Heeresbericht feststellte. Nicht mit Unrecht 
rühmte der österreichisch-ungarische Heeresbericht vom 26. Oktober: 
„Die Leistungen unserer Truppen stehen gegenüber den größten Vi^affen- 
taten früherer Schlachten in nichts zurück." * 

Im Hinterland war das Reich schon in voller Auflösung. Hier, an der 
Front, schien es noch zu leben in der alle die Nationen umspannenden 
Einheit der Armee. Die Lage vom Sommer 1848 schien wiedergekehrt: 

In deinem Lager ist Österreich, 
Wir anderen sind einzehie Trümmer. 

Und doch, es war nur Schein. Das Volksheer von 1918 konnte nicht von 
der nationalen Revolution unbeeinflußt bleiben wie Radetzkys kleines Be- 
rufsheer von 1848. Das in hundert Schlachten geschlagene, das hungernde, 
verfallende, von furchtbarer Übermacht bedrängte Heer von 1918 Jvonnte 
die Monarchie nicht retten, wie es das siegreiche Heer von 1848 durch 
leichten, schnellen Sieg konnte. Während die Kampftruppen am Monte 
Grappa zum letztenmal den Ansturm des Feindes abwehrten, zeigten sich 
in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft schon drohende Anzeichen, daß die 
Revolution in das Heer selbst eingezogen war. 

Schon am 24. Oktober, dem Tage des Beginns der italienischen Offen- 
sive, meldeten die Armeen bedrohliche Erscheinungen. Die 6. Armee mel- 
dete, daß die Marschbataillone zweier ungarischer Regimenter forderten, 
in die Heimat zur Verteidigung des bedrohten Vaterlandes gebracht zu 
werden. Das Gruppenkommando Belluno meldete, die 42. kroatische Divi- 
sion sei in solchem Zustand, daß man es kaum noch wagen könne, sie ein- 
Eusetzen. Das Gruppenkommando Boroevic meldete Meutereien bosnischer 
Truppen. Immerhin mochte man all das doch nur als Einzelfälle ohne 
größere Bedeutung ansehen; die Masse der Armee schien noch fest. Erst am 
folgenden Tage, dem 25. Oktober, begann eigentlich die nationale Revolution 

— 89 — 



in der Armee. Die Bewegung ging von der 38. Honvedinlanteriedivision, die 
sich nus Siebenbürgern rekrutierte, und von der oberuugarischen 27. In- 
fanteriedivision aus. Die Siebenbürger halten soeben noch am Sisemol 
tapfer gekämpft. Auch jetzt noch blieben sie in militärischer Zucht und 
Ordnung. Aber sie weigerten sich, weiterzukämpfen. Sie verlangten in die 
Heimat gebracht zu werden. Sie wußten aus Zeitungen, aus Briefen, aus 
den Erzählungen der Urlauber, daß sich Rumänien wieder erhob, daß die 
Grenze Siebenbürgens bedroht war, daß die Grenzbevölkerung flüchtete; 
sie wollten nicht das fremde Tirol, sondern die eigene Heimat verteidigen. 
Der Erzherzog .Josef, der am 26. Oktober bei der Division war, meldete 
an das Armeeoberkommando: 

„Das in Resen-e stehende Honvedinfanterieregiment Nr. 22 war bei der 
Parade, die ich abhielt, ganz besonders stramm. Kein einziger Mann sprach. 
Ba^taillonskommandant meldete mir, dasselbe sei am 25. Oktober der Fall ge-, 
wesen, mit Ausnahme eines Mannes, der ihm meldete, daß sie nicht in die 
Stellung gehen werden. Als er erklärte, diesen Mann zu verhaften, rief das 
ganze Bataillon einstimmig: „Das dulden wir nicht", dann wieder volle Stramm- 
heit. Ich nahm das Regiment um mich herum, hielt eine Ansprache im Sinne 
der Allerhöchsten Weisungen, wurde begeistert akklamiert. Als aber „Ruht!" 
kommandiert wurde und ich mit einzelnen Leuten sprach, erklärten von 
mehreren Kompagnien, ohne gefragt zu sein, Infanteristen im Namen ihrer Kom- 
pagnien, daß sie nicht in die Stellung gehen werden. Sie versprachen bis zum 
letzten Atemzuge tapfer, diszipliniert und treu zu kämpfen, aber in Sieben- 
bürgen, an ihrer Grenze, um nicht nochmals dasselbe erleben zu mtüssen wie 
1916, daß Eltern oder Frauen und Kinder von den Rumänen ermordet werden, 
bevor sie hinkommen. Daher ihr rechtzeitiger Abtransport nach Siebenbürgen 
ihre dringendste Bitte." 

Die beiden Divisionen mitten in der Schlacht zum Gehorsam zurück- 
zuführen, erwies sich als unmöglich. Man mußte ihre Forderung erfüllen. 
Am 26. Oktober wurde der Abtransport der beiden Divisionen befohlen. 
Das Beispiel war gegeben. Nun breitete sich die Bewegung unter den 
ungarischen Truppenkörpern schnell aus. „Es ist nicht zu leugnen," meldete 
das 6. Armeekommando, „daß bei den ungarischen Truppen, bei Offizieren 
und Mannschaften, der Gedanke wach geworden ist, daß das Vaterland 
durch eine Invasion der Feinde bedroht sei. und daß es notwendig sei, 
die ungarischen Truppen zum unmittelbaren Schutz der Heimat zurück- 
zuberufen." Am 26. Oktober wurde die 40. Honvedinfanteriedivision, am 
27. die 7. Infanteriedivision und andere magyarische Divisionen von der 
Bewegung erfaßt. Und jetzt griff die Bewegung auch auf die slawischen 
Truppenkörper über. 

Die Stimmung der slawischen Soldaten war längst keine andere als die 
Stimmung der slawischen Volksmassen im Hinterland. Trotzdem hatten 
sie, den Haß gegen das Reich im Herzen, immer noch für das Reich ge- 
kämpft. Die Furcht hatte sie noch im Gehorsam' erhalten. Jetzt, da die 
Ungarn, während des ganzen Krieges neben den Deutschösterreichern der 
festeste Kern der Armee, das Beispiel der Gehorsamsverweigerung gaben, 
faßten auch die tschechischen, die südslawischen Bataillone Mut. Wo 
magyarische Truppenkörper den Gehorsam verweigerten, griff die Meuterei 
auf die benachbarten slawischen Abteilungen über. Auch sie verweigerten 
dem Befehl zum Vormarsch den Gehorsam. Auch sie begannen ihre 
Stellungen zu verlassen. Am 27. Oktober meldete das Heeresgruppen- 

- 90 - 



kommando Boroevic schon Meutereien tschechischer, slowenischer; 
polnischer und ukrainischer Bataillone. 

Aber größeren Umfang gewann die Bewegung doch erst, als die Nieder- 
lage den eisernen Mechanismus der Disziplin aufzulösen begann, der sich 
noch gegen die revolutionäre Bewegung in den Truppen wehrte. 

Am 26. Oktober gelang englischen Truppen der Übergang über die ■ 
Piave. Am 28. Oktober, dem Tage des Umsturzes in Prag, wurde die 
österreichisch-ungarische Front am linken Piaveufer durchbrochen. Am 
29. Oktober verweigerten die zum Gegenangriff eingesetzten tschechischen 
Truppen den Gehorsam. An demselben Tage befahl das Armeeoberkommando - 
die Räumung Venetiens. Auf der ganzen venezianischen Front flutete die 
Armee nun zurück. Die die Mannszucht auflösenden Wirkungen der Nieder- 
lage und des Rückzuges wurde nun voll wirksam. Die Gehorsamsverweige- 
rung der ungarischen und der slawischen Truppen breitete sich nun durch die 
ganze Armee aus. Magyaren und 'Slawen wollten nicht mehr für das ver- 
haßte Österreich kämpfen. Aber die Deutschösterreicher hielten noch stand. 
Sie verteidigten immer noch die bedrohte Heimat: löste sich die Armee 
vor dem nachdrängenden Feind in wilder Unordnung auf, dann drohte ja 
den deutschen Alpentälern in ihrem Rücken furchtbare Verheerung. Aber • 
als sich links und rechts von den deutschen Bataillonen alles auflöste, 
konnten schließlich auch sie nicht mehr Widerstand leisten. 

Am 27. Oktober wurde zum erstenmal in einer Meldung des Heeres- 
gruppenkommandos Tirol an das Armeeoberkommando eine deutsche 
Formation als nicht mehr verläßlich bezeichnet. Es war nicht ein durch- 
bolschewikischo Heimkehrer zersetztes, nicht ein aus sozialdemokratischen 
Arbeitern zusammengesetztes Regiment. Es waren gerade die Treuesten 
der Treuen, die zuerst zu wanken begannen. Die Tiroler Standschützen 
waren es, die alten Tiroler Bauern, denen nun, da Südtirol bedroht erschien, 
bang wurde um Weib und Kind, um Flab und Gut, und die darum in ihre 
Dörfer zurück wollten. 

Am 28. Oktober hatten dann wirklich auch schon deutsche 
Formationen gemeutert. Es waren das die alpenländischen, überwiegend 
bäuerlichen Formationen der Edelweiß-Division, einige Tiroler Kaiserjäger- 
und Kaiserschützenbataillone, das oberösterreichische Regiment Nr. 14 und 
das Salzburger Regiment Nr. 59. Als die beiden ungarischen Divisionen, 
von denen die ganze Bev/egung ausgegangen war, abgelöst und abtrans- 
portiert wurden, schickte das Kommando diese deutschen Formationen an. 
ihre Stelle. Da wurden die alpenländischen Bauern wild: „Wir sind nicht 
dazu da, an Stelle der Ungarn zu kämpfen." 

Aber das waren doch nur vereinzelte Zwischenfälle. Die Masse der 
deutschösterreichischen Soldaten war noch verläßlich. Als nach den Nieder- 
lagen vom 28. und vom 30. Oktober die slawischen und die magyarischen 
Truppen beinahe auf der ganzen Front den Gehorsam verweigerten, warf 
man überall die deutschen Truppenkörper dem nachdrängenden Feinde 
entgegen. Es war nutzlose Aufopferung: da links und rechts von ihnen die 
nichtdeutschen Truppenkörper nicht mehr kämpfen wollten, drohten den 
Deutschösterreichern überall Umzingelung und Vernichtung. So begannen 
denn auch sie sich aufzulehnen. Nun erst erfaßte die Rebellion auch die- 
deutschen Bataillone. 

— 91 — 



So lösten sich denn alle Bande der Disziplin. Es war ein Schauspiel, 
wie die Kriegsgeschichte kein cTlmliches kennt. Der Feind drängte mit 
ungeheurer Übermacht stürmisch nach. An manchen Stellen — vor allem 
im Bereich der sogenannten Isonzoarmee, die am Unterlauf der Piave 
stand — leisteten ihm Truppen, die noch in den Händen ihrer Führer 
waren, in schweren Nachhutgefechten zähen Widersland. An anderen 
■Stellen aber waren die Nachhuten schon von der Rebellion erlaßt; sie 
liefen kampflos davon. Wo die Kommanden Gegenstöße gegen den nach- 
rückenden Feind anordneten, wußten sie nicht, über welche Kräfte sie zu 
diesem Zwecke verfügen werden. I>enn während sich manche Bataillone 
noch zum Gegenangriff bereitstellten, kümmerten sich andere um den 
Befehl nicht mehr. Die Etappentruppen waren in voller Anarchie; die 
Truppen marschierten, um alle Befehle unbekümmert, das Kriegsgerät 
•preisgebend, eigenmächtig der Heimat zu. Die Revolution im Hinterland 
vervollständigte die Auflösung. Am 31. Oktober hatte sich der slowenische 
Narodni Svet der Verkehrs- und Verbindungsmittel der wichtigsten Etappen- 
linie bemächtigt, er erklärte sich für neutral, ordnete die Entwaffnung aller 
fremden Truppen auf seinem Gebiet an und zerriß die wichtigsten 
Telegraphen- und Telephonlinien zur Front. 

Niederlage und Revolution vermengten sich so zu unlösbarer Einheit. 
Gew4ß hat die Revolution die Niederlage beschleunigt und vergrößert: waren 
schon die materiellen Machtmittel der Armee denen des Feindes unter- 
legen, so raubte die Revolution der Armee auch noch die moralischen Kraft- 
quellen; die Slawen und die Magyaren schlugen sich nicht mehr für das 
Reich, das ihnen eben nicht mehr ihr Vaterland war. Aber anderseits hat 
doch erst die Niederlage die Revolution in der Armee entfesselt. Erst nach 
-der Niederlage vom 28. Oktober gewann sie breiteren Raum. Die 11. Armee, 
die zwischen dem Stilfserjoch und dem Pasubio stand, war von den 
Italienern nicht angegriffen worden, sie hatte keine Niederlage erlitten; 
sie ist von der Revolution überhaupt nicht erfaßt worden, bis zum 3. No- 
vember in voller Ordnung geblieben. Zugleich aber zeigte der Verlauf der 
Ereignisse auch sehr deutlich den Charakter der Revolution, die die Armee 
und mit der Armee das Reich zerschlug. NT)ch war sie durchaus nicht 
soziale, sondern nationale Revolution. Nicht die Regimenter der Industrie- 
arbeiter Wiens und Niederösterreichs, Deutschböhmens und der Steiermark, 
sondern die magyarischen und die slawischen Bauernregimenter waren die 
Träger der Bew^egimg. 

Am 29. Oktober hatte die Monarchie um Waffenstillstand gebeten. Aber 
die italienische Heereslaitung verschleppte unter immer neuen Vorwänden 
-die Waffenstillstandsverhandlungen. Nach dem ruhmlos geführten Kriege 
wollte sie sich den Ruhm des vollen Sieges, der jetzt so wohlfeil zu er- 
ringen war, nicht entgehen lassen. Erst am 1. November wurden die 
Waffenstillstandsbedingungen dem General Weber übergeben. 

Am Tage vorher hatte die Revolution in Ungarn gesiegt. Die magyarische 
Demokratie hatte dagegen protestiert, daß ungarische Truppen noch gegen 
Italien kämpfen sollten. Ihre erste Tat war der Versuch, diesem Kampf ein 
Ende zu machen. Der Kriegsminister der Regierung Kärolyi, der Oberst- 
leutnant im Generalstab Bela Linder, gab am 1. November den Armee- 
kommanden den Befehl, die ungarischen Truppen sollten sofort auf der 

— 92 — 



stelle die Waffen niederlegen und unbewaffnet in die Heimat zurück- 
marschieren. Der Fernspruch Linders wurde durch die Funkstation des 
Badener Oberkommandos an die Armeekommanden weitergegeben, ohne 
daß das Oberkommando Weisung gegeben hätte, ob Linders Befehl befolgt 
werden solle oder nicht. „Ich bin gezwungen, zu melden, daß die zwei- 
deutige Haltung des Oberkommandos und dessen Mangel an klarem Wollen 
die korrekte Führung der Heereskörper im höchsten Maße gefährdet. Ich 
lehne jede Verantwortung für diese Heeresführung ab, da sie nicht nur den 
Bestand, sondern auch die Ehre der Wehrmacht zu vernichten droht", tele- 
graphierte Feldmarschall Boroevic an das Oberkommando. 

Aber auch in Deutschösterreich drängten schon viele nach unbedingter 
Kapitulation. In Tirol herrschte furchtbare Angst. Man fürchtete Plün- 
derung, Verwüstung, Brandlegung, wenn die Armee, undiszipliniert und un- 
verpflegt, durch das Land zurückströmte. Am 26. Oktober hatten sich die 
Reichsrats- und Landtagsabgeordneten Deutschtirols als Landesversamm- 
lung konstituiert und einen „Tiroler Nationalrat" aus ihrer Mitte gewählt, 
der am 1. November proklamierte, er übernehme „die gesamte Zivil- und 
Militärgewalt Deutschtirols". Der Nationalrat forderte die „Abriegelung" 
Nordtirols gegen die zurückflutende Armee. Er forderte zu diesem Zweck 
zuerst reichsdeutsche, dann sogar Ententetruppen. Lieber solle die ganze 
Armee in Gefangenschaft geraten, als daß ganz Tirol verwüstet wird. 

Nicht geringer war die Angst der Herrenklasse in Wien vor der heim- 
kehrenden Armee. Seit dem 30. Oktober sah Wien täglich stürmische 
Soldatenversammlungen^ Der Hof und das Oberkommando, die Generale 
und die Diplomaten, der Adel und die Bourgeoisie zitterten vor der Rache 
der heimkehrenden Truppen. Auch sie dachten nun, das beste wäre, die 
Armee in Gefangenschaft geraten zu lassen. 

Und selbst einzelne Kommanden an der Front dachten nun schon 
nicht anders. Das Heeresgruppenkommando Tirol telegraphierte am 2. No- 
vember an den Chef des Generalstabs, wenn sofortiger Waffenstillstand 
nicht zu erreichen, sei die Waffenstreckung der ganzen Armee die ein- 
zige Rettung. 

Unter solchen Einflüssen stand das Oberkommando, als es endlich die 
Waffenstillstandsbedingungen der Entente erhielt. Nun war es erst recht 
ratlos. Die Entente forderte das uneingeschränkte Recht zum Durchmarsch 
durch österreichisches Gebiet. Tirol sollte zu ihrem Aufmarschraum gegen 
Süddeutschland werden. Der Kaiser wußte, wie sein Abfall von Deutsch- 
land in Deutschösterreich gewirkt hatte. Der Kaiser fürchtete wilden 
Zornesausbruch in Deutschösterreich, wenn er auch dieser Forderung der 
Entente zustimmte. Während jede Stunde die Anarchie an der Front ver- 
größerte, verging der ganze 2. November in ergebnislosen Beratungen. 

Der Kaiser versuchte es, die Entscheidung dem deutschösterreichischen 
Staatsrat zuzuschieben. Der Staatsrat lehnte sie ab: Deutschösterreich hat 
keinen Krieg geführt. Deutschösterreich hat keine Armee. Den Waffenstill- 
stand schließen kann nur die Macht, die den Krieg geführt hat und auch 
jetzt noch die Armee kommandiert. Es ist ihre letzte Aufgabe, aber nur ihre 
Aufgabe. 

In der Nacht vom 2. auf den 3. November gab der Kaiser endlich den 
Befehl, die Waffenstillstandsbedingungen anzunehmen. Zugleich gab er 

— 93 — 



den Truppen den Befehl, die Ka^npfhandlungen sofort einzustellen. Als 
das Armeeoberkommando diesen Befehl ausgab, mußte es wissen, daß viele 
Stunden vergehen mußten, ehe der Befehl zur Unterzeichnung des Waffen- 
stillstandsvertrages den General Weber in Villa Giusti erreichen konnte;. 
weitere Stunden, ehe der Vertrag wirklich unterschrieben werden konnte;, 
weitere Stunden, ehe die vorderste Linie der italienischen- Truppen den Ab- 
schluß des Waffenstillstandes erfahren konnte. Ga'b das Oberkommando' 
den österreichischen Truppen trotzdem den Befehl, den Kampf sofort ein- 
zustellen, so mußte es damit rechnen, daß der Feind die Kampfhandlungen 
selbst im besten Falle erst viele Stunden später einstellen werde als die 
eigenen Truppen. Es mußte also wissen, daß der Befehl einen großen Teil, 
der eigenen Armee in feindliche Gefangenschaft bringen werde. 

In Wirklichkeit war es aber noch schlimmer. Denn das Oberkommanüc-' 
hatte den Befehl zur Einstellung des Kampfes ausgegeben, ohne auch nur 
den definitiven Text des Waffenstillstandsvertrages zu kennen. Dieser Text 
enthielt die Bestimnmng, daß die Feindseligkeiten erst 2-i Stunden nach 
der Unterzeichnung des Waffenstillstandsvertrages einzustellen seien. 

Durch diesen Befehl zu einseitiger Einstellung des Kampfes hat da? 
Oberkommando, hat der Kaiser selbst zerstört, was von der Armee noch 
übriggeblieben war. Die österreichisch-ungarischen Truppen stellten, dem 
kaiserlichen Befehl gemäß, in den Morgenstunden des 3. November die 
Kampfhandlungen ein. Die Italiener setzten, dem Wortlaut des Waffen- 
stillstandsvertrages gemäß, die Feindseligkeiten bis zum 4. November, drei 
Uhr nachmittag, fort. Italienische Panzerautomobile, Kavallerie- und Fahr- 
radabteilungen brachen durch die sich nicht mehr wehrenden öster- 
reichisch-ungarischen Truppen, stürmten so weit als möglich vor und 
nahmen alles gefangen, was sich südlich und westlich der Linie befand. 
die sie bis zum 4. November, drei Uhr nachmittag, erreichten. Hundert- 
tausende österreichische Soldaten gerieten in Gefangenschaft; auch solche, 
die, wie die IL Armee und grofDC Teile der Isonzoarmee, bis zur letzten 
Stunde noch in voller militärischer Ordnung geblieben waren. Was sich aber 
der Gefangenschaft noch entziehen konnte, drängte in panischer Angst, in 
chaotischer Unordnung rückwärts. Diese Soldatenhaufen, die zu den Eisen- 
bahnen drängten, die Depots plünderten, sich gewaltsam der Eisenbahnzüge 
bemächtigten und die Heimfahrt erzwangen, waren keine Armee mehr. 
Am 3. November hatte das kaiserliche Heer aufgehört zu bestehen; der 
Kaiser selbst hatte ihm den letzten tödlichen Schlag versetzt. 

Der eiserne Mechanismus, der zehn auseinanderstrebende Nationen zu- 
sammengehalten, sie unter Habsburgs Herrschaft erhalten hatte, war zer- 
stört. Damit war das Reich aufgelöst. Damit war Habsburgs Herrschaft zu 
Ende. 

§ 7. Die deutschösterreichische Republik. 

Literahii: 

Deutsch, Aus Österreichs Revolution. Wien 192L — Bauer, Die Offiziere und 
die Republik. Wien 1921. 

B Der deutschösterreichische Staat, und die folgenden Artikel in der 
„Arbeiter-Zeitung" vom 13. bis 17. Oktober 1918. — Friedrich Adler, Nach zwei 
Jahren. Wien 1918. 

- 94 — 



Kelsen, Die Verfassungsgeselze der Republik Deutschösterreich. 1. Teil.- \Yi?n 
1910. 

Freißler, Vom Zerfall Österreichs bis zum tschechoslowakischen Staat. Berlin 
1921. — Granichstädten-Czerva, Tirol und die Revolution. Innsbruck 1920. 

In den vier Tagen vom 28. bis zum 31. Oktober hatte sich die Auf- 
lösung der Habsburgermonarchie vollendet. In diesen vier Tagen war die 
Armee an der Front zusammengebrochen, hatten sich die neuen natio- 
nalen Regierungen im Hinterlande der Regierungsgewalt bemächtigt. Es 
war eine nationale und eine demokratische Revolution, was sich da voll- 
zog: statt der Dynastie, ihrer „übernationalen" Bürokratie, Generalität und 
Diplomatie übernahmen in Deutschösterreich wie in Tschechien, in 
Galizien wie im südslawischen Gebiet nationale Volksregierungen, aus den 
Wortführern der Parteien des Bürgertums, der Bauernschaft und der Ar- 
heiterschaft zusammengesetzt, die Regierungsgewalt. Aber der Zusammen- 
bruch der alten Mächte entfesselte zugleich auch die bisher von der Gewalt 
des Militarismus niedergehaltenen Arbeitermassen. In den täglichen 
stürmischen Soldatendemonstrationen, die in Wien mit der großen Massen- 
kundgebung am 30. Oktober begonnen hatten, kündigte sich an, daß die 
national-demokratische Revolution zugleich auch die soziale Revolution 
weckte, der Übergang der Regierungsgewalt von der Dynastie auf die 
Völker zugleich auch den Klassenkampf innerhalb des Volkes, die Ver- 
schiebung der Machtverhältnisse zwischen den Klassen innerhalb der Nation 
einleitete. Die Entfaltung dieses dreifachen ^evolutionären Prozesses der 
demokratischen, der nationalen und der sozialen Revolution ist die Ge- 
schichte des entstehenden deutschösterreichischen Staates vom 30. Oktober 
bis zum 12. November. 

Am 30. Oktober hatte die Provisorische Nationalversammlung den 
Staatsrat beauftragt, die Regierungsgewalt in Deutschösterreich zu über- 
nehmen und eine deutschösterreichische Regierung einzusetzen. Deutsch- 
österreich war damit, ebenso wie alle die anderen entstehenden National- 
staaten in diesen Tagen, vor das Problem der Regierungsbildung gestellt. 
Es handelte sich nicht, wie sonst bei Regierungsbildungen, um den Über- 
gang einer bestehenden Staatsgewalt aus den Händen einer Machtgruppe 
in die einer anderen, sondern um die Schaffung neuer Staaten, um die 
Organisierung noch nicht bestehender Staatsgewalten. Die Regierungen, die 
da gebildet wurden, verfügten zunächst über keinerlei materielle Macht- 
mittel, weder über den Verwaltungsapparat noch über eine Militärmacht; 
sie konnten sich nur durch ihre moralische Autorität durchsetzen, nur 
durch ihre moralische 'Autorität sich die. Verwaltungsmaschinerie der zer- 
fallenden Monarchie unterordnen und sich eine nationale Wehrmacht 
schaffen. Sollte die moralische Autorität der neuen Regierungen groß genug 
sein, diese Aufgabe zu bewältigen, sollte sie sich in der Großstadt wie im 
Dorfe, in den Industriegebieten wie im Landvolk, in den Ämtern wie in 
den Kasernen durchsetzen, dann mußten die neuen Regierungen aus Ver- 
trauensmännern aller Volksschichten zusammengesetzt werden. So erklärt 
es sich, daß die neuen Regierungen in all den neuen Nationalstaaten 
damals aus den Vertretern aller großen politischen Parteien der sich 
konstituierenden Nationen zusammengesetzt werden mußton. Daß „Bürger, 

— 95 — 



Eaucrn iinci Arbeiter" gemeinsam die neue Regierung bilden mütUen, war 
das Schlagwort jener Tage. 

Auch der deulschösterreichische Slaal war im Grunde aus cintMU 
Conlrat social, einem staalsbegründenden Vertrage der durch die politischen 
Parteien vertretenen Klassen des deutschöst(>rreichischen Volkes hervor- 
gegangen. Die Gesamtheit der deutschösterreichischen Abgeordneten hatte 
sich auf Grund von Vereinbarungen zwischen den Parteien als Provisorische 
Nationalversammlung ' konstituiert und die Gründung des deutsch- 
österreichischen Staates proklamiert. Nur diese Gesamtheit konnte jetzt die 
Regierungsgcwalt übernehmen. Der von der Provisorischen National- 
versammlung nach dem Verhällniswahlrecht gewählte, also aus Vertretern 
aller Parteien zusammengesetzte Staatsrat bildete die eigentliche Regjerung. 
Nur als seine Beauftragten übernahmen die vom Staatsrat ernannten Staats- 
sekretäre die Leitung der einzelnen .Staatsämter; nicht ihnen, sondern 
dem Staatsrat selbst "teilte die provisorische Verfassung vom 30. Oktober 
die Verordnungsgewalt zu. Wie der Staatsrat selbst aus allen in der 
Provisorischen Nationalversammlung vertretenen Parteien zusammengesetzt 
war, so wurden auch die von ihm bestellten Staatssekretäre allen Parteien 
entnommen. So übernahmen denn zum erstenmal auch Sozialdemokraten 
die Leitung von Staatsämtern. Aber es entsprach dem vorerst noch nur 
nationalen Charakter der Revolution, daß die Sozialdemokraten zunächst 
nur einen bescheidenen Anteil an der Regierung beanspruchten. Viktor 
Adler wurde zum Staatssekretär für Äußeres gewählt; denn nur ein 
Sozialdemokrat konnte die neue, auf das Selbstbestimmungsrecht der 
Völker zu gründende Außenpolitik Deutschösterreichs einleiten. Ferdinand 
Hanusch wurde zum Staatssekretär für soziale Verwaltung bestellt; denn 
die Arbeiterschaft hatte in dem Augenblick der Abrüstung der Kriegs- 
industrie das stärkste Interesse daran, dieses Staatsamt unter ihre Kontrolle 
zu stellen. Die Leitung aller übrigen Staatsämter überließen wir vorerst 
den bürgerlichen Parteien. Dr. Karl Renner wurde nur zum Leiter der 
Kanzlei des Staatsrates bestellt. Dem christlichsozialen Staatssekretär für 
Inneres gaben wir den Sozialdemokraten Otto Glöckel, aem deutsch- 
nationalen Staatssekretär für Heerwesen den Sozialdemokraten Dr. Julius 
Deutsch als Unterstaatssekretäre bei. Erst die Ereignisse der folgenden 
Tage, die die nationale Revolution zur sozialen vorwärtstrieben, verstärkten 
unser Gewicht in der Regierung. Erst sie machten den Leiter der Kanzlei 
des Staatsrates zum Staatskanzler. Erst sie ließen in den beiden wichtigsten 
Staatsämtern, im Staatsamt des Innern, das über die innere Verwaltung, 
über Polizei und Gendarmerie verfügte, und im Staatsamt für Heerwesen, 
das die Demobilisierung zu leiten und eine neue Wehrmacht aufzustellen 
hatte, die bürgerlichen Staatssekretäre weit hinter die sozialdemokratischen 
Unterstaatssekretäre zurücktreten. Es war eine Machtverschiebung., die sich 
durch die Ereignisse selbst vollzog, in der sich der Fortgang der Revolution 
ausdrückte. 

Aus dem Kriege entstanden, ist die soziale Revolution nicht so sehr 
von der Fabrik als vielmehr von der Kaserne ausgegangen. Als an der 
Massenkundgpbung des 30. Oktober auch Soldaten und Offiziere in großer 
Zahl teilnahmen; als an diesem Tage auf den Soldatenkappen die roten, auf 
den Offizierskappen die schwarzrotgoldenen Kokarden aufzutauchen be- 

— 96 — 



gannen; als am Abend des 30. Oktober Soldatenhaufen den Offizieren auf 
der Strafte die Rosetten mit den kaiserlichen Initialen \'on den Kappen 
rissen, war es klar, daß die militärische Disziplin in den Wiener Kasernen 
vollends zusammengebrochen war. Die furchtbare Allmacht, die die mili- 
tärische Organisation im Kriege dem Offizierkorps gegeben hatte, schlug mit 
einem Schlage in völlige Ohnmacht um; vierjährige Unterdrückung der 
Menschenwürde des Soldaten rächte sich nun in wild aufloderndem Haß 
des Mannes gegen den Offizier. Wo bisher der stumme Gehorsam gewaltet 
hatte, setzte nun die elementare, instinktive, anarchische revolutionäre Be- 
wegung ein. Soldatenhaufen, von Heimkehrern aus Rußland geführt, ver- 
sammelten sich nächst der Roßauer Kaserne und berauschten sich an 
wilden Reden. Sie versuchten die Bildung einer „Roten Garde", sie zogen 
bewaffnet durch, die Stadt, sie „expropriierteii" Kraftwagen und „beschlag- 
nahmten" Lebensmittelvorräte. Die Offiziere selbst wurden von der Be- 
wegung erfaßt. Reserveoffiziere aus den Reihen der Intelligenz beteiligten 
sich, von der Revolutionsromantik des Bolschewismsus mitgerissen, an der 
Bildung der Roten Garde, während sich deutschnalionale Offiziere im Par- 
lamentsgebäude als ,, Soldatenräte" auftaten. Die überwiegende Mehrheit der 
Soldaten aber packte unwiderstehlicher Drang, nach Hause, zu Weib und 
Kind zurückzukehren. Die slawischen Soldaten eilten ungeordnet nach 
Hause, sobald sie von der Bildung der Nationalstaaten in ihrer Heimat er- 
fuhren; ihr Beispiel verbreitete die Desertionsbewegung sofort auch auf die 
deutschen Soldaten. Niemand tat mehr Dienst, die Kader lichteten sich^ 
die Wachen liefen davon, die wichtigsten Depots und Magazine waren un- 
bewacht. Kriegsverwilderung, Hunger, Verbrechertum nützten diese Selbst- 
auflösung der Garnisonen aus: Plünderungen begannen. In den Gefangenen- 
lagern waren die fremden Kriegs.'^efangenen nicht mehr bewacht; ein paar 
Stunden zitterte das durch die Selbstauflösung der Garnison wehrlos ge- 
V7ordene Wien vor dem Anmarsch italienischer Kriegsgefangener aus dem 
Lager von Sigmundsherberg, die sich, nachdem die österreichischen 
Wachen desertiert waren, eines Waffenlagers bemächtigt und gegen Wien 
in Marsch gesetzt hatten. Nicht minder groß war die Gefahr auf den Eisen- 
bahnen. Da brachte jeder Eisenbahnzug hungerilde, undisziplinierte be- 
waffnete Heimkehrer von der Front; täglich wurde auf den Bahnhöfen ge- 
schossen, täglich drohte die Gefahr der Plünderung der Städte durch 
slawische und magyarische Heimkehrer, die durch deutschösterreichisches 
Gebiet ihrer Heimat zustrebten. Nur die Aufstellung einer neuen bewaff- 
neten Macht konnte die volle Anarchie verhindern. 

Der Staatsrat versuchte zunächst die Reste der Garnisonen der alten 
Armee in seinen Dienst zu stellen. Sie wurden auf die provisorische Ver- 
fassung beeidigt. Und da die Wiederherstellung der Autorität der Offiziere- 
zunächst aussichtslos erschien, forderte der Staatsrat selbst die Mann- 
schaften auf, Soldatenräte aus ihrer Mitte zu wählen, die Ordnung und 
Disziplin in den Kasernen herstellen sollten. Aber diese ersten Bemühungen 
blieben erfolglos. Die Soldaten leisteten den Eid und liefen dennoch, 
auseinander, zu Weib und Kind. Die Reservisten bei den Fahnen zurück- 
zuhalten war unmöglich. Es gab nur einen Ausweg: gegen Sold Frei- 
willige anzuwerben und aus ihnen eine neue Wehrmacht zu formieren. So 
ordnete der Staatsrat am 3. November, dem Tage des Abschlusses des 

— 97 — 2 



Waffenstillstandes, die Werbung für die Volkswolir an. Und liier nun 
setzte die Aktion der Sozialdemokratie ein. 

Der Gedanke lag nalie, die Ersatzkörper der alten Armee als Kadres 
der aufzustellenden Volkswehr zu verwenden. Aber der Gedanke war ge- 
fährlich. Bei den Ersatzkürpern sammelten sich die Berufsoffiziere der 
alten Armee, die letzten Träger des altösterreichischen, der Monarchie er- 
gebenen Geistes. Sollte die Yolkswehr nicht zu ihrem Werkzeug werden, so 
mußte ihre Aufstellung vollständig unabhängig von den Formationen der 
k. u. k. Armee erfolgen. Das war es, was Julius Deutsch zunächst im 
iStaatsaml für Heerwesen durchsetzte. Man gab nunmehr den aussichts- 
losen Kampf gegen die sofortige Demobilisierung der Mannschaften auf, die 
noch bei den Ersatzformationen im Hinterland verblieben waren oder die 
mit ihren Abteilungen von der Front heimkehrten. Die sofortige Entlassung 
aller Mannschaften und Reserveoffiziere wurde nunmehr geradezu an- 
geordnet; die sich zunächst noch bei den Ersatzkadern der alten Armee 
sammelnden Offiziere wurden ungefährlich, da sie über keine Mannschaft 
mehr verfügten. Dafür aber stellte man völlig unabhängig von diesen Er- 
satzkadern die Volkswehrbataillone auf. 

Die Bauernsöhne eilten in ihre Dörfer zurück, um sich nach den 
Hungerjahren ihrer Kriegsdienstzeit endlich wieder sattzuessen, und die 
Söhne des Bürgertums lockte nichts in die Volkswehr. Anders die in- 
■dustrielle Arbeiterschaft. Die Kriegsindustrie stellte ihre Produktion ein. 
.Zehntausende Arbeiter wurden arbeitslos. Zehntausende, die von der Front 
zurückkehrten, fanden keine Arbeit. Der vergleichsweise hohe Sold von 
sechs Kronen lockte die Arbeitslosen in die Volkswehr. So setzten sich die 
Volkswehrbataillone fast ausschließlich aus Industriearbeitern zusammen. 
Freilich, es waren zumeist politisch ungeschulte, durch den Krieg ver- 
wilderte, für die Lockungen alles politischen Abenteurertums, für die Ver- 
suchungen der Revolutionsromantik jener Tage sehr empfängliche 
Menschen, die sich in den ersten Tagen in den neuen Bataillonen 
sammelten; und auch nicht wenige verbrecherische Elemente hatten sich 
zum Söldnerdienst gemeldet. Diese Masse unter feste Führung zu stellen, 
sie vor dem drohenden Mißbrauch ihrer politischen Naivität zu schützen 
und die lumpenproletarischen Elemente aus ihr hinauszudrängen, das war 
nun die Aufgabe der Sozialdemokratie. 

Auch während des Krieges waren die Verbindungen zwischen den Ge- 
nossen in den Kasernen und den Organisationen der Partei nie ganz ab- 
gerissen. Die zum Ivriegsdienst eingerückten Genossen verkehrten in den 
Arbeiterheimen und brachten ihre Beschwerden in die Parteisekretariate. 
Im Sommer 1918 hatte Julius Deutsch diese lockere Verbindung zu 
den Wiener Kasernen verdichtet und organisiert. Er hatte in jedem Truppen- 
körper einige Genossen als Vertrauensmänner bestimmt, die in persön- 
licher Verbindung mit ihm blieben. Während des Krieges diente dieses Ver- 
trauensmännersystem nur dem Zwecke, uns über alles, was in den 
Kasernen vorging, zu informieren. Jetzt aber konnten wir uns dieser Ver- 
trauensmänner bedienen, auf die Bildung der Volkswehr Einfluß zu ge- 
winnen. Sie vor allem waren es, die, in die sich formierenden Bataillone 
übertretend, möglichst viele verläßliche Genc/;sen aus den Kaders der alten 
■Armee in die Bataillone der Volkswehr überzuführen, die Wahl der Soldaten- 

— 98 — 



rüte in den neuen Bataillonen zu orgaiiisieren, die die Führung der neuen 
Bataillone an sich zu ziehen hatten. Zugl&icli setzten die Parteiorganisationen 
mit der Agitation für die Volkswehr ein; sie bemühten sich, alte, verläßliche 
Genossen zum Eintritt in die Volkswehr zu bewegen und ihnen die Aufgabe, 
die sie innerhalb der Volkswehr lösen sollten, verständlich zu machen. So 
bildeten sich innerhalb der neuen Bataillone Kader organisierter Sozial- 
demokraten, die die Volkswehr unter ihre Führung und damit unter die 
Führung der Partei stellten, sie mit ihrer Ideologie erfüllten, den Ansturm 
des politischen Abenteurertums auf die Volkswehrmänner in harten, zähen 
Kämpfen abwehrten und die verbrecherischen Elemente aus der Volkswehr 
allmählich hinauszudrängen versuchten. 

Die Volkswehr war nicht von Anfang an eine Parteitruppe, In den Tagen 
ihres Entstehens war sie ein recht bunt zusammengewürfelter Haufe 
armer, unwissender, durch den Krieg verrohter Menschen, die der 
Sold in die Kasernen gelockt hatte. Hätte man diese Haufen sich 
selbst überlassen, so wären sie zu Söldnerbanden geworden, die 
ihre Waffen nur benützt hätten, das Land zu plündern, und zur Beute 
des politischen Abenteurertums jener Tage, zur Beute jener politischen 
Naivität, die damals glaubte, man brauche nur ein paar hundert Be- 
waffneter und ein paar Maschinengewehre, um von Ternitz oder von 
Traisen aus die Gesellschaftsordnung Europas umzustürzen. Sollte die 
neue Truppe nicht zu ernster Gefahr werden, so mußte sie unter feste, 
zielbewußte Führung gestellt werden. Dazu gab es nur zwei Wege. Der eine 
war, die Macht der Offiziere wiederherzustellen. Aber das wäre in jener 
Zeit, in der die Autorität des Offizierskorps völlig zusammengebrochen, der 
Haß gegen die Offiziere, eine Frucht der Kriegserlebnisse, die Volksleiden- 
schaft des Tages war; schwerlich gelungen; und wenn es gelungen wäre, 
so hätte es die Revolution in die schwerste Gefahr gebracht, die bewaff- 
nete Macht in der entstehenden Republik dem konterrevolutionären, 
monarchistisch gestimmten Offizierskorps überantwortet. Es war daher nur 
der andere Weg offen. In diesen Tagen des Zusammenbruchs aller über- 
lieferten Autoritäten war mächtiger denn je die Autorität der Sozialdemo- 
kratie. Sie allein konnte die Haufen bewaffneter Proletarier, die sich in 
den Kasernen sammelten, disziplinieren, sie ihrer Führung unterordnen, 
mit ihrer Ideologie erfüllen und dadurch verhindern, daß sie der nach vier 
Kriegsjahren so großen Versuchung zum Mißbrauch ihrer Waffen erliegen. 

Die Aufstellung der Volkswehr hat das Land vor der drohenden Gefahr 
der Anarchie bewahrt. Die Volkswehr übernahm die Bewachung der Depots 
und Magazine. Volkswehrbataillone wehrten — am 14. und 15. November 
in blutigen Kämpfen — die Angriffe tschechischer und magyarischer 
Truppen, die durch deutschösterreichisches Gebiet in die Heimat trans- 
portiert wurden, ab. Die Volkswehr ordnete sich die „Rote Garde" ein und 
zwang sie, sich ihrem Kommando und ihrer Ordnung zu unterwerfen. Aber 
es war eine von Sozialdemokraten geführte, mit roten Fahnen unter den 
Klängen der Arbeitermarseillaise marschierende Truppe, die nun über die 
Sicherheit des Landes zu wachen hatte. Dadurch wude die Aufstellung der 
Yolkswehr zum revolutionären Akt, zu dem ersten Akt der proletarischen 
Revolution, in die die nationale Revolution damit umzuschlagen begann. 

— 99 — 7« 



In den klassischen Revolutionen der Verganftenheit fiel die Ent- 
scheidung im Barrikadenkampf. Durch den Sieg auf den Barrikaden ent- 
waffnete die Revolution die Gewalten des allen Regimes und aus dem Sieg 
auf den Barrikaden ging ihre eigene bewaffnete Macht hervor. Was sich 
sonst im Barrikadenkampf vereinte, zerlegt sich in der deutschösterrei- 
chischen Revolution in zwei Akte. Die Entwaffnung des alten Regimes 
ward durch die Selbstauflösung der kaiserlichen Armee vollzogen. Die 
bewaffnete Macht des neuen Regimes entstand in der Volkswehr. Der 
Übergang der Waffengewalt aus den Händen des alten in die des neuen 
Regimes, der in anderen Revolutionen nur im blutigen Bürgerkrieg er- 
folgen konnte, konnte hier nach der Selbstauflösung der alten Armee ohne 
blutigen Kampf, als bloße organisatorische Leistung durch die Aufstellung 
der Volkswehr vollendet werden. Daß diese Leistung der Romantik der 
Barrikadenschlacht entbehrt, darf nicht darüber täuschen, daß ihre ge- 
schichtliche Wirkung dieselbe war, die in anderen Revolutionen nur auf 
den Barrikaden erkämpft werden konnte. An die Stelle der kaiserlichen 
Armee war die republikanische Volkswehr getreten; und diese republi- 
kanische Wehr war ein proletarisches, ein von sozialistischem Geist er- 
fülltes Heer. Die tatsächliche Verfügung über die Waffengewalt war nicht 
nur vom Kaiser auf das Volk, sie war zugleich innerhalb des Volkes von 
den besitzenden Klassen auf das Proletariat übergegangen. ■ 

Diese Revolution in den Kasernen entfesselte sofort die Revolution in 
den Fabriken. Während des Krieges hatte das industrielle Unternehmertum 
die Arbeiter unter dem unmittelbaren Schutz der Militärgewalt beherrscht: 
militärische Betriebsleiter kommandierten in den Fabriken und Militär- 
wachen hielten die Arbeiterschaft in Zucht. Jetzt brach mit der Militär- 
gewalt die ganze Autorität des Unternehmertums und seiner Organe zu- 
sammen. Das Selbstbewußtsein, das Machtbewußtsein der Arbeiter erstarkte 
gewaltig. Die drohende Gärung in den. Arbeiterbezirken schüchterte die 
bürgerlichen Parteien ein und unterwarf sie dem Willen der Sozialdemo- 
kratie. So ging die Revolution ihren Gang weiter. 

Deutschösterreich hatte sich am 30. Oktober schon eine talsächlich 
republikanische Verfassung gegeben; aber in Wien saß noch der Kaiser, 
ohne auf den Thron zu verzichten. Die vom Staatsrat ernannten Staats- 
sekretäre hatten in den ersten Novembertagen die Zweige der k. k. Mini- 
sterien, die deutschösterreichisches Gebiet zu verwalten hatten, über- 
nommen. Aber daneben bestanden als „liquidierende Ministerien" immer 
noch die Departements fort, die Einrichtungen und Vermögenschaften des 
alten Reiches verwalteten, deren sich zu bemächtigen die deutschöster- 
reichische Regierung nicht gewagt hatte, weil sie noch als gemeinsamer 
Besitz aller Nachfolgestaaten des Reiches angesehen wurden. So waren 
denn diese„liquidierenden Ministerien" vorläufig noch in der Verwaltung 
der Regierung Lammasch geblieben. In allen Zentralstellen saßen noch 
der vom Staatsrat ernannte deulschösterreichische Staatssekretär und der 
vom Kaiser ernannte österreichische Minister nebeneinander. Dieser Dua- 
lismus republik;. nischer und monarchischer Verwaltung auf demselben 
Boden war unhaltbar. Er wurde unerträglich, als endlich auch im 
Deutschen Reich das Kaisertum zusammenbrach. Als am 9. November 
Deutschland zur Republik wurde, drängte 'dife republikanische Bewegung 

— 100 - 



der Arbeitermassen auch in Dcutschüsterreich nach der Beseitigung der 
letzten Reste der monarchischen Ordnung. Am folgenden Tag erklärten die 
Vertreter der Sozialdemokratie im Staatsrat den bürgerlichen Parteien, die 
gewaltsame Erhebung der Arbeiter und der Soldaten sei unvermeidlich, 
wenn nicht unverzüglich auch in Deulscliusterreich die Republik pro- 
klamiert werde. Die bürgerlichen Parteien, durch die Bewegung in den 
Fabriken und in den Kasernen eingeschüchtert, wagten keinen Wider- 
stand mehr. Die Christlichsozialen, die noch am 9. und 10. November zur 
Monarchie standen, entschlossen sich am 11. November, ihren Widerstand 
.aufzugeben, da ein Beschluß des Tiroler Nationalrats für die Republik und 
Rsrichte aus Oberösterreich und Kärnten anzeigten, daß auch durch die 
Bauernschaft schon eine mächtige republikanische Welle ging. Der Staats- 
rat beschloß mit Stimmenmehrheit, die Provisorisclie Nationalversamm- 
lung für den 12. November einzuberufen und ihr einen Gesetzentwurf über 
die Proklamierung der Republik vorzulegen. Auch der Kaiser gab nun, von 
Lammasch beraten, allen Widerstand auf. Am 11. November legte der 
letzte Habsburger die_ Regierung nun auch förmlich nieder. „Nach wie vor", 
so sagte die Proklamation des Kaisers, „von unwandelbarer Liebe für alle 
meine Völker erfüllt, will ich ihrer freien Entfaltung meine Person nicht 
als Hindernis entgegenstellen. Im voraus kenne ich die Entscheidung an, 
die Deutschöst£rreich über seine künftige Staatsforra trifft. Das Volk hat 
■durch seine Vertreter die Regierung übernommen. Ich verzichte auf jeden 
Anteil an den Staatsgeschäften. Gleichzeitig enthebe ich meine öster- 
reichische Regierung ihres Amtes." 

Mit dem Gedanken der Republik hatte sich schon im Verlauf des Oktober 
der Gedanke des Anschlusses Deutschösterreichs an Deutschland vermählt. 
Der Anschlußgedanke war zuerst in unserem Nationalitätenprogramm 
der „Linken" ausgesprochen worden. Sobald die revolutionäre Situation, für 
die unser Nationalitätenprogramm gedacht war, eingetreten war, hatten wir 
begonnen, ihn zu propagieren. Schon am 13. Oktober hatte ich die Artikel- 
■serie in der „Arbeiter-Zeitung" begonnen, die den Anschlußgedanken auf 
die Tagesordnung stellte. Er hatte sehr schnell Macht gewonnen. 

Mit dem Zusammenbruch seiner Herrschaft über die anderen Nationen 
sah das deutschnationale Bürgertum seine geschichtliche Mission beendet, 
um derentwillen es bisher die Trennung vom deutschen Mutterland willig 
ertragen hatte; konnte es der Machtstellung der deutschen Nation nicht 
mehr, vom Deutschen Reiche getrennt, durch seine Herrschaft über die 
anderen Völker der Habsburgermonarchie dienen, so wollte es sich durch 
•seinen Anschluß an das Reich davor schützen, selbst unter Fremdherrschaft 
-ZU fallen, wo es bisher Fremdherrschaft geübt hatte. Die Deutschen in 
Böhmen, Schlesien, Nordmähren, von den deutschen Alpenländern durch 
•das tschechische Gebiet räumlich geschieden, hatten ja keine andere Wahl 
.als die zwischen der- tschechischen Fremdherrschaft und dem Anschluß an 
das Reich. Die sechs Millionen Deutschen der Alpenländer, seit Jahr- 
hunderten mit den drei Millionen Deutschen der Sudetenländer eng ver- 
bunden, konnten diese Verbindung nur im Rahmen des Deutschen Reiches 
aufrechterhalten. Wie hilflos Deutschösterreich, auf seine eigene Kraft 
angewiesen, den neuen Nationalstaaten gegenüberstand, hatte man schon 
in den ersten Anfängen der Revolution erfahren: Hungersnot war in 

- 101 - 



Dcutschöstcrroich sofort oirüxotrctcn, als die Tschechen die NahriinffsmiUel- 
iind Kohlonzufuhr cinj^cstollt hatten. Der erste Schritt dos entstehendcrr 
deutschöstorreichischon Staates hatte sein müssen, die Berliner Regierung 
um eine Aushilie mit Getreide zu bitten. Deutschösterreichs Volkswirtschaft, 
auf das große österreichisch-ungarische Wirtschaftsgebiet gegründet, mußte 
durch den Zerfall des Wirtschaftsgebietes in furchtbarste Bedränf^nis geraten. 
Allein war es der Feindseligkeit der neuen Nationalstaaten wehrlos preis- 
gegeben; nur der Rückhalt des großen, wirtschaftsstarken Reiches konnte 
seine wirtschaftliche Machtstellung gegen die Nachbarstaaten stärken und' 
die notwendige Umschichtung der deutschösterreichischen Volkswirtschaft 
erleichtern. Unter dem mächtigen Eindruck dieser Erwägungen, Interessen,. 
Gefühle hatten schon im Verlauf des Oktober breite Schichten des Bürger- 
tums, zumal der Intelligenz, in der Hoffnung auf den Anschluß Trost über 
den Zusammenbruch ihres alten Herrschaftsgebäudes gefunden. 

Die Masse der Arbeiterschaft dagegen stand dem Anschlußgedanken 
damals noch kühl gegenüber, obwohl Sozialdemokraten seine ersten Ver- 
künder waren; sie hatte den deutschen Imperialismus während des Krieges 
allzu tief gehaßt, als daß sie sich nun hätte für den Anschluß an dasselbe 
Deutschland begeistern können. Erst der 9. November eroberte dem 
Anschlußgedanken die Arbeitermassen. Erst als das Kaisertum im Deutschen 
Reiche gestürzt war und eine sozialistische Regierung, auf Arbeiter- und 
Soldatenräte gestützt, die Macht ergriffen hatte, als die deutsche Revolution 
so mit einem gewaltigen Schlage die unsere weit überholt zu haben schien,. 
ward den Arbeitermassen der Gedanke verständlich, daß das große, hoch- 
industrielle Reich dem Kampf um den Sozialismus weit günstigere Bedin- 
gungen biete als das kleine, von agrarischen Nachbarländern hilflos 
abhängige und selbst zur Hälfte agrarische Deutschösterreich. 

Wie aber erst der Sieg der Republik im Reiche der Anschlußbewegung 
in Österreich die Massen erobert hat, so stützten auch in Deutschösterreich 
selbst der republikanische und der Anschlußgedanke einander gegenseitig. 
Die republikanische Bewegung schöpfte aus der Forderung nach dem 
Anschluß starke Kraft. Denn daß ein habsburgisches Österreich im Reiche 
nicht aufgehen könne, Deutschösterreich also erst mit Habsburg brechen- 
müsse, um zum Anschluß fähig zu werden, war einleuchtend. So warb der 
Anschlußgedanke der Forderung des Proletariats nach der Republik Bundes- 
genossen im Bürgertum. Anderseits aber schöpfte auch der Anschluß- 
gedanke selbst aus der republikanischen Bewegung starke Kräfte. Der 
Streit zwischen Habsburg und HohenzoUern hatte Deutschösterreich von. 
Deutschland getrennt; stürzte nun Habsburgs und Hohenzollerns Herr- 
schaft zugleich, so erschien die Vereinigung des einen Volkes zu einem 
Gemeinwesen als die natürliche Folge des Sturzes der Dynastien, die es 
zerrissen hatten. So knüpfte die Bewegung, den ^Gedanken der Republik 
mit dem der deutschen Einheit vermählend, an die Überlieferung der 
Demokratie von 1848 wieder an. 

Soeben erst war der Waffenstillstand auf der Grundlage der J4 Punkte 
Wilsons, die allen Völkern das Selbslbestimmungsrecht verhießen, ab- 
geschlossen worden. Wollte Deutschösterreich, mit keiner anderen Waffe- 
ais dem Appell an das auch ihm verheißene Recht ausgerüstet, den An- 
schluß durchzusetzen versuchen, dann durfte der Anschluß nicht der 

— lOJ — 



Traum einzelner, nicht das Programm von Parteien bleiben; dann mußte 
das deutschösterreichische Volk zeigen, daß es in demselben Augenblick, 
in dem es seine Freiheit erlangte und sein Schicksal in seine Hände nahm, 
sofort auch einig war, sich dieses Ziel zu setzen. Darum beantragten die 
Vertreter der Sozialdemokratie im Staatsrat, daß gleichzeitig mit der 
Republik auch der Anschluß verkündet werden solle. Dieser Antrag wurde 
am 11. November mit Stimmenmehrheit angenommen. 

Am folgenden Tage trat die Provisorische Nationalversammlung zu ihrer 
dritten Sitzung zusammen. Der Gesetzesbeschluß dieses Tages faßte die 
Ergebnisse der großen Umwälzung zusammen. Er schloß die demokratische 
Revolution ab: er erklärte Deutschösterreich zur demokratischen Republik, 
übertrug alle Rechte des Kaisers dem Staatsrat, erklärte alle Vorrechte der 
Familie Habsburg für aufgehoben, alle auf politische Privilegien ge- 
gründeten Körperschaften — die Delegationen, das Herrenhaus, die auf 
Grund des Zensuswahlrechtes gewählten Landtage und Gemeinde- 
vertretungen — für aufgelöst, er ordnete die Wahl der Konstituierenden 
Nationalversammlung und die Neuwahl der Landes- und der Gemeinde- 
vertretungen auf Grund des allgemeinen und gleichen Wahlrechtes aller 
Staatsbürger ohne Unterschied des Geschlechtes auf Grund der Verhältnis- 
wahl an. Die Republik, die Zertrümmerung der plutokratischen Wahl- 
rechtsprivilegien in den Ländern und in den Gemeinden, das Frauen Wahl- 
recht, der Proporz waren die Errungenschaften der demokratischen 
Revolution. Zugleich zog derselbe Gesetzesbeschluß die letzte Folgerung 
aus der nationalen Revolution: „Deutschösterreich", erklärte der Artikel 2, 
„ist ein Restandteil der Deutschen Republik." Und dieser Abschluß der 
demokratischen und der nationalen Revolution war zugleich der erste Akt 
der sozialen Revolution, der Machtverschiebung zwischen den Klassen, die 
sich vollzogen hatte. Denn es war der Wille der Arbeiterklasse, der den 
besitzenden Klassen die Republik aufgezwungen hatte. Am 21. Oktober, 
in der ersten Sitzung der Provisorischen Nationalversammlung, hatten sich 
noch die beiden großen bürgerlichen Parteien für die konstitutionelle 
Monarchie erklärt; am 12. November, in der dritten Sitzung der Provi- 
sorischen Nationalversammlung, haben sie beide, zitternd vor der drohen- 
den Erhebung des Proletariats, für die Republik gestimmt. Auch hier war 
es, wie nach Marxens Darstellung am 25. Februar 1848 in Paris: das Prole- 
tariat befahl der Rourgeoisie, die Republik auszurufen. 

Die Arbeitermassen hatten am 12. November die Arbeit eingestellt, 
Während die Provisorische Nationalversammlung im Saale des Herren- 
hauses tagte, war die Wiener Arbeiterschaft vor dem Parlamentsgebäude 
versammelt. Aber die gewaltige soziale Gährung in den Massen offenbarte 
sich auch in dieser riesigen Demonstration. Als zum erstenmal die rot- 
weißrote Fahne, die sich die Republik an Stelle der schwarzgelben Fahnen 
Habsburgs gab, auf den Fahnenmasten des Parlamentsgebäudes gehißt 
v/erden sollte, rissen revolutionäre Arbeiter die weißen Teile aus dem 
Fahnentuch heraus. Kurze Zeit später stürzte sich ein Haufe kommu- 
nistischer Soldaten auf das Parlamentstor und begann eine ziel- und sinn- 
lose Schießerei, die zwei Menschen das Leben kostete und die versammelte 
Masse zersprengte. So sinnlos das war: der grelle Mißklang, mit dem die 
Kundgebung endete, war doch ein Symptom und Symbol der Erregung, 

— 103 — 



der Gürunp, der elementaren Beweguns! in den Massen, die über die er- 
rungene politische Freiheit und Gleichheit hinausdrängte. 

Die Republik hat im April 1919 den 12. November, den Tag des Ab- 
schlusses der demokratisch-nationalen Revolution, zum Nationalfeiertag: 
erklärt. Aber die Bourgeoisie hat den gesetzlichen Feiertag nie mit- 
gefeiert; ihr ist er immer der Tag ihrer Kapitulation vor dem Proletariat 
geblieben. Die Arbeiterklasse dagegen feiert den Nationalfeiertag alljähr- 
lich als den Tag ihres Sieges. Darin drückt sich tiefer geschichtlicher Zu- 
sammenhang aus: als die nationale Politik der Bourgeoisie, deren Ziel die 
Aufrechterhaltung und Befestigung ihrer Herrschaft über die anderen 
Nationen gewesen war, zusammengebrochen war, hatte das Proletariat die 
Führung der Nation übernommen. Unter der geistigen Führung der Sozial- 
demokratie war der deutschösterreichische Staat begründet worden; unter 
dem Drucke der Arbeitermassen hatte er sich von dem habsburgischen 
Imperium gelöst und, sich allem Streben nach der Wiedervereinigung 
mit den jungen, befreiten Nationen entsagend, die Vereinigung mit dem 
Deutschen Reiche zum Ziel gesetzt. Die nationale Revolution war zur 
Sache des Proletariats, die proletarische • Revolution zur Trägerin der 
nationalen Revolution geworden. 

Am 12. November hatten wir erreicht, was die „Linke" schon im Jänner 
1918 als erste notwendige Etappe der nahenden österreichischen Revolution: 
vorgezeichnet, was sich dann, unter dem mächtigen Eindruck VN"elt- 
geschichtlicher Wendung den Gegensatz zwischen links und rechts über- 
windend, die ganze Partei in den erst-en Oktobertagen als nächstes Ziel 
gestellt hatte. Und dieses Ziel hatten wir im Verlauf von sechs Wochen 
ohne Straßenkampf und Bürgerkrieg, ohne Gewaltanwendung und Blut- 
vergießen erreicht. Wohl war wie jede Revolution auch diese ein Werk 
der Gewalt. Aber die Gewalt, die die Revolution ermöglichte, wirkte nicht in 
den Straßen Wiens. Auf den Schlachtfeldern am Balkan und in Venetien 
zerschlug sie den ehernen Mechanismus, der der Revolution im Wege 
stand. Deshalb konnten wir die Revolution im Hinterland ohne Gewalt, 
vollziehen. Wir vollzogen sie, indem wir in dies.in ontscheidangsvollen 
Wochen vom 3. Oktober bis zum 12. November an jedem Tage immer nur 
das, was .schon gereift war, forderten, immer nur das, was schon ohne 
schweje Opfer durchsetzbar war,- durchsetzten, so erreichten wir,. Schritt 
für Schritt vorgehend, schließlich doch das Ganze, das wir uns als Ziel 
gesetzt hatten. Zum letzten Male leitete in diesen Wochen Viktor Adler die 
Aktion der Partei. Sein unvergleichlicher Tatsachensinn erfaßte an jedem 
Tage, was nun gerade schon möglich, schon notwendig geworden war. Sein 
Verantwortlichkeitsgefühl duldete nicht, daß wir um den Preis schwerer 
Opfer heute schon zu nehmen versuchten, was uns morgen als reife Frucht 
in den Schoß fallen mußte. Sein Ansehen, sein menschliches Verständnis 
für den unterliegenden Gegner erleichterte den Besiegten das Zurückweichen 
Er starb am 11. November angesichts der vollendeten Tat. Er starb, als die 
Erziehung, die Organisation, die Kraft der österreichischen Arbeiterschaft, 
die seiner , .Lebensarbeit Ergebnis war, ihren höchsten Triumph feierten; 
als der Sieg der Partei, die er in der Jugend geeint, die er im Mannesalter- 
zur Macht empor geführt, der er in den letzten Lebensjahren die Einheit, 
gerettet hatte, ihre inneren Gegensätze aufhob, als sich in dem revolu- 

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tlonären Erlebnis seiner letzten Lebenstage der nationale Traum seiner 
Jugend mit dem sozialen Werk seines Mannesalters vermählte. Er hinter- 
ließ der Arbeiterklasse das große Erbe eines revolutioncären Sieges, der, nicht 
.mit Handgranaten und Maschinengewehren, sondern als geistige Tat, als 
Werk taktischer Kunst und organisatorischer Leistung errungen, den 
weiteren Verlauf des revolutionären Prozesses als geistiger Umwälzung,, 
geistiger Selbstbestimmung der Masse ermöglichte. 

Denn der revolutionäre Prozeß ging weiter. Er erfaßte sozial immer 
•weitere Gesellschaftsschichten, er gewann räumlich immer weitere Aus- 
dehnung. Längst schon hatte er, von Wien ausgehend, auch die Länder er- 
faßt und dort eine Bewegung entfesselt, die, in ihren Anfängen derselben 
revolutionären Wurzel entsprossen wie die Wiener Bewegung, in ihrem 
weiteren Verlauf doch unvermeidlich in Gegensatz gegen das revolutionäre 
Wien geraten mußte. 

Als nach dem 14. Oktober die tschechische Grenzsperre die Lebens- 
mittelnot in Deutschösterreich furchtbar verschärfte, waren in Steiermark 
die Organisationen der industriellen Unternehmer und der industriellen 
Arbeiter in Verhandlungen über die Sicherung der Lebensmittelversorgung 
der Industriearbeiter eingetreten. Da der Ernährungsdienst der Statthalterei 
vollständig versagte, beschlossen sie, den Ernährungsdienst selbst in ihre 
Hand zu nehmen. Mit Vertretern der politischen Parteien gemeinsam 
bildeten sie in Graz den Wohlfahrtsausschuß, der sich schon am 25. Oktober 
••des ganzen Verwaltungsapparats der Statthalterei bemächtigte, die Leitung 
der Statthalterei dem Industriellenvertreter Dr. Wutte als Wirtschafts- 
kommissär und dem Sozialdemokraten Dr. Eisler als seinem Stellvertreter 
übertrug; der kaiserliche Statthalter trat zurück. 

Wie in Steiermark die Ernährungsnot, so trieb in Tirol die Furcht vor 
der Verheerung des Landes durch die von der Front zurückflutenden 
Truppen die Parteien dazu, sich der Landesregierung zu bemächtigen. Am 
26. Oktober wählten die Reichsrats- und Landtagsabgeordneten Tirols einen 
.„Nationalrat", der am 1. November die Landesregierung übernahm. Vorarl- 
berg, bisher von der Tiroler Statthalterei mitverwaltet, folgte sofort diesem 
Beispiel, es trennte sich von Tirol, der autonome Landesausschuß über- 
nahm die Geschäfte der Statthalterei. 

Am 28. Oktober hatten sich di-e Tschechen der böhmischen und der 
mährischen Statthalterei bemächtigt. Aber die tatsächlicjie Macht des an 
■diesem Tage entstandenen tschechischen Staates erstreckte sich nur auf 
das tschechische Sprachgebiet. Die deutschen Gebiete der Sudetenländer, 
-die ihre Unterwerfung unter die tchechische Staatsgewalt einmütig 
ablehnten und sich zum deutschösterreichischen Staat bekannten, zerrissen 
ihre Verbindungen mit der böhmischen und der mährischen Statthalterei. 
Für diese Gebiete mußte daher eine ganz neue Verwaltungsorganisation 
geschaffen werden. Am 29. Oktober konstituierten sich die Reichsrats- 
abgeordneten Deutschböhmens als deutschböhmische Landesversammlung 
und wählten aus ihrer Mitte eine deutschböhmische Landesregierung, die 
in Reichenberg ihren Sitz nahm. Am folgenden Tage versammelten sich 
die Reichsratsabgeordneten der zusammenhängenden deutschen Bezirke 
Schlesiens, Nordmährens und Ostböhmens, sie beschlossen, diese Gebiete 
.2U einem neuen Lande, dem sie den Namen Sudetenland gaben, zu ver- 

— 105 - 



einigen und wählten eine Landesregierung für dieses Land. Die neuen 
Landesregierun^ien der beiden von dem übrigen Dcutschöstcrrcieh räumlich 
getrennten Gebiete mußten unter unsäglichen Schwierigkeiten -eine ganz 
neue Verwaltungsorganisation einrichten, neue Eisenbahn-, Post-, Finanz-, 
Gerichtsbehörden organisieren, um die Verwaltung dieser Gebiete von den 
tschechischen Behörden in Prag und in Brunn loszulösen und den Fort- 
gang der Verwaltung, des Verkehrs, der Lebensmittelversorgung notdürftig 
zu sichern. Dieselbe Organisationsarbeit mußte, hier unter etwas günstigeren 
Bedingungen, in den an Nieder- und Oberösterreich angrenzenden deutschen 
Gebieten Südmährens und Südböhmens geleistet werden, die sich in den 
ersten Novembertagen als Znaimer Kreis und als Böhmerwaldgau 
konstituierten und sich autonome Kreisregierungen einsetzten. So kurz- 
lebig alle diese Gebilde auch waren, sie haben ni'jht nur in der Übergangs- 
zeit bis zur gewaltsamen Unterwerfung dieser Gebiete durch die tschecho- 
slowakische Republik ihre Verwaltung ermöglicht, ihre Lebensmittelver- 
sorgung gesichert, sondern zugleich auch vor aller Welt den Anspruch ihrer 
Bewohner auf ihre Selbstbestimmung, ihren Pretest gegen ihre Annexion 
durch die Tschechoslowakei durch die Tat kundgetan. 

In allen diesen revolutionären Gebilden aber war. in Steiermark wie 
in Tirol, in Deutschböhmen wie im Sudetenland, ein neuer Typus von 
Landesregierungen entstanden. An die Stelle df'-r k. k. Statthalter waren 
von. den Volksvertretern des Landes gewählte, aus den pohtischen Parteien 
des Landes verhältnismäßig zusammengesetzte Landesregierungen getreten. 
Der der altösterreichischen Verwaltungsorganisation eigentümliche, aus 
der Organisation des ständischen Staatswesens überlieferte Dualismus der 
landesfürstlichen und der autonomen Verwaltung wurde überwunden,, 
indem die von der Volksvertretung des Landes gewählte Landesregierung 
die Funktionen des kaiserlichen Statthalters übernahm. Die Bewegung 
drängte nun in allen Ländern nach diesem Ziele: die Ersetzung der k. k. 
Statthalter durch autonome Landesregierungen erschien als die notwendige 
Folge des Zusammenbruchs des Kaisertums. Der Staatsrat hatte nicht die 
Macht, sich dieser Bewegung .~u widersetzen. Die Nationalver.'^ammlung 
konnte nur sanktionieren, was. sich in den Ländern schon auf revolutio- 
närem Wege vollzog. So fand das Grundgesetz vom 12. November seine 
Ergänzung in dem Gesetz übe? die Übernahme der Staatsgewalt in den 
Ländern, das die Provisor! .sehe Nationalversammlung am 14. November 
beschloß. Das Gesetz setzte an die Stelle der aus dem. Privilegienwahlrecht 
hervorgegangenen Landtage provisorische Landesversammlungen; sie 
wurden in der Weise gebildet, daß zu den Landtagsabgeordneten des 
Bürgertums und der Bauernschaft Vertreter der Arbeiterschaft hinzutraten. 
Diese Landesversammlungen hatten die Landesregierungen zu wählen, die 
die Amtsgeschäfte, welche bisher die Statthalter versehen hatten, über- 
nahmen. Die Landesregierungen wurden nach dem Verhältniswahlrecht 
gewählt, so daß die Arbeiterschaft, die bisher von den Landtagen gänzlich, 
ausgeschlossen gewesen war, überall unmittelbaren Anteil an den Landes- 
regierungen erlangte. 

Zugleich wurde aber damit auch das Verhältnis der Länder zum Staat 
vollständig umgewälzt. Der Statthalter, vom Kaiser auf Antrag der 
Regierung ernannt und abberufen, war ein Organ der Zentralregierung 

— 106 — 



gewesen. Der von der Landesversamnilung gewählte, nur von ihr abberuf- 
bare Landeshauptmann wurde von der Zentralregierung vollständig unab- 
hängig. Nicht die Weisungen der Staatsregierung, sondern die Beschlüsse 
der Landesversammlung bestimmten seine Amtsführung. Die Länder 
wurden damit tatsächlich zu selbständigen Republiken, der Staat zu einer 
losen Föderation der Länder. Der Verfassungskampf zwischen dem Staat 
und den Ländern, die Entwicklung Deutschösterreichs zum Bundesstaat 
waren damit bereits vorgezeichnet. 

Es war die demokratische Revolution in den Alpenländern und die 
nationale Revolution in den Sudetenländern, die die Ersetzung der Obrig- 
keitsregierung in den Ländern durch die Selbstverwaltung erzwungen hatten. 
Aber auch diese Ergebnisse der demokratischen und der nationalen Revo- 
lution mußten sofort soziale Bedeutung erlangen. Die Staatsregierung stand 
unter dem mächtigen Druck des Proletariats Wiens und der . Industrie- 
gebiete. Die Landesregierungen der agrarischen Alpcnländer mußten unter 
den bcstimm.enden Einfluß der Bauernschaft und des kleinstädtischen 
Bürgertums geraten. Im Gegensatz zwischen dem Staat und den Ländern 
'barg sich von Anfang an der Klassengegensatz. 

Anfänge dieser Entwicklung wurden schon in den Sturmtagen der 
Revolution erkennbar. Das erste Land, das sich dem Staat drohend ent- 
gegenstellte, war Tirol. Unter dem Eindruck der Panik, die in den Tagen 
der Auflösung der alten Armee in Tirol entstanden war, hatte der Tiroler 
„Nationalrat" zuerst das Deutsche Reich gebeten, mit reichsdeutschen 
Truppen den Brenner zu sperren, um die Verwüstung Nordtirols durch die 
rückflutenden Truppen zu verhüten. Als dann aber die Deutschen wirklich 
die Tiroler Grenze überschritten, fürchtete der Tiroler Nationalrat, Tirol 
könne zum Kriegsschauplatz der Deutschen und der Entente werden. Jetzt 
protestierte der Tiroler „Nationalrat" gegen den Einmarsch der Deutschen, 
die er selber gerufen hatte, und er suchte jetzt umgekehrt bei der Entente 
Hilfe. Er schickte eine förmliche Gesandtschaft in die Schweiz, die unmittel- 
bare Verbindungen mit der Entente anknüpfen sollte. Gegen diese Versuche 
«iner selbständigen auswärtigen Politik Tirols mußte der Staatsrat pro- 
testieren. Der Konflikt vertiefte sich sehr schnell. Der Tiroler „National- 
rat", um das Schicksal Deutschsüdtirols zitternd, glaubte durch Trennung 
Tirols von Deutschösterreich seinem Lande die Gnade der Sieger zuwenden 
zu können. Diese Hoffnung war der Ursprung der Tiroler Selbständigkeits- 
bewegung. Aber mit dem Gegensatz zwischen dem partikularen Landes- 
interesse und dem allgemeinen nationalen Interesse verknüpfte sicli der 
Klassengegensatz. Die Tiroler Bauernschaft hatte im Kriege den Milita- 
rismus hassen gelernt. Der republikanische Gedanke gewann sie sehr 
schnell. Am 11. November forderte der Tiroler Nationalrat die Proklamierung 
der Republik. Aber sehr bald stieß er sich daran, daß die Republik in Wien 
proletarischen Charakter zu gewinnen begann. Das bäuerlich-kleinbürger- 
liche Tirol wandte sich gegen das „rote" Wien. So beschloß die Tiroler 
Landesversammlung am 21. November eine förmliche Selbständigkeits- 
erklärung. Der Zusammenhang Tirols mit den anderen deutschöster- 
reichischen Ländern habe auf der Pragmatischen Sanktion, auf der Ge- 
meinschaft des Herrscherhauses beruht. Mit der Entthronung der Habs- 
burger sei dieses Band zerrissen. Dadurch sei Thol frei geworden, selbst 

— 107 — 



über seine Zukunft zu entscheiden. Seine nur vorläufige staatliche Zuge- 
hörigkeit zu Deutschösterreich könne sein wiedergewonnenes Selbst- 
bestimmungsrecht nicht aufheben. Das Beispiel Tirols wirkte auf die 
anderen Alpenländer. Die bäuerlich-bürgerliche Mehrheit verteidigte- 
überall gegen das proletarische Wien die Selbstherrlichkeit des Landes. 

Während sich aber die Alpenländer gegen die staatliche Einheit Deutsch- 
österreichs aufzulehnen begannen, führten Deutschböhmen und das 
Sudetenland, der Böhmerwaldgau und der Znaimcr Ivreis den schwersten 
Kampf um ihre Zugehörigkeit zu Deutschösterreich. Denn die junge 
tschechische Republik erhob Anspruch auf alle diese deutschen Gebiete. 
In Deutschösterreich war die nationale Folitik der Bourgeoisie zusammen- 
gebrochen, die Führung der Nation war in die Hände des Proletariats über- 
gegangen, nicht mehr die Herrschaft über andere Nationen, sondern die- 
Behauptung des Selbstbestimmungsrechtes der eigenen Nation war hier nun 
der Inhalt der nationalen Politik; in der Tschechoslowakei dagegen hatte 
die nationale Politik der Bourgeoisie am 28. Oktober ihren größten Sieg er- 
rungen, der triumphierende nationale Gedanke ordnete ihrer Führung die 
Volksmassen unter und sie griff, kaum erst selbst von fremder Herrschaft 
befreit, schon nach der Herrschaft über fremde Völker. Der junge 
tschechische Imperialismus bereitete der Aufrichtung der deutschöster- 
reichischen Verwaltung in Deutschböhmen und im Sudentenland, der 
Aufrechterhaltung des Verkehrs und der Lebensmittelversorgung in 
diesen Ländern unendliche Schwierigkeiten. In den Grenzgebieten gab 
es täglich Konflikte, nicht selten Scharmützel zwischen deutschöster- 
reichischer Volkswehr und tschechischen Truppen. Die deutsch- 
böhmische Landesregierung versuchte es, zu einer Vereinbarung mit der 
tschechischen Regierung zu gelangen, die bis zur Entscheidung des 
Friedenskongresses über das Schicksal Deutschböhmens das friedliche 
Zusammenwirken beider Verwaltungen sicherstellen sollte. Aber der 
tschechische Minister Rasin antwortete dem deutschböhmischen Landes- 
hauptmann-Stellvertreter Seliger am 4. November: „Mit Rebellen 
verhandeln wir nicht." Die tschechische Bourgeoisie, soeben noch selbst. 
wegen Hochverrats an Österreich verfolgt, weil sie für das Selbst- 
bestimmungsrecht ihres Volkes gekämpft hatte, betrachtete nun die um ihr 
Selbstbestimmungsrecht kämpfenden Deutschböhmen als Hochverräter. So^ 
drohte der jungen Republik ein schwerer Konflikt mit der Tschecho- 
slowakei. Und zugleich bedrohten auch schon die slowenischen Truppen 
des Generals Majstr deutsche Städte in Untersteiermark und deutsche Ge- 
biete in Kärnten. - 

Hatte sich die nationale Revolution in Wien und in den Industriegebieten 
Deutschösterreichs zur proletarischen Revolution weiterentwickelt, so- 
wurden zugleich doch auch schon die Schranken erkennbar, die der Ent- 
faltung der proletarischen Revolution gesetzt waren. Sie wurden sieht bar- 
in dem Widerstand der Bauernschaft und des Bürgertums der agrarischen 
Alpenländer, die sich gegen die Weiterentv/icklung der Revolution über den 
Rahmen der bürgerlichen Demokratie hinaus zur Wehr setzten, und in der 
Bedrohung durch die Bourgeoisie der befreiten Nachbarvölker, die, über 
ihre Grenzen hinausgreifend, Deutschböhmen und das Sudetenland — die 
größten Induslriegi.biete Deutschösterreichs, die stärksten Zentren der Kraft 

•— lOS — 



des deutschüsterreichlschen Prololarlats — ihrer iTerrschaft zu unterwerfen 
suchte. Die Repubhk, eben erst aus dem Willen des Proletariats erstanden, 
war schon bedroht durch den Länderpartikularismus der alpenländischen 
Bauernschaft im Innern und durch den Imperialismus der tschechischen und 
der jugoslawischen Bourgeoisie von außen. Der 12. November hatte die 
Republik nur proklamiert; es bedurfte der Arbeit und der Kämpfe von 
Jahren, sie zu schaffen und zu sichern. 

§ 8, Nationale und soziale Revolution. 

Liteiaim: 

Redlich, Das österreichische Staats- und Reichsoroblem. Leipzig 1020. — Wieser, 
Österreichs Ende. Berlin 1919. — Kautsky, Habsburgs Glück und Ende. Berlin 1918. 

Marx, Herr Vogt. London 18G0. — Engels, Gewalt und Ökonoxr,ie bei der Her- 
stellung des neuen Deutschen Reiches. „Neue Zeit", XIV, 1. — Schulze, Marx, 
oder Radetzky? „Der Kampf", 1918. 

Wir haben den Verlaut der Ereignisse von den nationalen Kämpfen, 
die die Habsburgermonarchie in den Krieg hineintriei)en, durch die natio- 
nalen Bewegungen der Kriegszeit hindurch bis zur Auflösung der Habs- 
burgermonarchie dargestellt. An diesem ^¥endepunkt wollen wir einen 
Augenblick innehalten und nochmals einen Blick auf die Ereignisse, denen 
das habsburgische Imperium nach vierhundertjälirigem Bestand erlegen 
ist, werfen, um aus der verwirrenden Fülle der Erscheinungen ihren 
wesentlichen Inhalt herauszuschälen zu versuchen. 

Die Gegensätze zwischen den Weltmächten hatten den Krieg, der im 
Jahre 1914 aus dem Zusammenstoß zwischen der habsburgischen 
Monarchie und dem Einheits- und Freiheitsdrang des jugoslawischen 
Volkes entstanden war, zum Weltkrieg erweitert. Der Krieg selbst hatte 
in seinem Verlauf seinen Charakter verändert. Ursprünglich nichts als ein 
Kampf zweier imperialistischer Mächtegruppen gegeneinander, war er seit 
dem Zusammenbruch des russischen Zarismus im März 1917 und seit dem 
Eingreifen der Vereinigten Staaten in den Krieg zu einem Kampf zweier 
politischer Systeme geworden. 

Drüben standen England, Frankreich, Italien, die Vereinigten Staaten 
— durchweg parlamentarisch regierte Länder, von der Bourgeoisie in den 
Formen der Demokratie beherrscht. Hüben stand das Deutsche Reich, von 
der Dynastie und vom Junkertum in den Formen des militärisch- 
bürokratischen Obrigkeitsstaates regiert, der nur die Oberschicht der 
Bourgeoisie, das Finanzkapital und die Schwerindustrie zu tatsächlicher 
Mitherrschaft zuließ; stand Österreich-Ungarn, von der Dynastie, der 
Generalität, der Bürokratie, dem Episkopat beherrscht, wobei magyarische 
Magnaten, böhmische Feudale, polnische Schlachzizen, die deutschöster- 
reichische Bourgeoisie mittelbar mitregierten. Drüben die ' Herrschaft der 
Bourgeoisie, hüben die Vorherrschaft der Dynastien, der Generalität, des 
Adels — das war der tatsächliche soziale Gegensatz. Drüben die Demo- 
kratie, hüben der Obrigkeitsstaat — das war der Gegensatz der herrschen- 
den Ideologien. 

- 109 — 



Die Wostniächto mußten die ganze Volkskraft entfesseln, um zu siegen 
Ihr Sieg hing vom Willen und von der Kraft der Massen, der Massen im 
leide und der Massen in der Kriegsindustrie ab. Sie bedienten sich der 
Kraft der demokratischen Ideologien, der großen Traditionen der bürger- 
lichen Revolution, um den Siegeswillen ihrer Massen zu entflammen. Sie 
konnten ihren Krieg als den Krieg der Demokratien gegen Militarismus 
Absolutismus und Feudalismus darstellen, sobald nicht mehr der Zarismus 
an ihrer Seite focht. Woodrow Wilsons wirkungsvolles Wort gab seither 
ihrem Kriege die mächtige demokratische Ideologie. 

Der Sieg der Bourgeoisie über die Dynastien, den Adel, die Militärkaste; 
der Sieg der Demokratie über den autoritären Obrigkeitsstaat ist der Inhalt 
aller bürgerlichen Revolutionen. Dieser Sieg, erkämpft auf den Barrikaden 
aller bürgerlichen Revolutionen, wurde abermals erkämpft auf den fran- 
zösischen Schlachtfeldern im Jahre 1918. Der Sieg der Westmächte über 
die Mittelmächte war der Sieg der Bourgeoisdemokratie über die 
oligarchischen Militärmonarchien. Es war die größte, die blutigste bürger- 
liche Revolution der Weltgeschichte. 

Im Rahmen dieser allgemeinen bürgerlichen Revolution vollzog sich 
während des Krieges die österreichische Revolution. Auch sie war eine 
bürgerliche Revolution. Sie war ihrem Ursprung und Wesen nach die 
Revolution des jugoslawischen, des tschechischen und des polnischen 
Bürgertums. 

Noch am Anfang des 19. Jahrhunderts waren Tschechen und Jugoslawen 
Bauernvölker gewesen, von fremden Herrenklassen beherrscht. Im Verlauf 
des 19. Jahrhunderts hatte sich in ihrem Schöße ein nationales Bürgertum 
entwickelt. Mit der Entwicklung der Volksschule und der Presse, mit der 
Demokratisierung des öffentlichen Lebens hatte dieses nationale Bürger- 
tum allmählich die Kleinbürger, die Bauern, die Arbeiter mit seiner 
nationalen Ideologie erfüllt, sie in den Kampf gegen die aus der Zeit des 
Feudalismus und des Absolutismus überlieferten nationalen Herrschafts- 
verhältnisse, in den Kampf gegen die Vorherrschaft der deutschen 
Bourgeoisie und der magyarischen Gentry, in den Kampf um die nationale 
Staatlichkeit geführt. Seit 1903 und 1908 hatte dieser Kampf bedrohliche 
Heftigkeit angenommen. 

Auch im polnischen Volk hatte sich im Verlauf des 19. Jahrhunderts 
ein Bürgertum entwickelt, das allmählich statt des Adels die Führung der 
Nation übernommen hatte. Seit der Verschärfung der preußischen Polen- 
politik geriet es in immer schärferen Gegensatz gegen die deutsche Welt 
Seit der russischen Revolution 1905 gewann der Einheitsdrang des 
polnischen Volkes wieder stärkere Macht. 

Die Verschärfung der nationalen Gegensätze erschütterte das Reich. 
Die Monarchie versuchte es, durch den Krieg nach außen die permanente 
innere Krise zu überwinden. Darum stürzte sie sich in den Krieg. Aber 
damit machte sie ihre Existenz selbst vom Ausgang des Krieges abhängig. 

Die furchtbcaren Opfer an Blut und Gut, die der Krieg heischte, trugen 
die slawischen Völker doppelt schwer; erschienen sie ihnen doch als Opfer 
für einen ihnen fremden Staat, für eine ihnen feindliche SachS. Je länger 
der Krieg dauerte, desto mehr erstarkte daher in den slawischen Ländern 
die nationalrevolutionäre Bewegung gegen Österreich. Zunächst setzte sia 



-. 110 — 



sich als ihr Ziel die nationale Staatlichkeit in einer Völkerlüderation unter 
Habsburgs Zepter. Aber zwei weltgeschichtliche Ereignisse, die der Krieg 
hervorrief, ermöglichten es ihr schließlich, sich den vollständig souveränen 
Nationalstaat und damit die vollständige Zerstörung der Habsburger- 
monarchie zum Ziel zu setzen. 

Das erste dieser Ereignisse war die russische Revolution. Solange der 
russische Zarismus ungebrochen war, war die Existenz der österreichisch- 
ungarischen Monarchie eine europäische Notwendigkeit; wäre sie zerfallen, 
so wären die slawischen Staaten, die aus ihr entstehen mußten, unver- 
meidlich zu Vasallenstaaten Rußlands geworden. Ihr Zerfall hätte daher die 
Herrschaft des Zarismus über Europa begründet. ,,Der einzige Umstand, 
der die staatliche Existenz Österreichs seit Mitte des 18. Jahrhunderts recht- 
fertigt," schrieb Marx im Jahre 1860, „ist sein Widerstand gegen die Fort- 
schritte Rußlands im Osten Europas ■ — ein Widerstand, hilflos, inkonse- 
quent, feig, aber zäh." Diesen „Widerstand, hilflos, inkonsequent, feig, aber 
zäh" hat das kaiserliche Heer zum letztenmal in der großen Winterschlacht 
1914/15 in den Karpathen geleistet. An der Duklasenke, bei Mezölaborcz, 
am Uzsokpaß zerbrach die Angriffskraft des Zarismus. Die russische Kraft 
war zermürbt; im Frühjahrsfeldzug 1915 v/urde sie zerbrochen. Der russi- 
schen Revolution war der Weg frei. 

Die russische Revolution revolutionierte alle Völker der Habsburger- 
monarchie. Sie ermutigte die jugoslawische Bewegung. Sie einigte die 
vorher zwischen österreichischer iind russischer Orientierung schwanken- 
den Polen gegen die Mittelmächte. Sie gab den Tschechen die Gelegenheit, 
durch ihr selbständiges Auftreten an der Wolga und in Sibirien den 
Westmächten ihre Anerkennung als kriegführende Macht abzuringen. Sie 
entschied damit den Untergang der Habsburgermonarchie. 

Im Jahre 1888 schrieb Friedrich Engels, die Sprengung Österreichs wäre 
unheilvoll gewesen ,,vor dem b(=vorstehenden Sieg der Revolution in Ruß- 
land, nach welchem sie überflüssig wird, weil das dann überflüssig 
gemachte Österreich von selbst zerfallen muß". Dieses Vonselbstzerfallen 
— wir haben es im Oktober und November 1918 erlebt in der Bildung der 
Nationalstaaten im Hinterland, in der Selbstauflösung der kaiserlichen 
Armee in der venezianischen Ebene. 

Der Sieg der russischen Revolution hat die nationale Revolution der 
Tschechen, Polen und Jugoslawen bis zum Kampf um die volle staatliche 
Selbständigkeit, um die vollständige Auflösung der Habsburgermonarchie 
vorwärtsgetrieben. Die Niederlage des deutschen Kaisertums hat dieser 
Revolution den Sieg gesichert. Solange das Deutsche Reich aufrecht stand,, 
konnte Österreich nicht zerfallen; die deutsche Macht verbürgte Österreichs 
Bestand, weil sich Deutschland mittels der Deutschösterreicher und der 
Magyaren die slawischen und romanischen Völker der Monarchie in. 
seiner Botmäßigkeit erhielt. Solange das Deutsche Reich aufrecht stand,, 
konnten selbst die slawischen Völker den Zerfall der Monarchie nicht 
wünschen; mußten doch Tschechen und Slowenen fürchten, daß das. 
Deutsche Reich bis zur Adria vordringen, sich die alten deutschen Bundes- 
länder einverleiben werde, wenn Österreich zerfällt. Erst als gewaltige 
Übermacht die Kraft des deutschen Heeres an der West.front zerbrach, 

— 111 — 



konnte die Revolution der Tschechen, Südslawen und Polen vollständ'gen 
Sieg erkämpfen. 

So setzte die nationale Revolution der drei slawischen Völker den Sieg 
der Westniächte voraus. In den ersten dreieinhalb Jahren des Krieges hatten 
sich die Westmächte keineswegs die Zerschlagung der Habsburger- 
nionarchie zum Ziel gesetzt. Erst nachdem die Verhandlungen mit Öster- 
reich-Ungarn über einen Sonderfrieden im Jahre 1917 ergebnislos geblieben 
v/aren; erst nachdem das Friedensdiktat der Mittelmächte in Brest-Litowsk 
und in Bukarest und Czernins Angriff auf Clömenceau am 2. April 1918 die 
Wiederaufnahme solcher Verhandlungen unmöglich gemacht hatten; erst 
nachdem die tschechischen Legionen an einer für die Westmächte lebens- 
wichtigen Stelle die „Ostfront wiederherstellten", erst dann gelang es der 
revolutionären Emigration, die Westmächte für die völlige Auflösung der 
Donaumonarchie zu gewinnen. Jetzt erst wurde das Ziel der bürgerlichen 
Revolution der Tschechen. Polen und Südslawen zu einem Kampfziel jener 
ungleich größeren allgemeinen bürgerlichen Revolution, zu der der Krieg 
der Westmächte gegen die Mittelmächte geworden war. 

Die Deutschösterreicher und die Magyaren waren nicht die Träger dieser 
Revolution, sondern ihre Opfer. Als sich in der Stunde des Sieges der West- 
mächte die anderen Nationen von der Habsburgermonarchie losrissen, 
blieben Deutsche und Magyaren zurück. Der Staat, in dem sie bisher die 
führende Stellung gehabt, löste sich auf. Die Grundlagen ihres wirtschaft- 
lichen Lebens waren zerstört. Großen Teilen beider Völker drohte die 
Unterwerfung unter Fremdherrschaft. Nun erst griff die Revolution auch 
auf Deutschösterreich und Ungarn über. Die Revolution der Deutsch- 
österreicher und der Magyaren begann erst, als der vollständige Sieg der 
Revolution der Tschechen, Polen und Jugoslawen bereits unmittelbar bevor- 
stand, bereits unabwendbar geworden war. Aus der nationalen Revolution 
rings um sie hervorgegangen, setzte sich auch die Revolution der Deutsch- 
österreicher und der Magyaren zunächst nationale Ziele. Da die bisherigen 
Formen ihres staatlichen Lebens von der bürgerlichen Revolution rings um 
sie zerschlagen wurden, griffen die beiden Nationen zunächst auf die Ideen 
ihrer bürgerlichen Revolution, der Revolution von 1848, zurück. Die 
Magyaren suchten sich aus dem Zusammenbruch der Habsburger- 
monarchie zu retten, indem sie ihre Unabhängigkeit proklamierten. Die 
Deutschösterreicher, an der Möglichkeit verzweifelnd, als ein bloßer Rest 
des alten großen Österreich ein wirtschaftlich erträgliches, national selb- 
ständiges Leben führen zu können, proklamierten den Anschluß an 
Deutschland. 

Aber begann auch die Revolution der Deutschösterreicher und der 
Magyaren als nationale Revolution, so erlangte sie doch ganz anderen 
sozialen Inhalt als die nationalen Revolutionen der Tschechen, der Polen, 
der Jugoslawen. 

In der Tschechoslowakei, in Jugoslawien, in Polen hatten Bourgeoisie 
und Proletariat gemeinsam um die nationale Befreiung gekämpft. Der ge- 
meinsam errungene Sieg ordnete das Proletariat vorerst vollständig der 
nationalen Idee der nationalen Bourgeoisie unter. Im Triumph des er- 
rungenen nationa'en Sieges fand das Proletariat in. den Revolutions- 
monaten volle Befriedigung in der Aufrichtung, im Ausbau, in der Be- 

— 112 — 



iestigung des nationalen Gemeinwesens. Es drängte über die Scliranken 
einer bürgerlichen, nationalen Revolution nicht hinaus. Ganz anders war 
es in Deutschösierreich und in Ungarn. Die deutschösterreichische 
Bourgeoisie und die magyarische lierrenklasse hatten im Kriege nicht für 
die nationale Befreiung, sondern für die Aufrechterhaltung ihrer Herr- 
schaft über die anderen Nationen gekämpft. Die nationale Revolution, die 
die Habsburgermonarchie sprengte, war hier nicht der endliche Sieg, 
■sondern die endgültige Niederlage der nationalen Idee der Bourgeoisie. Mit 
Habsburg und HohenzoUern war hier auch die Bourgeoisie besiegt. Ihre 
Autorität war zusammengebrochen. Ihre Herrschaftsmittel waren mit der 
Auflösung der kaiserlichen Armee zerstört. Die Volksmassen erhoben sich 
gegen sie. Die Waffengewalt fiel in Wien und .m Budapest in die Hände 
des Proletariats. Hier drängte die Revolution üb^ir den nationalen Rahmen 
zur sozialen, zur proletarischen Revolution hinaus. 

Das alte große Reich, das alte große Wirtschaftsgebiet ist nicht durcli 
die soziale Revolution des deutschüsterreichiscl>en und dos magyarischen 
Proletariats zerschlagen worden, sondern durch/ die nationale Revolution 
der tschechischen, der polnischen, der jugoslawischen Bourgeoisie. Solange 
das Reich lebensfähig war, hat das deutschöster.veichische Proletariat nicht 
gegen den Bestand des Reiches gekämpft, sondern für seine Umbildung 
zu einem Bundesstaat freier Völker — für die einz-ige Lösung des öster- 
reichisch-ungarischen Reichsproblems, die, wenn überhaupt eine, den Be- 
stand des Reiches hätte retten können. Erst als die slawitjchen Nationen 
vom Reiche abfielen, erst als der Zusammenbruch dys Reiches schon 
unabwendbar geworden war und unmittelbar bevorstand, erhob sich in 
Deutschösterreich und in Ungarn das Proletariat. Nicht durch die prole- 
tarische Revolution ist das Reich aufgelöst, sondern durch die Auflösung 
des Reiches ist die proletarische Revolution geweckt und entfesselt worden. 
{\.bev gerade weil die proletarische Revolution in Deutschüsterreich und in 
Ungarn erst durch den Sieg der nationalen Revolution der slawischen 
Völker, die das Reich sprengte, ausgelöst und entfesselt worden ist, blieb'jn 
in ihrem weiteren Verlauf das nationale und das soziale Problem der 
Revolution eng miteinander verknüpft. 

Deutschösterreich ist kein organisch gewachsenes Gebilde. Es ist nichts 
als der Rest, der von dem alten Reich übriggeblieben ist, als die anderen 
Nationen von ihm abfielen. Es blieb zurück als ein loses Bündel aus- 
einander strebender Länder, deren politisches Zusammengehörigkeitsgefühl 
und deren ökonomische Existenzgrundlagen durch den Zerfall des alten 
Reiches und des alten Wirtschaftsgebietes zerstört worden waren. Die 
Deutschösterreicher waren im alten Reich das politisch herrschende und 
das wirtschaftlich führende Volk gewesen: Wien war nicht nur der Sitz 
der Reichsbürokratie, sondern auch das Zentrum des Bankwesens und des 
Handels im alten Reiche, die Deutschen hatten dem alten Reiche nicht 
nur seine Offiziere und Beamten, sondern auch seine Industrieorganisatoren 
und Kaufleute gestellt. Die Auflösung des alten Reiches mußte daher einen 
großen Teil des deutschösterreichischen Volkes seiner Funktion und damit 
auch der wirtschaftlichen Grundlagen seines Lebens berauben. Deutsch- 
Österreich war das Industriegebiet des großen, überwiegend agrarischen 
' Wirtschaftsgebietes der Habsburgermonarchie gewesen: seine Industrie war 

i _ ii3 _ * 



auf die Rohstoffquellen und auf die Absatzgebiete, die Ernährung soinos 
Induslrievolkes auf die Landwirtschaft und die Viehzuclit der anderen 
Länder der Monarchie gegründet gewesen. Die Auflösung des alten 
Reiches mußte daher die deutschösterreichische Industrie schwer er- 
schüttern und die Ernährung des deutschöslerreichischen Industrievolkes 
empfindlich erschweren. Dal^ dieser Rest der alten Monarchie, durch eine 
gewaltsame Operation aus ihrem Wirtschaftskörper herausgerissen, selb- 
ständig ein erträgliches Leben zu führen imstande sein werde, hat in der 
Zeit der Revolution niemand geglaubt. Das Altösterreichertum hatte es in 
letzter Stunde noch versucht, die Verknüpfung der Nationen der Donau- 
monarchie in neuer Form zu retten; das war der Versuch der Regierung 
Lammasch. Er mußte scheitern, nachdem die Revolution in Rußland und 
die Niederlage Deutschlands den Befreiungskampf der slawischen Nationen 
zum Kampf um die volle, uneingeschränkte Souveränität gesteigert hatten. 
So suchte denn Deutschösterreich die neue Form seines staatlichen Lebens^ 
in 'der Heimkehr zur Mutternation, im Anschluß an Deutschland. Aber 
damit mußte es in Widerstreit gegen den gerade in dieser Stunde 
triumphierenden französischen Imperialismus geraten. Selbständigkeit, 
Donauföderation oder Anschluß — das war das Problem. In welcher völker- 
rechtlichen oder staatsrechtlichen Verbindung kann Deutschösterreich, 
nachdem die alten Formen seiner Existenz durch die nationale Revolution 
der slawischen Völker zerstört waren, neue Grundlagen staatlichen und 
wirtschaftlichen Lebens finden? Das war das nationale Problem der 
deutschösterreichischen Revolution. 

Mit diesem nationalen Problem war aber das soziale Problem der Revo- 
lution eng verknüpft. Nach dem vollständigen Zusammenbruch des politi- 
schen und ökonomischen Herrschaftssystems der deutschösterreichischen 
Bourgeoisie mußte die Führung des deutschösterreichischen Volkes in die 
Hände des Proletariats fallen. Die nationale Revolution mußte hier zur 
proletarischen Revolution werden. Aber die proletarische Revolution setzte 
hier ein in einem Augenblick, in dem rings um uns eine bürgerliche Revo- 
lution die Dynastien und Aristokratien nur stürzte, um dir Bourgeoisie in 
die Macht zu setzen. Der Sieg der Entente war eine bürgerliche Revoluticn: 
sie brach die Vormachtstellung der Hohenzollern und der preußischen 
Junker in Europa; sie setzte an ihre Stelle die unbeschränkte Herrschaft 
der westeuropäischen Bourgeoisie über ganz West- und Mitteleuropa. Der 
Sieg der Tschechen, der Polen, der Jugoslawen war eine bürgerliche Revo- 
lution; sie brach die Macht der Habsburger, der deutschösterreichischen 
Bürokratie, der magyarischen Gentry; sie setzte an ihre Stelle die Herr- 
schaft der in den neuen Nationalstaaten organisierten tschechischen, polni- 
schen und jugoslawischen Bourgeoisie, denen die triumphierende nationale 
Idee das Proletariat in Gefolgschaft erhielt. Aber in demselben Augenblick 
in dem sich die westeuropäische Bourgeoisie ganz Mitteleuropa unterwarf 
und unter ihrem Schutze die slawischen Bourgeoisien ihre Herrschaft auf 
dem Boden der alten Habsburgermonarchie aufrichteten, brach die Autorität 
der Bourgeoisie in Deutschösterreich und in Ungarn zusammen, .n der 
Stunde des größten internationalen Sieges der Bourgeoisie erhob sich in 
Deutschösterreich und in Ungarn das Proletariat. Die proletarische Revo- 
lution in Deutschösterreich und in Ungarn mußte in Gegensatz gegen die 



— 114 — 



bürgerliche Revolution rings um uns geraten. Eine proletarische Revolution 
in Deutschesterreich und in Ungarn im Schöße der sich rings um uns voll- 
ziehenden bürgerlichen Revolution — das war das Problem. Kann das 
deutschösterreichische Proletariat die Macht in Deutschösterreich erobern 
und behaupten, obwohl Deutschösterreich selbst völlig der militärischen 
und ökonomischen Macht der triumphierenden Bourgeoisien der West- 
mächte preisgegeben ist, obwohl es von den von der Bourgeoisie der West- 
mächte begründeten und ihr darum dienstbaren, sich eben konstituierenden 
slawischen Nationalstaaten, in denen die Revolution nirgends über den 
Rahmen einer bürgerlichen Revolution hinausgreift, umgeben ist? Das war 
das soziale Problem der deutschösterreichischen Revolution. 

Die Entwicklung dieses , nationalen und dieses sozialen Problems, der 
Kampf um ihre Lösung — das ist die Geschichte der deutschösterreichischen 
Revolution, deren Darstellung wir uns nun zuwenden. 



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D r 1 t t e r A b s c h n i t t. 

Die Vorherrschaft der Arbeiterklasse. 

§ 9. Revolutionäre und konterrevolutionäre Kräfte. 

Literatni: 

Anbaufläche und Ernteergebnisse in der Republik Österreich im Jahre lOlS. 
Herausgegeben vom Staatsamt für Land- und Forstwirtschaft. Wien 1919. — Der 
Bedarf Deutschösterreichs an wichligeren Nahrungs- und Futtermitteln. Heraus- 
gegeben vom Staatsamt für Yolksernährung. "Wien 1919. — Bericht der Nieder- 
österreichischen Handels- und Gewerbekammer über die Jahre 1914 bis 1918. Wien 
1920. — Bericiitc der Staatsregierung in der Sitzung der Provisorischen National- 
versammlung a.ni 4. Dezember 1918. — Bericht der Gewerbeinspektoren über ihre- 
Amtstätigkeit im Jahre 1919. Wien 1920. — Böhm, Die sanitäre Lage der Stadt 
Wien. „Statistische Monatsschrift'", 1920. 

Szende, Die Krise der mitteleuropäischen Revolution. Tübingen 1921. — 
Braunthal, Die Arbeiterräte in Deutschösterreich. Wien 1919. — Täubler, Wesen 
und Mission der Räte. ,,Der Kampf", 1919. — Diskussion über die Aibeiterräte 
auf dem sozialdemokratischen Parteitag 1919. 

Stenographisches Protokoll der Vereinigten Kommission für Kriegswirtschaft. 
Wien 1917. — Mises, Die politischen Beziehungen Wiens zu den Ländern. 
Wien 1920. 

Die Wahlen für die Konstituierende Nationalversammlung. ,, Beiträge zur 
Statistik der Republik Österreich." 2. Heft. Wien 1919. — Kelsen, Die Verfassung 
der Republik Deutschösterreich. 3. Teil. Wien 1919. — Bauer, Referat über die 
Koalition auf dem sozialdemokratischen Parteitag 1920. 

Habsb'urg und Hohenzollern M'aren auf den Schlachtfeldern den Heeren 
der Westmächte, im Hinterland der Revolution erlegen. Als Niederlage und 
Revolution die Dynastien hinweggefegt hatten, standen die beiden Sieger 
einander unvermittelt gegenüber: drüben der Imperialismus der West- 
mächte, hüben die mitteleuropäische Revolution. 

Wie sich in allen bürgerlichen Revolutionen die Bourgeoisie, sobald sie 
den Feudalismus und den Absolutismus zertrümmert hat, gegen das 
Proletariat wendet, das sich in ihrem Rücken erhebt; wie die Bourgeoisie, 
soeben noch revolutionär gegen die alten Gewalten, am Tage nach ihrem 
Siege konterrevolutionär wird gegen das Proletariat, so wendete sich auch 
die triumphierende Bourgeoisie der Westmächte am Tage nach ihrem Siege 
über die mitteleuropäischen Dynastien gegen die durch diesen Sieg ent- 
fesselte mitteleuropäische Revolution. Revolutionär, solange sie dem Mittel- 
europa der Habsburger und Hohenzollern gegenüberstand, wurde die Bour- 
geoisdemokratie des Westens konterrevolutionär, sobald sie die proletarische 
Revolution sich gegenüber sah. 

— iis — 



Noch im Kriege gegen Habsburg und Hohenzollern waren die West- 
Riächte zugleich schon in den Krieg gegen die russische Sofvjetrepublik 
geraten. Nach ihrem Siege über Habsburg und Hohenzollern setzten sie sich 
den Krieg gegen den Bolschewismus sofort zu ihrer wichtigsten Aufgabe. 
Die Expansion der proletarischen Revolution über Rußlands Grenzen 
hinaus zu verhindern; die mitteleuropäische Revolution nicht den Rahmen 
einer bürgerlichen Revolution sprengen, sie nicht über die Aufrichtung 
bürgerlicher Demokratien hinaus fortstürmen zu lassen, wurde zu dem 
beherrschenden Ziel ihrer Politik in dem Augenblick, in dem der Sieg ihrer 
Y^affen ihnen Mitteleuropa unterwarf. 

Der Waffenstillstand von Villa Giusti hatte die Blockade der Entente 
über Österreich aufrechterhalten. Die deutschösterreichische Regierung 
hatte sich sofort nach dem Waffenstillstand an Wilson mit der Bitte ge- 
wendet, dem ausgehungerten Lande die Einfuhr ausländischer Nahrungs- 
mittel zu ermöglichen. Am 24. November ging uns Wilsons Aniwort zu. 
Sie versprach Zufuhr von Lebensmitteln; aber sie versprach sie nur unter 
einer Bedingung: daß „Ruhe und Ordnung" aufrechterhalten werden. 
Wilsons Note vom 18. Oktober hatte die nationale Revolution entfesseU. 
Wilsons Note vom 24. November forderte den Abschluß der sozialen 
Revolution. Die Westmächte traten nun. als Beschützer der bürgerlichen 
Ruhe, der bourgeoisen Ordnung der proletarischen Revolution in Deutscli- 
österreich entgegen. 

Die Selbstauflösung des kaiserlichen Heeres hatte das deutschöster- 
reichische Proletariat entfesselt. Die Armee, deren Bajonette das Prole- 
tariat niedergehalten, die bourgeoise Ordnung beschützt hatten, existierte 
nicht mehr. Was es an organisierter bewaffneter Macht im Lande noch 
gab, war nicht in den Händen der Bourgeoisie, sondern in den Händen des 
Proletariats. Das Proletariat fühlte sich allmächtig gegen die Bourgeoisie. 
Aber die Selbstauflösung des kaiserlichen Heeres hatte Deutschösterreich 
zugleich völlig wehrlos gemacht gegen die Mächte, die der Sieg auf den 
Schlachtfeldern zu Herren Mitteleuropas machte. Während sich da& 
deutschösterreichische Proletariat allmächtig fühlte gegen die heimische 
Bourgeoisie, stand es ohnmächtig der Bourgeoisie der Westmächte gegen- 
über, die nun als Beschützerin der bourgeoisen Ordnung in Deutschöster- 
reich auftrat. 

Das große österreichisch-ungarische Wirtschaftsgebiet war aufgelöst. 
Es ward aufgelöst in einer Zeit der furchtbarsten Not. Nach vierjährigem 
Kriege, vierjähriger Blockade herrschte in all den jungen Nationalstaaten 
empfindlicher Mangel an Nahrungsmitteln, an Kleidung, Schuhwerk und 
Wäsche, an Kohle und Rohstoffen. Jeder Staat suchte sich zu erhalten, 
was in seinem Machtbereich war. Schon in den Tagen ihrer Entstehung 
sperrten sich alle die neuen Staaten gegeneinander ab, verboten sie jede 
Ausfuhr. Deutschösterreich war nicht nur von der Entente, es v/ar auch 
von den neuen Staaten blockiert. Von Deutschböhmen uiid dem Sudeten- 
land sperrte uns das tschechische Gebiet ab; Innerösterreich — Wien 
und die Alpenländer — war ganz auf sich selbst gestellt. 

. Innerösterreich hat keine Kohle. Unser monatlicher Kohlenbedarf 
betrug 1,150.000 Tonnen. Aber nur 155.000 Tonnen zumeist minderwertiger 
Kohle konnte der heuTiische Bergbau liefern. Wir hatten die Kohle immer 

— 117 — 



nus dem Osirau-Karwincr Revier, aus Obcrschlcsien und aus Nordwest- 
böhmen beaogen; jetzt sperrte uns die tschechisciio Regierung jede Zufuhr. 
Entsetzliche Kohlennot brach herein. Ungeheure Anstrengungen waren 
notwendig, um auch nur einen kleinen Teil uriseres Kohlenbedarfs zu 
decken; am 4.. Dezember 1918 berichtete ich der Provisorischen National- 
versammlung, daß wir fünf diplomatische Vorhandlungen mit der 
tschechischen Regierung führen mußten, um das Passieren eines einzigen 
Kohlenzuges durch tschechisches Gebiet durchzusetzen. Schließlich konnte 
unsere Kohlenvcrsorgung nur dadurch sich.ergestellt werden, daß eine 
interalliierte Kommission die Verteilung der schlesischen Kohle und die 
Regulierung der Kohlentransporte übernahm. Auch sie konnte uns keine 
hinreichende Versorgung sichern. iJnser Eisenbahnverkehr mußte furchtbar 
gedrosselt, der Personenverkehr auf den Eisenbahnen immer wieder 
wochenlang ganz eingestellt, der Frachtenverkehr auf die Nahrungs- 
mitteltransporte beschränkt werden. In Wien mußte der Verkehr der 
Straßenbahn wiederholt, insgesamt durch vierzehn Tage in einem Jahre, 
stillgelegt werden, weil das Elektrizitätswerk nicht mit Kohle versorgt 
werden konnte. In kleineren Orten mußten auch die Gaswerke stillgelegt 
werden. Die Fabriken mußten die Produktion immer wieder unterbrechen, 
^veil die Elektrizitätsw^erke ihnen den elektrischen Strom nicht mehr 
liefern konnten und weil die Kohle zur Heizung der Dampfkessel nicht zu 
beschaffen war. In Obersteiermark mußten alle Hochöfen bis auf einen, 
von den 14 Martinöfen alle bis auf drei ausgelöscht werden. Hausbrand- 
kohle konnte nicht mehr ausgegeben werden. Die frierenden Menschen 
fingen in die Wälder, schlugen, um alle Eigentumsrechte unbekümmert, die 
Bäume und schleppten das Holz nach Hause. Aber selbst diese entsetzlich 
■dürftige Kohlenversorgung konnte nur mit Hilfe der interalliierten 
Kommission aulrechterhalten werden; hätte sie uns ihre Hilfe entzogen, 
daim hätten der Eisenbahnverkehr und die industrielle Produktion voll- 
ständig eingestellt werden müssen. So warf uns die Kohlennot in die 
•drückendste Abhängigkeit von den Siegermächten. 

Ebenso schlimm stand es mit unserer Lebensmittelversorgung. Das 
innerösterreichische Gebiet war immer mit ungarischem Getreide, mit 
böhmischen und galizischen Kartoffeln, mit ungarischem Vieh, mit böhmi- 
schem Zucker ernährt worden; nach vierjährigem Krieg war es weniger 
denn je imstande, sich selbst zu ernähren. Unseren Viehstand hatte der Krieg 
zerstört; die viehreichen Alpenländer waren ja der Etappenraum, das Re- 
quirierungsgebiet der Südarmee gewesen. Infolge des Mangels an Dünge- 
mitteln und an Arbeitskräften war unsere landwirtschaftliche Produktion 
weit zurückgeworfen. Die Anbaufläche war gesunken, die Brache von 
65.000 Hektar auf 295.000 Hektar ausgedehnt, der durchschnittliche Hektar- 
ertrag von 1913 bis 1918 von 14-7 auf 8-7 Zentner Weizen, von 148 auf 
S-6 Zentner Roggen, von 936 auf 50-3 Zentner Kartoffeln, von 37-6 auf 
22-5 Zentner Heu und Grumt gesunken. Die Ernte von 1918 gab in 
WeizcH nur 48 Prozent, in Roggen 45 Prozent, in Kartoffeln 39 Prozent der 
Mengen von 1913. Unsere heimische Produktion konnte bestenfalls, bei An- 
nahme der niedrigsten Rationen und bei denkbar vollständigstem Gelingen 
der Aufbringv.ng, ein Viertel unseres Mehlbedarfes, ein Fünftel unseres 
Bedarfs an Kartoffeln, ein Drittel unseres Fleischbedarfs, ein Zwanzigstel 

— llfi — 



unseres Bedarfs an Speisefett, ein Vierzehnte! unseres Zuclierb'edarfg 
decl^en. In den ersten Wochen nach dem Umsturz lebten wir von den 
Beständen der Militärverpflegsmagazine und von Zuschüben, die das 
Deutsche Reich uns trotz eigener Not schiclite; aber mit alledem war unser 
Bedarf nur für wenige Wochen gedeckt. Unseren Anstrengungen gelang es 
schließlich, die Hilfe der Sieger zu erlangen. Herbert Hoover, der ameri- 
kanische Food Controller, organisierte eine regelmäßige Lebensmittelzufuhr 
nach Deutschösterreich. Auch diese Versorgung war sehr dürftig. Die 
Rationen blieben weit unter dem physiologischen Existenzminimum. Die 
Unterernährung drückte die Arbeitsintensität. Die Unterernährung hielt die 
Sterblichkeit hoch über dem Friedensniveau. Von 186.000 Wiener Schul- 
kindern, deren Ernährungszustand ärztlich überprüft wurde, wurden 
96.000 als sehr unterernährt, 63.000 als unterernährt, 19.000 als minder 
unterernährt, nur 6732 als nicht unterernährt klassifiziert. Und selbst diese 
dürftige Versorgung beruhte beinahe ausschließlich auf den Zuschüben 
Hoovers. Vorräte gab es keine mehr. Was heute zugeschoben wurde, mußte 
morgen gegessen werden. Hätte Hoover seine Lebensmittelzüge nur wenige 
Tage eingestellt, so hätten wir kein Brot, kein Kochmehl mehr gehabt. So 
waren wir ganz in Hoovers Händen. 

Und wie die wirtschaftliche Not lieferte uns auch die militärische 
Ohnmacht völlig der Entente aus. Der Waffenstillstandsvertrag gab den 
alliierten Mächten das Recht, unsere Städte und unsere Eisenbahnlinien 
zu besetzen. Tirol und ein Teil Kärntens wurden von italienischen Truppen 
besetzt. In Wien residierte eine interalliierte Waffenstillstandskommission, 
an deren Spitze der italienische General Segre stand. Die deutsch- 
österreichische Bourgeoisie, zitternd vor dem Proletariat, bestürmte seit den 
ersten Revolutionstagen den italienischen General, mit italienischen 
Truppen Wien zu besetzen; die Furcht vor der Arbeiterklasse hatte ihren 
Haß gegen den „Erbfeind" ausgetilgt. In den ersten Monaten nach dem 
Waffenstillstand verging kaum eine Woche, in der uns der General Segre 
nicht ein Ultimatum stellte; bald mit der Einstellung der Kohlen- und der 
Lebensmittelzufuhr, bald mit dem Einmarsch italienischer Truppen 
drohend, erpreßte er bald die Auslieferung von Kriegsgerät, von Eisenbahn- 
material, von Gemälden, bald Geldzahlungen als Sühne für die Beleidigung 
eines italienischen Kuriers auf einer stcirischen oder eines in italienische 
Uniform gekleideten tschechischen Legionärs auf einer Tiroler Eisenbahn- 
station. So drohte uns immer wieder die Besetzung durch fremde Truppen; 
wir wußten; daß sie die Niederwerfung des Proletariats unter dem Schutz 
der fremden Bajonette bedeutet hätte. 

Diese Gefahr wurde noch größer, als wir m Konflikt mit der Tschecho- 
slowakei und mit Jugoslawien gerieten. Als im Norden die Tschechen,. 
sobald ihre Legionen, die im Verband der italienischen Armee gekämpft 
hatten, nach Böhmen gebracht worden waren, zum Angriff auf das 
Sudetenland und auf Deutschböhmen übergingen, als im Süden die 
Kämpfe zwischen den Kärntner Heimatwehren und den slowenischen 
Truppen begannen, wurde die Gefahr eines militärischen Konflikts mit 
unseren Nachbarstaaten sehr ernst. Der Waffenstillstand hatte die Zahl 
der Soldaten, die wir unter den Fahnen halten durften, sehr eng begrenzt. 
Zu einem Massenaufgebot hätten wir, wenn die Tschechen gegen Wien vor- 

— 119 — 



•gestoßen wären, keine Zeit gehabt; denn Wien liegt einen" Tagmarsch 
von der tschechischen Grenze. Zudem dm-ften wir den Kampfwert unserer 
Volkswehr nicht überschätzen; die Autorität des kaiserliclien üftiziers- 
korps war zusammengebrochen, ein republikanisches, gar ein proletarisches 
Ülfizierskorps hatten wir noch nicht. erziehen können. Gefiel es der Entente, 
den Tschechen einen Angriff auf Wien zu erlauben, so geriet unsere Haupt- 
stadt, geriet die entscheidende Machtstellung der deutschösterreichischen 
Arbeiterklasse in die schwerste Gefahr. 

Der Entcntcimperialismus stellte sich der proletarischen Revolution in 
Deutschösterreich entgegen. Und die Entente konnte uns die Kohlen- und 
die Lebensmitlelzufuhr sperren, uns der Hungerkatastrophe überantworten; 
sie konnte unser Land durch ihre Truppen besetzen lassen oder uns dem 
Angriff der Nachbarstaaten preisgeben. Die Macht der Sieger setzte so 
der proletarischen Revolution in Deutschösterreich unverrückbare 
•Schranken. ' 

In schroffem Widerspruch zu dieser objektiven Lage der proletarischen 
Revolution standen die subjektiven Illusionen, die die Revolution in 
-breiten Schichten des Proletariats geweckt hatte. 

Der Krieg hatte die Struktur und die Geistesverfassung des Proletariats 
wesentlich verändert. Er hatte die Arbeiter aus Fabrik und Werkstatt 
herausgerissen. Im Schützengraben litten sie Unsägliches. Im Schützen- 
graben füllten sie ihre Seelen mit Haß gegen die Drückeberger und Kriegs- 
gewinner, die im Hinterland Gold aus der Not münzten, während sie stünd- 
lich dem' Tod ins Auge sahen, und gegen die Generale und Offiziere, die 
üppig tafelten, während sie hungerten. Im Schützengraben lasen sie die 
Zeitungen, die den Helden, die das Vaterland verteidigten, die dankbare 
Fürsorge des Vaterlands verhießen. Im Schützengraben lauschten sie den 
Erzählungen der Heimkehrer, die in russischer Gefangenschaft die erste 
Phase der bolschewikischen Revolution, die !Phase des Bürgerkrieges, des 
blutigen Terrors gegen Offiziere, Kapitalisten, Bauern, die Phase der Ex- 
propriationen, der Requisitionen, der Nationalisierung miterlebt hatten. Die 
Jahre im Schützengraben hatten sie der Arbeit entwöhnt, sie an gewalttätige 
Requisitionen, an Raub und Diebstahl gewöhnt. Die Jahre im Schützen- 
graben hatten sie mit dem Glauben an die Gewalt erfüllt. Nun kam die 
Revolution, kam der Tag der Heimkehr Aber in der Heimat harrten ihrer 
Hunger, Kälte. Arbeitslosigkeit. Der vier Jahre lang angesammelte Haß und 
Groll mußte Ausdruck suchen. Jetzt heischten sie die Rache an all denen, 
von denen sie vier Jahre lang mißhandelt worden waren. Jetzt forderten 
sie, die Revolution, die den Kaiser verjagt, solle alle die Großen, die 
Reichen, die Schuldigen stürzen. Jetzt wollten sie ihn sehen, den ver- 
sprochenen Dank des Vaterlandes an seine Helden. Und da ihnen als Ant- 
wort nichts wurde als Not und Elend, glaubten sie, ein paar tausend ent- 
schlossene Männer mit Gewehr und Patronen müßten imstande sein, der 
ruchlosen Gesellschaftsordnung, die Krieg und Not und^ Elend über sie ge- 
bracht, mit einem gewaltigen Schlag ein Ende zu machen. 

Vier Jahre lang hatte in den Betrieben der Kriegsindustrie der mili- 
tärische Betriebsleiter kommandiert. War die Arbeitsdisziplin in den Be- 
trieben auf die militärische Gewalt gegründet gewesen, so löste sich mit 
dem Zusammenbruch der militärischen Gewalt die Arbeitsdisziplin auf. Die 

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Industrie geriet in chaotischen Zustand. Die Kriegsbestellungen hörten mit 
einem Schlage auf; der Umstellung auf die Friedensproduktion standen die 
Kohlennot, der Mangel an Rohstoffen, die Auflösung der Arbeitsdisziplin, 
die Arbeitsunlust einer durch den Hunger entkräfteten, von der Über- 
arbeit der Kriegszeit erschöpften, durch das Erlebnis der Revolution im 
Innersten aufgewühlten Arbeiterschaft entgegen. Die Betriebe verwandelten 
sich in Diskussionsstätten. Die Industrie vermochte die von der Front heim- 
kehrenden, die aus den Produktionsstätten der Munitionsindustrie ab- 
strömenden Massen nicht aufzusaugen. Die Masse der Arbeitslosen schwoll 
von Monat zu Monat an; sie erreichte ihren höchsten Stand im Mai 1919. 
Damals wurden 186.030 Arbeitslose gezählt, 131.500 in Wien allein. 

In den Kasernen der Volkswehr herrschte wilde Gärung. Die Volks- 
wehr fühlte sich als die Trägerin der Revolution, als die Vorhut des Prole- 
tariats. In den Diskussionen der Soldatenräte kämpii^n Sozialdemokraten 
und Kommunisterf ihre heftigsten Kämpfe aus. Die Hoffnung, alsbald mit. 
der"" Waffe in der Hand den Sieg des Proletariats entscheiden zu können, 
erfüllte die Wehrmänner. Und unter die wild erregten Heimkehrer, unter 
die verzweifelnden Arbeitslosen, unter die von der Romantik der Revolution 
erfüllten Wehrmänner mischten sich die Invaliden des Krieges, die ihr per- 
sönliches Schicksal an der schuldigen Gesellschaftsordnung rächen 
wollten; mischten sich krankhaft erregte Frauen, deren Männer seit Jahren 
in Kriegsgefangenschaft schmachteten; mischten sich Intellektuelle und 
Literaten aller Art, die, plötzlich zum Sozialismus stoßend, von dem 
utopistischen Radikalismus der Neophyten erfüllt waren; mischten sich 
die aus Rußland heimgeschickten Agitatoren des Bolschewismus. Jedes 
Zeitungsblatt brachte Nachrichten über die Kämpfe Spartakus' in Deutsch- 
land. Jede Rede verkündete die Glorie der großen russischen Revolution, 
die mit einem Schlage alle Ausbeutung für immer aufgehoben habe. Die 
Masse, die soeben die einst so gewaltigen Kaiserreiche zusammenstürzen ge- ~ 
sehen hatte, ahnte nichts von der Stärke des Ententekapitalismus; sie 
glaubte, daß die Revolution nun in einem Fluge auch die Siegerländer 
erfassen werde. ,, Diktatur des Proletariats!" „Alle Macht den Räten!" So 
hallte es nun auch hier durch die Straßen-. 

Die Arbeiterräte waren in Deutschösterreich schon aus dem Jänner- 
streik hervorgegangen. Die Revolution dehnte die junge Institution schnell 
aus. In ihr suchten und fanden nun das erstarkte Machtbewußtsein, der 
geweckte Betätigungsdrang der entfesselten Massen ihr erstes Betätigungs- 
f'^Vd. Di& wirtschaftliche Not gab diesem Betätigungsdrang die Richtung,, 
die Organisation der Kriegswirtschaft gab ihm reiche Wirkungsmöglichkeit. 
Sie sicherten sich die Kontrolle der Tätigkeit der eingeschüchterten Rezirks- 
hauptmannschaften. Sie bildeten mit .den Soldatenräten und mit den sich 
bildenden Bauernräten zusammen Gemeinde-, Bezirks- und Landes- 
wirtschaftskommissionen. Sie kontrollierten die Aufbringung der Ernte und 
des Viehs, die Anforderung und die Zuweisung der Wohnungen. Sie organi- 
sierten die Jagd auf die Schleichhändler. Sie suchten den Preiswucher zu 
terrorisieren. Sie verhinderten die Ausfuhr von Nahrungsmitteln aus ihrem 
Gebiet in andere Bezirke und Länder. In der Regel wirkten sie mit den 
gesetzlichen Behörden zusammen; der Form nach bedienten sich die 
Behörden der Arbeiterräte als ihrer Kontrollorgane, in der Sache unter- 

— 121 — 



warfen sicli die Behörden dem Diktat der Räte. Zuweilen al.er Ringen die 
Räte aueh ohne die Behörden und gegen sie selbständig vor. Es ka^m vor, 
daß sie selbständig Requisitionen anordneten und mit Unterstützung der 
Volkswehr durehführlen. daß sie Personen, die sich gegen die Kriegs- 
wirtsehaftsvorsehriften vergingen, vorluden und mit dem Terror des 
Proletariats bedrohten. Die ganze Bewegung war in den ersten Monaten der 
Revolution elementar, unorganisiert; zwischen den Arbeiterräten der ein- 
zelnen Gebiete bestand noch kein Zusammenhang. Die größte Ausdehnung 
erlangte sie in Oberösterreich; dort wurden die Arbeiterräte vor allem zum 
Organ der Absperrung des Landes, der Verteidigung seiner vergleichsweise 
reichen Getreide- und Viehbestände gegen den sich auf das Land stürzenden 
Wiener Schleichhandel. In dieser Tätigkeit der Arbeiterräte erwuchs ihre 
ursprüngliche Ideologie: indem die Arbeiterräte die Verwaltungstätigkeit, 
die sie aus dem Recht der Revolution an sich gerissen haben, in dem Maße 
ausdehnen, als es das praktische Bedürfnis des Proletariats erfordert und 
seine Macht ermöglicht, werden sie allmählich die gesetzlichen Behörden 
teils sich unterordnen, teils ausschalten oder sprengen, werden sie schließ- 
lich die ganze Macht an sich reißen. Daher dürften die Räte nicht „in der 
A^erfassung verankert" werden; jede gesetzliche Abgrenzung ihrer Rechte 
könne ja nur das augenblickliche Machtverhältnis zwischen der Räte- 
organisation und dem behördlichen Verwaltungsapparat fixieren und 
dadurch der weiteren revolutionären Expansion der Rätemacht gegen den 
hehördlichen Verwaltungsapparat Hindernisse bereiten. Diese Ideologie der 
Rätebewegung gewann Macht weit über die Reihen der industriellen 
Arbeiterschaft hinaus; im Frühjahr 1919 beteiligten sich Staatsbeamte, 
Privatangestellte, Intellektuelle in Massen an den Rätewahlen. Auch die 
sozialdemokratische Literatur jener Tage stand unter dem Eindruck dieser 
Bewegung. Alexander Täubler, der die Entwicklung der Sowjets in der 
ersten Phase der russischen Revolution miterlebt hatte, formulierte die 
Theorie der autonomen Expansion der revolutionären Verwaltungstätigkeit 
der Räte. Ähnlich feierte Max Adler die Räte als das Organ der „Revo- 
lution in Permanenz". 

Nicht nur das städtische und industrielle Proletariat war durch den 
Krieg revolutioniert worden. Auch durch die bäuerlichen Volksmassen ging 
eine gewaltige Bewegung. Aber diese Bewegung war von Anfang an zwie- 
schlächtigen Charakters. Auch der Bauer war aus dem Schützengraben voll 
Haß gegen Krieg und Militarismus, gegen Bürokratie und Plutokratie zu- 
rückgekehrt. Auch er jubelte der jungen Freiheit, der Republik, dem Sturz 
des Militarismus zu. Er freute sich, daß Bauernvertreter nun in den Land- 
häusern regierten, wo bisher die k. k. Statthalter geherrscht hatten. Nicht 
anders als der Arbeiter glaubte auch der Bauer, die politische Revolution 
müsse den Volksmassen eine Umwälzung der Eigentumsverhältnisse 
bringen. Seit den siebziger Jahren hatten in den Alpen Feudalherren und 
Kapitalisten Bauern gelegt, um das Bauernland zu großen Jagdgütern zu 
vereinigen; die Hirsche des Herrn grasten nun, wo einst die Kühe des 
-Bauern geweidet hatten. Jetzt sei die Zeit gekommen, das geraubte Bauern- 
land den Nachkommen „Jakobs des Letzten" wieder zurückzugeben. In den 
Kriegszeiten hatten Kriegsgewinner ihren neuen Reichtum "zum Ankauf 
.großer Güter verwendet; jetzt sei der Augenblick gekommen, ihren aus 



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dem Blut des Volkes gewonnenen Besitz auf die Bauern zu verteilen. Die 
Wald- und Weidedienstbarkeiten, die 1853, nach dem Siege der Konter- 
revolution, gemäß den Bedürfnissen der^ Feudalherren reguliert worden 
waren, müßten jetzt abgelöst werden; so werde sich der Bauernwald auf 
Kosten des Herrenwaldes ausdehnen. Das Jagdrecht, in der Monarchie unter 
höfischem Drucke nur nach den Bedürfnissen der Jagdherren geregelt, 
müsse jetzt den Bedürfnissen der Bauernschaft angepaßt werden. Es war 
eine wirklich demokratische Bewegung, die damals durch die Bauernschaft 
ging. Aber die bäuerliche Demokratie ist mit der proletarischen nicht 
identisch. Die junge Freiheit, die der Bauer wie der Arbeiter ausnützen 
wollte, bekam in den Vorstellungen der Bauernschaft sofort eine den Bedürf- 
nissen des Proletariats schnurstracks entgegengesetzte Bestimmung. 

Mit furchtbarer Gewalt hatte während des Krieges der ungeheure mili- 
tärische Requisitionsapparat der Kriegswirtschaft auf der Bauernschaft ge- 
lastet. Er hatte den wertvollsten Besitz der alpenländischen Bauernschaft,, 
ihren Viehstand, zerstört. Je stärker die passive Resistenz gegen den staat- 
lichen Aufbringungsdienst in den slawischen Gebieten war, desto mehr 
mußten die deutschen Alpenländer für den Heeresbedarf leisten. Die Menge 
Heu, die die einzelnen Gebiete aufzubringen hatten, wurde nach der An- 
baufläche festgesetzt; so mußten die einmähdigen Wiesen im Hochland 
ebensoviel abführen v.^ie die dreimähdigen Wiesen der Ebene. In einem 
Erntejahr wurde dreimal nacheinander Heu requiriert; der Bauer war nie 
sicher, wieviel Heu ihm bleiben, wieviel Vieh er werde überwintern können. 
Oft blieb das requirierte Heu auf den Wiesen liegen; schließlich, spät im 
Herbst, gab es die Militärverwaltung den Bauern frei, nachdem es, auf 
feuchten Wiesen gestanden, zugrunde gegangen war. Der Bauer hatte kein 
Heu; aber sein Vieh war der staatlichen Aufbringung vorbehalten, er 
durfte es nicht nach seinem Gutdünken schlachten oder verkaufen. In 
den Frühlingsmonaten der letzten Kriegsjahre fütterten die Bauern ihr Vieli 
mit Tannenreisig. Dann kamen die Requisitionsorgane. Wahllos schleppten 
sie das Vieh aus den Ställen. Hochklassige Milchkühe wurden als Schlacht- 
vieh weggeführt. Der Bauer sah sich der Willkür korrupter Einkaufs- 
kommissäre ausgeliefert. Und er sah. daß die Heeresverwaltung das Vieh,, 
das sie ihm genommen, nutzlos zugrunde gehen ließ. Tagelang standen auf 
den Eisenbahnstationen ganze Züge mit vollen Viehwaggons, ohne daß das 
Vieh gefüttert und getränkt worden wäre. Der Haß gegen dieses Requi- 
sitionssystem hatte die Bauern revolutioniert. Der Zwang, die Erzeugnisse 
ihrer Arbeit tief unter dem freien Marktpreis abzuführen, erschien ihnen als 
eine neue Robot, die die neue Revolution aufheben müsse. Die Freiheit, die 
der Bauer von der Revolution, die den Militarismus vernichtet hatte, 
erwartete, war vor allem die Befreiung von der Kriegswirtschaft. 

Aber diese Erwartung mußte die Revolution enttäuschen; in der Zeit der 
furchtbarsten Lebensmittelnot konnte sie das zentrale Anforderungs- und 
Bewirtschaftstungssystem nicht entbehren. Die Versorgung der Städte und 
Industriegebiete, vor allem die Versorgung Wiens hätte in dem von allen 
Nachbarstaaten blockierten Lande ohne staatliche Bewirtschaftung nicht 
gesichert werden können. Der Bauer sah, daß die Revolution ihm die 
, .Freiheit", die er meinte, verweigerte. Er sah, daß statt der militärischen 
Requisitionskommanden nunmehr die Arbeiterräte die Aufbringung er- 

— 123 — 



:2\vangen, den Schloichliandel verfolgten, die Übertretung der Höchstpreis- 
Vorschriften bokiimpllon. Der Bauer erlebte es gelegentlich, daü, wie 
früher k. Ic. Truppen, jetzt Volkswehrabteilungen in sein Dorf gelegt wurden, 
bis er das geforderte Getreide. Vieh. Holz ablieferte. Der Bauer sah im Prole- 
. lariat den Feind, der ihm die freie Verfügung über seine Arbeitsprodukte 
verweigerte. Der Bauer begann nun, das Prolelnriat zu hassen, wie er 
vordem den Militarismus gehaßt hat. 

Andere Erscheinungen vertieften noch den Haß der Bauernschaft gegen 
•das Proletariat. Die Revolution hatte auch die Arbeiter der Landvvirtsx;li'aft 
geweckt. Sie begannen, sich zu organisieren. Sie stellten Lohnforderungen. 
Sie setzten sie gelegentlich durch Streiks durch. Zuweilen wurden die 
Bauern gezwungen, förmliche Kollektivverträge mit ihren Knechten u!id 
.Mägden zu schließen, in denen genau festgesetzt wurde, welche Löhne 
das „Grc.ßmensch" und das „K^leinmensch" zu bekommen haben. Der 
Bauer sah, daß die Bewegung des Proletariats in sein eigenes Heim über- 
zugreifen, seine eigene Autorität zu bedrohen begann. 

Die dem Proletariat feindliche Stimmung der Bauernschaft wurde von 
dem Stadtbürgertum der Alpenländer und vom Klerus genährt. Das 
städtische Händlertum war der natürliche Verbündete des Bauern gegen 
■das zentrale Bewirischaftungssystem. Die städtische Bourgeoisie sah in der 
Bauernmasse ihre Stütze gegen das Proletariat. Der Klerus stärkte und or- 
ganisierte die bäuerliche Bewegung als die mächtigste Gegenkraft gegen 
die proletarische Revolution. Zeitung und Predigt erzählten dem Bauern, 
daß sein Getreide, Vieh und Holz zu dem Zwecke requiriert werden, damit 
in Wien hunderttausende Arbeitslose, vom Staat ernährt, müßig' gehen 
können; daß die Kriegswirtschaft, die den Bauern bedrückt, von einer 
Allianz der jüdischen Kriegsgewinner in den Zentralen mit den jüdischen, 
Arbeiterführern in der Regierung aufrechterhalten werde; daß die Revo- 
lution sein Eigentum sozialisieren und seine Kirche zerstören wolle. 

Der Bauer setzte sich zur Wehr. Er sabotierte die Aufbringung. Er 
setzte den Aufbringungsorganen zuweilen gewaltsamen Widerstand ent- 
gegen, Bauernräte wurden organisiert, die in den Bezirks- und Landeswirt- 
schaftskommissionen hartnäckigen Ivampf gegen die Arbeiterräte führten. 
Suchten die Arbeiterräte die Bezirkshauptleute zu terrorisieren, so taten die 
Bauernräte dasselbe; Arbeiter- und Bauernräte standen nun im Kampfe um 
■die Macht über den Verwaltungsapparat. Und der Bauer wußte sich stark. 
Er hatte Lebensmittel genug in seinem Speicher; der Stadt aber kann er die 
Zufuhr sperren. Nicht die Bauern, sondern die Arbeiter werden hungern, 
wenn es zum Bürgerkrieg kommt. Und auch an Waffen fehlte es ihm nicht! 
Als sich die Armee auflöste, hatten die zurückflutenden Soldaten in Tirol, 
Ivärnten, Steiermark ihre W^affen an die Bauern verkauft oder sie, den 
Bauern zur Beute, liegen lassen; große Waffenbestände waren in den 
Händen der Bauernschaft. In Kärnten und in Steiermark hatten sich zur 
Abwehr der Einfälle der Jugoslawen militärisch geordnete bäuerliche Heimat- 
wehren gebildet, die, ursprünglich gegen den äußeren Feind organisiert, 
sehr bald der heimischen Arbeiterschaft als bewaffnete Klassenorgani- 
sationen des Bauerntums entgegentraten. 

Mit dem Gegensatz der Bauernschaft gegen die Arbeiterklasse war der 
Gegensatz der Länder gegen Wien eng verknüpft. Die Versorgung Wiens 



— 124 



hatte vor dem Zusammenbruch vornehmlich auf den Zufuhren aus den 
Sudetenländern, Galizien und Ungarn beruht; nunmehr von diesen Gebieten 
abgeschnitten, mußte Wien weit mehr Nahrungsmittel, Brennholz und Roh- 
stoffe als vordem von den innerösterreichischen Ländern beanspruchen. 
Und das gerade in einer Zeit, in der in Wien infolge des Kohlen- und Roh- 
stoffmangels die Produktion ruhte; in der Wien daher den Ländern, deren 
Agrarprodukte es beanspruchte, keine Gegenleistung zu bieten vermochte. 
Wien mußte daher den Ländern als ein Parasit erscheinen, der, ohne 
selbst zu arbeiten, von ihrem Körper zehren wollte. Die Länder, die selbst 
an allem Notwendigen Mangel hatten, setzten sich gegen die Ansprüche 
Wiens zur Wehr. Die Arbeiterschaft selbst machte damit den Anfang. Die 
Arbeiterräte verhinderten die Ausfuhr von Nahrungsmitteln aus den ein- 
zelnen Ländern; ihre Kontrollorgane übernahmen die Bewachung der 
Eisenbahnlinien. Die Bauernschaft unterstützte diese Absperrungspolitik der 
Arbeiterräte. Ihr erschien die verhaßte Kriegswirtschaft, die die Republik 
aufrechterhielt, als ein Requisitionsapparat, dazu bestimmt, die Länder 
zugunsten Wiens zu plündern. Die Losreißung von Wien bedeutete ihr vor 
allem die Befreiung von der Kriegswirtschaft. Konnte sie aber die Kriegs- 
wirts'chaft nicht sofort zertrümmern, so wollte sie wenigstens die Ablieferung 
auf das zur Versorgung der Städte des eigenen Landes erforderliche Maß 
reduzieren; sie wollte nicht neben den Städten im eigenen Lande auch noch 
Wien ernähren. So heftig die Kämpfe zwischen Arbeiterräten und Bauern- 
räten um die Ablieferung waren, darin waren sie einig, daß das Abgelieferte 
nicht über die Landesgrenzen ausgeführt werden solle. Der Kampf zwischen 
der Arbeiterschaft und der Bauernschaft um den Fortbestand der Kriegs- 
v/irtschaft führte zunächst zur Verländerung der Kriegswirtschaft. Die 
Länder sperrten sich gegeneinander und gegen Wien ab. Der Auflösung 
des großen österreichisch-ungarischen Wirtschaftsgebietes in die nationalen 
Wirtschaftsgebiete folgte die Auflösung des deutschösterreichischen Wirt- 
schaftsgebietes in die zwerghaften Wirtschaftsgebiete der Länder. 

Die neuen autonomen Landesregierungen, die aus der Revolution hervor- 
gegangen waren, waren die Zentren dieses wirtschaftlichen Partikularismus. 
Da sich die Staatsregierung gegen die wirtschaftliche Absonderung der 
Länder zur Wehr setzen mußte, gerieten die Landesregierungen in schroffen 
Gegensatz gegen sie. Sie verweigerten ihren Weisungen den Gehorsam. Sie 
drohten mit dem Abfall von Vfien. Die Bourgeoisie förderte die Auflehnung 
der Länder gegen die Staatsregierung; in den industriearmen Ländern fand 
sie in der großen bäuerlich-bürgerlichen Mehrheit das feste Bollwerk gegen 
die von dem Wiener Proletariat beherrschte Staatsregierung. Hatte die 
elementare Aktion der Arbeiterräte selbst den wirtschaftlichen Parti- 
kularismus der Länder gefestigt, so w^ar es nun eben der Länderpartikula- 
rismus, in dem sich die Bourgeoisie, auf die Bauernschaft gestützt, gegen 
die in Wien konzentrierte Kraft der proletarischen Revolution zu ver- 
schanzen begann. 

Deutschösterreich zerfällt in zwei an Volkszahl beinahe gleiche Gebiete: 
einerseits das große Industriegebiet, das Wien, das Viertel unter dem 
Wienerwald und Obersteiermark umfaßt; anderseits das große Agrargebiet, 
das alle anderen Länder bilden. In dem großen Industriegebiet war alle 
tatsächliche Macht in den Händen des Proletariats. In dem großen Agrar- 

— 125 — 



% 

pcbicl, in dem nur wenige volivreichc Slädle und Induslriogobicle 
in die bäuerliche Landwirtschaft eingesprengt sind, war das Prnloiariat 
zwar niclit machtlos, bildete aber doch die Bauernschaft die stärkste, nicht 
niederzuwerfende Macht. Es war unmöglich, das große Industriogebiet gegen 
die Arbeiterschaft, es war ebenso unmöglich, das große Agrargebiet gegen 
die Bauernschaft zu rt^giercn. Die wirtschaftliche Struktur des Landes stellte 
so einen Gleichgewichtszusland zwischen den Klassenkräften her, den nur 
die Gewalt im blutigen Bürgerkrieg hätte aufheben können. Nach solchem 
Bürgerkrieg drängten breite Massen des Proletariats. Der Proletarier in 
Wien, in Wiener-Neustadt, in Donawitz sah nur seine gewaltige Macht- 
stellung in dem Industriegebiet. Er sah nicht die unerschütterliche Macht 
der Bauernschaft in den Agrargebieten. Er sah noch weniger die außerhalb 
der Staatsgrenzen drohende Macht des Ententeimperialismus. Darum hielt 
er die Aufrichtung der Diktatur des Proletariats für möglich. 

Aber der Versuch der Aufrichtung der Rätediktatur wäre nichts anderes 
gewesen als die Selbstaufhebung der Revolution. In dem großen Industrie- 
gebiet hätte das Proletariat seine Diktatur aufrichten können, ohne auf 
unüberwindlichen Widerstand zu stoßen. An dem großen Agrargebiet \vär& 
der Versuch gescheitert. Dort war die Bauernschaft stark genug, das Prole- 
tariat niederzuhalten. Die Länder hätten die Proklamierung der Diktatur 
beantwortet mit ihrer Trennung von Wien, mit ihrem Abfall vom Staate. 
Sie hätten uns Verkehrswege und Zufuhr gesperrt. Sie hätten das sich da- 
gegen auflehnende Proletariat in den Ländern selbst niedergeworfen. Der 
Kampf gegen die Konterrevolution der agrarischen Länder hätte den - 
blutigen Bürgerkrieg unvermeidlich gemacht. Der Bürgerkrieg aber hätte 
die Entente auf defi Plan gerufen. Sic konnte nicht dulden, daß der Verkehr 
in dem Lande, das ihren Verkehrsweg von der Adria nach der Tschecho- 
slowakei und nach Polen darstellt, durch Bürgerkrieg unterbrochen wird. 
Sie war entschlossen, die Fortentwicklung der Revolution über die 
Schranken der Demokratie hinaus nicht zuzulassen. Wäre die von ihr ge- 
forderte „Ordnung und Ruhe" gestört worden, dann hätte sir die Lebens- 
mittel- und Kohlenzüge eingestellt und damit das ganze Industriegebiet 
sofort in die Hungerkatastrophe gestürzt; hätte sie Tschechen und Jugo- 
slawen die Erlaubnis zum Vormarsch gegeben und uns damit in Krieg ver- 
wickelt; hätte sie die wichtigsten Eisenbahnknotenpunkte und Städte durch 
italienische Truppen besetzen lassen und dadurch der Revolution ein Ende 
gemacht. Die Diktatur des Proletariats hätte geendet mit der Diktatur der 
fremden Besetzungskommanden. 

Breite Massen des Proletariats sahen diese Gefahren nicht. Die Sozial- 
demokratie mußte sie sehen und hat sie gesehen. So war der Sozial- 
demokratie eine doppelte Aufgabe gestellt: einerseits die gewaltige revo- 
lutionäre Gärung im Proletariat, die tiefe Erschütterung der ganzen kapi- 
talistischen Gesellschaftsordnung auszunützen, um dem Proletariat mög- 
lichst starke und dauerhafte Machtpositionen im Staat und in den Ge- 
meinden, in den Fabriken, in den Kasernen und in den Schulen zu er- 
obern; anderseits aber zu verhindern, daß sich diese revolutionäre Gärung 
bis zum offenen Bürgerkrieg, bis zum offenen Zusammenstoß mit der Über- 
macht des Ententeimperialismus weiterentwickelt und damit die Hunger- 
katastrophe, die Invasion, die Konterrevolution herbeiführt. 

— 126 — 



Sollte der Machtkampf der Klassen nicht mit den Waffen, so mußtfe 
er in den Formen der Demokratie geführt und entschieden werden. Darum 
war es unsere erste Aufgabe, die Wahl der Konstituierenden National- 
versammlung zu organisieren. Am 16. Februar 1919 fanden die Wahlen 
statt. Sie konnten freilich nur in Innerösterreich stattfinden; die deutschen 
Gebiete der Sudetenländer waren s-rhon von den Tschechen besetzt. Auf 
die Sozialdemokraten entfielen 1,211.814, auf die Ghristlichsozialen 
1,068.382, auf die deutschnationalen Parteien 545.938 Stimmen. Von den 
159 Mandaten fielen den Sozialdemokraten 69, den Christlichsozialen 63, 
den deutschnationalen Parteien, die sich nunmehr Großdeutsche nannten, 
24 zu. Die Deutschnationalen, in der Provisorischen Nationalversammlung 
noch die stärkste Partei, wurden in der Konstituierenden Nationalversamm- 
lung zur schwächsten. Die Sozialdemokraten, in der Provisorischen 
Nationalversammlung noch die schwächste unter den drei großen Parteien, 
v."urden in der Konstituierenden Nationalversammlung zur stärksten. Die 
absolute Mehrheit hatten wir in dem neugewählten Parlament freilich nicht. 
Wir hätten sie erobern können, wenn das industriereiche Deutschböhmen 
mit uns hätte vfählen können; die tschechische Okkupation Deutsch- 
böhmens hat dem Bürgertum und der Bauernschaft die Mehrheit in der 
deutschösterreichischen Nationalversamm.lung gerettet. Aber hatten wir 
auch nicht die Mehrheit, so waren wir doch die stärkste Partei; die 
Führung des neuen Parlaments fiel uns zu. 

Die Wahlen waren zunächst ein Volksentscheid zwischen Monarchie 
und Republik gewesen. Sein ^Ergebnis war unzweideutig. In ihrem ersten 
Gesetzesbeschluß wiederholte die neugewählte Nationalversammlung feier- 
lich die Beschlüsse des 12. November: die Erklärung Deutschösterreichs 
zur demokratischen Republik und den Anschluß an Deutschland. Karl 
Habsburg hatte am 11, November versprochen, sich der Entscheidung 
des deutschösterreichischen Volkes über seine Staatsverfassung zu unter- 
werfen. Diese Entscheidung hatte das Volk nunmehr gefällt. Renner er- 
klärte dem Habsburger nun, er könne in Deutschösterreich nur bleiben, 
wenn er sein Versprechen erfüllt, für sich und sein Haus dem Thron ent- 
sagt. Karl Habsburg lehnte die geforderte Thronentsagung ab und fuhr am 
23. März unter englischem Schutz in die Schweiz. Die Nationalversamm- 
lung beantwortete diesen Entschluß des Habsburgers mit dem Gesetz vom 
2. April 1919, das alle Habsburger des Landes verwies und ihr Familien- 
vermögen zugunsten der Kriegsbeschädigten beschlagnahmte. 

Zugleich ging die Nationalversammlung daran, die Republik ein- 
zurichten. Im November hatte die Provisorische Nationalversammlung selbst 
die Macht übernommen; ihr Exekutivorgan, der aus allen Parteien zu- 
sammengesetzte Staatsrat, war die eigentliche Regierung gewesen, die 
Staatssekretäre waren bloß seine Organe. Diese Verfassung, die den re- 
gierenden Staatsrat durch Proporzwahlen aus dem Parlament hervorgehen 
ließ, war den Bedürfnissen der Zeit der Staatsbildung, der Konstituierung 
des Staates angepaßt gewesen, die der Kooperation aller Parteien, des Zu- 
sammenwirkens der „Bürger, Bauern und Arbeiter" bedurfte. Sie war nicht 
mehr angemessen einer Zeit, in der sich auf dem Boden des bereits kon- 
stituierten Staates die Klassengegensätze weiterentwickelten und das 
Parlament in regierende Mehrheit und Opposition scheiden mußten. Daher 

- 127 — 



wurde duroli das Vcrfassungsgeselz vom 11. März der Staatsrat aurgehoben. 
Kinijic seiner Befugnisse wurden dem Präsidenten der Nationalversaninilung: 
übertragen, der damit zugleich die Funktion eines Präsidenten der Rcpul)Iilc 
üliernahnv. zum ersten Präsidenten wurde Scitz gcwärilt. Die eigentliche 
Regierungsgewalt aber ging auf die Staatsregierung über, die nunmehr un- 
mittelbar vom Parlament gewählt wurde. Die Zeit der Kooperation aller 
Parteien war damit vorüber. Es galt nunmehr, innerhalb des Parlaments- 
eine Mehrheit zu bilden, die die Regierung wählen und stützen sollte. 

Die Regierung stand damals immer wieder den leidenschaftlichen De- 
monstra Honen der Heimkehrer, der Arbeitslosen, der Kriegsinvaliden gegen- 
über. Sie stand der vom Geiste der proletarischen Revolution erfüllten 
Volkswehr gegenüber. Sie stand täglich schweren, gefahrdrohenden 
Konflikten in den Fabriken, auf den Eisenbahnen gegenüber. Und 
die Regierung hatte keine Mittel der Gewalt zur Verfügung: die 
bewaffnete Macht war kein Instrument gegen die von revolutio- 
nären Leidenschaften erfüllten Proletariermassen. Nur durch den täg- 
lichen Appell an die eigene Einsicht, an die eigene Erkenntnis, 
an das eigene Verantwortungsgefühl hungernder, frierender, durch Krieg, 
und Revolution aufgewühlter Massen konnte die Regierung verhüten, daß 
die revolutionäre Bewegung in einem die Revolution vernichtenden Bürger- ■ 
krieg endet. Keine bürgerliche Regierung hätte diese Aufgabe bevv^ältigen 
können. Sie wäre wehrlos dem Mißtrauen und dem Haß der Proletarier- 
massen gegenübergestanden. Sie wäre binnen acht Tagen durch Straßen- 
aufruhr gestürzt, von ihren eigenen Soldaten verhaftet worden. Nur Sozial- 
demokraten konnten diese Aufgabe von beispielloser Schwierigkeit bewäl- 
tigen. Nur ihnen vertrauten die Proletariermassen. Nur sie konnten die- 
Massen überzeugen, daß die entsetzliche Not dieses ersten Winters nach 
dem Kriege nicht die Schuld der Regierung, sondern die unentrinnbare 
Wirkung weltgeschichtlicher Umwälzung, daß sie nicht durch gewaltsanrien 
Umsturz zu brechen, sondern nur allmählich zu überwinden war. Nur 
Sozialdemokraten konnten wild erregte Demonstralionen durch Verhand- 
lungen und Ansprachen friedlich beenden, nur Sozialdem.okraten konnten 
sich mit den Arbeitslosen verständigen, die Volkswehr führen, die Arbeiter- 
massen von der Versuchung zu revolutionären Abenteuern, die der Revo- 
lution zum Verhängnis gew^orden wären, abhalten. Die Funktion, die da- 
mals die wichtigste Funktion- der Regierung war, konnte nur von Sozial- 
demokraten erfüllt werden. Die tiefe Erschütterung der bürgerlichen Ge- 
sellschaftsordnung fand darin ihren anschaulichsten Ausdruck, daß eiae 
bürgerliche Regierung, eine Regierung ohne Sozialdemokraten schlechthin 
unmöglich geworden war. 

Aber so wenig wie eine bürgerliche Regierung möglich war, so wenig 
war eine rein sozialdemokratische Regierung möglich. So wenig das große 
Industriegebiet Wiens, Wiener-Neustadis und der Obersteiermark eine rein 
bürgerliche Regierung ertragen hätte, so wenig hätte das große Agrargebiet 
der Länder eine rein sozialdemokratische Regierung ertragen. Eine rein 
sozialdemokratische Regierung hätte jeden Einfluß auf die Landes- 
regierungen verloren, sie hätte den Abfall der Länder nicht zu hindern ver- 
mocht, sie wäre ohnmächtig der offenen Auflehnung der Bauernschaft 
gegenübergestanden. Ohne Mehrheit im Parlament, hätte sie zu dikla- 

— 128 — 



forischen Mitteln greifen und dadurch den Bürgerkrieg entfesseln müssen, 
in dem die Revolution untergegangen wäre. 

Es war keine Regierung möglich ohne und gegen die Vertreter der Arbeiter. 
Es war keine Regierung möglich ohne und gegen die Vertreter der Bauern. 
Eine gemeinsame Regierung der Arbeiter und der Bauern war die einzige 
mögliche Lösung. Arbeiter und Bauern mußten sich in der Regierung zu 
verständigen, sie mußten gemeinsam zu regieren versuchen, wenn sie nicht 
binnen kurzem im offenen Bürgerkrieg einander gegenüberstehen sollten. 

Auf dem Lande waren die Christlichsozialen die Massenpartei der Bauern. 
Die Bauernvertreter, die die überwiegende Mehrheit der christlichsozialen 
Abgeordneten bildeten, standen unter dem' Drucke der mächtigen Bewegung, 
die durch die Bauernschaft ging. Der zwieschlächtige Charakter dieser Be- 
wegung bestimmte die Politik der christlichsozialen Bauernvertreter. 
Gegen die Diktatur des Proletariats hätten sie die Bauernschaft zum 
Bürgerkrieg aufgerufen; auf dem Boden einer radikalen, republikanischen, 
antimilitaristischen und antiplutokratischen Demokratie wünschten sie mit 
dem Proletariat zusammenzuwirken. In ganz anderer Stimmung waren die 
christlichsozialen Abgeordneten des städtischen, vor allem des Wiener 
Bürgertums. Dem Bürgertum bedeutete die Revolution nichts als den Zu- 
sammenbruch seiner Herrschaft in sc»inen Gemeinden und in f-einen Be- 
trieben, seine Unterwerfung unter die starke Macht der Arbeiter.?c:iaft. 
Daher war es in offen konterrevolutionärer Stimmung, stand es ganz 
unter dem Einfluß der monarchistischen Kreise: des hohen Klerus, des 
klerikalen Adels, der konterrevolutionären Offiziere. Während die christ- 
lichsozialen Bauernvertreter gemeinsam mit den Sozialdemokraten die Ver- 
folgung der Kriegsverbrechen der Generale und Offiziere forderten, traten 
die städtischen Christlichsozialen als Beschützer und Verteidiger der Offi- 
ziere auf. Bei der Beratung der Gesetze über die Landesverweisung der 
Habsburger, über die Beschlagnahme ihres Vermögens, über die Ab- 
schaffung der Adelstitel traten bäuerliche und städtische Christlichsoziale 
einander offen entgegen. Der Machtapparat der Kirche konnte die eine 
Zeitlang drohende Spaltung der christlichsozialen Partei verhindern; 
aber die Zerklüftung der christlichsozialen Partei war doch tief genug, daß 
wir uns, ihren städtischen Flügel abseits lassend, mit ihrem bäuerlichen 
Flügel verständigen konnten. Die Kooperation der Arbeiter und der Bauern 
fand ihren parlamentarischen Ausdruck in der Koalition der Sozialdemo- 
kratie mit der von ihrer bäuerlichen Mehrheit beherrschten christlich- 
sozialen Partei. 

Innerhalb dieser Koalition aber v/aren die Kräfte keineswegs gleich. Die 
gewaltige revolutionäre Bewegung in den Proletariermassen nickte die 
Bauernschaft in die Defensive; so war auch innerhalb der proletarisch- 
bäuerlichen Koalition die Partei des Proletariats der bei v.citem stärkere 
Partner. Dieses Machtverhältnis innerhalb der Koalition spiegelte sich in 
der Zusammensetzung der Koalitionsregierung, die am 15. März 1919 gewählt 
wurde. Alle Staatsämter, die die Herrschaftsfunktionen des Staates auszu- 
üben haben, fielen den Sozialdemokraten zu: Renner übernahm die 
Kanzlerschaft und das Staatsamt des Innern, Deutsch das Heerwesen, ich 
das Staatsamt des Äußern. Außerdem sicherten wir uns die Ressorts, in 
denen die soziale Revolution zunächst ihre Betätigung suchen mußte: 

— 129 — 9 



Ilanusch übernahm das Staalsamt für soziale V'jrwallun?, Glöckcl das 
Staatsamt für Unterricht, ich .die Leitung der nougöBründeten Soziali- 
siorungskommission. Von den Christlichso^zialen trat der Vorarlberger Bauer 
Fink als Vizekanzler in die Regierung ein, der niederüslerreichische 
Bauernfülirer Stöckler übernahm das Slaalb-aint für Landwirtschaft, Zerdik 
das Handels-, Miklas das Kullusamt. In dieser Verteilung der Staalsämter 
drückte sich die führende Stellung aus, die der Sozialdemokratie zuge- 
fallen war. Mit der Bildung der ersten Koalitionsregierung hatte die Ar- 
beiterklasse zwar nicht die Alleinherrschaft, aber doch die Vorherrschaft 
in der Republik erobert. • 

§ 10. Zwischen Imperialismus vmd Bolschewismus. 

Liteiatni: 

Tardieu, La Paix. Paris 192L — Lansing, Die VersaiUer Friedeiiäverhandluagen. 
Beilin 192L — Nitti, Das friedlose Europa. Frankfurt a. M. 1921. — Keynes, Die 
wirlschaftlichen Folgen des Friedensvertrages. München 1920. — Bericht Eenes' und 
Kramäf über die Friedensverhandlungen. „Närodni Shroraäzüeni v prvnim roce 
Republiky." Praha 1919. — Bericht über die Friedensverhandlungen. 379 der Bei- 
lagen zu den Protokollen der Konstituierenden Nationalversammlung. — Bauer, 
Acht Monate auswäntiger Politik. Wien 1919. 

Freißler, Vom Zerfall Österreichs bis zum tschechoslowakischen Staate. Berlin 
1921. _ Wutte, Kärntens Freiheitskampf. Klagenfurt 1922. — Hülgerth, Der 
Xärntner Freiheitskampf 1918—1919. „Carinthia", 111. Jahrgang. -^ Endor. 
Memoire du Conseil d'Etat du Vorarlberg ä la Societ6 des Nations. Berne 1920. 

* ♦ *, Entstehung und Zusammenbruch' der ungarischen Rätediktatur. Wien 
1919. — Jäszi, Magyariens Schuld, Ungarns Sühne. München 1923. — Szanto, 
Klassenkämpfe und die Diktatur des Proletariats in Ungarn. Wien 1920. — Bettel- 
heim, Zur Krise der kommunistischen Partei Ungarns. Wien 1922. — Braunthal, 
Die Arbeiterräte in Deutschösterreich. Wien 1919. — Braunthal, Kommunisten urd 
Sozialdemokraten. Wien 1920. — Deutsch, Aus Österreichs Revolution. Wien 1921. 
— Dokumente zum 15. Juni. „Der Kampf", 1919. — Radek, Die Lehren eines 
Putschversuches. „Kommunistische Internationale", 2. Jahrgang, Nr. 9. 

Aus den nationalen Kämpfen in der Habsburgermonarchie war der 
Weltkrieg hevorgegangen. Der Weltkrieg drohte in den Krieg zwischen den 
Nationen der Habsburgermonarchie umzuschlagen. Während des Welt- 
krieges schon waren die Soldaten Habsburgs mit den Waffen in der Hand 
einander entgegengetreten. Am Ural und in Sibirien halten sie gegen- 
einander gekämpft: die Deutschen und Magyaren unter roter, die Tschechen 
und Jugoslawen unter weißer Flagge. Als im Oktober 1918 die Fesseln zer- 
brachen, die die zehn Nationen unter Habsburgs Herrschaft aneinander ge- 
kettet hatten, war es die größte von allen Gefahren, daß die befreiten 
Nationen in blutigem Kriege gegeneinander um das Erbe der Habsburger- 
monarchie ringen werden. 

Der alte Haß der slawischen Nationen gegen Wien, den Sitz und das 
Zentrum der Fremdherrschaft, er kehrte sich jetzt gegen die junge Re- 
publik. Das deutschösterreichische Proletariat trat schuldlos das Erbe des 
Hasses der Nachbarvölker an, mit dem die Schuld der deutschöster- 
reichischen Bourgeoisie das deutschösterreichische Volk belastet hatte. 
Nicht nur im Herbst 1918, sondern noch in der ganzen ersten Hälfte 

— 130 — 



des Jahres 1919 drohte uns immer wieder die Gefahr kriegeri- 
scher Verwicklungen mit den Tschechen und den Südslawen. Jede 
solche kriegerische Verwicklung aber hätte für die junge Republik 
den wirtschaltlichen Tod, den militärischen Zusammenbruch, den Unter- 
gang unserer Selbständigkeit bedeutet: den wirtschaftlichen Tod, denn der 
Krieg hätte uns die Kohlen- und Lebensmittelzuschübe gesperrt; den militäri- 
schen Zusammenbruch, denn der Krieg hätte unser kampfmüdes, infolge 
der Niederlage und des Elends kleinmütig gewordenes Volk den durch 
ihren historischen Sieg vom Siegesrausch, von kriegerischer Stimmung er- 
füllten Nachbarvölkern, er hätte unsere schwachen Volkswehren den auf 
dem italienischen Kriegsschauplatz fest zusammengeschweißten tschechi- 
schen Legionen, dem kriegserprobten eerbischen Heere entgegengestellt; 
den Untergang unserer Selbständigkeit, denn der Krieg hätte mit der Be- 
setzung unseres Landes durch fremde Armeen geendet. Den Frieden mit 
den Nachbarvölkern zu erhalten, war unsere wichtigste Aufgabe. Denn nur 
der Friede sicherte uns das bißchen Brot. Nur der Friede ermöglichte uns die 
Behauptung unserer jungen Freiheit. 

. Das alte Reich war zerfallen Aber sein Verwaltungsapparat hatte es 
überlebt. In Wien bestanden noch zentrale Behörden und Anstalten, die 
noch Geschäfte abzuwickeln hatten, die die wirtschaftlichen, rechtlichen, 
militärischen Interessen aller Nachfolgestaaten berührten. Wollten wir Kon- 
flikte mit den Nachfolgestaaten vermeiden, so mußten wir einen Apparat 
schaffen, der eine möglichst reibungslose Abwicklung dieser noch gemein- 
samen Geschäfte ermöglichen konnte. Nicht ohne große Mühe, nicht ohne 
schwere Opfer ist dies gelungen. Es gelang zunächst, die Wiener Gesandten 
aller Nachfolgestaaten zu einer Gesandtenkonferenz zu vereinigen, die sich 
allwöchentlich im Staatsamt des Äußeren versammelte und die oberste 
Leitung der Abwicklung der noch gemeinsamen Angelegenheiten übernahm. 
Sie setzte dann als ihre Organe eine Internationale Liquidationskommission 
und internationale Bevollmächtigtenkollegien für die einzelnen „liquidie- 
renden Ministerien" ein. Es war ein umständlicher und kostspieliger 
Mechanismus. Und es war ein schweres Opfer, daß wir bis zum Friedens- 
schluß von St. Germain neben unseren Staatsämtern auf unserem Boden 
auch noch „liquidierende Ministerien" dulden mußten, die unter der Mit- 
kontrolle der Nachfolgestaaten standen. Aber nur dieser Mechanismus hat 
es ermöglicht, die alte gemeinsame Verwaltung ohne gefährliche Konflikte 
mit den Nachfolgestaaten abzuwickeln, ihre Geschäfte allmählich in dief 
Verwaltung der Nationalstaaten überzuführen. 

Ungleich ernstere Konflikte gingen aus dem Streite um die Grenzen der 
neuen Staaten hervor. Wir beanspruchten alle Gebiete mit deutscher Be- 
völkerungsmehrheit. Wir forderten, daß diese Gebiete unter unserer Ver- 
waltung bleiben, bis der Friedensvertrag über ihre staatliche Zugehörigkeit 
entscheidet. Wir verlangten, daß diese Entscheidung über alle bestrittenen 
Gebiete durch freie Volksabstimmung unter neutraler Kontrolle erfolgen 
solle.. Die Tschechen und die Jugoslawen lehnten diese unsere Forderungen 
ab. Sie suchten sich noch vor dem Friedensschluß gewaltsam in den Besitz 
der von ihnen beanspruchten Gebiete zu setzen. 

Zunächst gingen die Tschechen zum Angriff gegen Deutschböhmen und 
das Sudetenland vor. Diese beiden Gebiete waren von uns räumlich voU- 

— 131 — 9* 



ständig gelrennt. Wir konnten ihnen keine Waffen liefern. Wir konnten 
ihre Lcbensnüttelversorgung nicht organisieren.* Nicht auf üeutscb.österreich, 
sondern nur auf das Deutsche Reich gestützt, hätten sich Dcutscliböhinen 
und das Sud^lenland verteidigen können. Aber das Deutsche Reich, selbst 
in schwerster Bedrängnis, wagte es nicht, in die Kämpfe außerhalb der 
Reichsgrenzcn mit Waffen- und Lebcnsmittclsendungen einzugreifen. So 
waren Deutschbohmcn und das Sudetenland auf sich selbst gestellt. Die 
Tschechen sperrten ihnen zuerst die Lebcnsmittelzufuhr. V'un den Agrar- 
gebieten Mittelböhmens und Mährens abgesperrt, gerieten sie in bitterste 
.\ot. Der Hunger lähmte die Widerstandskraft der Volksmasscn. Und wenn, 
wie in Aussig, Hungersnot zu Plünderungen führte, rief, die deutsche 
Bourgeoisie selbst nach der tschechischen Okkupation. So konnten die 
tschechischen Truppen in der Zeit vom 28. November bis zum IG. Dezember 
Deutschböhiuen und das Sudetcnland besetzen, ohne auf Widersland zu 
stoßen. Die deutschi)öhmische Landesregierung flüchtete am 11. Dezember 
nach Dresden; die sudctenländische Landesregierung legte am 19. Dezember 
ihr Amt nieder. Aber hatten sich Deutschböhmen und das Sudetenland der 
tschechischen Okkupation nicht mit bewaffneter Hand erwehren können, 
so setzten sie der tschechischen Fremdherrschaft doch starken moralischen 
Widerstand entgegen. Dieser Widerstand erreichte seinen Höhepunkt im 
März 1019. Die Tschechoslowakei- stempelte die Banknuten ab; den 
deutschen Gebieten war die Notenabstenipelung als die wirtschaftliche 
Annexion verhaßt, die der militärischen Okkupation folgte. Zugleich trat 
am 4. März in Wien die Konstituierende Nationalversammlung zusammen; 
Deutschböhmen und das Sudetenland protestierteji dagegen, daß die 
tschechische Okkupation ihnen die Teilnahme an der Wahl der National- 
versammlung verwehrt halle. Am 4. März ruhte in den besetzten Gebieten 
die Arbeit; durch den Generalstreik und große Massenkundgebungen demon- 
strierten die Arbeiter Deutschböhmens und des Sudetenlandes für ihre 
Zugehörigkeit zu Deutschösterreich. Die tschechischen Truppen zersprengten 
die demonstrierenden Massen; in Kaaden bezahlten 25, in Sternberg 
16 Deutsche die Kundgebung mit ihrem Leben. 

Nach der Besetzung Deutsch.böhmens und des Sudetenlandes gingen die 
Tschechen gegen den Böhmerwaldgau und den Zuai-.ier Kreis vor. Hier 
handelte es sich um Gebiete, die an Ober- und Niederösterreich grenzen; 
hier waren wir vor die Frage gestellt, ob wir bewaffneten Widerstand 
leisten solllen Die Tschechen beriefen sich auf den Waffenstillstands- 
vertrag, der den Ententemächten das Recht gab, alle von ihnen als 
strategisch wichtig bezeichneten Punkte in Österreich zu besetzen; sie 
erklärten, daß sie die beiden Kreise auf Grund dieser Bestimmung 
des Waffenstillstandsverlrages als Ententemacht besetzen wollten. Und sie 
landen bei diesem Vorgehen in der lat die Unterstützung der Entente. Als 
sie bei Znaim und Nikolsburg auf Wiener Volkswehrkompagnien stießen, 
gingen den tschechischen Truppen französische Olfiziere voraus, um zu 
markieren, daß die tschechische Okkupation im Namen der Entente, auf 
Grund des Vertrages von Villa Giusti erfolge. Erschwerte schon dies jeden 
Widerstand, so machte unsere wirtschaftliche Abhängigkeit von den 
tschechischen Kohl anzuschuhen ihn geradezu unmöglich. Unstre Volks- 
wehrformationen erhielten daher den Befehl, sich zurückzuziehen, falls 

— 132 — 



-die tschecliischen Truppen unter der Führung von Ententeoffizieren vor- 
stoßen. Auf diese Weise konnten die Tschechen die deutschen Grenz- 
bezirke Südböhmens und Südmährens besetzen. 

Trotz unseres Zurückweichens verwickelte uns die Besetzung der 
deutschen Gebiete der Sudetenländer in eine Reihe ernster Konflikte mit 
der Tschechoslowakei. Zweimal, Anfang Dezember und Anfang März, 
spitzten sich diese Konflikte gefährlich zu; da gab es Stunden, in denen 
wir ernste Kriegsgefahr zu befürchten Grund hatten. Dank der aus alter 
Parteigenossenschaft hervorgegangenen vertrauensvollen persönlichen Be- 
ziehungen, die zwischen Tusar, dem tschechischen Gesandten in Wien, und 
mir bestanden, und dank der Unterstützung der englischen und amerikani- 
schen Vertreter in Wien ist es gelungen, diese Gefahr abzuwehren. 

Ganz anders als im Norden entwickelte sich der Kampf um 
die Grenzen im Süden. Im Norden standen wir der tschecho- 
slowakischen Staatsgewalt gegenüber, die sich überaus schnell kon- 
solidiert hatte, uns vom Anfang an militärisch überlegen war 
und von der wir vom Anfang an wirtschaftlich abhängig waren. 
Im Süden dagegen vollzog sich die Staatsbildung ungleich schwie- 
riger. Der am 29. Oktober 1918 begründete jugoslawische Staat umfaßte zu- 
nächst nur die südslawischen Gebiete Österreich-Ungarns; seine Begründer 
wollten erst von Macht zu Macht mit Serbien über den Zusammenschluß 
verhandeln. Aber dieser jugoslawische Staat geriet vom Tage seiner Be- 
gründung an in schwerste Bedrängnis. Sofort nach dem Zusammenbruch 
der österreichisch-ungarischen Arniee drangen italienische Truppen tief in 
das südslawische Gebiet ein. Italien erkannte die Übergabe der öster- 
reichisch-ungarischen Flotte an Jugoslawien nicht an und verlangte ihre 
Auslieferung auf Grund des Waffenstillstandsvertrages. Die vom Narodno 
Vijece am 2. November angeordiiete Mobilisierung mißlang; die kriegs- 
müden Bauern rückten nicht ein. Die Zentralregierung des Narodno Vijece 
vermochte sich gegen die Landesregierungen — die Regierung des Banus in 
Agram, die Regierungen des Narodni Svet in Laibach und des Narodno 
Vijece in Sarajewo — nicht durchzusetzen. So blieb dem Narodno Vijece 
nichts anderes übrig, als sich Serbien in die Arme zu werfen. Am 24. No- 
vember beschloß es die Vereinigung des jugoslawischen Staates mit Serbien; 
am 1. Dezember wurde sie in Belgrad proklamiert. Aber es dauerte viele 
Monate, ehe sich die Belgrader Zentralregierung die lokale Verwaltung der 
einzelnen südslawischen Länder wirklich unterordnen, ihre selbständigen 
Truppen dem Heere des Königreiches einfügen konnte. In den ersten 
Monaten nach dem Umsturz stand uns daher im Süden noch nicht die Bel- 
grader Staatsgewalt, sondern noch die Laibacher slowenische Landes- 
regierung gegenüber, deren selbständige Aktionen von der Belgrader Re- 
gierung desto argwöhnischer betrachtet und desto schwächlicher unter- 
stützt wurden, je mehr die Kraft des südslawischen Königreiches durch 
seinen schweren Konflikt mit Italien gebunden war. Slowenien war ein 
militärisch ungleich schwächerer Gegner als die Tschechoslowakei und von 
Slowenien waren wir nicht in gleichem Maße wirtschaftlich abhängig als 
von der Tschechoslowakei. So konnten wir im Süden ungleich wirksameren 
Widerstand leisten als im Norden. Aber freilich, auch die Möglichkeiten 
dieses Widerstandes waren eng begrenzt; denn in dem Maße, als sich im 

— 133 — 



Vorlauf des .lahrcs IT) 19 dio neue staatliche Ordnung im Süden konsolidierte,, 
mußten wir damit reelmen, daß uns im Falle einer ernsten Krise nicht mehr 
l)loß die schwachen Kräfte Sloweniens gegenüberstehen werden, sondern die- 
ungleich stärkeren Kräfte Großserbiens. 

In den Tagen des Umsturzes besetzte der slowenische General Majslr 
nicht nur das slowenische Gebiet der üntersteiermark, sondern auch die 
deutschen Grenzstädte Marburg und Radkersburg. Zugleich schob er- 
schwache Streitkräfte auch nach Kärnten vor. Hier aber stieß er sehr bald 
auf Widerstand. 

Die Kärntner Wenden, von Krain durch die Mauer der Karawanken 
geschieden, ohne eigenes städtisches Zentrum, hatten an der nationalen: 
Bewegung der Slowenen Sehr geringen Anteil. In dem Bauernvölkchen war 
das Kärntner Ileimatsgefühl stärker als das slowenische Nationalgefühl. 
Der Verlauf der Sprachgrenze in Kärnten macht eine reinliche Scheidung- 
der beiden Nationen unmöglich; die windischen Bauern hätten an Slo- 
wenien nicht fallen können, ohne daß deutsche städtische Siedlungen unter 
slowenische Fremdherrschaft gefallen wären. Gegen eine solche Zerreißung 
des Landes lehnte sich der Kärntner Landespatriotismus auf. Als die 
Slowenen die Drau überschritten und Völkermarkt besetzten, als es offenbar 
wurde, daß sie einen Vorstoß gegen Klagenfurt vorbereiteten, entschlossert. 
sich die Kärntner zum Kampf. Am 28. November 1918 erklärte der Landes- 
soldatenrat, die Volkswehr sei zum Kampf gegen die slowenischen über- 
griffe bereit. Am 5. Dezember faßte die Landesversaramlung den Beschluß;. 
,, Ententetruppen sind ungehindert passieren zu lassen, südslawischen 
Truppen ist Widerstand zu leisten." Als am 14. Dezember ein südslawische? 
Halbbataillon Grafenstein, 15 Kilometer östlich von Klagenfurt, besetzte, 
griff die Volkswehr das Halbbataillon an und nahm es gefangen. Wenige- 
Tage später erhob sich die Bevölkerung des Lavanttales und nahm einen 
großen Teil der schwachen slowenischen Besatzung gefangen. Nun ent- 
schloß sich der Landesbefehlshaber Oberst' Ludwig Hülgerth zu einem 
größeren Angriff. Der Angriff begann am 5. Jänner. Die Volkswehr, durch 
Freiwilligenformationen verstärkt, ging in vier Gruppen vor: die Gailtaler- 
Gruppe nahm die slowenische Besatzung in Arnoldstein gefangen und, 
rückte gegen Fürnitz vor; das Villacher Volkswebrbataillon drang bis über 
den Faakersee hinaus vor ; die Veldener Gruppe erstürmte die Brücke von; 
Rosegg und vereinigte sich in Rosenbach mit der Villacher Volkswehr;, 
endlich gelang es Klagenfurter Volkswehrbataillonen und Freiwilligen- 
formationen, die Hollenburger Brücke und Ferlach zu nehmen. Damit war; 
die südslawische Besetzung auf den südöstlichen Teil des Landes und den. 
Brückenkopf von Völkermarkt beschränkt. Dieser Zustand wurde durch den 
am 13. Jänner abgeschlossenen Waffenstillstand vorläufig festgelegt. 

Indessen war es uns gelungen, die amerikanische Studienkommission,. 
die, von Professor Coolidge geleitet, in Wien weilte, für die Teilnahme an. 
den Waffenstillstandsverhandlungen zu gewinnen. Die Verhandlungen 
führten zu dem Ergebnis, daß die Demarkationslinie durch Schiedspruch 
des amerikanischen Oberstleutnants Miles festgesetzt werden solle. Miles 
bereiste zu diesem Zweck Kärnten. Seine Reise hat sehr viel dazu bei- 
getragen, die Friedenskonferenz richtig über Kärnten zu unterrichten; sein; 

_ 13i — 



'Offenbar Deutschösterreich' günstiger Schiedsspruch aber ist infolge siid- 
slawischen Einspruchs in Paris nie veröffentlicht worden. Daher drohten 
die Kämpfe von neuem auszubrechen. Beide Teile rüsteten. Im April ent- 
■schlossen sich die Südslawen zu einem Angriff auf Klagenfwt. 

Am 29. April griffen die Jugoslawen längs der ganzen Front an. Es 
gelang ihnen, von dem Völkermarkter Brückenkopf aus in die Nähe von 
Klagenfurt vorzudringen. Die Gefahr schien groß. Wir schickten den 
Kärtnern Wiener Volkswehr, Geschütze und Artilleriemunition zu Hilfe. 
Indessen war es den Kärntnern bereits gelungen, den feindlichen Angriff 
zum Halten zu bringen. Sobald die Verstärkungen eingelangt waren, konnte 
■Oberst Hülgerth zum Gegenangriff übergehen. Am 2. Mai wurde der 
Brückenkopf von Völkerraarkt angegriffen und genommen. Am 4. Mai 
griffen die Kärntner den linken Flügel der jugoslawischen Front an: 
.St. Margareten im Rosental und die Hochfläche von Abtei wurden 
genommen und der stark befestigte Ausgang des Karawankentunnels bei 
Rosenbach erstürmt. Diese Niederlagen hatten die Widerstandskraft der 
jugoslawischen Truppen gebrochen. Sie begannen die Draulinie zu räumen. 
Sie wichen ohne Widerstand zurück. 

Indessen hatte der General Segrfe, der Chef der Waffenstillstands- 
kommission der Entente, eingegriffen. Er protestierte dagegen, daß wir die 
Draulinie überschreiten; er verlangte, daß eine neue Demarkationslinie 
in Waffenstillstandsverhandlungen unter seiner Vermittlung festgesetzt 
werde. Es schien uns notwendig, diesen Vorschlag anzunehmen. Nach dem 
•errungenen Sieg, unter dem Einfluß der den Jugoslawen wenig geneigten 
italienischen Vermittlung, konnten wir eine für uns günstige Demarkations- 
linie erreichen. Lehnten wir dagegen Segres Vermittlung ab, setzten wir 
die Verfolgung des geschlagenen Gegners fort, so mußten wir damit rechnen, 
.sehr bald nicht mehr bloß den schwachen jugoslawischen Kräften, die 
bisher in Kärnten gekämpft hatten — es waren im ganzen ungefähr 
40 Kompagnien, unter ihnen höchstens drei serbische, mit nur 56 Ge- 
schützen — sondern starken regulären serbischen Streitkräften gegenüber- 
zustehen. Wir forderten daher die Kärntner Landesregierung auf, den 
Vormarsch ihrer Truppen aufzuhalten. Aber die Kärntner wollten sich 
■durch nichts und von niemand hindern lassen, ihren Sieg auszunützen. 
Während die Wiener Volkswehr, dem Befehl des Staatssekretärs für Heer- 
wesen entsprechend, an der Draulinie stehen blieb, drängten die Kärntner 
trotz allen unseren Warnungen dem kampflos zurückweichenden Feinde 
bis zur Landesgrenze nach. 

Es geschah nun, wovor wir Kärnten vergebens gewarnt hatten. Das 
vierte serbische Armeekommando zog neun Infantericregimenter mit starker 
Artillerie zum Gegenangriff zusammen, der am 23. Mai einsetzte. Die 
Kärntner Truppen konnten der Übermacht nicht standhalten. Arn Abend des 
ersten Kampftages mußten sie sich an die Drau zurückziehen. Am 2. Juni 
gelang es dem Feind, unseren linken Flügel im Lavanttal aufzurollen. 
Infolge seiner Niederlage fiel am 4. Juni Völkermarkt in die Hände des 
Feindes. Daher mußte am folgenden Tage Klagenfurt geräumt werden; am 
6. Juni wurde es von den Jugoslawen besetzt. In den folgenden Tagen 
besetzten italienische Truppen die Eisenbahn Tarvis-St. Veit. Damit war 
4er Kärntner Abwehrkampf beendet. 

~ 135 — 



Der Abwehrkampf hatte Kärnten 200 Tote und 800 Verwundete ge- 
kostet. Er halte nach zwei schönen Siegen schlieliiich docli mit einer 
Niederlage unserer Waffen geendet. Aber er war darum nicht erfolglus. 
Er hat den Verkauf der Friedensverhandlungen in Paris stark beeinflußt 
und auf diese Weise sehr viel dazu beigetragen, Kärnten vor der drohen- 
den slawischen Fremdherrschaft zu retten. Die Regierung der Republik 
aber haben die Kämpfe in Kärnten vor eine sehr schwierige Aufgabe gestellt. 
Wir mußten einerseits Kärnten unterstützen, soweit dies möglich war; wir 
mußten anderseits verhindern, daß die lokalen Kämpfe in Kärnten uns iu 
einen allgemeinen kriegerischen Konflikt mit dem jugoslawischen König- 
reich verwickeln. Denn ein Vorstoß regulärer serbischer Streitkräfte gegen 
Graz hätte den Zusammenbruch Deutschösterreichs herbeigeführt. Wir 
mußten daher den Konflikt in Kärnten lokalisieren, sein Übergreifen nach 
Steiermark verhüten, während der Kärntner Kämpfe die diplomatischen 
Beziehungen zu dem jugoslawischen Königreich aufrechterhalten und uns- 
in mühevollen Verhandlungen immer wieder zu friedlicher Lösung des 
Konflikts bereit zeigen. Auf diese Weise ist es uns gelungen, den Bruch 
mit Jugoslawien zu verhindern und dadurch auch im Süden den Frieden, 
zu erhalten. 

Aber die scliweren Opfer, die wir im Norden wie im Süden hatten; 
bringen müssen, um der Gefahr des Krieges mit den slawischen Nachbar- 
völkern zu entgehen, genügten nicht, unsern Frieden zu retten. Denn 
die schwerste Kriegsgefahr ging nicht aus dem Streit um unsere Grenzen 
im Norden und im Süden hervor, sondern aus den Wirkungen der 
ungarischen Revolution auf unsere inneren Verhältnisse — Wirkungen, die- 
uns in den Krieg Ungarns mit seinen Nachbarn zu verwickeln drohten. 

Die Oktoberrevolution hatte in Ungarn wie in Dcutschöslerreich die 
Vorherrschaft der Arbeiterklasse begründet. Aber ungleich stärker als in. 
Deutschösterreich drängte in Ungarn das Proletariat danach, seine Vor- 
Iierrschaft zu seiner Alleinherrschaft, zu seiner Diktatur weiterzuentwickeln. 
Deutschösterreich konnte ohne die Nahrungsmittel- und Kohlenzuschübe 
der Entente nicht leben; Ungarn hatte Nahrungsmittel i:nd Kohle im 
eigenen Lande. Das ungarische Proletariat fürchtete daher den Konflikt 
mit der Entente viel weniger als das deutschösterreichische. In Deutscli- 
österreich stand das Proletariat einer in jahrzehntelanger politischer Ent- 
wicklung geschulten und organisierten, politisch sehr regsamen und 
starken Bauernschaft gegenüber; in Ungarn war die Bauernschaft noch 
politisch ungeschult und teilnahmslos, das flache Land fügte sich noch 
widerstandslos den politischen Entscheidungen der Hauptstadt. Das- 
deutschösterreichischc Proletariat verstand, daß es die Macht mit den 
Bauern teilen mußte; das ungarische Proletariat glaubte, die Bauern 
unschwer seiner Diktatur unterwerlcn zu können. In Österreich war die 
nationale Revolution das Ergebnis jahrzehntelanger nationaler Kämpfe; 
üie dcutschöslerreichische Revolution erkannte das Selbstbestimmungs- 
recht der Nachbarvölker an. Die ungarische Revolution dagegen be- 
trachtete die Besetzung der Slow:akei durch die Tschechen, Siebenbürgens, 
durch die Rumänen, der Bacska und des Banats durch die Jugoslawen als 
•Annexion durch fremde Eroberer; sie verteidigte gegen sie die „Integrität"" 
des hiciorischcn Ungarn. Der Kampf um die „Integrität" verknüpfte sich 

- 136 — . 



mit dem Kampfe um die Diktatur des Proletariats. Im Oktober hatte Ungarii 
seine Integrität dadurch zu retten gehofft, daß es die Herrenklassen, die 
die Träger des Bündnisses mit Deutschland und der Union mit Österreich 
gewesen waren, stürzte und die ententefreundliche Demokratie in die 
Macht" setzte. Als aber die Entente ungarisches Land den Tschechen, den 
Rumänen, den Jugoslawen zusprach, wurde der Glaube an die Demokratie 
schwer erschüttert; Ungarn warf sich nun der kommunistischen Diktatur 
in die Arme, um im Bunde mit Sowjetrußland seine Integrität gegen die 
Entente zu verteidigen. Als am 20. März 1919 der französische Oberstleutnant 
Vyx der Regierung Karolyi eine Note überreichte, die die Demarkations- 
linie tief in magyarisches Gebiet vorschob, dankte die Regierung Karolyi 
ab und die Sozialdemokratie, allein nicht mehr stark genug, sich des 
kommunistischen Ansturms zu erwehren, unterwarf sich der kommu- 
nistischen Eührung. Am 21. März wurde die ungarische Räterepublik auf- 
gerichtet. 

Aus dem Kampf um die Grenzen entstanden, geriet die Räterepublik 
sofort in den Krieg gegen Rumänien und gegen die Tschechoslowakei. 
Rumänen und Tschechen drangen zu der neuen, von der Entente fest- 
gesetzten Demarkationslinie vor. Die Rumänen griffen bei Debreezin, 
Großwardein, Arad an. Die Tschechen besetzten Salgotarjan, Miskolcz, 
Sarotalja-Ujhely. Ungarn war im Kriege um seine Grenzen. Ungarn 
brauchte Kriegsmaterial und Munitionsfabriken. In Deutschösterreich 
glaubte Ungarn zu finden, was es zur Kriegführung brauchte. Die 
ungarische Räteregierung versuchte es daher, in Deutschösterreich die 
Gründung einer Räterepublik zu erzwingen, die, mit der ungarischen Räte- 
republik verbündet, ihr die Kriegsrüstung liefern sollte. ,,In Österreich", 
schrieb Ernst Bettelheim, „war die ganze Ausrüstung der imperialistischen 
Armee Österreich-Ungarns, ihre ganze Munition, ihre Waffen angehäuft; 
Zehntausende von Maschinengewehren, Tausende von Kanonen ver- 
schiedenen Kalibers; große Waffen- und Munitionsfabriken, von wo die 
im Rückzug befindlichen ungarischen roten Truppen hätten versorgt 
werden können. In Österreich war die Österreichisch-Ungarische Bank mit 
ihrer ganzen technischen Ausstattung. Der Fluch des weißen Geldes, das 
eine gegenrevolutionäre Wirkung hervorrief, wäre mit einem Schlage be- 
seitigt worden. Österreich ist ein Industriestaat, und der ungarische Bauer 
wäre mit Hilfe der österreichischen Industricartikel unzertrennbar an die 
proletarische Diktatur gekettet worden." Aber diese Bedeutung Deutsch- 
Österreichs für die Kriegführung Unga,rns erkannte nicht nur Ungarn, es 
erkannten sie auch Ungarns Gegner. Es war vom ersten Augenblick an 
klar: die Proklamierung der Räterepublik in Wien bedeutet die Allianz 
Deutschösterreichs mit Ungarn; die Allianz mit Ungarn bedeutet den Krieg 
mit der Tschechoslowakei, bedeutet die Einstellung der Kohlen- und 
Lebensmittelzufuhr, bedeutet den Vormarsch der tschechischen Legionen 
gegen Wien. 

Sofort nach der Märzrevolution wandte sich die ungarische Räte- 
regierung an uns. Wir verweigerten der proletarischen Revolution in 
Ungarn nicht unsere Unterstützung. Während alle anderen Staaten die 
ungarische Räterepublik blockierten, ließen wir in Wien eine Gesandtschaft 
und eine Handelsvertretung der Räterepublik zu, wir schlössen mit ihr 

— 137 - 



einen Handelsvcrtratr aL und ermösliclüen Ungarn den Bezug großer 
Mengen österrcicliischer Industricprochlkte. Wir Iconnlen, ohne die 
niichten der Neutralität dem tschechisch-ungarischen Krieg gegenüber zui 
verletzen, Ungarn niclit von Amts wegen Kriegsgerät Hefern; aber die 
sozialdemokratischen Arbeiter des Wicner-Neustädter Gebietes schmug- 
gelten unbehindert bedeutende Mengen Kriegsgerät über die ungarische 
Grenze. Als die Entente kurz nach der Märzrevolution die Blockade über 
Deutschösterreich, die im Waffenstillstandsvertrag noch aufrechterhalten, 
worden war, nur unter der Bedingung aufhob, daß die importierten Waren 
nicht nach Ungarn weitergebracht worden dürften, mußten wir uns dieser 
Bedingung freilich fügen; aber trotzdem blieb uns noch die Möglichkeit, 
Ungarn mannigfache wirtschaftliche Hilfe zu leisten. Aber freilich, alle 
Hilfe, die wir dem ungarischen Proletariat leisten konnten, war doch damit, 
begrenzt, daß wir uns nicht in einen kriegerischen Konflikt mit unseren . 
anderen Nachbarn verwickeln lassen durften. Wir konnten die ungarische 
Räterepublik unterstützen; aber wir mußten die Proklamicrung der Räte- 
republik in Deutschösterreich verhindern. 

Bela Kun hatte zuerst erwartet, daß die deutschösterreichische Sozial- 
demokratie das Beispiel der ungarischen nachahmen, sich mit den Kom- 
munisten vereinigen und selbst die Rätediktatur in Deutschösterreich auf- 
richten werde. Sobald er gewahr wurde, daß wir das ablehnten, begann er 
den Kampf gegen uns. Die Wiener ungarische Gesandtschaft wurde zur 
Agitationszentrale. Der kommunistischen Partei Deutschösterreichs flössen 
aus Ungarn große Geldmittel zu, die nicht nur der Verstärkung ihrer Propa- 
ganda dienten, sondern auch dazu verwendet wurden, einzelne Vertrauens- 
männer der Arbeiter und Soldaten durch Bestechung zu gewinnen. Die 
kommunistische Propaganda suchte den Arbeitern einzureden, daß Ungarn 
über große Lebensmittelvorräle verfüge, die hinreichend seien, den Bedarf 
Deutschösterreichs reichlich zu befriedigen, und daß die Heere der russischen 
Sowjetrepublik schon in Galizien eingedrungen seien und binnen kurzem 
die Karpathen überschreiten, sich mit der ungarischen Rotr-n Armee ver- 
einigen würden. Die furchtbare Not. die in Deutschösterreich herrschte, die- 
Massenarbeitslosigkeit, die im Mai die größte Ausdehnung erreichte,, 
sicherten der kommunistischen Propaganda einen empfänglichen Boden. 
Sie gewann an Kraft, als am 7. April auch in München die Räterepublik 
proklamiert wurde und als im Mai die ungarische Rote Armee in der Slo- 
wakei bedeutende Siege über die tschechischen Truppen errang. 

Der Abwehrkampf gegen den Kommunismus wurde auf dem Boden der 
Arbeiterräte geführt. In den ersten Wochen nach der Oktoberrevolution 
wirkten die Arbeiterräte der einzelnen Orte unabhängig voneinander ur.di 
ihre Wirksamkeit war auf die Kontrolle der Lehensmittelaufbringung kon- 
zentriert. Erst im Verlauf des Frühjahrs 1919 wurden die lokalen Arbeiter- 
räte zu einer einheitlichen Organisation zusammengefaßt und wurde diese 
Organisation zur Stätte der entscheidenden politischen Kämpfe innerhalb 
des Proletariats, zum Instrument der wichtigsten politischen Ent- 
scheidungen des Proletariats. Den Anstoß dazu gaben die oberösterreichi- 
schen Arbciterräte. In Oberösterreich, dem einzigen Lande Deutschöster- 
reichs, das über Getreideüberschüsse verfügte, halte die wirtschaftlichem 

— 138 — 



Aktion der Arbeiterräte die größte Ausdelmung erlangt, hatten daher auch 
-die Arbeiterräte den stärksten Einfluß gewonnen. Der Linzer Arbeiterrat 
gab nun die erste Anregung zu einer Zusammenfassung aller lokalen 
Arbeiterräte. Er versammelte am 19. Februar in Linz eine Konferenz der 
Arbeiterräte, die den sozialdemokratischen Parteivorstand aufforderte, eine 
allgemeine Reichskonferenz aller Arbeiterräte einzuberufen. Diese Reichs- 
konferenz, die am 1. März zusammentrat, gab den Arbeiterräten einheitliche 
Satzungen, die die Wahl der Ortsarbeiterräte und ihre Zusammenfassung zu 
Bezirks-, Kreis- und Landesarbeiterräten und zum Reichsarbeiterrat regelten. 
Auf Grund dieser Satzungen wurden in den folgenden Wochen die Arbeiter- 
räte neugewählt. Gaben diese Neuwahlen, an denen sich nicht nur die 
Massen der Arbeiter und Angestellten, sondern auch ein sehr großer Teil 
der öffentlichen Beamten beteiligten, den Arbeiterräten eine verstärkte 
Autorität, so sicherte die Zusammenfassung ihnen eine einheitliche 
■politische Führung. Diese Führung fiel in die Hände Friedrich Adlers, 
dessen revolutionäre Haltung während des Krieges ihm das unbeschränkte 
Vertrauen der revolutionären Arbeiterschaft gesichert hatte. Unter seiner 
Führung wurde der in jener Zeit überaus schwere Kampf gegen das kom- 
munistische Abenteurertum auf dem Boden der Arbeiterräte durch- 
gekämpft; unter seiner Führung rangen sich die Arbeiterräte zu der 
Erkenntnis durch, daß der Versuch der Errichtung der Rätediktatur in 
Deutschösterreich unter den gegebenen Umständen nichts anderes bedeuten 
konnte als den Selbstmord der deutschösterreichischen Revolution. Die 
revolutionäre Autorität der Arbeiterräte vermittelte diese Erkenntnis den 
Arbeitermassen. Die Rätediktatur wurde unvollziehbar, da die Räte selbst 
die Diktatur ablehnten. 

Schwieriger noch als auf dem Boden der Arbeiterräte war der Kampf 
auf dem Boden der Soldatenräte. Die kommunistische Propaganda übte auf 
die Volkswehrbataillone starken Einfluß. Josef Frey, der an der Spitze des 
V' ollzugsausschusses der Soldatenräte stand, war unzuverlässig. In 
schwerem Ringen kämpften die Vertrauensmänner Julius Deutsch', an 
ihrer Spitze Braunthal, Leo Deutsch, Hofmann, Köhler, Schuhbauer, Weiß, 
gegen die kommunistischen Versuchungen, die sich an die Volkswehr heran- 
drängten. Die revolutionäre Autorität der Arbeiterräte entschied auch hier 
den Kampf. Die Soldatenräte beschlossen, daß sich die Volkswehr als die 
bewaffnete Macht der Arbeiterklasse betrachte und sich daher der politischen 
Führung der Arbeiterräte unterordne. Da die Arbeiterräte die Rätediktatur 
ablehnten, bedeutete dieser aus der Räteideologie erwachsene Beschluß die 
Ablehnung der Rätediktatur durch die Wehrmacht. 

Unsere Aktion auf dem Boden der Arbeiter- und Soldatenräte hielt die 
Massen von den Kommunisten fern. Die Kommunisten versuchten es nun, 
gewaltsame Zusammenstöße der unter ihrem Einfluß stehenden deklas- 
sierten Elemente unter den Arbeitslosen. Heimkehrern und Invaliden mit 
der Staatsgewalt hervorzurufen, um die Massen gegen die Regierung der 
Republik aufzustacheln. Am 18. April, dem Gründonnerstag, wenige Tage 
nach der Aufrichtung der kommunistischen Diktatur in München, ver- 
leiteten die Kommunisten ein paar hundert hungernde, unwissende, ver- 
zweifelte Arbeitslose und Kriegsinvalide zu einem Angriff auf das Parla- 

— 139 — 



menlssebäudc. Die Domonslrnnlcn versufhlrn es, das Parlamentsgebäude 
in Brand 7ai setzen; luid als die Polizei ihnen cnli^ceentrat, machten sie 
von ihren Feuerwaffen gegen die Polizei Gebrauch. Ein Feuorgefccht begann. 
Die Volkswehr wurde aufgeboten. Trotz der kommunistischen Agitation 
tat sie ihre Pflicht. Sie löste die Polizei ab. besetzte das in Brand jjjeratene 
Parlamentsgebäude und verjagte die Demonstranten. Der Tag hatte schwere 
Opfer gefordert: sechs Sicherheitswachleute waren gefallen, zehn Volks- 
wehrleute, einige Sicherheitswachmänner und dreißig Demonstranten 
waren verwundet. Zugleich hatte der Tag die. entsetzliche Not, die in Wien 
herrschte, furchtbar demonstriert: die Demonstranten hatten sich auf die 
gefallenen Pferde der Sicherheitswache gestürzt, aus den noch warmen 
Körpern der toten Tiere Stücke Fleisch herausgerissen und sie als eine- 
willkommene Beute, als Leckerbissen, wie sie lang schon keinen genossen, 
nach Hause getragen. Die wichtigste Lehre des Tages aber war die Haltung^ 
der Volkswehr. Der Beweis war erbracht, daß die kommunistische Agitation 
in den Volkswehrkasernen wirkungslos geblieben war. 

Die kommunistische Agitation stürzte sich nun mit verstärkter Kraft auf 
die Volkswehr. Die Entente bot ihr die willkommene Gelegenheit dazu. Die 
interalliierte Waffenstillstandskommission verlangte den Abbau der Volks- 
wehr, da die Zahl unserer Soldaten die im Waffenstillstandsvertrag fest- 
gesetzte Höchstzahl übersteige. Die Soldaten fürchteten in dieser Zeit der 
Massenarbeitslosigkeit die Entlassung aus der Volkswehr; ihre Erregung- 
suchten die Kommunisten auszunützen, um sie zu einem Putschversuch zu 
gewinnen. In der zweiten Hälfte Mai kam Ernst Bettelheim als Emissär der 
ungarischen Räteregierung nach Wien. Er trat hier als Vertreter der Kom- 
munistischen Internationale auf, in ihrem Namen stürzte er die kom^- 
munistische Parteileitung und setzte an ihre Stelle ein Direktorium, das den 
Putsch organisieren sollte. Da die interalliierte Waffenstillstandskom- 
mission verlangte, daß die Entlassung der abzubauenden Wehrmänner bis 
zum 15. Juni erfolgen müsse, setzte Bettelheim den Putsch für diesen Tag 
an. Kommunistische Flugblätter forderten die Wehrmänner 5)uf, bewaffnet 
an der für den 15. Juni einberufenen Straßendemonstration teilzunehmen. 
Das kommunistische „Revolutionäre Soldatenkomitee" gab an die „Initia- 
tivkomitees" in den Bataillonen Weisungen für den Straßenkampf und für 
die Besetzung der öffentlichen Gebäude aus. Gleichzeitig verlangte das 
kommunistische Direktorium von Bela Kun. das ungarische trans- 
danubische Korps solle bis zum 14. Juni die deutschösterreichische Grenze 
besetzen, am folgenden Tage einige Abteilungen über die Grenze vor- 
schieben. 

Wir kannten diese Vorbereitungen und setzten uns zur Wehr. Am 

12. Juni teilte ich der Militärmission der Entente mit, wir seien nicht in der 
Lage, den von uns geforderten Abbau der Volkswehr durchzuführen. Die 
Entente, die das Übergreifen des Bolschewismus nach Wien fürchtete, nahm 
diese Ablehnung ihrer Forderungen hin; damit waren die Wehrmänner voq 
der Gefahr der Entlassung, die sie den Kommunisten zutrieb, befreit. Am 

13. Juni trat der neugewählte Wiener Kreisarbeiterrat zu seiner ersten 
Sitzung zusammen. Nach einem Referat Friedrich Adlers beschloß der 
.^reisarbeiterrat, er allein sei berechtigt, Aktionen der Wiener Arhciler- 

— HO - 



Schaft zu beschließen und durchzuführen; der Putschversuch- der Kom- 
munisten wurde als Auflehnung gegen die revolutionäre Kompetenz des 
Arbeiterrates erklärt Am 14. Juni bewog Julius Deutsch die Soldatenräte 
des aus der „Roten üarde" der Umsturztage hervorgegangenen kommunisti- 
schen Volkswehrbataillons Nr. 41 zu dem Versprechen, das Bataillon werde 
Disziplin halten, sich der von Deutsch für den 15. Juni angeordneten Kon- 
signierung fügen, ohne Befehl an diesem Tage die Kaserne nicht verlassen; 
überdies verlegte Deutsch eine verläßliche Volkswehrabteilung unter dem 
Kommando des Hauptmanns Marek in die Nähe der Kaserne der kom- 
munistischen Einundvierziger, damit sie ihnen erforderlichenfalls mit 
Waffengewalt entgegentrete. Unter dem Eindruck unserer Gegenmaßregeln 
wurdeii die Kommunisten selbst am 14. Juni unsicher; ein Teil der kom- 
munistischen Führer wehrte sich gegen den Putschversuch. Aber noch am 

14. Juni telegraphierte, wie Bettelheim erzählt, Bela Kun an das Wiener 
Direktorium: „Ich habe alles vorbereitet. Klug ufld mutig vorwärts! Es ist 
eme Lebensfrage, daß die Sache gelingt." Da alle Anzeichen darauf 
deuteten, daß die Putschabsicht nicht aufgegeben war, ließ Eldersch, der 
das Staatsamt' des Innern leitete, seitdem Renner an der Spitze der 
Friedensdelegation in St. Germain weilte, in der Nacht vom 14. auf den 

15. Juni die kommunistischen Vertrauensmänner verhaften. 

Am 15. Juni zog eine Menge von einigen Tausend Kommunisten zum 
Polizeigefangenhaus, um die verhafteten Führer zu befreien. In der Ilörl- 
gasse trat eine Abteilung der Stadtsclmtzwache, einer aus sozialdemo- 
kratischen Arbeitern zusammengesetzten Polizeiformation, den Demon- 
stranten entgegen. Als die Demonstranten die Reihen der Stadtschutzvi\ache 
zu durchbrechen versuchten, machte sie von der Schußwaffe Gebrauch. 
Zwanzig Tote und achtzig Verwundete blieben auf dem Platze. Die 
Demonstranten strömten zurück; einige Volkswehrbataillone, die die 
Ringstraße besetzt hatten, hielten in musterhafter Ruhe die Ordnung auf- 
recht und verhinderten jeden weiteren Zusammenstoß. Indessen ver- 
suchten es die Kommunisten, das kommunistische Volkswehrbataillon 
Nr. 41 auf die Straße zu bringen. Die Soldatenräte stellten sich dem ent- 
gegen: mit dem Revolver in der Hand verteidigten sie das Kasernentor und 
verhinderten den Ausmarsch der kommunistischen Wehrmänner. Damit 
war die Gefahr eines bewaffneten Zusammenstoßes auf der Straße ab- 
gewehrt. Nun ließ Eldersch die verhafteten Vertrauensmänner der Kommu- 
nisten auf freien Fuß setzen; damit trat in den Kasernen Beruhigung ein. 
Der Putschversuch war vereitelt. 

Die Kommunisten glaubten zunächst noch, den Versuch wiederholen zu 
können. Die zweite Reichskonferenz der Arbeiterräte, die am 30. Juni 
zusammentrat, wurde zu einer großen Auseinandersetzung mit den Kommu- 
nisten. Aber indessen begann, die Kraft des ungarischen Kommunismus 
schon zu versiegen. Belä Kun hatte, einem Ultimatum Clernenceaus 
weichend, die Rote Armee in der Slowakei bis zur Demarkationslinie 
zurückgenommen. Im Innern Ungarns zeigten sich wachsende wirtschaft- 
liche Schwierigkeiten, wachsende Unzufriedenheit der Arbeiter, wachsender 
Widerstand der Bauern. An der Theiß rüstete Rumänien zum Angriff. Der 
unverkennbare Niedergang der ungarischen Revolution schwächte auch 

- 141 - . 



ihre Vorposk'ü in Dculschöslcrroich. Die Erfahrungen dos 15. Juni ver- 
scliärften die Gegensätze innerhalb der korninunislischen Partei. Sie 
konnte einen zweiten Versuch nicht mehr wagen. Als am 1. August die 
ungarische Jlätediktatur zusammenbrach und ihr die blutige Konter- 
revolution folgte, sah das deutschösterreichische Proletariat anschaulich, 
vor welchem Schicksal die Sozialdemokratie es bewahrt hatte. Kurze Zeit 
später konnte Deutscli, ohne auf Widerstand zu stolzen, das Volkswehr- 
l.ataillon Nr. -Il entwaffnen und aufjösen; damit war den Putschisten ihre 
einzige gefährliche Machtposition entrissen. 

Der Ahwehrkampf gegen den Bolschewismus war in üeutschösterreich 
nicht ein Klassenkampf zwischen der Bourgeoisie und dem Proletariat, 
sondern ein Kampf innerhalb der Arbeiterklasse. Die Bourgeoisie sah diesem 
Kampf innerhalb des Proletariats einflußlos und verständnislos zu. Sie hat 
später den Verlauf der Ereignisse so zu deuten versucht, die Wiener 
Polizei, der Wiener Polizfeipräsident Schober habe Wien vor dem Bolsche- 
wismus gerettet. Das ist eine törichte Legende. Selbst am Gründonnerstag 
und am 15. Juni hat nicht die Polizei, sondern nur die Volkswehr die 
Ordnung wiederherstellen können; und doch waren das nur Aktionen einer 
winzigen Minderheit des Proletariats! Hätten sich die Arbeiter- und Sol- 
datenräte für die Rätediktatur entschieden, so hätten sie über die ganze Ar- 
beiterklasse, über alle seit der Oktoberrevolution gebildeten, aus Arbeitern 
zusammengesetzten bewaffneten Formationen, über die Volkswehr, die 
Stadt.sc hutzwache und die Bahngendarmerie verfügt; die Bourgeoisie hätte 
ihnen in Wien und in den Industriegebieten Niederösterreichs und der 
Steiermark keinerlei Widerstand entgegensetzen können, die Polizei wäre 
völlig machtlos gewesen. Nur in dem Ivampfe innerhalb der Arbeiter- und 
Soldatenräte ist der Ansturm des Bolschewismus abgewehrt worden. Und 
dieser Kampf innerhalb der Arbeiterklasse ist nicht durch Waffen, sondern 
im Ringen der Geister entschieden worden. Die zielbewußte Führung 
Friedrich Adlers in den Arbeiterräten, Julius Deutsch' und seines Freundes- 
kreises in den Soldatenräten hat den Kampf entschieden. Dieser Sieg über 
den Bolschewismus bedeutete aber nichts weniger als die Selbstbehauptung 
der deuCschösterreichischen Revolution. Hätte der Bolschewismus auch nur 
für einen Tag gesiegt, so wären die Hungerkatastrophe, der Krieg, die Be- 
setzung des Landes durch fremde Truppen die unverm.eidlichen Folgen 
gewesen. 

Die ganze Geschichte der deutschösterreichischen Revolution vom Ok- 
jober 1918 bis zum Juli 1919 ist die Geschichte ihres Kampfes um den 
Frieden. Wir hatten die Auseinandersetzung mit dem tschechischen und 
dem jugoslawischen Nationalismus um unsere Grenzen so führen müssen, 
daß der Krieg mit den beiden Nachbarvölkern vermieden werde. Wir 
hatten den Ansturm des ungarischen Bolschewismus abw^ehren müssen, 
damit wir nicht in einen Krieg mit den Nachbarvölkern verwickelt werden. 
Die zwingende Notwendigkeit, den Frieden zu erhalten, hat der nationalen 
und der sozialen Revolution schwere Opfer auferlegt. Aber nur indem 
sich die Revolution darauf beschränkte, was sie ohne Krieg mit den 
Nachbarvölkern behaupten konnte, konnte sie sich vor dem Krieg und vor 
dem sicheren Untergang,, vor der Konterrevolution unter dem Schutze 
fremder Bajonette bewahren. 

- 142 — 



Aber es galt nicht nur, den Ausbruch neuen Krieges zu verhüten, sondern 
auch den großen Krieg zu liquidieren. Die Zeit unserer Auseinander- 
setzungen mit dem slawischen Nationalismus und dem magyarischen 
Bolschewismus war zugleich auch die Zeit unserer Friedensverhandlungen 
mit dem Ententeimperialismus. Die Erhaltung des Friedens mit den 
Nachbarvölkern hatte unsere staatliche Existenz gerettet; nur dank der 
Erhaltung des Friedens konnten wir die Friedensverhandlungen mit der 
Entente als selbständiger Staat führen. Die Opfer aber, mit denen wir den 
Frieden mit den Nachbarvölkern hatten erkaufen müssen, und das furcht- 
bare Elend, in dem wir in diesem ersten Jahre nach dem Waffenstillstand 
als selbständiger Staat lebten, hatten es anschaulich gemacht, daß Deutsch- 
österreich nur in bitterer Not, nur in drückender Abhängigkeit vom Aus- 
land, nur in Ohnmacht gegenüber den Nachbarvölkern seluständig leben 
kann. Diese Erfahrung mußte unserer Auseinandersetzung mit dem Entente- 
imperialismus ihr Ziel setzen; unser wichtigstes Ziel in den Friedens- 
verhandlungen mußte es sein, uns unser Recht auf den Anschluß an 
Deutschland zu erstreiten. 

Als die Provisorische Nationalversammlung am 12. November Deutsch- 
österreich zu einem Bestandteil der Deutschen Republik ' erklärte, hatten 
wir gehofft, es werde vielleicht möglich sein, den Anschluß an das 
Deutsche Reich tatsächlich zu vollziehen, ohne die Friedensverhandlungen 
abzuwarten, und dadurch die Friedenskonferenz vor eine vollzogene Tat- 
sache zu stellen. Sehr bald aber wurden die Widerstände sichtbar, die dem 
im Wege standen. Aus Frankreich kam sofort energischer, drohender Ein- 
spruch. Im Deutschen Reich fürchtete man, durch die Einverleibung 
Deutschösterreichs weite deutsche Gebiete im Westen und im Osten des 
Reiches zu gefährden. Frankreich forderte die Jlheingrenze. Polen forderte 
Danzig, Westpreußen, Oberschlesien. Daß der verlorene Krieg mit einer 
bedeutenden Vergrößerung der Volkszahl des Deutschen Reiches enden 
werde, war unwahrscheinlich; Deutschland fürchtete daher, es würde den 
Anschluß Deutschösterreichs mit dem Verlaust der von Frankreich und von 
Polen geforderten Gebiete bezahlen müssen. Darum zögerte es, in dem 
Augenblick an der Donau vorzugehen, in dem die Entscheidung über den 
Rhein und die Weichsel bevorstand. Ähnliche Befürchtungen standen aber 
auch in Deutschösterreich unserem Handeln im Wege. Mp.n fürchtete hier 
nicht nur, daß die tatsächliche Vollziehung des Anschlusses die Ent- 
scheidung der Friedenskonferenz über das Schicksal Deutsch-Südtirols, 
Kärntens, der Untersteiermark, des Znaimer Kreises und des Böhmerwaid- 
gaues ungünstig beeinflussen werde; viel näher noch drohte die Gefahr,, 
daß Frankreich in dem Augenblick, in dem wir den Anschluß tatsächlich 
zu vollziehen versuchten, die Tschechen und die .Jugoslawen zur Besetzung 
deutschösterreichischen Gebietes veranlassen und uns dadurch in Krieg 
mät unseren Nachbarn verwickeln könnte. So erschien es allzu gefährlich,, 
den Anschluß mit einem Schlage zu vollziehen. Wir mußten schrittweise 

vorgehen. 

In den ersten Wochen nach dem Waffenstillstand standen die Regierung^ 
und die öffentliche Meinung im Reiche dem Anschluß ängstlicher und 
zurückhaltender gegenüber als in Deutschösterreich Wir schickten Ludo 
Hartmann als unseren Gesandten nach Berlin; seiner Propaganda gelan^^ 

— 143 — 



CS, Verständnis und Kifcr für den Anschluß zu wecken. Als die doutschc 
Verfassunggebende Nationalversammlung in Weimar zusaminenlrat, wurde 
dem Staatenaussclnili, der an die Stelle des alten Bundesrates trat, Hart- 
mann beijiozogen ; zum erstenmal wieder, seitdem Bismarck im Jahre 186G 
den Frankfurter Bundc'srat gesprengt hatte, nahm ein Vertreter Doutsch- 
österrcichs am Rate der deutschen Staaten teil. Der Entwurf der Reichs- 
verfassung, den Preuß der Weimarer Konstituante vorlegte, hielt Deutsch- 
(islerreicli den Beilritt zum Reiche, unseren Vertretern den Eintritt in das 
Reichsparlament offen. Aber all das waren doch nur demonstrative Akte. 
Wollten wir einen ernsten Schritt zur tatsächlichen Vollziehung des An- 
schlusses wagen, dann mußte dies auf wirtschaftlichem Gebiete geschehen. 

Dazu bot sich eine Gelegenheit, als Jugoslawien und die Tschecho- 
slowakei die KroneTinoten, die in ihren Staatsgebieten zirkulierten, ab- 
stempelien. Damit wurde die Währungsgemeinschaft, die noch alle Nach- 
folgestaaten der Habsburgermonarchie umfaßte, zerrissen. Es war voraus- 
zusehen, daß der Wert unserer Krone schnell sinken werde, sobald ihr Um- 
laufgebiet auf Deutschüsterreich beschränkt wird. Der Gedanke lag nahe, 
nicht erst eine selbständige deutschösterreichische Währung entstehen zu 
lassen, sondern die Notenabstcmpelung in Jugoslawien und der Tschecho- 
slowakei mit dem Übergang zur Markwährung, mit (3em Eintritt Deutsch- 
österreichs in die deutsche Währungsgemeinschaft zu beantworten. Die 
Deutsche Rcichsbank sollte, so schlugen wir vor, einer deutschösterreichi- 
schen Notenbank eine Anleihe in Papiermark gewähren. Diese Anleihe 
sollte es der dcutschösterreichischen Notenbank ermöglichen, die Ver- 
pflichtung zu übernehmen, jede deutschösterreichische Kronennote auf Ver- 
langen des Inhabers zu festem Wertverhältnis gegen Mark einzutauschen. 
Auf diese Weise sollte in Deutschösterreicli zunächst eine Markkern- 
währung begründet werden, die die Krone in ein beständiges Wertverhält- 
nis zur Mark gebracht und damit unseren tatsächlichen Eintritt in die 
deutsche Währungsgemeinschaft bedeutet hätte. Um über diesen Plan mit 
der deutschen Regierung zu verhandeln, fuhr ich Anfang März 1919 nach 
Weimar und Berlin. 

Die deutsche Regierung hielt es jedoch nicht für möglich, auf unseren 
Vorschlag einzugehen. Der Widerstand ging von der Reichsbank aus. Das 
Reich und wir standen vor den Friedensverhandlungen. Niemand konnte 
voraussehen, was der Friedensvertrag über die in den Nachfolgestaaten und 
über die im Ausland umlaufenden Kronennoten, was er über die öster- 
reichisch-ungarische Bank verfügen werde; niemand konnte voraussehen, 
wie sich die Staatsfinanzen drüben und hüben nach den Friedensverträgen 
gestalten, in welchem Ausmaß beide Staaten gezwungen sein werden, den 
Kredit der Notenbanken zur Deckung des Defizits im Staatshaushalt zu 
beanspruchen. Unter solchen Umständen erschien der Reichsbank die 
Durchführung unseres Vorschlages als eine Belastung von unbestimmbarer, 
unberechenbarer Schwere. Die Entscheidung wurde vertagt. Und damit war 
entschieden, daß der Anschluß vor der Entscheidung der Friedenskonferenz 
nicht vollzogen werden konnte. 

Die Berliner Verhandlungen gewannen dadurch einen andern 
Charakter. Ich schloß mit dem Grafen Brockdorff-Rantzau, dem deutschen 

_ 144 — 



Reichsminister des Äußern, einen Vertrag darüber, in welcher Weise die 
Eingliederung Deuiscliösterreichs in das Reich vollzogen werden solle, falls 
die Friedensvcrlräge sie nicht verhindern. Dieser Vertrag war für Deutsch- 
österreich überaus günstig. Seine Restimmungen hätten die Anschluß- 
bewegung in Deutschösterreich mächtig stärlcen können, wenn es möglich 
gewesen wäre, den Vertrag sofort zu veröffentlichen. Aber dies erscliien 
damals nicht ratsam, weil es die Friedensverhandlungen hätte ungünstig 
beeinflussen können. Die deutsche Regierung hatte uns zugestanden, daß 
Deutschösterreich im Falle seiner Eingliederung in das Reich in finanzieller 
Reziehung so behandelt werden solle, als ob es schon seit 1914 dem Reiche 
zugehört hätte. Es wäre demnach ein großer Teil unserer Kriegsschulden 
vom Reich übernommen w^orden. Es schien nicht ratsam, diese Vertrags- 
hestimmung zu veröffentlichen, weil sie die Entente hätte veranlassen 
können, die ganze Kriegsschuld des alten Österreich der deutschöster- 
reichischen Republik aufzuerlegen. Die deutsche Regierung hatte uns zu- 
gestanden, daß Deutschösterreich auch nach seiner Einverleibung in das 
deutsche Zollgebiet eine Reihe von Jahren noch Binnenzölle von deutschen 
Industrieprodukten einheben dürfe, um seine Industrie zu schützen, 
während deutschösterreichische Industrieprodukte zollfrei in das alt- 
deutsche Gebiet eingeführt werden sollten; wir konnten diese Vertrags- 
bestimmung nicht veröffentlichen, ohne befürchten zu müssen, daß die 
Entente in den Friedensvertrag handelspolitische Bestimmungen auf- 
nehmen werde, die die Durchführung unserer Vereinbarung unmöglich 
machen würden. So konnte der in Berlin abgeschlossene Vertrag vorerst 
nicht veröffentlicht werden. Er konnte daher die Entwicklung der Anschluß- 
bewegung nicht beeinflussen. 

Die Entscheidung über den Anschluß mußte auf der Friedenskonferenz, 
in den Friedensverträgen fallen. Unsere wichtigste Aufgabe war daher, 
die Friedenskonferenz in der Richtung zu beeinflussen, daß sie dem An- 
schluß keine Hindernisse in den Weg lege. 

In den letzten Kriegsjahren war das österreichische Problem in den 
Ländern der Verbündeten lebhaft erörtert worden. Die konservativen 
Parteien waren zumeist dafür eingetreten, man solle die Habsburger- 
monarchie nicht zerstören, sondern nur auf ihrer inneren Umbildung be- 
stehen; unter slavv'ische Führung gestellt, könne sie ein Glied des eisernen 
Ringes werden, in den die Entente Deutschland legen wollte. Die demo- 
kratischen Strömungen dagegen wirkten für die Anerkennung des Selbst- 
bestimmungsrechtes der Tschechen, Polen, Jugoslawen; sie zogen daraus 
den Schluß, daß der Rest des alten Österreich, der nach der Begründung 
selbständiger Nationalstaaten der slawischen Völker übrig bleibe, unver- 
meidlich an Deutschland fallen müsse. So war der Gedanke, daß die Auf- 
lösung der Habsburgermonarchie den Anschluß Deutschösterreichs an 
Deutschland zur Folge haben müsse, der öffentlichen Meinung der Ententc- 
länder keineswegs fremd; er war dort schon 1917 und 1918 sehr oft aus- 
gesprochen worden. Wir durften daher in unserem Kampf um -den An- 
schluß auf die Unterstützung starker Strömungen in den Siegerländern 
rechnen. 

Robert Lansing, der amerikanische Staatssekretär des Äußern, hatte am 
.21. September 1918, also noch vor dem Zusammenbruch der Mittelmächte, 

— ilä — 10 



ein Moinorandum übor die Friedensprol^lomc für den inneren Gobrnnch der 
amerikanischen Re^rierung entworfen, das die Auflösung der llabsburU'T- 
monarchie die Gründung selbständiger Nationalstaaten der Tschcciien, 
Jugoslawen und Polen vorsali und über den Rest Österreichs folgenden 
Vorschlag enthielt: 

..Roduzicrune Österreichs auf die allen Grenzen und den Titel eines Erzherzog- 
tums. Einverleibung des Erzherzo.^tums in den Bundesstaat des Deutschen: 
Rcielies." 
Dieses Memorandum war ufts damals natürlich nicht bekannt; Lansing 
hat es erst 1920 veröffentlicht. Aber wir konnten uns den Vereinigten 
Staaten gegenüber nicht nur darauf berufen, daß die programmatischen 
Erklärungen . Wilsons, auf Grund deren der Waffenstillstand geschlossen 
worden war, auch uns das Selbstbestimmungsrecht verhießen; wir wußten 
auch, daß einflußreiche Staatsmänner der Vereinigten Staaten den An- 
schluß Deutschüsterreichs an Deutschland selbst als notwendige Kon- 
sequenz der Auflösung der Habsburgermonarchie erkannt hatten, ehe sich, 
noch Deutschösterreich, sich auf das von dem amerikanischen Präsidenten 
verkündete Selbstbestimmungsrecht berufend, den Anschluß zum Ziel 
gesetzt hatte. 

Auch von Italien erwarteten wir keinen Widerstand gegen den An- 
schluß. Ralien betrachtete die Auflösung der Habsburgermonarchie als die 
eigentUche Errungenschaft seines Sieges. Es fürchtete nichts mehr als ihre 
Wiederherstellung unter dem Titel einer „Donauföderation". Ein kleines, 
schwaches Deutschösterreich konnte in eine solche Föderation hinein- 
gezwungen, es konnte zur Brücke zwischen der Tschechoslowakei und 
Jugoslawien werden, die Verbindung zwischen der jugoslawischen Armee 
und der iJjchechischen Industrie herstellen; fiel Deutschösterreich an das 
Deutsche Reich zurück, dann waren alle Donauföderationspläne abgetan, 
war zwischen Tschechen und Jugoslawen ein starker Riegel ein- 
geschobf^n. Zugleich würde dadurch Italien zum unmittelbaren Nachbarn 
Deutschlands. Je mehr sich im Verlauf der Pariser Friedenskonferenz die 
Gegensätze Raliens zu Jugoslawien und zu Frankreich verschärften, desto 
stärker wurde in Italien die Strömung, die unseren Anschluß an das Reich, 
als ein Interesse Italiens betrachtete. 

In England war man dem Gedanken des Anschlusses weit weniger 
geneigt. Der Gedanke, daß Deutschlands Niederlage gar noch mit der Ver- 
mehrung der Volkszahl des Reiches enden solle, war der englischen Politik 
unsympathisch. Die unklaren Pläne einer Föderation der Nachfolgestaaten 
hatten in England am meisten Anhänger. Trotzdem schien es nicht undenk- 
bar, daß schließlich doch auch England die französische Forderung, in die 
Friedensverträge ein Verbot des Anschlusses aufzunehmen, ablehnen werde. 
Im März und April stand England auf der Pariser Friedenskonferenz in 
heftigem Gegensatz zu Frankreich. Die ungarische Märzrevolution hatte auf 
Lloyd George einen starken Eindruck gemacht; er fürchtete, auch Deutsch- 
land werde sich, von einem unannehmbaren Frieden bedroht, dem Bolsche- 
wismus in die Arme werfen. Am 25. März 1919 überreichte Lloyd George 
der Pariser Konferenz eine — später von Nitti veröffentlichte — Denk- 
schrift, die vor der Gefahr des „Spartakismus vom Ural bis zum Rhein'' 
warnte. „Gerade die gestern aus Ungarn eingetroffenen Nachriefen", 

— 146 — 



schrieb Lloyd George, ,, beweisen deutlich genug, daß diese Gefahr kein 
Phantasiegebilde ist. Welche Gründe trieben zu dieser gewaltsamen Ent- 
scheidung? Furcht war es, nackte Furcht, daß eine große Anzahl Ungarn 
der Fremdherrschaft unterworfen werden." Mit dieser Begründung pro- 
testierte Lloyd George dagegen, daß ,,mehr Deutsche, als unbedingt not- 
wendig ist", dem polnischen und dem tschechischen Staat unterworfen 
werden. Konnten wir also nicht hoffen, daß sich England wenigstens für 
den Anschluß Deutschböhmens an Deutschland einsetzen werde? „Wären 
wir klug," schrieb Lloyd George, „so böten wir Deutschland einen Frieden, 
der seiner Gerechtigkeit wegen von allen vernünftigen Menschen dem 
Bolschewismus vorgezogen würde." Die Entente fürchtete dam.als zunächst 
das übergreifen des Bolschewisnms von Ungarn nach Deutschösterreich; 
war es unc^enkbar, daß Lloyd George uns einen Frieden, der uns den An- 
schluß erlaubt, zu erwirken sucht, damit wir diesen Frieden der national- 
bolschewistischen Rebellion gegen die Entente vorziehen? ,, Unsere Be- 
dingungen", schrieb Lloyd George, „können hart, unerbittlich, nieder- 
schmetternd sein und doch können sie gleichzeitig so gerecht erscheinen, 
daß das Volk, dem sie auferlegt werden, notgedrungen ihre Gerechtigkeit 
empfinden und anerkennen muß." War es undenkbar, daß England, wenn 
es die Ansprüche des französischen und des polnischen Imperialismus nicht 
abzuwehren vermag, Deutschland wenigstens im Süden eine Entschädigung 
zu bieten versuchen wird? Daß es den Anschluß zulassen wird, um das 
deutsche Volk zu überzeugen, daß der Friede trotz aller seiner Härte doch 
Gerechtigkeit übe, indem er das Prinzip des Selbstbestimmungsrechtes der 
Völker nicht nur gegen Deutschland, sondern auch für Deutschland gelten 
lasse? 

Aus solchen Erwägungen hielten wir es nicht für unmöglich, die Ver- 
einigten Staaten, Italien und Großbritannien zu bewegen, daß sie der Auf- 
nahme eines Anschlußverbotes in den Friedensvertrag nicht zustimmen. 
Daß wir die Politik der drei Großmächte nicht unrichtig beurteilt haben, 
hat später nicht nur die Veröffentlichung der Denkschriften Lansings und 
Lloyd Georges, sondern vor allem Tardieus Geschichte der Friedensverhand- 
lungen bewiesen. „Frankreich," erzählt Tardieu, der intimste Mitarbeiter 
€lemenceaus auf der Friedenskonferenz, , .Frankreich trat dafür ein, daß 
Österreich von Deutschland getrennt bleiben müsse. Großbritannien und 
•die Vereinigten Staaten schwankten und diskutierten drei Monate lang 
über diese Frage." 

Drei Monate lang! Was konnten wir in diesen drei Monaten, in denen 
über das Schicksal Deutschösterreichs entschieden wurde, tun, um die 
Entscheidung zu beeinflussen? Zu der Konferenz der Siegermächte, die in 
Paris tagte, hatten wir keinen Zutritt. Wir hatten nur eine Waffe: die der 
Propaganda. Wir mußten die Staatsmänner der Ententemächte überzeugen, 
daß Deutschösterreich, auf sich selbst gestellt, nicht lebensfähig sei; daß 
■eine Föderation der Nachfolgestaaten an dem Widerstand der Tschecho- 
slowakei und Jugoslawiens scheitern müsse; daß der Anschluß daher die 
einzige überhaupt mögliche Lösung sei, die einzige, die den völligen wirt- 
schaftlichen Zusammenbruch Deutschösterreichs und damit schwere soziale 
Erschütterungen und ernste Kriegsgefahr in Mitteleuropa verhüten könne, 

— 147 — in' 



Durch Denkschriften, Ahhandlunjien. ZeUunirsarlikol und Reden haben 
wir den Slanlsmänncrn der Ententemächte diese Thesen zu erweisen ver- 
sucht. Zugleicli aber mußte sich unsere Propaganda auch nach innen 
wenden. Sollte unser Appell an die Staat?ni;inncr der Ententemächte nicht 
wirkungslos verhallen, so mußten wir ihnen zeigen, daß unser Kampf um 
den Anschluß von der einheitlichen Überzeugung des ganzen deutsch- 
österreichischen Volkes getragen, von dem einheitlichen Willen des ganzen 
deutschöslerreichischcn Volkes bestimmt sei. Daß der Anschluß eine 
ökonomische Notwendigkeit sei, der mechanische Gewalt die Erfüllur? 
nicht verweigern könne, und daß für ihn eine moralische Kraft streite, die 
auf die Dauer durch keine Gewalt zu beugen sei — das war es, wovon 
wir die Ententemächte zu überzeugen versuchen mußten. 

Aber dieser Versuch scheiterte an der Auflehnung der Bourgeoisie. Als 
wir die Siegermächte von der wirtschaftlichen Notwendigkeit des An- 
schlusses und von dem einheitlichen Anschlußwillen des deutsch- 
österreichischen Volkes zu überzeugen versuchten, fiel uns die deutsch- 
österreichische Bourgeoisie in den Rücken. 

Die schw^eren sozialen Erschütterungen, die Deutschland im Winter 
1918/19 erlebte, schreckten unsere Bourgeoisie. Sie fürchtete, Deutschland 
werde in die Hände des Bolschewismus fallen. Sie wollte nicht zu dem 
„Deutschland Spartakus'". Und mit dieser allgemeinen Furcht der 
Bourgeoisie vor der sozialen Revolution verbündeten sich die besonderen 
Interessen des Großkapitals. Die Großbanken waren vor allem um die 
Behauptung ihres Besitzes in den Nachfolgestaaten besorgt. Sie glaubten, 
Wien werde das Zentrum des Bankwesens und des Geldverkehrs der 
Nachfolgestaaten bleiben, wenn Deutschösterreich allein bleibt; die Entente 
werde ihre Filialen und ihren Besitz in den Nationalstaaten liquidieren, 
\venn Deutschösterreich in Deutschland aufgeht. Ähnliche Befürchtungen 
hegten die Großindustriellen. Dieselben Unternehmungen hatten Betriebe 
hier in Deutschösterreich wie drüben in den Nachfolgestaaten. Eine Donau- 
föderation konnte ihren Besitz wieder in einem Wirtschaftsgel>iet ver- 
einigen. Der Anschluß bedeutete für ihre deutschösterreichischen Betriebe 
die Bedrohung durch die überlegene reichsdeutsche Konkurrenz, für ihre 
Betriebe in den Nachfolgestaaten die Gefahr der Liquidation auf Rechnung 
der deutschen Reparationsverpflichtungen. 

Mit den wirtschaftlichen Klasseninteressen der Kapitalisten verbündeten 
sich die politischen Klasseninteressen der entthronten Aristokratie, des 
hohen Klerus, des seiner Privilegien und seines Berufes beraubten Offiziers- 
korps. Diese Klassen hofften noch auf eine Restauration der Monarchie. 
Der Anschluß hätte ihre Hoffnung auf Habsburgs Wiederkehr begraben; 
Deutschösterreich mußte außerhalb Deutschlands bleiben, damit Habsburg 
heimkehren könne. 

Die wirtschaftliche Gegnerschaft der Kapitalistenklasse und die politische 
Gegnerschaft der Monarchisten erweckten die altösterreichischen Traditionen 
des Wienertums zu neuem Leben. Der alte Zwiespalt zwischen öster- 
reichischer und deutscher Gesinnung wurde wieder lebendig. Das Alt- 
Wiener Patriziat und das Wiener Kleinbürgertum wollten es nicht glauben, 
daß das alte große Österreich für immer dahin sei. Sie hofften, es werde- 

- 148 — 



doch noch, sei es auch in veränderter Gestalt, sei es auch unter dem' 
Namen einer „Donauföderation" wiedererstehen. Ihre alte Abneigung gegen 
preußisches, norddeutsches Wesen erstarlite wieder. Sie begannen, gegen 
unsere Anschlußpolitik zu frondieren. 

Die Länder machten ihre eigene Außenpolitik. Die christlichsoziiilen 
Abgeordneten Tirols protestierten am 12. März in der Konstituierenden 
Nationalversammlung gegen die Wiederholung des Anschlußbeschlusses;. 
sie glaubten, Deutschsüdtirol leichter vor der Annexion durch_ Italien 
retten zu können, wenn Tirol nicht an Deutschland fällt. Ähnliche 
Stimmungen herrschten zur Zeit der Kämpfe gegen die jugoslawische 
Invasion in Kärnten. Dort wehrte man sich überhaupt gegen das Nationali- 
tätsprinzip, das das Land zu zerreißen drohte: 

Nicht den Laibachern und nicht den Wienern, 
Nicht den Serben und nicht den Berlinern, 
Kärnten den Kärntnern! 

In Vorarlberg erklärte die Mehrheit des Landtages, das Land dürfe 
keinesfalls an Deutschland fallen. Die Landesversammlung knüpfte schon 
im März Verhandlungen mit der Schweiz an; am IL Mai sprach sich das 
Ländchen in einer Volksabstimmung mit 47.208 gegen 11.248 Stimmen 
für den Anschluß an die Schweiz, gegen den Anschluß an Deutschland aus. 

So verbündeten sich das traditionelle Österreichertum des Alt-Wiener 
Patriziats und des Alt-Wiener Kleinbürgertums einerseits, der Partikula- 
rismus der Länder anderseits mit der allgemeinen Furcht der Bourgeoisie 
vor dem Spartakismus, mit den besonderen wirtschaftlichen Interessen 
des großen Finanz- und Industriekapitals, mit den politischen Restaurations- 
hoffnungen der monarchistischen Aristokratie, des monarchistischen hohen 
Klerus und des monarchistischen Offizierskorps; alle diese Kräfte vereint 
stritten gegen unsere Anschlußpolitik. 

Der französische Imperialismus bediente sich dieser Opposition für seine 
Zwecke. Französische Preßagenturen organisierten von der Schweiz aus 
einen Nachrichtendienst nach Wien. Der französische Gesandte AUize 
verstand es, die liberale und die christlichsoziale Presse Wiens in seinen 
Dienst zu stellen. Die französische Propaganda suchte ganz plan- 
mäßig den Eindruck zu erwecken, Deutschösterreich werde die umstrittenen 
deutschen Grenzgebiete in Tirol, Kärnten und Untersteiermark, in Süd- 
böhmen und Südmähren behalten und wirtschaftlich viel günstigere 
Friedensbedingungen erhalten als das Reich, wenn es nur auf den Anschluß 
verzichtet. Die Front der Anschlußgegner wurde nun stärker und ein- 
heitlich. Die ganze große liberale Presse Wiens und ein großer Teil der 
christlichsozialen Presse in Wien und in den Ländern standen in ihrem 
Dienste. 

Unsere Propaganda, die die Vereinigten Staaten, Italien und Groß- 
britannien für den Anschluß zu gewinnen bemüht war, wurde durch diese 
innere Opposition vereitelt. Wir überhäuften die Staatsmänner der Sieger- 
mächte mit Denkschriften, die den Nachweis zu erbringen suchten, daß 
Deutschösterreichs wirtschaftlicher Zusammenbruch unvermeidlich sei, 
wenn uns der Anschluß nicht erlaubt wird. Die französischen Staats- 
männer konnten uns antv/orten. daß gerade die führenden Männer der 

- 149 - 



«öslorreichischen Volkswirtschaft, die Bankherren und die Großindustriellen 
den AViener Ententediploinaten täglich versicherten, daß Deutschöslerreich 
den Anschluß nicht brauche, bei einigermaßen günstigen Friedens- 
liedingungen auch allein sehr wohl leben könne. Wir suchten die Staats- 
nulnner der Entente zu überzeugen, daß das ganze deutschösterreichische 
Volk den Anschluß wolle. Die französischen Diplomaten konnten uns leicht 
widerlegen, indem sie beinahe die ganze bürgerliche Presse Wiens und die 
• Stimmungen in einem großen Teil der Alpcnländer gegen uns als Zeugen 
führten. Frankreich konnte in den Pariser Verhandlungen nunmehr darauf 
verweisen, daß den Anschluß in Deutschösterreich doch nw die Sozialisten 
und die AUdc^utschon wünschleh; Bürgertum und Bauernschaft wünschten 
ein selbständiges Österreich und hielten ein selbständiges Österreich für 
durchaus lebensfähig. Die Auflehnung der Bourgeoisie gegen unsere Führung 
wurde so zur stärksten Waffe des französischen Imperialismus in jenen 
drei Monate dauernden Diskussionen, in denen nach- Tardieus Zeugnis über 
üvn Anschluß entschieden wurde. 

Wir hatten die Absicht, eine Volksabstimmung über den Anschluß 
zu veranstalten, um die Sieger von der Einheitlichkeit und Festigkeit des 
Anschlußwillens dos deutschösterreichischen Volkes zu überzeugen. Vor der 
Entscheidung der Pariser Friedenskonferenz, in der Zeit, in der die drei Groß- 
mächte noch „schwankten und diskutierten", wäre eine solche Kundgebung 
nicht wirkungslos gewesen. Wir konnten sie nicht wage|i, da die heftige 
Gegenpropaganda der Anschlußgegner die Gefahr hervorrief, daß starke 
.Minderheiten, in einzelnen Ländern vielleicht sogar die Mehrheit der 
Stimmberechtigten, gegen den Anschluß gestimmt hätten. 

Am 7. Mai wurde der Entwurf des Friedensvertrages, den die Entente 
dem Deutschen Reiche zu diktieren gedachte, der deutschen Friedens- 
delegation überreicht. Seine furchtbar harten Friedensbedingungen wurden 
sofort zu Waffen unserer heimischen Anschlußgegner. Wird der Anschluß 
vollzogen, so werde Deutschösterreich die furchtbare Kriegsentschädigung, 
die die Sieger dem Deutschen Reiche auferlegen, mitbezahlen müssen. Ver- 
zichten wir auf den Anschluß, dann werde die Entente uns, wie fs Allize 
so oft versprochen, „goldene Brücken" bauen. Zugleich, aber erschütterte 
■der Versailler Vertragsentwurf auch die Hoffnungen der Anschlußkämpfer. 
Der Art. 80 des Entwurfes verpflichtete das Deutsche Reich, „die Unab- 
hängigkeit Österreichs anzuerkennen und sie als unabänderlich zu achten, 
-es sei denn, daß der Völkerbundsrat einer Abänderung zustimmt". Die Auf- 
nahme dieser Bestimmung in den Vertragsentwurf schien zu beweisen, daß 
•die Zeit des Schwankens und Diskutierens innerhalb der Entente vorüber 
war. Die Diskussion hatte, wie Keynes erzählt, mit einem jener charakte- 
ristischen Kompromisse zwischen Clemenceau und Wilson, zwischen der 
Machtpolitik Frankreichs und der vom amerikanischen Präsidenten ver- 
tretenen demokratischen Ideologie geendet, in denen immer der Imperia- 
lismus in der Sache und die Demokratie in der Ausdrucksweise siegte. Man 
verbot den Anschluß nicht ohneweiters. weil ein solches Verbot dem Prinzip 
des Selbstbestimmungsrechtes der Völker widersprochen hätte; aber man 
knüpfte die Ausübung des Selbstbestimmungsrechtes an die Zustimmung 
■des Völkerbundsrales und machte sie dadurch tatsächlich unmöglich. „Wer 
v.-eiß," meint Keynes, „ob der Präsident nicht vergaß, daß ein anderer Teil 

— 150 — 



des Friedensverlrages zu diesem Zwecke Einstimmigkeit des Völkerbunds- 
rates voraussetzt?" 

Unter dem Eindruck dieser Entscheidung reiste unsere Delegation, von 
Renner geführt, zu den Friedensverhandlungen nach Saint-Germain. Am 
2. Juni wurde ihr der erste Entwurf des Friedensvertrages überreicht. Es 
war ein furchtbares Dokument. Die Entente sprach Deutschböhmen, das 
Sudetenland, den Böhmerwaldgau, den Znaimer Kreis und nieder- 
österreichische Grenzgebiete den Tschechen. Deutschsüdtirol den Italienern, 
den größten Teil Kärntens mit der Hauptstadt Klagenfurt und die deutschen 
Städte der Untersteierraark den Jugoslawen zu. Ebenso furchtbar waren die 
wirtschaftlichen Bestimmungen des Entwurfes. Da war einfach der deutsche 
Friedensvertrag abgeschrieben worden; das Eigentum deutschöster- 
reichischer Staatsbürger m den Nachfolgestaaten sollte ebenso beschlag- 
nahmt werden wie das Eigentum Reichsdeutscher in England und die 
Schulden deutschösterreichischer Staatsbürger an Bürger .der Nachfolge- 
staaten sollten ebenso valorisiert werden wie unsere Schulden an Trank- 
reich oder Italien. Bei der engen wirtschaftlichen Verknüpfung Wiens mit 
den Nachfolgestaaten hätte dies den wirtschaftlichen Untergang ^^ lens in 
kürzester Zeit herbeiführen müssen. 

Diese furchtbaren Bedingungen erzeugten in Wien die Stimmung zur 
Kapitulation. Alles schrie nun. wir sollten ausdrücklich und m aller Lorra 
auf den Anschluß verzichten, um damit eine Milderung der Friedens- 
bedingungen zu erkaufen. Dieser Kapitulationsstimmung mußte ich niich 
widersetzen. Denn m dem Entwurf vom 2. Juni war vom Anschluß über- 
haupt keine Rede; eine dem Art. 80 des Entwurfes des deutschen Friedens^ 
Vertrages analoge Bestimmung war in ihn nicht aufgenommen. Dies ließ- 
die Annahme zu. daß die Zeit des „Schwankens und Diskuüerens in der 
Entente doch noch nicht vorüber war; gab der Hoffnung 1^/^^"^'/.^^^ ^ 
Sieger vielleicht doch noch den Einwendungen der deutschen Fnedens- 
delegation gegen den Art. 80 stattgeben, den Art. 80 . ^^^^^!^^^^^^ , °^^;- 
etwa durch die Zulassung einer Mehrheitsentscheidung im Volkerbundbiat, . 
wie eine solche für die Entscheidung über das Saarrevier vorgesehen war - 
wenigstens mildern werden. Deshalb trat ich dem Gedanken, durch den 
Verzicht auf den Anschluß die Besserung der Friedensbedingungen zu 
erkaufen, scharf entgegen. In meitier Parlamentsrede vom 7. Juni mi der 
ich den Friedensvertragsentwurf beantwortete, sagte ich: „Der l^nedens- 
entwurf widerlegt die traurigen Illusionen derer, die in der Absonderung 
von dem Deutschen Reiche das Heil suchten; in seinen territorialen und 
wirtschaftlichen Bedingungen noch viel härter als der Entwurf, der dem 
Deutschen Reich vorgelegt wurde, beweist er, daß nicht das Maß des 
Hasses, sondern die Schätzung der Kraft, die den Besiegten noch geblieben 
ist den Inhalt des Friedensvertrages bestimmt. Stärker denn je ist heute 
darum' in unserem Volke die Überzeugung, daß es nur im Rahmen der 
großen Deutschen Republik eine erträgliche Zukunft finden kann." 

Die französische Diplomatie sah, daß in den bürgerlichen Parteien und 
in der bürgerlichen Presse die Kapitulationsstiramung vorherrschte. Sie sah, 
daß ich mich der Kapitulation widersetzte. Sie begann daher einen persön- 
lichen Kampf gegen mich. Dieser Kampf wurde nicht nur in der Pariser,. 



— 151 — 



sondern in der Wiener bürgerliohen Presse geführt. Es war ja die Zeil des 
Kaniptes luu die So7ialisierungsgeselze. Ich war nicht nur Staatssekretär 
des Äußern, sondern auch Präsident der Sozialisicrungskommission. Die 
bürgerliche Presse bekämpfte den Staatssekretär des Äußern, nm den Präsi- 
denlen der Sozialisierungskonimission zu treffen. So stellte sie sich immer 
vollständiger in den Dienst des von der französischen Mission organisierten 

Feldzuges. 

Unser Konflikt mit der französischen Diplomatie wurde gleichzeitig 
durch andere Umstände verschärft. Seit der ungarischen MärzrevolutioM 
war Frankreich bemüht, alle Nachbarn Ungarns zu einer Koalition gegen 
die ungarische Räterepublik zu vereinigen. Es mobilisierte nicht nur Ru- 
mänien'^ die Tschechoslowakei und Jugoslawien gegen Ungarn, es suchte 
auch uns in diese Koalition hineinzuzwingen. Es war unsere Pflicht, uns 
dieser Zumutung zu erwehren. Ging die ungarische Revolution Wege, die 
wir vom Anfang an für gefährlich, für verhängnisvoll hielten, so war es 
doch eine proletarische Revolution, gegen die wir uns nicht mit kapitalisti- 
schen Mächten verbünden durften. ]\Iu3len wir uns mit aller Kraft dagegen 
wehren, daß der ungarische Kom.munismus das deutschösterreichische 
Proletariat auf seine Wege z.wingt, so war unser Kampf gegen den ungari- 
schen Kommunismus doch nur ein Kampf innerhalb des Proletariats; gegen 
die kapitalistischen Mächte hatte das rote Ungarn Anspruch auf unsere 
Unterstützung. Nie hätte das deutschösterreichische Proletariat eine andere 
Politik geduldet; hätten wir gegen Räteungarn die Geschäfte des Imperia- 
lismus besorgt, so hätte sich das deutschöstcrreichische Proletariat dagegen 
aufgelehnt, wäre es gerade durch eine solche dem Kommunismus feind- 
liche Politik dem Kommunismus in die Arme geworfen worden. Und zu- 
gleich hätte uns eine solche Politik unweigerlich in den schwersten Kon- 
flikt mit der uns militärisch weit überlegenen Räterepublik verwickelt. .Jede 
Feindseligkeit Deutschösterreichs gegen Räteungarn hätte nicht anders ge- 
endet als mit dem Aufstand der deutschösterreichischcn Arbeiterschaft und 
mit dem Einmarsch der ungarischen Roten Armee. In den feindlichen Ring, 
mit dem die Entente das rote Ungarn umgab, durfte sich DeutschÖLterreich 
nicht einfügen. 

Wir hatten seit der Märzrevolution Ungarn mannigfache wirtschaftliche 
Hilfe geleistet. Schon dies führte zu Reibungen mit den Westmächten. Aber 
ernster wurden diese Konflikte erst, als die ungarische Rote Armee im Mai 
die tschechischen Truppen in der Slowakei geschlagen, große Teile der 
Slowakei wiedererobert hatte. Die Tschechoslowakei war in schwerer Be- 
drängnis. Sie konnte die neuen Formationen, die sie der Roten Armee ent- 
gegenschickte, nicht mit Kriegsgerät ausrüsten. Frankreich verlangte von 
uns, daß wir den Tschechen mit Waffen und Munition aus unseren Be- 
ständen aushelfen. Wir lehnten, dies ab. Nun stellte Frankreich uns ein 
Ultimatum; wenn die Verladung der Munition bis zum 6. Juni nicht be- 
ginne, würden die Kohlenlieferungen aus der Tschechoslowakei eingestellt. 
Wir fürchteten die Drohung nicht; gerade damals war die Furcht der 
Entente vor dem Übergreifen des Bolschewismus nach Deutschösterreich 
zu groß, als daß sie es hätte wagen können, eine v/irtschaftliche Kata- 
strophe in Wien heraufzubeschwören. Das Kriegsgerät wurde nicht ab- 
geliefert. Und als wir kurze Zeit später einiges Kriegsgerät, das die 

- 152 — 



Entente nach dem Waffcnstillstandsverlrag beanspruchte, liefern mußten, 
Heferten wir es nicht den Tscliechen und nicht den Franzosen aus, sondern 
schickten es den Italienern nach Innsbruck; so waren wir sicher, daß es, 
wenn überhaupt, gewiß nicht rechtzeitig in die Tschechoslowakei werde 
kommen können, um die Kämpfe dort zu beeinflussen. Die französische 
Diplomatie und die französische Militärmission waren über diesen unseren 
Widerstand überaus erregt. Der Pressefeldzug gegen mich wurde verschärft. 
Hatte mich die Pariser Presse bisher als „Alldeutschen"' bekämpft, so be- 
kämpfte sie mich nun als „Bolschewik". Gerade in der Zeit, in der Bela 
Kuns Emissäre in Wien den Putschversuch gegen uns zu organisieren ver- 
suchten, in der Bela Kuns Gesandtschaft zur Zentrale der wütendsten 
Agitation gegen uns geworden war und in der Bela Kun immer wieder 
Konflikte mit unserer Budapester Gesandtschaft provozierte, um seiner 
Wiener Gefolgschaft Agitationsmaterial gegen uns zu liefern, gerade in dem 
Monat Juni, in dem der ungarische Kommunismus alle Mittel daransetzte, 
uns zu stürzen, waren wir in den schwersten Konflikt mit Frankreich 
geraten, weil wir uns weigerten, uns von den kapitalistischen Zvlächteit 
gegen die proletarische Revolution in Ungarn benützen zu lassen. 

In Wien machten Frankreich und Italien einander eifersüchtig den' 
Einfluß streitig. Im Konflikt mit Frankreich suchten wir bei Italien 
Anlehnung. Italien stand unserer Anschlußpolitik nicht so feindlich 
gegenüber wie Frankreich. Italien hatte auch gegen unsere ungarische 
Politik nichts einzuwenden; von dem Gegensatz gegen Jugoslawien 
beherrscht, hat Italien die Magyaren immer als künftige Verbündete gegen 
die Jugoslawen behandelt; es trat daher auch in der Rätezeit Ungarn weil 
weniger feindlich entgegen als die Westmächte. Wir hatten Italien zuerst 
für unseren Grenzstreit mit den Jugoslawen zu interessieren versucht. Das 
war gelungen. Italien unterstützte unsere Ansprüche auf Kärnten, auf 
Marburg und Radkersburg. Nur ItaUens Ansprüche auf Deutschsüdtirol 
standen zwischen Italien und uns. Wir mußten es versuchen, diesen 
Gegensatz zu überbrücken, um uns den Schutz wenigstens einer der Groß- 
mächte auf der Friedenskonferenz zu sichern. 

In dem Londoner Vertrag vom 26. April 1915 hatten Großbritannien 
und Frankreich dem 'Königreich Italien Südtirol bis zum Brenner zuge- 
sichert, wenn Italien in den Krieg gegen die Mittelmächte eintritt. Aber 
diesem Vertrag waren die Vereinigten Staaten nie beigetreten. Und Italien 
selbst setzte sich nach dem Kriege über den Londoner Vertrag hinweg, 
indem es Fiume forderte, das gemäß dem Londoner Vertrag den Jugoslawen 
zufallen sollte. Der Streit um Fiume ließ es möglich erscheinen, daß der 
Londoner Vertrag revidiert werden könne. Tardieu bestätigt, daß Frankreich 
und England im April den Italienern eine Revision des Londoner Ver- 
trages anboten; kam es dazu, dann durften wir hoffen, daß auch die Ent- 
scheidung über Südtirol geändert werden könnte. In dieser Periode 
bemühten wir uns, die amerikanischen ^Staatsmänner für die Rettung- 
Deutschsüdtirols zu gewinnen. Aber der Präsident Wilson war ganz von 
den adriatischen Problemen in Anspruch genommen. Er verweigerte den 
Italienern nicht nur Fiume. sondern auch die Gebiete in Dalmatien und 
in Istrien, die der Londoner Vertrag ihnen zugesichert hatte. Da Wilson' 
wegen dieser slawischen Gebiete in den schärfsLen Konflikt mit Italien- 

— 153 — 



geriet, wollte er. den Konflikt nicht auch noch äurch den Streit um die 
deutschen Gebiete ip Südtirol erweitern. „Die amerikanische Regierung", 
erzählt Tardieu, „akzeptierte die Klauseln des Londoner Vertrages über 
die Alpen, aber sie lehnte seine Klauseln über einen Teil Istriens, über 
Dalmatien und über die Inseln des Adriatischen Meeres ab." England und 
Frankreich aber erklärten sich durch den Londoner Vertrag gebunden; es 
müsse, wie es in London vereinbart worden war, Südtirol bei Italien, 
Fiume den Jugoslawen bleiben. Trotzdem hofften wir noch immer. Als es 
zum offenen Bruch zwischen Italien und den Westmächten kam, als 
Orlando am 2-i. April von Paris abreiste, hofften wir noch immer, der 
weitere Verlauf des Konflikts werde vielleicht doch zu einer Revision des 
Londoner Vertrages führen; auch in dieser Periode noch suchten wir 
daher die Entscheidung über Tirol durch Propaganda im Westen zu be- 
einflussen. Erst als die Italiener am 5 Mai nach Paris zurückkehrten, war 
es offenkundig, daß Tirol von den Westmächten seine Rettung nicht mehr 
zu hoffen hatte. War Deutschsüdtirol überhaupt noch zu retten, so konnte 
es nur durch unmittelbare Verhandlungen mit Italien gerettet werden. 
Das war es, was wir im Mai versuchten. Italien begründete die 
Annexion Deutschsüdtirols mit strategischen Argumenten. Wir schlugen 
daher der italienischen Regierung vor, Deutschsüdtirol solle zwar bei 
Deutschösterreich bleiben, aber es solle militärisch neutralisiert werden. 
Wir erklärten uns selbst bereit, über die bloße Neutralisierung hinaus- 
zugehen, Italien weitgehende militärische Rechte bis zum Brenner zuzu- 
gestehen, wenn das Gebiet zwischen der Salurner Klause und dem Brenner 
nur im übrigen bei uns bleibe. Wir boten Italien als Preis für den Verzicht 
auf Deutschsüdtirol wirtschaftliche Gegenzugeständnisse. Wir wußten, daß ■ 
italienische Kapitalisten die in österreichischem Besitz befindlichen Aktien 
vieler Unternehmungen an der Adria und in Jugoslawien zu erwerben und 
. sich an deutschösterreichischen Unternehmungen zu beteiligen wünschten. 
Wir erklärion uns bereit, alle diese Wünsche zu erfüllen, sobald sich 
Rallen nur zu Verhandlungen über Deutschsüdtirol bereit zeigt. Die 
italienische Regierung ließ uns lang auf ihre Antwort warten. Erst im 
Juli Heß sie uns mitteilen, daß sie unseren Vorschlag ablehnen müsse. 
Italien war auf der Pariser Konferenz im Kampfe um die Adria und die 
Levante unterlegen; es konnte sich nicht dazu entschließen, auch noch auf 
einen Teil der Kriegsbeute zu verzichten, die Paris ihm zusprach. Damit 
war unser Versuch einer Verständigung mit Italien gescheitert. 

So vv-urde denn unsere Lage sehr schwierig. Wir standen in schwerem 
Konflikt mit Frankreich. Wir konnten uns mit Italien nicht verständigen. 
Und gegen unsere Anschlußpolitik lehnte sich ein großer Teil der mit- 
regierenden christlichsozialen Partei und die ganze durch die kapitalistische 
Presse repräsentierte öffentliche Meinung auf. Und doch hat gerade diese 
Konfliktsperiode unserer auswärtigen Politik den größten Erfolg gebracht. 
Am 20. Juli wurde unserer Friedensdelegation in Saint-Germain der zweite 
Entwurf des Friedensvertrages überreicht. Dieser zweite Entwurf stellte 
gegenüber dem ersten, gegenüber dem Entwurf vom 2. Juni, einen be- 
deutenden Fortschritt dar. 

Der erste Friodensentwurf hatte den größten Teil Kärntens mit seiner 
Hauptstadt den Jugoslawen zugesprochen. Der zweite Entwurf revidierte 



- 154 — 



diese Entscheidung. Das Kärntner Vollv sollte nunmehr, wie wir es vomi) 
Anfang an gefordert, selbst durch eine freie Volksabstimmung über seine' 
staatliche Zugehörigkeit entscheiden. Damit war der größte Teil Kärntens 
für Deutschösterreich gerettet. Am 31. .Juli 1919 wurde Klagenfurt auf Geheiß 
des Obersten Rates in Paris von den Jugoslawen geräumt. Am 10. Oktober- 
1920 hat sich das Kärntner Volk in freier Wahl für die österreichische 
Republik entschieden. Dieser große Erfolg war das Ergebnis einerseits der- 
tapferen Abwehrkärapfe des Kärntner Volkes, anderseits der Unterstützung 
Italiens auf der ^Friedenskonferenz, die wenigstens für diese Sache zu er- 
langen uns gelungen war. 

Mit der Rettung Kärntens brachte uns der zweite Entwurf auch die Be- 
freiung des Burgenlandes. Schon während des Krieges war in Denk- 
schriften der tschechischen und der jugoslawischen Emigration — zum 
erstenmal wohl in einer Denkschrift Masaryks an Sir Edward Grey im 
April 1915 — die Forderung aufgetaucht, die zu schaffenden National- 
staaten der Tschechen und der .Südslawen seien durch einen „Korridor" 
zu verbinden. Zu diesem Zv/ecke seien die überwiegend von Deutschen 
bewohnten ungarischen Komitate ödenburg, Wieselburg und Eisenstadt 
zwischen dem tschechoslowakischen und dem jugoslawischen Staat zu 
teilen. Diese Forderung vertraten die Tschechen, von Frankreich unterstützt, 
auch auf der Pariser Friedenskonferenz. Gegen diese Gefahr einer slawi- 
schen Barriere zwischen Deutschösterreich und Ungarn mußten wir un.s 
zur Wehr setzen; ihr mußten wir die Forderung entgegenstellen, daß das 
Volk der deutschen Komitate Westungarns selbst entscheiden solle, zu 
welchem Staat es gehören will. Als im Oktober 1918 das revolutionäre 
Nationalitätsprinzip die historischen Staatsgrenzen niederriß, forderten 
wir, daß das Nationalitätsprinzip nicht nur im Norden und im Süden 
zugunsten der Tschechen, der Südslawen, der Italiener gelten solle,. Gondern- 
auch im Osten, wo ein uns benachbarter deutscher Stamm unter magyari- 
scher Herrschaft lebte. Wir hatten jede Annexion dieses Gebietes abgelehnt. 
Aber wir hatten der Friedenskonferenz die Forderung unterbreitet, daß das 
Volk in Deutsch-Westungarn selbst in freier Volksabstimmung entscheiden 
solle, ob es bei Ungarn bleiben oder an Deutschösterreich fallen will. Als 
Großbritannien und die Vereinigten Staaten die tschechische Forderung 
nach dem tschechisch-jugoslawischen „Korridor" in Westungarn ablehnten, 
empfahlen die Tschechen die Teilung Westungarns zwischen Deutschöster- 
reich und Ungarn. Sie wünschten diese Lösung, um erstens Deutschöster- 
reich mit Ungarn zu verfeinden, eine Allianz beider Staaten gegen die 
Tschechoslowakei zu verhindern. Sie wünschtens sie zweitens, weil sie es 
für ihre Interessen nützlich hielten, wenn die beiden Eisenbahnen, die die 
Slowakei mit Kroatien verbinden, nicht in der Hand desselben Staates sind. 
In der Tat lehnten die Siegermächte die von uns geforderte Volksabstim- 
mung in Westungarn ab, teilten aber in dem Entwurf vom 20. Juli das Land, 
indem sie den größeren Teil uns, den kleineren Ungarn zusprachen. In einer 
Zeit, in der im Westen, Osten und Süden große deutsche Länder fremdei 
Herrschaft unterworfen wurden, war es hier gelungen, einen deutschen 
Stamm von der Fremdherrschaft zu befreien. Die Entente hatte diese Ent- 
scheidung in den Wochen gefällt, in denen die deutschösterreichische' 
Arbeiterschaft den Ansturm des von Ungarn mobilisierten Bolschewisnius- 



abwies. Sie wollte unsere Stellung gegen den Rolschewlsmiis befeslisen, 
indem sie uns für die großen Verluste in Nord und Süd im Osten eine Ent- 
schädigung auf Kosten des bolschewistischen Ungarn in Aussicht stellte. 

Endlich brachte uns der zweite Friedensentwurf auch eine wesentliche 
Verbesserung der wirtschaftlichen Bestinnnungen des ersten Entwurfes 
Während der Entwurf vom 2. Juni unsere w^irlschaftlichen Beziehungen zu 
den Nachfolgestaaten nach denselben Grundsätzen regelte wie unsere Be- 
ziehungen zu den Ententemächten, wurde dieses Prinzip in dem Entwurf 
vom 20. Juli durchbrochen. So wurde insbesondere die gefährliclie Bestim- 
mung über die Liquidierung des Eigentums deutschöstcrreichischer Staats- 
bürger in den Nachfolgestaaten aufgehoben. Auch die Bestimmungen über 
die Verteilung der Staatsschuld kamen unseren Forderungen einigermaßen 
entgegen. Diese sehr wichtigen Erfolge waren eine Frucht unseres Kampfes 
um den Anschluß. Im Kampfe gegen unsere These, daß Deutschosterreich, 
auf sich selbst gestellt, nicht lebensfähig sei, hatte der französische 
Imperialismus immer wieder versprochen, er werde Deutscliösterreich 
durch günstigere wirtschaftliche Bestimmungen des Friedensvertrages 
lebensfähig machen. Er mußte wenigstens einen Teil seiner Versprechungen 
einlösen; mußte wenigstens diejenigen Klauseln des ersten Entwurfes 
•streichen, die den sofortigen wirtschaftlichen Zusammenbruch Wiens 
lierbeigeführt, die Lebensfähigkeit Deutschösterreichs vollends vernichtet 
hätten. 

Aber so bedeutend der Fortschritt auch war, den wir mit dem Friedens- 
entwurf vom 20. Juli erreicht hatten, so mußten die Bemühungen, eine Ver- 
besserung des Friedensvertrages zu erreichen, doch selbstverständlich fort- 
gesetzt werden. Dazu erschien uns nun eine taktische Wendung notwendig. 
Aus zwei Gründen waren wir in Konflikt mit Frankreich geraten: erstens 
wegen unseres Festhaltens am Anschluß, zweitens wegen unserer W^eige- 
rung, uns in die gegen die ungarische Räterepublik geschlossene Koalition 
hineinzwingen zu lassen. Beide Ursachen des Konflikts hatte aber die Ge- 
schichte indessen aus dem Wege geräumt. Einerseits hatte die Entente die 
Einwendungen der reichsdeutschen Friedensdelegation gegen der Artikel 80 
des deutschen Friedensvertrages zurückgewiesen; das Reich hatte sich 
fügen müf^sen, es hatte den Friedensvertrag am 28. Juni unterzeichnet. 
Damit war die Bestimmung, daß Deutschösterreich nur im Falle einstim- 
jniger Zustimmung des Völkerbundsrates in das Deutsche Reich auf- 
genommen werden dürfe, zu einem Bestandteil des Völkerrechtes geworden. 
Anderseits wußten wir, daß die ungarische Räteregierung schwer erschüttert 
war; wir konnten nicht mehr bezweifeln, daß ihr Zusammenbruch un- 
mittelbar bevorstand. Unter solchen Umständen konnte es weder die 
■deutsche noch die ungarische Frage rechtfertigen, im Konflikt mit Frank- 
reich zu verharren. Und eine Annäherung an Frankreich erschien jetzt 
nicht nur möglich, sondern auch notwendig. Unser Versuch, in Italien eine 
Stütze gegen Frankreich zu finden, war daran gescheitert, daß Italien auf 
der Annexion Deutsch-Südtirols beharrte. Und Frankreichs Feindschaft 
gegen uns konnte viel gefährlicher werden, wenn erst der Bolschewismus 
in Ungarn gefallen war, als sie sein konnte, solange die Furcht, daß der 
Bolschewismus nach Deutschösterreich übergreifen könnte, der französi- 
: sehen Feindschaft Hemmungen auferlegte. So mußten wir jetzt den Versuch 

— 156 - 



unternehmen, Frankreich uns gnädiger zu stimmen. Naclidem der zweite 
Friedensvertragsentwurf unserer Friedensdelegation überreiclit worden war, 
kam ich mjt Renner in Feldkirch zusammen; dort vereinbarten wir die 
taktische Wendung. Natürlich konnte nicht ich die Annäherung an Frank- 
reich durchführen; dazu war mein persönlicher Konflikt mit der französi- 
schen Diplomatie allzu schwer gewesen. Ich demissionierte; die National- 
versammlung betraute am 26. Juli Renner, dessen überaus geschickte 
Haltung in Saint-Germain seine Stellung in Deutschösterreich bedeutend 
gestärkt und ihm auch in Frankreich Sympathien erworben hatte, mit der 
Leitung des Staatsamtes des Äußern. Renner umriß die taktische Wendung 
dieser Tage sehr deutlich, indem er öffentlich erklärte, Deutschösterreich 
wolle nun eine „westliche Orientierung" einschlagen. 

Der Erfolg dieser taktischen Wendung zeigte sich, als uns am 
2. September der dritte, endgültige Text des Friedensvertrages überreicht 
wurde. Unzweifelhaft brachte uns der dritte Entwurf weniger weitgehende 
Verbesserungen als der zweite; die Annäherung an Frankreich hat uns weniger 
gebracht, als wir in der Zeit des Konflikts mit Frankreich erreicht hatten. 
Aber das widerlegt nicht die Notwendigkeit der taktischen Wendung im 
Juii; es beweist nur. daß nach der Unterzeichnung des Friedens von 
Versailles und nach dem Zusammenbruch der ungarischen Rätediktatur 
weniger zu erreichen war als vorher. Immerhin gab uns der dritte Entwurf 
Radkersburg zurück und er brachte uns eine nicht unbeträchtliche Ver- 
besserung vieler wirtschaftlicher Restimmungen des Friedensvertrages. 
Anderseits freilich fügte die Entente erst jetzt, erst in den dritten Entwurf 
den Artikel 188 ein, der uns verpflichtet, unsere „Unabhängigkeit" als 
„unveräußerlich" zu achten, solange der Völkerbundsrat uns den Anschluß 
nicht erlaubt. Diese Reschränkung unseres Selbstbestimmungsrechtes war 
noch in dem Entwurf vom 20. Juli nicht enthalten gewesen, obwohl die 
Entente vorher schon dem Deutschen Reiche die Verpflichtung auferlegt 
hatte, uns nicht ohne Zustimmung des Völkerbundsrates in das Reich auf- 
zunehmen; erst nach meinem Rücktritt, nach der „westlichen Orientierung" 
unserer Politik wurde diese Restimmung auch in den österreichischen 
Friedensvertrag eingefügt 

So waren wir in unserem Kampf um den Anschluß unterlegen. Trotzdem 
war dieser Kampf keineswegs wirkungslos. In dem Augenblick, in dem das 
alte Österreich zusammengebrochen war, hatte er der neuen Republik 
ein neues nationales Ideal, dem aus tausend Wunden blutenden Körper 
des deutschösterreichischen Volkes eine Seele, Lebensziel und Lebenswillen 
gegeben. Dieses nationale Ideal hat die junge Republik gewaltig gefestigt. 
Die Restauration der Habsburger hätte den Anschluß unmöglich gemacht; 
das nationale Ideal gewann dem republikanischen Gedanken breite 
Schichten des Rürgertums. Dieses nationale Ideal hat das deutschöster- 
reichische Rürgertum mit dem Zerfall seines alten Reiches versöhnt und es 
dem Grundsatz des Selbstbestimmungrechtes der Völker gewonnen; das 
Selbstbestimmungsrecht bedeutete ihm nun nicht mehr bloß den Zusammen- 
bruch seiner Herrschaft über die anderen Völker, sondern auch den An- 
spruch auf die Einigung des eigenen Volkes. So hat es nur dieses nationale 
Ideal ermöglicht, die ganze auswärtige Politik der jungen Republik auf die 

— 1Ü7 - 



unbeschränkte Anerkennunj; des Selbstbcsümmungsrechlos der Nachbar- 
völker zu stützen und sie dadurch vor allen jenen VcrirrunKcn des; 
Kampfes um die „Integrität" zu bewahren, der die ungarische Revolution in 
so verhängnisvolle Abenteuer gestürzt hat. Vor allem war aber der Kampf 
um den Anschluß unsere wuchtigste Waffe gegen den Entcnte- 
imperialismus. Die Befürchtung, daß sich unsere These als wahr erweisen,. 
daß Deutschösterreich, auf sich selbst gestellt, lebensunfähig sein werde, 
hat die Entente gezwungen, uns mildere Friedensbedingungen und uns 
wirtschaftliche Hilfe zu gewähren. Aber so fruchtbar auch der Kampf um 
den Anschluß trotz der schließlichen Niederlage gewesen war, so ver- 
JKxngnisvoll war doch diese Niederlage. Aus dem großen Wirtschaftsgebiet, 
dessen Zentrum Deutschösterreich gebildet hatte, gewaltsam herausgerissen,, 
ohne hinreichende Kraft, die Anpassung an die neuen Lebensbedingungen 
mit eigenen Mitteln zu voljziehen. mußte die junge Republik, da ihr die 
Eingliederung in das bei weitem wirtschaftsstärkere Reich ver- 
wehrt war, ein selbständiges Leben führen, das nur ein Leben bitterer 
Not, ein Leben drückender Abhängigkeit vom Ausland sein konnte. Die- 
letzte Konsequenz der „Unabhängigkeit", zu der uns Saint^Germain ver- 
urteilt hat, ist die internationale Finanzkontrolle, der uns Genf unterwirft. 
Der Friedensvertrag von Saint-Germain war das Ergebnis einerseits der 
bürgerlich-nationalen Revolution der slawischen Nationen, anderseits des 
Sieges des Ententeimperialismus. Ein Ergebnis der nationalen Revolution,, 
hat er Tschechen, Jugoslawen und Polen von der Fremdherrschaft befreit 
und auf den Trümmern der aus der Epoche des Feudalismus und des 
Absolutismus überlieferten Herrschaftsverhältnisse, denen sie unterworfen 
gewesen, der bürgerlichen Demokratie auf ihrem Boden Raum geschaffen. 
Aber ein Ergebnis zugleich des Sieges des Ententeimperialismus, hat er alle 
Ergebnisse der nationalen Revolution verfälscht und vergewaltigt. Statt 
eines tschechoslowakischen Nationalstaates schuf er einen Nationalitäten- 
staat, in dem Millionen Deutsche, Magyaren, Polen und Karpathorussen 
der Herrschaft der tschechischen Bourgeoisie unterworfen sind. So hat der 
die nationale Fremdherrschaft nicht aufgehoben, sondern nur den Herrn 
zum Knecht, den Knecht zum Herrn gemacht. Die folgenschwere Ent- 
scheidung, die dieses Gefüge der tschechoslowakischen Republik bestimmte,, 
war nicht nur aus 'den Machtinteressen des französischen Imperialismus., 
der in der Tschechoslowakei einen gefügigen Vasallen gegen Deutschland 
zu gewinnen suchte, sondern auch aus konterrevolutionären Motiven her- 
vorgegangen. In einer von Tardieu verfaßten Note Frankreichs an die' 
Friedenskonferenz, die Ende März die Notwendigkeit, Deutschböhmen dem 
Tschechenstaat zu unterwerfen, erweisen wollte, war zu lesen: ,,Wenn 
Polen und Tschechen bisher dem Bolschewismus widerstanden haben, 
ist es aus nationalem Gefühl. Wenn man dieses Gefühl ver- 
gewaltigt, werden sie dem Bolschewismus zur Beute "fallen; die 
Barriere, die den russischen Bolschewismus vom deutschen trennt, 
wird zerstört sein." Es war die Furcht der Ententebourgeoisie vor- 
der Expansion der sozialen Revolution, die den tschechischen 
Staat weit über die nationalen Grenzen des tschechischen Volkes- 
hinaus ausdehnte. Und da konterrevolutionäre Motive seine Grenzen zogen,, 
haben konterrevolutionäre Elemente das Wesen des aus der Revolution 

— 158 — 



.geborenen Staatsgebildes verändert. Da es Millionen Bürger, die nur die 
Gewalt ihm unterworfen hat, nur mit Gewalt beherrschen kann, mußte es, 
darin des alten Österreich echter Erbe, zum militärischen Herrschaftsstaat 
werden, dessen Gewalt, gegen die beherrschten Nationalitäten aufgerichtet, 
auch die Arbeiterklasse der herrschenden Nation niederhält. Es gilt nun 
für die Tschecher;, was so lang für die Deutschen gegolten: Sie werden 
selbst nicht frei, solange sie den Nachbarvölkern die Freiheit verweigern. 
Und was von der Tschechoslowakei gilt, gilt auch von Polen, das, weit über 
■die nationalen Grenzen des polnischen Volkes ausgedehnt, auf Rußlands 
und Deutschlands Kosten zugleich bereichert und dadurch den beiden 
großen Nachbarvölkern zugleich verfeindet, zum Werkzeug des fran- 
zösischen Imperialismus gegen die deutsche Republik und gegen die 
russische Revolution werden mußte; gilt auch von Jugoslawien, wo der 
serbische Militarismus an die Stelle der freien Föderation der südslawischen 
Stämme sein die historischen Stammesindividualitäten vergewaltigendes 
Herrschaftssystem gesetzt hat, gegen das sich Kroaten und Slowenen fast 
ebenso leidenschaftlich auflehnen, wie sie sich gegen die Fremdherrschaft 
Österreichs und Ungarns aufgelehnt haben. 

Deutschösterreich aber wurde zum Opfer dieser Vergewaltigung der 
nationalen Revolution durch deh Imperialismus. Der Friedensvertrag raubte 
der Reput)lik selbst ihren Namen. Wir hatten sie in den Oktobertagen, in den 
Tagen des Triumphs des Selbstbestimmungsrechtes der Völker, Deutsch- 
österreich genannt; der Name sollte besagen, daß wir nicht Habsburgs Erb- 
schaft antreten, nicht die Herrschaft über die von Habsburg unterjochten 
■fremden Nationen beanspruchen, sondern nur die deutschen Gebiete der 
Habsburgermonarchie zu einem freien Gemeinwesen vereinigen wollten. 
Der Friedensvertrag zwang uns, der Republik den alten Namen Österreich 
wiederzugeben; der Imperialismus zwang uns den verhaßten Namen auf, 
weil er von der von der Arbeiterklasse geführten deutschösterreichischen 
Republik Sühne fordern wollte für die Verbrechen, die die Herrenklassen 
der habsburgischen Monarchie an den Völkern begangen hatten. Der 
Friedensvertrag raubte unserer Republik Gebiete, die mehr als drei Mil- 
lionen Deutsche bewohnen; ein Drittel des deutschösterreichischen Volkes 
fiel unter Fremdherrschaft. Dem Rest aber verweigerte der Friedens- 
vertrag nicht nur das Recht der Selbstbestimmung, das Recht auf den An- 
schluß; er erlegte ihm zugleich wirtschaftliche Lasten auf, die ihm die un- 
freiwillige staatliche Selbständigkeit doppelt schwer erträglich machen 
mußten. Zwar konnte die Entente die Reparationsverpflichtungen, die der 
Friedensvertrag uns auferlegte, nie geltend machen. ■ Aber das General- 
' Pfandrecht zugunsten dieser Reparationsverpflichtungen vernichtete 
unseren Staatskredit. Und die Bestimmungen des Friedensvertrages über die 
Valorisierung der Vorkriegsschulden, über die Liquidierung der Öster- 
reichisch-Ungarischen Bank, über die Sequestrierung des österreichischen 
Eigentums im Ausland, über die Beschränkungen unserer zoll- und handels- 
politischen Bewegungsfreiheit und unserer Tarifhoheit auf den Eisen- 
bahnen zerrütteten unsere Währung und drückten unsere Volkswirtschaft 
nieder. 

Diese Vergewaltigung der Revolution durch den Imperialismus be- 
stimmte zugleich auch das weitere Schicksal der Revolution in Deutsch- 

— 159 — 



Österreich. Der Sieg der Eiileiilelieere im Oktober hatte die Vülker der 
Uabsburgcrmonarcliie entfesseil und dadurch die Arbeiterklasse in Dcutsch- 
osterreich zur Vorherrschaft geführt. Diese Vorherrschaft war in den 
ersten Monaten nach den Siegen der Ententelieere nicht nur in den Macht- 
verhältnissen der Klassen im Lande selbst begründet, sie war zugleich 
auch eine außenpolitische Notwendigkeit. Nicht die bürgerlichen Parteien, 
die sich bis zur letzten Stunde an das Herrschaftssystem der Habsburger- 
monarchie geklammert hatten, sondern nur die Sozialdemokratie, die gegen 
dieses Herrschaftssystem das Selbstbestimmungsrecht der Völker verfochten 
hatte, konnte nach Habsburgs Sturze Deutschösterreich auf die Bahnen 
seiner neuen, nur noch auf das Selbstbestimmungsrecht der Völker zu 
gründenden Außenpolitik führen. Nicht die bürgerlichen Parteien, die zu 
Kriegsbeginn dem Ultimatum an Serbien zugejubelt und während des 
Krieges nach der blutigen Niederwerfung der tschechischen „Hoch- 
verräter" geschrien hatten, konnten nach dem Siege der Serben und dpr 
Tschechen den Haß der befreiten Nachbarvölker gegen Wien allmählich 
entwaffnen, ihr Vertrauen der jungen Republik gewinnen, freundnachbar- 
liche Beziehungen zu ihnen begründen. Nicht die bürgerlichen Parteien, die 
in ohnmächtiger Angst dem inneren Ringen innerhalb der Arbeiterklassen 
zusehen mußten,' sondern nur die Sozialdemokratie konnte den Ansturm 
des ungarischen Bolschewismus abwehren. Die zwingende Notwendigkeit, 
den Frieden mit den Nachbarvölkern zu erhalten, erforderte also in den 
ersten Monaten nach der Oktoberrevolution die Führung der Sozial- 
demokratie. Aber diese Führung wurde im Verlaufe des Jahres 1919 
erschüttert durch den Verlauf und die Ergebnisse der Friedensverhandlungen 
mit den Westmächten. Als der französische Imperialismus Deutsch-' 
Österreich in den eisernen Ring um die ungarische Räterepublik hinein- 
zwingen wollte, war ihm die Sozialdemokratie das widerspenstige 
Hindernis, die reaktionären Elemente der Bourgeoisie das gefügige Werk- 
zeug. • Als der französische Imperialismus Deutschösterreichs Willen zum 
Anschluß an Deutschland brechen wollte, widersetzte sich ihm die Sozial- 
demokratie, während die christlichsoziale und die liberale Bourgeoisie seine 
Geschäfte besorgten. Der ganze Einfluß des französischen Imperialismus 
begann nun in Wien für die bürgerliche Reaktion gegen die Sozial- 
demokratie zu wirken. Als der Enlenteimperialismus mit den Waffen seiner 
rumänischen Vasallen die ungarische Räterepublik stürzte, als sich unter 
dem Schutze seiner Budapester Missionen die Konterrevolution in Ungarn 
etablierte, waxd die deutschösterreichische Bourgeoisie von der Angst vor 
der sozialen Revolution befreit, ihr Selbstbewußtsein und ihre Wider- 
standskraft erstarkten nun sehr schnell. Als der französische Imperia- 
lismus in den Pariser Friedensverhandlungen die demokratischen Ideen, 
deren sich die Entente während des Krieges als einer Waffe bedient hatte, 
besiegte, als der Ententeimperialismus Deutschland und Deutschösterreich 
emen brutalen Gewaltfrieden diktierte, wendeten sich viele Intellektuelle, 
Beamte, Kleinbürger in Deutschösterreich von der Sozialdemokratie ab; sie 
waren im Herbst 1918, in den Tagen des höchsten Triumphs der Entente- 
demokratie, von der Anziehungskraft der demokratischen Ideen, der 
Prinzipien Wilsons erfaßt, der Sozialdemokratie als der einzigen Wort- 
führerin der Demokratie in Deutschösterreich zugeströmt; sie wurden nun, 

— 160 — 



da sich Wilson als zweideutig und machtlos, da sich die Ententedemokratie 
als verhüllende Maske des Ententeimperialismus erwies, in ihrem Glauben 
an die Demokratie erschüttert und fielen schnell in ihre alte reaktionäre 
Gedankenwelt zurück. Und als schließlich die wirtschaftliche Bedrohung, 
die die Friedensentwürfe enthielten, den Kurs der Krone von Woche zu 
Woche drückte, als diese Entwertung unseres Geldes die Teuerung in 
Deutschösterreich verschärfte, die kleinen Rentner, die Beamten, die 
Intellektuellen pauperisierte, dem Schiebertum Gelegenheit zu mühe- 
losen Riesenprofiten bot, wendete sich die Unzufriedenheit der ökonomisch 
iingeschulten Volksmassen nicht gegen den Ententeimperialismus, der 
diese Geldentwertung hervorgerufen hat, sondern gegen die von den Sozial- 
demokraten geführte Regierung, die die unentrinnbaren Folgeerscheinungen 
der Geldentwertung nicht zu verhindern vermochte. Auf diese Weise hat der 
Ententeimperialismus die Vorherrschaft der Arbeiterklasse in Deutsch- 
österreich untergrcwen. Hat der Sieg der Ententeheere im Herbst 1918 die 
Revolution entfesselt, so hat der Sieg des Ententeimperialismus über die 
Ententedemokratie auf der Pariser Konferenz von 1919 der Weiter- 
entwicklung der nationalen und der sozialen Revolution in Mitteleuropa 
unverschiebbare Schranken gesetzt und damit die Kraft der Revolution, 
gebrochen, der bürgerlichen Reaktion den Weg gebahnt. 

Am 17. Oktober 1919 hat die Konstituierende Nationalversammlung den 
Friedensvertrag von St.-Germain ratifizieren müssen; an demselben Tage 
trat die erste Koalitionsregierung zurück und wurde die zweite Koalitions- 
regierung gewählt. Die zweite Koalitionsregierung war schon ganz anderen 
Wesens als die erste. Der Tag, an dem der Vertrag von St.-Germain rati- 
fiziert werden mußte, war der Tag des Endes der proletarischen Vor- 
herrschaft in Deutschösterreich. 



§ 11. Die Revolution in den Betrieben. 

Liteiatui: 

Braunthal, Die Sozialpolitik der Repubhk. Wien 1919. — Pribram, Die SoziaT- 
politik im neuen Österreich. „Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik", 
i8. Band. — Der erste Betriebsrätekongreß der Arbeiter und Angestellten der Metall- 
industrie. Protokoll der Verhandlungen. Wien 1921. — Berichte der Gewerbe- 
inspektoren über ihre Amtstätigkeit. Wien 1920 und 1921. — Niox Chateau, Les 
conseils d'Entreprise et le controle ouvrie"- en Autriche. Paris 1923. 

Bauer, Der Weg zum Sozialismus. Wien 1919. — Bauer, Die Sozialisierungs- 
aktion im ersten Jahre der Republik. Wien 1919. — Eilenbogen, Sozialisierung in 
Österreich. Wien 1921. — Eilenbogen, Die Fortschritte der Gemeinwirtschaft" in 
Österreich. Wien 1922. — Inge Debes, Socialisering i Osterrike. Kristiania 1920. 

Die Revolution hatte die kapitalistische Produktionsverfassung schwer 
erschüttert. Die ganze Produktion war auf die Befriedigung des Kriegs- 
bedarfes eingestellt gewesen; als der Krieg zu Ende war, wurden die 
Maschinen mit einem Schlage stillgesetzt. Die ganze Produktion hatte aus 
den Kohlenlagern Schlesiens, Mährens und Böhmens die bewegende 
Energie bezogen; als die Kohlenzuschübe aus der Tschechoslowakei auf- 
hörten, erlosch das Feuer in den Dampfkesseln. Die Arbeitsdisziplin in 



— 161 — 



11 



der Kriegsindustrie war auf die niililärischc Bcfelilssewalt gestützt gewesen; 
als die Revolution die militärischen Betriebsleiter aus den Fabriken ver- 
jagte, lösten sich alle Bande der Fabrikdisziplin auf. Die Kricgsgewalt 
hatte vier Jahre lang unterernährtcr Arbeitskraft mafMose t'berarbeit aufge- 
zwungen; als die Kriegsgewalt gebrochen war, verweigerten die erschöpften, 
tibermüdelen Nerven und Muskeln den Dienst, dem vierjährigen Miß- 
verhältnis zwischen Ernährung und Arbeitsleistung, zwischen zugeführtcr 
und veraus^zabter Energie folgten als unvermeidliche Reaktion Arbeits- 
unlust und Rückgang der Arbeitsintensität. 

Der Zustand der Auflösung, in den die ganze kapitalistische Produktion 
geraten war, erschütterte den Glauben an den Kapitalismus. In Rußland 
war im Verlauf des Jahres 1918 die ganze Industrie nationalisiert und di.e 
große Agrarumwälzung vollzogen worden. Im Deutschen Reiche begann im 
■November 1918 die Sozialisierungskomraission ihre Arbeit; und in dem 
stürmereichen Winter von 1918 auf 1919 verkündete die deutsche 
Regierung immer wieder von Amts wegen, die Sozialisierung sei „auf dem 
Marsche". Im Frühjahr 1919 sozialisierte die ungarische Räterepublik die 
ganze Industrie. Auch die deutschösterreichische Arbeiterschaft forderte 
in elementarer stürmischer Bewegung ihr Selbstbestimmungsrecht in ihren 
Produktionsstätten. In einzelnen Fällen — so in dem Donawitzer Werk der 
Alpinen Montangescllschaft am 7. April 1919 — ' haben die Arbeiter die 
Betriebsleiter abgesetzt und ein Direktorium aus ihrer Mitte gewählt, das 
den Betrieb weiterleiten sollte. 

Der Glaube der kapitalistischen Gesellschaft an sich selbst war er- 
schüttert. Die Kriegswirtschaft hatte die kapitalistische Produktion unter 
dem Kommando der Staatsgewalt in Zwangsverbänden organisiert; mußte 
jetzt nicht die Arbeiterklasse das Erbe der Militärgewalt antreten, um das 
große Organisationsgebäude, das dem Kriege gedient hatte, zu sozialistischer 
Organisation weiterzuentwickeln? Die Finanzen der besiegten Staaten 
waren in einen Zustand der Zerrüttung geraten, den mit den altgewohnten 
Mitteln des „Steuerstaates" zu überwinden nicht möglich erschien; war es 
nicht unvermeidlich, daß der Staat einen großen Teil der aufgehäuften 
Privatvermögen an sich zieht, um seinen Haushalt in Ordnung zu bringen? 
So sah auch die bürgerliche Welt eine „Neue Wirtschaft" kommen. Die 
Universitätsprofessoren der Nationalökonomie, unter den Deutschöster- 
reichern vor allen Schumpeter, Grünberg, Lederer, Ammon, Schwiedland, 
Gelehrte, die aus bürgerlichem Lager kamen, wie Goldscheid und Neurath, 
schrieben Abhandlungen über die Sozialisierung als die Aufgabe des Tages, 
sie stellten sich in Wien wie in Berlin, in Leipzig wie in München in den 
Dienst der Sozialisierungskommissionen, sie arbeiteten Sozialisierungsprojekle 
aus, sie tadelten nicht selten die Sozialdemokratie, daß sie allzu zaghaft an 
die große Aufgabe herantrete. Binnen wenigen Monaten entstand eine ganze 
Sozialisierungsliteratur. Sie war das ideologische Spiegelbild jener tiefen 
ökonomischen Erschütterung, die die kapitalistische Gesellschaftsordnung 
in Krieg und Revolution erlitten hatte. Ist auch von den mannigfachen 
Projekten, die in der Sozialisierungsliteratur der ersten Revolutionsmonate 
gegeneinander rangen, sehr wenig verwirklicht worden, so hat doch jene 
tiefe ökonom-sche Erschütterung, die sich in der Sozialisierungsliteratur 
spiegelte, praktische, nach Befriedigung drängende Bedürfnisse geschaffen, 

— 162 — 



die talsäcblich die kapitalistische Produktionsverfassung sehr wesentlich 
lungestaltet und ganz neue Elemente, ICeimzellen sozialistischer Zukunfts- 
organisation, in sie eingefügt haben. . 

In den Tagen der Oktoberrevolution hatte Ferdinand Hanusch die Leitung 
des Staatsamtes für soziale Verwaltung übernommen. Im engsten Ein- 
vernehmen mit der Gewerkschaftskommission arbeitend, verwandelte er 
das Staatsamt in ein Exekutivorgan der Gewerkschaften. Mit ebensoviel 
Besonnenheit wie Tatkraft ging er daran, die praktischen Bedürfnisse der 
Zeit zu befriedigen 

Vorerst stellte die Demobilisierung die nächste Aufgabe. Die zer- 
rüttete Industrie konnte die von der Front heimkehrenden und die aus den 
stillgelegten Kriegsindustriebetrieben hinausgeschleuderten Arbeitermassen 
nicht aufnehmen. Die Masse der Arbeitslosen schwoll an. Es galt zunächst, 
die Rückführung der Arbeitslosen in die Produktionsstätten zu fördern. 
Schon am 4. November 1918 erließ der Staatsrat zwei Vollzugsanweisungen, 
von denen die eine die Organisation der Arbeitsvermittlung regelte, die 
andere die aus Unternehmer- und Arbeitervertretern paritätisch zusammen- 
gesetzten Industriellen Bezirkskommissionen als Organe zur Organisierung 
und Überwachung der Arbeitsvermittlung schuf. In den Industriellen 
Bezirkskommissionen schuf sich Hanusch Lokalstellen der sozialen Ver- 
waltung, deren Wirkungskreis sehr bald weit über ihre ursprüngliche 
Aufgabe ausgedehnt werden konnte. Schon zwei Tage später, am 6. No- 
vember, folgte die Vollzugsanweisung über die staatliche Arbeitslosen- 
unterstützung. Hatte der Staat bis dahin die Fürsorge für die Arbeitslosen 
den Gewerkschaften und der Armenpflege überlassen, so sicherte er jetzt 
jedem Arbeitslosen eine Unterstützung aus Staatsmitteln in der Höhe ,des 
Krankengeldes, Familienerhaltern überdies Familienzulagen zu; damit 
wurden nicht nur die Arbeitslosen vor dem physischen und moralischen 
Untergang bewahrt, es wurde auch der Druck der Arbeitslosen auf die 
Löhne der Arbeitenden abgeschwächt. Aber sehr bald zeigte es sich, daß 
in einer Zeit tiefer Zerrüttung der kapitalistischen Produktion die Organi- 
sierung der Arbeitsvermittlung und der Arbeitslosenunterstützung nicht 
hinreichte, daß es tieferer Eingriffe bedurRe. 

Viele Unternehmer, durch die Auflösung der gewohnten Produktions- 
bedingungen und durch die Auflehnung der Arbeiterschaft entmutigt, 
wendeten keine Mühe auf, ihre Betriebe auf die Friedensproduktion ein- 
zustellen, ihren Betrieben Rohstoffe, ihren Waren Absatz zu suchen; sie 
zogen es vor, ihr Kapital aus der Produktion zurückzuziehen und es in 
ausländischem Gelde anzulegen, in ausländischen Banken zu deponieren. 
Es galt also, dieser Sabotage des Unternehmertums entgegejizuwirken, die 
Unternehmer zur Ausübung ihrer Unternehmerfunktionen zu zwingen. 
Hinderte man die Unternehmer, ihre Arbeiter zu entlassen, zwang man sie, 
ihre Arbeiter zu entlohnen, so zv/ang man sie damit, sicli um die Möglich- 
keit produktiver Beschäftigung dieser Arbeiter zu bemühen. Schon am 
18. November verordnete der Staatsrat, daß die dem Ilandlungsgehilfen- 
gesetz unterstehenden, aus dem Kriege heimkehrenden Angestellten in die 
Dienststellen, die sie vor dem Kriege innegehabt, wiederaufgenommen 
werden müssen. Im Mai 1919 aber, in der Zeit, in der einerseits die Arbeits- 
losigkeit den höchsten Stand erreichte und anderseits die Bedrohung durch 

— 163 — n' 



den ungarischen Bolscliowismus die Widerstandskraft der bürgerlichen 
l'arieien am meisten s<li\vächte, setzte Hanusch einen viel tiefergehenden Ein- 
griff in das Herrnrecht des Unternehmens durch. Am 14. Mai verordnete 
Hanusch, daß jeder Gewerbeinhaber, der am 26. April wenigstens 15 Ar- 
beiter oder Angestellte beschäftigt hatte, um ein Fünftel mehr Arbeiter und 
Angestellte in seinen Betrieb einstellen und diesen Arbeiterstand nicht 
ohne Erlaubnis der Industriellen Bezirkskommission verkleinern dürfe. Es 
gelar.g auf diese Weise in der Tat, einen Teil der Arbeitslosen in die Be- 
triebe zurückzuführen. Wohl konnten die Industriellen Bezirkskommissionen 
selbstverständlich die Erlaubnis zur Verkleinerung des Arbeiterstandes 
nicht verv>'cigern, wo es sich als unmöglich erwies, den vergrößerten 
.Arbeiterstand produktiv zu beschäftigen. Aber da die Verkleinerung des 
Arbeiterstandes fortan der Genehmigung durch die Industriellen 
Bezirkskommissionen bedurfte, war die Entlassung der Arbeiter doch 
der Willkür der Unternehmer entzogen, die Arbeitslosigkeit, sei es 
auch um den Preis der Kurzarbeit der Arbeitenden, eingedämmt, der 
iSabotage des Unternehmertums ein Damm gesetzt, die Ausübung der 
Unternehmerfunktionen unter eine paritätische Kontrolle gestellt. Wie gut 
sich dieser kühne Eingriff in die Selbstherrlichkeit des Unternehmertums 
bewährt hat, beweist die Tatsache, daß Hanusch' Verordnung, ursprünglich 
nur als Notstandsmaßregel für wenige Monate gedacht, heute noch in 
Wirksamkeit ist. 

Eine zweite Aufgabe wurde unserer sozialen Gesetzgebung durch den 
ph\>isciien Zustand gestellt, in dem die Arbeiterklasse aus dem Kriege 
herv'orgegangen war. Vierjährige Unterernährung hatte die Körper der 
Arbeiter furchtbar geschwächt. Die " Blockade, die die neuerstandeneu 
Kationalstaaten über uns verhängt hatten, hatte unsere Ernährungsverhält- 
nistie zunächst noch verschlechtert; der Zustand der Unterernährung 
dauerte daher an. Die Arbeitsleistung des Arbeiters mußte seiner durch 
die Unterernährung verkleinerten Arbeitsfähigkeit angepaßt werden. Die 
Erfüllung der alten Forderung der Arbeiterschaft nach dem Achtstundentag 
war zu einer physiologischen Notwendigkeit geworden. Für den Acht- 
stundentag sprachen zwingende ökonomische Gründe: einen langen Arbeits- 
tag hindurch die Kraftmaschinen laufen, die Werkstätten beleuchten und 
beheizen zu lassen, ist eine Vergeudung der Kohle, wenn der geschwächte 
Körper 'des Arbeiters die lange Arbeitszeit nicht intensiv ausnützen kann; 
ein kürzerer, aber intensiver ausgenützter Arbeitstag mußte daher das anzu- 
strebende Ziel sein. Für den Achtstundentag sprachen gewichtige sozial- 
politische Erwägungen: in den kontinuierlichen Betrieben erforderte die 
Einführung des Achtstundentages, der Übergang von zwei zwölfstündigen 
zu drei achtstündigen Schichten die Vermehrung des Arbeiterstandes um 
die Hälfte, sie ermöglichte daher die Überführung eines Teiles der Arbeits- 
losen in diese Betriebe. Der Widerstand des Unternehmertums gegen die 
Einführung des Achtstundentages war in den ersten Monaten nach der 
Revolution sehr schwach. Die kontinuierlichen Betriebe hatten schon 
während des Krieges damit gerechnet, daß die Arbeiterschaft die zwölf- 
stündige, bei dem wöchentlichen Schichtenwechsel achtzehnstündige Arbeits- 
zeit nicht rnehr ertragen werde; einzelne große Unternehmungen der Eisen- 
industrie hatten sich schon während des Krieges auf den Übergang zum 

— 164 — 



Achtstundentag vorbereitet. Die nicht Icontinuierlichen Betriebe aber hatten 
damals wohl überhaupt Icein Interesse, sich gegen den Achtstundentag zu 
wehren. Der Zentralgewerbein3peJi:tor Tauß schreibt in seinem Bericht 
übur das Jahr 1919: „Die trostlose Lage, in welche die industrielle und 
gewerbliche Produlvtion nach Beendigung des Krieges geraten ist und 
welche sich infoige der fortschreitenden "Verschärfung der Heiz- und Roh- 
materialnot immer kritischer gestaltet hat, zwang fast alle Unternehmungen 
zu weitgehenden Einschränkungen der Betriebe. In den meisten derselben 
konnten daher die Arbeiter nur bei einer sehr stark gekürzten Arbeitszeit 
■oder nur an einzelnen Tagen der Woche beschäftigt werden. Es ist daher 
erklärlich, daß zu der Zeit eines solchen Stillstandes der gewerblichen Be- 
schäftigung die Einführung der achtstündigen Arbeitszeit beziehungsweise 
der achtundvierzigstündigen Arbeitswoche im allgemeinen ohne wesent- 
liche Betriebsstörung möglich wurde." Und der Wiener Gewerbeinspektor 
Ingenieur Ehrenhofer sagt geradezu: „Die gesetzliche Einführung des Acht- 
stundentages hätte kauip zu einer passenderen Zeit erfolgen können als 
gerade innerhalb jener Wochen, in welchen Arbeitsgelegenheit und Be- 
triebsleben so rapid sanken." 

Anderseits freilich mußten wir auch damit rechnen, daß sich eine 
Regelung der Arbeitszeit für die Dauer auch den Konkurrenzverhältnissen 
zwischen der deutschösterreichischen Industrie und den wichtigsten kon- 
kurrierenden Industrien des Auslandes anpassen muß. Deshalb ging 
Hanusch bei der Einführung des Achtstundentages überaus vorsichtig vor. 
Das Gesetz vom 19. Dezember 1918 setzte den achtstündigen Höchstarbeitstag 
nur für die fabriksmäßigen Betriebe fest; und die Geltungsdauer dieses Ge- 
setzes war mit dem Friedensschluß befristet. Erst die Erfahrungen der 
folgenden Monate erlaubten es, weiterzugehen. Einerseits zeigte es sicli 
nämlich, daß sich der Achtstundentag im Verlauf der ersten Monate nach 
der Revolution in fast allen Betrieben, aJso auch in denen, die dem Gesetz 
nicht unterworfen waren, tatsächlich durchsetzte; anderseits wurde im 
Verlauf dieses Jahres der Achtstundentag nicht nur in allen von der 
Revolution erfaßten Staaten, sondern auch in den neutralen und in den 
Siegerländern teils durch Gesetz, teils durch gewerkschaftliche Aktionen 
durchgesetzt. So konnten wir denn nunmehr über das erste Achtstunden- 
taggesetz weit hinausgehen. Das Gesetz vom 17. Dezember 1919 hat den 
achtstündigen Höchstarbeitstag allgemein und dauernd, ohne Beschränkung 
auf die fabriksmäßigen Betriebe und ohne zeitliche Befristung, festgelegt. 

Das Achtstundentaggesetz fand seine Ergänzung in dem Gesetz vom 
30. Juli 1919, das jedem Arbeiter den Anspruch auf einen vollbezahlten Urlaub 
in jedem Jahre sichert; dauert der Urlaub in der Regel je nach der Dauer 
der Beschäftigung der Arbeiter im Betrieb eine oder zwei Wochen, so wurde 
den Lehrlingen und den jugendlichen Arbeitern im Jahre 1919 ein vier- 
wöchiger Urlaub gesichert, um die während des Krieges herangewachsene 
Jugend durch längeren Urlaub, den sie zum Teil in staatlichen Urlaubs- 
heimen verbringen konnte, vor der sie besonders schwer bedrohenden 
Gefahr der Tuberkulose einigermaßen zu schützen. Einen schweren Verlust 
an Arbeitsleistung hat die Volkswirtschaft durch die Einführung der 
Arbeiterurlaube nicht erlitten, da die Industriearbeiter in vielen Kollektiv- 
'verträgen auf die Arbeitsruhe an den meisten Feiertagen der katholischen 

— iß.ö — 



Kircho verzichteten, um dafür das Recht auf den Urlaub einzutauschen, 
l'ür die Wiederherstelhing der durch Krieg und Unterernährung erschültcrleu 
Volksgesundheit aber bedeutet ein ununterbrochener ein- oder zweiwöchiger 
Urlaub im Jahre unzweifelhaft mehr als die Arbeitsruho an einigen über 
das ganze Jahr verstreuten Feiertagen. Neben dem Achtstundenlaggesetz 
hat das Gesetz über die Arbeiterurlaubc wohl am meisten dazu beigetragen, 
daß sich die Gcsundheitsverliältiüsse in den ersten drei Jahren nach dem 
Kriege erstaunlich schnell gebessert haben. Nicht geringer aber als die 
voikshygienische ist die kulturelle Bedeutung der beiden Gesetze. Die Ver- 
kürzung der täglichen Arbeitszeit hat den Arbeitern erst die Muße ge- 
sichert zu jener reichen kulturellen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen 
l^etätigung, über die wir noch zu berichten haben werden. Die Einführuiig 
der Arlieiterurlaube hat die ungeahnte Entwicklung der Arbeitertourislik. 
ermöglicht, die den Arbeitern edlere, ihrer körperlichen und geistigen Ent- 
wicklung förderlichere Erholungsfreuden erschlossen hat, als sie sie vordemi 
gekannt haben. 

Aber nicht nur in diesen Gesetzen spiegelte sich die neuerrungene poli- 
tische Machtstellung der Arbeiterklasse. Die Arbeiterklasse mußte viel- 
mehr die Vormachtstellung in der Republik, die sie der Revolution ver- 
dankte, ausnützen, um das ganze System unserer sozialpolitischen Gesetz- 
gebung den neuen Machtverhältnissen anzupassen. So war denn das- 
ganze erste Jahr der Republik von fruchtbarer sozialpolitischer .Gesetz- 
gebungsarbeit erfüllt. Das Arbeiterrecht wurde durch die Abschaffung des 
Arbeitsbuches und der Abschaffung der Strafbarkeit des Kontraktbruches 
der Arbeiter neugestaltet, die Arbeiterschutzgesetzgebung durch die Gesetze 
über das Verbot der Nachtarbeit der Frauen und der Jugendlichen, über dio 
Regelung der Kinderarbeit und der Heimarbeit, durch Sondergesetze für die- 
Bäcker, für den Bergbau, für das Handelsgewerbe ausgebaut. 

Aber so wichtig auch diese sozialpolitische Arbeit war, dem drängendert 
Bedürfnis der Zeit konnte der bloße Ausbau der herkömmlichen sozial- 
politischen Gesetzgebung einer vergangenen Geschichtsepoche nicht ge- 
nügen. Die Arbeiterschaft forderte mehr. Die Arbeiterschaft drängte nach 
der Umwälzung der ganzen Produktionsverfassung. Sozialisierung war das- 
Schlagwort des Tages. Aber das Schlagwort bedeutete im Munde der Ar- 
beiter etwas anderes als im Munde der Bürokraten. Den in der Schule der 
Kriegswirtschaft erzogenen Bürokraten war Sozialisierung staatliche Orga- 
nisierung und Reglementierung der Volkswirtschaft. Den Arbeitern bo- 
deutete Sozialisierung etwas ganz anderes. Die Arbeiter wollten nicht mehr 
lebende Werkzeuge der Unternehmer sein. Der Arbeiter wollte mitherrschen,, 
wo er mitarbeitete; die Industrie mitregieren, in der er mitproduzierte.. 
Sollte auch nur der erste Schritt zur Sozialisierung im Sinne der Ar- 
beiter erfolgen, so galt es vor allem, die Arbeiterschaft jedes Betriebes als 
ein Ganzes, als eine Gemeinde zu konstituieren und sie mit eigenen Organen 
auszustatten, die in ihrem Auftrage den Betrieb ihrer Kontrolle, ihrer Mit- 
bestimmung unterwerfen sollen. Dahin drängte die Arbeiterklasse überall.. 
In Rußland hatte der Bolschewismus sofort nach der Oktoberrevolution Be- 
triebsräte als Organe der „Arbeiterkontrolle in den Betrieben" geschaffen.. 
In Deutschland waren Arbeiterausschüsse schon in der Kriegsindustrie ent^ 
standen. In England hatte die Whitley-Kommission im Wiederaufbau- 

— 166 — 



ministerium ein großes Projekt einer Organisation der Industrie entworfen, 
deren Basis die Works' Commitecs bilden sollten. Als in Deutschösterreich 
nach den Februarwahlen die Sozialisierungsivommission eingesetzt und ich 
zu ihrem Präsidenten gewählt wurde, war es die erste Aufgabe, die ich der 
ICommission stellte: einen Gesetzentwurf über die Betriebsräte auszu- 
.arbeiten. Nach sorgfältigen Vorarbeiten, an denen die Gewerkschaften 
hinter der Führung Huebers, Domes' und Wiedenhofers regen Anteil nahmen, 
wurde der Entwurf am 24. April in der Nationalversammlung eingebracht, 
am 15. Mai 1919 von der Nationalversammlung beschlossen. 

Deulschüsterreich war, von Sowjetrußland abgesehen, der erste Staat, 
dessen Gesetzgebung Betriebsräte schuf; erst 1920 ist uns das Deutsche 
Reich, erst 1921 die Tschechoslowakei gefolgt. In Deutschösterreich haben 
wir die Zeit der Hochflut der mitteleuropäischen Revolution, den Monat, in 
dem in Budapest und in München zugleich die Sowjetdiktatur herrschte, 
ausgenützt, um dem Unternehmertum das Betriebsrätegesetz aufzuzwingen; 
deshalb greift unser Eetriebsrätegesetz in mancher Hinsicht tiefer in die 
kapitalistische Produktionsverfassung ein als die später, m der Zeit ab- 
ebbender Revolution erlassenen Gesetze Deutschlands und der Tschecho- 
slowakei. Vor allem beschränkt unser Gesetz die Befugnisse der Betriebs- 
räte nicht durch eine taxative Aufzählung. Es gibt den Betriebsräten ohne 
jede Einschränkung das Recht, die „wirtschaftlichen, sozialen und 
kulturellen Interessen" der Arbeiter und Angestellten wahrzunehmen; die 
einzelnen Aufgaben der Betriebsräte zählt es nur beispielsweise auf,, aber 
es beschränkt die Betriebsräte nicht auf die aufgezählten Tätigkeitszweige. 
So hängt es nur von der Macht der Arbeiterschaft und von der Tüchtigkeit 
ihrer Betriebsräte ab, wie sie die neue Institution auszunützen vermag. 

In der Tat haben sich die Betriebsräte in den verschiedenen Betrieben 
:sehr verschieden entwickelt. In der Industrie und im Gewerbe, v/o schon 
eine alte, gefestigte gewerkschaftliche Organisation bestand, übernahmen 
■die erfahrenen Vertrauensmänner der Gewerkschaften die Funktionen der 
Betriebsräte. Sie verstanden es sehr bald, das Gesetz auszunützen. Die Be- 
•deutung des Gesetzes bestand hier darin, daß es die Anerkennung der Ver- 
trauensmänner, die vordem von dem Willen des Unternehmers abhing, dem 
Unternehmer zur Pflicht macht, die Vertrauensmänner gegen Maßregelung 
wegen ihrer Tätigkeit schützt und den Wirkungskreis der Vertrauens- 
.männer weit über die unmittelbar gewerkschaftlichen Aufgaben hinaus er- 
weitert. Aber das Gesetz schrieb die Institution der Betriebsräte nicht nur 
-den Industrie- und Gewerbebetrieben, sondern Betrieben aller Art vor. In 
Krankenhäusern und in Theatern, in Gastwirtschaften und in Handels- 
betrieben, in den Forsten und m den Steinbrüchen wurden Betriebsräte 
gewählt. So drang die neue Institution auch in Betriebe ein, in denen es 
vordem noch keine oder nur eine unentwickelte gewerkschaftliche Organi- 
sation gegeben hatte. Hier nun wurde die neue Institution zu einem Hebel 
der Entwicklung und Ausbreitung der Gewerkschaften. Anderseits freilich 
fehlte hier zunächst noch ein Stab geschulter Vertrauensmänner, der die 
neue Institution zweckmäßig zu benützen verstanden hätte; in solchen Be- 
trieben kam daher in der ersten Zeit so mancher Mißgriff und Mißbrauch 
vor, der erst durch die allmähliche Selbsterziehung der Massen in der 
.Praxis der neuen Institution überwunden werden kann. 

— 167 - 



Die Enlwii-klung der Delric-bsräte wurde sehr wesentlivli durch die- 
Eigeiuut der Zeil hesliiDiiit, in der sie ealslanden. Es war eine Zeit schneller 
Geldentwertung, die immer wieder die Anpassung der Arbeitslöhne an dea 
sinkenden Geldwert erforderte. Die einander schnell folgenden Lohn- 
bewegungen beanspruchten die Aufmerksamkeit und Arbeitskraft der Be- 
triebsräte und erschwerten es ihnen daher, sich in ihre anderen Tätigkeits- 
^welge einzAiarbeiten. In dieser Ilinsiclit war die Zeit der Entwicklung und 
Schulung der Betriebsräte sehr ungünstig. Anderseits aber stellte gerade die 
Zeit der schwersten wirtschaftlichen Zerrüttung den Betriebsräten be- 
sondere Aufgaben, deren Erfüllung ihre Bedeutung für den Betrieb und ihre 
Autorität sowohl gegenüber dem Unternehmer 'als auch gegenüber den Ar- 
beitern und Ar.gcstellten schnell und wesentlich erhöhte. 

Vor allem galt es, die zerrüttete Arbeitsdisziplin wiederherzustellen. Die- 
alte autokratische Betriobsdisziplin war zerstört; sollte die Produktion 
wieder in Gang kommen, so mußte an ihre Stelle eine neue, demokratische 
Arbeitsdisziplin treten. Gehorchten die Arbeiter nicht mehr willenlos dem 
Kommando des Betriebsleiters, so mußten sie selbst dafür sorgen, daß sich 
jeder einzelne Arbeiter der Ordnung des Ganzen, der Notwendigkeit der 
Produktion einfüge. So wurden die Betriebsräte zu Organen der Wieder- 
herstellung der Arbeitsdisziplin. Die Gewerbeinspektoren berichten, daß^ 
einzelne Betriebsleitungen Betriebsräte wählen ließen, noch bevor das^ 
Gesetz in Kraft trat, weil sie nur mit Hilfe der Betriebsräte die gelockerte 
Arbeitsdisziplin wiederherstellen konnten. Der Wiener Gewerbeinspektor 
Ingenieur Oßwald schrieb schon in seinem Bericht über das Jähr 1919,. 
daß viele Betriebsräte „Ersprießliches leisten, indem sie ihr Augenmerk 
auch auf die Hebung der gesunkenen Arbeitsdisziplin richten". Der Wiener 
Gewerbeinspektor Ingenieur Hauck schreibt in seinem Bericht über das, 
Jahr 1020: „In vielen der größten Unternehmungen halten die Betriebs- 
räte unter der Arbeiterschaft eine strenge Disziplin und unterstützen in 
dieser Beziehung die Leitungen der Unternehmen. In mehreren Betrieben^ 
wurden von selten der Betriebsräte Geldstrafen für jedwede Lockerung- 
d^r Disziplin oder für Vergehen gegen die Bestimmungen des Arbeiter- 
schutzes eingeführt. Die Einhebung der Strafen, die Verwaltung der Gelder- 
und deren entsprechende Verv,'endung besorgt der Betriebsrat." 

Selbstverständlich konnte die Arbeitsdisziplin nur allmählich wieder- 
hergestellt werden. Sie v/urde wiederhergestellt in dem Maße, als einerseits- 
die Arbeiterschaft den Zustand der Erschöpfung, der Übermüdung, in dem. 
sie aus dem Kriege herausgetreten war, und den Zustand der leidenschaft- 
lichen Erregung, in den sie durch die Pievolution gestürzt worden war,, 
überwand, als anderseits bessere Kohlen- und Rohstoffzuschübe wieder eine 
regelmäßige, ununterbrochene Arbeit, bessere Nahrungsmittelzuschübe 
■wieder eine bessere Ernährung der Arbeiter ermöglichten. Aber war die 
W^iederherstellung der Arbeitsdisziplin nur allmählich, nur mit der all- 
mählichen Wiederherstellung ihrer physiologischen, psychologischen und 
produktionstechnischen Voraussetzungen! möglich, so konnte doch diese 
Möglichkeit m den Groß- und Mittelbetrieben nur mit den Betriebsräten. 
und durch die Betriebsräte ausgenützt w^erden. Gerade diese ihre Funktion 
rhachte die Betriebsräte zu unentbehrlichen Organen der Produktion selbst. 
und sicherte ihnen dadurch eine starke Machtstellung in den Produktions- 

— Iß8 — 



statten. Die Unternehmer mußten den Betriebsräten desto stärkeren Einfluß 
in den- Betrieben einräumen, je melir sie-erlvannten, daß nur der Emtluß 
der Betriebsräte die Wiederlierstellung der Arbeitsdisziplin ermöglichte. 
So wurde die Anarchie, in die die Revolution die Betriebe gestürzt hatte, 
allmählich überwunden; aber das Ergebnis ihrer Überwindung ist eine 
neue Betriebsverfassung, innerhalb derer die Machtstellung der Arbeiter- 
schaft Uli Betrieb wesentlich erweitert ist, die Arbeiterschaft als Ganzes 
, durch den von ihr gewählten Betriebsrat den Betrieb mitregiert und jeder 
einzelne Arbeiter in der verstärkten Machtstellung der Gesamtheit die 
Bürgschaft seiner persönlichen Freiheit, Würde imd Wohlfahrt innerhalb 
des Betriebes findet. 

Die Not der Zeit, in der die Betriebsräte entstanden, stellte ihnen noch 
andere Aufgaben. Vor allem organisierten sie, oft in Verbindung mit den 
Konsumgenossenschaften der Arbeiter, die Versorgung der Arbeiter mit 
Nahrungsmitteln, mit Heizmaterial, mit Volksbekleidungsstoffen. Bald aber 
begannen sie auch, sich um die Versorgung des Betriebes mit Kohle und 
Rohstoffen zu kümmern. Die Betriebsräte der Fabriken fuhren in die 
Kohlenreviere und bewogen dort die Bergarbeiter in Betriebsversamm- 
lungen, überstunden- und Sonntagsarbeit zu leisten, um die Fabriken oder 
auch um die Volksschulen der Industricorte mit Kohle zu versorgen; die 
Betriebsräte der Bergarbeiter kontrollierten dann, daß die in den Über- 
stunden geförderte Kohle auch wirklich dem von ihnen bestimmten Zweck 
zugeführt we;-de. In vielen Fällen fuhren die Betriebsräte nach Wien und 
wandten sich an die in den Staatsämtern tätigen Genossen, um für ihre 
Industrioorte eine stärkere Zuteilung von Lebensmitteln, für ihre Betriebe 
stärkere Kohlenzuteilung, Einfuhr- oder Ausfuhrbewilligungen zu er- 
langen. Es unterliegt keinem Zweifel, daß sich unerfahrene Betriebsräte 
in dieser ihrer wirtschaftlichen Tätigkeit oft von den Unternehmern miß- 
brauchen ließen. Trotzdem hatte auch diese Tätigkeit große Bedeutung, 
indem auch sie einerseits die Betriebsräte don Unternehmern selbst unent- 
behrlich machte und dadurch ihre Machtstellung gegen die Unternehmer 
stärkte, indem sie anderseits die Betriebsräte in den Fragen der wirtschaft- 
lichen und technischen Betriebsführung schulte und sie dadurch befähigte 
imd lehrte, ihre Tätigkeit allmählich über den gewerkschaftlichen Aufgaben- 
Icreis hinaus auf die Betriebsführung selbst zu erstrecken. 

Als später die Lebensmittel- und Kohlennot allmählich überwunden und 
■die zentrale Bewirtschaftung allmählich abgebaut wurde, verlor dieser 
Wirkungskreis der Betriebsräte freilich an Bedeutung. Dafür aber 
erschlossen sich den Betriebsräten immer neue Tätigkeitsgebiete. In den 
Großbetrieben entwickelten sich die Betriebsräte zu großen Verwaltungs- 
■organismcn mit eigenen Büros und mit einer oft recht komplizierten 
Arbeitsteilung innerhalb des Betriebsrates. Der Wiener Gewerbeinspektor 
Ingenieur Ehrenhofer konnte schon in seinem Bericht über das Jahr 1919 
erzählen, daß sich die Betriebsräte der Großbetriebe in Unterausschüsse zu 
gliedern beginnen, von denen jeder besondere Funktionen auszuüben hat. 
Die Betriebsverfas-sung der gemeinwirtschaftlichen Anstalten sieht vor, daß 
jeder Betriebsrat je einen Referenten für betriebstechnische Fragen, für den 
Arbeiterschutz, für Lohn- und Akkordfragen und für Stcuerwesen wählen 
■und besondere Unterausschüsse für Organisation und Bilanz, für Wohl- 

^ ir.n — 



fahrtseinrichtungen und für das Lc'hrlinjrswosen einzusetzen habe Auch 
diese Gliederung erschöpft den Wirkungskreis der Betriebsräte keineswegs. 
So haben zum Beispiel viele Betriebsräte auch Betriebsbibliotheken angelegt 
und ünterrichtskurse organisiert; der Betriebsrat der gemeinwirtschaftlichea 
Anstalt „österreichische Werke" hat sogar die Leitung einer Fachschule 
für Maschinenbau, die Arbeiter zu Werkmeistern ausbildet, übernommen. 

Selbstverständlich können die Betriebsräte nur allmählich die Er- 
fahrungen und Kenntnisse erwerben, die sie brauchen, um ihre mannig-, 
fachen Funktionen mit Erfolg zu versehen. Die Berichte der Gcwerbe- 
inspcktoren liefern Beispiele auch dafür, wie die Betriebsräte allmählich 
zur Erfüllung ihrer Aufgaben heranreifen. So kehrt in den Berichten über 
das Jahr 1919 die Klage immer wieder, daß die Betriebsräte den Fragen 
der Gewerbeb^giene und der Unfallverhütung wenig Verständnis entgegen- 
bringen. Dagegen schreibt schon 1920 der Wiener Gewerbeinspektor Inge- 
nieur Naske: „Die wertvolle Mitarbeit der Betriebsräte bei Vornahme der 
Inspektionen verdient es, anerkennend hervorgehoben zu werden; nicht, 
allein, daß die Anwesenheit der Betriebsräte bei Inspektionen das Ver- 
antwortungsgefühl der Gewerbeinhaher hebt und die Verbindlichkeit der 
Unternehmer gegenüber ihren Arbeitern in wirksamer Weise festgelegt 
erscheint, übernehmen die anwesenden Arbeitervertreter gleichzeitig in der 
ilegel die Gewähr, daß die vom Gewerbeinspektor getroffenen Maßnahmen 
auch wirklich zur Durchführung gelangen,' ohne daß es notwendig wäre, 
von Amts wegen einen besonderen Druck auf die Gewerbeinhaber ausüben. 
zu müssen. Die Betriebsräte bilden aber auch aus dem Grunde eine wert- 
volle Unterstützung für den amtierenden Gewerbeinspektor, weil sie, mit 
den örtlichen Verhältnissen besonders gut vertraut, auf Gefahren auf- 
merksam zu machen in der Lage sind, welche unter Umständen dem 
Gewerbeinspektor leicht entgehen können. Es hat sich auch öfter ereignet, 
daß Betriebsräte sich schriftlich an das Amt gewandt haben und um Ab- 
stellung dieser Übelstände ersuchten." Ähnlich urteilte in dem Bericht über 
1920 auch der Wiener-Neustädter Gewerbeinspektor Ingenieur Astolfi, 
während die Inspektoren aus Gebieten mit rückständigerer Arbeiterschaft, 
zum Beispiel der Vorarlberger Inspektor Ingenieur Eberl, noch erzählen, daß 
die Betriebsräte die Fragen des technischen Arbeiterschutzes noch nicht 
zu würdigen verstehen. 

Die Entwicklung der Betriebsräte hängt in sehr hohem Maße auch von 
der Entwicklung der Beziehungen zwischen den Arbeitern und den Ange- 
stellten ab. Die Verschiedenheiten der Erziehung, der Lebensweise, der poli- 
tischen Ansichten und die Tatsache, daß der Angestellte dem Arbeiter als. 
Vorgesetzter gegenübersteht, dem Arbeiter gegenüber Unternehmer- 
funktionen auszuüben hat, erschweren jenes enge Zusammenwirken 
zwischen den Betriebsräten der Arbeiter und der Angestellten, das allein 
einerseits den Angestelltenbetriebsräten die starke Stütze der Arbeiterschaft 
sichern, anderseits die höheren technischen und kommerziellen Kenntnisse 
der Angestellten in den Dienst der Arbeiterbetriebsräte stellen kann. Auch 
diese Schwierigkeiten können nur allmählich, nur durch die Selbsterziehung- 
der Betriebsräte im Prozeß ihrer Tätigkeil überwunden werden. 

So stehen die Betriebsräte erst am Anfang ihrer Entwicklung. Die 
Revolution hat nur die Institution der Betriebsräte schaffen können; die 

-- 170 — 



■Entfaltung der Keime, die in dieser InsiituUon gelegen sind, kann nur in 
der Pr&xis der Betriebsräte erfoloen. Nur in allmählicher Entwicklung, 
allmählicher Selbsterziehung in der Praxis der Betriebsratstätigkeit wird • 
>die Arbeiterschaft aus ihrem Schöße einen Stab geschulter Vertrauens- 
männer hervorbringen können, der zur vollen Ausnützung der neuen Insti- 
tution befähigt sein wird. Diese Selbsterzichung der Arbeiterschaft in der 
und durch die Betriebsratspraxis schafft aber erst die Voraussetzungen einer 
sozialistischen Produktionsverfassung. Das Beispiel Rußlands, wo die nach 
•der Oktoberrevolution anfänglich versuchte demokratische Betriebs- 
verfassung so schnell einem bürokratischen Staatskapitalismus weichen 
mußte, beweist, daß nur ein bürokratischer Staatssozialismus, der den 
Despotismus des Unternehmers bloß durch den Despotismus des Bürokraten 
ersetzt, möglich ist, solange sich die Arbeiterschaft die Fähigkeit zur Selbst- 
regierung in ihrem Arbeitsprozeß noch nicht erworben hat. Der demo- 
kratische Sozialismus, der Sozialismus, den die Arbeiterschaft memt und 
will, der Sozialismus, der das Selbstbestimmungsrecht der Arbeitenden m 
ihrem Arbeitsprozeß verwirklicht, ist erst möglich, wenn die Arbeiterschaft 
die Produktion zu regieren vermag, ohne die Produktion zu zerstören. Als 
die sroße Schule der proletarischen Selbstregierung im Produktionsprozeß 
sind' die Betriebsräte eine Vorstufe der sozialistischen Produktionsweise. 
Darum bedeutet die Entstehung und Entwicklung der Betriebsräte für die 
Entwicklung zur sozialistischen Gesellschaftsordnung weit mehr als jede 
gewaltsame Expropriation, wenn ihr Ergebnis nichts als bürokratisch 
regierte Staats- oder Gemeindebetriebe sind. 

Die Kriegswirtschaft hatte die kapitalistischen Unternohrnungen unter 
Lürokratischer Oberleitung syndiziert und diese kapitalistisch-bürokrati- 
■schen Zwangssyndikate zum Requisitionsapparat für die Bedürfnisse des 
Heeres gemacht. Sie hatte die einzelnen kapitalistischen Unternehmungen 
militarisiert, die Zwangsgewalt der militärischen Bürokratie in den Dienst 
der Kapitalsherrschaft, die Kapitalsherrschaft in den Dienst der militäri- 
schen Zwangsorganisation gestellt. In beiden Formen waren kapitalistisches 
Unternehmen und staatliche Bürokratie gegen die Arbeiterklasse verbündet. 
Die Auflehnung der Arbeitermassen richtete sich gegen beide Mächte: so- 
wohl gegen das kapitalistische Unternehmertum als auch gegen die staat- 
liche Bürokratie. War das erste Resultat der Auflehnung gegen die Herr- 
schaft des kapitalistischen Unternehmertums die Institution der Betriebs- 
Täte, so war das erste Resultat der Auflehnung gegen die Herrschaft der 
staatlichen Bürokratie die den Betriebsräten analoge Institution der Per- 
sonalvertretungen, die zunächst in den staatlichen Verkehrsbetrieben ge- 
schaffen wurden und auf die Verwaltung dieser Betriebe überaus starken 
Einfluß erlangten. Aber beide Institutionen genügten den Arbeitermassen 
nicht. Die Arbeiterklasse drängte nach der Sozialisierung der Industrie, die 
Sozialisierung sollte die Industrie von der Herrschaft des kapitalistischen 
Unternehmers befreien, ohne sie doch der Herrschaft der staatlichen Büro- 
kratie zu unterwerfen. Es galt, eine Betriebsverfassung zu finden, die weder 
kapitalistisch noch bürokratisch sein sollte. Das war die Aufgabe, die ich 
zunächst in einigen Zeitungsartikeln zu lösen versuchte, die zuerst in der 
,,Arbeiter-Zeitung"erschienen sind, später unter dem Titel „Der Weg zum 
Sozialismus" als Broschüre herausgegeben wurden. Der Organisationsplan, 



— 171 — 



den ich in jenen Zeilungsarlikoln onlwarf, war angeregt einorscils durch 
den englischen Gildonsozialisnius, dessen Grundgedanken ich schon vor 
dem Kriege aus G. ü. II. Cole's „The wurld of lahour" (London 1913) 
kennengelernt halle, anderseits durch die ursprünglichen Organisations- 
versuche des russischen Bolschewismus, wie sie der Ivongreß der Volks- 
wirlschaflsräle im .Mai 1918 formuliert hatte. Beide hatten die Verwaltung 
der sozialisierten Industrie gründen wollen auf die Kooperation des Staates 
als des Vertreters der Gesamtheit und der Gcwerkscliaft als der Vertreterin 
der Sonderintcrossen der in dem sozialisierten Industriezweig tätigen Ar- 
beiter und Angestellten. Mein Organisationsplan schaltete in diese Koope- 
ration als drittes gleichberechtigtes Glied die Organisation der Konsumenten 
ein. Ich schlug vor, daß jeder sozialisierte Industriezweig von einer 
besonderen Verwaltungskörporschaft verwaltet werden solle, die zusammen- 
zusetzen sei aus Vertretern der Arbeiter und Angestellten, die in dem In- 
dustriezweig arbeiten, aus Vertretern der Konsumenten, für die der In- 
dustriezweig arbeitet, und aus Vertretern des Staates als Schiedsrichters 
zwischen den widerstreitenden Intc^ressen der Produzenten und der Kon- 
sumenten. Ähnliche Vorschläge sind damals überall aufgetaucht, wo die 
Arbeiterschaft den Kampf um die Sozialisierung begann; so in dem von der 
deutschen Sozialisierungskommission entworfenen Plan einer ,, Deutschen 
Kohlengemeinschaft", m dem Organisationsplan Mr. .Justice Sankey's für 
den britischen Kohlenbergbau, in dem „Plum-Plan" für die Organisation 
der Eisenbahnen der Vereinigten Staaten von Amerika, in dem Vorschlag 
der Confederation Generale du Travail über die Sozialisierung der französi- 
schen Eisenbahnen, später auch in den Organisationsplänen, die Sidney 
und Beatrice Webb in ihrer „Constitution for the socialist commonwealtli" 
(London 1920) entwarfen. Blieb es aber dort überall bei bloßen Projekten, 
so konnten wir m Deutschösterreich zur Verwirklichung dieser Projekte,, 
wenngleich vorerst nur in bescheidenem Ausmaß, übergehen. 

Nachdem ich die Leitung der Sozialisierungskommission übernommen 
hatte, unternahm ich es zunächst, die Rechtsform für die von mir vor- 
geschlagene neue Unternehmungsform zu schaffen. Zu diesem Zwecke legte 
ich der Nationalversammlung gleichzeitig mit dem Entwurf des Betriebs- 
rätegesetzes auch einen Gesetzentwurf über die gemeinwirtschaftlichen 
Unternehmungen vor; der Gesetzentwurf wurde im Sozialisierungsausschuß 
der Nationalversammlung sorgfältig umgearbeitet und am 29. Juli 1919 von 
der Nationalversammlung beschlossen. Sobald damit die rechtlichen Vor- 
aussetzungen geschaffen waren, gingen wir daran, die neue Unternehmungs- 
form zu erproben. 

Es waren praktische, aus der Auflösung der Kriegswirtschaft hervor- 
gegangene Bedürfnisse, die die neue Unternehmungsform heischten. Die Re- 
publik hatte viele große Betriebe geerbt, die Eigentum des Heeresärars ge- 
wesen waren und unter militärischer Leitung für den Kriegsbedarf gearbeitet 
hatten. Nach dem Waffenstillstand waren diese Betriebe von der Zivil- 
verwaltung übernommen worden; die „Generaldirektion der staatlichen In- 
dustriewerke" übernahm ihre Leitung. Aber die bürokratische Leitung ver- 
stand es nicht, die Kriegsbetriebe zur Friedensproduktion überzuführen. 
Sie lieferte einen großen Teil der wertvollen Rohstoffe, die in den Betrieben 
aufgehäuft waren, dem Schiebertum aus. Sie entließ die Arbeiter nicht, um 

— 172 — 



die Zahl der Arbeitslosen nicht zu vergrößern, aber sie versuchte es nicht, 
sie produktiv zu bescliäfiigen. So wurden die Betriebe zu einer schweren 
Last füfr den Staat. Die Betriebe an das Privatkapital zu verpachten oder zu 
verkaufen, war nicht ratsam; in einer Zeit, in der der Unternehmungsgeist 
gelähmt war, die Betriebe mit Riesendefiziten belastet waren und die schnelle 
Geldentwertung jede Bewertung der wertvollen Betriebsanlagen unmöglich 
machte und jeden Kaufschilling, den der Staat vereinbarte, schnell ent- 
wertete, hätte die Veräußerung der Betriebe die Vergeudung wertvollen 
Staatsbesitzes bedeutet. Aber ebenso unmöglich war es auch, die Betriebe 
in den Händen der technisch und kommerziell unfähigen bürokratischen 
Leitung zu lassen. So forderte der jämmerliche Zustand, iri den die staat- 
lichen Kriegsindustriebetriebe geraten waren, eine neue Unternehmungs- 
form, die die Betriebe im öffentlichen Eigentum erhalten, ihnen aber eine 
kommerziell bewegliche, von der bürokratischen Zwangsjacke freie 
Leitung geben mußte. Und an dieser Leitung mußte die Arbeiterschaft der 
Kriegsindustriebetriebe starken Anteil haben. Nach dem Umsturz hatten die 
Arbeiter der Kriegsindustrie, um ihre Arbeitsstellen besorgt, die Betriebe 
gegen die Plünderung durch das mit der Bürokratie zusammenspielende 
Schiebertum verteidigt. Die Arbeiterschaft hatte die Betriebsanlagen und 
die Rohstoffvorräte für den Staat gerettet. Die Arbeiterschaft hatte, da die 
bürokratische Verwaltung die Betriebe nicht zu leiten, die Ordnung in ihnen 
nicht wiederherzustellen vermochte, die Macht über die Betriebe immer 
mehr an sich gerissen. Es war daher offenbar, daß die Betriebe nur unter 
tätiger Teilnahme der Betriebsräte zu geordneter Produktion zurückgeführt 
werden konnten. Die unmittelbare Beteiligung der Betriebsräte an der Ver- 
waltung der Betriebe war also unabweisbar. So drängten die praktischen 
Bedürfnisse hier nach der neuen gemeinwirtschaftlichen Unternehmungs- 
form. 

'Wir machten den ersten Versuch im kleinen Maßstab. Die erste , .ge- 
meinwirtschaftliche Anstalt", die wir gründeten, waren die ,, Vereinigten 
Leder- und Schuhfabriken". Sie wurden vom Staat gemeinsam mit der 
Großeinkaufsgesellschaft österreichischer Konsumvereine als der Vertre- 
terin der proletarischen Konsumenten und der Landwirtschaftlichen Waren- 
verkehrsstelle als der Vertreterin der bäuerlichen Konsumenten begründet. 
Der Staat brachte seine Schuhfabrik in Brunn a. G. ein; die beiden Kon- 
sumentenorganisationen stellten das Betriebskapital bei und übernahmen 
den Vertrieb der Erzeugnisse. Die „Anstallsversammlung", die die oberste 
Leitung der Anstalt besorgt und die Geschäftsleitung einsetzt, 
ist zusammengesetzt aus Vertretern des Staates, aus Vertretern 
der beiden Konsumentenorganisationen und aus Vertretern des 
Betriebsrates und der Gewerkschaft der Arbeiter, die in dem Betrieb 
arbeiten. Diese erste Gründung hatte durchschlagenden Erfolg. Binnen 
kur;:em gelang es, die Produktion in Gang zu bringen und die Arbeit zu in- 
tensivieren. Schon die erste .Jahresbilanz wies einen bedeutenden Rein- 
gewinn aus. Ebenso gut war der Erfolg der zweiten Gründung, die sofort 
folgte: der , .Österreichischen Heilmittelstelle", die, vom Staat gemeinsam mit 
dem Wiener Krankenanstaltenfonds und den Krankenkassen gegründet,' den 
Betrieb der ehemaligen Militärmedikamentendirektion übernahm. Sie hat 
die Versorgung der ötientlichen He:l- und Pflegeanstalten init Arznei- 

- 173 — 



millGlii lind Ilcilboliclfen organisiert und durch die Kinfülirung ihrer tib- 
gepacklen Arzp.cimiKel die allgemeine Ileilniillolversorgung reformiert. Die 
Erfolge dieser beiden ersten gemcinwirtschafllieheu Anstalten ermutigten 
zur Fortführung der Arbeit. Sie wurde, nachdem ich bei der Bildung der 
zweiten Koalitionsregierung im Oktober 1919 die Leitung der Soziali- 
sierungskommission niedergelegt hatte, von Ellenbogen als Präsidenten der 
Süzialisierungskonnnission und von dem Oberbau'rat Ried als dem Leiter 
ihres Büros mit großem Eifer fortgesetzt. So entstand allmählich ein ganzes 
System gemeinwirtschaftlicher Unternehmungen. 

Einige kriegsärarischc Betriebe wurden zur Gänze gemeinwirtschaft- 
lichen Anstalten übergeben; so die großen Industrieanlagen des Wiener 
Arsenals der gemcinwirtschaftlichon Anstalt „Österreichische Werke", der 
Betrieb in Puntigam den „Steirischen Fahrzeugwerken". In anderen Fällen 
wurden die kriegsärarischen Industrieterrains gemeinwirtschaftlichen An- 
stalten übergeben, die aber die einzelnen Betriebe gemischtwirtschaftlichen, 
gemeinsam mit dem Privatkapital gegründeten und betriebenen Unter- 
nehmungen übergaben; so geschah es, in verschiedenen Formen, in Blumau 
und in Fischamend. Daneben entstanden gemeinwirtschaltliche Anstalten, 
die nicht auf ehemals kriegswirtschaftliche Betriebe gegründet sind, son- 
dern neuerstandenen Bedürfnissen dienen; so die „Gemeinwirtschaftliche 
Siedlungs- und Baustoffanstalt" und die gemeinwirtschaftliche Anstalt „Holz- 
inarkt". Endlich wurden auch Unternehmungen gebildet, die der Rechtsform 
nach nicht gemeinwirtschaftliche Anstalten, sondern Aktiengesellschaften 
sind, aber in gleicher oder ähnlicher Weise zusammengesetzt sind wie die 
gemeinwirtschaftlichen Anstalten; so zum Beispiel die Wäsche- und Be- 
ileidungs-A.-G., die vom Staat gemeinsam mit der Großeinkaufsgesell- 
schaft der Konsumvereine und der Landwirtschaftlichen Warenverkehrs- 
stelle betrieben wird, und die von der Gemeinde Wien gemeinsam mit der 
Großeinkaufsgesellscbaft betriebene „Wiener Holz- und Kohlengesellschaft". 

So schuf die Revolution eine neue Unternehmungsform. Hatte man vor- 
her die bürokratisch geleiteten Staats- und Gemeindebetriebe auf der einen, 
die Produktionsbetriebe der Konsumgenossenschaften auf der anderen Seite 
gekannt, so entstand hier nun eine Mischform: die gemeinwirtschäftliche 
Anstalt wird in der Regel vom Staat (oder von einer Gemeinde) gemeinsam 
mit konsumgenossenschaftlichen Unternehmungen geleitet. Der Staat stellt 
die Betriebsanlagen, die Konsumgenossenschaft stellt kaufmännisch ge- 
schulte Betriebsleiter bei und sie organisiert den Absatz der Erzeugnisse. In 
diese Kooperation des Staates mit den konsumgenossenschaftlichen Organi- 
sationen fügen sich aber als wesentliches Glied die Betriebsräte und Ge- 
werkschaften der in den gemeinwirtschaftlichen Betrieben beschäftigten 
Arbeiter und Angestellten ein. Sie sind nicht nur in der Anstaltsversamm- 
lung, sondern oft auch in der Geschäftsleitung selbst unmittelbar vertreten, 
sie haben daher hier viel unmittelbareren Einfluß auf die Geschäftslührung 
als in den Staats- und Gemeindebetrieben einerseits, den Produktions- 
betrieben der Konsumgenossenschaften anderseits. Der Gedanke der un- 
mittelbaren Kontrolle der Industrie durch die in ihr tätigen Arbeiter und 
Angestellten hat hier eine über den Rahmen des Betriebsrätegesetzes 
weit hinausgehende Verwirklichung gefunden. Die Machtverhältnisse 
zwischen den drei Partnern der Gemeinwirlschaft sind in den einzelnen 

— 174 - 



Anstalten verschieden. In den Anstalten, die unmittelbar für den Bedarf 
öffentlicher Körperschaften arbeiten — so zum Beispiel in der Heilmittel- 
stelle oder in der Wiener Holz- und Kohlengesellschaft — überwiegt der 
Einfluß der öffentlichen Körperschaften, des Staates oder der Gemeinde. 
In den Anstalten, die unmittelbar für den Bedarf der Genossenschaften ar- 
beiten — so zum Beispiel in den Vereinigten Leder- und Schuhfabriken 
und in der Siedlungs- und Baustoffanstalt — überwiegt der Einfluß der Ge- 
jiossenschaften. In den Anstalten, die im freien Wettbewerb mit den kapitali- 
stischen Unternehmungen für den freien Markt arbeiten — wie vor allem 
die Österreichischen Werke — überwiegt der Einfluß der Gewerkschaften 
und der Betriebsräte. In allen Fällen aber ist die Gemeiuwirtschaft das 
Mittel gewesen, an die Stelle der bürokratischen Alleinherrschaft über die 
öffentlichen Betriebe ihre Mitverwaltimg durch proletarische Organisationen, 
durch Genossenschaften auf der einen, Betriebsräte und Gewerkschaften 
auf der anderen Seite zu setzen. Freilich, nicht durch proletarische Or- 
ganisationen allein. Denn in allen Anstalten finden wir neben der Groß- 
oinkaufsgesellschaft der Konsumvereine auch die von den landwirtschaft- 
lichen Genossenschaften mitkontrollierte Warenverkehrsstelle; damit hat 
der Gedanke der Kooperation der Arbeiter mit den Bauern, der der ersten 
Koalitionsregierung zugrunde lag, seine wirtschaftliche Anwendung ge- 
funden und damit wurde zugleich der Versuch unternommen, die Bauern 
für die „sozialisierten" Unternehmungen zu interessieren und sie dadurch 
für den Gedanken der Sozialisierung zu gewinnen. 

Die gemeinwirtschaftlichen Anstalten hatten und haben überaus große 
Schwierigkeiten zu überwinden. Die Betriebe, die sie übernommen haben, 
v.-aren ausschließlich der Befriedigung des Kriegsbedarfes angepaßt 
gewesen; sie können nur mit sehr großen Schwierigkeiten und Kosten auf 
die Friedensproduktion umgestellt werden. So haben zum Beispiel die 
österreichischen Werke eine große Kanonenfabrik übernommen; die Be- 
triebe, die nun nicht mehr zu ihrem ursprünglichen Zwecke verwendet 
werden können, mußten sie nun den verschiedensten neuen Zwecken 
anpassen. Aus der Kanonenfabrik gingen so allmählich eine W^erkzeug- 
maschinenfabrik, ein Jagdwaffenfabrik, eine Erzeugungsstätte landwirt- 
schaftlicher Maschinen, eine Kraftwagenfabrik, eine Bau- und Möbel- 
tischlerei hervor. Dabei fehlte es den Anstalten an Kapital, diese Umstellung 
schnell durchzuführen. Die Anstalten waren in einer Zeit schneller Geld- 
entwertung entstanden. In einer solchen Zeit muß jede industrielle Unter- 
nehmung ihr Betriebskapital immer wieder erhöhen. Die kapitalistische 
Aktiengesellschaft tut dies, indem sie von Zeit zu Zeit neue Aktien ausgibt 
und indem sie den Bankkredit stärker in Anspruch nimmt. Für die gemein- 
wirtschaftlichen Anstalten waren beide Wege nicht gangbar. Sie können 
natürlich keine Aktien ausgeben. Das Gesetz über die gemeinwirtschaft- 
lichen Unternehmungen hatte ihnen allerdings das Recht eingeräumt, fest- 
verzinsliche Obligationen auszugeben. Aber die Begebung festverzinslicher 
Obligationen ist in einer Zeit schneller Geldentwertung unmöglich. Der 
§ 8 des Gesetzes gab allerdings dem Staatssekretär für Finanzen das Recht, 
die Banken zu zwingen, daß sie einen vom Staatssekretär bestimmten Teil 
ihrer fremden Gelder und ihrer Reservefonds in Schuldverschreibungen der 
''emeinwirtschaftlichen Anstalten anlegen Aber die Regierungen haben sich 

— 175 — 



nie cnlschlosson, von diesem Recht Gebrauch zu machen. Aber auch in 
anderen Formen konnten die gcmeinwirtschaftlichcn Anstalten hin- 
reichenden Bankkredit nicht bekommen. Die Banken gewähren Kredit den 
Unternehmungen, an denen sie beteiligt sind und die sie kontrollieren; 
den Anstalten, die ihrer Kontrolle nicht unterworfen sind, verweigerten sie 
den Kredit um so melir. da die ständige feindliche Agitation der kapitali- 
stischen Presse das Vertrauen zu diesen Unternehmungen erschütterte. So 
waren die gemeinwirtschaftlichen Anstallen darauf angewiesen, immer 
wieder vom Staat Zuschüsse zu ihrem Betriebskapital zu verlangen. Infolge 
der Notwendigkeit, ihr Betriebskapital zu vergrößern, blieben sie auf 
Staatszuschüsse angewiesen, obwohl ihre Bilanzen schon am Ende des 
ersten Geschäftsjahres nicht unbeträchtliche I^einerträgnisse auswiesen. 
Der Staat aber, in ärgster Finanznot, konnte den Geldbedarf der Anstalten 
immer nur unzureichend befriedigen; dadurch wurde ihre Entwicklung, 
wurde besonders die Durchführung der zur Umstellung auf die Friedens- 
produktion erforderlichen Investitionen verlangsamt. Die Anstalten sahen 
sich gezwungen, einzelne ihrer Betriebe, die sie infolge ihrer Geldnot nicht 
in Gang setzen konnten, an gemischtwirtschaftliche Unternehmungen, die 
sie mit privaten Kapitalisten zusammen- begründeten, zu übertragen. So 
konnte zum Beispiel das Stahlwerk des Arsenals nur auf diese Weise in 
Gang gebracht werden. Auf diese Weise entwickelten sich mannigfache 
Verbindungen und Mischformen zwischen den gemeinwirtschaftlichen An- 
stalten und kapitalistischen Unternehmungen. Diese finanziellen Schwierig- 
keiten werden wohl überwunden werden, wenn der Geldwert nicht weiter 
sinkt. Aber erst die Erfahrung wird zeigen können, wie die noch nicht 
hinreichend gefestigten Anstalten die Gefahren der Absatzkrise bestehen 
werden, die der Stabilisierung des Geldwertes gefolgt ist. 

Aber wenn auch die Schwierigkeiten"" der Anfänge der Gemeinwirtschaft 
noch keineswegs als überwunden gelten können, so hat sich doch die 
gemeinwirtschaftliche Unternehmungsform der bürokratischen schon jetzt 
unzweifelhaft überlegen erwiesen. Die Kriegsindustriebetriebe gew^annen 
sofort ein ganz anderes Aussehen, sobald sie aus den Händen der büro- 
kratischen „Generaldirektion der staatlichen Industriewerke" in die Hände 
der gemeinwirtschaftlichen Anstalten übergingen. Die Leitung wurde kauf- 
männisch beweglich, die Produktion wurde in Gang gebracht, Arbeits- 
intensität und Arbeitsdisziplin wurden unter tätiger Mitwirkung der Be- 
triebsräte und Gewerkschaften schnell verbessert, die Betriebsdefizite, die 
unter der bürokratischen Leitung überaus groß gewesen waren, sehr 
schnell reduziert. Gelingt es, die Anstalten mit hinreichendem Betriebs- 
und Investitionskapital auszustatten, dann ist ihre Lebens- und Leistungs- 
fähigkeit nicht zu bezweifeln. 

Das Gesetz über die gemeinwirtschaftlichen Unternehmungen hatte den 
Anstalten auch die Möglichkeit zu sichern gesucht, ihren Einfluß über 
ihre eigenen Betriebe hinaus zu erstrecken, in die kapitalistischen Unter- 
nehmungen einzudringen. Der § 37 des Gesetzes gibt der Staatsverwaltung 
das Recht, bei der Gründung von Aktiengesellschaften und bei Kapitals- 
erhöhungen der Aktiengesellschaften eine Beteiligung am Gesellschafts- 
kapital bis zur Hälfte zu Bedingungen zu verlangen, die nicht ungünstiger 
sein dürfen als die bevorzugten Bedingungen, zu denen die neuen Aktien 

' _ 176 — 



^en Gründern der Aktiengesellschaft oder den Inhabern der alten Aktien 
überlassen werden. In einer Zeit, in der die Geldentwertung alle Aktien- 
•gosellschaften immer wieder zur Erhöhung ihres •Aktienkapitals zwang, 
konnte diese Bestimmung benützt werden, um einerseits dem Staat oder 
■den yom Staat errichteten gemeinwirtschaltlichen Anstalten Beteiligungen 
.an kapitalistischen Unternehmungen zu erzwingen, um anderseits den 
„Gründergewinn", der bei dem Bezug neuer Aktien zu den begünstigten 
Bedingungen erlangt wird, dem Privatkapital zu entziehen und ihn dem 
'Gemeinwesen zuzuführen. Die Finanznot hat es freilich dem Staat zunächst 
xmrnöglich gemacht, das Recht des § 37 wirksam auszunützen. Später aber 
hat die Gemeinde Wien den § 37 benützt, um Beteiligungen an vielen 
industriellen Unternehmungen zu erwerben; und auch den gemein- 
wirtschaftlichen Anstalten konnten mittels des § 37 in einigen Fällen Be- 
teiligungen an Aktiengesellschaften zu begünstigten Bedingungen erworben 
v/erden. So haben zum Beispiel die Vereinigten Leder- und Schuhfabriken 
Beteiligungen an einer großen Lederfabrik und an einer kapitalistischen 
Schuhfabrik erworben. Wenn erst einerseits die finanzielle Kraft der 
■gemeinwirtschaftlichen Anstalten stärker wird, anderseits die politische 
Macht der Arbeiterklasse die regelmäßige, planmäßige Anwendung des 
§ 37 durchsetzt, kann der § 37 zu einem Mittel werden, die kapitalistischen 
Unternehmungen selbst einer sich allmählich verstärkenden Kontrolle 
durch die gemeinwirtschaftlichen Anstalten zu unterwerfen. 

Die Gemeinwirtschaft ist heute schon in viele Industriezvv^eige einge- 
-drungen: in die Metall- und Maschinenindustrie durch die Öste-rreichischen 
Werke und die Steirischen Fahrzeugv/erke, in die chemische Industrie 
■durch die lieilmittelstelle und die Blumauer gemischtwirtschaftlichen Unter- 
nehmungen, in die Holzindustrie durch die Wiener Holzwerke, die von den 
Österreichischen Werken gemeinsam mit der Siedlungs- und Baustoff- 
anstalt begründet wurden und die Tischlerei im Arsenal betreiben, in die 
Textilindustrie durch die Wäsche- und Bekleidungs-A.-G., die Webereien 
in den ehemaligen Militärbetrieben in Brunn a. G. und in Fischamend in 
Gang gebracht hat, in die Bauindustrie durch die Siedlungs- und Baustoff- 
anstalt. So sind innerhalb aller dieser Industrien gemeinwirtschaftliche 
Kcin^iZellen entstanden, die, wenn sie hinreichende Wachstumse'nergie zu 
•entfalten vermögen, allmählich auf Kosten der kapitalistischen Industrie 
Raum gewinnen und die kapitalistische Industrie durchdringen können. 
Vor allem aber bieten die gemeinwirtschaftlichen Anstalten die Möglichkeit, 
allmählich die Methoden der gemeinwirtschaftlichen Verwaltung dieser 
Industriezweige zu erarbeiten und allmählich Staatsbeamte, Genossen- 
schafter und Gewerkschafter zur gemeinvv^irtschaftlichen Verwaltung dieser 
Industriezweige zu erziehen. Und das ist wohl die wichtigste Funktion 
dieses gemeinwirtschaftlichen Aufbaus im Entwicklungsgang zu einer 
sozialistischen Gesellschaftsordnung. Die Arbeiterklasse kann nicht, ohne 
die Produktion zu zerstören, die Kapitalisten expropriieren, solange sie 
nicht selbst die Fähigkeiten besitzt, .die expropriierten Produktionsmittel 
zu verwalten; diese Fähigkeiten zu entwickeln, die Methoden zweckmäßiger 
gemeinwirtschaftlicher Verwaltung der Industrie zu finden^ einen zu dieser 

— 177 - 



Aufgabe der Gemeinwirlschaft, die sich im Srlioße der kapitalisüschen 
Gesellschaft entwickelt. 

Der stürmischen Zeit, in der das Gesetz über die genieinwirlschaftlichen 
Unternehmungen entstanden ist, konnte freilich eine so langsame Ent- 
wicklung der Elemente der sozialistischen Zukunft nicht genügen. In den 
Winter- und Frühjahrsmonaten 1919, in der Zeit der großen Kämpfe um 
Rätediktalur und Sozialisierung in Deutschland, in der Zeit der Räte- 
diktatur in Ungarn, drängten die Massen auch in Deutschösterreich nach 
der Sozialisierung der Privatindustrie und auch wir konnten nicht voraus- 
sehen, ob nicht Siege der Sozialisierungsbewegung in den Nachbarstaaten 
auch in unserem Lande die Soziahsierung einzelner Zweige der Produktion 
mäglich und notwendig machen werden. In der Sozialisierungskommission 
und in ihrem Büro wurden unter der Leitung des Heidelberger Professors 
Emil Lederer Projekte für die Sozialisierung einzelner Produktionszweige 
ausgearbeitet. Wir nahmen zunächst die Sozialisierung der großen Eisen- 
industrie, des großen Forstbesitzes, des Großhandels mit Kohle und des 
Kohlenbergbaus in Aussicht und entwarfen ein Projekt, den Ausbau der 
Wasserkräfte in gemeinwirtschaftlichen Formen durchzuführen. Das 
Gemeinwesen sollte also zunächst die Verfügung über die beiden widitigstcn 
Rohstoffe, Eisen und Holz, und über die beiden wichtigsten Energiequellen, 
Kohle und Wasserkraft, an sich ziehen. Aber schon im Verlauf -des 
Sommers 1919 wurde immer deutlicher erkennbar, daß sich der Ver- 
wirklichung dieser Projekte unüberwindliche Hindernisse entgegentürmten. 

Der Widerstand der Kapitalisten gegen die Expropriation einiger 
Produktionszweige fand zunächst im Länderpartikularismus einen 
mächtigen Bundesgenossen. Die Landesregierungen von Steiermark und von 
Kärnten verlangten, daß die Eisenindustrie nicht durch den Staat soziali- 
siert, sondern verländert werde. Alle Landesregierungen erklärten, daß ein 
jedes Land allein über seine Wasserkräfte verfügen könne. Der Soziah- 
sierung des Forstbesitzes stellten die Länder ganz entgegengesetzte Pläne 
gegenüber; sie gingen daran, durch Landesgesetze die bäuerlichen 
Servituten' auf den Staatsforsten gegen Abtretung von Boden abzulösen, 
also die Forste, siatt sie zu soziahsieren, auf die Bauern zu verteilen. 
Dieser Widerstand der Länder hat die Verhandlungen über die Soziali- 
sierung gerade in der für sie günstigsten Zeit in die Länge gezogen. In- 
dessen aber wurden viel schwerere Hindernisse anderen Ursprungs wirksam. 

Wir hatten als erste Aktion die Sozialisierung der Eisenindustrie ins 
Auge gefaßt; sie mußte mit der Sozialisierung der Alpinen Montangesell- 
schaft beginnen. Die Bedingungen für sie waren günstig. Die Prager Eisen- 
industriegesellschaft hatte ihren Besitz an Alpineaktien abgestoßen; die 
Gesellschaft war nunmehr zur Gänze im Besitz deutschösterreichischer 
Kapitalisten, Der Kurs der Aktien war sehr niedrig; wir wären bei voller 
Entschädigung der Aktionäre sehr billig in den Besitz des Unternehmens 
gekommen. Aber die bereits in Angriff genommene Aktion wurde durch 
eine Gegenaktion, die von einem Mitglied der Regierung selbst ermöglicht 
und gefördert wurde, durchkreuzt. Professor Schumpeter, der Staats- 
sekretär für Finanzen der ersten Koalitionsregierung, war ein entschiedener 
Anhänger der Sozialisierung gewesen. Er hatte in den ersten Revolutions- 
wochen mit dem Bolschewismus kokettiert, hatte dann an den Arbeiten der 

— 178 — 



Berliner Sozialisierungskommission regen- Anteil genonamsn und hatte 
damals in Berlin, aber auch später noch, in der Zeit der ungarischen Räte- 
diktatur, in Wien die Sozialisierungspolitik der Sozialdemokratie nicht 
selten als nicht energisch und nicht radikal genug bekämpft. Aber sehr 
bald vollzog er eine vollständige Wendung. Er hatte Beziehungen zu dem 
Wiener Bankier Richard Kola angeknüpft; Kola unternahm in Schumpeters 
Auftrag eine Stützungsaktion für die deutschösterreichische Krone und 
kaufte für das Staatsamt für Finanzen ausländische Zahlungsmittel auf. 
In Schumpeters Auftrag fuhr Kola nach Zürich; dort vereinbarte er mit 
einer italienischen Finanzgruppe eine große Transaktion: Kola begann die 
Aktien der Alpinen Montangesellschaft für eine italienische Finanzgruppe 
aufzukaufen. Schumpeter unterstützte diese Aktion seines Bankiers, weil 
Kola die Lire, die er für die Alpineaktien löste, dem Finanzamt ablieferte, 
das ausländische Zahlungsmittel zur Bezahlung der Lebensmittel- und 
Kohlenbezüge dringend brauchte. Schumpeter unterstützte diese Aktion, 
■obwohl er wußte, daß wir die Sozialisierung der Alpinen Montangesellschaft 
in Aussicht genommen hatten. Er unterstützte sie, ohne die anderen 
Regierungsmitglieder von ihr zu verständigen. Wir erfuhren von der ganzen 
Transaktion erst, als ihr Fortgang nicht mehr zu hindern war. Dieses Vor- 
gehen Schumpeters führte zu einem heftigen Konflikt innerhalb der Koali- 
tionsregierung, in dem Schumpeter die Unterstützung der Wiener 
Christlichsozialen suchte und fand; dieser Konflikt endete damit, daß 
Schumpeter bei der Wahl der zweiten Koalitionsregierung ausgeschieden 
wurde. Da« Ergebnis dieser Aktion Schumpeters aber war, daß uns 
in der Alpinen Montangesellschaft nunmehr ausländisches Kapital 
gegenüberstand. Nun trat der italienische General, der an der Spitze 
der interalliierten Waffenstillstandskommission in Wien stand, ganz 
offen als Sachwalter der italienischen Aktionäre der Alpinen Montan- 
gesellschaft auf. Als die deutschösterreichische Regierung junge Aktien, 
die die Alpine Montangesellschaft ausgegeben hatte, auf Grund des § 37 
des Gesetzes über die gemeinwirtschaftUchen Unternehmungen be- 
anspruchte, erzwang die italienische Regierung den Verkauf der 
angeforderten Aktien an eine italienische Bankengruppe. So war an die 
Sozialisierung der Alpinen Montangesellschaft nicht mehr zu denken, 
sobald sie in italienische Hände gefallen war. Der dem Ausland gegenüber 
so schwache Staat konnte es nicht wagen, ausländische Kapitalisten zu 
enteignen. 

Aber auch unsere anderen Sozialisierungsprojekte stießen auf Hinder- 
nisse, die im Ausland ihren Ursprung hatten. Die Sozialisierung der Kohlen- 
wirtschait hätte in Deutschösterreich nicht von unserem Kohlenbergbau, 
der ja nur einen kleinen Teil des Bedarfes deckt, sondern von dem Groß- 
handel mit Kohle ausgehen müssen. Die in der Kriegszeit geschaffene 
Kohlenbewirtschaftung hätte von einer gemeinwirtschaftlichen Anstalt 
übernommen werden müssen. Indessen war die staatliche Kohlen- 
bewirlschaftung damals nicht imstande, den Kohlenbedarf zu decken, 
während sich private Unternehmer durch Ausnützung individueller 
geschäftlicher Beziehungen in der Tschechoslowakei und in Oberschiesien 
auf Schleichwegen Kohle beschaffen konnten, die dem Staat nicht er- 
reichbar war. Insbesondere die Handelsunternehmungen, an denen die 



obcrscl)lesischen Kohlengroßhändler selbst beteiligt waren, waren für 
unsere Kohlenversorgung kaum enlluiirlicli. Unter diesen Vcrliällnissen 
halte die Monopolisierung des Kohlenhandels durch erne gemeinwirtschaft- 
liche Anstalt unsere Kohlenversorgung nm- verschlechtern können. Sie 
mußte daher vertagt werden. 

Der Ausbau der Wasserkräfte war ohne Heranziehung ausländischen 
Kapitals nicht möglich. Wir glaubten zuerst, die gesamte Elektrizitäts- 
wirtschaft einer gemeinwirtschaftlichen Anstalt übertragen zu können, die 
dann zum Ausbau und Betrieb der einzelnen Wasserkräfte gemischt- 
wirtschaftliche Unternehmungen mit lleranziehun;? ausländischen Kapitals 
bilden sollte. Aber alle Verhandlungen mit ausländischen Kapitalisten be- 
wiesen, daß das ausländische Kapital selbst einer solchen Sozialisierung 
argwöhnisch gegenüberstand. Man glaubte daher, die Sozialisierung der 
Wasserkräfte nicht wagen zu können, ohne den Ausbau der Wasserkräfte 
zu gefährden. 

Alle diese äußeren Hindernisse der Sozialisierung waren auf eine ge- 
meinsame Hauptursache zurückzuführen. Seit der Aufhebung der Blockade 
war unsere Wareneinfuhr aus dem Ausland bedeutend gestiegen. Aber die 
Zerrüttung unserer Produktion machte es unmöglich, so viel auszufü^iren, daß- 
wir mit dem Erlös unserer Ausfuhr die eingeführten Waren hätten bezahlen 
können. Konnten wir die Einfuhr nicht mit der Ausfuhr unserer Produkte, 
so mußten wir sie mit dem Verkauf unserer Produktionsmittel bezalilen. Es 
war unvermeidlich, daß deutschöslerreichische Aktien und Unternelimungenr 
an das Ausland verkauft werden; unvermeidlich, daß ausländisches 
Kapital in unsere Produktion eindringt. Das Passivum unserer Zahlungs- 
bilanz mußte durch Kapitalsimport gedeckt werden. Jede Expropriation des 
Privatkapitals aber mußte den für unsere Volkswirtschaft unentbehrlichen 
Kapitalsiniport gefährden. Man konnte nicht erwarten, daß Ausländer unsere 
Aktien und Unternehmungen kaufen, ihr I\apital in unsere Industrie an- 
legen, wenn sie befürchten. mußten, hier enteignet zu werden. So fand der 
Widerstand der heimischen Kapitalisten gegen die Sozialisierutig ihrer 
Produktionsmittel eine starke Unterstützung in dem realen Bedürfnis einer 
Volkswirtschaft, die den Zustrom des ausländischen Kapitals nicht ent- 
behren konnte. Dieser Widerstand wurde daher desto stärker, je deutlicher 
seit der Aufhebung der Blockade dieses reale Bedürfnis erkennbar wurde. 

Ein unbedingtes Hindernis jeder Sozialisierung der Privatindustrie war 
die Notwendigkeit des Kapitalsimports gewiß nicht. Hätte die mächtige Be- 
wegung, die aus dem Kriege hervorgegangen war, auch in den anderen 
Ländern die Sozialisierung einzelner Produktionszweige durchgesetzt, dann 
hätte auch die Sozialisierung einzelner Produktionszweige in Deutsch- 
österreich den notwendigen Kapitalsimport nicht hemmen müssen, wenn 
sie nur, wie wir das ja in Aussicht genommen halten, in rechtlichen Formen- 
und gegen angemessene Entschädigung durchgeführt worden .wäre und sich 
auf wenige, im voraus bestimmte Produktionszweige beschränkt, alle 
anderen aber der freien Bewegung des Marktes überlassen hätte. Sobald 
aoer die Westmächte die soziale Krise der Demobilisierungsmonate über- 
wunden hatten und sobald im Deutschen Beiche die Reichswehr die 
revolutionären Bewegungen der Arbeiter niedergeworfen, das Proletariat in 
die D"fefensive gedrängt und damit die Sozialisierung auch dort von der 

— 180 — 



Tagesordnung abgesetzt hatte, sobald sich also in ganz West- und Mittel- 
europa der Kapitalismus wieder befestigt, den Ansturm des Sozialismus 
abgewehrt hatte, galt nun freilich wieder jede Sozialisierung eines ein- 
zelnen Industriezweiges, sei es auch in allen Formen Rechtens und gegen 
volle Entschädigung der Eigentümer, als „Bolschewismus". Nun freilich 
konnte der abhängigste, auf den Kapitalzufluß aus dem Ausland am 
stärksten angewiesene Staat Europas keine Expropriation mehr wagen, 
wenn er sich nicht selbst den zur Deckung seiner Lebensmittel-, Kohlen- 
und Rohstoffbezüge erforderlichen Zufluß ausländischen Kapitals sperren 
wollte. Daher erstarkte im Sommer 1919 der Widerstand gegen alle 
Sozialisierungsbestrebungen überaus schnell; sobald dann die ungarische 
Rätediktatur zusammengebrochen war, war es offenkundig, daß nun keine 
Aussicht mehr bestand, die Sozialisierung durchzusetzen. 

In seinen „Klassenkämpfen in Frankreich" kritisiert Marx die Illusionen 
der Pariser Arbeiter von 18-i8, die meinten, „innerhalb der nationalen 
Wände Frankreichs eine proletarische Revolution vollziehen zu können. 
Aber die französischen Produktionsverhältnisse sind bedingt durch den 
auswärtigen Handel Frankreichs, durch seine Stellung auf dem Weltmarkt, 
und die Gesetze desselben." Aber wenn es wahr ist. daß selbst den 
Produktionsverhältnissen des Frankreich von 1848 der Weltmarkt seine 
Gesetze aufzwang, wie erst den Produktionsverhältnissen des auf ausländische 
Lebensmittel und ausländische Kohle, auf ausländische Kredite und auf den 
Zufluß ausländischen Kapitals angewiesenen Deutschösterreich von 1919! 
Innerhalb der allzu engen und allzu brüchigen „nationalen Wände" 
Deutschösterreichs war die soziale Revolution gewiß nicht zu vollziehen. 
Wir hatten auch hier um die Sozialisierung kämpfen müssen, solange auch 
nur die geringste Hoffnung bestand, daß die aus dem Kriege geborene 
mitteleuropäische Revolution über den Rahmen der bürgerlichen Eigentums- 
ordnung hinwegschreiten, zur „Expropriation der Expropriateurs" fort- 
schreiten werde. Sobald es gewiß waT, daß sich der Kapitalismus nicht nur 
in den Siegerländern, sondern auch in den revolutionierten mittel- 
europäischen Staaten behauptet und befestigt hatte, mußten wir den Kampf 
um die Expropriation der Privatindustrie einstellen und unsere Soziali- 
sierungsaktion auf den Aufbau der Gemeinwirtschaft auf der engen Basis 
der Überbleibsel der staatlichen Kriegsindustrie beschränken. 

Unser Kampf um die Sozialisierung war darum nicht erfolglos ge- 
blieben. Es ist ein Gesetz, jeder Revolution, daß sie sich Ziele^über das int 
Augenblick Erreichbare hinaus setzen muß, um auch nur das Erreichbare 
durchzusetzen. Nur der Generalangriff, den die Arbeiterklasse gegen das 
kapitalistische System überhaupt führte, indem sie nach der Expropriation 
des Kapitals drängte, konnte den Kapitalismus so schwer erschüttern, daß 
er die weitestgehenden Zugeständnisse machen mußte, die innerhalb des 
kapitalistischen Systems überhaupt noch möglich sind. Die gewaltig ge- 
stärkte Machtstellung der Arbeiterschaft in den Betrieben, die Umwälzung 
des Arbeiterrechtes und der Arbeiterschutzgesetzgebung, die neue demo- 
kratische Arbeitsverfassung, die sich in den Betriebsräten und Personal- 
vertretungen verkörpert, die Ersetzung der bürokratischen Betriebsver- 
waltung durch gemeinwirtschaftliche Anstalten, so tiefgreifende Eingriffe 
in die Souveränität des Kapitals, wie es die zwangsweise Einstellung von. 

— 181 — 



JVrboilslosen in die Betriebe oder wie es die §§ 8 ui)d 37 des Gesetzes über 
die gcnieinwirljichafllichen Unternehmungen waren — das sind die realen 
Ergebnisse unseres Kampfes um die Sozialisicrung. Das kapitalisliselie 
System selbst konnten wir freilieli nicht sprengen. In derselben Zeit, in der 
•unsere nationale Revolution, auf den sieghaften Im[)erialisnius Frankreichs 
gestoßen, mit der „westlichen Orientierung" dem Ziel des Anschlusses an 
Deutschland entsagen mußte, mußte unsere soziale Revolution, dem wieder 
befestigten Kapitalismus in ganz West- und ganz Mitteleuropa gegenüber, 
dem Ziel der sofortigen Expropriation der Expropriateurs entsagen. Es war 
eine bürgerlich« Revolution, was sich rings um Deutschüsterreicli voll- 
zogen hatte; im Rahmen der bürgerlichen Revolution rings um uns konnte 
sich nicht die sozialistische Revolution in unserem kleinen und schwachen 
Lande vollziehen. Aber konnte auch unsere Revolution die Kapitals- 
lierrschaft über die Produktion nicht brechen, so hat sie doch in die kapita- 
listische Produktionsverfassung Keimzellen der sozialistischen Produktions- 
verlassung der Zukunft eingefügt, Elemente einer die Selbstbestimmung der 
Arbeiterklasse in ihrem Produktionsprozefi verwirklichenden Produktions- 
verfassung, die, wie vor allem die Betriebsräte und die gemeinwirtschaft- 
lichen Anstalten, die in ihnen liegenden Keime nur zur l^lnlwicklung 
■iDringen müssen, um die Herrschaft des Kapitals allmählich einzudämmen 
•und schließlich zu sprengen. 



§ 12. Der Staat und die Arbeiterklasse. 

Liieralur: 

Bericlile der Parteivertrelung der sozialdemokraüschen Arbeiterpartei Deutsch 
Österreichs an die Parteitage 1919 und 1920. — Stärke und Leistungsfähigkeit der 
•Gewerkschaften Deutschösterreichs im Jahre 1919. „Die Gewerkschaft", 192ö. 

Über die Siedlungsbewegung: Neurath, Gildensozialismus, Klassenkampf, Voll- 
sozialisierung. Anhang: Siedlungs-, Wohnungs- und Baugilde Österreichs. 
Dresden 1922. — Ellenbogen, Fortschritte der Gemeinwirtschaft in Österreich. 
Wien 1922. 

Ausführungen des Unterstaatssekretärs für Unterricht über den Stand der 
Schulreform in den Sitzungen des Ausschusses für Erziehung und Unterricht am 
22. April, 23. Juli, 22. Oktober 1919, 12. Februar und 15. Juh 1920. — Glöckel, 
.Schulreform und Volksbildung in der Bepublik. Wien 1919. — Burger, Bilanz der 
Glöckelschen Schulreform. „Monatshefte für pädagogische Reform", 1920. — 
Lehmann, Deutschösterreich bei Aufbau und Abbau. „Deutsche Schule", 1922. — 
j, Volkserziehung", Zeitschrift des Unterrichtsamles, Wien 1919 ff. 

Die Revolution hatte den militärischen Herrschaftsapparat, der die Ar- 
Ijeiterklasse niedergehalten hatte, zerschlagen. Die Arbeiterklasse war frei 
geworden. Keine bewaffnete Gewalt hielt das Proletariat nieder. Aber die 
Revolution hatte zugleich auch das alte österreichisch-ungarische 
Wirtschaftsgebiet aufgelöst. Sie hatte damit Deutschösterreich in furcht- 
bares Elend, in drückende Abhängigkeit vom Auslande gestürzt. Das war 
der zwiefache innere Widerspruch der deutschösterreichischen Revolution: 
der Widerspruch zwischen der starken politischen Macht der Arbciler- 
-klasse und ihrem furchtbaren wirtschaftlichen Elend; der Widerspruch 

— 182 — • ■ 



zwischen der Freiheit der Arbeiterklasse im Innern und ihrer drüclvenden 
Abhängigl^eit von dem kapitalistischen Ausland. 

Dieser Widerspruch konnte nur gelöst werden durch die Selbst- 
beschränkung des Proletariats; nur dadurch, daß sich das Proletariat selbst, 
aus eigener Erkenntnis und eigenem Willen, im Gebrauche seiner Freiheit, 
im Gebrauche seiner Macht die Selbstbeschränkung auferlegte, die not- 
wendig war, wenn es nicht in einen Konflikt mit dem Ausland geraten 
sollte, der die Hungerkatastrophe, die Invasion, den Untergang der jungen 
Freiheit herbeigeführt hätte. 

Die Eisenbahner, die Arbeiter der lebensnotwendigen Betriebe hätten 
dem Staat durch große Massenausstände alles, was sie nur begehrten, auf- 
zwingen können. Es gab ja keine Gewalt, sie zur Versehung ihres Dienstes 
zu zwingen; keine Technische Nothilfe, ihre Arbeitskraft zu ersetzen. Keine 
Gewalt, sondern nur eigene Einsicht konnte sie dazu bestimmen, ihre 
Forderungen darauf zu beschränken, was der arme Staat leisten konnte, 
ohne die ganze Volkswirtschaft zu zerstören. 

In den Kasernen war die tatsächliche Macht nicht in den Händen der 
Offiziere, sondern in den Händen der Soldatenräte. Keine militärisctie 
Zwangsgewalt stellte die Volkswehr in den Dienst der Koalitionsregierung. 
Nur solange Soldatenräte und Volkswehrmänner überzeugt waren, daß der 
Weg der Koalitionsregierung der allein mögliche, der notwendige war, 
stellte die von revolutionärem Geist, von proletarischem Klassenbewußtsein 
erfüllte Volkswehr ihre Waffen in den Dienst der Regierung. 

Arbeiter und Soldaten hätten jeden Tag die Diktatur des Proletariats 
aufrichten können. Es gab keine Gewalt, sie daran zu hindern. Nur ihre 
eigene Einsicht, daß dem roten Terror unter den gegebenen internationalen 
Bedingungen unvermeidlich der weiße Terror folgen werde, konnte sie vor 
dieser Versuchung bewahren. 

Jede Revolution hat ihren Gang gegen Massen verteidigen müssen, die, 
von revolutionären Illusionen erfüllt, von revolutionären Leidenschaften 
getrieben, über das unter den gegebenen sozialen Bedingungen Mögliche, 
über das unter den gegebenen historischen Bedingungen Erreichbare und 
Behauptbare hinauszustürmen versuchten. Aber die Koalitionsregierung 
der deutschösterreichischen Revolution besaß keine Gewaltmittel, von 
revolutionären Leidenschaften erfüllte Massen niederzuwerfen. Die deutsch- 
österreichische Revolution mußte in Hungersnot und Invasion untergehen, 
wenn sich die revolutionären Massen nicht selbst die Beschränkung auf- 
erlegten, sich mit dem wirtschaftlich Möglichen, mit dem unter den ge- 
gebenen internationalen Machtverhältnissen Erreichbaren und Behaupt- 
baren zu begnügen. 

Das war das eigentliche, das schwierigste Problem der Revolution: 
hungernde, verzweifelnde, von allen Leidenschaften, die der Krieg und die 
Revolution aufgewühlt hatten, bewegte Massen nicht mit Gewaltmitteln 
niederzuhalten, sondern mit geistigen Mitteln dazu zu bestimnien, daß sie 
aus freiem, aus eigener Erkenntnis stammenden Entschlüsse die Grenzen 
nicht überschreiten, die das wirtschaftliche Elend und die wirtschaftliche 
und militärische Ohnmacht des Landes der Revolution setzten. 

Das war die Eigenart des Regierens der Revolutionsregierung: sie 
konnte nicht, wie alle Regierungen vor und nach ihr, regieren durch Ge- 

— 183 — 



wall, die die Regierten im Gehorsam crliäll; sie homile nur iiiil fjelstigen 
MiUelu reftiei-en: regieren mittels der lu'weckun?; der Einsiclit der Massen, 
r.'.'ilels des Appells an ihr Verständnis der La?:e des Landes, mittels des 
Api<'lls an ihr Vcraütwtirtliehkeitssiefülil, 

Konnte die Hej-MerunR nur mit geistigen Mitteln die Massen führen, so 
kcmnte sie sie nur durch die großen gesellschaftlichen Organisationen 
führen. Dies setzte voraus, daß die Regierung im engsten EinvcTnehmon 
mit den Organisationen luindelte, keine wichtige Regierungshandlang 
ohne Einvornehmen mit ihnen setzte. Nur der Einfluß der Soldatenräte 
auf die Wehrmänner sicherte den Refehlen des Staatssekretärs für Heer- 
wesen Gehorsam, darum konnte der Staatssekretär für Heerwesen seine 
]h\!.Merungsgcsclfäfte nicht anders führen als im ständigen Einvernehmen 
mit den Soldatenräten. Nur der Einfluß der Gewerkschaften und der 
Pi'rsonalvertretungen der Eisenbahner, der Postler, der Telegraphen- und 
Telephonangestellten verbürgte die ungestörte Aufrechterhaltung des 
Verkehrs; darum konnte der Staatssekretär für Verkehrswesen sein Amt 
Glicht anders vervvalten als im engsten Einvernehmen mit den Gew.erlc- 
schaften und Personalvertretungen. Wenn die Nahrungsmittel-,- die Kohlen- 
2usehübe stockten, wenn sich die Arbeiter bald da, bald dort gegen die 
furclitbare wirtschaftliche Not auflehnten, dann konnte nur der Arbeiterrat 
die erregten Massen beruhigen; der Staatssekretär für Inneres konnte 
■daher seine Amtsgeschäfte nicht anders führen als im engsten Ein- 
vernehmen mit den Arbeiterräten. Ebenso konnte das Staatsamt für soziale 
Verwaltung nur im engsten Einvernehmen mit den Gewerkschaften, das 
Staalsamt für Volksernährung nur im engsten Einvernehmen mit den 
Konsumgenossenschaften verwaltet werden. So gewannen die Organi- 
>ationen bestim.menden Einfluß auf die ganze Staatsverwaltung. Eß war die 
zwingende Maxime dieses Regierens: keine Regierungshandkmg zu 
:setzen ohne Einvernehmen mit der Organisation der durch diese Regierungs- 
handlung unmittelbar Betroffenen. 

Öamit aber veränderte sich auch die Funktion der Organisationen. 
Entschieden die Organisationen über alle wichtigen Regierungshandlungen 
mit, so mußten sje diese Regierungshandlungen vor der Masse verant- 
worten. Setzten die Organisationen in täglichen Verhandlungen mit der 
Regierung durch, was möglich, was erreiclibar war, so lag es ihnen ob, in 
•den Massen Forderungen nach Unmöglichem, Unerreichbarem abzuwehren. 
War einerseits die Regierung zum Vollzugsorgan des Willens der Organi- 
sationen geworden, so mußten anderseits die Organisationen zu den 
Organen werden, durch die die Regierung die Massen beherrschte. So waren 
-die Sozialdemokratie und die Gewerkschaften, die Soldatenräte und die 
Arbeiterräte Teilhaber an der Regierungs'gewalt und Organe der Regierungs- 
gewalt zugleich. 

Die Struktur der Sozialdemokratie und der Gewerkschaften hatte sich 
vollständig verändert. Die Revolution führte ihnen neue Massen zu. Die 
Sozialdemokratie hatte im .Jahre 1913 in den deutschen Gebieten Inner- 
■östcrrcichs 91 900 Mitglieder. Im Jahre 1919 waren es 332.391. Die Gewerk- 
schaften hatten in demselben Gebiet im .lahre 1913 253.137 Mitglieder, im 
Jahre 1919 772.146. Zwei Drittel der Partei- und der GewerkschaTts- 

— 184 — 



mitgliedschaft waren ncii gewonnene, erst nach der Oktoberrevolution zu- 
den alten Kaders gestoßene Genossen. Die Gleichgültigen, die vor dem 
Kriege an der Arbeiterbewegung keinen Anteil genommen; die Unter- 
würfigen, die der Fabriksfeudalismus vor dem Kriege in die gelben Gewerk- 
schaften hineingezwungen hatte; die Angestellten, die sich vor dem Kriege 
von den Arbeitern abgesondert hielten — sie alle waren nun der Partei und 
den Gewerkschaften zugeströmt. Politisch , und gewerkschaftlich un- 
erfahrene und ungeschulte Massen füllten die Organisationen. 

Mit der Struktur hatte sich aber auch die Funktion der Partei und der 
Gewerkschaften verändert. Vor dem Kriege und während des Krieges war 
CS unsere wichtigste Aufgabe, die Massen zu revolutionieren: die Unter- 
w^ürfigen aus dem ererbten Untertanenglauben an die Obrigkeit im Staat 
und in der Fabrik herauszureißen, die Kleinmütigen zu der Erkenntnis 
der Kraft, die die Organisation der Masse verleiht, zu führen, in den 
Zaghaften Kampfeswillen, Mut und Opferwilligkeit zu wecken. In der 
Revolution und nach der Revolution fiel uns eine ganz andere, eine 
geradezu entgegengesetzte Aufgabe zu. Nun galt es, die Massen, die der 
Zusammenbruch des alten Herrschaftsapparats mit überschwenglichem 
Kraftbewußtsein erfüllt hatte, besonnenen Gebrauch ihrer Kraft zu lehren. 
Nun galt es, zu verhüten, daß die neuerrungene Freiheit der durch 
vierjährigen Krieg verrohten Massen zu zügelloser Gewalttätigkeit 
entarte; daß die furchtbare Not der Massen sie zu blindem, selbst- 
mörderischem Darauf losschlagen verführe; daß die durch die Revolution 
hervorgerufenen Rlusionen die Massen zu Taten, die sie selbst zum Unter- 
gang geführt hätten, verleiten. Wir mußten vor der Revolution „Hetzer",, 
wir mußten in der und nach der Revolution ,, Bremser" sein. Die neue 
Aufgabe war leicht, wo wir unseren alten, gut geschulten, disziplinierten,, 
in jahrzehntelangen Kämpfen mit Vertrauen zur Führerschaft erfüllten 
Kaders gegenüberstanden ; sje wurde ungleich schwerer, w^o wir den 
neugewonnenen Massen gegenübertreten mußten, denen noch jede politische 
und gewerkschaftliche Schulung fehlte. 

Das nun war ^ der Mechanismus des Regierens: Alle wichtigen 
Regierungshandlungen wurden von den sozialdemokratischen Mitgliedern 
der Regierung mit den Leitern der großen proletarischen Organisationen,, 
mit den führenden Organen der Partei und der Gewerkschaften, der 
Arbeiter- und der Soldatenräte vereinbart. Den sozialdemokratischen 
Regierungsmitgliedern fiel dann die Aufgabe zu, das Vereinbarte im Schöße 
der Koalitionsregierung und in der Nationalversammlung durchzusetzen. 
Die Leiter der proletarischen Organisationen aber mußten für den 
Regierungskurs, den sie mit den Regierungsmitgliedern vereinbart hatten,, 
das Einverständnis der Masse gewinnen, die Masse selbst zum Verzicht 
auf die über das Vereinbarte hinaus drängenden Forderungen bewegen. 
Die Leiter der proletarischen Organisationen mußten zuerst Verständnis 
und Zustimmung der Vertrauensmänner gewinnen: der Partei- und der 
Gewerkschaftsvertrauensmänner, der Arbeiter- und der Soldatenräte. Und 
diese Vertrauensmänner erst hatten dann die schwierigste und die wichtigste 
Arbeit zu leisten: in Betriebs- und Kasernenversammlungen vor der Masse 
selbst die Politik der Organisationen durchzusetzen. Da stand vor der wild 
erregten Masse ein Parieivcrtrauensmann, ein Betriebsrat, ein Soldatenrat 

— 185 — 



nuf dor Rednertribüne. Die Masse war im 7:11 frieden. Die Masse fordorte 
mehr, als dor Verlrnuensniann bringen konnte. Die Masse schrie nach 
srewallsainer l\ntscheidung. Der Vertrauensmann sprach von der wirtschaft- 
lichen Not der Republik, von ihrer Abhängigkeit vom. Ausland, von den 
Gefahren des Kftnflikts mit den überni<ächtigen ausländischen Kapitals- 
inächten. Hunger, Verzweiflung, Leidenschaft im -Saal; Einsicht in das 
wirtschaftlicli Mögliche, Erkenntnis der internationalen Bedingtheit der 
Revolution. Mahnung zur Besonnenheit und Verantwortlichkeitsgefühl auf 
der Rednertribüne. Es war ein schwerer Kampf; ein Kampf, der an die 
Vertrauensmänner nicht nur die höchsten intellektuellen, sondern vor 
allem die höchsten moralischen Anforderungen stellte: die Fähigkeit, sich 
um der großen Sache willen den eigenen Genossen furchtlos entgegen- 
zustellen, Beschimpfungen, Anklagen, zuweilen selbst Bedrohungen, ja 
Mißhandlungen durch die erregten Menschen zu ertragen und doch 
unerschüttert, in zähem Kampfe gegen Verzweiflung urvd Erregung 
das als notwendig Erkannte schließlich durchzusetzen. Friedrich Adler, 
dem seine revolutionäre Tat höchste Popularität geworben, hat in solcher 
Stunde gesagt: ,,Die Popularität ist ein Kapital, das nur dazu verwendet 
werden darf, konsumiert zu werden." Nach dieser höchsten moralischen 
Maxime haben nicht nur die paar Dutzend Partei- und Gewerkschafts- 
beamten, nein, nach ihr haben viele Tausende schlichter Vertrauensmänner, 
Betriebsräte, Arbeiter- und Soldatenrätc gehandelt. 

In solchen Betriebs- und Kasernenversammlungen ist die große Ver- 
-suchung des Bolschewismus abgewehrt worden. In solchen Betriebs- 
versammlungen ist allmählich die Wiederherstellung der aufgelösten 
Arbeitsdisziplin durchgesetzt worden. In solchen Betriebsversammlungen 
wurden wilde Streiks beigelegt, wurden, wenn Hunger und Erregung die 
Masse zu Gewalttaten und Ausschreitungen verleitet hatte, Disziplin und 
Ordnung wiederhergestellt. Die Geschichte der Betriebs- und Kasernen- 
versammlungen — sie ist die innere, geistige Geschichte der deutsch- 
österreichischen Revolution; der Bourgeoisie gegenüber, die diesen großen 
Prozeß der geis'igen Selbstbeherrschung, Selbstüberwindung der Arbeiter- 
Idasse kaum bemerkt, gewi-ß nie verstanden hat, ihre Geheimgeschichte. 

In der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung von 1776 ist die Demo- 
kratie definiert worden als das System des Regierens im Einvernehmen mit 
■den Regierten. Nie und nirgends ist die Demokratie in diesem Sinne voll- 
kommener verwirklicht worden als in dieser ersten Phase der deutsch- 
österreichischen Revolution. Denn ihre Regierung, alle Gewaltmittel gegen 
die Regierten entbehrend, konnte gar nicht anders regieren, als indem sie 
sich täglich und stündlich das Einvernehmen mit den Regierten mühevoll 
erarbeitete. Es war die Schwäche der aus der Revolution hervorgegangenen 
Staatsgewalt, die ihr diese Regierungsmethoden aufzwang. Sie mußte mit 
diesen Methoden zu regieren versuchen unter den denkbar ungünstigsten 
Bedingungen: in einer Zeit außerordentlich schwerer Massennot, in einer 
Zeit außerordentlich großer Massenerregung, in einer Zeit, in der ein großer 
Teil der Massen durch vierjährigen Krieg demoralisiert war. Der Versucli 
konnte nur um den Preis manches schweren Opfers, auch manches Opfers 
Kies Intellekts, gelingen. Aber er ist gelungen. Daß er gelungen ist, ist das 
^menschlich Größte an der Geschichte der deutschösterreichischen Revolution. 

— 186 — 



Es ist wichtig, den Inhalt und Sinn der Regierungsmethoden, durch- 
die dies gelungen ist, noch näher zu bestimmen. 

Die parlamentarische Demokratie sucht die Übereinstimmung zwischen 
den Regierenden und den Regierten zu sichern durch das Mittel der WahL 
Sie glaubt, diese Übereinstimmung sei gesichert, wenn nur die Volksgesamt- 
heit in jedem dritten oder vierten Jahr zur Wahl des Parlaments berufen 
wird, das die Zusammensetzung der Regierung bestimmt und die Tätigkeit der 
Regierung kontrolliert. Die Arbeiterklasse hat es überall erfahren, daß dieser 
Glaube eine Illusion ist; daß die Macht der Bourgeoisie über die Presse, über 
die Kanzel, über den VVahlapparat es ihr ermöglicht, den Ausgang der Wahlen. 
so zu bestimmen, daß die aus allgemeinen Volkswahlen hervorgehende 
Regierung zur Klassenregierung der Bourgeoisie, zur Regierung einer 
Minderheit des Volkes wird. Darum zieht sich durch die ganze revolutionäre 
Bewegung, die der große Krieg hervorgerufen hat, überall der Kampf der- 
Arbeiterklasse gegen die bloß parlamentarische Demokratie. Aus diesem 
Kampf geht die russische Idee des Sowjetstaates ebenso hervor wie die- 
britische Idee des Gildenstaates. So grundverschieden beide Ideen sind, in 
beiden sucht das Proletariat nach einem Mittel, die Übereinstimmung 
zwischen den Regierenden und den Regierten vollkommener zu sichern,, 
als sie durch die bloß parlamentarische Demokratie gesichert werden kann. 

In der modernen kapitalistischen Gesellschaft hat sich neben der poli- 
tischen Demokratie, die in der demokratischen Organisation des Staates 
und der Gemeinden verkörpert ist, die industrielle Demokratie entwickelt,, 
die in den großen demokratisch organisierten Gevv^erkschaften und 
Konsumvereinen der Arbeiter, in den Berufsorganisationen der Angestellten 
und Beamten, in den Genossenschaften der Bauern lebt. Die politische 
Demokratie kennt nur den Staatsbürger schlechthin; sie sieht von der 
wirtschaftlichen Stellung, von dem Beruf, von der gesellschaftlichen 
Funktion des Staatsbürgers ab, sie beruft alle Staatsbürger ohije Unter- 
schied zur Wahlurne, sie gliedert sie nicht anders als in territorial ab- 
gegrenzte Wahlbezirke. Die industrielle Demokratie dagegen gliedert die 
Menschen nach ihren Berufen, nach ihren Arbeitsstätten, nach ihrer Funk- 
tion in der Volkswirtschaft; nach ihrer .gesellschaftlichen Funktion faßt 
sie sie zu Betriebs-, Berufs-, Industrieorganisationen zusammen. Im Kampfe 
gegen die bloß parlamentarische Demokratie hat nun die Arbeiterklasse 
überall, wenngleich in sehr verschiedenen Formen, der politischen Demo- 
kratie, die die Staatsbürger ohne Unterschied zur Bildung des Staats- 
willens beruft, den Gedanken der funktionellen Demokratie entgegen- 
gestellt, das heißt die Forderung, daß die Regierung kontrolliert werde 
durch die nach Beruf oder Arbeitsstätte, also nach ihrer gesellschaftlichen 
und volkswirtschaftlichen Funktion zusammengefaßten und gegliederten 
Staatsbürger. Fordert die politische Demokratie, daß die Regierung im Ein- 
vernehmen mit dem Parlament, das alle paar Jahre einmal von der Volks- 
gesamtheit gewählt wird, regiere, so fordert die funktionelle Demokratie, 
daß die Regierung in jedem einzelnen Zweige ihrer Wirksamkeit im stän- 
digen Einvernehmen mit der organisierten Gesamtheit der nach ihrem Beruf 
oder ihrer Betriebsstätte, nach ihrer gesellschaftlichen und wirtschaftlichen 
Funktion von diesem Zweige des Regierens unmittelbar betroffenen Staats- 
bürger bleibe. Eine Kombination der politischen und der funktionellen Demo- 

— 187 — 



kralle — das war das "Wesen der Rcj2;ierungspraxl?, die der T^opicnirc: der 
Republik durch die aus der Revolution hervorgejrangonen IVIachtvcrhäll- 
nisse aufgezwungen wurde. 

Die Bourgeoisie sah in dem starken Einschlag funlctioneller Demokratie 
in der Praxis dos Regicrens nichts als das Walten illegaler „Neben- 
regierungen", nichts als „schleichenden Bolschewismus". In Wirklichkeit 
war es nicht nur eine Vertiefung des demokratischen Gedankens der Re- 
gierung im Einvernehmen mit den Regierten, war es nicht nur die legale 
Form der Machlübung und Machterweiterung der Arbeiterklasse, war es 
jücht nur die Rettung des Landes vor der Gefahr blutiger Katastrophe. Es war 
mehr. Es war das gewalligste Mittel der Selbslerziehung der Massen. Es 
war das Mittel zu völliger Umwälzung des Verhältnisses der Massen zum 
.Staat. Es war das Mittel zur Weckung der Initiative, der fruchtbarsten 
Selbstbetätigung der Massen. 

Zunächst hat das ständige Ringen in den Versammlungen der Partei- 
und Gewerkschaftsvertrauensmänner, in den Arbeiter- und Soldatenräten, 
in den Betriebs- und Kasernenversammlungen, in denen das Einvernehmen 
der Regierung mit den Regierten Tag für Tag in harten Kämpfen erarbeitet 
werden mußte, den Gesichtskreis der Arbeitermassen bedeutend erweitert. In 
diesen leidenschaftserfüUten Diskussionen mußte es die Masse allmählich 
■erlernen, Geldentwertung und Teuerung aus wirtschaftlichen Gesetzen zu 
begreifen, die Abhängigkeit der Lebensmittelversorgung und des Arbeits- 
marktes von internationalen Beziehungen zu verstehen, die Umwälzung 
im eigenen Lande im Rahmen der internationalen Entwicklung zu sehen. 
Aber die Betriebs- und Kasernenversammlung mußte nicht nur den in- 
tellektuellen Gesichtskreis der Massen erweitern, sondern auch moralische 
Kräfte in ihnen wirksam machen; sie mußte die Massen dazu führen, 
ihre Leidenschaften nüchterner Erkenntnis unterzuordnen, ihre Macht mit 
Besonnenheit, ihre Freiheit mit Verantwortungsbewußtsein zu gebrauchen. 
Denn nur auf diese Weise war es möglich, das Volk durch die Zeit der 
schwersten wirtschaftlichen Not und der schwerstem äußeren Gefahren, 
ohne Gewaltanwendung, ohne Blutvergießen hindurchzuführen. 

Damit aber veränderte sich das ganze Verhältnis der Massen zum Staat. 
Die Massen sahen, daß ihre Organisationen die Staatsregierung be- 
herrschten. Die Massen sahen, daß sich, die Staatsregierung durch die 
proletarischen Organisationen in ständigem engem Einvernehmen mit den 
Massen selbst halten mußte. Die Massen sahen, daß sie selbst durch ihre 
Vertrauensmänner den Kurs der Regierung bestimmen konnten. Die Massen 
sahen, daß die Staatsregierung die Arbeiterklasse nicht mit Mitteln der 
Gewalt beherrschen, sondern nur im Einvernehmen mit der Arbeiterklasse 
den Staat führen konnte. Die Republik — das vi^ar den Massen nicht bloß 
■eine Staatsverfassung, in der es keinen Kaiser mehr gibt; sondern eine 
•Staatsordnung, die die Staatsregierung unter den wirksamen Einfluß der 
proletarischen Organisationen stellt. Die Demdiratie — sie war den 
Massen nicht mehr bloß die Regierung durch Erwählte des allgemeinen 
Wahlrechtes, sondern die Regierungsmethode, die sich für jeden einzelnen 
Hegierungsakt die Zustimmung der von ihm betroffenen Massen selbst 
erwerben, erarbeiten mußte. Die Republik hatte den Massen zunächst nur 
Hungerrationen, nur Arbeitslosigkeit, nur Not und Elend bringen können, 

— 188 — 



sie hatte so manche der überschwenglichen Hoffnungen ihrer Anhänger 
entläUichen müssen. Aber sie hatte den Massen die Freiheit gebracht: 
nicht die Freiheit der Zügellosiglceit, aber die Freiheit, die darin bestand, 
daß dem Handeln des Proletariats seine Schranke nicht mehr gesetzt 
war durch eine Gewalt, die ihm entgegenzutreten vermocht hätte, sondern 
nur noch gesetzt war durch seine eigene Einsicht, dufch sein eigenes Ver- 
antwortlichkeitsgefühl, durch den von der eigenen Vernunft geleiteten 
Willen, zu dem es sich in seinen bewegten Vertrauensmänner- und Be- 
triebs- und Kasernenversammlungen durchrang. Diese Erfahrung war es, 
die die Arbeiterklasse mit republikanischem Patriotismus erfüllte; die sie 
befähigte, ohne Auflehnung schwere Not zu leiden und schwere Opfer zu 
bringen, die eigenen Leidenschaften zu zügeln um der Erhaltung und Be- 
festigung der Republik willen. 

Endlich aber wurde der ständige innere Kampf in den Vertrauens- 
männer- und Betriebs- und Kasernenversammlungen zur Triebkraft 
stärkster geistiger Bewegung^ in den Massen. Der Zusammenbruch des 
Kaisertums hatte alle Autoritäten im Staat und in der Gesellschaft er- 
schüttert. War die älteste und mächtigste von allen Autoritäten gefallen, 
so sah jeder Vorstand in seinem Büro, jeder Betriebsleiter in seiner Fabrik, 
ja, selbst jede Hausfrau in ihrer Küche ihre Autorität erschüttert. Die 
Damen der Bourgeoisie erzählten entrüstet, die Herren spottend die Ge- 
schichte von der Köchin, die ihrer Hausfrau zugerufen: „Ich lasse mir 
von Ihnen nicht vorschreiben, wie ich kochen soll. Denn jetzt leben wir 
in der Republik und ich kann besser kochen als Sie." Es war zum Spott 
kein Grund. Denn die Erschütterung des Untertanenglaubcns an die über- 
lieferten Autoritäten, das Erwachen so lang in Unterwürfigkeit gehaltener 
Seelen zum Bewutßsein des eigenen Wertes waren Triebkräfte stärkster 
geistiger Entwicklung. In den Massenversammlungen, in denen die wich- 
tigsten, folgenschwersten Entscheidungen des staatlichen Lebens der Be- 
ratung und dem Beschluß der Massen unterworfen waren, wurde das er- 
wachte Selbstbewußtsein der Massen gewaltig gestärkt. Die geweckte 
■geistige Regsamkeit der Massen drängte nach Betätigung. Und die Republik 
erschloß dem Betätigungsdrang der Massen viele neue Arbeitsfelder. 

In den ersten Monaten nach der Oktoberrevolution fand der Be- 
tätigungsdrang der Massen seine Befriedigung in der wirtschaftlichen 
Aktion der Arbeiterräte. Aber diese Aktion, von elementarer Massenbe- 
wegung getragen, sehr oft dilettantisch in der Wahl ihrer Mittel, von dem 
Wahn, mit bloßer Gewalt die Gesetze der Volkswirtschaft unwirksam 
machen zu können, erfüllt, konnte die Masse nicht lang befriedigen. Sehr 
bald erkannten die Arbeiter, daß die Jagd auf kleine Hamsterer, die im 
Rucksack ein paar Kilogramm Kartoffeln nach Hause trugen, das Elend 
nicht lindern, die Absperrung der Bezirke gegeneinander das Elend nur 
verschärfen konnte. Allmählich verlor diese Aktion der Arbeiterräte an 
Bedeutung. Desto höher stieg im P>ühjahr 1919, in der Zeit des Abwehr- 
kampfes gegen den ungarischen Bolschewismus die politische Bedeutung 
der Arbeiterräte.' Sie verwandelten sich allmähhch aus Organen revo- 
lutionären Eingriffs in die Wirtschaftsverwaltung in Organe des politischen 
Klassenkampfes. In derselben Zeit aber entstanden die Betriebsräte. In 
ihnen fand nun der Drang der Massen nach unmittelbarer sozialer und 

— 189 — 



wirlschafUicher Betätigung reiche, zweckmäßigere Befriedigung. Viele 
tausende Arbeiter leisteten in den Betriebsräten fruchtbare soziale und 
wirtschaftliche Arbeit für die Arbeiterschaft ihrer Betriebe; und da sie sie 
in engster Verbindung mit der Arbeiterschaft ihres Betriebes, unter der 
täglichen Kontrolle der Betriebsversammlung leisten mußten, war so die 
ganze Masse der Arbeiter ständig mit den PrnbliMncn dieser sozialen und 
wirtschaftlichen Arbeit beschäftigt. 

Neben der Rätebewegung erschloß die Demokratisierung der Verwaltung 
dem Drang der Massen nach Selbstbetätigung neue Arbeitsgebiete. Die 
Revolution hob das Privilegienwahlrecht, aus dem, die Gemeindever- 
tretungen hervorgegangen waren, auf. Das allgemeine Wahlrecht wälzte 
die Zusammensetzung der Gemeindevertretungen um. In 236 Gemeinden 
eroberte die Soziafdemokratie die Mehrheit in der Gemeindevertretung, 
in 103 Gemeinden die Hälfte der Gemeinderatssitze, in 1050 Gemeinden 
wurden Sozialdemokraten in die Gemeindevertretung gewählt. Hunderte 
Schlosser und Tischler, Eisenbahnschaffner und Forstarbeiter, Industrie- 
angestellte und Volksschullehrer übernahmen nun die Ämter von Bürger- 
meistern und 'Gemeindevorstehern, die bisher von HausbesitzeYn, Rechts- 
anwälten, Kaufleuten versehen worden waren. Es war eine Revolution, was 
sich da in den Gemeindestuben der Städte und Industriedörfer vollzog: 
die Klasse, die die Gemeinden bisher beherrscht hatte, wurde entthront 
imd eine neue Klasse übernahm die Herrschaft. Die Arbeiterschaft mußte 
die Verwaltung der Gemeinden unter den schwierigsten Bedingungen 
übernehmen; denn Krieg und Geldentwertung hatten die Gemeindefinanzen 
zerrüttet. Die Arbeiter mußten die Gemeindeverwaltung übernehmen, ohne 
je Gelegenheit gehabt zu haben, die Führung der Verwaltungsgeschäfte zu 
erlernen; denn das Privilegienwahlrecht hatte die Arbeiter von den Ge- 
meindestuben ferngehalten. Es ist daher nicht ersiaunlich, daß in den An- 
fängen so manche Fehler in der Auswahl der leitenden Personen und in 
der Führung der Geschäfte begangen wurden. Aber ein gewaltiges Gebiet der 
Schulung, der Selbsterziehung der Arbeiterklasse war mit der Eroberung 
der Gemeinden errungen; die Schulung einer neuen, aufsteigenden Klasse 
zur Herrschaftsübung ist mit einzelnen Mißgriffen nicht zu teuer bezahlt. 
Zum erstenmal hatten tausende Arbeiter die Möglichkeit, die Führung 
öffentlicher Vexwaltungsgeschäfte zu erlernen. Und da sie ihre Geschäfte 
unter der ständigen Kontrolle der lokalen Parteiorganisationen führen 
mußten, wurden die Sorgen der Gemeindeverwaltung zu Sorgen der ge- 
samten organisierten Arbeiterschaft; nicht nur die auserlesenen Funk- 
tionäre, sondern die ganze Masse der tätigen Genossen wurde mit den 
Problemen der öffentlichen Lokalverwaltung beschäftigt, mit ihnen ver- 
traut. So erweiterte auch dieser neue Belätigungskreis das Gesichiefeld der 
Masse», auch er vertiefte ihren Einblick in die Bedingungen und in die 
Verantwortlichkeit öffentlicher Verwaltung. 

Die Basis dieser ganzen eifrigen Selbstbetätigung der Massen vvar der 
Achtstundentag. Er gab zchntausenden Arbeitern die Muße, die ihnen .erst 
die Betätigung in Gemeinde- und Bezirksvertretungen, in Ortsschulräten 
und Fürsorgeräten, in Gemeinde- und Bezirkswirtschaftsämtern, in den 
Aufbringungskommissionen, in den Wohnungsanforderungs- und 
Wohnungszuweisungskommissionen ermöglichte. Der Achtstundentag war 

__ 190 — 



aber zugleich auch die Basis zu anderen Formen der Selbstbetätigung der 
Masse. Die Masse versuchte es, die errungenen Mußestunden auszunützen, 
um unmittelbar die wirtschaftliche Not zu bekämpfen. Schon während des 
Krieges war eine ^Kleingartenbewegung entstanden: die Arbeiter begannen 
den Boden rings um die Städte und Industrieorte urbar zu machen, auf 
ihm Gemüse zu bauen und Kleintiere zu züchten. Der Achtstundentag gab 
dieser Bewegung neuen Anstoß; Tausende benützten die eroberten Muße- 
stunden zur Arbeit im Schrebergarten. So wurde Wien allmählich von 
60.000 Kleingärten umgürtet. Die Wohnungsnot drängte weiter: die Klein- 
gärtner begannen in ihren Gärten auch Wohnhütten zu bauen. Aus solchen 
vereinzelten Versuchen ging schließlich die Siedlerbewegung hervor. 
Siedlergenossenschaften entstanden, die die hohen Kosten des Wohnungs- 
baus dadurch zu verkleinern unternahmen, daß die Siedler selbst die 
Verpflichtung übernahmen, ihre durch den Achtstundenta;; freigesetzte 
Arbeitszeit zur Mitarbeit am Bau auszunützen. Allmählich wuchs so aus 
der Initiative der Massen selbst ein ganzes System gemeinnütziger Bau- 
tätigkeit hervor. Die Siedlergenossenschaften bauen Häusergruppen von 
Einfamilienhäusern. Die Bauarbeit wird teils von den Siedlern selbst neben 
ihrer Berufsarbeit geleistet, teils vom ,, Grundstein", der vom Bauarbeiter- 
verband gegründeten Produktivgenossenschaft der Bauarbeiter. Das Bau- 
büro der „Siedlungs-, Wohnungs- und Baugilde", in der sich die Siedler- 
Genossenschaften mit den Bauarbeitern vereinigten, stellt die Baupläne 
bei und leitet den Bau. Die vom Staat, der Gemeinde Wien und dem Haupt- 
verband der Siedlungsgenossenschaften begründete „Geraeinwirtschaftliche 
Siedlungs- und Baustoffanstalt" liefert die Baustoffe. Staat und Gemeinde 
decken den verlorenen Bauaufwand. Diese ganze Bewegung ist in vieler 
Hinsicht bemerkenswert. Ihr Ursprung aus der Initiative der Massen selbst 
zeigt die Schöpferkraft des durch die Revolution geweckten Betätigungs- 
drangs der Masse. Ihr Aufbau zeigt die Verknüpfung mannigfacher 
Formen genossenschaftlicher und gewerkschaftlicher Organisation. Ihre 
Basierung auf der Arbeitskraft der Siedler selbst zeigt, wie der Acht- 
stundentag in der Fabrik keineswegs die Arbeit auf acht Stunden be- 
schränken muß. Der Arbeiter weigert sich, dem Kapital mehr ^ als acht 
Stunden zu fronen; aber er nimmt es auf sich, nach der achtstündigen 
Arbeit im Dienste des Kapitals noch einige Arbeitsstunden für sich selbst 
im eigenen Kleingarten oder am eigenen Siedlungsbau zu arbeiten. Der 
Organismus des Arbeiters erträgt nicht mehr als achtstündige Arbeit im 
ewigen Einerlei des Fabriksaales; aber er verweigert nach den acht 
Stunden nicht eine andere Arbeit, die unter anderen Bedingungen geleistet 
wird, andere Muskeln und andere Nerven beansprucht. 

Aber nicht nur die wirtschaftliche Not der Zeit gab der Initiative der 
Massen Inhalt und Ziel. Die geistige Bewegung, die durch die Massen ging, 
mußte sich auch geistige Ziele setzen. Es war vor allem das große Unter- 
nehmen der Schulreform, das dem Betätigungsdrang der Massen höhere, 
geistige Ziele setzte. 

Nach den Februarwahlen hatte Otto Glöckel die Leitung des Staats- 
amtes für Unterricht übernommen. Er gliederte sofort dem aus juristisch 
gebildeten Verwaltungsbeamten zusammengesetzten Amte eine aus er- 
fahrenen Schulmännern, an deren Spitze Viktor Fadrus steht, zusammen- 

— 191 — 



jTosplzle Sclnilrcformablcilung an. Sie Ring sofort ans Werk. Zwei Auf- 
gaben waren es. die sie sieh setzte: einerseits die Umgestaltung der Scluil- 
organisalion, anderseits die Umgestaltung der Unterrichtsmethoden. 

Das Ziel der neuen Schuhjrganisation ist die Einheitsschule: alle Kinder 
vom C). bis zum 14. Lebensjahr, ohne Unterschied der Klassenzugehörigkeit 
ihrer Eltern, in einer Einheitsschule. Vom 6. bis zum 10. Lebensjahr die 
allgemeine Grundschule; vom 11. bis zum 14. Lebensjahr eine Mittelschule 
für alle. Dann erst die Differenzierung: Fortbildungs- und Fachschulen 
einerseits, Oberschulen humanistischer und realistischer Richtung ander- 
seits. Zunächst galt es, diesen Organisationsplan praktisch zu erproben. 
Zu diesem Zweck wurden die alten militärischen Unterrichtsanstalten in 
Staatserziehungsanstalten umgewandelt. Es ist ein Versuch der Durch- 
brechung des Bildungsmonopols der besitzenden Klassen: besonders be- 
gabte Proletarierkinder werden im 10. Lebensjahr in diese Anstalten auf- 
genommen und auf Staatskosten zu höherer Bildung geführt. Es ist zu- 
gleich ein Versuch zur Erprobung der geplanten neuen Schulorganisation: 
die neuen Schultypen der Einheitsmittel schule für das Lebensalter vom 11. 
zum 14. Lebensjahr und der neuen „Deutschen Mittelschule" wurden hier 
zuerst praktisch erprobt. Es ist endlich auch eine Stätte zum Studium neuer 
Unterrichts- und Erziehungsmethoden: die Staatserziehungsanstalten sind 
zugleich Versuchsschulen für methodische Neuerungen. Die Einheitsmittel- 
schule als Pflichtschule, in den Staatserziehungsanstalten zuerst praktisch 
erprobt, soll dann allgemein eingeführt werden; den ersten Schritt dazu 
machte der Wiener Stadtschulrat im Schuljahr 1922 23. 

Viel wichtiger als die neue Unterrichtsorganisation ist die neue« Unter- 
richtsmethode. Und da konnte die Reform viel schneller durchgreifen. Die 
Lehrpläne unserer Volksschulen beruhten noch auf Bestimmungen aus 
dem Jahre 1883. Nun wurde ein neuer Lehrplan für die Grundschule ent- 
worfen, zuerst an 150 Versuchsklassen erprobt, dann vom Schuljahr 1920 
an allgemein eingeführt. Arbeits- statt der Lernschule — das w^ar 
die Parole. Die Kinder sollen nicht mehr auswendig lernen, was 
der Lehrer ihnen vorgesprochen liat; sie sollen sich aus eigener An- 
schauung, eigener Beobachtung, eigener Betätigung, eigener Aibeit das 
Wissen erarbeiten. Die Gliederung des Unterrichts wird nicht mehr durch 
das System der Wissenschaften bestimmt, sondern durch die Erlebnisse der 
Kinder. Die Fessel des Stundenplans ist gesprengt; es gibt keine getrennten 
Unterrichtsstunden für Sprachlehre, Rechnen, Schreiben mehr. Auf Lehr- 
spaziergängen schauen die Kinder, und um das auf jedem Lehrspaziergang 
Geschaute gruppiert sich dann der Unterricht. Da werden die Kinder zum 
Beispiel zu einem Er.hnhof geführt. Und wenn sie dann in die Schule 
zurückgekehrt, wird das Gesehene verarbeitet. Da wird vor allem, v^^as 
die Kinder auf dem Bahnhof gesehen haben, gezeichnet und modelliert;, 
eine Schule, die Menschen nichi^, für die Studierstube, sondern für die 
Werkstätte erziehen soll, muß Auge und Hand ausbilden, nicht nur Be- 
griffsbildung und Gedächtnis. Zugleich schreiben Vv'ir die Namen der Gegen- 
stände, die wir zeichnen und modellieren; so lernen wir Rechtschreibung. 
Zwischendurch rechnen wir einmal: Wenn in einem Eisenbahnvragen 30 
Sitze sind, -wie viele sind im ganzen Zug? Was kostet die Fahrt bis zur 
nächsten Station? Was würde es kosten, wenn wir alle zusammen führen?' 

— 192 — 



So lernen wir multiplizieren. Wohin kann man mit der Bahn fahren? 
Durch welche Täler, über welche Flüsse fahren wir da? So lernen wir 
Geographie. Wer ist schon mit der Eisenbahn gefahren? Schreibt nun 
einmal die Geschichte dieser Fahrt! Es wird eine Aufsatzübung. Wie 
kommt es, daß die Lokomotive den Zug bewegt? Wir sind schon mitten in 
der Physik. 

Die neue Unterrichtsmethode stellt an Können und Wissen der Lehrer 
bedeutend höhere Anforderungen als die alte. Die ganze Lehrerschaft 
mußte umlernen. In Bezirkslehrerkonferenzen wurde die Reform der 
Unterrichtsmethode vorbereitet. Die Lehrer schlössen sich zu Arbeits- 
gemeinschaften zusammen, die allmonatlich den Arbeitsplan für den 
nächsten Monat ausarbeiteten. Fortbildungskurse für die Lehrer wurden 
eingerichtet. Neues geistiges Leben pulsierte in der Lehrerschaft 

Und diese Bewegung griff sofort auch tief in das Volksganze ein. Die 
Elternvereinigungen und Elternräte sind ein wesentliches Glied im System 
der Schulreform. Sie stellten zwischen Lehrern und Eltern eine ständige 
persönliche Beziehung her. Mit großem Eifer suchten und fanden sich die 
neugegründeten Elternvereinigungen schnell Betätigungsgebiete. Sie 
sammelten große Beträge, um die Schulen mit den Lehrmitteln für den 
Arbeitsunterricht, mit Arbeitsstoffen und Werkzeugen, mit Büchern und 
Bildern auszustatten. Bald gingen sie weiter. Sie besoldeten Lehrer, die 
den Nachhilfeunterricht für die schwächeren Kinder oder den Förder- 
unterricht für die besonders Begabten übernahmen. Sie bestellten Jugend- 
fürsorgerinnen und Schulpflegerinnen. Die Mitglieder der Elternräte be- 
gannen den Schulbesuch zu überwachen; sie gingen von Haus zu Haus 
und mahnten säumige Eltern, ihre Kinder in die Schule zu schicken. 

Alle, denen das Alte, das Überlieferte heilig gilt, sahen diese Revolution 
in den Schulen mit Mißtrauen und Unbehagen. Als Glöckel die Ver- 
pHichtung der Lehrer und Schüler zur Teilnahme an den religiösen 
Übungen aufhob, begann sich der Klerikalismus offen gegen die Schul- 
reform aufzulehnen. Die Schulreform wurde zum Gegenstand des politi- 
schen Kampfes. Desto leidenschaftlicher wurde die Teilnahme breiter 
Arbeitermassen an ihr. 

Das Interesse der Massen für die Erziehungsfragen war geweckt. Es be- 
gann nun auch in den Arbeiterorganisationen wirksam zu werden. Die 
Bewegung der „Kinderfreunde" erstarkte überaus schnell. In Niederöster- 
reich zum Beispiel zählte der Verein „Kinderfreunde'" 1913 3000, 1917 
3881 Mitglieder, 1919 schon 18.432, 1920 35.918. In der Zeit der schwersten 
Not führten vor allem die Fürsorgeeinrichtungen des Vereines, die Kinder- 
ausspeisungen in seinen Heimstätten und Horten, seine Erholungsstätten 
und Ferienkolonien dem Verein die prc^letarischen Mütter zu. Aber in dem 
Maße, als das Interesse der Massen für die Erziehungsfragen wuchs, be- 
gann sich der Verein aus einem Fürsorgeverein in eine Erziehungsorgani- 
sation umzuwandeln. Es ging dabei nicht ohne manches dilettantisch 
unternommene Experiment ab. Aber alle diese Versuche regten doch viele 
tausende Arbeiterfrauen zum Nachdenken über Erziehungsfragen an, be- 
gannen doch die Erziehung der Proletarierjugend vom Banne alter, über- 
lebter Tradition zu befreien. 



— 193 — 



lä 



So erschloß sich der durch die Revolution geweckte Drang der Massen 
nach . Eigenbelälifrung immer neue Wirkungskreise. Zehnlauccnde 
Mensclien, deren Loben vorher nur zwischen dem ewigen Einerlei einer 
ontgoistigtcn. mechanischen Fabriksarbeit und dem animalischen Dasein 
in den spärlichen Mußestunden im Familienkreis oder im Wirtshaus ge- 
teilt gewesen war, fanden nun in den Organisationen der Partei, der Ge-, 
werkschaften und der Genossenschaften, in den Betriebsräten und in den 
Arbeitcrrälen, in den Gemeindevertretungen und in den mannigfachen In- 
stituten der kommunalen Selbstverwaltung, in der Kleingärtner- und der 
Siedlerbcwegung, in den Elternvereinen und bei den „Kinderfreunden" 
neuen Wirkungskreis und neuen Lebensinhalt. Es ist ein neuer Menschen- 
typus, den diese soziale Selbstbetätigung der Masse hervorbringt. 

In den Umsturztagen war der Typus des Revolutionärs der „Heim- 
.kehrer": der durch furchtbarstes Erleben mit wilden Leidenschaften 
<^rfüllte heimkehrende Soldat, der mit Gewehr und Handgranate alles 
Bestehende gewaltsam umstürzen zu können glaubte. Und zu dem Heim- 
i\ ehrer hatte. sich der Konjunkturrevolutionär gesellt, der vorn Umsturz des 
Bestehenden Aufstieg und Macht, Stelle, Würde und Einkommen für sich 
erhoffte. Sehr bald aber gelang es einem ganz anderen, einem intellektuell 
imd moralisch ungleich höher stehenden Menschentypus, die Führung der 
Bewegung an sich zu .liehen. Das waren jene zehntausende Partei- und 
Gewerkschaftsvertrauensmänner, Arbeiter-, Betriebs- und Soldatenräte, die 
in einem Wirken voll grüßten Verantwortungsbewußtseins die durch die 
Revolution geweckten ]\Iasscnenergien, die in revolutionärem Ungestüm die 
Revolution selbst zu vernichten drohten, zu fruchtbarer Schaffensarbeit 
überzuleiten verslanden. Das waren jene zehntausende Arbeiter, die in 
den Gemeinden, in den Genossenschaften aller Arten, in den Erziehungs- 
organisationen aufbauende Arbeit für ihre Klasse zu leisten lernten. Der 
Aufstieg dieser geistigen Elite der Arbeiterklasse aus dem Schöße der 
Masse und die Führung und Erziehung der Masse durch diese ihre aus 
ihrem Fleisch und Blut hervorgegangene geistige Elite — das ist die 
eigentliche Errungenschaft der Revolution. Denn die Umwälzung staat- 
licher und gesellschaftlicher Institutionen ist nicht Selbstzweck; sie bedeutet 
in der Entwicklung der Völker nur so viel, als sie für die Erweckung, für 
die innere Wandlung, für die Aufwärtsentwicklung der Menschen selbst 
bedeutet. 

Die Deutschösterreicher waren das herrschende Volk der Habsburger- 
monarchie gewesen. Als die nationale Revolution der Tschechen, Jugo- 
slawen und Polen die Habsburgermonarchie sprengte, blieb Deutsch- ~ 
Österreich in furchtbarster Not und furchtbarster Ohnmacht zurück. Unsere 
Ohnmacht und unsere Not setzten unserer Revolution unüberwindliche 
Schranken. Sie konnte ihr nationales Ziel, den Anschluß an Deutschland, 
nicht erreichen. Sie konnte die soziale Umwälzung nur innerhalb sehr 
enger Schranken vollziehen. Zur Selbstbescheidung, Selbstbeschränkung 
gezwungen, blieb sie an heroischen Taten, an dramatischen Episoden, an 
romantischen Kämpfen überaus arm. Aber gerade die Not und Ohnmacht 
dieser Revolution begründete ihre eigenartige Größe. Gerade weil Not und 
Ohnmacht uns hinderten, eine starke revolutionäre Gewalt aufzurichten, 
konnten wir nur mit geistigen Mitteln die Masse beherrschen. Gerade weil 

~ 194 — 



r:ot und Ohnmacht die Revolution zur Selbstbeschränkung zwangen, mußte 
die Selbstüberwindung, die Zügelung der Massenleidenschaften durch die 
Alasseneinsicht, im schv/ersten geistigen Ringen m der Masse selbst durch- 
gesetzt werden' Diese Beherrschung der Masse mit rein geistigen Mitteln, 
diese Selbstüberwindung der Masse im rein geistigen Kampfe, sie haben 
den geistigen Gesichtskreis der Masse erweitert, ihre geistige Regsamkeit 
geweckt, ihren Selbstbetätigungsdrang aufs höchste gesteigert. Gerade die 
äußere Armut und Ohnmacht der Revolution ward so zur Ursache tief- 
schürfender innerer Umwälzung. Die Zehntausende, die in verantwortungs- 
vollem Wirken in den Organisationen und in der Verwaltung über- 
persönlichen Lebensinhalt fanden; die Hunderttausende, deren Gesichtskreis 
weit erweitert und deren Gefühl für ihre persönliche Mitverantwortung für 
das Schicksal ihrer Klasse und ihres Volkes geweckt worden ist, sie zeugen 
von der Seelen weckenden, Seelen erziehenden Kraft dieser Revolution. 
Aus vielen müden, im ewigen Einerlei des Überlieferten geistlos dahin- 
lebenden Arbeitstieren sind mitdenkende, mitarbeitende, mitkämpfende, ihrer 
Mitverantwortung bewußte Persönlichkeiten geworden. Diese Revolution im 
geistigen Leben der führenden Schicht der Masse ist der Revolution größtes 
Ergebnis. Denn alle Revolution im Staat und in den Gemeinden, in den 
Kasernen, in den Betrieben und in den Schulen ist bloßes Mittel, das dem 
letzten Zweck, der Revolution in den Seelen selbst, dient. 

Die ganze Geschichte der Klassenkämpfe des Proletariats ist nicht nur 
die Geschichte der Umwälzung der Bedingungen, unter denen die Arbeiter- 
schaft lebt, sondern auch die Geschichte der Entwicklung der Arbeiterschaft 
selbst. Am Anfang dieser Entwicklung war der Arbeiter im Betrieb nichts 
als ein v/illenloses Werkzeug in der Hand des Fabriksherrn, in den kargen 
Mußestunden am Feierabend nichts als ein rohes, erschöpftes Tier. Am Ende 
dieser Entwicklung muß der Arbeiter zur allseitig entwickelten Per- 
sönlichkeit gereift sein, die, zur Selbstregierung ihres Lebens und ihrer 
Arbeit fähig geworden, keinen Herrn mehr erträgt, weil sie keines Herrn 
mehr bedarf. Diese Entwicklung vom Arbeitstier zur Persönlichkeit — sie 
ist die Entwicklung zum Soziahsmus. Jede Revolution staatlicher und 
gesellschaftlicher Institutionen bedeutet für die Entwicklung zum Sozialis- 
mus so viel, als sie für die Entwicklung vom Arbeitstier zur Persönlichkeit 
bedeutet. 



^ 195 — M» 



^' i r t r Abschnitt, 

Die Zeit des Gleichgewichts der 
Klassenkräfte. 

§ 13. Wirtschaftliche Umwälzung und soziale 
Umschichtung. 

Liieiatni: 

Trotzki, Die neue Etappe. Berlin 1921. ► 

Steiner, Die Währungsgesetzgebung der Sukzessionsstaaten Österreich- 
Ungarns. "Wien 1921. — Dub, Katastrophenhausse und Geldentwertung. Stuttgart 

1920. _ Hamp, Die Goldsucher. Basel 192Ü. — Statistische Übersichten über den 
iiuswärtigen Handel. Wien 1920-22. — Statistik der Arbeitslosigkeit in^ den 
„Amtlichen Nachrichten des Bundesministeriums für soziale Verwaltung". — 
Sterblichkeitsstatistik im Statistischen V^ochenbericht des Wiener Magistrats. — 
Lebzelter, Größe und Gewicht der Wiener Arbeiterjugend. „Mitteilungen des Volks- 
gesundheitsamtes." Wien 1922. — Engels, Der Anfang des Endes in Österreich. 
„Der Kampf", VI. Band. — Madie, Die Besoldungsverhältnisse der österreichischen 
'Staatsbeamten 1914 bis 1920. „Statistische Monatsschrift", 1920. 

Karl Kraus, Die letzten Tage der Menschheit. Wien 1921. — Die Botschaft. 
Neue Gedichte aus Österreich. Gesammelt von E. A. Rheinhardt. Wien 1920. — 
Strobl, Gespenster im Sumpf. Leipzig 1920. — Bartsch, Ein Landstreicher. Wien 

1921. — Rittner, Geisler in der Stadt. Wien 1921. — Werfel, Bocksgesang. 
München 1922. — Spann, Der wahre Staat. Leipzig 1921. — Mises, Die Gemein- 
v.-irtschaft. Jena 1922. 

Schäfer, Sozialdemokratie und Landvolk. Wien 1920. 

In den ersten Monaten nach der Beendigung des Krieges erschien 
der internationale Kapitalismus schwer erschüttert. Die russische Sowjet- 
republik wies in blutigem Bürgerkrieg die Angriffe der Generale der Konter- 
revolution siegreich zurück. Im Deutschen Reiche herrschten die Arbeiter- 
und Soldatenräte; in einer Reihe von Aufständen suchte Spartakus die 
deutsche Revolution über die Schranken der bürgerlichen Demokratie 
hinauszutreiben. In München und in Budapest ward die Diktatur des 
Proletariats aufgerichtet. Aber auch die Siegerländer waren von der 
revolutionären Welle nicht unberührt geblieben. Als die Ententemächte 
Während der Friedensverhandlungen die Demobilisierung hinauszogen, führte 
die Gärung in ihren Heerlagern zu einer Reihe von Meutereien, und auch 
in den Siegerländern zogen die Arbeiter, aus dem Feld heimgekehrt, 
arbeitslos und erbittert durch die Straßen. Der Krieg schien unmittelbar in 
die Weltrevolution umschlagen zu sollen. 

— 196 - 



Aber schor. nach wenigen Monaten fluteten die Wellen der Revolution 
zurück. Schon im Frühling 1919 trat in den Ländern der Siegermächte 
■eine Periode wirtschaftlichen Aufschwungs ein. Die Industrie sog die 
Arbeitslosen schnell auf. Die demobilisierten Soldaten fanden in den 
Fabriken bei schnell steigendem Lohn Beschäftigung. Die Prosperitäts- 
periode, die dem Kriege folgte, überwand die Demobilisierungskrise. In den 
Staaten, die durch ihren Sieg zu Herren der Welt geworden waren, hatte 
der Kapitalismus die soziale Krise, die die Periode der Rückführung der 
Massen aus der Armee in die Produktion überall hervorrief, schnell und 
ohne ernste Erschütterung überwunden. Aber auch in <dem besiegten 
Mitteleuropa befestigte sich der Kapitalismus wieder. In Deutschland hatten 
die kommunistischen Aufstände im Dezember, Jänner und März mit 
schweren Niederlagen geendet; ihr einziges Ergebnis war die Aufstellung 
der konterrevolutionären Reichswehr, die fortan das Proletariat nieder- 
hielt. In Bayern war die kommunistische Diktatur im Mai, in Ungarn im 
Juli zusammengebrochen; die Konterrevolution triumphierte. Im Osten 
blieben die Kräfte der Sowjetrepublik durch die bewaffnete Intervention 
der Entente gebunden. Im Spätsommer 1919 war es bereits offenbar, daß 
der Kapitalismus die schwerste Erschütterung überwunden hatte. 

Aber noch fühlte sich das Proletariat nicht besiegt. Das Jahr 1920 brachte 
eine ganze Reibe von Erhebungen des Proletariats. ' Aber alle diese Er- 
hebungen endeten mit schweren Niederlagen. Im März forderte der Kapp 
Putsch das deutsche Proletariat zu gewaltiger Erhebung heraus. Der 
Generalstreik des Proletariats rettete die Republik; aber wo das Proletariat 
über die bürgerliche Republik hinaus zu stürmen versuchte, ward es 
blutig niedergeworfen. Im Mai erhoben sich die französischen Arbeiter; 
aber ihr Massenstreik endete mit schwerer Niederlage. In den Sommer- 
monaten entflammte der sieghafte Einbruch der Roten Armee in Polen die 
Hoffnungen des Proletariats; breite Massen hofften, die Rote Armee werde 
Polen überrennen, die Brücke zwischen der russischen und der deutschen 
Revolution schlagen, den Sozialismus auf den Spitzen ihrer Bajonette nach 
Mitteleuropa tragen. Die schwere Niederlage der Russen vor Warschau 
bereitete im August allen diesen Hoffnungen ein jähes Ende. Im September 
erlebte Italien den Höhepunkt der sozialen Krise; die italienischen Arbeiter 
bemächtigten sich der Fabriken, die Staatsgewalt wagte es nicht, das 
Eigentum des Kapitals zu schützen, ein paar Tage lang waren die 
Produktionsmittel in den Händen des Proletariats. Aber nach wenigen Tagen 
mußten die Arbeiter die besetzten Fabriken wieder räumen. Im Dezember 
wurde die Tschechoslowakei durch einen Massenstreik erschüttert: auch 
er brach ergebnislos zusammen. Am Ende des Jahres 1920 hatte der Kapi- 
talismus die Offensivstöße des Proletariats überall abgewehrt. 

Indessen war die Periode der wirtschaftlichen Hochkonjunktur, die im 
Frühling 1919 eingesetzt hatte, jäh zu Ende gegangen. Schon im Frühjahr 
1920 war in Japan und in Amerika, im Sommer auch in den Siegerländern 
und den neutralen Ländern Europas die industrielle Krise hereingebrochen. 
In allen Ländern mit stabilem und mit steigendem Geldwert schwoll die 
Arbeitslosigkeit an und sanken die Arbeitslöhne. Die Arbeiter setzten sich 
gegen den Lohndruck zur Wehr. Das Jahr 1921 brachte eine Reihe gewerk- 
.schaftlicher Riesenkämpfe, unter denen die Aussperrung der britischen 

— 197 — 



Bergarbeiter die gewalligste war. In einer Zeit schwerer industrieller 
Depression unternommen, endeten diese Lohnkämpfe mit Niederlagen. In 
allen von der Krise erfaßten Ländern leerten die Anforderungen für die- 
Arbeitslosenunterstützung und die Streikunterstützung die Kassen der 
Gewerkschaften und brach die Furcht vor der Arbeitslosigkeit die Kampfes- 
onergien der Arbeiterschaft. Die Arbeiter mußten immer wieder Lohn- 
reduktionen ohne Widerstand hinnehmen. Ihre Machtstellung in den Be- 
trieben wurde empfindlich geschwächt. War so im Westen der Kapitalismus 
in sieghafter Offensive, so brach zugleich im Osten die Offensivkraft des 
Kommunismus zusammen. In Bußland lehnten sich die Massen gegen den 
Kommunismus auf. Der Kronstädter Aufstand und Massenausstände der 
Arbeiter zwangen die Sowjetregierung zur Umkehr. Der „neue Kurs"" 
stellte den Kapitalismus in Bußland wieder her. Nach dem Zusammenbruch 
des Märzputsches in Deutschland mußte der Kommunismus auch in, 
Mitteleuropa seine Putschtaktik liquidieren. Das Proletariat war nun 
überall in die Defensive gedrängt. 

So ist die Geschichte der Jahre 1919 bis 1921 die Geschichte der- 
schrittweisen W^iederbefestigung des durch den Krieg erschütterten inter- 
nationalen Kapitalismus. Unter dem Drucke dieser internationalen Ent- 
wicklung mußten sich auch in Deutschösterreich die Machtverhältnisse 
zwischen den Klassen verändern. 

In den ersten Monaten nach dem Umsturz hatte sich die deutsch- 
österreichische Bourgeoisie der Vorherrschaft der Arbeiterklasse beinahe 
widerstandslos unterworfen. Die soziale Bevolution schien ja damals in 
Deutschösterreich viel weniger weit zu gehen als in den anderen besiegten 
Ländern. Im November 1918 hatten in Deutschland die Arbeiter- und' 
Soldatenräte die Begierungsgewalt übernommen; in Deutschösterreich war 
die Bevolution in den Formen parlamentarischer Demokratie geblieben. 
Im Winter tobte immer wieder blutiger Bürgerkrieg in den Straßen der 
deutschen Großstädte; Deutschösterreich bUeb blutiger Straßenkampf 
erspart. Im Frühjahr 1919 ward die Diktatur des Proletariats in Ungarn und 
in Bayern proklamiert; in > Deutschösterreich wehrte die Sozialdemokratie- 
den Ansturm des Kommunismus ab. Damals war die deutschösterreichische 
Bourgeoisie glücklich, daß sie von dem' Schlimmeren verschont blieb, das 
die Bourgeoisie der anderen besiegten Länder betroffen , hatte. Damals 
unterwarf sie sich widerstandslos der Vorherrschaft der Sozialdemokratie. 

Aber schon die ersten Siege der internationalen Beaktion im Jahre 1919 
veränderten die Stimmung der deutschösterreichischen Bourgeoisie. In- 
Deutschland war die Beichswehr entstanden, die das Proletariat niederwarf 
und niederhielt; in Österreich hielt immer noch die sozialistische Volkswehr 
die Beaktion im Banne. In Deutschland wehrte die Technische Nothilfe 
jede Stillegung lebenswichtiger Betriebe ab; in Österreich konnte der Staat. 
die öffentlichen Betriebe immer noch nur im Einvernehmen mit. 
den proletarischen Organisationen führen, weil er ohne sie den, 
Fortgang der lebenswichtigen Betriebe nicht sicherstellen konnte. In 
Deutschland war der Herrschaft der Arbeiter- und Soldatenräle- 
sehr schnell ihre Auflösung gefolgt; in Österreich hatten Arbeiter- 
und Soldaten: äte nie die Herrschaft geübt, aber sie blieben eine.- 
stark wirkende Macht, als in Deutschland keine Arbeiter- und Soldatenräte." 

— 198 — 



tmehr existierten. In Ungarn und in Bayern war der kommunistisdion 
Diktatur die blutige Niederwerfung des Proletariats gefolgt; in Österreich 
liatte die Mäßigung der sozialdemokratischen Führung dem Proletariat die 
Niederlage erspart, seine Machtmittel unversehrt erhalten. Im Sommer 1919, 
nach den Siegen der Konterrevolution in Deutschland und in Ungarn, 
erkannte die österreichische Bourgeoisie, daß der bolschewistische Schrecken 
in Deutschland und in Ungarn, dem das konterrevolutionäre Ende so bald 
gefolgt war, für die Bourgeoisie viel vorteilhafter gewesen war als der 
.Schrecken ohne Ende der sozialdemokratischen Führung, der das öster- 
reichische Proletariat vor Niederlagen bewahrt hatte. Als seit dem 
Herbst 1919 die flüchiigen Revolutionäre aus Ungarn und aus Bayern, 
aus Jugoslawien und aus Polen in Österreich ihr Asyl fanden, sah 
die Bourgeoisie, daß in Österreich allein noch die Macht des Prole- 
tariats ungebrochen war, während rings um uns das Proletariat 
schon schwere Niederlagen erlitten hatte. In einer Zeit, m der die 
•österreichische Bourgeoisie schon die weiße Armee in Ungarn und 
die Orgesch in Bayern als ihre Reservearmeen betrachten konnte, die sie 
notfalls gegen das österreichische Proletariat zu Hilfe rufen könnte, erschien 
ihr die ungebrochene Machtstellung des österreichischen Proletariats als 
ein unerträglicher Anachronismus; nun gilt es, meinte sie, nach dem 
offenen Bolschewismus in Ungarn und m Bayern auch den „schleichenden 
Bolschewismus" in Österreich niederzuwerfen. 

In dem Maße, wie sich im Verlauf der Jahre 1919 bis 1921 der inter- 
nationale Kapitalismus wieder befestigte, erstarkte auch in Österreich das 
Selbstbewußtsein der Bourgeoisie. Sie wagte wieder den Widerstand gegen 
das Proletariat, nachdem 1919 die deutsche und die ungarische Revolution 
schwere Niederlagen erlitten hatten. Sie faßte wieder Mut, allein zu regieren, 
nachdem 1920 die internationale Reaktion die Angriffe des Proletariats 
abgewehrt hatte. Sie ging zur Offensive über, nachdem 1921 das Proletariat 
in ganz Europa in die Defensive gedrängt war. Auch in Österreich ist die 
Geschichte der Jahre 1919 bis 1922 eine Geschichte fortschreitenden 
Erstarkens des Selbstbewußtseins, der Widerstandskraft, der Offensivkraft 
der Bourgeoisie und fortschreitender Ralliierung aller besitzenden Klassen 
gegen das Proletariat. 

Und dieser Prozeß des Erstarkens des bourgeoisen Klassenbewußtseins 
wurde beschleunigt und verstärkt durch die wirtschaftlichen und sozialen 
Umwälzungen, die der Zerfall des alten großen Wirtschaftsgebietes 
herbeiführte. 

Die folgenschwerste Wirkung der Auflösung des österreichisch- 
ungarischen Wirtschaftsgebietes war die Revolution des Geldwesens. Der 
Zertrümmerung der alten Reichsgemeinschaft folgte die Auflösung der alten 
Währungsgemeinschaft. Am 8. Jänner 1919 ordnete die südslawische 
Regierung die Abstempelung der in den ehemals österreichisch-ungarischen 
Gebieten Jugoslawiens umlaufenden Kronennoten an. Am 25. Februar 
wurde die Abstempelung der Kronennoten in der Tschechoslowakei 
beschlossen. Deutschösterreich beantwortete diese Maßregeln mit der Ver- 
ordnung vom 27. Februar, die auch hier die Abstempelung der Kronen- 
noten verfügte. Damit war die alte österreichisch-ungarische Währungs- 
.gemeinschaft aufgelöst; an die Stelle- der österreichisch-ungarischen 

— 199 — 



Krone trat die doutschöslcrreu-liischo. Per Wert der österreicliischi^n Krone 
war nun nieht mehr bestimmt durch ihre Kaufkraft in der Tschcchoslowalvci^ 
in Jugoslawien, in Polen, sondern nur noch durch ihre weit niedrigere 
Kaufkraft in dem von allen Nachbarstaaten blockierten, an empfindlichstem 
Warenmangel leidenden Deutschösterreich. Wer im Ausland tschechische 
Kohle oder tschechischen Z.ucker, galizisches Petroleum oder sieben- 
bürgisches Holz, un^iarisches Vieh oder jugoslawisches Getreide kaufen 
wullte, brauchte nun nicht mehr österreichische Kronennoten, sondern 
tschechische oder jugoslawische Kronen oder die in Polen, Ungarn und 
[{umänien vorläufig noch weiter verwendeten ungestempelten Kronen- 
iiuten. österreichische Kronen brauchte der Ausländer nur noch, wenn er 
ileutschösterreichische Waren kaufen wollte; aber die infolge der Kohlen- 
und Rohstoffnot zerrüttete deutschösterreichische Industrie hatte dem 
Ausland wenig zu verkaufen. So mußte die Nachfrage nach österreichischen 
Kronen, mußte daher auch ihr Kurs bedeutend sinken. Der Kurssturz der 
österreichischen Krone war also damals unvermeidliche Wirkung der Auf- 
lösung des österreichisch-ungarischen Wirtschaftsgebietes; unvermeidliche 
Wirkung der Tatsache, daß der Wert der österreichischen Krone nicht mehr 
auf die fruchtbaren Ebenen, die Kohlen- und Rohöllager, die Industrie- und 
llafenanlagen des alten großen Wirtschaftsgebiets, sondern nur noch auf 
die Armut des deutschösterreichischen Berglandes basiert war. 

Der Kronensiurz wurde durch andere Umstände beschleunigt. Hatte 
schon in der Kriegszeit die Kapitalsflucht in das Ausland großen Umfang 
erreicht, so hatte die Revolution die Kapitalsflucht noch vergrößert. Die 
Kapitalisten, vor der Enteignung zitternd, brachten ihre Vermögen in die 
Schweiz; die strengen Verbote, die die beiden ersten Regierungen der 
Republik erließen, wurden umgangen oder durchbrochen. Insbesondere in der- 
zeit des Ansturms des ungarischen Bolschewismus nahm die Kapitals- 
flucht große Dimensionen an. Damit wuchs natürlich das Angebot öster- 
reichischer Kronenwerte im Ausland; wurde also der Druck auf den- 
Kronenkurs verschärft. In derselben Zeit hob die Entente die Blockade über 
Deutschösterreich auf Viereinhalb Jahre lang war Deutschösterreich vom 
Ausland abgeschnitten gewesen. Jetzt stürzte sich der viereinhalb Jahre 
lang ausgehungerte Konsum giej-ig auf die ausländischen Waren, die mit 
einem Male wieder erreichbar v/urden. Jetzt beeilten sich die Kaufleute, 
ihre längst geleerten Vorratslager wieder aufzufüllen. Das stürmische Ver- 
langen nach ausländischen Waren vergrößerte sprunghaft die Nachfrage 
nach ausländischen Zahlungsmitteln und verstärlde daher abermals den- 
Druck auf den Kronenkurs. Wenige Wochen später wurde der erste Ent- 
wurf der Friedensbedingungen bekannt. Die furchtbar harten Bedingungen, 
zerstörten alles Vertrauen zu Deulschösterreichs wirtschaftlicher Zukunft. 
Nun schlugen die ausländischen Spekulanten ihre Vorräte an Kronennoten 
los. Nun verkauften die österreichischen Kapitalisten ihre Kronenwerte, um 
mit dem Erlös ausländische Devisen und Effekten zu kaufen. Der Kronen- 
kurs bekam damit einen, weiteren mächtigen Stoß. 

Sc verknüpften sich in dieser ersten Phase der Geldentwertung alle 
Wirkungen der großen Katastrophe, den Kurs der Krone zu drücken. In 
dem ersten Jahre der Republik, in der Periode der Vorherrschaft der- 
Arbeiterklasse war die Geldentwertung unmittelbare, durch keinerlei finanz- 

• 
— 200 — 



politische Maßregeln zu verhindernde Wirkung der großen historischen 
Katastrophe selbst: des Zerfalls des alten großen Wirtschaftsgebiets, der 
revolutionären Umwälzung ganz Mitteleuropas, des vom Entente- 
imperialismus diktierten Gewaltfriedens. Das Ergebnis dieser Umwälzungen 
war, daß die Krone binnen einem Jahr neun Zehntel ihres Wertes verlor. 
Der Kurs der Krone in Zürich, der sich noch in den ersten Wochen nach 
dem Umsturz über 30 Gentimes gehalten hatte, sank bis zum Ende des 
Jahres 1919 auf 3 Gentimes. 

Aber damit war die Geldentwertung nicht beendet. Die stürmische Ent- 
wertung des Geldes im ersten Jahre der Republik hatte den Staatshaushalt 
schwer zerrüttet. Während die Staatsausgaben mit der Geldentwertung 
stiegen, konnten die Staatseinnahmen in der Zeit des vollständigen Stockem: 
der Produktion und der schwersten sozialen Krise nur langsam erhöht 
werden. Das Defizit im Staatshaushalt m.ußte daher durch Ausgabe von 
Papiergeld gedeckt werden. In gleichem Maße, wie die Masse der umlau- 
fenden Banknoten anschwoll, sank ihr Wert. Der Kurs der Krone sank 
daher immer weiter. Er sank in Zürich bis Ende 1S20 auf 1*05, bis Ende 
1921 auf O'll Gentimes. War die Geldentwertung im ersten Jahre der 
Republik unmittelbare Wirkung der Auflösung des alten Wirtschafts- 
gebiets, so war sie in der Folgezeit Wirkung der Zerrüttung des Staats- 
haushalts, die zu fortwährender Vermehrung des Papiergeldes zwang. 

Aber die Geldentwertung war nicht nur die Folge der großen histo- 
rischen Katastrophe, die 1918 Österreich befallen hat, sie war damals 
zugleich- auch ein unentbehrliches Mittel, das durch diese Katastrophe 
völlig zerrüttete Wirtschaftsleben wiederherzustellen. Der elementare 
Prozeß der Geldentwertung setzte den kapitalistischen Warenaustausch 
und die kapitalistische Warenproduktion wieder in Gang. 

Im Sommer 1919 setzte an der Wiener Börse die große Hausseperiode 
ein. Die Effektenkurse begannen sich dem von Tag zu Tag sinkenden Geld- 
wert anzupassen. Die Kapitalisten suchten ihr Kapital der Entwertung zu 
entziehen, indem sie es in Effekten und Devisen anlegten. Die Kurse der 
Börsenpapiere stiegen überaus schnell. Die großea Spekulationsgewinne 
verlockten immer breitere Schichten des Bürgertums, der Beamtenschaft, 
der Angestelltenschaft zum Börsenspiel. Was gestern an der Börse gCAVonnen 
wurde, wurde heute in wildem Luxuskonsum verjubelt. 

Von der Börse griff die Bewegung auf den Handel über. Die Börse 
spekulierte auf immer weiteres Sinken der Krone; der Kurs der Krone 
eilte daher in schnellem Sturz dem Niedergang ihres inneren Wertes, 
ihrer Kaufkraft voraus. Die Spannung zwischen dem Kurs und der Kauf- 
kraft der Krone drückte sich darin aus, daß die Inlandpreise der öster- 
reichischen Waren tief unter den Weltmarktpreisen standen. Wer öster- 
reichische Waren in das Ausland bringen konnte, konnte große Gewinne 
erzielen. Dem standen freilich die mannigfachen Verkehrsbeschränkungen, 
die Aus- und Einfuhrverbote gegenüber, mittels deren die Staaten in der 
Zeit der schwersten Not ihre Volkswirtschaft zu schützen versuchten. Ein 
.skrupelloses Schiebertum, das es verstand, die Verbote auf tausenderlei 
Schleichwegen zu umgehen und sich die Bürokratie, die diese Verbote zu 
handhaben hatte, dienstbar zu machen, durchbrach diese Hindernisse. Und 

— 201 — 



zu dem inländischen Schieber gesellte sich der auslcändische. Infolge des"^ 
krassen Mißverhällnisscs zwischen dem Binnenwerl und dem Außenwert 
der Krone konnte jeder Kommis aus den valutaslarken Ländern in Wien 
als reicher Mann auftreten und jeder, der mit ausländischem Geld in Wien 
W\iren aufkaufte, die größten Exportprofite erlangen. Die Zeit des großen 
„Ausverkaufs" kam, in der ausländische Händler die Rohstoffvorräte, die 
die Heeresverwaltung der Republik hinterlassen hatte, und den Hausrat und 
Schmuck der durch die Geldentwertung verelendeten Wiener Patrizier um 
einen Bettel an sich rissen und in das Ausland schafften. Pierre Hamp' 
hat es in grotesken Bildern geschildert, wie sich die „Goldsucher" aller 
Länder auf das verelendete Land stürzten. Aber diese Periode des Schieber- 
tums bereitete, so parasitisch sie auch erschien, in Wirklichkeit doch die 
Wiederherstellung des Wiener Handels vor. Die Anziehungskraft, die Wien 
dank der großen Spannung zwischen der Kaufkraft und dem Kurs der 
Krone, zwi'schen ihrem Binnen- und ihrem Außenwert, zwischen Inland- 
und Weltmarktpreisen auf die ausländischen Händler übte, stellte Wien 
als großen Handelsplatz wieder her. Nun kamen wieder jugoslawische 
und ''rumänische, polnische und ungarische Händler nach Wien, um hier 
die Erzeugnisse nicht nur der österreichischen, sondern auch der tschecho- 
slowakischen Industrie zu kaufen. Wien erlangte seine alte Funktion der 
Handelsvermittlung zwischen den Industriegebieten der Sudetenländer und 
den Agrargebieten des Donaubeckens wieder zurück. Und mit dem Handel 
begannen schließlich auch Gew^erbe und Industrie wiederzuerstehen. 

"zuerst wurden die Luxusgewerbe wiederbelebt; ihnen brachte die 
Periode der großen Börsen- und Schiebergewinne und des Zustroms der 
ausländischen Händler eine Periode der Hochkonjunktur. Die große 
Industrie dagegen erstand langsamer wieder. Zwar wirkte auch für sie die- 
Spannung zwischen dem Binnen- und dem Außenwert der Krone einer 
hohen Exportprämie gleich. Aber sie konnte die große Exportkonjunktur 
nicht ausnützen, solange Kohlen- und Rohstoffnot ihre Produktion 
drosselten. Erst allmählich, mit der Wiederherstellung der Produktion in 
den Nachbarländern strömten auch Österreich Kohle und Rohstoffe wieder- 
etwas reichlicher zu. Und als im Sommer 1920 die industrielle Krise in 
den valutastarken Ländern hereinbrach, als dort der Absatz von Kohle 
und Rohstoffen stockte, konnte die österreichische Industrie so viel Kohle- 
und Rohstoffe beziehen, als sie brauchte. Wir haben im zweiten Halbjahr- 
1919- 12 Millionen Meterzentner Kohle und Koks importiert, im Jahre 1920 
40 Millionen im Jahre 1921 58-4 Millionen Meterzentner. Unsere Einfuhr 
an Baumwolle betrug im zweiten Halbjahr 1919 26.511 Zentner, im 
Jahre 1920 126.464, im Jahre 1921 260.511 Zentner. In ähnlichem Ver- 
hältnis stieg die Einfuhr aller wichtigen industriellen Rohstoffe. Vor dem- 
Übergreifen der internationalen Absatzstockung auf Österreich bewahrte 
uns die Geldentwertung, die die Produktionskosten unserer Industrie tief- 
unter dem internationalen Niveau erhielt; die Kohlen- und Rohstoffnot 
aber die uns die Ausnützung der internationalen Hochkonjunktur- 
von' 1919/20 unmöglich gemacht hatte, wurde gerade durch die inter- 
nationale Industriekrise überwunden. Darum kam für die österreichische 
Industrie die Zeit der Hochkonjunktur erst, als sie auf dem ^A' eltmarkt- 
schon vorüber war. 

— 202 — 



Nun erst konnte unsere Industrie die Exportprämie, die in der Spannung 
a;wischen Inland- und Weltmarktpreisen lag, voll ausnützen. In einer 
■-Zeit, in der der Weltmarkt bereits unter dem Drucke der internationalen 
Depression stand, konnte unsere Industrie ihren Absatz auf dem Welt- 
•onarkt bedeutend ausdehnen. Unser Export betrug: 

im zweiten im Jahre im .lahre 

Halbjahr 1919 1920 1921 

Meterzentner 

Papier und Papierwaren 310.688 957.056 1,144.300 

Leder und Lederwaren J 2.2.32 40.443 59.280 

Möbel und Möbelteile 24.052 91.914 90.966 

Eisen und Eisenwaren 755.557 1,918.523 1,951.928 

Maschinen und Apparate 1-:5.441 411.642 538.015 

Elektrische Maschinen und Apparate 25.366 81.488 111.757 

( 43.611 144.379 ' 178.477 

Stück 

Fahrzeuge .^ 2.081 12.49 L 13.411 

I Tonnen 

. ''• 13 40 38 

' Meterzentner 

Edelmetalle und Waren daraus . ' . .. 937 1.878 4.920 

Chemische Hilfsstoffe und Produkte . 155.624 471.086 510.540^ 

Kleider und Putzwaren ...... 4.043 12.189 5.121 

Wäsche 263 3.273 4.814 

Durch dieses Anschwellen des Exports belebt, sog die Industrie nun die 
'Massen der Arbeitslosen auf. Die Zahl der xlrbeitslosen hätte im Mai 1919 
mit 186.000 den höchsten Stand erreicht. Nun sank sie schnell. Anfang 1920" 
•standen noch 62.427, im. Juli 23.970, am Ende des Jahres 16.637 Arbeitslose 
im Bezüge der Arbeitslosenunterstützung; in dem ganzen Jahre 1921 blieb 
die Arbeitslosigkeit sehr klein. Die Geldentwertung war das Mittel gewesen, 
durch die Belebung der Industrie die Arbeitermassen, die der Krieg aus 
-den Produktionsstätten gerissen hatte, in die Produktionsstätten zurückzu- 
führen, sie wieder an regelmäßige Arbeit zu gewöhnen. 

Die industrielle Prosperität ermöglichte es der Arbeiterschaft, sich 
'höhere Löhne zu erringen. Die Exportihdustrien, die ihre Erzeugnisse gegen 
ausländisches Geld austauschten, konnten die Kronenlöhne in dem M^ße 
erhöhen, als der Wert der Lohnkrone sank. Das Steigen der Arbeitslöhne 
in den Exportindustrien trieb, wenn auch nicht im gleichen Verhältnis, 
auch die Löhne in den anderen Industriezweigen empor. Das schnelle 
Tempo der Geldentwertung erforderte schnelle Anpassung der Lohnsätze 
.an die Veränderungen des Geldwertes. Eine Lohnbewegung folgte schnell 
der anderen. Die fortwährende Beschäftigung der gesamten Arbeiter- und 
Angestelltenschaft mit den Lohnbewegungen stärkte die Anziehungskraft 
der Gewerkschaften. Im Jahre 1922 waren bereits mehr als eine Million 
Arbeiter und Angestellte, beinahe ein Sechstel der Gesamtbevölkerung des 
Landes, in den freien Gewerkschaften vereinigt. Auf ihre starken Gewerk- 
:3chaften gestützt, konnte die Arbeiterschaft die industrielle Hochkonjunktur 
ToU ausnützen. In der Bemessung der Teuerungszulagen nach dem amtlich 
• erhobenen Teuerungsindex wurde das Mittel gefunden, die Arbeitslöhne 
allmonatlich den Veränderungen der Kaufkraft der Krone automatisch an- 
zupassen, um schwere Kämpfe um die Besserung der Arbeitslöhne zu ver- 
«hüten. Diese Entlohnungsmethode wurde im November 1919 von Renner 

— 203 — 



einer von der Regierung cinberufenon {lomoinsamon Konferenz der Untcr- 
nehmervcrbcände und der Gewerkscliaften vorgeschlagen, im folgenden 
Monat, wenn auch zunächst noch in sehr unvollkommener Gestalt, in den 
Kollektivvertrag der Metallindustrie eingeführt, in der Folgezeit dann all- 
inählieh ausgebaut und auf fast alle großen Industriezweige ausgedehnt. 

So wurde die Lebenshaltung der Arbeitermassen allmählich verbessert. 
Die Einfuhrstatistik zeigt das Ansteigen des Massenkonsums. Die Rinfuhr 
nach Osterreich betrug: 

im zweiten im Jahre im Jahre 

Halbjahr 1919 192ü 1Ö21 

Meterzentner 

Getreide und .Mehl 2,359.571 0,131.404 7..560.5.58 

S t ü c Ic 

Schlacht- und Zugvieh 18.487 37.141 130.928 

Meterzentner 

Speisefell 122.03ß 432.396 402.867 

Tabak 7.845 60.074 113.777 

Die Gesundheitsverhältnisse der Arbeitermassen besserten sich schnell. 
In Wien betrug die Zahl der Sterbefälle: 

im Jahre Ster'oefälle überhaupt Sterbefälle an Tuberkulose. 

1918 51.497 11.531 

1919 40.932 10.606 

1920 34.197 7.464 

1921 28.297 5.265 

Die Verbesserung des Ernährungszustandes der Arbeiterjugend zeigen 
die Messungen in den Lehrlingserholungsheimen des. Volksgesundheits- 
amtes. Das durchschnittliche Körpergewicht der Lehrlinge betrug: 

im Jahre 

im .-Vlter von Jahren 1919 ^^-'• 

Kilogramm 

14 bis 15 ^0-93 44-35 

15 16 42-66 45-45 

Iß ^" 17 47'48 5013 

In dem Maße, als sich die arbeitslosen „Heimkehrer" in regelmäßig be- 
schäftigte Industriearbeiter rückverwandelten, als die Arbeitsunter- 
brechungen infolge Kohlen- und Rohstoffnot aufhörten, als sich der Er- 
nährungszustand der Arbeitermassen besserte, beruhigte sich auch die 
Stimmung der Arbeiterschaft. Die stürmischen Zwischenfälle in den Be- 
trieben und auf den Straßen, die in den ersten Monaten nach dem Umsturz 
die Bourgeoisie in Furcht erhalten hatten, wurden seltener. In den Be- 
trieben stiegen Arbeitsintensität und Arbeitsdisziplin. Im Staat wurde 
wieder ein Regieren möglich, das nicht mehr täglich Erhebungen der 
Arbeiterschaft zu fürchten hatte, nicht mehr täglich des Einvernehmens 
mit den Arbeiterorganisationen bedurfte. Der revolutionäre Spannungs- 
zustand wurde durch die industrielle Hochkonjunktur überwunden. 

Damit erstarkte das Selbstbewußtsein des industriellen Unternehmer- 

' tums. Es war eingeschüchtert, solange seine Betriebe in Auflösung waren; 

es wurde wieder selbstbewußt, sobald seine Betriebe wieder in vollem 

Gange waren. Es hatte sich in der Zeit der schweren Krise, in der Kohlen- 

und Rohstoffnot die volle Produktion unmöglich machten, gegen die Ein- 

— 204 — 



führung des Achtstundentages nicht gewehrt; jetzt, da der Achtstundentag 
es i% der Ausnützung der Hochkonjunktur beschränkte, klagte es über die 
„sozialpolitischen Experimente". Es hatte in der Zeit der schweren revo- 
lutionären Erschütterung die neue sozialpolitische Gesetzgebung ohne 
Widerstand hingenommen; jetzt begann es wieder, sich gegen die „sozial- 
politischen Lasten" aufzulehnen. Das industrielle Unternehmertum begann 
nun, alle besitzenden Klassen gegen die Machtstellung der Arbeiterklasse 
im Staat zu organisieren. 

Aber die Geldentwertung stellte nicht nur den Handel, das Gewerbe,, 
die Industrie wieder her. Sie rief auch eine folgenschwere Umschichtung 
innerhalb der ganzen Bourgeoisie hervor. Unter den Wirkungen der Geld- 
entwertung ist eine neue Bourgeoisie entstanden, ist das alte Bürgertum 
zugrunde gegangen. 

Zunächst wurden durch die Geldentwertung diejenigen Schichten der 
alten Unternehmerklasse begüristigt, deren Unternehmungen in Wien ihre 
Büros, aber außerhalb Deutschösterreichs, zumeist in der Tschechoslowakei, 
ihre Fabriken haben. Diese Unternehmer bezogen ihr Einkommen in 
tschechischen, sie verausgabten es in österreichischen Kronen. Sie vor 
allem waren daher die Nutznießer der großen Differenz zwischen dem 
inneren und dem äußeren Wert der Krone. Neben ihnen zog eine neue 
Schicht der Bourgeoisie aus dieser Differenz große Gewinne. Aus Valuten- 
spekulation und Schiebertum entstanden neue große Vermögen. Die 
schweren Hindernisse, die die staatliche Gesetzgebung der Valuten- 
spekulation und dem Schiebertum entgegenzustellen versucht hatte, 
konnten nur von besonders gerissenen, besonders bedenkenlosen Händlern 
überwunden werden. Es waren Methoden der „ursprünglichen Akkumu- 
lation" in Marxens Sinne, aus deren Anwendung die neuen großen Ver- 
mögen entstanden. Den an die normalen Formen kapitalistischer Betäti- 
gung in bochindustriellem Milieu gewohnten Kapitalisten waren diese 
Methoden nicht vertraut. Desto besser vertraut waren sie dem Händlertum 
aus den agrarischen Ländern des Ostens, wo das Kapital, noch gleichsam^ 
in den Poren tiner noch vorkapitalistischen Gesellschaft lebend, noch die 
brutaleren und korrxiplercn Methoden der „ursprünglichen Akkumulation' 
anzuwenden gewohnt war. Die galizischen Juden, die der Krieg in großen 
Massen na-^h Wien gev/orfen hatte, die ungarischen Händler, die vor der 
Revolution in Österreich Zuflucht gi^sucht hatten, stellten zu den Nutz- 
nießern der Geldentwertungskonjunktur ein starkes Kontingent. Und zu ihnen 
gesellten sich noch d'e zahlreiiiheii „Goldsucher" aus den valutastarken 
Ländern, die nach Österreich kamen, um die Konjunktur' des „Ausverkaufs" 
auszunützen. So entwickelte sich aus der Geldentwertungskonjunktur eine 
neue Bourgeoisie, die zum großen Teil aus landfremden, kulturell '.ief- 
stehenden Elementen, die ihren Erfolg ihrer geschäftlichen Findigkeit und 
ihrer moralisciicn Skrupellosigkeit verdanken, zusammengesetzt ist. Es war 
wahr geworden, was der junge Friedrich Engels im Jahre 1848, wenige 
Wochen vor der österreichischen Märzrevolution, vorausgesagt hatte: ,,daß 
es recht gemeine, recht schnmtzige, recht jüdische Bourgeois sein werden, 
die dies altehrwürdige Reich ankaufen". Der kulturlose Luxus der an der 
Not des Landes bereicherten neuen Bourgeoisie erbitterte die Volksmasse. 
Eine Welle des Antisemitismus ergoß sich über das Land. 

— -205 — 



Derselbe Prozeß der Gcldenlwerlung, der die neue Bourgeoisie empor- 
gclragen hat, hat breite Schichten der alten Bourgeoisie pauperisiert. Zu- 
nächst traf dieses Schicksal die Rentner. Während des Krieges hatte der 
weitaus größte Teil des mobilen Kapitals der Bourgeoisie die Gestalt der 
Kriegsanleihetitres angenommen. Die Republik bezahlte die Zinsen der 
Kriegsanleihen, aber sie bezahlte sie in Papierkronen. In dem Maße, als der 
Wert der Papierkrone sank, wurde die Rentnerklasse expropriiert. Die 
Zinsen, die der Staat den Rentnern bezahlte, stellten 1920 nur noch ein 
Hundertstel, 1922 nur noch ein Zehntausendstel des versprochenen Wertes 
dar. Der Millionär, der sein Vermögen in Kriegsanleihe angelegt hatte, 
war zum Bettler geword<^n. 

Mit den Rentnern wurden auch die Hausbesitzer expropriiert. Die 
während des Krieges erlassene Mieterschutzverordnung wurde aufrecht- 
orhallcn. Die Mietzinse, ■ in Papierkronen ausgedrückt, stiegen nur sehr 
langsam, während der Wert der Papierkrone schnei] sank. Die Aufrecht- 
erhaltung des Mieterschutzes war eines der wirksamsten Mittel, die Lebens- 
haltung der Volksmassen zu heben. Der Wohnungsaufwand verschlang 
bald nur noch einen sehr geringen Teil des Lohneinkommens. Die Volks- 
niassen konnten ihr Wohnungsbedürfnis viel besser befriedigen als vor 
dem Kriege. Aus den Wohnungen der Arbeiter verschwanden die Bett- 
geher und Aftermieter. Die Tatsache, daß in Wien Wohnungsnot herrscht, 
obwohl die Bevölkerung infolge der Kriegsverluste, infolge der Abnahme 
cer 'Geburtenhäufigkeit und infolge der starken Abwanderung nach der 
Revolution beträchtlich abgenommen hat, beweist, daß die Volksmassen 
in den Arbeitervierteln nicht mehr so dicht gedrängt wohnen wie vor dem 
Kriege. Aber diese Hebung der Wohnkultur, eines der erfreulichsten Er- 
gebnisse der sozialen Umwälzung, erfolgte auf Kosten der Hauseigentümer. 
Die Hausrente wurde zugunsten der Mieter konfisziert. Damit wurde eine 
der zahlreichsten Schichten des Bürgertums wirtschaftlich expropriiert. 

Auch die höhere Beamtenschaft wurde von der Geldentwertung nieder- 
gedrückt. Staat, Länder und "Gemeinden, infolge der Geldentwertung mit 
den größten finanziellen Schwierigkeiten käm.pfend, konnten die Bezü'je 
ihrer Angestellten nur viel langsamer erhöhen als die für den Export 
arbeitende Industrie und als die durch die Geldentwertungskonjunktur be- 
günstigten Banken und Handelsunternehmungen. Die Bezüge der untersten 
Kategorien der öffentlichen Angestellten, die auch vordem nur gerade das 
nackte Leben ermöglichten, mußten freilich in dem Maße erhöht werden, 
als die Kaufkraft des Geldes sank; desto mehr mußten die notleidenden 
öffentlichen Haushalte an den Bezügen der höheren Angestellten sparen. 
Ihre Bezüge stiegen viel langsamer, als der Geldwert sank. So wurden von 
Ende 1915 bis zum März 1920 die Bezüge der ledigen Staatsbeamten in der 
XI. Rangsklasse immerhin um 718 Prozent, in der IV. Rangsklasse nur 
um 215 Prozent erhöht. Ein Hofrat hatte im Jahre 1915 noch 8-6mal, im 
Jahre 1920 nur noch SSmal höhere Bezüge als ein Beamter der untersten 
Rangsklasse. 

Endlich wurden auch die freien Berufe von. der Bewegung erfaßt. Das 
verarmte Volk mußte sein ganzes Einkommen für die Bestreitung der alier- 
unentbehrlichsten, unaufschiebbarsten Lebensbedürfnisse verwenden. An 
«.^'t-n-i Entbehrlicheren mußte es sparen. Mit der Verelendung der zahl- 

— 206 — 



reichsten Schichten des Bürgertums verloren der Arzt, der Schriftsteller, 
der Künstler ihre Klientel. Auch sie gerieten nun in bittere Not. 

Während eine neue landfremde Bourgeoisie aus der Not des Landes 
neue große Vermögen schöpfte, wurde der alte Reichtum des altöster- 
reichischen Bürgertums durch die Geldentwertung vernichtet. Das altöster- 
reichische Bürgertum wurde aus seiner gewohnten bürgerlichen Lebens- 
haltung tief hinabgestürzt. Tausende, die vor dem Kriege reich gewesen, 
konnten ihr Leben nur noch fristen, indem sie alten Hausrat und Schmuck 
verkauften und ihre Stuben an Fremde vermieteten. Sie konnten keine 
Hausgehilfinnen mehr halten. Buch, Theater, Konzert wurden ihnen zu 
unerschwinglichem Luxus. 

Es war das Altwiener Patriziat, es waren die führenden Schichten der 
österreichischen Intelligenz, es waren große Teile des mittleren und kleinen 
Bürgertums, die durch die Geldentwertung verelendet wurden. Sie waren 
die eigentlich herrschende Klasse der Habsburgermonarchie gewesen. Sie 
hatten der Habsburgermonarchie ihre Beamten, ihre Offiziere gestellt. Sie 
waren die Träger des österreichischen Patriotismus, der altösterreichischen 
Traditionen gewesen. Sie waren seit einem Jahrhundert die Träger der 
spezifisch österreichischen Kultur, der Wiener Literatur, der Wiener Musik, 
des Wiener Theaters gewesen. Sie waren die eigentlich Besiegten des 
Krieges. Es war ihr Reich, das im Oktober 1918 zusammengebrochen war. 
Und mit ihrem Reich hatten sie auch ihren Reichtum "verloren. 

Ihr wirtschaftliches Schicksal bestimmte ihre soziale und politische 
Ideologie. Im letzten Kriegsjahr waren sie voll Sehnsucht nach dem Frieden 
gewesen. Damals haßten sie den deutschen Imperialismus, der den Krieg 
in die Länge zog. Damals hofften vieje von ihnen durch die Trennung 
von Deutschland ihr Reich zu retten; durch Demokratie und nationale 
Autonomie innerhalb des Reiches dem Sonderfrieden den Weg zu bahnen. 
Ihr Pazifismus näherte sie damals der Sozialdemokratie. Und als im Ok- 
tober 1918 die Demokratie siegte, wurden auch von ihnen viele völlig von 
dem Geist der neuen Zeit erfaßt. Bereit, sij^h der aufsteigenden Macht der 
Arbeiterklasse zu gesellen, nannten sie sich nun „geistige Arbeiter". Aber 
nach wenigen Wochen schon schlug ihre Stimmung um. Die neue Zeit 
hatte sie pauperisiert. Ihre Verelendung erbitterte sie! Ihre Erbitterung- 
wandte sich gegen die beiden Klassen, die aus der Katastrophe, die das 
alte Bürgertum zugrunde gerichtet hatte, aufgestiegen waren: gegen die 
neue Bourgeoisie, die wirtschaftlich die Katastrophe genützt, und gegen die 
Arbeiterklasse, die die Katastrophe zu politischer Vorherrschaft gehoben 
hatte. Sie sahen viele Juden unter den reich gewordenen Schiebern. Sie 
sahen Juden unter den Führern der Arbeiter. Ihr zwiefacher Haß fand im 
Antisemitismus seine Vereinigung. 

Sehr bald wurde ihre Erbitterung gegen die Arbeiter stärker als ihre 
Erbitterung gegen die Schieber. Am Ende war der Schieber nichts als ein 
erfolgreicher Kaufmann; daß aus Kauf und Verkauf Gewinne und Reich- 
tümer entstehen, erschien ihrem bürgerlichen Denken am Ende natürlich. 
An der neuen Machtstellung, dem neuen Selbstbewußtsein der Arbeiter da- 
gegen stieß sich täglich ihr bürgerliches Vorurteil. Dem Arzt erschien es 
als der Welten Ende, daß auch Pflegerinnen und Spitaldicner im Kranken- 

- 207 — 



haus milonlschcldcn wollten. Der Bürovorsland ärgerte sich über die vcr- 
ändorle Haltung seines Dieners, die Hausfrau über das plötzlich erwachte 
Selbstbewußtsein ihrer Köchin. Sie alle aber erbitterte vor allem die Be- 
wegung der Arbeitslöhne. Das Kroneneinkommen des Rentners und des 
Hausherrn blieb trotz der Entwertung der Krone unverändert, das Kronen- 
einkommen des hohen Beamten, des Künstlers, des Arztes stieg weit lang- 
samer, als die Krone sank; die Arbeiter der von der Geldentwertung be- 
günstigten Exportindustrie aber konnten ihr Einkommen viel schneller 
erhöhen. Die Intellektuellen sahen nicht, daß die Lohnerhöhungen doch 
imr Anpassungen des Gcldlohnes an den sinkenden Geldwert waren; sie 
sahen nur, daß die Löhne der Arbeiter schnell stiegen, während ihr Ein- 
kommen gar nicht oder viel langsamer stieg. Die Intellektuellen sahen 
nicht, daß die Arbeiterschaft trotz aller Lohnerhöhungen auf weit 
niedrigerem Niveau der Lebenshaltung als vor dem Kriege blieb; sie sahen 
nur, daß sich die Lebenshaltung der Arbeiter doch allmählich immerhin 
besserte, während ihre Lebenshaltung mit dem Fortschritt der Geld- 
entwertung immer tiefer sank. Die Intellektuellen verstanden nicht, daß 
die Umwälzung der Einkommensverteilung Ergebnis eines elementaren 
ökonomischen Prozesses war, unentrinnbare Wirkung der Geldent- 
wertung, die selbst wieder unentrinnbare Wirkung der großen histori- 
schen Katastrophe, des Krieges, der Auflösung des alten Wirtschafts- 
j^ebietes, des Gewaltfriedens war. Sie hielten die Lohnerhöhungen, die die 
Folge der Geldentwertung waren, für die Ursache der Geldentwertung und 
damit auch für die Ursache der Verelendung des „Mittelstandes". _Daß da 
lind dort die Löhne von Handarbeitern über die Einkommen akademisch 
Gebildeter stiegen, hielten sie für willkürliche Wirkung der neuen 
politischen Machtstellung der Arbeiterklasse. Daß die V/aschfrau besser 
entlohnt werde als der Universitätsassistent, wurde zum Schlagwort der 
Agitation. Der Klassenneid gegen die Arbeiterschaft wurde zur stärksten 
Leidenschaft der untergehenden Schichten des Bürgertums. Er erfüllte die 
breiten Schichten des mittleren und kleinen Bürgertums mit Haß gegen 
die Revolution, gegen die Arbeiterklasse, gegen die Sozialdemokratie. 

Es ist nicht ohne Reiz, den Niederschlag dieser schnellen Entwicklung 
•der Stimmungen der bürgerlichen Intelligenz in der österreichischen 
Literatur zu verfolgen. Die Auflehnung eines nicht geringen Teiles der 
■deutschösterreichischen Intelligenz gegen die Schrecken und den Schmutz 
des Krieges hatte in den letzten Kriegsjahren und in der Zeit des Um- 
sturzes in einer Reihe von Dichtungen ihren Ausdruck gefunden. Hoch 
Tagt aus ihnen Karl Kraus' Dichtung „Die letzten Tage der Mensch- 
lieit" hervor, in ihrer grauenvollen Wahrheit und Fülle das gewaltigste 
Denkmal des Krieges. Diese Auflehnung gegen den Krieg erfüllte nicht 
wenige junge Intellektuelle mit revolutionärer Stimmung. Da saß so mancher 
von ihnen als Reserveoffizier mitten in dem lärmenden Treiben der 
Offiziersmesse, wie es Ernst Angel geschildert: 

Draußen verreckte der Heiland eiternd in Stacheldrähten, 
Drinnen reicht Judas den Braten, die schleichende Ordonnanz. 

Und mitten unter den Kameraden harrte der junge Dichter hoffend 
der drohenden, rächenden Revolution: 

— '208 — 



Aber schon könnt ihr es hören, Türen sprengt das Empören. 
Kamst du uns endhch zu stören, Sohn des Verzichts? 
Speiest Revolte und Fusel uns schäumenden Mundes. 
Lüstern und drohend. Zerrbild des künftigen Bundes. 
Henker von morgen. Richter des Jüngsten Gerichts. 

Und als die Revolution gekommen war, als 

Denker in Stahl mit Denkern im Geiste verschworen 
Schlössen der opferfeisten Maschine den Schlund, 

da grüßte der Dichter die Revolution in überschwenglichster Erwartung: 

Zukunft dichtet dein Zorn; und Eden entsprießt unsern Sünden, 
Menschheit heil und blühend von Gärten umsäumt. 
Freundschaft friedet die Zwiste, bindet zu Bünden, 
Traum der Propheten wird in die Tat geträumt 

Aber nur allzubald kam die furchtbare Enttäuschung: statt der Volks- 
befreiung in romantischem, heroischem Kampf der durch Wirtschaftsnot 
und Ohnmacht in Form und Inhalt bestimmte harte Klassenkampf; statt 
des Zwistes friedenden Menschheitsbundes wehrlose Ohnmacht der Be- 
.^legten, brutale Gewalt der Sieger; statt des ersehnten Eden die wirtschaft- 
liche Katastrophe des Landes, der wirtschaftliche Untergang der Kl-asse, 
die ein Jahrhundert lang die Trägerin seines geistigen Lebens gewesen war. 
Daß diese Umwälzung die anderen, die Nachbarvölker von alten Fesseln 
befreit hat, die Deutschösterreicher, Opfer dieser Umwälzung, die ihnen 
neue Fesseln auferlegte, konnten es nicht mitfühlen. Daß diese Revolution 
in den Arbeitermassen Deutschösterreichs selbst schlafende Seelen geweckt, 
breiten Massen neuen, höheren Lebensinhalt gegeben, hat von den Dichtern 
und Künstlern unseres Bürgertums auch nicht einer bemerkt; die Kunde 
von der seelischen Umwälzung, die sich in den Fabriken, in den Arbeiter- 
vierieln vollzog, ist bis zu ihren Schreibtischen, in ihre Kaffeehäuser 
nicht gedrungen. So erlebten sie nur den Niedergang ihrer eigenen Klasse. 
Sie flüchteten in die Bilder der Vergangenheit. In der Zeit des Zusammen- 
bruchs'des alten Österreich malten sie die Bilder seiner vergangenen Größe; 
die Zeiten des Barock, die Zeiten des Biedermeierlums erstanden ihnen 
wieder. Und ihr Erinnern an Zeiten, die ihrer Klasse reicher, glücklicher 
w-aren, endete dann immer wieder in Worten der Klage, wie sie Felix Gräfe 

gedichtet: 

Wo ging dies hin? Wer hat den Traum zertreten? 
Ihn bringt kein Weinen, ihn erweckt kein Beten, 
Verschwendet liegt uns Tag und Überfluß. 
Und wo wir einst im Rausch des Schauens lagen, 
Entatmend überschwenglich Wort und Kuß: 
Hat schrecklich uns die Faust der Tat erschlagen. 

In dem furchtbaren Elendsjahre, das dem Kriege folgte, glaubte die 
Intelligenz, ihr Wien, das alte, große Wien völlig untergehen zu sehen. In 
■ dieser Stimmung schrieb Karl Hans Strobl seinen phantastischen Roman 
„Gespenster im Sumpf". Da ist Wien in Hungersnot und Bürgerkrieg 
zugrunde gegangen. Die Bevölkerung ist ausgestorben, die Häuser sind zer- 
fallen, Ratten hausen in den Trümmern. Im Trümmermeer treiben sich 
noch ein paar Menschen herum; sie nennen sich Staatssekretäre und ein 
Mann namens — Laufer, der sich Staatskanzler nennt, ist der Führer der 
Bande. Zuweilen gelingt es ihnen, eine reiche Amerikanerin, die neugierig 

— f:03 — u 



die Trümmer der zerfallenen Stadt besichtigt, zu fanden und Lösegeld Tür 
ihre Befreiung zu fordern; das nennen sie Verniögcnsabgahe. Am Randfr 
der Stadl aber liausen in Erdiiöhlen noch vertierte Menschen; unter ihnen 
geht die Sage, daß einst in ihrer Mitte niächtige Dämonen gelebt haben^ 
die man Betriebsräte genannt hat ... 

Dann, als sich Wiens Wirtschaftsleben wicderlierzustellen begann, 
sah die Intelligenz zwar nicht mehr den Untergang ihrer Stadt, aber doch 
noch den Untergang ihrer Klasse. Für sie, für den verelendeten Mittelstand 
gibt es keine Zukunft in der Stadt mehr. Es ist die Stimmung, in der 
Rudolf Hans Bartsch seinen , .Landstreicher" geschrieben hat. Zur Scholle 
müssen wir zurück, wenn wir noch leben wollen. Bauern müssen wir 
werden; aber freilich „sublimierte Bauern, Bücher lesende Bauern, Musik 
hörende Bauern". Und der Dichter, von allem anderen Geschehen der 
Revolutionszeit angewidert, feiert überschwenglich die Kleingarten- und 
Siedlerbewegung als den Beginn der Rückkehr zur Scholle. 

Gegen das emporsteigende Schiebertum auf der einen, gegen die 
erstarkte Arbeiterklasse auf der anderen Seite richtete sich der Haß der 
wirtschaftlich verelendeten Intelligenz. Es war bürgerliche Durchschnitts- 
auffassung des Geschehens, was Thaddäus Rittner in seinem Roman 
„Geister in der Stadt" zu einer von feiner Ironie durchzogenen Erzählung 
gestaltete. Da herrschen in der Stadt „die Muskeln und die Finanzen". Ihre 
Dienerschaft aber setzt sich aus Künstlern und Gelehrten zusammen; sie 
bilden nun die , .niederste Schicht der Gesellschaft". Sie bemühen sich, 
möglichst unmanierlich zu essen und möglichst ungebildet zu reden, um 
nur ihren neuen Herren zu gleichen. Sie verbeugen sich tief vor jedem 
„Straßenkehrer und Tramwayschaffner". Es ist der „Sieg der Materie über 
den Geist". Aber plötzlich entsteht in der Sta^dt ein Gespenstertheater, das 
bald alle vergiftet. Da spricht man mit einem Male wieder von anderen 
Dingen als vom Gelde. Das Bedürfnis nach Kunst und Wissenschaft 
entsteht wieder. Und nun können es plötzlich die Unterdrücken, die 
Künstler und Gelehrten, wieder wagen, Forderungen zu stellen. Nun 
bekommen mählich sie wieder die Oberhand. Die Zeit kommt, wo sich 
wieder die manuellen Arbeiter geknechtet fühlen, wieder sie sich gegen die 
herrschenden Intellektuellen verschwören werden . . . 

Das gebildete Bürgertum sieht seine Zeit wieder kommen. Freilich, 
die alte Herrschaft in dem weiten Reiche ist zerstört. Alter Reichtum ist 
vernichtet. Aber man kann sich auch im engeren Räume ein neues Haus- 
bauen. Franz Werfet gestaltet dieser Hoffnung den Mythos in seinem 
„Bocksgesang".* Da hat sich der „Ungetaufte", das Halbtier, das der Gospo- 
dar Milic in seinem Stalle gehalten hat, von seinen Fesseln gerissen; und 
sein Anblick hat die Revolte der „Landlosen" entfesselt. Es ist das 
Ungetaufte, Ungezügelte, das Tierisch-Dämonische im Menschen, Vi^as die 
Revolution entfesselt hat; und die satanische Messe, der Kult des Tierisch- 
Dämonischen ist ihr Inhalt. Aber die Janitscharen kommen und werfen die 
„Landlosen" nieder. Wohl ist der Besitz des Gospodars zerstört; aber von 
der ewigen Furcht vor dem Ungetauften befreit, der Last der Herrschaft 
und des Besit>.es ledig, geht er daran, sich ein neues Haus zu bauen, um 
mit seinem Weibe ärmer zwar, aber glücklicher zu wohnen. 

— 210 — 



Dieselbe Eniwicklung der Stimmungc-n, die sich so deutlich in der 
Poesie spiegelt, können wir auch in unserer wissenschaftlichen Literatur 
beobachten. Am deutlichsten natürlich im Bereich der Nationalökonomie. 
In den ersten Monaten nach der Revolution entstand die umfangreiche 
akademische Sozialisierungsliteratur. Nach wenigen Monaten schon 
schlug die Stimmung um. Nun entstand eine Literatur ganz anderen 
Schlages. Bücher wie Othmar Spanns „Wahrer Staat" und Ludwig Mises' 
„Gemeinwirtschaft" sind die Repräsentanten der Gattung. Jener will uns 
zu Adam Müller zurückführen, dieser zu Bentham. Jener zur romanti- 
schen Staatsphilosophie, dieser zum liberalen Manchestertum. Jener ver- 
ficht das Recht der „Arbeit edleren Stammes", der Arbeit des Künstlers 
und Gelehrten; dieser verficht weit nüchterner die Freiheit der „Eigen- 
-tümer der Produktionsmittel". Spann repräsentiert die Flucht der durch die 
Geldentwertung verelendeten bürgerlichen Intelligenz zum romantischen 
Ideal ständischer Staatsordnung; Mises repräsentiert das wiedererwachte 
Selbstbewußtsein des durch die Geldentwertungskonjunktur empor- 
getragenen Unternehmertums, das die Befreiung seiner Unternehmer- 
tätigkeit von allen staatlichen und gewerkschaftlichen Fesseln heischt. 
Aber beiden gemein ist die leidenschaftliche Ablehnung des SoziaUsmus, 
der leidenschaftliche Haß gegen die Arbeiterbewegung. 

So gering die bürgerliche Intelligenz a.n Zahl ist, so groß ist ihr Ein- 
fluß auf die Gesellschaft. Immer ist es sie vor allem, die die „öffentliche 
Meinung" formt. Die „öffentliche Meinung" begann sich gegen die Macht- 
stellung der Arbeiterklasse, gegen den Sozialismus zu wenden. Breite 
Schichten der Intelligenz, der Beamtenschaft, der Angestelltenschaft, des 
Kleinbürgertums, die im Herbst 1918 von der roten Flut mitgerissen 
worden waren, standen im Sommer 1919 der Sozialdemokratie todfeind 
gegenüber. Die Herrschaft des Bürgertums in Staat und Gesellschaft 
wiederherzustellen, alle der Arbeiterklasse feindlichen Kräfte zu diesem 
Zwecke zu vereinigen, erschien ihnen nun als die höchste Aufgabe. 

Zugleich aber hatte sich auch die Stimmung der Bauernschaft wesent- 
lich verändert. In sein Dorf zurückgekehrt, war der ,, Heimkehrer" gar 
bald wieder zum Bauern geworden. In seinem Dorfe litt er keine Not. Ihm 
fehlte es nicht an Nahrungsmitteln. Die Geldentwertung erlaubte es ihm, 
seine Hypothekenschulden zurückzuzahlen. Die Grundsteuer war infolge 
der Geldentwertung bedeutungslos geworden. In behaglichem Besitz vergaß 
der Bauer schnell, was er in der Kaserne, was er an der Front erlebt, 
wie das Requisitionssystem der Kriegswirtschaft in seinem Dorfe gehaust 
hatte; die mächtige demokratische, dem Militarismus, der Bürokratie, dem 
Kriegsgewinnertum feindliche Bewegung, die in den ersten Monaten nach 
dem Umsturz durch die Dörfer gegangen war, war kurzer Dauer. 
Damals hatte auch der Bauer an eine Umwälzung der Eigentumsverhält- 
nisse gedacht. Die Bewegung war nicht ganz ohne Ergebnis geblieben. 
Nach dem Wiederbesiedlungsgesetz vom Mai 1919 sollten die Bauern- 
güter, die seit den siebziger Jahren in die Hände des Großgrundbesitzes 
gefallen waren, enteignet, zur Begründung neuer Bauerngüter und 
Häusleranwesen verwendet werden. Durch einige Landesgesetze wurden 
die Servituten- und die Jagdgesetzgebung revidiert. Aber sehr bald 
'erkannten die Herrenbauern, daß die Revision der Grundeigentumsverhält- 

— 211 — 14. 



nisse ihnen selbst gefährlich zu werden drohte. Die Revolution halte die 
kleinen Leute im Dorfe geweckt. Das allgemeine Wahlrecht stärkte ihne 
Macht in den Gemeinden. Der Kampf zwischen den Gemeinden und den 
Agrargemeinschaften, zwischen den Häuslern und den Rustikalisten um 
das Eigentum an den alten Gemeindoländereicn, um das Nutzungsrecht 
am Gemeindewald und an der Gemcindeweide lebte wieder auf. Die 
Pächterschutzverordnung vom 5. August 1919, die die Anpassung der 
Pachtzinse an die Geldentwertung hemmte und dadurch einen Teil der 
Grundrente vom Grundeigentümer auf den Pächter übertrug, war ein Sieg 
der Kleinen über die Großen un Dorfe. Die Großbauern begannen sich 
gegen die Revision der überlieferten Eigentumsverhältnisse zu wehren. 
Nun war es der Bourgeoisie leicht, sie gegen die „Sozialisierung" aufzu- 
bieten. 

Die Bewegung, die seit dem Umsturz durch die Dörfer ging, war vom 
Anfang an zwieschlächtigcn Charakters gewesen. Aber ihr demokratischer 
Charakter schwand schnell; desto stärker trat ihr der Arbeiterklasse 
leindlicher Klassencharakter hervor. Die Revolution hatte ja das Dorf- 
proletariat erweckt. Die überaus schnelle Entwicklung und die überaus 
großen Erfolge der jungen gewerkschaftlichen Organisation der Land- 
und Forstarbeiter schreckte den Bauern. Zugleich erkannte der Bauer den 
engen Zusammenhang zwischen der Bewegung der Landarbeiter und 
der Bewegung des Industrieproletarials. Wenn nach acht Stunden die 
Fabrikpfeife ertönte, legte auch der Bauernknecht die Hände in den Schoß. 
Im Dorfwirtshaus hänselte der Eisenbahnarbeiter den Bauernknecht, der 
mehr als acht Stunden arbeitete. Im Dorf fehlte es an Arbeitskräften, 
während der Staat den Arbeitslosen in der Stadt Unterstützungen bezahlte. 
Überall sah der Herrnbauer seine Interessen denen der Arbeiterklasse 
entgegengesetzt: im Kampfe um die Übernahmspreise der staatlichen 
Getreideverkehrsanstalt, um die Wiederherstellung des freien Handels, um 
den Ausbau der Besitzsteuern. War nicht der städtische Unternehmer sein 
natürlicher Bundesgenosse im Kampfe gegen Achtstundentag und Arbeits- 
losenunterstützung, der städtische Kaufmann sein natürlicher Bundes- 
genosse im Kampfe um den freien Handel, der städtische Kapitalist sein 
natürlicher Verbündeter im Kampfe gegen die Vermögensabgabe und die 
Besitzsteuern? Auch im Bauercwirtshaus hieß es nun: die Sozialdemokratie 
ist der Feind! 

So entwickelte sich allmählich die Einheitsfront der besitzenden 
Klassen gegen die Arbeiterklasse. Das Bankkapital, das den freien 
Devisenhandel forderte; das industrielle und gewerbliche Unternehmertum, 
das sich gegen die „sozialpolitischen Lasten" zur Wehr setzte; das 
Handelskapital, das uni den freien Handel kämpfte; die neuen Reichen, 
die vor der Vermögensabgabe zitterten; die untergehenden Schichten des 
Bürgertums und der Intelligenz, die sich über die „hohen Löhne" ent- 
rüsteten; die Bauern, die die Bewegung der Landarbeiter schreckte — 
sie alle vereinigten sich gegen die Arbeiterklasse. Alle inneren Gegensätze 
innerhalb der Stadt- und Dorfbourgeoisie erschienen bedeutungslos gegen- 
über dem gemeinsamen Gegensatz gegen das Proletariat. Der jüdische 
Schieber spendete gern für den Wahlfonds der bürgerlichen Parteien, 
deren Sieg allein ihn vor hohen Resitzsteuern und vor der Anforderung 

212 — 



seiner Devisen, vor schweren „sozialpolitischen Lasten" und vor der staat- 
lichen Reglementierung seines Handels schützen konnte; was verschlug 
es ihm, daß sie die Sozialdemokratie mit antisemitischen Argumenten 
bekämpften? Was gilt die Waffe, mit der den Feind man schlägt? Die 
Waffe, die ihn schlägt, sie ist die beste! Der Antisemitismus, aus der 
Erbitterung des untergehenden Bürgertums gegen die aufsteigende neue 
Bourgeoisie entstanden, ' wurde, als volkstümliches Kampfmittel gegen die 
Sozialdemokratie verwendet, zum Instrument dieser neuen Bourgeoisie- 
selbst. 

Das Erstarken der besitzenden Klassen war ein allmählich fortschrei- 
tender Prozeß. Er begann im Sommer 1919 mit dem Siege der Konter- 
revolution in Ungarn. Er wurde beschleunigt, als seit Mitte 1920 die- 
industrielle Prosperitätsperiode den revolutionären Erregungszustand der- 
Arbeitermassen überwand und das Selbstvertrauen der Unternehmerklassen 
wieder herstellte. Er schritt weiter fort, als die Oktoberwahlen 1920 den 
Abfall breiter Mittelschichten von der Sozialdemokratie offenbarten und als 
die Niederlagen des internationalen Proletariats in den .Jahren 1920 und 1921 
das Proletariat überall in die Defensive drängten. So flutete nun auch in 
Österreich die Welle der Revolution zurück. 



§ 14. Der Kampf um die Institutionen der Republik. 

Liteiatni : 

Die Tätigkeit des Verbandes der sozialdemokratischen Abgeordneten. 13. Heft. 
Wien 1920. 

Deutscli, Aus Österreichs Revolution. Wien 1921. — Bauer, Die Offiziere und 
die Repubhk. Wien 1921. 

Leichter, Die neue „Linke". „Der Kampf", 1919. — Bauer, Die alte und die 
neue Linke. „Der Kampf", 1920. — Rothe, Die Arbeitsgemeinschaft revolutionärer 
Sozialdemokraten Deutschösterreichs. „Der Kampf", 1920. — Friedrich Adler, 
Referat über die Arbeiterräte und die Internationale auf dem Parteitag der deutsch- 
österreichischen Sozialdemokratie 1921. 

Kelsen, Die Verfassungsgesetze der Republik Österreich. 5. Teil: Die Bundes- 
verfassung. Wien 1922. — Danneberg und Leuthner, Verfassung und Sozial- 
demokratie. Wien 1920. 

Statistik der Nationalratswahlen des Jahres 1920. , .Beiträge zur Statistik der- 
Repubhk Österreich." 11. Heft. Wien 1921. 



Nach der Ratifizierung des Friedensvertrages von St. Germain legte die 
im Februar 1919 gewählte Koalitionsregierung ihr Amt zurück. Am 
17. Oktober 1919 wurde die zweite Koalitionsregierung gewählt. Der 
äußeren Erscheinung nach handelte es sich um keine Änderung des 
Regierungssystems, nur um eine Änderung der persönlichen Zusammen- 
setzung der Regierung. In Wirklichkeit zeigte sich schon bei der Bildung,, 
erst recht in der Wirksamkeit dieser Regierung die Verschiebung der gesell- 
schaftlichen Machtverhältnisse, die seit der Konterrevolution in Ungarn, 
wirksam geworden war. 

In der Zeit der Bildung der ersten Koalitionsregierung bestanden die 
stärksten Gegensätze zwischen den bäuerlichen und den Wiener Christlich - 

— 213 — 



•sozialen. In dem Maße, als der „Heimkehrer" wieder 7.uni Bauern geworden 
war, als die bäuerliche Bewegung den starken demokratischen Charakter 
der Umslur'zzeit verloren und sich immer einseitiger gegen die Arbeiter- 
klasse gewendet hatte, war dieser Gegensatz überwunden worden. Es w^ar 
den Wiener Klerikalen gelungen, die bäuerlichen Abgeordneten allmählich 
wieder ihrer Führung unterzuordnen. Der Prälat Seipel wurde zum tat- 
säclilichen Führer der christlichsozialen Partei. So trat die christlichsoziale 
Partei in die zweite Koalition viel gefestigter ein als in die erste. Die erste 
Koalition war eine Klassenallianz der Arbeiter mit den Bauern. Die zweite 
Koalition war eine banale Parteienkoalition der Sozialdemokraten mit den 
Christlichsozialen. 

Die Sozialdemokratie teilte die Herrschaft nun nicht mehr mit den 
Vertretern der Bauernschaft, sondern mit dem durch die städtischen 
Christlichsozialen repräsentierten Teil des Bürgertums, der nun wieder die 
bäuerlichen Stimmen kommandierte. Das Selbstbewußtsein dieses Bürger- 
tums aber war bereits mächtig erstarkt, seitdem es, nach den Siegen der 
Konterrevolution in Ungarn und in Bayern, vor der proletarischen 
Revolution nicht mehr zitterte. Es beengte die Aktion der neuen Regierung 
durch die Koalitionsvereinbarungen, die bei der Bildung der neuen 
Regierung geschlossen wurden, und durch das Koalitionskomitee, unter 
dessen Kontrolle die Tätigkeit der neuen Regierung gestellt wurde. Alle 
wichtigen Regierungsakte und Gesetzesvorlagen mußten nunmehr im 
Koalitionskomitee zwischen den beiden Parteien vereinbart werden. Im 
Koalitionskomitee hielten die Kräfte beider Parteien einander die Wage. 
Die erste Regierung Renner war das Organ der Vorherrschaft der Arbeiter- 
klasse gewesen; in der zweiten Koalitionsregierung, an deren Spitze 
gleichfalls Renner als Staatskanzler stand, herrschte bereits ein Gleich- 
gewichtsverhältnis zwischen den Kräften der in ihr vertretenen Klassen. 

Nun folgte ein unfruchtbarer Stellungskrieg zwischen den beiden 
koalierten Parteien. Jede der beiden Parteien war stark genug, die andere 
am Handeln zu hindern, keine stark genug, der anderen ihren Willen 
aufzuzwingen. Die Aktionskraft der Regierung und der Gesetzgebung war 
gelähmt. Der Friedensvertrag zwang uns,., unsere Wehrverfassung zu 
ändern. Die Konstituierende Nationalversammlung mußte, nachdem der 
Friedensvertrag unser Staatsgebiet umgrenzt und uns den Anschluß an 
Deutschland verwehrt hatte, der Republik ihre Verfassung geben. Die 
Geldentwertung erforderte Maßregeln, die den zerrütteten Staatshaushalt 
in Ordnung bringen sollten; über die von der Sozialdemokratie geforderte 
Vermögensabgabe mußte die Entscheidung fallen. Aber über alle diese 
Probleme konnten sich die koalierten Parteien nicht einigen. Die Maschine 
der Gesetzgebung stand still. 

Koch einmal gelang es, diesen Lähmungszustand zu überwinden. Es 
tedurfte dazu eines mächtigen äußeren Anstoßes. Am 13. März 192Ü 
wurde in Österreich der Einmarsch der Döberitzer Truppen in Berlin, 
der Putschversuch der reichsdeutschen Konterrevolution, bekannt. Die 
Massen sahen die deutsche Republik bedroht. Die Massen begriffen sofort, 
daß damit auch die österreichi?che Republik in Gefahr geriet. Große Er- 
regung packte die Betriebe und die Kasernen. Schon am folgenden Tage 
demonstrierten die Volkswehrbataillone und die Arbeitermassen auf der 

— 2U — 



Ringstraße gegen die KonterreA'olution. Im Deutschen Reich erhob sich,. 
von der Regierung selbst zum Kampf gerufen, das Proletariat. Es war nicht 
vorauszusehen, wie weit der Generalstreik des deutschen Proletariats- 
.führen, nicht vorauszusehen, wie weit er die erregten Massen des öster- 
reichischen Proletariats mitreißen werde. Die österreichische Bourgeoisie 
war eingeschtichtert. Wir benützten diese Krise, um den Widerstand der 
Christlichsozialen gegen das von Julius Deutsch vorgeschlagene Wehr- 
gesetz zu brechen. Die Christlichsozialen gaben nach. In den Tagen des 
Kapp-Putsches v/urde das Wehrgesetz von der Nationalversammlung be- 
schlossen. 

Der äußere Rahmen der Wehrverfassung war uns durch den Friedens- 
vertrag vorgeschrieben. Die Organisation der Volkswehr entsprach den 
Bestimmungen des Friedensvertrages nicht. An Stelle der Volkswehr mußte 
also eine neue Wehrmacht geschaffen werden. Seit dem Siege der Konter- 
revolution in Ungarn fühlten wir uns vom Osten her bedroht; wir brauchten 
ein kampffähiges Heer, um erforderlichenfalls unsere Grenzen gegen Ein- 
bruch der ungarischen Truppen, unsere republikanische Verfassung gegen 
die auf Ungarn gestützte habsburgische Konterrevolution zu schützen. Die 
Kampffähigkeit des Heeres setzt Disziplin voraus. Im Oktober 1918 war die 
Kommandogewalt der Offiziere zusammengebrochen. In der Volkswehr 
waren die Offiziere machtlos. Die v/irkliche Macht lag in den Händen der- 
Soldatenräte, unter deren Kontrolle allein die Offiziere befehlen konnten. 
Dabei konnte es nicht bleiben. Wollten wir ein kampffähiges Heer haben, 
so mußte die Befehlsgewalt der Offiziere wiederhergestellt werden. Aber so 
notwendig die Wiederherstellung der militärischen Disziplin in unserem 
Heere war, so gefährlich war sie. Wohl hatte Deutsch seit dem Umsturz, 
viele Mannschaftspersonen zu Offizieren ernannt; diese „Volkswehr- 
leutnants" sollten nun auch in die neue Wehrmacht als Offiziere über- 
treten. Aber die überwiegende Mehrheit der Offiziere mußte doch dem 
Offizierskorps der alten k. u. k. Armee entnommen werden. Es war ein 
reaktionär gesinntes, ein in monarchistischen Traditionen erzogenes- 
Offizierskorps, dessen Kommandogewalt wiederhergestellt werden sollte.- 
Hätten wir die Wehrmänner schrankenloser Gewalt eines solchen Offiziers- 
korps ausgeliefert, dann wäre die neue Wehrmacht zu einem blinden' 
Werkzeug der Monarchisten gegen die Republik, der nach gewaltsamer 
Konterrevolution lüsternen Bourgeoisie gegen das Proletariat geworden. Wie- 
groß diese Gefahr war, zeigte soeben der Kapp-Putsch in Deutschland: dort 
hatte sich ja soeben die Armee der Republik gegen die Republik erhoben. 
Es galt also, zwar einerseits die Befehlsgewalt der Offiziere und die Disziplin 
der Mannschaft wiederherzustellen, aber anderseits hinreichende Bürg- 
schaften dafür zu schaffen, daß Befehlsgewalt und Disziplin nicht dazfu. 
mißbraucht werden können, die Wehrmacht in ein Werkzeug der politi- 
schen und der sozialen Reaktion zu verwandeln. Das war die überaus^ 
schwierige Aufgabe, die unsere Wehrgesetzgebung lösen sollte. 

Wir stellten die alten Militärgerichte nicht wieder her, die Recht- 
sprechung über militärische Delikte wurde den Zivilgerichten übertragen.. 
Die Bestimmungen des Militärstrafgesetzes wurden gemildert. Aber es 
traten nun doch wieder Bestimmungen in Kraft, die jede Verletzung der 
militärischen. Gehorsamspflicht mit strengen Strafen bedrohen. Wir stellten.. 

- 215 — 



die Diszipliimrslrafgowalt der Vorgesetzten und die en lehrenden Freiheils- 
inid Körperstrafen des Disziplinarslrafrechles der k. u. k. Armee niclit 
wieder her. Die Disziplinarstrafgewalt über die Wehrniänner wurde aus 
der Mannschaft selbst gebildeten Disziplinarkonunissioncn übertragen. Aber 
die Strafen, die diese Disziplinarkommissionen zu verhängen haben — 
Kürzung der Bezüge, Ausschließung aus dem Heere — sind doch hart genug, 
um die Disziplin in dem neuen Heere zu erzwingen. Durch die Militär- 
strafgesetznovelle und das Disziplinargesetz wurde die eine Aufgabe wirk- 
sam gelöst: die militärische Disziplin wieder herzustellen. Das VVehrgesetz 
mußte die andere Aufgabe lösen: die Garantien zu schaffen, daß die Wehr- 
männer freie Männer bleiben, die, diszipliniert im täglichen gesetzlichen 
Dienstbetrieb, doch selbstbewußt genug bleiben, den Gehorsam zu ver- 
weigern, wenn die Befehlshaber sie zu Zwecken der Reaktion, der IConter- 
revolution mißbrauchen wollen. Zu diesem Zwecke bestimmt das Wehr- 
gesetz zunächst, daß die Wehrmänner im vollen Genuß aller Rechte als 
Staatsbürger, vor allem des Wahl-, des Vereins- und des Versammlungs- 
rechtes bleiben; diese Bestimmung ermöglichte es uns, die Wehrmänner im 
,, Militärverband", der Gewerkschaft der Heeresangehörigen, zusammen- 
zufassen, der nicht nur die materiellen Interessen der Wehrmänner zu 
wahren, sondern auch für die Erziehung der VVehrmänner im republikani- 
schen und sozialistischen Geist zu sorgen hat. Zu demselben Zwecke führte 
das Wehrgesetz auch in die neue V^ehrmacht die Institution der 
Soldatenräte, 'wenngleich mit verändertem Aufbau und engerem Kom- 
petenzenkreis, ein; nicht nur als Wahrer der Rechte und Interessen der 
Wehrmänner, sondern auch als Hüter des republikanischen Charakters der 
Armee wurden von den Wehrmännern freigewählte Vertrauensmänner jeder 
Kommandostelle beigegeben. Wie die Wehrmänner diese Rechte zu ge- 
brauchen verstehen, hängt freilich von der Zusammensetzung der Wehr- 
mannschaft ab. Wir waren darum darauf bedacht, in das Wehrgesetz Be- 
stimmungen aufzunehmen, die die Werbung tüchtiger, selbstbewußter Ar- 
beiter für das neue Heer erleichtern sollten. Zu diesem Zwecke ermöglicht 
das Wehrgesetz den Wehrmännern den Aufstieg in das Offizierskorps; zu 
demselben Zwecke bestimmt das Wehrgesetz, daß den Wehrmännern, die 
nicht in die Offiziersschulen aufgenommen werden, in ihrer Dienstzeit Ge- 
legenheit zu ihrer beruflichen Aus- und Fortbildung für ihr späteres Leben 
geboten werden soll. 

Das Wehrgesetz schuf so einen eigenartigen, sich in keinem Heere 
der Welt wiederholenden Dualismus, der sich durch die ganze Struktur 
der Wehrmacht der Republik zieht; den DualismiUS zwischen militärischer 
Disziplin und staatsbürgerlicher Freiheit, zwischen militärischer Hierarchie 
und gewerkschaftlicher Organisation, zwischen der Kommandogewall 
des Vorgesetzten und dem Kontrollrecht des Vertrauensmannes, zwischen 
militärischer und beruflicher Ausbildung. Daß dieser Dualismus innere 
Schwierigkeiten innerhalb der Wehrmacht hervorruft, ist unleugbar. Aber 
dieser Dualismus ist unentbehrlich, wenn nicht die Kommandogewalt der 
aus der kaiserlichen Armee übernommenen Offiziere die Armee in ein 
Instrument zum Umsturz der republikanischen Staatsverfassung, zur 
gewaltsamen Niederwerfung der Arbeiterklasse verwandeln soll. 
Erst wenn das alte kaiserliche Offizierskorps durch ein neues, aus der 

— 216 - 



Mannschaft des republikanischen Heeres selbst hervorgegangenes, nicht 
mehr von monarchistischen Traditionen beherrschtes, nicht mehr sozial 
und politisch reaktionäres Offizierskorps ersetzt sein wird, werden wir jenes 
System von Gegengewichten gegen die Kommandogewalt des Offizierskorps, 
jenes System von Institutionen entbehren können, durch die das Welir- 
gesetz den Mißbrauch der Kommandogewalt zu den Zwecken der sozialen 
und der politischen Reaktion zu verhüten versucht. 

Sobald das Wehrgesetz beschlossen war, ging Deutsch daran, die neue 
Wehrmacht — das „Bundesheer", wie sie seit dem November 1920 heißt — 
aufzustellen. Ihre Aufstellung in kurzer Zeit war eine bedeutende organi- 
satorische Leistung; die Leistung vor allem des Amtsleiters des Staatsamtes 
für Heerwesen, des Generals Körner, eines der besten Offiziere der alten 
kaiserlichen Armee, der seit dem Umsturz sein großes militärisches Können 
und seinen im besten Sinne des Wortes soldatischen Charakter treu in den 
Dienst der Republik gestellt hat. Die Füllung der Kaders des Bundesheeres 
war vor allem die Sorge der Sozialdemokratie; es gelang uns, die besten 
Elemente der Volkswehr in das Bundesheer überzuführen, viele junge 
Parteigenossen zum Eintritt in das Bundesheer zu bewegen, die über- 
wiegende Masse der Wehrmänner in dem „Militärverband" zu vereinigen 
und die überwiegende Mehrheit der Soldatenräte unter unsere Führung 
zu stellen. Der Übergang von der Volkswehr zum Bundesheer konnte sich 
freilich nicht ohne Schwierigkeiten vollziehen. Einerseits lehnten sich die 
Wehrmänner, an die so ganz anderen Verhältnisse innerhalb der Volks- 
wehr gewöhnt, in der ersten Zeit sehr oft und sehr leidenschaftlich gegen 
die Wiederherstellung der Kommandogewalt der Offiziere auf. Anderseits 
versuchten es die Offiziere sofort, die auf dem Wehrgesetz beruhende 
Tätigkeit der Soldatenräte zu hindern und den militärischen Dienstbetrieb 
wieder in die alten, ihnen aus der kaiserlichen Armee vertrauten, mit dem 
Selbstbewußtsein der republikanischen Wehrmannschaft unvereinbaren 
Formen zu zwingen. Dies führte zu häufigen Konflikten, die schließlich 
mit Anklagen wegen Meuterei und Gehorsamsverletzung vor den Gerichten 
endeten; die harten Urteile, von dem Klassenhaß der Bourgeoisie gegen 
die Wehrmannschaft, die die Bourgeoisie als eine Stütze der Machtstellung 
des Proletariats haßte, eingegeben, verschärften nur die Gegensätze inner- 
halb des Bundesheeres. Allmählich aber gelang es doch, diese Schwierig- 
keiten der Übergangsperiode zu überwinden, die Institutionen der neuen 
Wehrverfassung in regelmäßigen Gang zu setzen, der in dem Maße, als 
sie sich einlebten, immer seltener durch Reibungen und Konflikte gestört 
wurde. 

Die Volkswehr, in den Sturmtagen der Revolution entstanden, war ein 
Instrument proletarischer Offensivkraft gewesen. Aber eine revolutionäre 
Improvisation, konnte sie nur in der Revolutionszeit bestehen bleiben; ohne 
geordneten Dienstbetrieb, ohne militä'/ische Disziplin, konnte sie ein dauer- 
haftes Gebilde nicht sein. Das Bundesheer, in einer Zeit aufgestellt, in der 
die Wogen der Revoluton bereits zurückfluteten, ist ganz anderen Wesens. 
Es ist in einer Zeit entstanden, in der das Proletariat nicht neue Eroberungen 
machen konnte, aber die wesentlichen Errungenschaften der voraus- 
gegangenen Revolutionsperiode befesiigen, sie in dauerhafte Institutionen 
der Republik verwandeln mußte. Das ist durch die Aufstellung des neuen 

— 217 — 



"Bundesheeres in hohem Maße gelungen. In dem GleichgcwichlsverhäUnis 
zwischen der Konimandogewalt des Offizierskorps einerseits und der Or- 
ganisation dor .Mannschaft durch MiUtärverband und Vertrauensmänner 
anderseits spiegelt sich das Gleichgewicht zwischen den Kräften der 
Klassen, das m der Periode der Entstehung des Bundesheeres bestand. In- 
folge der Wiederherstellung der Kommandogewalt des Offizierskorps kein 
Instrument proletarischer Offensivkraft mehr, ist das Bundesheer doch 
dank der Zusammensetzung und der Organisation seiner Mannschaft und 
dank den Rechten, mit denen das Wehrgesetz seine Mannschaft ausstattete, 
auch kein Instrument der Offensive der Konterrevolution. Die Garantien 
gegen den Mißbrauch der Ivommandogewalt, die das Wehrgesetz enthält, 
sichern vor allem die Republik dagegen, daß das Bundesheer zu einem Werk- 
zeug monarchistischer Konterrevolution wird, wie es die deutsche Reichswehr 
in den Tagen des Kapp-Putsches geworden ist. Die Waffen in den. Händen 
einer klassenbewußten proletarischen Wehrmannschaft schützen darüber 
hinaus das Proletariat vor gewaltsamer Niederwerfung durch eine bewaff- 
nete Konterrevolution. In der Zeit der schwersten Gefahr, in der Zeit der 
Kämpfe um das Burgenland ist dieser Heeresmechanismus zum erstenmal 
in Wirksamkeit getreten und hat sich damals unzweifelhaft bewährt. Die 
Wiederherstellung der militärischen Disziplin hat dem Bundesheer die 
innere Ordnung und die Aktionsfähigkeit gegeben, die sich bei der Be- 
setzung des Burgenlandes bewährt hat. Der republikanische Geist und die 
sozialistische Überzeugung der Wehrmannschaft haben ihre Wachsam- 
keit und ihre Kampfkraft im Kampfe gegen die Banden der magyarischen 
Konterrevolution gewaltig erhöht. 

Die bürgerlichen Parteien hatten in den Tagen der großen Erregung, 
die der Kapp-Putsch hervorrief, dem. Wehrgesetz zugestimmt. A»ls aber der 
Generalstreik der Arbeiter im Deutschen Reiche ohne anderes Ergebnis 
endete als mit der bloßen Wiederherstellung der Republik, bereuten es die 
Christlichsozialen, daß sie sich in den Tagen der großen Erregung hatten 
überrumpeln lassen. Jetzt empfanden sie das Wehrgesetz als eine schwere 
Niederlage des Bürgertums. Die Gegensätze zwischen den koalierten 
Parteien verschärften sich. Der Stellungskrieg im Koalitionskabinett und im 
Koalitionskomitee begann von neuem. Der Widerstand der Christlichsozialen 
gegen alle unsere Forderungen erstarkte nun wieder. 

Je stärker innerhalb der Koalition der Widerstand des Bürgertums wurde, 
desto stärker lehnte sich die Arbeiterschaft gegen die Koalitionspolitik auf. 
Es gab innerhalb der Arbeiterschaft keine starke Opposition gegen die 
Koalitionspolitik, solange die Koalitionsregierung ein Instrument der Vor- 
herrschaft der Arbeiterklasse war. Sobald sich aber innerhalb der Koalition 
die Kräfte der Klassen die Wage hielten und ihre Opposition gegeneinander 
die Koalitionsregierung unfruchtbar machte, entwickelte sich innerhalb der 
Arbeiterschaft eine schnell erstarkende Opposition gegen die Koalitions- 
politik. Schon im Jahre 1919 hatte sich innerhalb der Wiener Arbeiterräte 
eine Gruppe von Parteigenossen zusammengeschlossen, die sich — im 
Gegensatz zu der „Linken" der Kriegszeit — die „neue Linke" nannte, sich 
innerhalb der Wiener Arbeiterräte als „Sozialdemokratische Arbeits- 
gemeinschaft revolutionärer Arbeiterräte" konstituierte und eine eigene 
Wochenschrift herausgab. Diese Gruppe forderte grundsätzlich die Räte- 

— 21Ö — 



diktatur, sie glaubte, die Koalitionspolitik sei ein Abfall der Partei von den' 
Grundsätzen des Klassenkampfes, sie näherte sich in der Opposition gegen 
die Parteiführung den Kommunisten. Im Frühjahr und Sommer 1920 er- 
langte diese Opposition innerhalb der Partei einige Bedeutung. 

Es war dies die Zeit, in der die militärischen Siege der russischen Sowjet- 
republik den leidenschaftlichen Enthusiasmus des ganzen internationalen 
Proletariats erweckten. In der Zeit des russisch-polnischen Krieges setzten 
die Arbeiterräte Kontrollausschüsse ein, die den Eisenbahnverkehr ihrer 
Kontrolle unterwarfen und mit sehr großem Erfolg den Schleichhandel mit 
.Waffen und Munition nach Polen und Ungarn bekämpften. Aber waren die 
Arbeiterräte einig in dieser Aktion der Solidarität mit der russischen Revo- 
lution, so wurde ein Teil der Arbeiterräte durch den allgemeinen 
Enthusiasmus für die russische Revolution der bolschewistischen Ideologie 
in die Arme geworfen. In der Unabhängigen Sozialdemokratie Deutschlands, 
in der sozialistischen Partei Frankreichs, in beiden sozialdemokratischen 
Parteien der Tschechoslowakei bereitete sich damals die Parteispaltung vor; 
große Teile dieser Parteien, bereits in den Bann des Bolschewismus geraten, 
forderten den Anschluß an die Moskauer Internationale. Diese Welle des 
Bolschewismus, die durch ganz Europa ging, mußte auch die Denkweise 
breiter Schichten der österreichischen Arbeiterschaft beeinflussen. Und 
dieser Einfluß mußte um so stärker werden, da die österreichische Arbeiter- 
schaft fühlte, daß ihr Einfluß innerhalb der Koalition schwächer wurde, die 
Ergebnisse ihrer auf dem Boden der Demokratie geführten Kämpfe spärlicher 
wurden. So wuchs der Einfluß der „neuen Linken". Sie gab der Opposition 
der Massen gegen die Koalitionspolitik Ausdruck; ihre Agitation nährte und- 
stärkte die Auflehnung der Massen gegen die Koalitionspolitik. 

In den Arbeiterräten traten die Kommunisten und die in der „Arbeits- 
gemeinschaft" organisierte „neue Linke" als kleine, aber geschlossene 
Gruppen auf. Die anderen Arbeiterratsmitglieder, die die überwiegende 
Mehrheit bildeten, waren nicht in einer Fraktion organisiert; von ihnen 
stimmte jeder nach seiner persönlichen Überzeugung. Je unzufriedener die 
Massen mit der Koalitionspolitik wurden, desto häufiger gelang es den Kom- 
munisten und der „Arbeitsgemeinschaft", einen großen Teil der keiner Frak- 
tion angehörigen Arbeiterratsmitglieder mitzureißen, sie für ihre Anträge 
zu gewinnen. Auf diese Weise verfügte die „neue Linke" in der dritten 
Tagung des Reichsarbeiterrates Anfang Juni 1920 bereits über die Mehrheit 
der Stimmen. 

Wir sahen, daß die Koalition infolge des erstarkten Widerstandes des 
Bürgertums unfruchtbar geworden war; daß keine Aussicht mehr bestand, 
uns mit den Christlichsozialen über die großen aktuellen Fragen, über die 
Verfassung, über die Vermögensabgabe, über die Organisation der Getreide- 
bewirtschaftung im nächsten Erntejahr zu verständigen. Wir sahen ander- 
seits, daß immer breitere Schichten der Arbeiterschaft die Auflösung der 
Koalition forderten. Schon lange vor der dritten Tagung des Reichsarbeiter- 
rates waren wir entschlossen, die Koalition zu sprengen. Aber wir durften 
das nicht sofort tun. Vorerst mußte die Partei noch kurze Zeit in der Re- 
gierung bleiben, um noch einige für das Proletariat wichtige Arbeiten abzu- 
schließen. Deutsch beschleunigte die Aufstellung des neuen Bundesheeres 
\.nd den Abbau des alten Offizierskorps; Glöckel barg noch die wichtigsten . 

— 219 — 



Maßregeln der Scliulrclonn; llaiuisch becillc sieh, noch einige wichtige 
Gesetze und -Verordnungen, die die sozialpolitische Gesetzgebung der ersten 
Koalitionsregierung ergänzen sollten, durchzusetzen. Die Gesetze über die 
Einigungsämtor und die kollektiven Arbeitsverträge, über die Errichtung 
der Arbeiter- und Angestelltenkanunern, Sondergesetze und Verordnungen 
über den üienstverlrag der Hausgehilfinnen und über die Arbeitsverhält- 
nisse einzelner Arbeiterkategorien (Gastgewerbe, Rechtsanwaltskanzleien), 
vor allem aber das Gesetz vom 24. März 1920, das an die Stelle der nur 
als provisorische Einrichtung geschaffenen staatlichen Arbeitslosenunter- 
stützung die dauernde Institution der Arbeitslosenversicherung setzte, sind 
die sozialpolitischen Früchte der zweiten Koalition. Erst als diese 
wichtigen Errungenschaften der Arbeiterklasse geborgen waren, durften 
wir dem Druck der Arbeitermassen nachgeben, die Koalition auflösen. 

Den Anlaß dazu bot der Streit um die Durchführung des Wehrgesetzes. 
Am 25. Mai hatte Deutsch einen Erlaß ausgegeben, der die Befugnisse der 
Soldatenräte regelte. Dieser Erlaß wurde von den bürgerlichen Parteien heftig 
bekämpft. In der Sitzung der Nationalversammlung am 10. Juni sahen wir 
uns einer Koalition der Ghristlichsozialen und der Großdeutschen gegenüber, 
die vereint gegen Deutsch losgingen. Im Verlauf der heftigen Debatte wagte 
es Kunschak, mit der Auflösung der Koalition zu drohen, Wir nahmen ihn 
beim Worte. Die sozialdemokratischen Regierungsmitglieder demissionierten. 
Die Arbeiterschaft nahm die Nachricht von der Sprengung der Koalition mit 
Jubel auf. 

Wir forderten die bürgerlichen Parteien, die am 10. Juni gegen uns 
vereinigt gewesen waren, auf, allein eine Regierung zu bilden. Die bürger- 
lichen Parteien wagten dies nicht. Sie lehnten jede Regierungsbildung ohne 
unsere Teilnahme ab. So war die Nationalversammlung nicht mehr fähig, 
eine Regierung aus ihrem Schöße hervorzubringen. Die Parteien einigten 
sich daher, Neuwahlen auszuschreiben und mit der Führung der Re- 
gierungsgeschäfte bis zu den Wahlen eine aus allen Parteien mi Verhältnis 
ihrer Stärke zusammengesetzte Regierung, die sogenannte Proporzregierung, 
-ZU betrauen. Die Proporzregierung wurde am 7. Juli 1920 gewählt. 

Die Wirkungen der Sprengung der Koalition zeigten sich sofort. So- 
lange die Koalition bestand, wurden die Streitfragen zwischen den koalierten 
Parteien innerhalb des Koalitionskomitees bereinigt; war im Komitee eine 
Vereinbarung geschlossen, so mußten in der Nationalversammlung die 
koalierten Parteien vereint stimmen. Die Christlichsozialen konnten also 
ihre Stimmen nicht mit denen der Großdeutschen gegen uns vereinigen. 
Nicht die bürgerliche Mehrheit entschied gegen die sozialdemokratische 
Minderheit, sondern durch das Kompromiß zwischen zwei gleich starken 
Parteien innerhalb des Koalitionskomitees wurde die Entscheidung gefällt. 
Das wurde nun anders. Es gab keine Koalition mehr. Der Proporzre^ierung 
gegenüber hatten sich alle Parteien volle Freiheit gewahrt. Jede Partei 
konnte nun stimmen, wie es ihr beliebte. Die Christlichsozialen und die 
Großdeutschen konnten ihre Stimmen gegen uns vereinigen, uns nieder- 
stimmen. Jetzt erst wurde die Tatsache wirksam, daß die Nationalver- 
sammlung eine bürgerliche Mehrheit hatte. 

In der Tat standen wir sofort nach der Auflösung der Koalition einer 
bürgerlichen Koalition gegenüber. Wir hatten uns innerhalb der zweiten 

— 220 — 



Koalition mit den Cliristl ichsozialen über die Gestaltung der Vermögens- 
abgabe und über den Aufbau der staatlichen Getreidebewirtschaftung nicht 
einigen können; jetzt entschied die bürgerliche Koalition gegen uns über 
beide Fragen. Am 21. Juli stimmte die Nationalversammlung über die Ver- 
mögensabgabe ab. Die bürgerliche Mehrheit stimmte unsere Anträge nieder. 
Die Fassung, die sie dem Gesetz gab, setzte die Abgabe so niedrig fest und 
sie verteilte die Einzahlungsfristen auf einen so großen Zeitraum, daß der 
Zweck des Gesetzes, das Staatsdefizit für längere Zeit auf Kosten der be- 
sitzenden Klassen zu bedecken und dadurch die Stillegung der Banknoten- 
presse zu ermöglichen, nicht erreicht werden konnte. Am 6. Juli wurde über 
das'Getreidebewirtschaftungsgesetz abgestimmt. Die bürgerliche Mehrheit hob 
die straffe Getreidebewirtschaftung auf; das von ihr gegen uns beschlossene 
Gesetz war der erste entscheidende Schritt zur Wiederherstellung des freien 
Handels. Die beiden obersten Grundsätze unserer Wirtschaftspolitik: die 
Deckung eines möglichst großen Teiles des Staatsdefizits auf Kosten des 
Besitzes und die Aufrechterhaltung der Planwirtschaft in der Lebensmittel- 
versorgung, hatten eine Niederlage erlitten. 

Weit günstiger war unsere Machtstellung im Streit um die dritte der 
drei großen Streitfragen, an denen die zweite Koalitionsregierung ge- 
scheitert war: im Streit um die Verfassung. Die Konstituierende National- 
versammlung war gewählt worden, um der Republik die Verfassung zu 
geben. Alle Parteien wünschten nicht vor die Wähler zu treten, ohne diese 
Aufgabe erfüllt zu haben. Die Verfassung konnte aber nur mit Zweidrittel- 
mehrheit beschlossen werden; da konnte uns die bürgerliche Mehrheit 
nicht überstimmen. So gelang es schließlich, im August auf der Grundlage 
eines von Professor Hans Kelsen ausgearbeiteten Verfassungsentwurfes 
ein Kompromiß zu schließen. Noch unmittelbar vor den Neuwahlen, am 
1. Oktober 1920, beschloß die Konstituierende Nationalversammlung das 
Bundesverfassungsgesetz. 

Seit dem Umsturz bargen sich die Klassengegensätze in den Kämpfen 
zwischen dem Staat, den Ländern und den Gemeinden. Die Bauernschaft 
und das Bürgertum der Landstädte vertraten den Partikularismus der 
Länder. Die Arbeiterklasse verfocht gegen den Partikularismus der Länder 
einerseits die Einheit des Staates, anderseits die Lokalverwaltung der Ge- 
meinden, Bezirke und Kreise. Die Verfassung konnte nur ein Kompromiß 
zwischen diesen widerstreitenden Kräften herstellen. Sie konnte den 
Ländern nicht entreißen, was sie sich schon in den Sturmtagen des No- 
vember 1918 auf Kosten des Staates erobert hatten. Der Staat wurde also 
als Bund der Länder konstituiert. Aber die Verfassung mußte dem anar- 
chischen Weiterwuchern des Länderpartikularismus auf Kosten des 
Bundes ein Ende setzen und die Befugnisse, die die Länder an sich ge- 
rissen hatten, so weit einengen, daß die Einheit des Bundes als Wirt- 
schafts- und Rechtsgebiets gesichert und die Vergewaltigung der Minder- 
heiten in den Ländern verhütet werde. Dies hat die Verfassung bewirkt. 
Sie hat die Einheit des Währungs-, Wirtschafts- und Zollgebietes festgelegt 
und die Länder zu allmählichem Abbau der Absperrungsmaßregeln, die 
sie gegeneinander und gegen Wien getroffen hatten, gezwungen. Sie 
schützt die sozialen und politischen Minderheiten in den Ländern, indem 
sie den Ländern die Grundsätze der Landesverfassungen, die Grundsätze 

~ 221 — 



des Landtags- und Gemoindewahlrecliles und die rechtliche Gleichslcllung" 
aller Pundeshürger mit den Landesbürgern vorschreibt. Sie hat der 
weiteren anarchischen Entwickhing der Ländersouveränität einen Hieo;el 
vorgeschoben, indem sie der Bundesregierung das Recht zur Erteilung von 
"Weisungen an die Landeshauptleute und ein Einspruchsrecht gegen 
Landesgesetze gewährt und dem Verlassungsgerichtshof das Recht 
einräumt, verfassungswidrige Landesgesetze und Landesverordnungen auf- 
zuheben und verfassungswidrig handelnde Landeshauptleute ihres Amtes 
zu entheben. Die Verfassung brachte also den Ländern zwar die rechtliche 
Anerkennimg, aber zugleich auch die rechtliche Begrenzung und Ein- 
engung der ALichtbefugnisse, die sie in der Revolutionszeit an sich ge- 
rissen hatten. 

Weit schwieriger als die Regelung des Verhältnisses zwischen dem 
Bund und den Ländern war die Regelung des Verhältnisses zwischen den 
Ländern und der Lokalverwaltung in den Gemeinden, Bezirken und 
Kreisen. Denn hier handelte es sich nicht um die rechtliche Regelung einer 
bereits vollzogenen Entwicklung, sondern um die Entwicklung erst zu 
schaffender Rechtsinstitutionen. Die Revolution hatte im Staat und in den. 
Ländern an die Stelle der bürokratischen Obrigkeitsregierung die Re- 
gierung durch von den Volksvertretungen gewählte Volksbeauftragte gesetzt; 
in den Bezirken aber hatte die bürokratische Obrigkeitsverwaltung durch. 
die Bezirkshauptleute die Revolution überdauert. Die Unterstellung der Be- 
zirkshauptleute unter die Landeshauptleute bedeutete die Unterwerfung der 
proletarischen Industriebezirke unter die bürgerlich-agrarischen Landtags- 
mehrheiten. Wir konnten daher keine Erweiterung der Gesetzgebungs- und 
Verwaltungskompetenzcn der Länder zulassen, wenn nicht gleichzeitig die 
Lokalverwaltung demokratisiert wird, die Ortsgemeinden zu Gebiets- 
gemeinden vereinigt werden, die sich durch freigewählte Bezirks- oder 
Kreisvertretungen, denen die Verwaltungsbehörden zu unterstellen sind, selbst 
regieren. In der Tat setzt die Bundesverfassung die allgemeinen Grundsätze 
einer solchen Demokratisierung der Lokalverwaltung fest; aber die Durch- 
führung dieser Grundsätze überließ sie späterer Gesetzgebung. Daher 
mußten wir darauf bestehen, daß diejenigen Bestimmungen der Verfassung,, 
die die Verteilung der Kompetenzen zwischen dem Bund und den Ländern 
regeln, erst dann in Wirksamkeit treten, wenn ein besonderes Verfassungs- 
gesetz über die Durchführung der demokratischen Lokalverwaltung in den 
Bezirken oder Kreisen erlassen wird. Während also diejenigen Bestim- 
mungen der Verfassung, die die Länder rechtlich dem Bunde ein- und 
unterordnen, in Wirksamkeit traten, blieben diejenigen Bestimmungen, die 
den Kompetenzenkreis der Länder erweitern, vorläufig suspendiert. Sie sind 
auch jetzt noch nicht m Wirksamkeit getreten. 

Die wichtigste Neuerung m dem Verfassungswerk aber war die Neu- 
regelung der Rechtsstellung Wiens. Im Mai 1919 hatte die Sozialdemo- 
kratie die Mehrheit m der Wiener Gemeindevertretung erobert; Jakob Reu- 
mann stand seither als Bürgermeister an der Spitze der Gemeinde- 
verwaltung. Die sozialdemokratische Mehrheit hatte der großen Gemeinde 
eine neue Gemeindeverfassung gegeben, die, von Robert Danneberg ent- 
worfen, von dom Magistratsdirektor Hartl mit Geschick und Tatkraft durch- 
geführt, das Ministerialsystem in die Gemeindeverwaltung eingeführt, die 

— 222 — 



?ii;izelnen Magistratsabteilungen den vom Gemeinderat gewählten „amis- 
führenden Stadträten" unterstellt und damit an die Stelle der bürokrati- 
schen Magistratsherrschaft die demokratische Selbstverwaltvmg durch 
Yolksbeauftragte gesetzt hatte. Die sozialdemokratische Mehrheit hatte zu- 
gleich, von Hugo Breitner mutig und verantwortungsbewußt geführt, 
durch ein neugeschaffenes kommunales Steuersystem und durch festes Be- 
harren auf der Deckung der Selbstkosten der städtischen Betriebe durcii 
ihre Einnahmen die durch den Krieg völlig zerrütteten Finanzen 
der Stadt trotz der fortschreitenden Geldentwertung in Ordnung ge- 
bracht. Dank dieser Politik war die Herrschaft über die Gemeindever- 
waltung der Großstadt, die beinahe drei Zehntel des ganzen Bundesvolkes 
umfaßt, zu einer der wichtigsten Stützen der Machtstellung der Arbeiter- 
klasse im Staat geworden. Nun galt es, diese wichtige Machtsphäre von den 
Fesseln zu befreien, die ihr die Zugehörigkeit Wiens zum Lande INiederöster- 
reich, die Unterwerfung Wiens unter die niederösterreichische Landes- 
regierung und Landesgesetzgebung auferlegte. Die Trennung Wiens von 
.Niederösterreich, die Konstituierung Wiens als eines selbständigen Bundes- 
landes wurde durch die Bundesverfassung ermöglicht und vorbereitet, im 
Dezember 1921 vollständig durchgeführt. Der Bürgermeister von Wien er- 
langte zugleich die Rechte eines Landeshauptmannes, der Stadtsenat die 
Rechte einer Landesregierung, der Gemeinderat die Befugnisse eines Land- , 
tages. Die Erhebung Wiens zum selbständigen Bundesland befestigte nicht 
nur das stärkste Bollwerk der Arbeiterklasse innerhalb des Bundes, sie 
schwächte zugleich auch die Triebkräfte der Länderrebeliion gegen den 
Bund. Sobald jedes Recht, das sich die Länder auf Kosten des Bundes er- 
-stritten, nicht mehr bloß zu einem Machtinstrument der bürgerlich-agrari- 
schen Landesregierungen der Länder, sondern zugleich und vor allem zu 
einem Machtinstrument der proletarischen Landesregierung in Wien wurde, 
entwickelte sich innerhalb der Bourgeoisie selbst schnell erstarkender 
Widerstand gegen den Länderpartikularismus. 

So endete die Beratung der Bundesverfassung mit einer Niederlage 
des Länderpartikularismus. In ihrem formalen Aufbau und in ihrer Ter- 
minologie ist freilich das föderalistische Prinzip mit peinlicher Sorgfalt 
festgehalten. In der Sache aber bedeutete die Bundesverfassung einen 
wichtigen Schritt zur Überwindung der Rechtsanarchie, die durch die 
R",bellion der Länder seit den Umsturztagen entstanden war, und eine 
wesentliche Schwächung der reaktionären Triebkräfte des Länderpartikula- 
rismus zugleich. 

Neben der Ordnung der Beziehungen zwischen dem Bunde und den 
Ländern war die Regelung der Bundesorgane die wichtigste Aufgabe des 
Verfassungswerkes. Die deutschösterreichische Revolution hatte als eine 
parlamentarische Revolution begonnen; ihr Ergebnis war die Parlaments- 
lierrschaft gewesen. Der Präsident der Nationalversammlung versah die 
Funktionen eines Staatsoberhauptes, die Regierung wurde von der National- 
versammlung gewählt, der Hauptausschuß der Nationalversammlung 
wirkte unmittelbar an Verwaltungsakten mit, die Nationalversammlung ver- 
fügte über das Heer. Es war die parlamentarische Form der politischen 
Demokratie in schärfster Ausprägung. Dagegen stürmten die "bürgerlichen 
Parteien bei der Beratung der Verfassung an. Sie wollten die Befugnisse des 

— 223 — 



aus allgemeinen Volkswahlen hervorgehenden Nationalrales doppelt be- 
scliriinken: neben den Nationalrat sollte als gleichberechtigte zweite Kammer 
ein von den Landtagen gewählter Bundesrat treten; und den beiden 
Kammern sollte ein Bundespräsident mit großen Befugnissen entgegen- 
gestellt werden. In den Bundesrat sollte jedes Land gleich viele Vertreter 
entsenden-, \'orarlberg mit seinen 140.000 Einwohnern ebenso viele wie 
Wien mit seinen 1,800.000 Einwohnern. So sollten der Bundespräsident und 
der Bundesrat als Organe bürgerlicher Klassenherrschaft die Macht de» 
demokratischen Nationalrates einengen. Es gelang, diesen Anschlag voll- 
ständig abzuwehren. Zwar stimmten wir der Einsetzung eines Bundes- 
präsidenten und eines Bundesrates zu. Aber beider Befugnisse wurden so 
eng umgrenzt, daß die durch die Revolution begründete Herrschaft des aus 
allgemeinen Volkswahlen hervorgegangenen Parlaments ungeschmälert 
blieb. Und die Zusammensetzung des Bundesrates wurde so geregelt, daß 
die Arbeiterklasse in ihm ebenso stark, derzeit sogar etwas stärker ver- 
treten ist als im Nationalrat. 

Ein Katalog der ,, Menschen- und Bürgerrechte" konnte in die Bundes- 
verfassung nicht aufgenommen werden, da sich die Parteien über die Re- 
gelung der Beziehungen der Kirche zum Staat und zur Schule nicht einigen 
konnten. Doch wurden einige besonders wichtige „Grund- und P'reiheits- 
rechte", die die Revolution erobert hatte, als Verfassungsgrundsätze in der 
Verfassung festgelegt. So schließt die Verfassung alle „Vorrechte der Geburt,, 
des Geschlechtes, des Standes, der Klasse und des Bekenntnisses" aus. Sie 
sichert allen öffentlichen Angestellten einschließlich der Angehörigen des 
Bundesheeres die ungeschmälerte Ausübung ihrer politischen Rechte. Sie 
legt für alle Vertretungskörper im Bunde, den Ländern und den Gemeinden 
das allgemeine und gleiche Wahlrecht aller Bundesbürger ohne Unterschied 
des Geschlechtes, das Verhältniswahlrecht, das Verbot aller Wahlrechts- 
beschränkungen fest. Sie erklärt den Beschluß der Provisorischen National- 
versammlung über die Aufhebung der Zensur und der Beschränkungen der 
Vereins- und Versammlungsfreiheit, die Gesetze über die Landesverweisung 
der Habsburger und über die Aufhebung des Adels für Bestandteile der Ver- 
lassung. Sie hebt das Recht der Regierung, den Ausnahmezustand zu ver- 
hängen, auf. 

Neben dem Wehrgesetz ist die Bundesverfassung das wichtigste Er- 
gebnis dieser Entwicklungsphase. Diese beiden Gesetze gaben der Republik 
ihre wichtigsten, grundlegenden Institutionen. In einer Zeit des Rück- 
flutens der revolutionären Welle erlassen, hatten beide Gesetze die Aufgabe,, 
die wesentlichsten Errungenschaften der vorausgegangenen revolutionären 
Periode zu kodifizieren, sie aus Improvisationen der Revolutionszeit in 
dauerhafte Institutionen der Republik zu verwandeln. In diesem Sinne 
stellen diese beiden Gesetze den legislativen Abschluß der Revolutions- 
periode dar. 

Mit diesen beiden Gesetzen hatte die Konstituierende National- 
versammlung ihre Aufgaben erfüllt. Am 17. Oktober wurde der erste 
Nationalrat gewählt. Die Wahlergebnisse zeigten", daß die Massen der Ar- 
beiter unerschütterlich im Lager der Sozialdemokratie standen; die Kom- 
munisten erlangten eine ganz unbeträchtliche Stimmenzahl. Aber die 
Y^ahlergebnisse zeigten auch, daß Massen von Beamten, Angestellten^ 

- 224 — 



Kleinbürgern, Bauern, die im Jahre 1910 unter dem mächtigen Eindruck 
des Krieges und der Revolution sozialdemokratisch gewählt hatten, nun- 
mehr in das Lager der bürgerlichen Parteien zurückgekehrt v/aren. Die 
Zahl der sozialdemokratischen Stimmen sank von 1919 bis 1920 von 
1,211.814 auf 1,022.606, während die Zahl der christlichsozialen Stimmen 
A-on 1.068.382 auf 1,204.912 stieg. Die Zusammensetzung des Parlaments 
veränderte sich wesentlich. Die Zahl der christlichsozialen Mandate stieg 
von 63 auf 82, der großdeutschen Mandate von 24 auf 26, während die 
Zahl der sozialdemokratischen Mandate von 69 auf 66 sank. Wir zogen 
aus diesem Wahlergebnis sofort unseren Schluß: am 22. Oktober 
demissionierten die sozialdemokratischen Mitglieder der Proporzregierung 
und die Sozialdemokratie lehnte die Teilnahme an der Bildung einer neuen 
llegierung ab. Am 21. Oktober 1918 hatte sich die Provisorische National- 
versammlung konstituiert, am 22. Oktober 1920 schieden die sozialdemo- 
kratischen Staatssekretäre aus der Regierung aus; nach zweijähriger 
Führung durch die Sozialdemokratie fiel die Regierungsgewalt in die liände 
des Bürgertums zurück. 



§ 15. Der Kampf gegen die Konterrevolution. 

Liteiatnr: 

österreichisches Jahrbuch 1921. Wien 1922. — Berichte der sozialdemokra- 
tischen Parteivertretung an die Parteitage 1921 und 1922. — Deutsch, Die- 
Fascistengefahr, Wien 1923. 

Bauer, Die Aufgaben der deutschen Sozialdemokratie in der tschecho- 
slowakischen Republik. Teplitz 1920. — Documents diplomatiques concernant las 
tentatives de restauration des Habsbourg. Prague 1922. — Werkmann, Der Tote- 
auf Madeira. München 1923. — Miltschinsky, Das Verbrechen von Ödenburg. 
Wien 1922. 



Am 20. November 1920 wurde die erste bürgerliche Regierung der 
Republik gewählt. An ihre Spitze trat als Bundeskanzler der Tiroler 
christlichsoziale Abgeordnete Dr. Michael Mayr. Zu Ministern wurden 
christlichsoziale Abgeordnete und parteilose Bürokraten gewählt. Die Groß- 
deutschen unterstützten zwar die christlichsoziale Regierung, entsendeten 
aber keinen Vertreter in sie. 

Im ersten Jahre der Republik hätte die Arbeiterklasse keine Woche 
lang eine bürgerliche Regierung geduldet. Das war nun anders geworden. 
Die einsetzende industrielle Prosperität, die den Arbeitern regelmäßige Be- 
schäftigung und auskömmlichere Ernährung gab, hatte die revolutionäre 
Spannung in den Massen aufgelöst. Nach den Niederlagen der Arbeiter- 
klasse in Ungarn und in Deutschland drängten die Massen nicht mehr 
]iach der Diktatur des Proletariats. Nach den Erfahrungen der zweiten 
Koalitionsregierung, unter dem Einfluß der Agitation der „neuen Linken"' 
gegen die Koalition hielt die Arbeiterklasse eine rein bürgerliche Re- 
gierung für ein kleineres Übel als eine neue Koalition. So überließ die 
Arbeiterklasse die Regierung der Republik dem Bürgertum und der 
Bauernschaft. 

— 225 — . 16 



Aber war die neue Regierung eine bürgcrliihe Regierung, so war sie 
doch die Regierung eines noch sehr schwächlichen, sehr ängstlichen 
Biir.wrlunis. eines Rürgortums. dessen Selbslverlrauen erst aün^ählich 
wicdcrerslarkle. Die Regierung suchte jedem ernsteren Konflikt mit der 
sozialdemokratischen Opposition im Nationalrat um so mehr auszuweichen, 
da sie der Unterstützung der Großdeutschen nie ganz sicher war. Die Be- 
ziehungen zwischen der Regierung und den proletarischen Organisationen 
wurden zwar lockerer, seitdem nicht mehr Vertreter des Proletariats der 
Regierung angehörten, aber sie wurden keineswegs vollständig zerrissen. 
Auch die bürgerliche Regierung konnte die Eisenbahnen, die Staatsbetriebe 
aiicht anders als im Einvernehmen mit den Gewerkschaften und Pcrsonal- 
verlrctungen verwalten; der Einfluß der Gewerkschaften auf die Verw^al- 
tung blieb daher sehr .groß. An die Spitze des Bundesheeres war ein 
bürgerlicher Heeresminister getreten; aber als vom Nationalrat gewählte, 
dem Heeresminister beigegebene Zivilkommissäre konnten die Sozialdemo- 
kraten Deutsch und Smilka immer noch die Heeresverwaltung stark beein- 
flussen. Die Arbeiterklasse hatte es in der Zeit der zv/eiten Koalitions- 
regierung erfahren, wue begrenzt unsere Macht nun schon w^ar, auch w^enn 
•unsere Vertreter in der Regierung saßen; die Arbeiterklases sah nun, daß 
•sie nicht machtlos wurde, auch wenn sie die Regierung dem Bürgertum 
überließ. So fand sich die Arbeiterklasse mit diesem bürgerlichen Re- 
gierungssystem unschwer ab. 

In der Zeit der Koalitionsregierung hatte die Initiative der Regierung 
die Gesetzgebung in Gang erhalten. Das hörte nun auf. Die bürgerliche 
Regierung wollte und konnte nicht in proletarischer, sie wagte es nicht, 
in bürgerlicher Richtung zu führen. Also führte sie überhaupt nicht mehr. 
Sie regierte nicht, sie verwaltete nur die Staatsgeschäfte. 

Nur auf einem Gebiet war die bürgerliche Regierung zielbewußt tätig: 
sie hat die Kriegswirtschaft, die staatliche Regelung des Wirtschaftslebens 
zwar nur allmählich, aber planmäßig abgebaut. Hatte schon in den letzten 
Kriegsjahren der Schleichhandel immer weitere Ausdehnung erlangt, so 
war nach "dem Zusammenbruch der Militärgewalt die bei weitem 
schwächere Regierung der Republik nicht mehr imstande gewesen, die 
kriegswirtschaftlichen Bewirtschaftungsmaßnahmen gegen die passive 
Eesistenz des Händlertums und der Bauernschaft, gegen die Anarchie der 
Landesregierungen, gegen die Korrumpierung eines nicht geringen Teiles 
der schlecht entlohnten Bürokratie durch das Schiebertum wirksam durch- 
zusetzen. War schon dadurch das ganze System der staatlichen Lebens- 
mittel- und Rohstoffbewirtschaftung untergraben worden, so erwuchsen 
ihm seit 1920 noch größere Schwierigkeiten aus der allmählichen Wieder- 
belebung des Warenaustausches mit dem Ausland; die Ein- und Ausfuhr- 
verbote, ohne die die zentrale Bewirtschaftung unmöglich ist, erschienen 
nun als Fesseln des sich wieder entwickelnden Handelsverkehrs. Hatte 
schon das Gesetz vom 6. Juli die staatliche Getreidebewirtschaftung durch- 
brochen, so hat nun die bürgerliche Regierung, dem Drängen des Handels- 
kapitals und der Bauernschaft nachgebend, eine der kriegswirtschaftlichen 
Verordnungen nach der anderen aufgehoben und so den „freien Handel" 
allmähhch wiederhergestellt. Dadurch verlor der Staat jede Macht über 

— 226 — 



die Preisbewegung, der Verfall der Kaufkralt der Krone wurde beschleunigt, 
die Staaisausgaben stiegen in beschleunigtem Tempo. 

Das war um so verhängnisvoller, da seit dem Übergang der Regierungs- 
macht in die Hände des Bürgertums alle Bemühungen, die Steuereinnahmen 
des Staates zu erhöhen, aufgehört hatten. Das Bürgertum war über die 
neuen Besitzsteuern, die die zweite Koalitionsregierung im Staat, die sozial- 
demokratische Gemeinderatsmehrheit in der Gemeinde Wien eingeführt 
hatte, sehr erbost gewesen. Die bürgerlichen Parteien hatten den Wahl- 
kampf im Herbst 1920 unter der Parole „gegen die Übersteuerung" geführt. 
Als sie die Regierung übernahmen, konnten sie die Besitzsteuern nicht 
weiter erhöhen, aber sie wagten es zunächst auch nicht, den Massen er- 
liölite Verbrauchsabgaben aufzuerlegen. Es geschah also nichts, das Defizit 
im Staatshaushalt zu verkleinern, die Vermehrung des Papiergeldes einzu- 
schränken. Die ganze Finanzpolitik des Finanzministers Grimm er- 
schöpfte sich in den Bemühungen, Auslandskredite zu erlangen. Und da 
die Kredite nicht kamen, sank der Geldwert immer tiefer. 

Sehr bald wurde im. Lager des Bürgertums selbst wachsende Unzu- 
friedenheit mit diesem Regierungssystem bemerkbar. Das Bürgertum war 
enttäuscht, weil trotz seinem Wahlsieg, trotzdem die Regierungsmacht in die 
Hände der bürgerlichen Parteien übergegangen war, die Macht der Arbeiter- 
klasse sehr stark geblieben war. In breiten Schichten des Bürgertums er- 
starkte die Überzeugung, nur eine konterrevolutionäre Gewalt könne die 
starke Machtstellung des österreichischen Proletariats brechen. In breiten 
Schichten des Bürgertums wurde der Glaube an die Lebensfähigkeit der 
österreichischen Republik im Herbst 1920 und im Jänner 1921 durch die 
schnell fortschreitende Geldentwertung erschüttert. Die österreichischen: 
Konterrevolutionäre, allein dem Proletariat gegenüber zu schwach, eine Tat 
zu wagen, begannen ihre Hoffnungen auf die beiden Nachbarstaaten zu 
setzen, in denen der rote Terror des Kommunismus dem weißen Terror der 
Konterrevolution den Weg gebahnt hatte- auf Ungarn und auf Bayern. 

Seit der Konterrevolution in Ungarn hatte sich dort eine starke Be- 
wegung für die Restauration des Hauses Habsburg entwickelt. Eine doppelte 
Gefahr drohte uns seither von Ungarn aus. Erstens die Gefahr für unsere 
republikanische Verfassung: die Restauration der Habsburger in Ungarn 
hätte die Konterrevolutionäre in Österreich ermutigt und ihnen Ungarns 
Waffenhilfe für die Restauration Habsburgs in Österreich gesichert. 
Zweitens die Gefahr für unsere Grenzen: es war vorauszusehen, daß die 
konterrevolutionäre Offiziersdiktatur in Ungarn das Burgenland, das uns 
der Friedensvertrag von Saint-Germain zugesprochen hatte, nicht friedlich 
räumen, sich seiner Übergabe gewaltsam widersetzen werde. Aus beiden 
Gründen mußten wir seither mit der Möglichkeit eines gefährlichen Kon- 
flikts mit Ungarn rechnen. Schon in der Zeit der zweiten Koalitionsregierung- 
hatten wir es unternommen, uns gegen diese Gefahr zu schützen. Die 
ungarische Gefahr hatte uns bewogen, durch das Wehr- vmd das Disziplinar- 
gesetz die Kampffähigkeit unserer Wehrmacht zu stärken. Die ungarische 
Gefahr hatte uns zugleich bewogen, unsere Beziehungen zu der Tschecho- 
slowakei zu verbessern. 

Von ihrer Entstehungszeit, von den Kämpfen der tschechischen Legionen 
an der Wolga und in Sibirien an trug die tschechische Revolution zwie- 

— 227 — 15« 



schUlchtigcn Cluirakler: sie war revolutionär gegen llabsburg, sio war 
konlcrrevolutionär gegen die proletarische Revolution. In der Zeit der Revo- 
lution gegen Ilabsbur;; war in Österreich die tschechische Bewegung die 
stärkste revolutionäre Macht. Damals sind wir der Ischcchischen Bewegung 
nicht entgegengetreten, wir sind damals für das Selbstbestiminungsrecht 
■der Tschechen eingetreten, um auch für das deutsche'isLerreichische Volk das 
Selbstbestimmungsrecht zu erobern. Nach dem Umsturz trat der konter- 
revolutionäre Charakter der tschechischen Republik hervor. Nunmehr 
standen wir im heftigsten Gegensatz zu ihr; wir mußten das proletari- 
sche Dcutschbühmen gegen die tschechische Annexion verteidigen und 
mußten uns des Zwanges, dem tschechischen Heere gegen das proletarische 
Ungarn Waffen zu liefern, erwehren. Nachdem aber die Proletarierdiktatur 
in Ungarn gestürzt war und nachdem der Friedensvertrag Deutschböhmons 
Schicksal entschieden hatte, veränderten sich abermals unsere Beziehungen 
zu der tschechischen Republik. Der nunmehr von Ungarn aus drohenden 
(Gefahr der Konterrevolution gegenüber war die tschechische Republik die 
stärkste Beschützerin der Ergebnisse der Revolution von 1918. Sie war 
nunmehr unser natürlicher Bundesgenosse gegen die drohende Restauration 
Habsburgs in Ungarn und' gegen den drohenden Angriff Ungarns auf 
Österreich. 

In der Zeit der zweiten ICoalitionsregierung, am 9. Jänner 1920, war 
Renner nach Prag gereist, um engere Beziehungen Österreichs zur Tschecho- 
slowakei zu begründen. Das Ergebnis dieser Reise war nicht nur eine Reihe 
von Verträgen, die unsere' wirtschaftlichen Beziehungen zur Tschecho- 
slowakei verdichteten und die Durchführung des Friedensvertrages erleich- 
terten, sondern auch eine politische Vereinbarung zwischen Renner und 
Benes, in der sich die beiden Minister verpflichteten, einander in der 
Abwehr konterrevolutionärer Bestrebungen zu unterstützen. Renner sicherte 
der tschechischen Republik für den Fall eines tschechisch-ungarischen 
Krieges die „wohlwollende Neutralität" Österreichs, Benes sicherte Öster- 
reich für den Fall eines ungarischen Angriffs Unterstützung zu. Diese Ver- 
einbarungen erregten leidenschaftliche Entrüstung nicht nur des Wiener 
monarchistischen Flügels der christlichsozialen Partei, sondern auch der 
regierenden Mächte in Ungarn. Die ungarischen und die österreichischen 
Konterrevolutionäre gingen nun gegen uns, vor allem gegen Renners Außen- 
politik im engsten Einvernehmen miteinander vor, die Wiener ungarische 
Gesandtschaft organisierte und finanzierte den christlichsozialen Preßfeld- 
zug gegen Renner. 

In der Zeit der Proporzregierung verschärften sich die Gegensätze 
zwischen Österreich und Ungarn. Am 20. Juni 1920 hatte der Amsterdamer 
Internationale Gewerkschaftsbund den Boykott über das konterrevolutio- 
näre, die Arbeiterschaft knebelnde und mordende Ungarn verhängt. Die 
österreichischen Eisenbahner, Postler, Telegraphen- und Telephon- 
angestellten haben den Boykott restlos durchgeführt; sieben Wochen lang 
blieb jeder Verkehr zwischen Österreich und Ungarn vollständig gesperrt. 
Aber was in Österreich gelang, gelang nicht in den anderen Nachfolge- 
staaten; über die Slowakei und über Jugoslawien konnte Ungarn seinen 
Verkehr mit dem Ausland aufrechterhalten. Daher blieb der Boykott wir- 
kungslos; er mußte am 8. August aufgehoben werden, ohne daß er Horthy- 

— 228 — 



"Ungarn hätte beugen können. Der Boykott hat aber nicht nur neue Kon- 
flikte zwischen der österreichischen und der ungarischen Regierung herbei- 
geführt, er hat, da er Österreich einige Wochen lang die Lebensmittelzufuhr 
aus Ungarn sperrte, auch zu heftigen Auseinandersetzungen in den Volks- 
massen für und wider eine gegen Horthy-Ungarn gerichtete Außenpolitik 
geführt. Diese Auseinandersetzungen nahmen in dem Wahlkampf im Ok- 
tober 1920 große Heftigkeit an. 

Als nun nach den Wahlen die christlichsoziale Partei die Regierung 
übernahm, versuchte sie in der Tat zuerst freundschaftliche Beziehungen 
zu dem „christlichen Ungarn" herzustellen. Aber alle diese Bemühungen 
scheiterten daran, daß Ungarn als Preis jeder Annäherung den Verzicht 
Österreichs auf das Burgenland oder wenigstens auf den größeren Teil des 
Burgenlandes forderte. Darauf konnte auch die christlichsoziale Regierunri: 
nicht eingeherr, ohne auf den heftigsten ¥/iderstand nicht nur der Sozial- 
demokraten und der Großdeutschen, sondern auch eines Teiles ihrer eigenen 
Anhänger zu stoßen. So endeten die Verhandlungen nur mit neuen kriege- 
Tischen Drohungen Ungarns, die schließlich die Regierung Mayr zwangen, 
auf den Weg zurückzukehren, den Renner eingeschlagen hatte. Mayr hielt 
die politischen Vereinbarungen, die Renner mit Benes abgeschlossen hatte, 
ausdrücklich aufrecht. 

Diese Vereinbarungen erlangten praktische Bedeutung, als am 2G. März 
1921 Karl Habsburg plötzlich in Steinamanger auftauchte. Nun standen wir 
Tinmittelbar vor der lange vorausgesehenen Gefahr der Wiederherstellung 
des habsburgischen Königtums in Ungarn. Wieder, wie in den Tagen des 
Kapp-Putsches, ging eine starke Bewegung durch die österreichischen Ar- 
beitermassen. Der Bundeskanzler Mayr war nicht nur persönlich ein An- 
hänger des Anschlusses an Deutschland und aus diesem Beweggrund Re- 
publikaner, er kannte auch die drohende Kraft der Bewegung, die die 
proletarischen Massen in Österreich erfaßt hatte. Er ließ sich in den 
kritischen Tagen nicht von dem monarchistischen Flügel seiner Partei be- 
einflussen, sondern war darauf bedacht, im Einvernehmen mit der Sozial- 
demokratie zu handeln. In der Sitzung des Nationalrates am 1. April, die 
zu einer mächtigen Kundgebung für die Republik wurde, erklärte Mayr, 
die Regierung werde den Großmächten und den Nachfolgestaaten mitteilen, 
daß sie die Restauration eines Habsburgers in Ungarn als eine Bedrohung 
der friedlichen Entwicklung der österreichischen Republik ansehen müsse. 
Damit hatte sich Österreich an die Seite der Tschechoslowakei, Jugo- 
slawiens und Rumäniens gestellt, die die habsburgische Restauration in 
Ungarn für eine Bedrohung des europäischen Friedens erklärt hatten und, 
mit Blockade und militärischen Maßregeln drohend, die Entfernung Karl 
Habsburgs aus Ungarn forderten. Als Karl Habsburg, dem Drucke der Großen 
und der Kleinen Entente weichend, am 4. April von Steinamanger in die 
Schweiz zurückreiste, erlaubte ihm die Regierung Mayr die Durchreise 
• durch Österreich nur unter den von der sozialdemokratischen Partei for- 
mulierten, von Mayr angenommenen Bedingungen. Als Gefangener einer 
Abteilung des republikanischen Bundesheeres, die von einem sozialdemo- 
kratischen Offizier kommandiert wurde, von den sozialdemokratischen Ab- 
geordneten Sever und Adolf Müller eskortiert, mußte Karl Habsburg durch 
»Österreich reisen. In Brück an der Mur bedurfte es der größten Anstren- 

— 229 — 



ijurint'n der sozialdcniDkratischon Abgeordneion, mn den Z.ug dc5 llal)s- 
>urgers ungefährdet durch die demonstrierenden ArLioilermasson zu führen. 

Diese Ereitrnissc riefen die gröLUe Erbitterung in den reaktionärcni' 
Schichten des Bürgertunis iiervor. Seine monarcliistischon Traditionen,, 
seine monarchistischen Gefühle waren tief vorletzt worden. Seine Er- 
bitterung kehrte sich gegen die Regierung Mayr; die christlichsozialen. 
Landesregierungen begannen nun gegen die christlichsoziale Bundes- 
regierung zu frondieren. Die Erbitterung darüber, daß die Wiener Re- 
gierung, selbst nachdem sie in die Hände des Bürgertums gefallen war,.., 
unter dem mä'.-htigen Einfluß der Arbeiterklasse geblieben war, ließ im. 
Bürgertum und in der Bauernschaft der westlichen L-ändcr die Bewegung' 
für den Abfall von Wien, für die Losreißung der Länder vom Bunde noch, 
einmal aufJoben. Die internationale Schwäche der ungarischen Konter- 
revolution, die internationalen Schwierigkeiten, die einer Restauration der 
Habsburger entgegenstanden, hatte die Geschichte des Habsburgerputsches 
gezeigt; je schwächer sich Budapest erwiesen hatte, desto stärker ward die- 
Anziehungskraft Münchens, des anderen Zentrums der Konterrevolution, 
auf die österreichischen Konterrevolutionäre. Abfall von Österreich, An- 
schluß an Bayern — das erschien nun den Führern des Länderpartikula- 
rismus in den westlichen Bundesländern als der einzige 4usweg, die 
einzige Rettung aus der österreichischen Republik, deren Entwicklung so; 
gar nicht ihren Wünschen entsprach. 

Längst schon bestanden sehr enge Verbindungen zwischen der- 
bayrischcn Reaktion und den führenden reaktionären Klüngeln in Tirol, 
und in Salzburg. In den Tagen des Kapp-Putsches hatte sich Kahr der Re- 
gierungsgewalt in Bayern bemächtigt, die brutale Herrschaft der Reaktion- 
in Bayern begründet. Seitdem war Bayern der österreichischen Reaktion' 
zum bewunderten Vorbild geworden. Das revolutionäre Ideal des An- 
schlusses Deutschösterreichs an die deutsche Republik hatte sich den. 
Tiroler und Salzburger Bauernführern zu dem reaktionären Kampfziel des^ 
Ansclilusses Tirols und Salzburgs an das reaktionäre Bayern konkretisiert.- 
Die Entwicklung des bayrischen Partikularismus, seine zeitweilige Unter- 
stützung durch den französischen Imperialismus schienen die Vereinigung' 
der österreichischen Alpenländer mit Bayern zu einem von Deutschland ge- 
trennten klerikalen bajuvarischen Königreich in den Bereich des Denk- 
baren zu rücken. Und so phantastisch dieses Ziel vorerst auch war: im Auf- 
bau der Heimatwehren hatte die Verbindung zwischen der bayrischen Re- 
aktion und der Reaktion in den Alpenländern doch schon im Jahre 1920* 
ein ergiebiges Feld praktischer Betätigung gefunden. 

Die Heimatwehren waren in den ersten Monaten nach dem Umsturz in 
Kärnten und in Steiermark entstanden; damals hüteten sie die Grenze- 
gegen die Jugoslawien. In der Zeit der ungarischen und der bayrischen Räte- 
diktatur hatte sich die Bewegung ausgedehnt; in vielen Dörfern hatten sich. 
die Bauern bewaffnet und organisiert, um sich gegen Getreide- und Vieh- 
requisitionen durch die Arbeiterräte zu schützen und sich gegen den. 
Bolschewismus zu rüsten. Aber erst im. Jahre 1920 gewann die Bewegung-» 
größeren Umfang und einheitliche Organisation. Am stärksten wurde die- 
Bewegung in Tirol. Dort wurden die Heimatwehren durch die am 15. Maü 
1920 erlassenen Satzungen einheitlicJi unter dem Kommando des christlich- 

— 230 — 



rsozialen Landesrats Steidle zusammengefaßt. Da.s Tiroler Beispie! wurde 
iin Salzburg nactigeahmt. Die Bewaffnung der Tiroler und der Salzburger 
Heimatwehren wurde durch Waffenschmuggel aus Bayern erleichtert; 
^die bayrische Orgesch entzog ihre Waffen und ihre Munition dem Zugriff 
-der Entwaffnunskommissionen der Entente, indem sie sie nach Tirol und 
Salzburg schmuggelte. Im Juni und im Oktober 1920 gelang es den Tiroler 
Eisenbahnern, bayrische Waffentransporte nach Tirol zu beschlagnahmen; 
im Oktober 1920 fielen Dokumente in unsere Hände, die den bayrischen 
Waffenschmuggel nach Salzburg erwiesen. Später ergänzten die Heimat- 
wehren ihre Rüstung, indem sie staatliche Waffenmagazine überfielen und 
plünderten; so wurden in Tirol die staatlichen Waffendepots in Kramsach, 
Höttinger-Au und Hall von den Heimatwehren beraubt. Die Tiroler und die 
.Salzburger Heimatwehren traten in engste Verbindung mit der bayrischen 
■Orgesch; Ende Juli 1920 fand in München .eine Zusammenkunft ])ayrischer 
'Tand österreichischer Heimatwehrführer statt, auf der nach einer Rede 
.Escherichs die Tiroler und die Salzburger erklärten, daß sie sich dem 
Kommando der bayrischen Orgesch -.mterstellen Am 20. November 1920 
-verhinderten die Eisenbahner eine j;emein?5ame Demonstration der Tiroler 
•und der bayrischen Orgesch durch Stillegung des Eisenbahnverkehrs. 

Etwas anderen Charakter trug die Br»wegung in Steiermark und in 
"Kärnten. Die enge Verbindung mit Bayern, das politische Ziel des An- 
schlusses an Bayern, fehlten hier. Die Heimatwehr&n hatten hier kein 
anderes Ziel als das, der Bourgeoisie und der Bauernschaft gegen die Ar- 
-beiterschaft zu dienen. Desto leichter ge\cannen sie hier die finanziefle 
Unterstützung der Großindustriellen und der Banken, die sich in diesen 
iändern zuerst zur Leistung regelmäßiger Abgaben an die Heimatwehren 
■verpflichteten. 

Die Rüstungen der Reaktion zwangen die Arbeiterschaft zu Gegen- 
rüstungen. Die Arbeiterräte übernahmen die Aufgabe, die Abwehr der 
Arbeiterschaft zu organisieren. Die Tätigkeit der Arbeiterräte' hatte sich 
:seit den Wahlen im Oktober 1920 wesentlich verändert. Im Wahlkampf 
waren die Führer der „neuen Linken", Dr. Frey und Rothe, der Sozial- 
demokratie entgegengetreten; es bestand nun kein Zweifel mehr, daß sie die. 
Geschäfte der Kommunisten besorgten. Daher hatte sich die Mass-e der Ge- 
!no;5sen, die unter dem Einfluß der „neuen Linken" gestanden war, von 
■ diesen Führern getrennt. Der Streit um die Koalitionspolitik war beendet, 
als nach den Wahlen die Sozialdemokraten aus der Regierung austraten. 
Nunmehr schlössen sich alle sozialdemokratischen Mitglieder der Arbeiter- 
räte zu Fraktionen zusammen, die ' den kommunistischen Fraktionen ge- 
:Schlossen entgegentraten. Dr. Frey und Rothe, die sich der Fraktions- 
disziplin der sozialdemokratischen Arbeiterratsfraktionen nicht unterwerfen 
wollten, traten aus der Partei aus und gingen zu den Kommunisten über; 
nur ein sehr kleiner Teil ihrer einstigen Gefolgschaft ging mit ihnen. 
Da nun in allen Arbeiterräten einer kleinen kommunistischen Fraktion 
.die große, organisierte, einheitlich geführte, einheitlich stimmende sozial- 
.'tlemokratische Mehrheit gegenüberstand, verloren die politischen Debatten 
innerhalb der Arbeiterräte an Bedeutung und Interesse. Zugleich verloren 
•die Arbeiterräte auch ihre wirtschaftlichen Funktionen. Mit dem Abbau 
fder Kriegswirtschaft, mit der Wiederherstellung des „freien Handels" 

- 231 — 



lösten sich allmälilicli die maiiniiiraclu'n wiiiscliaflliclien Verwaltungs- 
Juirpcrschaflen auf, innerhalb dei-en die Verlreler der Arbciterräle gewirkt; 
hatten. Mit dem Niederrang der Revolution verloren so allmählich auch die' 
Organe der Revolution ihren Wirkungskreis. Aber die Rüstungen der 
Konterrevolution gaben den Arbcilcrrätcn noch einmal eine neue Funktion.. 
Sie gingen nun daran, die Ordnerorganisation als Gegenwehr gegen die 
reaktionären ,, Heimatwehren", „Selbstschutzverbände", ,, Frontkämpfer- 
organisationen" zu schaffen und auszubauen. 

Der Habsburgerputsch im März 19lM gab den Rüstungen beider Parteien 
neuen Anstoß. Die Arbeiterklasse halte die Republik bedroht gesehen; sie 
verstärkte nun ihre Bemühungen um den Ausbau der Ordnerorganisation, 
um gegen jeden monarchistischen Putschversuch gerüstet zu sein. Ander- 
seits hatte der Habsburgerputsch die inneren Gegensätze im Lager der- 
Reaktion weiterentwickelt. Das geschah insbesondere in Tirol. Einen Augen- 
blick lang hatte das Auftauchen Karl Habsburgs in Ungarn die Zuversicht 
des legitimistischen Flügels der Tiroler Christlichsozialen gestärkt, der, von 
Schöpfer geführt, auf den Klerus und die städtischen Christlichsozialen 
gestützt, auf Habsburgs Wiederkehr hoffte. Aber sehr bald hatte der- 
klägliche Ausgang des Habsburgerputsches die Anhänger des Anschlusses 
an Bayern gestärkt, die, von Schraffl geführt, auf die bäuerlichen Organi- 
sationen u-nd die Heimatwehren gestützt, nicht in der Restauration Habs- 
burgs in Österreich, sondern in der Losreißung von Österreich und dem 
Anschluß an das reaktionäre Bayern ihr Ziel erblickten. Nach dem Ende 
des Karl-Putsches glaubten in Tirol die Anhänger der bayrischen Orien- 
tierung den Anhängern der habsburgischen Orientierung eine entscheidende 
Niederlage bereiten, den Anschluß an Bayern als einmütigen Willen des 
ganzen Tiroler Volkes feststellen zu können. Sie konnten das ganze Volk 
für ihr Ziel aufbieten, indem sie das konkrete Ziel des Anschlusses an/ 
Bayern hinter der allgemeinen, auch Großdeutsche und Sozialdemokraten 
mitreißenden Parole des Anschlusses an Deutschland verbargen. Der 
Tiroler Landtag beschloß, für den 24. April 1921 eine Volksabstimmung- 
darüber auszuschreiben, ob das Tiroler Volk den Anschluß an Deutschland 
wünsche. 

Mit diesem Beschluß des Tiroler Landtages setzte eine neue Bewegung 
für den Anschluß an Deutschland ein. Sie war von der Anschlußbewegung 
des November 1918 und des Jahres 1919 sehr verschieden. Die Anschluß- 
bewegung von 1918 war aus dem Geiste der nationalen Revolution hervor- 
gegangen; die Anschlußbewegung von 1921 war reaktionären Ursprungs, 
v/enngleich sie für die revolutionäre Parole des Anschlusses auch die der 
.Reaktion feindlichen Klassen aufbieten konnte. 1918 war die Bewegung von 
der Sozialdemokratie getragen, von der Wiener Regierung geführt, der Au- 
fschluß Deutschösterreichs an Deutschland war das Ziel; 1921 war die Be- 
wegung von den Landesregierungen der Alpenländer geführt, gegen die 
Wiener Regierung gerichtet und ihr Ziel war der Abfall der Länder vom 
Bund und der Anschluß der einzelnen Länder an Bayern. Im Jahre 1919" 
hatte die Tiroler Landesregierung den Anschluß bekämpft und unserem 
Kampf um den Anschluß die größten Schwierigkeiten bereitet; im Jahre 
1921 stellte sich dieselbe Tiroler Landesregierung an die Spitze der 
Anschlußbevv^egung. Im Jahre 1919, in einer Zeit, in der Großbritannien,, 



•die Vereinigten Staaten und Italien drei Monate lang „schwankten und 
diskutierten", ehe die Pariser Friedejiskanferenz über den Anschluß ent- 
schied, war es ein ernster Kampf; im Jahre 1921, dem ratifizierten 
Friedensvertrag gegenüber, war die Bewegung aussichtslos. 

Trotzdem bewährte yich auch in dieser Bewegung die mächtige Werbe- 
kraft des Anschlußgedankens. Am 24. April stimmten in Tirol 146.468 
Männer und Frauen, beinahe neun Zehntel aller Stimmberechtigten, über 
den Anschluß ab; von ihnen stimmten 144.342 für, nur 1794 gegen den 
Anschluß an Deutschland. Von Tirol griff die Bewegung nach Salzburg 
über. Auch hier wurde darüber abgestimmt, ob das Volk den Anschluß 
wünscht; 103.000 Stimmen wurden für, 800 gegen den Anschluß abgegeben. 
Aber indessen hatte schon Frankreich eingegriffen. Die französische Re- 
gierung verlangte die Einstellung der Volksabstimmungen. Sie drohte, 
Österreich werde, wenn die Abstimmungen nicht eingestellt Vv-erden, die 
in Aussicht gestellten Auslandskredite nicht bekommen, die Reparations- 
kommission werde von Österreich Reparationen fordern, das Bürgenland 
werde Österreich nicht übergeben werden. Unter dem Druck Frankreichs 
mußte der Bundeskanzler Mayr von den Ländern die Einstellung der Ab- 
stimmungen verlangen. Aber Mayr hatte seit dem Habsburgerputsch den 
Einfluß auf seine Parteigenossen verloren. Trotz Mayrs Einspruch be- 
schloß der steirische Landtag am 31. Mai, auch in Steiermark die Ab- 
stimmung über den Anschluß auszuschreiben. Infolge dieses Beschlusses 
demissionierte die Regierung Mayr. Niemand konnte eine neue Regierung 
bilden, ohne sich Bürgschaften c'afür zu sichern, daß die Anschlußbewegung 
der Länder die neue Regierung nicht in £chv,"eren Konflikt mit Frankreich 
.bringen wird. Schließlich gelang dies: Christlichsoziale und Großdeutsche 
vereinbarten, für ein halbes Jahr auf die Abstimmungen über den An- 
schluß zu verzichten; die Bewegung für den Anschluß solle erst dann wieder 
aufgenommen werden, wenn die versprochenen Auslandskredite nicht bis 
Ende des Herbstes 1921 einlangen Auf Grund dieser Vereinbarung wurde 
am 21. Juni- eine neue Regierung gewählt, an deren Spitze der Wiener 
Polizeipräsident Johann Schober trat; es war eine Beamtenregierung, in 
der die christlichsoziale und di*^ großdeutsche Partei durch je einen Ab- 
geordneten vertreten waren. 

Die Anschlv-ßbewegung der Länder hatte nicht nur in Steiermark, wo 
der Landtag den Beschluß über die Volksabstimmung widerrufen mußte, 
sondern auch in Tirol und in Salzburg, wo die Volksabstimmung eine 
wirkungslose Demonstration geblieben war, mit einer Niederlage geendet. 
Die Länder hatten die Macht der äußeren Widerstände, die ihrem Abfall 
vom^ Bunde entgegenstanden, kennengelernt. Sie mußten erkennen, daß sie 
nicht von der deutschösterreichischen Republik abfallen können, sondern 
sich in ihr einrichten müssen. Diese Erfahrung förderte die Einfügung der 
Länder in den Bund. Und diese Einfügung wurde zugleich durch die wirt- 
schaftliche Entwicklung gefördert. In den Jahren 1918 und 1919 war die 
Lebensmittelnot eine der stärksten Triebkräfte des Länderpartikularismus, 
der Kampf gegen die Ausfuhr von Lebensmitteln und Rohstoffen aas dem 
Lande sein volkstümlichstes Betätigungsgebiet gewesen; seitdem. 'aber die 
Lebensmittel-, Kohlen- und Rohstoffnot allmählich überwunden wurde, 
: seitdem Österreich seit dem Einbruch der internationalen Absatzkrise im 

— 233 — 



Jahre 1920 aus dem Ausland wioder so viel Lebensmittel, Kohle und lluh- 
stoffe beziehen konnte, als es zu bezahlen vermochte, war diese wirtschaft- 
liche Grundlage des Länderpartikularismus allmählich verschwunden. Im 
Jahre 1919, als infolge der Kohlen- und Rohstoffnot die Wiener Industrie 
stillstand, hatten die Länder Wien als den „Wasserkopf" betrachtet, der 
den Alpenländcrn nur ihre Lebensmittel entziehe, ohne ihnen etwas bieten 
zu können; seitdem seit 1920 die Wiener Industrie und der Wiener Handel 
\vieder in vollem Gange waren, war Wien kein ,, Wasserkopf mehr,., 
sondern die große Steuerquelle, aus der der Bund vier Fünftel der Steuer- 
einnahmen schöpfte, und die große Industrie- und Handelsstadt, deren 
Export dem Bunde die ausländischen Zahlungsmittel lieferte, die allein es 
ilim ermöglichten, auch für die Alpenländer ausländisches Getreide und 
ausländische Kohle zu kaufen. So schwand allmählich die wirtschaftliche 
Basis der Abfallsbewegung. Die Anschlußbewegung im Frühjahr 1921 war 
die letzte große Auflehnung der Länder gegen den Bund. 

Sie war zugleich das letzte starke Aufflammen des Kam.pfes um die 
deutsche Einheit gewesen. Daß nach dem Friedensschluß der Anschluß* 
nicht mehr ein unmittelbar erreichbares Ziel der Tagespolitik, sondern 
nur chi nationales Ideal sein kann, das festgehalten werden muß, bis eine- 
grundstürzende Umwälzung der Machtverhältnisse in Europa seine Ver- 
wirklichung ermöglicht, war nun selbst den Spießbürgern an den Biertischen 
der Provinzstädte anschaulich geworden. Und ihre Begeisterung für dieses 
nationale Ideal wurde sehr bald kühler. Hatte die hoffnungslos fort- 
schreitende Entwertung der österreichischen Krone ihre Überzeugung von. 
der Lebensunfähigkeit Österreichs begründet, so sahen sie in dem Anschluß 
keine Rettung mehr, sobald unter dem Drucke der französischen Reparations_ 
lasten auch die deutsche Mark immer tiefer, immer hoffnungslosor sank 
Noch im Juni 1921, bei der Bildung der Regierung Schober hatten sich die 
Großdeutschen das Recht vorbehalten, die Fortsetzung der Abstimmungen- 
über den Anschluß zu fordern, wenn die Republik die in Aussicht gestellten 
Auslandskredite nicht bis zum Herbste 1921 erlangt. Die Auslandskrcdite 
kamen in dieser Zeit nicht, aber von den Anschlußabstimmunpcn war trotz- 
dem keine Rede mehr. 

Die Sozialdemokratie hatte die Bemühungen der Regierungen Mayr, die 
Länder zum Verzicht auf die Fortführung der Anschlußabstimmungen zu 
bewegen, unterstützt. Wir wußten, daß die Anschlußabstimmungen unter- 
den gegebenen Machtverhältnissen in Europa nicht den Anschluß, sondern 
nur einen schweren Konflikt mit Frankreich herbeiführen konnten. Wir 
halfen der Regierung, diesen Konflikt zu verhüten; denn wir sahen voraus,, 
daß die Republik in der nächsten Zeit in eine schwere Krise geraten werde,, 
in der ihr jeder Konflikt mit den Großmächten sehr gefährlich werden 
konnte. Die Ratifizierung des Vertrages von Trianon stand unmittelbar 
bevor. Damit mußte die Frage der Übergabe Deutsch-Westungarns an Öster- 
reich aktuell w^erden; der schwierigste, gefährlichste Konflikt mit der- 
ungarischen Konterrevolution stand vor uns. 

Am 26. Juli 1921 wurde der Friedensvertrag von Trianon ratifiziert.. 
Nunmehr sollte eine interalliierte Generalskommission der Entente, an. 
deren Spitze der italienische General Ferrario stand, das Burgenland vohj 



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XJngarn übcrnelunon und es Österreich ül)ergeben. Ungarn bereitete oflen- 
:sichtlich bewaiineton Widerstand gegen die Übergabe vor. 

Die österreichische Sozialdemokratie hätte niemals die Annoxi;rn, sie 
hatte immer nur das Selbstbestimmungsrecht des Burgenlandes gefordert. 
Bei den Friedensverhandlungen in Saint-Germain hatte unsere Friedens- 
-delegation nicht die einfache Abtretung Deutsch-Westungarns an Österreich 
verlangt; sie hatte nichts anderes verlangt, als daß Deutsch-Westungarn 
.in freier Volksabstimmung unter neutraler Besetzung und Kontrolle selbst 
entscheide, zu welchem Staat es gehören will. Die Entente hatte freilich 
-diese Forderung damit beantwortet, daß sie Deutsch-Westungarn teilte. 
Der Entwurf des Friedensvertrages, der am 20. Juli 1919 unserer Friedens- 
•delegation überreicht wurde, sprach Preßburg der Tschechoslowakei, 
.Ungarisch-Altenburg, Wieselburg, Güns, St. Gotthard sprach er Ungarn, 
einige Grenzgememden Jugoslawien, nur den Rest des deutschen West- 
ungarn Österreich zu. Unsere Friedensdelegation hat gegen diese Verfügung 
der Mächte über das Land protestiert; sie hat in ihrer Antwortnote auf den 
Friedensentwurf am 6. August 1919 den Mächten, die uns einen Teil 
Deutsch-Westungarns schenken wollten, geantwortet, Deutschösterreich , 
wünsche ein solches Geschenk gar nicht; Deutschösterreich wolle Deulsch- 
Westungarn nur dann erwerben, wenn dies der Wille der Bevölkerung 
.Deutsch-Westungarns selbst ist. Die Friedensdelegation sagte: 

„Die deutschösterreichische Republik hält daran fest, daß das Prinzip des 
Selbsibestimmungsrechles der Völker gewissenhaft durchgeführt werde. Um von 
vornherein den Verdacht einer Maßnahme gegen den Willen des Volkes zu zer- 
streuen, erlaubt sich Deutschösterreich, darauf zu bestehen, im Wege einer unter 
der Leitung und Aufsicht der alliierten und assoziierten Hauptmächte vorzu- 
nehmenden Volksabstimmung die unumwundene Erklärung der Einwohner West- 
ungarns darüber einzuholen, welchem Staate sie eingegliedert zu werden 
wünsclien." ^ 

Diese Forderung entsprach nicht nur den demokratischen Grundsätzen, 
sondern auch den Interessen Österreichs. V/ir forderton ja in derselben Note, 
daß Kärnten, daß Deutsch-Südtirol, der Böhmerwaldgau und der Znaimer 
Kreis, die die Entente uns entreißen wollte, 'durch freie Volksabstimmung 
über ihre staatliche Zugehörigkeit entscheiden sollen; wir mußten diese 
Forderung stützen, indem wir die Volksabstimmung unter denselben Be- 
dingungen auch für das Burgenland, das die Entente uns zusprechen 
wollte, forderten. Überdies aber stützte unsere Forderung, daß das burgen- 
ländische Volk selbst über seine Staatlichkeit entscheiden solle, unseren 
Protest gegen die Teilung Deutsch-Westungarns; wir verlangten, daß die 
Volksabstimmung nicht nur in dem uns zugesprochenen Teile des Burgen- 
landes, sondern in dem ganzen deutschen Siedlungsgebiet Westungarns 
■stattfinde. Die Entente lehnte diese Forderungen ab. In ihrer Note vom 
2. September 1919 beharrte sie auf den schon in dem Entwurf vom 20. Juli 
festgestellten Grenzen. „Innerhalb dieser Grenzen", sagte die Mantelnote 
.zu dem endgültigen Text des Friedensvertrages, „empfehlen der Volks- 
charakter und das nationale Empfinden der Bewohner zu klar den An- 
schluß an Österreich, als daß es die Mächte für notwendig erachten 
würden, eine Volksabstimmung durchzuführen." 

•Als es im Sommer 1921 offenbar wurde, daß Ungarn bewaffneten 
'iWiderstand gegen die Übergabe des Burgenlandes vorbereite, verlangte die 

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SozialdtMuokriitio abiTinals, daß Oslorrcich die Ihedlichc Schlichtung des- 
Streites nach deinokratischcn Grundsätzen vorsclüage. Wir hielten es 
für notwendig, daß sich Osterreich zu einer demokratischen Lösung 
bereit zeige, um womöghch einen bewaffneten Konfhkt zu vermeiden. Des- 
lialb schlugen wir am 13. August dem Ausschuß für Äußeres vor, Öster- 
reich Sülle, um einen bewaffneten Konflikt mit Ungarn zu vermeidsn,.. 
Ungarn eine A'ercinbarung anbieten, durch die beide Staaten die Eat- 
scheidung über die Zukunft des Burgcnlandes dem burgenländischen Volke 
selbst überlassen sollen. Österreich solle sich bereit erklären, die Ent- 
scheidung durch eine Abstimmung des burgenländischen Volkes anzu- 
erkennen, wenn diese Abstimmung nicht nur in dem durch den Friedens- 
vertrag uns zugesprochenen, sondern auch in dem Ungarn belassenen 
Teile Deutsch- Westungarns vorgenommen und wenn diese Abstimmung erst 
nach Abzug der ungarischen Truppen und Behörden und unter hin-reichenden 
Bürgschaften für die volle Freiheit der Abstimmung vorgenommen werde. 
Die bürgerlichen Parteien konnten sich jedoch am 13. August nicht ent- 
schließen, Ungarn einen solchen Vorschlag zu machen. Erst am 27. August 
nahm der Ausschuß für Äußeres einen Antrag an, die Regierung solle sich 
bereit erklären, nach der Übergabe des Burgenlandes an Österreich mit 
Ungarn über eine „einvernehmliche Lösung der Abgrenzungsfragen auf 
Grund der Willensäußerung des burgenländischen A^'olkes" ■ zu ver- 
handeln. Aber nun war es dazu schon zu spät. Die militärischen Vorbe- 
reitungen Ungarns im Burgenland waren schon in vollem Gang. In 
Ödenburg stand eine ungarische Truppe unter dem Kommando des Majors 
Osztenburg; die Offiziere der Pronay- und Hejjas-Detachements führten 
bewaffnete Freischärler, die zumeist aus Szeklern und anderen aus Sieben- 
bürgen und der Slowakei geflüchteten Magyaren angeworben worden 
waren, in das Land. 4 

Wir hatten uns bemüht, der österreichischen Politik eine Richtung zu 
geben, die eine friedliche und demokratische Lösung des Streites um das 
Burgenland ermöglichen konnte. Aber wir hatten keine Illusionen darüber,, 
daß die Aussicht, die ungarische Offiziersdiktatur für eine solche Lösung 
zu gewinnen, auch dann sehr gering sei, wenn sich Österreich rechtzeitig 
zu der Entscheidung des Konflikts nach demokratischen Grundsätzen bereit 
zeigte. Deshalb hatten wir schon seit dem Frühjahr 1921 immer wieder 
verlangt/ daß die Stände und die Ausrüstung des Bundesheeres so ergänzt 
werden, daß es in dem drohenden Konflikt mit Ungarn unsere Freiheit 
und unsere Grenzen zu verteidigen imstande sei. Dabei waren wir aber 
auf unüberwindUchen Widerstand gestoßen. Die herrschende christlich- 
soziale Partei wünschte keinen Ausbau des Bundesheeres. Schon im Früh- 
jahr 1921 hatten führende christlichsoziale Abgeordnete, vor allen Doktor- 
Mataja, und führende christlichsoziale Zeitungen, vor allen die „Reichs- 
post", verlangt, Österreich solle bei der Besetzung des Burgenlandes das 
Bundesheer überhaupt nicht verwenden. Diese Agitation gegen die Ver- 
wendung des Bundesheeres war von den klerikalen Elementen im Burgen- 
land selbst ausgegangen. Die ödenburger Klerikalen waren Magyaronen; sie 
zogen trotz ihrer deutschen Nationalität das „christliche Ungarn" dem 
demokratischen Österreich vor. Das Burgenland hatte in der Zeit der 
ungarischen Rätediktatur unter dem roten Terror schwer gelitten; die kleri- 

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kalen Magyaren im Burgonland betrieben darum ihre Agitation gegen Öster- 
reich mit dem Argument, daß in Österreich der „schleichende Bolsche- 
wismus" herrsche, das österreichische Bundesheer eine bolschewistische 
Rote Armee sei. Sie schrien in die Welt hinaus, das burgenländische Volk 
werde sich gegen den Einmarsch dieser Roten Armee auflehnen. Diese Agi- 
tation der Ödenburger Magyaronen fand in den Yviener klerikalen Kreisen 
Widerhall. Sie glaubten, das burgenländische Volk sei durch die Er- 
fahrungen in der Zeit der ungarischen Rätedildatur mit reaktionärer Ge- 
sinnung erfüllt worden. Sie hofften, das Burgenland zu einem Bollwerk 
der Reaktion innerhalb Österreichs ausbauen zu können. Sie fürchteten, 
die Besetzung des Burgenlandes durch das republikanisch-proletarische 
Bundesheer könnte dies erschw-eren. Deshalb wünschten sie, das Burgen- 
land solle nur durch Gendarmerie besetzt werden; nach seiner Besetzung 
solle dann sofort im Burgenland selbst ein ihren Zwecken dienstbares. 
Truppenkontingent aufgestellt werden. Es gelang der Agitation der burgen- 
ländischen und der Wiener Klerikalen, die interalliierte Generalskommis- 
sion in Ödenburg zu gewinnen. Sie ordnete an, daß Österreich bei der Be- 
setzung des Eurgenlandes nur Gendarmerie, nicht das Bundesheer ver- 
wenden dürfe. Trotz unseren Protesten fügte sich die österreichische Re- 
gierung dieser Anordnung der Ententegenerale, weil Ja die in Österreich 
regierende Partei selbst die Verwendung des Bundesheeres bei der Land- 
nahme nicht wünschte. 

So rückte denn am 28. August die Gendarmerie, insgesamt nur .1950' 
Mann, in elf Kolonnen m das Burgenland ein. Sofort warfen sich ihr die 
magyarischen Freischärler entgegen. Die an Zahl viel zu schwachen und 
zum Kampf nicht ausgerüsteten Gendarmerieabteilungen konnten den 
Widerstand der Banden Horthys nicht brechen. Im Süden konnte die Gen- 
darmerie über die steirische Grenze nicht hinausdringen. Im Norden konnte 
sie einen Teil des Burgenlandes besetzen, geriet aber dort in opfervollen 
Kleinkrieg mit den Banden. Immerhin waren die Freischärler an diesem 
Tage noch sehr schwach. W^äre am 28. August das Bundesheer in das 
Burgenland eingerückt, so hätte es die magyarischen Banden unschwer 
vertreiben können. Die Gendarmerie aber war dazu viel zu schwach ge- 
wesen; und der wohlfeile Erfolg, den die Freischärler gegen die Gen- 
darmerie errungen hatten, rief in Ungarn großen Enthusiasmus hervor, der 
in den folgenden Tagen den Freischärlern starken Zuzug brachte. Die Zahl 
der Freischärler wuchs nun schnell und ihre Kühnheit wurde größer. 
Binnen wenigen Tagen geriet die bei Agendorf stehende Gendarmerie- 
abteilung in eine sehr gefährdete Lage; am 8. September mußte sie 
schließlich an die niederösterreichische Grenze zurückgezogen werden. 
Aber schon vorher hatten die magyarischen Freischärler selbst altösterrei- 
chisches Gebiet angegriffen; am 31. August schon war eine magyarische 
Bande bei Hoheiibrugg in Steiermark eingefallen. 

Nun wurde die Gefahr sehr ernst: aus den Kämpfen zwischen den 
Banden und der Gendarmeric konnte ein Krieg zwischen Ungarn und Öster- 
reich entstehen. Ungarn zog an der Ostgrenze des Burgenlandes starke re- 
guläre Truppen zusammen; es schien möglich, daß Ungarn den Streit um 
das Burgenland mit, kriegerischer Gewalt entscheiden wolle. Österreich 
war dem Friedensvertrag gemäß, von der Entente entwaffnet worden. 



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Ungarn, dt-ssen Fnedonsvortrag soeben erst in Kraft gelrclcn war, war nicht 
entwaffnet. Ungarn, uns militärisch überlegen, konnte sich mit einem Hand- 
streicli in den Besitz des Wiener-Ncustädter Industriegebietes setzen und 
Wien unmittelbar bedrohen. Diese Gefahr war um so ernster, da wir mit 
der Möglichkeit rechnen mußten, daß die starke Truppenansammlung in 
Westungarn zu einem habsburgischen Restaurationsvcrsuch benutzt wer- 
den könnte. Seit dem Osterputsch Karl Habsburgs hatten sich in Ungarn 
die Gegensätze zwischen den Legitimisten und den Anhängern Horthys, die 
die sofortige Restauration des Königs ablehnten, sehr verschärft. Im Sommer 
schon fürchtten die Mächte der Großen und der Kleinen Entente, daß die 
Legitimisten Karl Habsburg bewegen werden, seinen Versuch vom März 
zu wiederholen; daß sie sich zu diesem Zwecke der in Westungarn an- 
gesanunelten Truppen bedienen werden, war um so mehr zu vermuten, 
da Osztenburg, der in Üdenburg kommandierte, ein bekannter Legitimisi. 
war. 

Wir vrarcn noch im August für eine friedliche demokratische Lösung 
des Streites um das Burgenland eingetreten, um einen bewaffneten Konflikt 
womöglich zu verhüten. Jetzt, da der Konflikt ausgebrochen war, gab 
CS für uns nur noch eine Aufgabe: unsere ganze Kraft in den Dienst des 
Widerstandes gegen die ungarische Konterrevolution zu stellen. Das Zivil- 
kommissariat im Heeresministerium, wo Julius Deutsch und Smitka 
amtierten, und die Soldatenräle sicherten sich entscheidenden Einfluß auf 
die militärisclien Abwehrmaßregeln. Die bisher vernachlässigte Ausrüstung 
des Bundesheeres wurde schnell ergänzt. Ein Teil des Bundesheeres über- 
nahm die Bewachung der Grenze, während die Bataillone aus den west- 
lichen Ländern nach Wien gebracht wurden, um hier eine Kampfreserve 
zu bilden. Die sozialdemokratische Agitation befestigte den Wehr- 
männern die Überzeugung, daß sie im Kampfe gegen Horthy-Ungaru 
ihre revolutionäre Pflicht erfüllen, die Republik gegen die Monarchie, die 
Errungenschaften der A^rbeiterklasse gegen die Konterrevolution ver- 
teidigen. Ein Aufruf der Partei forderte die jungen Arbeiter au', für die 
Dauer der Gefahr in das Bundesheer einzutreten; tausende verließen ihre 
Arbeitsstätten und traten in das Bundesheer ein, um die Republik zu 
schützen» Am 5. September empfing das Bundesheer seine Bluttaufe. Das 
2. Bataillon des Infanterieregiments Nr. 5 wies bei Kirchschlag tapfer 
kämpfend einen Einbruch magyarischer Freischärler in niederösterreichi- 
sches Gebiet ab. Zwei Tote, vierzehn Verwundete, von denen fünf starben, 
drei Gefangene, die von den Banditen ermordet wurden, waren die Opfer 
des Bundesheeres. Am 23. und 24. September hatte das 3. Bataillon des 
Infanterieregiments Nr. 1 bei Bxuck a. d. Leitha schweren Kampf zu be- 
stehen ; auch dort wurde ein magyarischer Angriff auf niederösterreichischen 
Boden mit schweren Opfern abgewehrt. Mehr als zwei Monate lang be- 
wachte das Bundesheer mit schwachen Kräften die 250 Kilometer lange 
Grenze, immer wieder zur Abwehr überraschender Bandeneinfälle ge- 
zwungen. 40 Tote. 66 Verwundete hatte die Wehrmannschaft der Republik 
zu beklagen. 

Mit dem Bundesheer trat auch die Ordnerorganisation in Aktion. Nach- 
dem die Gendarmerie aus dem Burgenland zurückgezogen worden war. 
standen die magyarischen Freischärler hart vor Wiener-Neustadt. Die Ar- 

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Leiter von Wiener-Neustadt, in den Ordnerbaträllonen formiert, hielten sich 
in den Tagen, in denen ein Angriff der Freischärler drohte, Tag und Nacht 
zum Kampfe bereit. Die Verbindung zwischen dem Bundesheer und der 
Ordnerorganisation wurde hergestellt; für den Fall des Kampfes wurden die 
Ordnerbataillöne dem Kommando des Bundesheeres unterstellt. In dem 
ganzen Industriegebiet längs der Südbahnstrecke wurden die Ordnerorgani- 
sationen ausgerüstet, damit sie im Falle eines ungarischen Vorstoßes gegen 
\Vien die ungarischen Truppen in den Flanken und im Rücken angreifen 
und im Kleinkrieg ihren Nachschub desorganisieren. 

Indessen hatten die Mächte eingegriffen, um den bedrohten Frieden zu 
retten. Ein Vermittlungsversuch der tschechischen Regierung rief Italien 
auf den Plan; Italien wünschte nicht, daß die Kleine Entente als Schieds- 
richter zwischen Österreich und Ungarn trete. Der italienische Minister des 
Äußern della Torretta lud Österreich und Ungarn zu Verhandlungen nach 
Venedig ein; England und Frankreich empfahlen Schober, die Vermittlung 
Italiens anzunehmen. Am 11. Oktober begannen die Verhandlungen in 
Venedig; sie zeigten, daß die italienische Regierung, die Ungarn immer als? 
Italiens künftigen Bundesgenossen gegen Jugoslawien betrachtete, ein 
Ungarn vorteilhaftes Kompromiß erzwingen wollte. Torretta drohte mit der 
Verweigerung aller Kredithilfe an Österreich, wenn es sich seinen Vor- 
schlägen nicht unterwerfe. Unter diesem Druck stimmte Schober dem 
Protokoll von Venedig zu. In diesem Protokoll verpflichtete sich die ungari- 
sche Regierung, ihre Freischärler zur Räumung des Burgenlandes zu ver- 
halten, wogegen Österreich zustimmte, daß über die staatliche Zugehörig- 
keit der Stadt Ödenburg und ihrer nächsten Umgebung eine Volks- 
abstimmung entscheiden solle. 

Daß über Ödenburg eine Volksabstimmung entscheiden solle, entsprach 
unserer grundsätzlichen Auffassung. Aber wir hatten immer gefordert, daß 
(Österreich eine Volksabstimmung nur dann anerkenne, wenn hinreichende 
Bürgschaften für die volle Freiheit der Abstimmung gesichert werden. 
Dieser Forderung entsprach das Protokoll von Venedig nicht. 

Das Protokoll war noch nicht ratifiziert, als eine neue Wendung eintrat. 
Unsere Voraussage, daß die Ansammlung ungarischer Truppen in Wesl- 
ungarn einem neuen Habsburgerputsch zu dienen drohe, wurde be- 
stätigt: am 20. Oktober ka,men Karl und Zita Habsburg in einem Flugzeug 
in Ödenburg an. Karl erklärte sofort, er übernehme die Ausübung der 
Herrscherrechte in Ungarn und ernannte eine Regierung. Ein Teil der in 
Westungarn angesammelten Truppen, Lehär und Osztenburg an ihrer 
Spitze, stellte sich Karl zur Verfügung und setzte sich gegen Budapest in 
Bewegung. Schon am 22. Oktober erklärte die Tschechoslowakei, sie werde 
die Restauration Karls in Budapest als Kriegsfall behandeln. Dieser Er- 
klärung schlössen sich .lugoslawien und Rumänien an. Am 24. Oktober ver- 
langten die Großmächte Karls Thronentsetzung und Gefangennahme. Die 
ungarische Konterrevolution spaltete sich. Glaubten die Legitimisten, der 
Augenblick sei günstig, die Konterrevolution mit der Restauration des 
Königtums zu vollenden, so lehnten die Anhänger Horthys die Restauration 
des Königtums ab, um die Herrschaft der Konterrevolution vor dem 
drohenden Angriff von außen zu retten. Am 24. Oktober warf sich 
Gömbös an der Spitze einiger in aller Eile aus Studenten formierter 

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nalaillonc bei Budaürs tloii königlichen Truppen cntgegeu. Du' Truppen 
dos Habsburgers wurden geschlagen, er selbst gefangengenommen. Aber die 
Kleine Entente war entschlossen, für die Zukunft eine Wiederholung der 
Putschversuche des Habsburgers zu verhindern, ßie forderte, Ungarn müsse 
das llaus llabsburg in aller Form des Thrones entsetzen. ].)a Ungarn zauderte, 
mobilisierten die Tschechoslowakei und Jugoslawien einen Teil ihrer 
Heere. Ungarn mußte sich unterwerfen. Am 5. November beschloß die 
ungarische Nationalversammlung ein Gesetz, das die Souveränitätsrechte 
Karls IV. und die Pragmatische Sanktion für aufgehoben, das Recht der 
ungarischen Nation zur freien Wahl ihres Königs für wiederhergestellt er- 
klärte, die Königswahl auf spätere Zeit vertagte. Am 10. November erklärte 
die ungarische Regierung ^in einer Note an die Botschaiterkonferenz, daß 
Ungarn die Königswahl nur im Einvernehmen anit den Großmächten vor- 
nehmen werde und sich dem von der Botschafterkonferenz am 4. Februar 
1920 und am 3. April 1921 ausgesprochenen Verbot der Restauration der 
Habsburger xniterwerfe. Karl Habsburg wurde auf einen englischen Monitor 
gebracht und von den Engländern auf Madeira interniert, wo er am 
1. April 1922 starb. 

Die österreichische Regierung hätte die internationale Krise des Habs- 
burgerpulsches ausnützen können, um Österreich die Unterstützung der 
Kleinen Entente für die Entscheidung über üdenburg zu sichern. Sie hat es 
nicht getan. Das Auftauchen Karl HabsLurgs in Üdenburg hatte alle legiti- 
nüstischen Hoffnungen des monarchistischen Flügels der Christlichsozialen 
geweckt. Die Mobilisierung des tschechischen Heeres hatte den Tschechen- 
haß der Großdeulschen wiederbelebt. Die beiden regierenden Parteien hatten 
nur den einen Wunsch, in dieser Stunde ja nicht an der Seite der Kleinen 
Entente zu erscheinen. Ihre Regierung beeilte sich, ohne Not sofort nach 
der tschechischen Mobilisierung eine Neutralitätserklärung in Prag abgeben 
zu lassen. ()sterreich hatte es unterlassen, die Krise zur Verstärkung seiner 
Stellung gegen Ungarn auszunützen. Dagegen wurde die Stellung Horthys 
und seiner Regierung gegenüber den Großmächten durch seine entschlossene 
Abwehr des Habsburgerputsches wesentlich verbessert. Die Folgen zeigten 
sich sofort. Am 9. November forderte die Pariser Botschafterkonferenz 
Österreich auf, das Protokoll von Venedig zu ratifizieren; tut Österreich 
das nicht, dann werde sich die Entente für „desinteressiert" in der Burgen- 
landfrage erklären; Österreich möge dann selbst zusehen, wie es den Wider- 
stand Ungarns bricht. Unter diesem Druck mußten alle Parteien der Rati- 
fizierung des Protokolls von Venedig zustimmen. 

Der Habsburgerputsch hatte die Freischärler im Burgcnland aufgelöst. 
Die legitimistischen Truppen waren mit Karl. Habsburg gegen Budapest 
marschiert. Die horthystischen Banden wurden von der ungarischen Re- 
gierung zurückgenommen, sobald sie der Ratifizierung des Protokolls von 
Venedig sicher war. Nunmehr forderte die interalliierte Generalkom- 
mission in Ödenburg Österreich zur Besetzung des Burgenlandes mit Aus- 
nahme des Ödenburger Abstimmungsgebietes auf; und jetzt erhob sie auch 
gegen die Verwendung des Bundesheeres keinen Einspruch mehr. Der 
Einmarsch des Bundesheeres begann am 13. November. Die österreichischen 
Truppen stießen auf keinen Widerstand mehr. Am 4. Dezember war die 
Besetzung dös Landes durch die österreichischen Truppen vollendet. Nun 

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sollte die Volksabstimmung in Ödenburg stattfinden. Und lum zei;,^te es 
sich sehr bald, daß der italienische General Ferrario, der Vorsitzende der 
interalliierten Generalkommission, den Auftrag hatte, die Abstimmung so 
-zu leiten, daß Ödenburg an Ungarn falle Zwar hatte der österreichische 
Nationalrat das Protokoll von Venedig erst ratifiziert, nachdem die Mächte 
versprochen hatten, daß Ödenburg vor der Abstimmung von den un- 
garischen Truppen geräumt und von Entente-Truppen besetzt werde. In 
der Tat trafen am 8. Dezember Entente-Truppen in Ödenburg ein und 
zogen am 12. Dezember die ungarischen Truppen ab. Aber die Verwaltung 
l)lieb in den tiänden ungarischer Behörden, die magyarischen Bürgermeister- 
ämter stellten die Abstirhmungslisien her, magyarische Gendarmen und 
Polizei und die Reste der magyarischen Freischärlerformationen durften 
die Bevölkerung des Abstimmungsgebietes terrorisieren. Die magyarischen 
Behörden hatten Tausende stimmberechtigte Anhänger des Anschlusses an 
Osterreich in die Abstimmungslisten nicht eingetragen, Tausende nicht 
stimmberechtigte Magyaren in sie aufgenommen Erst am 5., 6. und 7. De- 
zember erhielten die Abstimmungskommissäre der österreichischen Re- 
gierung diese Stimmlisten; aber noch bevor sie die Überprüfung und Be- 
richtigung auch nur eines Zehntels der Stimmlisten hatten durchführen 
können, erklärte General Ferrario das Reklamationsverfahren am 12. De- 
zember für geschlossen. Die G'-nerulkonimissio/i beharrte darauf, daß die 
Abstimmung am 14. Dezember erfolgen müsse, obwohl bis zu diesem Tage 
die Herstellung einwandfreier Stimmlisten unmöglich war. Daher beschloli 
die österreicliische Regierung am 13. Dezember, an einer solchen Ab- 
stimmung nicht teilzunehmen und ihre Abstimmungskommissäre abzu- 
berufen. Ohne Kontrolle österreichischer Organe fand die Abstimmung am 
folgenden Tage statt. Ihr Ergebnis zeigte, daß sich das Abstimmungsgebiet 
bei wirklich freier und unverfälschter Abstimmung für Österreich ent- 
schieden hätte. Sieht man von der magyarischen Grenzgemeinde Zinken- 
dorf ab, die Österreich ohne Abstimmung an Ungarn abzutreten bereit war 
und die man trotzdem mitstimmen ließ, so wurden im Abstimmungsgebiet 
li.308 Stimmen für Ungarn, 8222 Stimmen für Österreich abgegeben. Nur 
in der Stadt Ödenburg hatte die Mehrheit für Ungarn, in den Dorfgemeinden 
der Umgebung durchweg für Österreich gestimmt. Auf Grund dieser Ab- 
stimmung hat die interalliierte Generalkommission am 1. Jänner das ganze 
Abstimmungsgebiet Ungarn übergeben. Das Burgenland hatte damit seine 
Hauptstadt verloren und ist in zwei nur durch einen schmalen Land- 
streifen verbundene Teile zerrissen worden. Seine Verwaltung als eines 
selbständigen Bundeslandes wurde dadurch überaus erschwert. 

Das burgenländische Volk hatte in der ganzen Zeit vom August bis 
zum Dezember die Sozialdemokratie als die treibende Kraft des Kampfes 
,'egen Ungarn kennengelernt. Breite Massen des burgenländischen Volkes 
strömten unter dem Eindruck der Erfahrungen dieser , Kampfzeit der 
Sozialdemokratie zu. In dem Lande, das keine Stadt und keine Industrie 
liat, erhielten wir bei den ersten Nationalrats- und Landtagsw^ahlen am 
18. Juni 1922 38*5 Prozent der Stimmen, so daß wir zur stärksten Partei 
im Landtag und Landesrat wurden. Wir hatten damit eine neue, auf Klein- 
bauern und Landarbeiter gestützte, für die Ecfestigung der Ostgrenze der 

_ '2il — i^i 



Rfiiuijlik gegen die ungarische Konlerrevolulion sehr wichligo Maclil- 
]>üsilion erobert. 

Die Burgenlandlvrisc hatte die innere Kraft der Rcpuljlik gcoffonbart^ 
Die Bourgeoisie hatte abermals crfaliren, wie enlsclilossen und opfer- 
bereit das Proletariat zur Hci)ublik stand und welche unüberwindlichen 
internationalen Hindernisse der Restauration Uabsburgs entgegcnslauden. 
Hatte die Erfahrung der Anschlußabsümrnungen die Bourgeoisie belehrt,. > 
daß sie aus der Republik nicht in das reaktionäre Bayern flüchten konnte, 
so hatte die Erfahrung der Burgenlandkrise die Bourgeoisie belehrt, daß sie 
keine Hoffnung hatte, die Rci)ublik mif Hilfe des reaktionären 
Ungarn zu stürzen. Wie das Jahr 1919 das Proletariat belehrt hatte, daß 
es nicht seine Diktatur aufrichten, sondern nur im Rahmen der demfikrali- 
schen- Republik um die Macht ringen kann, so. hat das .Jahr 1921 die 
Bourgeoisie belehrt, daß sie die Republik weder sprengen noch stürzen, 
sondern nur in ihrem Rahmen um die Herrschaft kämpfen kann. Beide 
Klassen hatten erfahren, daß nicht der Umsturz der demokratischen Re- 
])ublik,. sondern nur der Kampf um die Macht in der demokratischen Re- 
publik der Inhalt des Klassenkampfes sein konnte. 



§ 16. Die Volksrepublik. 

Bauer, Referat über die politische und wirtschaftliche Lage auf dem Parteitag 
der deuts'chösterreichischen Sozialdemokratie. Wien 1921. 

Als der Sozialismus erst daranging, die Arbeitermassen zum Klassen- 
bewußtsein zu erwecken, zum Klassenkampf zu schulen, in die ersten 
großen Klassenkämpfe zu führen, lehrte er die Arbeiter, den Staat, gegen 
den sie zu kämpfen hatten, als den Klassenstaat der Bourgeoisie, die 
Staatsregierung als einen Vollzugsausschuß der herrschenden Klassen ver- 
stehen. Und er ermutigte und begeisterte die Arboitermassen durch die Ver- 
kündigung, daß der Tag der Revolution kommen wird, an dem der Staat 
aus einem Herrschaftsinstrument der Bourgeoisie zur Niederhaltung des 
Proletariats zu einem Herrschaftsinstrument des Proletariats zur Nieder- 
werfung der Bourgeoisie werden wird. Es entsprach den seelischen Bedürf- 
nissen des erst erwachenden, sich erst organisierenden, erst in den Kampf 
tretenden Proletariats, den Bedürfnissen der Schulung des jungen Pro- 
letariats, daß die Staatslehre des Sozialismus in ihrer landläufigen popu- 
lären Darstellung keinen anderen Staat kannte als den IClassenstaat: den 
gegenwärtigen Klassenstaat der Bourgeoisie als die Staatsform der kapi- 
talistischen Gesellschaftsordnung; den kommenden Klassenstaat des Prole- 
tariats als das Mittel zu ihrer Überwindung. 

Aber die feinere theoretische Analyse des Marxismus kannte auch 
damals schon andere Staatswesen. Sie wußte, daß aus den Klassenkämpfen 
zeitweilig Situationen hervorgehen, in denen, wie Engels es in seinem 
„Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates" ausdrückte, 
„die kämpfenden Klassen einander das Gleichgewicht halten". Ist keine 
Kla.sse mehr ims'ande, die ■ andere ni^^derzUwerfen und niederzuhalten, 

— 242 — 



uann hört die Staatsgewalt auf, ein Herrschaftsinstrument einer Klasse zur 
Beherrschung der anderen Klassen zu sein. Die Staatsgewalt ver- 
selhständigt sich dann gegenüber den Klassen, sie tritt allen Klassen als 
selbständige Macht gegenüber, sie unterwirft sich alle Klassen. Das war, 
nach Marxens und Engels' Darstellung, der Ursprung der absoluten 
Monarchie im 17. und 18.. des Bonapartismus im 19. Jahrhundert. 

Auch das Ergebnis der deutschösterreichischen Revolution war ein Zu- 
stand, in dem „die kämpfenden Klassen einander das Gleichgewicht 
lialten". Der Gleichgewichtszustand der Klassenkräfte war hier vom An- 
fang an begründet in dem Machtverhältnis zwischen dem großen Industrie- 
gebiet Vfiens, Niederösterreichs, der Obersteiermark einerseits, das nicht 
gegen die Arbeiter, und dem großen Agrargebiet der anderen Bundes- 
länder anderseits, das nicht gegen die Bauern zu regieren war; vom An- 
fang an begründet in dem Widerspruch zwischen der starken Macht des 
i^rolelariats im Lande und der völligen Ohnmacht des Landes gegenüber 
den kapitalistischen Mächten außerhalb unserer Grenzen. Aber in dem 
ersten Jahre der Republik war das Kräfteverhältnis durch die mächtige 
revolutionäre Spannung in den Massen zugunsten des Proletariats ver- 
schoben; das Proletariat konnte -daher zwar nicht seine Alleinherrschaft, 
aber immerhin seine Vorherrschaft aufrichten. In dem Maße aber, in dem 
einerseits unter dem Drucke der Ergebnisse der Klassenkämpfe im Aus- 
lande, anderseits unter der Wirkung der Wiederbelebung des kapita- 
listischen Wirtschaftslebens im Lande selbst die revolutionäre Spannung 
in den Massen überwunden wurde, stellte sich der Gleichgewichtszustand 
/.wischen den Klassenkräften her. 

Aber dieser Gleichgewichtszustand führte hier nicht, wie so oft vorher 
in der Geschichte, zur Verselbständigung der Staatsmacht gegenüber den 
lüassen, nicht zur Unterwerfung aller Klassen unter einen Absolutismus 
■oder Bonapartismus. Vom Ausland wirtschaftlich abhängig, dem Aus- 
land gegenüber militärisch ohnmächtig, von fremder Intervention und 
Okkupation bedroht, konnten die Klassen hier ihren Kampf nicht bis zur 
gewaltsamen Entscheidung steigern. Sie mußten von Tag zu Tag immer 
neue Kompromisse miteinander schließen. So führte hier das Gleich- 
iiewicht der Klassenkräfte nicht dazu, daß alle Klassen von der ver- 
.sclbständigten Staatsmacht unterworfen wurden, sondern dazu, daß alle 
Klassen hier die Staatsmacht untereinander teilen mußten. 

Diese Teilung der Macht zwischen den Klassen fand ihren Aus- 
druck bis zum Oktober 1920 in der Koalitionsreperung, die die Klassen zu 
;^emeinsamer Herrschaft vereinigte, später, nach den Wahlen vom Oktober 
1920, in der Machtverteilung zwischen der bürgerlichen Regierung und der 
bürgerlichen Parlamentsmehrheit einerseits, der auf starke parla- 
mentarische und vor allem außerparlamentarische Machtpositionen ge- 
stützten, die bürgerliche Regierung wirksam beeinflussenden, kontrol- 
lierenden, einschränkenden Sozialdemokratie anderseits. Sie fand ihren 
Ausdruck in der Kombination der parlamentarischen Demokratie, die die 
Regierungsgewalt der Bourgeoisie überantwortete, und der funktionellen 
Demokratie, die die Regicrungsgewalt bei den wichtigsten Regierungs- 
aklen abhängig machte von dem Einverständnis und der Mitwirkung prole- 
torischer Organisationen. Sie fand ihren Ausdruck in der Organisation des 

— 243 — le* 



Eiundeslicrrcs, die die KommandoRowaU des bürgerlich jresinnlon Offiziers^ 
korps durch die sozialistische Gesinnung und Organisation der Wehr- 
inänner und die Befugnisse ihrer Soldatenräte begrenzte, und in den Macht- 
verhältnissen zwischen den bürgerlichen Selbstschutzverbänden einerseits,. 
der proletarischen Ordnerorganisation anderseits, die einander in Schach, 
hielten. 

Die Republik wurde seit dem Oktober 1920 von einer bürgerlichen Re- 
gierung, von einer bürgerlichen Parlamentsmehrheit regiert. Trotzdem war 
sie kein Klassenstaat der Bourgeoisie, keine Bourgeoisrepublik. Die- 
starken Machtpositionen des Proletariats im Heer, in der Ordnerorgani- 
sation, in den lebensnotwendigen Verkehrsbetrieben setzten der Macht der 
bürgerlichen Rej^ierung enge Schranken. Sie konnte es nicht v/agcn, die 
Arbeiterklasse zum Entscheidungskampie herauszufordern. Sie konnte 
nicht anders regieren als durch tägliche Kompromisse mit der Vertretun;^ 
der Arbeiterklasse im Parlament und mit den proletarischen Organisationen 
außerhalb des Parlaments. In allen großen Krisen diespr Periode, in der 
Zeit des Kapp-Putsches, des Osterputsches Karl Habsburgs, der Burgen- 
landkrise konnte die Arbeiterklasse den Kurs der bürgerlichen Re'^icrung 
mächtic beeinflussen. 

Die Arbeiterklasse v/ar eine starke Macht in der Republik. TroLzdem 
war die Repubhk kein Klassenstaat des Proletariats, keine proletarische 
Republik. Die Arbeiterklasse konnte die kapitalistische Wirtschaftsver- 
lassung, auf der das Staatswesen ruhte, nicht aufheben. Die Arbeiterklasse 
konnte zwar die politische Macht der Bourgeoisie eng einschränken, aber 
nicht die Macht an sich reißen. Die ganze wirtschaftliche Entwicklung 
der Republik, die Aufhebung der Ivriegswirtschaft, die Wiederherstellung 
der kapitalistischen Handelsfreiheit vor allem bedeutete die Wiederher- 
stellung der Wirtschaf tsverfassung der Bourgeoisie. 

Die Republik war also weder eine Bourgeoisrepublik noch eine 
proletarische Republik. Sie vrar weder ein Instrument der. Klassenherr- 
schaft der Bourgeoisie über das Proletariat noch ein Instrument der 
Klassenherrschaft des Proletariats über die Bourgeoisie. Die Republik war 
in dieser PJiase kein Klassenstaat, das heißt kein Instrument der Herr- 
schaft einer Klasse über die andere Klasse, sondern ein Ergebnis des Kom- 
promisses zwischen den Klassen, ein Resultat des Gleichgewichts der 
Klassenkräfte. Wie die Republik im Oktober 1918 aus einem Contrat. 
social, aus einem staatsbildenden Vertrag der drei großen Parteien, die 
die drei großen Klassen der Gesellschaft vertraten, entstanden ist. so lebte 
sie nur in täglichen Kompromissen zwischen den Klassen. 

Die Revolution von 1918 hat die politischen und rechtlichen Klassen- 
privilegien der herrschenden Klassen zertrümmert. Einige der Republiken, 
die aus der Revolution von 1918 hervorgegangen sind, so die ungarische 
und die westukrainische, haben sich damals „Volksrepubliken" genannt. 
Sie wollten damit sagen, daß nunmehr, nach der Zertrümmerung der 
Klassenprivileden, das Volk als Ganzes seine Regierung in seine Hand 
nehme. Aber hier war die Phrase der Volksrepublik nur der Ausdruck 
einer kleinbürgerlichen Illusion. Durch die Aufhebung der politischen und 
rechtlichen Klassenprivilegien werden die Klassengegensätze nicht auf- 

- 214 -• 



gehoben. Die Demokratie überwindet die Klassenkämpfe nicht, sondern sie- 
bringt sie erst zur vollen Entfaltung. Die Rechtsordnung, die Regierung und 
Parlament aus allgemeinen Volkswahlen hervorgehen läßt, hindert nicht,, 
daß die allgemeinen Volkswahlen selbst Regierung und Parlament einer- 
Klasse ausliefern, sie zum Instrument ihrer Herrschaft über die anderen 
Klassen machen. Die parlamentarische Demokratie des allgemeinen Wahl- 
rechts hebt die Klassenherrschaft nicht auf, sie gibt der Klassenherrschaft 
nur die Weihe der Bestätigung durch die Volksgesamtheit. 

Nicht im Sinne dieser kleinbürgerlichen Illusion, sondern in einem 
ganz anderen Sinne können wrr die Republik, wie sie in Österreich vom 
Herbst 1919 bis zum. Kerbst 1922 bestand, eine Volksrepublik nennen. 
Diese Republik war keine Eourgeoisrepublik, in der die Bourgeoisie das 
Proletariat zu beherrschen vermocht hätte, wie sie es in der französischen 
oder in der amerikanischen Bourgeoisrepublik beherrscht. Sie war aber- 
auch keine Proletarierrepublik, in der das Proletariat die Bourgeoisie 
beherrscht hätte, wie es die Bourgeoisie in der russischen oder in der unga- 
rischen Proletarierrepublik zu beherrschen versucht hat. Es war eine 
Republik, in der keine Kla.sse stark genug war, die anderen Klassen zu 
beherrschen, und darum alle Klassen die Staatsmacht untereinander, mit- 
einander teilen mußten. So hatten tatsächlich alle Klassen des Volkes an 
der Staatsmacht ihren Anteil, war tatsächlich die Wirksamkeit des Staates 
die Resultierende der Kräfte aller Klassen des Volkes; deshalb können wir- 
diese Republik eine Volksrepublik nennen. 

Die kleinbürgerliche Rlusion glaubt, die Volksrepublik werde dadurch 
verwirklicht, daß sich das Volk über die Klassengegensätze in seinem. 
Schoß erhebt, die einzelnen Klassen des Volkes dem Kampf gegeneinander 
entsagen. In V/irklichkeit geht die Volksrepublik gerade aus dem Klassen- 
kampf hervor, dann hervor, wenn das Ergebnis des' Klassenkampfes ein 
Zustand ist, in dem „die kämpfenden Klassen einander das Gleichgewicht 
halten". Die kleinbürgerliche Illusion glaubt die Volksrepublik schon durch 
die parlamentarische Demokratie gesichert, da sie ja Parlament und Regierung- 
aus Wahlen des ganzen Volkes hervorgehen läßt. In Wirklichkeit ist die 
Volksrepublik keineswegs durch die Rechtsinstitutionen der parlamen- 
tarischen Demokratie verbürgt, aus denen vielmehr ebensogut die Allein- 
herrschaft einer Klasse hervorgehen kann. Nicht aus der formalen Rechts- 
gleichheit der Demokratie, sondern nur aus realer Machtgleichheit der 
kämpfenden Klassen geht die Volksrepublik hervor. Sie war in Österreich 
1919 bis 1922 nicht das Resultat der parlamentarischen Demokratie,, 
sondern gerade umgekehrt das Resultat der funktionellen Demokratie, 
durch die die parlamentarische Demokratie begrenzt und berichtigt wurde: 
das Resultat der außerparlamentarischen Macht des Proletariats, die die' 
parlamentarische Mehrheit der Bourgeoisie hinderte, ihre Klassen- 
herrschaft aufzurichten. Die kleinbürgerliche Illusion hält die Volks- 
republik für die dauernde Aufhebung der Klassengegensätze; in Wirklich- 
keit ist die Volksrepublik ein zeitweiliges Ergebnis der Klassenkämpfe,, 
nur das Resultat zeitweiligen Gleichgewichtszustandes zwischen den 
Kräften der kämpfenden Klassen. 

In der Tat kann ein solcher Gleichgewichtszustand keine Klasse- 
dauernd befriedigen. Jede Klasse strebt über den Zustand des Gleich- 

— 245 — 



.gewichls der Klassonkriifle hinweg zu einem Zustand, in dem sie herrscherv 
kann, hin 

Die Bourgeoisie liebt es immer und überall, ihre Klasscnhorrschaft als 
.Selbslregierung des ganzen Volkes, ihre Republik, die Bourgeoisrepublik 
als die wahre Volksrepublik hinzustellen. Wo aber wirklich ein Gleich- 
gewichlszustand der Klassenkräfte die Staatsmnchl auf alle Klassen ver- 
teil!, dort lehnt sich gerade die Bourgeoisie mit aller Leidenschaft gegen 
die Volksrepublik auf. Sie hat sich in Österreich 1919 bis 1922 mit der 
Volksrepublik nie abgefunden, w^ar während der ganzen Periode der Volks- 
republik von schlinunster Slaatsverdrossenhoit erfüllt. Sie hat in dieser 
-ganzen Periode dem Staat alle Opfer für die Ordnung seiner zerrütteten 
1-inanzen verweigert, hat den für die Sicherung der bedrohten Ostgrenzc 
unerläßlichen Ausbau des Bundesheeres sabotiert, hat immer wieder die 
Missionen ausländischer Großmächte zur Einmengung in die inneren An- 
gelegenheiten der Republik aufgefordert, hat bald mit Budapest, bald mit 
München gegen die Republik konspiriert, hat bald auf die Restauration 
der Habsburger, bald auf den Abfall ihrer Länder vom Bund ihre Hoffnung 
gesetzt. Und als die -Erfahrungen der Habsburgerputsche und der Anschluß- 
abstimmungen sie zwangen, sich mit der Republik vorerst abzufinden, 
forderte sie immer stürmischer unter dem Schlagwort der „Wiederher- 
stellung der Staatsaulorität", das heißt der Autorität der Bourgeoisregierung, 
die Verw^andlung der Volksrepublik in eine Bourgeoisrepublik. 

Auch das Proletariat war mit dem Gleichgewichtszustand der Klassen- 
kräfte keineswegs zufrieden. Die Bewegung gegen die Koalitionspolitik, 
die 1920 durch die Massen ging, war nichts anderes als der Ausdruck 
der Enttäuschung der Arbeiterklasse darüber, daß sie ihre Vorherrschaft 
nicht hatte behaupten können, der Unzufriedenheit damit, daß an die Stelle 
ihrer Vorherrschaft ein Zustand des Gleichgewichts der Kräfte trat. Aber 
das Verhältnis des Proletariats sur Volksrepublik war doch ein ganz 
anderes als das der Bourgeoisie. Als die Volksrepublik von der Konter- 
revolution bedroht war, erhob sich das Proletariat zum Schutze der Volks- 
republik. 

In der Zeit der Kämpfe um das Burgeriland w^ar das Verhältnis der 
Klassen zur Volksrepublik am anschaulichsten zu erkennen. In den Wochen 
der Gefahr ging eine mächtige Welle republikanischen Patriotismus durch 
die Arbeitermassen. Das Proletariat forderte schnellen Ausbau des Bundes- 
heeres zum Schutze der bedrohten Grenze; die Bourgeoisregierung sabotierte 
ihn. Tausende Proletarier meldeten sich freiwillig zum Heeresdienst; die 
Bourgeoisregierung zögerte, sie aufzunehmen. Mitten in der Burgenland- 
krise veröffentlichte die Sozialdemokratie ihren Finanzplan; die Bourgeois- 
regierung weigerte sich, so hohe Steuern, so große Opfer aller Volksklassen 
zu fordern, wie das Proletariat sie vorschlug. Die Verteilung der Rollen 
zwischen der Regierung und der Opposition w^ar völlig verkehrt worden: 
die staatlichen Notwendigkeiten, die sonst in aller Welt die Regierung gegen 
den Widerstand der Opposition durchsetzen muß, hier mußte sie die Oppo- 
sition gegen den Widerstand der Regierung durchsetzen! 

Die Bourgeoisie konnte es nicht verwinden, daß sie das Proletariat nicht 
tnehr wie bis 1918 beherrschen konnte, daß sie die tatsächliche Macht im 
Staat mit dem Proletariat teilen mußte; daher ihre Staalsvcrdrossenheit. 

— 246 — 



Das Proletariat betrachtete es schon als gewaltigen Fortschritt, daß es nicht, 
'"mehr wie bis 1918 bloßes Objekt der Gesetzgebung und Verwaltung war,, 
sondern sich einen wesentlichen Anteil an der tatsächlichen Macht im 
Staat erobert hatte; daher sein republikanischer Enthusiasmus. War die 
Macht in der Republik zwischen allen Klassen geteilt, so sicherte doch nicht 
der Wille der regierenden Bourgeoisie, sondern nur die Entschlossenheit 
des in Opposition stehenden Proletariats die Existenz der Republik. 

Eine Republik, in der keine Klasse stark genug war, die anderen Klassen 
zu beherrschen, und darum die tatsächliche Macht zwischen allen Klasseii 
des Volkes geteilt sein mußte; diese Republik, geführt von einer ver- 
drossenen Bourgeoisie, die, republikanisch wider Willen, wider ihren, 
Willen unter der mächtigen Kontrolle des Proletariats in republikanischen 
Formen regieren mußte; diese Republik, getragen und gesichert von der 
republikanischen Gesinnung, der republikanischen OpferwiUigkeit, dem. 
republikanischen Enthusiasmus des Proletariats — das war die Volksrepu- 
blik in Österreich. 

Wenn alle Klassen an der Staatsmacht Anteil haben, alles Regieren 
tägliche Kompromisse zvv^ischen widerstreitenden Klasseninteressen vor- 
aussetzt, dann arbeitet der Staatsmechanismus langsam, schwerfällig, mit 
großen Reibungen. Trotzdem war das Ergebnis der zweijährigen Periode 
des Gleichgewichts der Klassenkräfte, die wir bisher dargestellt haben, 
der Periode vom Herbst 1919 bis zum Herbst 1921, vom Abschluß der 
Friedensverhandlungen bis zum Abschluß der Burgenlandkrise, nicht 
gering. Wirtschaftlich war diese Periode charakterisiert durch die Wieder- 
belebung der Industrie und des Handels, die einerseits die Massennot der 
Zeit des Kriegsendes überwand, die Lebenshaltung der Arbeiterklasse be- 
trächtlich verbesserte, anderseits aber die staatliche Organisation der 
Kriegswirtschaft sprengte und die rein kapitalistische Wirtschaftsverfassung 
wiederherstellte. Sozial war diese Periode charakterisiert durch die Lösung' 
der sozialen Erregungszustände der Demobilisierungszeit, durch die Rück- 
führung der arbeitslosen Massen in die Produktion, durch die Wieder- 
herstellung der Arbeitsdisziplin und die allmähliche Steigerung der Arbeits- 
intensität in den Produktionsstätten. Das politische Ergebnis dieser Periode- 
war die Konsolidierung der Republik. Sie hat in der Zeit der zweiten 
Koalitionsregierung ihre Heeresverfassung, in der Zeit der Proporzregierung 
ihre Bundesvr-rfassung empfangen. Sie wu)de in der Zeit der beiden ersten 
bürgerlichen Regierungen dadurch gefestigt, daß die Erfahrungen der beiden 
Habsburgerputsche die Aussichtslosigkeit einer Restauration der Habs- 
lurger, die Erfahrungen der Anschlußbewegung der Länder die Aussichts- 
losigkeit eines Abfalles der Länder erwiesen hatten. In der burgenländi- 
schen Krise hat die Republik ihre endgültigen Grenzen erlangt, die zwei 
Jahre lang drohende Gefahr eines Krieges mit Ungarn überwunden und die- 
Stärke der moralischen Energien, die zur Verteidigung der Republik ent- 
schlossen waren, kennengelernt. So war aus einem losen Bündel aus- 
einander strebender, von revolutionären Erschütterungen durchwühlter 
Länder, die nach dem Abfall der slawischen Nationen vom Reiche übrig- 
geblieben waren, allmählich ein Staat geworden. 

Aber wenn sich die Republik auch wirtschaftlich und politisch ge- 
festigt halte, so wurde ihre Existenz doch durch die Zerrüttung ihrer 

_ 247 — 



Finanzen untergraben. Die Burgenlandkrise hatte der Entwertung der 
Krone neuen Anstoß gegeben. Der immer weiter, immer schneller fort- 
schreitende Vorfall des Geldwertes drohte die Republik in eine Währungs- 
kalastrophe zu stürzen, die ihrem Bestand gefährlicher werden konnte als 
die Banden Pronajs und die Bataillone Osztenburgs. Nach der Lösung der 
großen politischen Probleme mußten alle Kräfte auf die Abwehr der drohen- 
den wirtschaftlichen Gefahr konzentriert werden. Mitten in der Burgenland- 
krise halte die Sozialdemokratie schon die Parole zu diesem neuen Kampfe 
ausgegeben. Am 1. Oktober 1921 hatten wir unseren Finanzplan veröffent- 
licht. Damit wurde der Kampf gegen die drohende Währungskataslrophe 
begonnen. 



24« — 



Fünfter A 1? s c 1t n i t t. 

Die Restauration der Bourgeoisie.. 

§ 17. Die Währungskatastrophe. 

Literatur: 

SchüUer, Wirtschaftliche Bestimmungen des Friedensvertrages von Saint- ■ 
Germain. „Zeitschiift für Volkswirtschaft und Sozialpolitik", N. F., 1. Band. — 
Stolper, Deutschösterreich als Sozial- und Wirtschaftsproblem. München 1921. — 
Grünwald, Grundzüge der Finanzpolitik der Nachfolgestaaten. „Zeitschrift für 
Volkswirtschaft und Sozialpolitik", N. F., 2. Band. — Helene Bauer, Theoretisches 
zur österreichischen Handelsbilanz. „Uer Kampf"., 1923. — Die Tätigkeit des Ver- 
bandes der sozialdemokratischen Abgeordneten im Nationalrat. 16. Heft. Wien 1922.. 
— Mitteilungen des Bundesamtes für Statistik. Wien 1922. 

Die Entwicklung der Klassenkämpfe ist bestimmt durch die Entwicklung 
der wirtschaftlichen Verhältnisse. Die Entwicklung der wirtschaftlichen 
Verhältnisse von der' Begründung der Republik bis zum Genfer Vertrag 
findet ihren Ausdruck in der Entwertung des Geldes. Der Prozeß der Geld- 
entwertung durchläuft in dieser Periode eine Reihe verschiedener Phasen.. 
Es ist nützlich, diese Phasen scharf voneinander zu unterscheiden. 

Die erste Phase des Prozesses der Geldentwertung umfaßt die Periode 
von der Begründung der Republik bis zum Abschluß der Friedensverhand- 
lungen in Saint-Germain. Die Geldentwertung dieser Phase war unmittelbare 
M^'irkung des Krieges, der Niederlage, der Zerreißung des alten großen 
Wirtschaftsgebietes, der die Zerreißung der Währungsgemeinschaft mit den 
Nachfolgestaaten folgte, endlich der drückenden Wirkungen, die die Ver- 
öffentlichung der Friedensbedingungen hervorrief. 

Die Geldentwertung, selbst unmittelbare Folge der großen geschicht- 
lichen Katastrophe, steigerte die Staatsausgaben, ' ohne daß die Staats- 
einnahmen in gleichem Maße erhöht werden konnten. Immerhin verfügte- 
der Staat in dieser Periode noch über außerordentliche Mittel, seine Wirt- 
schaft aufrechtzuerhalten. Vor allem erlangte der Staat in dieser Periode 
einen großen A^uslandskredit: es ist uns damals gelungen, von der Entente 
und den Vereinigten Staaten von Amerika einen Kredit von 48 Millionen 
Dollar zu erlangen, der im Verlauf des Jahres 1919 bis auf 82 Millionen 
Dollar erhöht wurde. Allerdingfi wurde uns dieser Kredit nicht in Geldcsform 
gewährt, sondern in der Gestalt von Nahrungsmitteln, die die alliierten 
Mächte uns schickten; er konnte daher nur die Ernährung unserer Volks- 
massen sicherstellen, die damals, infolge der Drosselung unserer Produktion 
durch die Kohlen- und Rohstoff not, nicht aus den Erträgnissen der eigenen. 
Wirtschaft hätte sichcrgcslelU werden können, er konnte aber nicht ein^r- 

— 249 — 



•{•ianiiüißigcn Sanierung des slaatliclien TI;uislialls dienstbar gemacht 
werden. Immerhin bedeckte dieser Kredit (inen Teil des Defizits im Staats- 
liaushalt. Ein anderer Teil wurde durch eine große außerordentliche Ein- 
nahme bedeckt, durch die sehr bedeutenden Eingänge an Kriegsgewinn- 
steuer im ersten Nachkriegsjahr, die damals mehr als 40 Prozent der 
gesamten, Staatseinnahmen ausmachten, um ein Sechstel mehr als alle 
anderen direkten Steuern zusammen, dreimal so viel als das Gesamt- 
erträjrnis der indirekten Steuern, der Monopole und der Zölle zusammen. 

Die* Finanzpolitik dieser ersten Phase diente vornehmlich sozialen 
Zwecken. Während sich der Staatshaushalt vornehmlich auf Besitzstcuern, 
vor allem, auf die Kriepsgcwinnsteuer, stützte, hielten wir die indirekten 
Steuern sehr niedrig, überdies gaben wir die vom Ausland kreditierton 
Lebensmittel tief unter dem Selbstkostenpreis an die Bevölkerung ab. Durch 
beide Mittel wurden die Lebensmittelpreise trotz der Entwertung der Krone 
niedrig gehalten. Dadur-.h wurde es den Arbeitermassen, die infolge der 
Kohlen- und Rohstoffnot nicht arbeiten konnten, ermöglicht, diese wirt- 
schaftlich schwerste Zeit durchzuhalten. Dadurch wurden die sozialen 
Spannungen dieser Periode, der Periode des Ansturms des ungarischen 
Bolschewismus, gemildert, wurde die Verschärfung der Klassenkämpfe zum 
Bürgerkrieg verhütet. 

Doch war es schon damals offenbar, daß außerordentliche Maßregeln 
erforderlich sein werden, um das Gleichgewicht im Staatshaushalt wieder- 
herzustellen. Unser Plan war, zunächst durch eine einmalige große Ver- 
mögensabgabe das Defizit im Staatshaushalt für längere Zeit zu bedecken, 
um die Banknotenpresse stillegen zu können; die Zeit, in der das Defizit 
durch das Erträgnis der Vermögensabgabe bedeckt sein werde, sollte dann 
benützt werden, um durch Erhöhung der regelmäßigen Steuereinnahmen 
und durch Ersparungsmaßregeln die Ordnung im Staatshaushalt herzu- 
stellen. Schumpeter, der Finanzminister der ersten Koalitionsregierung, 
hielt es aber für unmöglich, so tiefeingreifende Maßregeln in einer Zeit des 
vollständigen Darniederliegens unserer Volkswirtschaft, in einer Zeit der 
schwersten sozialen Krise, ' in einer Zeit vor allem der Friedensverhand- 
lungen durchzuführen; wußten wir doch nicht, wie der Friedensvertrag über 
unsere staatliche Stellung, über unsere Grenzen, über unser Geldwesen, 
über unsere Auslandsvermögen und Auslandsschulden entscheiden werde. 
Man begnügte sich daher damit, die Vermögensabgabe durch Sperrung und 
Inventarisierung der Bankdepots vorzubereiten, schob aber ihre Durch- 
führung auf die Zeit nach dem Friedensschluß auf; wir stimmten diesem 
Entschluß um so mehr zu, da wir die lange Dauer der Friedensverhand- 
Jungen nicht voraussahen. 

Mit dem Abschluß der Friedensverhandlungen von Saint-Germain beginnt 
die zweite Phase des Geldentwertungsprozesses. Sie dauert bis zum 
Sommer 192L Die Geldentwertung dieser zweiten Phase war nicht mehr 
unmittelbare Wirkung der Zerreißung des alten Wirtschaftsgebiets und des 
Friedensdiktats von Saint-Germain: die Wirkung dieser Ereignisse war schon 
in dem Kurs von 3 Centimes, auf den die Krone Ende 1919 hinabgeglitten 
war, ausgewirkt. Das Fortschreiten der Geldentwertung in der zweiten 
Phase war vielmiehr die Folge der Zerrüttung des Staatshaushalts, die zu 
immer schnellerer Vermehrung des Papiergeldes zwang. 

— 250 — 



Die außerordentlichen liinnaliinen aus der Kriei;sgewinnsteuer, die den« 
Staatshaushalt im Jahre 1919 gestützt hatten, versiegten im Jahre 1920; nur 
kleine Restbeträge flössen noch ein. Auch an Auslandskrediten stand 1920 
schon weit weniger zur Verfügung als 1919. Wir bekamen im Jahre 1920 
noch von den Vereinigten Staaten Mehl im Werto von 20 Millionen Dollar, 
von der Schweiz und Holland Nanrungsmittel im Werte von 10 Millionen 
Dollar auf Kredit, von Argentinien 5 Millionen Pesos, von England nicht 
mehr Kredite für den Staat, sondern Rohstoffkredite für unsere Textil- 
industrie und Saatkarioffeln für unsere Landwirtschaft. Die Auslandskredite 
deckten nur noch einen kleinen Teil des Defizits. Nun mußte man daran- 
gehen, den Haushalt der Republik in Ordnung zu bringen. 

Die ganze erste Hälfte des Jahres 1920 füllte der Kampf um die Gestal- 
tung der Vermögensabgabe. Es war eine der Streitfragen, an denen die 
zweite Koalitionsregierung scheiterte. Erst in der Zeit der Propoizregierung; 
fiel die Entscheidung. Die bürgerliche Mehrheit entschied gegen die Sozial- 
demokratie die strittigen Fragen. Sie gab der Vermögensabgabe eine Gestalt, . 
die ihren Zweck, das Defizit im Staatshaushalt für längere Zeit zu be- 
decken und dadurch die Stillegung der Banknotenpresse zu ermöglichen,, 
vereitelte. Trotzdem war die Finanzpolitik der zweiten Koalitionsregierung 
und der Proporzregierung, die von Dr. Reisch als Finanzminister geleitet 
wurde, keineswegs wirkungslos. Ihre Wirkungen zeigten sich allerdings, 
nicht mehr im Jahre 1920, sondern erst in der ersten Hälfte des Jahres 1921; 
in diese Zeit fallen die großen Eingänge an Vermögensabgabe, und in der- 
selben Zeit wurden auch die zugleich mit dem Vermögensabgabegesetz er- 
lassenen Steuergesetze wirksam. Im Jahre 1921 bildeten die Eingänge an 
Vermögensabgabe, zum Kurse im Zeitpunkt der Eingänge in Goldkronen 
umgerechnet, ein Drittel der gesamten Staatseinnahmen, sie betrugen um 
zwei Drittel mehr als die Erträgnisse der gesamten direkten Steuern und. 
um ein Viertel mehr als die Erträgnisse der indirekten Steuern, der Mono- 
pole und der Zölle zusammen. Dank dieser großen außerordentlichen Ein- 
nahme war der Goldwert der Staatseinnahmen im Jahre 1921 trotz der fort- 
schreitenden Geldentwertung um beinahe ein Fünftel höher als im» 
Jahre 1920. 

Nach den Oktoberwahlen 1920 wurden freilich die Bemühungen, das 
Defizit durch Erhöhung der Staatseinnahmen zu verkleinern, nicht mehr 
fortgesetzt. Die Regierung Mayr, deren Finanzpolitik von dem Minister- 
Dr. Grimm geleitet wurde, konzentrierte ihre Bemühungen darauf, neue 
Auslandskredite zu erlangen. In der Tat wiesen die alliierten Großmächte 
im März 1921 dem Völkerbund die Aufgabe zu, die Bedingungen eines 
Österreich zu gewährenden internationalen Kredits zu überprüfen. Das 
Finanzkomitee des Völkerbundes entsandte im April 1921 eine Delegation 
nach Wien, die hier mit der österreichischen Regierung über die Bedin- 
gungen eines internationalen Sanierungskredits für Österreich verhandelte. 
So war die erste Hälfte des Jahres 1921 die günstigste Periode in der Finanz- 
geschichte der Republik. Einerseits war infolge der großen Eingänge an 
Vermögensabgabe das Defizit in dieser Zeit verhältnismäßig klein, ander- 
seits weckten die Verhandlungen mit dem Völkerbund die Hoffnung darauf, 
daß Österreich binnen kurzem einen großen Kredit erlangen v/erde. Die- 

— 251 — 



Geldcntwerluns wunle zeitweilig unterbrochen, einige Wcxlicn lang sliog 
sogar der Kurs der Krone. 

Im Jahre 1920 hatte die industrielle Prosperität eingesetzt, die sich 1921 zur 
Hochkonjunktur steigerte. Der große Export führte der Volkswirtschaft große 
Mengen ausländischer Zahlungsmittel zu, mit denen sie größere Mengen 
ausländischer Lebensmittel und Rohstoffe kaufen und einführen konnte. 
Überdies flössen der Volkswirtschaft auch auf andere Weise große Mengen 
ausländischer Zahlungsmittel zu: in der Zeit der Kredithoffnungen kaufte 
die ausländische Spekulation Kronennoten; in der Zeit der liochkonjunktur 
kaufte die ausländische Spekulation Aktien österreichischer Unter- 
nehmungen. Dank diesem Kapitalszufluß konnte der inländische Konsum 
über die durch die inländische Produktion gegebene Grenze hinaus wachsen. 
Die Güternot wurde überwunden. Die Kronenlöhne stiegen schneller, als 
die Kaufkraft der Krone sank. Der Reallohn stieg. 

Der Sommer 1921 brachte die Wendung. Mit ihr beginnt die dritte 
Phase der Geldentwertung, die bis zu den Genfer Kreditvcrhandlungen im 
September 1922 dauerte. In dieser Phase geriet die Geldentwertung in 
wesentlich beschleunigteren Gang, ihre volkswirtschaftlichen und sozialen 
Wirkungen änderten sich, sie drohte, der völligen Vernichtung des Wertes 
des Papiergeldes und damit dem völligen Zusammenbruch der Volkswirt- 
schaft und des Staates zuzutreiben. In dieser Phase wurde die Abwehr der 
Geldentwertung zum ausschlieDlichen Gegenstand des Klassenkampfes. Und 
dieser Kampf endete schließlich mit der Aufhebung jenes Gleichgewichts- 
verhältnisses zwischen den Klassenkräiten, das seit der Konterrevolution in 
■ Ungarn und dem Friedensschluß in Saint-Germain in Österreich herrschto. 

In der zweiten Jahreshälfte 1921 waren die Vorauszahlungen auf die 
Vermögensabgabe bereits eingeströmt und verbraucht. Da dem Staat nicht 
mehr große außerordentliche Einnahmen zuflössen, wuchs sein Defizit. Zu- 
gleich wurden die Hoffnungen auf einen großen Kredit, die die Aktion des 
Völkerbundes im Frühjahr geweckt hatte, enttäuscht; es wurde offenbar, 
daß die Völkerbundsaktion an internationalen Schwierigkeiten gescheitert 
wai-. Beide Ursachen wirkten zusammen; die Geldentwertung geriet in ein 
: schnelleres Tempo. Sie wurde noch beschleunigt durch den Niedergang der 
deutschen Mark, der das deutsche Kapital zu schneller Abstoßung seiner 
Kronenguthaben veranlaßte. Ihre Wirkungen wurden verschärft dadurch, 
daß die tschechische Krone vom August 1921 an auf allen Geldmärkten 
schnell zu steigen begann, wodurch Österreich der Bezug der Kohle und 
wichtiger Lebensmittel überaus schnell verteuert wurde. 

Seit dem Anfang des Krieges war die Teuerung ziemlich gleichmäßig 
fortgeschritten: die Preise hatten sich von Jahr zu Jahr verdoppelt. Setzt 
man die Kosten der Lebenshaltung im Juli 1914 = 1, so betrugen sie nach ^ 
• den Angaben der Statistischen Zentralkommission im Juli: 

1915 l-fi 

1916 . . . • 3-4 

1917 6-8 

1918 11-7 

1919 25-1 

* 1920 51-5 

1921 100 

— 252 — 



Das Tempo wurde, wie man sieht, selbst durch den Umsiurz nicht 
'Wesentlich beschleunigt: es war in iedem Jahre eine Verdoppelung der 
Preise. Erst in der zweiten Hälfte 1921 geriet die Teuerung in wesentlich 
schnelleres Tempo. Nun betrug, auf den Juli 1914 bezogen, der Index: 

JuU 1921 100 

Oktober ICSI 190 

Jänner 1922 (SG-i- 

JuU 1922 2fi4-5 

Vom Juli bis Oktober 1921 stiegen die Preise auf das Doppelle; in einem 
Vierteljahr auf das Doppelte, vordem in einem ganzen Jahr! Vom Oktober 
his zum Jänner stiegen die Preise auf das Dreifache; zu solcher Steigerung 
hatten sie in der Kriegs- und in der Revolutionszeit anderthalb Jahre ge- 
iDraucht, jetzt nur ein Vierteljahr! Vom Jänner bis zürn Juli 1922 stiegen 
die Preise auf das Vierfache; solche Steigerung hatte in der Kriegs- und in 
der Revolutionszeit zwei Jahre erfordert! 

Der KapJtalszufluß aus dem Ausland hörte auf: die ausländische Speku- 
lation kaufte keine Kronennoten mehr, seitdem die Kreditaktion gescheitert 
war, daher keine Hoffnung mehr bestand, daß der Kuns der Krone steigen 
werde; die ausländische Spekulation kaufte auch keine österreichischen 
Aktien mehr, seitdem sie die Erfahrung gemacht hatte, daß die Kurse der 
Aktien, in Kronen bemessen, langsamer stiegen, als der Wert der Krone 
sank, der Goldwert der Aktien daher stetig zurückging. Der Zufluß der aus- 
ländischen Zahlungsmittel wurde daher geringer. Der Bedarf an aus- 
ländischen Zahlungsmitteln aber wuchs. Die Importeure wagten es nicht 
mehr, ausländischen Warenkredit auszunützen, weil die Geldentwertung 
•das Risiko solcher Kredite allzusehr vergrößerte. Alle, die Valutaschuldon 
oder gemäß dem Friedensvertrag valorisierte Kronenschulden an das Aus- 
land hatten, beeilten sich, sie durch Thesaurierung von Devisen zu 
decken. Da der Kronenkurs schnell sank, beeilten sich die Kapitalisten, 
alle ihre Kronenvorräte in Valuten und Devisen zu verwandeln. Die 
„Flucht vor der Krone" vergrößerte den Bedarf an ausländischen Zahlungs- 
mitteln. Ein schnell wachsender Teil der aus sichtbaren und unsicht- 
baren Waren- und Effektenexporten einströmenden Devisen geriet in die 
Hände der Devisen hamsternden Kapitalisten und wurde von ihnen un- 
produktiv auf geschätzt. Konnte sich in der zweiten Phase der Geldentwer- 
tung der Konsum dank dem Einströmen ausländischen Kapitals über die 
durch die Produktion gezogenen Grenzen hinaus expandieren, so mußte er 
jetzt, da das österreichische Kapital durch massenhafte Aufschatzung aus- 
ländischer Werte den ausländischen Volkswirtschaften Kredit gewährte, 
unter die durch die Produktion gegebene Grenze zusammenschrumpfen. 
Es mußte sich daher die Lebenshaltung der Massen verschlechtern. 

Den Arbeitermassen wurde der Druck auf ihre Lebenshaltung sehr bald 
fühlbar. Wohl war die Industrie gut beschäftigt; die Arbeitslosigkeit er- 
reichte im Herbst 1921 ihren tiefsten Stand. Aber das Betriebskapital der 
Industrie war durch die Geldentwertung zerstört. Die schnelle Entwertung 
des Geldes erforderte schnelle Vergrößerung des Betriebskapitals der 
Industrie. Die Industrie konnte sich das notwendige Betriebskapital Immer 
schwerer beschaffen. Sie war daher auch nicht mehr imstande, die 
Arbeitslöhne ebenso schnell zu erhöhen, wie die Kaufkraft des Geldes 



sank. Der Roalluhn Ix^gann 7.u sinken. Die Arbcitorschart, zwei Jahre lang 
an eine langsame, aber stetige Verbesserung ihrer Lebenshaltung gewöhnt, 
fühlte sich mit einemmal zu schon überwundener niedrigerer Lebens- 
haltung zurückgeworfen. Die Erbitterung der Arbeitermassen fand ihren 
Ausdruck in einer spontanen Demonstration der Wiener Arbeiter am 
1. Dezember 1921, die mit Plünderung und Demolierung von Geschäfts- 
laden und Luxushotels in der Inneren Stadt endete. 

Die Inflation war zwei Jahre lang ein Mittel gewesen, die Indus! ric zu 
beleben und die Lebenshaltung der Arbeitermassen zu heben. Jetzt hatten 
sich ihre wirtschaftlichen und sozialen AVirkungen geändert. Jetzt stürzte 
sie die Industrie in eine schwere Kapitalskrise und drückte sie die Lebens- 
haltung der Arbeitermassen. Die Regierung verharrte trotzdem in der 
Passivität, in der sie seit den Oktoberwahlen 1920 steckte. Die Sozial- 
demokratie mußte die Initiative ergreifen, um einen ernsthaften Versuche 
das Defizit im Staatshaushalt einzudämmen und dadurch die Quelle der 
wertzerstörenden Vermehrung des Papiergeldes zu verstopfen, zu erzv/ingen. 
Am 1. Oktober 1921 veröffentlichten die sozialdemokratische Partei, die 
Gewerkschaften und die proletarischen Genossenschaften gemeinsam ihr 
Finanzprogramm. 

Wie schon in der Zeit des Kampfes um die Vermögensabgabe gingen 
wir auch in unserem Finanzplan von der Ansicht aus, daß wir vorersl 
dem Staat durch eine einmalige außerordentliche Maßregel die Mittel 
beschaffen müßten, sein Defizit längere Zeit ohne Vermehrung des Papier- 
geldes zu decken. Diesem Zwecke v^ollten wir die von den Kapitalisten 
thesauriertcn Valuten und Devisen dienstbar machen. Deshalb forderte der 
Finanzplan eine Zwangsanleihe in Valuten, Devisen und ausländischen 
Effekten. Hätte sich der Staat so zunächst die Mittel beschafft, die 
Banknotenpresse für längere Zeit stillzulegen, so solle diese Zeit benützt 
werden, die ordentlichen Einnahmen des Staates zu erhöhen und seine 
Ausgaben einzuschränken. Zum Zwecke der Erhöhung der ordentlichen 
Staatseinnahmen schlug der Finanzplan den Ausbau der Besitzsteuern und 
die Konstituierung von Zwangsverbänden der Industrie als Steuergesell- 
schaften vor. Die Einschränkung der Staatsausgaben wollte er durch all- 
mählichen Abbau der staatlichen Lebensmittelzuschüsse erreichen. Der 
Staat gab ja immer noch Brot, Mehl und Fett tief unter den Selbstkosten- 
preisen an die Bevölkerung ab. Diese Verbilligung der Lebensmittel war 
im ersten Jahre der Republik notwendig gewesen, wenn schwere soziale 
Erschütterungen verhütet werden sollten. Sie war damals auch keine Quelle 
der Inflation gewiesen, da ja der Staat selbst damals die Lebensmittel nicht 
bezahlen mußte, sondern auf Kredit von der amerikanischen Relief- 
oTgAnisation zugewiesen bekam. Ganz anders war es, seitdem die auslän- 
dischen Lebensmittelkredite versiegt waren; seitdem der Staat daher die 
Lebensmittel bar bez-ahlen mußte, aber nur einen geringen Teil des Preises 
von den Verbrauchern ersetzt erhielt. Nun war die Abgabe der Lebensmittel 
unter dem Selbstkostenpreis zu einer Quelle der Inflation gev>^orden; all- 
mählich, da die Abgabepreise viel langsamer erhöht wurden, als der Kronen- 
Icurs sank, zur Hauptquelle der Inflation. Im Herbst 1921 bildeten die staat- 
lichen Zuschü'^se zu den Lebensmitteln schon den größten Ausgabenposten 
"m Staatshaushalt; jede Eindämmung der Papiergeldvermehrung war 

— 254 — 



iinmüglich, solange dex Staat mit diesem Aufwand belastet blieb. Dcslialb 
erklärten wir uns in ui^serem Finanzplan bereit, an dem Abbau der staat- 
iichen Lebensmittelzuschüs,se mitzuwirken. Doch knüpften wir dies an 
bestimmte Bedingungen: der Abbau solle nicht auf einmal, sondern schritt- 
weise erfolgen; der Reallohn der Arbeiter, Angestellten und Beamten dürfe 
nicht gekürzt werden, das Gesetz müsse ihnen daher von den Unter- 
nehmern zu bezahlende Lohnzuschüsse nicht nur für sie selbst, sondern 
auch für ihre Frauen und Kinder in der Höhe der aufzuhebenden staat- 
lichen Zuschüsse zu den Lebensmitteln sichern. 

Der starke Eindruck, den unser Finanzplan hervorrief, riß die bürger- 
lichen Parteien aus ihrer finanzpolitischen Passivität. Der Finanzminister 
Grimm trat zurück; am 7. Oktober v/urdc Professor Gürtler, der Führer des 
bäuerlich-demokratischen, zur Kooperation mit der Sozialdemokratie ge- 
neigten Flügels der christlichsozialen Partei, zum Finanzminister, gewählt. 
Er übernahm einen beträchtlichen Teil unseres Finanzplanes. Er führte im 
November und Dezember eine Reihe neuer Besitzsteuern ein. Er leitete im 
Dezember den Abbau der Lebensmittelzuschüsse ein, wobei er die in 
unserem Finanzplan geforderten Bürgschaften für den Reallohn der Arbeiter 
in das Gesetz vollständig aufnahm. Zu der von uns als erste und wichtigste 
Maßregel geforderten Zwangsanleihe in Valuten und Devisen konnte er sich 
freilich nicht entschließen. Er hoffte, denselben Zweck durch das Valuten- 
anmeldungsgesetz vom 21. Dezember 1921 ohne zwangsweise Anforderung 
der Valuten und Devisen erreichen zu können; die Erfahrung hat gelehrt, 
daß diese Halbheit wirkungslos geblieben ist. 

Hand in Hand mit der neuen Finanzpolitik Gürtlers ging die neue 
Außenpolitik Schobers; beide waren von sozialdemokratischen Auffassungen 
gleich stark beeinflußt. Im Kampf um das Burgenland war Schober in 
Gegensatz gegen Ungarn geraten und hatte sich dadurch der Tschecho- 
slowakei genähert. Im Dezember besuchten der Bundespräsident Doktor 
Hainisch und der Bundeskanzler Schober den Präsidenten der tschechischen 
Republik in Lana. Während dieses Besuches wurde zwischen Schober und 
Benes am 16. Dezember 1921 ein Staatsvertrag vereinbart, in dem sich die 
beiden Republiken verpflichteten, den Friedensvertrag loyal durchzuführen, 
einander gegen alle konterrevolutionären Bestrebungen zu unterstützen und 
alle Streitigkeiten zwischen ihnen der Entscheidung eines Schiedsgerichtes 
zu unterwerfen. Die Tschechoslowakei gewährte Österreich einen Kredit 
von 500 Millionen tschechischen Kronen und versprach, Österreichs Be- 
mühungen um Kredite auch in London und Paris zu unterstützen. 

In der Tat hatten die iVnstrengungen der neuen Finanzpolitik, besonders 
der Abbau der Lebensmittelzuschüsse, in London und Paris starken Ein- 
druck gemacht und die Annäherung an die Tschechoslowakei hatte die 
außenpolitische Stellung der Republik verbessert. So gelang es nun wirk- 
lich, wieder Kredite zu erlangen. England gewährte uns im Februar 1922 
einen Kredit von 2 Millionen Pfund Sterling, Frankreich stellte einen Kredit 
von 55 Millionen Franken, Italien von 70 Millionen Lire in Aussicht. So- 
bald der englische Kredit einlief, sank die Krone nicht weiter. Hätte die 
Regierung diese Zeit der Stabilisierung des Kronenkurses ausgenützt, um 
die im November und Dezember begonnene Finanzpolitik tatkräftig fort- 
zuführen, so hätte Wesentliches und Dauerndes für die Sanierung der 

— 255 — 



Staatsfinanzen geleislol werden können. Aber dem stellten sich politische- 
IJindernisso entgegen. 

Die Großdeutschen lehnten den Vertrag von Lana leidenschaftlich ab. 
Sie beriefen ihren Vertreter Dr. Waber aus der Regierung ab und traten in 
Opposition gegen die Regierung. Die llegierung hatte ira Nalionalrat keine 
aktionsfähige Mehrheit mehr. Die Sozialdemokratie konnte nicht wünschen, 
daß die llogierung wegen der Verständigung mit der Tschechoslowakei 
stürze und daß die eben erst begonnene, der Richtung unseres Finanz- 
planes folgende Finanzpolitik durch politische Krisen unterbrochen werde. 
Deshalb beschlossen die sozialdemokratischen Abgeordneten am 
16. März 1922 eine Resolution, in der sie sich bereit erklärten, die Re- 
gierung zu unterstützen, falls der Inhalt der weiter zu treffenden finanz- 
politischen Maßregeln von der Regierung mit den sozialdemokratischen Ab- 
geordneten vereinbart würde. Aber obwohl die Regierung über die groß- 
deutschen Stimmen nicht mehr verfügte, nahm sie dieses Anerbieten der 
Sozialdemokratie nicht an; sie machte keinen Versuch, sich mit uns über 
die weitere Richtung der Finanzpolitik zu verständigen. 

Dieses Verhalten der Regierung war die Wirkung der heftigen Oppo^ 
sition, die die Finanzpolitik Gürtlers im kapitalistischen Lager geweckt 
hatte.' Schon im November hatte die Börse gegen Gürtlers hohe Börsen- 
besuchsabgabe durch einen Streik demonstriert. Im Dezember hatten die 
Bankumsatzsteuer und das Valutenanmeldungsgesetz das Finanzkapital 
erbittert. Die kapitalistische Presse schrie, der Finanzminister stehe unter 
dem Diktat der Sozialdemokratie. Dieser Schrei fand Widerhall in dem 
von Seipel kommandierten Wiener klerikalen Lager, das es unerträglich 
fand, daß die Sozialdemokratie die^ Politik der bürgerlichen Regierung 
wirksam beeinflußte. Gürtler stieß auf erstarkende Opposition in seiner 
eigenen Partei. Er fürchtete jede Verständigung mit der Sozialdemokratie, 
seitdem er täglich beschuldigt wurde, daß er unter unserem Diktat stehe.. 
Aber auch die sachlichen Schwierigkeiten einer Verständigung waren sehr 
groß. Nach dem Abbau der Lebensmittelzuschüsse war das Defizit der 
Staatsbetriebe die schwerste Belastung des Staatshaushaltes. Wir ver- 
langten darum als nächste finanzpolitische Maßregel die administrative und 
finanzielle Verselbständigung der Staatsbetriebe unter selbständiger, nach 
dem Vorbild der gemeinwirtschaftlic'hen Anstalten zu organisierender Ver- 
waltung. Die Bourgeoisie sah in dieser Forderung einen Vorstoß für die 
..Sozialisierung". Seipel lehnte unseren Organisationsplan öffentlich ab, ehe- 
noch Verhandlungen mit Gürtler über ihn möglich gewesen wären. 

Da die Regierung die Unterstützung der Großdeutschen verloren, sich 
mn die ihr angebotene Unterstützung der Sozialdemokraten nicht beworben 
i-iatte, verfügte sie über keine aktionsfähige Mehrheit mehr. Die Finanz- 
politik stockte vollständig. Indessen wurde der englische Kredit schnell 
verbraucht. Gürtler hatte, um die Kapitalskrise der Industrie zu mildern,, 
die Österreichisch-Ungarische Bank zur Wiederaufnahme des Diskonto- 
geschäftes in größerem Umfang bewogen. Die Eskomptierung von Finanz- 
wechseln in großen Beträgen führte dem "Finanzkapital große Mittel zu, die 
seine Nachfrage nach Devisen vergrößerten. Der Finanzminister mußte aus 
den englischen Kreditvaluten Zahlungsmittel abgeben, damit diese Nachfrage- 
die Valutenkurse nicht emportreibe. So benützten die Banken die Noten, die- 

— 256 — 



der Staat selbst durch die Notenbank ihnen zur Verfügung sleilLe, um dem 
Staat die engUschen Kreditvaluten binnen wenigen Wochen aus den Händen 
zu reißen. Sobald man aber gewahr wurde, daß die englischen Kredit- 
valuten zu versiegen begannen, stiegen die Valutenkurse wieder von neuem. 

Der englische Kredit ist auf diese Weise binnen wenigen Wochen ohne 
jeden Nutzen verbraucht worden. Die Folge war, daß die von Frankreich, 
Itahen und der Tschechoslowakei in Aussicht gestellten Kredite nicht ein- 
liefen; nach der Erfahrung mit dem englischen Kredit durften ja diese 
Staaten annehmen, daß der österreichischen Finanzpolitik offenbar mit 
keinen Krediten zu helfen sei. Hätte die Regierung Schober-Gürtler im 
AugenbUck des Eintreffens des englischen Kredits die energische Politik, 
die im Herbst 1921 unter dem Eindruck unseres Finanzplans begonnen 
worden war, ebenso energisch fortgesetzt, so wäre es möglich gewesen, 
auch den französischen, italienischen und tschechischen Kredit schnell zu 
erlangen, mit ihrer Hilfe die Notenpresse stillzulegen und dadurch den 
entscheidenden Schritt zur Sanierung der Staatsfinanzen zu tun; im Herbst 
1922 ist dies ja tatsächlich mit Hilfe derselben Kredite, die damals erst 
flüssig gemacht wurden, geschehen. Im Frühjahr ist dies durch die finanz- 
pohtische Passivität, in die die Regierung gerade in dem Augenblick des 
Eintreffens des englischen Kredits verfiel, und durch die gerade in diesem 
Augenblick begangenen schweren Fehler der Diskontopolitit verhindert 
worden. So wurde nicht nur der Erfolg der im November und Dezember 1921 
getroffenen Maßregeln vereitelt, nicht nur der günstigste Augenblick für die 
Sanierung der Staatsfinanzen verpaßt, sondern auch im Ausland der 
Eindruck erweckt, daß es nutzlos sei, Österreich Kredite zu gewähren, ohne 
die österreichische Finanzwirtschaft unter strenge Kontrolle zu stellen. Die 
verhängnisvollen Fehler, die im Februar und März 1922 begangen wurden, 
sind für die drückenden Bestimmungen des Genfer Vertrages vom Oktober 
1922 in hohem Maße verantwortlich. 

Die Verantwortung für diese verhängnisvollen Fehler teilen beide 
bürgerlichen Parteien. Vor allem die Großdeutschen. Sie haben des Vertrages 
von Lana wegen der Regierung ihre Unterstützung gerade in dem Augen- 
blick entzogen, in dem sie zur Durchführung der mit dem Einlangen des 
englischen Kredits möglich und notwendig gewordenen finanzpolitischen 
Maßregeln einer starken Mehrheit bedurfte; dieselben Großdeutschen, die 
damals den Notwendigkeiten der finanziellen Sanierung ihre Bedenken 
gegen den Vertrag von Lana nicht unterordnen wollten, haben wenige 
Monate später der Sanierung wegen die ungleich drückenderen Be- 
stimmungen des Vertrages von Genf angenommen! Noch schwerer aber 
wiegt die Schuld der von Seipel geführten Gruppe der Christlichsozialen. 
Die notwendigen finanzpolitischen Maßregeln hätten ja auch ohne Unter- 
stützung der Großdeutschen durchgeführt werden können, da die Sozial- 
demokraten durch die Resolution vom 16. März ihre Unterstützung ange- 
boten hatten. Dieses Anbot ist überhaupt nicht beantwortet worden, weil 
Seipel, ganz im Banne der Börsenpresse, jede Kontrolle der Finanzpolitik 
durch die Sozialdemokratie ablehnte. So mußte der entscheidende Augenblick 
ungenutzt vorübergehen 1 Die Sozialdemokratie hat alles, was in ihrer 
Macht war, getan, um diesen folgenschweren Fehler zu verhüten, indem 

- 257 — 17 



SIC sali durch die Resolution vom 16. März zur Mitarbeit erbot; die Haltung 
beider bürgerlichen Parteien liat unser Anbot wirkungslos gemacht! 

Wir waren infolge dieser Ereignisse in schärfste Opposition gegen die 
liegierung geraten, die zu einer aktiven l'^inanzpolitik nicht mehr fähig war. 
Als Gürtler am 21. April ohne Verständigung mit uns den Zollaufschlag 
trhohte, beantragten wir im Finanzausschuß, ihm die Mißbilligung auszu- 
sprechen. Da die Großdeutschen aus politischen Gründen mit uns stimmten, 
wurde unser Antrag am 10. Mai angenommen. Gürtler demissionierte. 
Seipel, der im März die Kooperation mit der Sozialdemokratie verhindert 
halte, suchte nun, eine feste Koalition der bürgerlichen Parteien gegen die 
Sozialdemokratie zustande zu bringen. Die Regierung Schober demissionierte 
am 2i-. Mai; am 31. Mai wurde die Regierung Seipel gewählt. Sie war von 
den beiden früheren bürgerlichen Regierungen wesensverschieden. Die 
Regierung Mayr war eine christlichsoziale Regierung gewesen, die sich 
die Unterstützung der Großdeulschen immer erst von Fall zu Fall sichern 
mußte. Die Regierung Schober war eine Beamtenregierung, die Christlich- 
soziale und GroßdeuLsche nur durch je einen Minister aus ihren Reihen 
unter ihrer Kontrolle hielten. Die Regierung Seipel wurde auf Grund eines 
förmlichen Koalitionspakts aller bürgerlichen Parteien gewählt, aus 
christlichsozialen 'und großdeutschen Abgeordneten zusammengesetzt und 
der Zweck ihrer Bildung war vom Anfang an, den Einfluß der Sozialdemo- 
kratie, der sich in der Zeit der Burgenlandkrise und in den Anfängen der 
Finanzgesetzgebung Gürtlers so stark erwiesen hatte, durch festeren 
Zusammenschluß der bürgerlichen Parteien einzudämmen. Trotzdem 
konnten wir auch diese neue Regierung noch einmal unter unserem Druck 
zum Handeln zwingen. 

Die Regierung Seipel hatte ihr Amt in einer Zeit angetreten, in der die 
Geldentwertung schneller denn jemals vorher fortschritt. In den ersten 
zwölf Tagen des Juni stieg der Kurs des Schweizer Franken in Wien von 
2151 auf 4110 K. In der zweiten Juniwoche zeigten sich Schwierigkeiten, 
die zur Bezahlung der dringendsten Kohlenimporte notwendigen Devisen 
überhaupt noch zu beschaffen. Die Gefahr wurde sichtbar, daß die Kohlen- 
zufuhr infolge Devisenmangels zu stocken beginnt, obwohl die Großbanken 
über riesige Beträge thesaurierter Devisen verfügten. Am 13. Juni begab 
sich der Vorstand der sozialdemokratischen Abgeordneten zum Bundes- 
kanzler und erklärte ihm, die Sozialdemokratie könne keine Verantwortung 
mehr für die Haltung der durch die Teuerung zur Verzweiflung getriebenen 
Arbeitermassen übernehmen, wenn die Regierung nicht binnen vierund- 
zwanzig Stunden die Banken verhält, ihre aufgeschatzten Devisen, gleich- 
gültig in welcher Form, dem Staat zur Verfügung zu stellen. Die Drohung 
wirkte. Koch an demselben Tage bewogen Seipel und sein Finanzminister 
Segur die Banken, einen Teil ihrer Devisenvorräte für die Gründung einer 
Notenbank zur Verfügung zu stellen. Auf diesen Entschluß baute sich der 
in den folgenden Tagen entworfene Finanzplan Segurs auf. Aber wenn 
auch dieser Finanzplan ursprünglich aus sozialdemokratischer Initiative 
hervorgegangen war, so gaben ihm die bürgerliche Regierung und ihre 
Mehrheit" doch solche Gestalt, daß die Sozialdemokratie ihn bekäm^pfen 
mußte. In der Tat brach der im Juli von der bürgerlichen Parlaments- 
mehrheit beschlossene Finanzplan in wenigen Wochen völlig ^usamm^n. 

— 258 — 



Die Gründung der Notenbank scheiterte an der Weigerung der fran- 
zösischen und englischen Leitung der Länder- und Anglobank, sicli an der 
Aufbringung des Aktienlcapitals zu beteiligen. Die Zwangsanleihe, die das 
Defizit im Staatshaushalt decken sollte, wurde durch die fortschreitende 
Entwertung der Krone entwertet, da die bürgerliche Mehrheit unsere Forde- 
rung, die Anleiheschuldigkeiten zu valorisieren, abgelehnt hatte. Die 
Steuergesetze konnten überhaupt nicht in Wirksamkeit treten, weil die 
bürgerliche Mehrheit sie durch ein „Junktim" mit der Gründung der 
Notenbank verknüpft hatte. Der Zusammenbruch des Finanzplans Segurs 
erschütterte alles Vertrauen. Im Sommer 1922 geriet die Geldentwertung 
in rasenden Lauf. Der Schweizer Frank notierte in Wien am 

1. Juni 2.15t 

3. Juli 3.948 

14. Juli Ö./48 

31. Juh 8.013 

11. August 10.243 

25. August ■ J5.993 

Die Teuerung stieg furchtbar. Nach den Feststellungen der Paritätischen 
Kommission stiegen die Kosten der Lebenshaltung vom 

15. Mai bis 14. Juni um 71 Prozent 

15. Juni bis 14. Juli „ 41 

15. Juli bis 14. August , . „ 124 „ 

15. August bis 14. September . . . . „ 91 „ 

Die Preise verdoppelten sich jetzt von 'Monat zu Monat, während sie 
sich in der Kriegs- und Revolutionszeit von Jahr zu Jahr verdoppelt 
hatten ! 

Im August war die Devisenzentrale nicht mehr imstande, die zur Be- 
zahlung der notwendigen Lebensmittel-, Kohlen- und Rohstoffimporte er- 
forderlichen ausländischen Zahlungsmittel aufzubringen. Die Einfuhr geriet 
ins Stocken. Der vollständige Zusammenbruch der Volkswirtschaft schien 
immittelbar bevorzustehen. Die Gärung in den Arbeitermassen kündigte an, 
daß der wirtschaftliche Zusammenbruch die schwersten sozialen Erschütte- 
rungen auslösen werde. In den Grenzländern fürchtete man, daß die Nach- 
barstaaten die drohenden sozialen Erschütterungen für ihre Zwecke be- 
nützen werden. Das Burgenland fürchtete den Einbruch magyarischer Frei- 
schärler, Kärnten den Einfall jugoslawischer Truppen. 

Die Regierung suchte die Rettung im Ausland. Sie richtete an die in 
London versammelten Vertreter der Ententemächte die dringende Bitte um 
Kredithilfe. Am 15. August antwortete Lloyd-George im Namen des Obersten 
Rates: „Die Vertreter der verbündeten Regierungen sind zu dem Schlüsse 
gekommen, daß es ihnen unmöglich ist, der Hoffnung Raum zu geben, daß 
ihre Regierungen bereit sein werden, Österreich eine neue finanzielle Hilfe 
zu bewilligen. Immerhin haben sie sich auf den Vorschlag geeinigt, die 
Frage Österreichs zur Untersuchung und zum Bericht an den Völkerbund 
zu verweisen." Auf den Völkerbund setzte nach dem Scheitern seiner 
Aktion im Jahre 1921 niemand in Österreich mehr Hoffnung. Lloyd-Georges 
Antwort mußte daher als schroffe Ablehnung jeder Hilfe aufgefaßt werden. 
Seipel antwortete am 18. August, durch diese Ablehnung sei das finanzielle 
Problem zu einem hochpolitischen geworden, „das mitteleuropäische Pro-. 

— 259 — 17» 



Dem", das heißt das Problem der Existenz Österreichs als eines selb- 
ständigen Staates, aufgefüllt. Diese Antwort verschärfte die Panik; besagte 
sie doch, daß die Regierung selbst den wirtschaftlichen und sozialen Zu- 
sammenbruch binnen ganz kurzer Zeit und in seinem Gefolge die Auflösung 
Österreichs, die Invasion fremder Truppen in die Grenzländer fürchtete. 
Zugleich kündigte Seipcl an, er werde nach Prag, Berlin und Rom reisen, 
um das österreichische Problem mit den Staatsmännern der nächst - 
beteiligten Staaten persönlich zu besprechen. Damit wurde offenbar, daß 
die Regierung die Hilfe von außen um jeden Preis, selbst um den Preis der 
Unabhängigkeit der Republik, erzwingen wollte. 

Am 23. August trat eine Konferenz der sozialdemokratischen Partei, der 
Gewerkschaften, der Genossenschaften, der Arbeiterkammern und der 
Arbeiterräte zusammen. Die Konferenz gelangte zu dem Ergebnis, daß die 
schwere wirtschaftliche und politische Krise eine völlige Änderung unseres 
politischen Kurses erfordere. Wir hatten seit dem Oktober 1920 jede Teil- 
jiahme an der Regierung abgelehnt. Nunmehr erklärten wir uns bereit, 
unter bestimmten Bedingungen in die Regierung einzutreten. 

\Yir halten es seit dem Oktober 1921 versucht, als Opposition der bürger- 
lichen Regierung eine Finanzpolitik, die die drohende Währungskatastrophe 
.abwenden sollte, aufzuzwingen. Wir hatten Gürtler zu einer Finanzpolitik 
in der Richtung unseres Finanzprogramms getrieben; aber nach dem ersten 
Anlauf war seine Finanzpolitik ins Stocken geraten. Wir hatten Segur die 
Anforderung der Valutenvorräte der Banken aufgezwungen; aber er halte 
sie nur zu einem Finanzplan benützt, den wir ablehnen mußten und der 
in wenigen Wochen vollkommen scheiterte. Die Erfahrung hatte gelehrt, 
daß es nicht genügt, einer feindlichen Regierung eine Finanzpolitik von 
außen her aufzuzwingen. Wollten wir die Republik vor dem unmittelbar 
drohenden wirtschaftlichen Zusammenbruch retten, dann mußten wir die 
Finanzpolitik selbst in die Hand nehmen, in die Regierung eintreten und 
das Finanzministerium mit einem Mann aus unseren Reihen besetzen. 

Aber nicht nur die Finanzkrise, auch die politische Krise drängte uns 
zum Eintritt in die Regierung. Wir sahen die Gefahren der politischen Wen- 
dung, die Seipel mit seiner Erklärung vom 18. August soeben vollzogen, 
sahen die Gefahren der Reise nach Prag, Beriin und Verona, die Seipel an- 
getreten hatte. Das Manifest der Konferenz vom 23. August sagte darüber: 

„Die Regierung sucht die Kilfe noch immer im Ausland. Sie sucht sie mit 
gefährlichen Mitteln. Wenn die Methoden des Herrn Seipel uns überhaupt noch 
«inen Auslandskredit bringen könnten, dann könnten sie ihn nur zu unerträg- 
lichen Bedingungen, nur um den Preis der vollständigen Unterwerfung Deutsch- 
österreichs unter die Kontrolle ausländischer Mächte, des vollständigen Ver- 
lustes der letzten Reste unserer staatlichen Selbständigkeit bringen. Gegen diese 
Gefahr der Verschacherung unserer Selbständigkeit müssen wir uns zur Wehr 
setzen." 
So drängte uns alles dazu, sowohl die Finanzpolitik als auch die äußere 
Politik unter unsere unmittelbare Kontrolle zu setzen. Wie konnte dies ge- 
schehen? An eine Machtergreifung mit revolutionären Mitteln durften wir 
nicht denken. Das Vertrauen zu dem österreichischen Papiergeld schwand 
von Tag zu Tag. Eine revolutionäre Erhebung des Proletariats hätte es voll- 
ständig vernichtet. Der Austausch von Papierkronen gegen Auslandsgeld 
und gegen Waren, der im August von Tag zu Tag schwerer wurde, wäre mit 



einem Schlage vollständig unn:iöglich geworden. Damit hätte jede Möglichkeit 
des Bezuges ausländischer Lebensmittel, Kohle, Rohstoffe aufgehört. Die 
Hungerkatastrophe, der Bürgerkrieg, die Invasion, die Konterrevolution 
durch fremde Bajonette wären die unvermeidlichen Folgen gewesen. Wollten 
wir den völligen Zusammenbruch des Geldwertes und damit die wirtschaft- 
liche Katastrophe verhüten, so gab es nur einen Weg: mit den bürgerlichen 
Parteien zusammen eine Konzentrationsregierung zu bilden und uns inner- 
halb ihrer die Kontrolle über die Finanzpolitik und die äußere Politik zu 
sichern. Aber nicht bedingungslos konnten wir ia eine solche Regierung ein- 
treten. Das Manifest der Konferenz vom 23. August sagte: 

■-Erst wenn die bürgerlichen Parteien endlich die Gefahr des vollständigen 
Zusammenbruchs unserer Volkswirtschaft erkennen; erst wenn sie sich dessen 
bewußt werden, daß, wenn alles zusammenbricht, sich auch die besitzenden 
Klassen nicht aus dem Zusammenbruch werden retten können; erst wenn die 
Furcht vor dieser Katastrophe die besitzenden Klassen dazu zwingt, die not- 
wendigen Opfer zu bringen, und sie bereit macht, unsere wichtigsten und 
'dringendsten Forderungen zu erfüllen und ihre Sabotage gegen alle wirtschaft- 
hchen und sozialen Notwendigkeiten aufzugeben, erst dann und nur dann besteht 
die Möglictikeit, in Vereinbarungen mit den bürgerlichen Parteien durchzusetzen, 
was durchgesetzt werden muß, erst dann und nur dann könnte eine zeitweilige 
Kooperation mit den bürgerlichen Parteien für uns ein Mittel sein, die Republik 
und die Volkswirtschaft aus der schwersten Gefahr zu retten." 

Die Beschlüsse der Konferenz vom 23. August waren von der Über- 
zeugung bestimmt, daß das politische System, das in der Republik seit dem 
Herbst 1919 herrschte, das System des Gleichgewichts der Klassenkräfte 
an der Aufgabe, das Gleichgewicht im Staatshaushalt wiederherzustellen, 
der Vermehrung des Papiergeldes ein Ende zu setzen und dadurch die 
drohende Währungskatastrophe zu verhüten, vorläufig gescheitert war. 

In der Tat war diese Aufgabe überaus schwer. Die Republik hatte von 
der alten Monarchie einen Staatsapparat geerbt, der für den neuen Klein- 
staat viel zu groß, viel zu kostspielig war. Das Funktionieren dieses 
Apparats war überdies durch die Wirkungen des Krieges, der Auflösung 
•des alten Wirtschaftsgebietes, der Revolution und des Länderpartikularis- 
mus gestört, kompliziert und verteuert worden. Die Kosten dieses Apparats 
aus Steuereinnahmen zu decken, war desto schwerer, da der Untergang 
des Rentnertums und der Mieterschutz die ergiebigsten alten Steuerquellen 
verschüttet hatten, während sich der neue Reichtum in Formen barg, die 
sich der Erfassung durch die Steuerbehörden überaus leicht entziehen. 
Die Lösung dieses überaus schweren Problems war nicht gelungen, 
solange die Kräfte der Klassen einander im Gleichgewicht hielten. Der 
Widerstand der Bourgeoisie und der Bauernschaft war zu stark, als daß es dem 
Proletariat hätte gelingen können, die Lösung mit sozialistischen Mitteln, 
mittels rücksichtsloser Eingriffe in das Eigentumsrecht zu erzwingen. Der 
Widerstand der Arbeiterklasse war zu mächtig, als daß es der Bourgeoisie 
möglich gewesen wäre, die Lösung auf Kosten des Proletariats, die Lösung 
durch rücksichtslosen Abbau der Sfaatsangestellten und rücksichtslosen 
Ausbau des Systems der indirekten Steuern durchzusetzen. So war das 
System des Gleichgewichts der Klassenkräfte an der Währungskatastrophe 
■gescheitert. Die Entwicklung mußte weitergehen entweder zur Wieder- 
herstellung der Vorherrschaft der Arbeiterklasse oder zur Restauration der 
Bourgeoisie. 

— 261 - 



Indessen hatte Seipel seine Reise nach Prag, Berlin und Verona an- 
getreten. Die Bourgeoisie wartete das Ergebnis dieser Heise ab. Wäre Seipel' 
ohne Erfolg heimgekehrt, dann wäre die bürgerliche Regierung zusammen- 
gebrochen, die Bourgeoisie hätte sich unseren Bedingungen unterwerfen 
müssen, die bürgerlichen Parteien hätten mit uns eine Regierung bilden 
müssen, innerhalb deren der Sozialdemokratie die führende, die ent- 
scheidende Stellung gesichert gewesen wäre. Gelang es Seipel aber, die 
Kredithilfe des Auslands, sei es um welchen Preis immer, zu erzwingen, 
dann war die Bourgeoisie von der bitteren Notwendigkeit der Kapitulation 
vor der Arbeiterklasse bewahrt, dann zog sie die Unterwerfung unter die 
Kontrolle des Auslandes der Unterwerfung unter die Kontrolle des öster- 
reichischen Proletariats vor, dann mußte die Hilfe des ausländischen Kapitals 
die bürgerliche Regierung befestigen und dadurch die Herrschaft der Bour- 
geoisie über die Republik herstellen. So hing nun alles davon ab, ob es der 
Bourgeoisie gelang, die Unterstützung des ausländischen Kapitals zu er- 
langen. Erlangte sie sie nicht, dann mußte sie sich der Vorhejrschaft der 
Arbeiterklasse unterwerfen. Gelang es ihr, tatkräftige Unterstützung des 
internationalen Finanzkapitals zu erlangen, dann hatte sie zum erstenmal 
seit der Revolution die Möglichkeit, den immer noch so mächtigen Einfluß 
des Proletariats zurückzudrängen, mit Hilfe des ausländischen Goldes, 
ihre Klassenherrschaft in der Republik aufzurichten. 



§ 18. Der Genfer Vertrag. 

Liieiatai: 

Reconstruction de l'Autiiche. Sociele des Nations. C. 716. M. 428.. 
G6neve 1922. — Rapport de la Delegation provisoire de la Society des Nations 
ä Vienne. C./S. C. A. 17, — Renner und Seitz, Die Schmach von Genf und die 
Republik. Wien 1922. — Bauer, Der Genfer Knechtungsvertrag und die Sozial- 
demokratie. Wien 1922. — Danneberg, Wiederaufbau? Wien 1922. — Stolper,. 
Der Weg zur Rettung; Die falsche Alternative; Die Genfer Protokolle. „Öster- 
reichischer Volkswirt", August bis Oktober 1922. 

Schuhmacher, Lammasch in St. Germain. „Heinrich Lammasch, .-eine Auf- 
zeichnungen, sein Wirken und seine Poilitik." Wien 1922. 

Proksch, Kurzarbeit und Arbeitslosigkeit. „Arbeit und Wirtschaft", 1923. — 
Statistische Nachrichten. Wien 1923. 

Schon während des Krieges, waren die tschechische und die jugo- 
slawische Emigration miteinander verbündet. Aus ihrer Verbindung ging 
nach der Revolution das Bündnis der beiden neuen Staaten hervor. Dem 
Bündnis der beiden slawischen Staaten steht einerseits Ungarn, anderseits 
Italien gegenüber: Ungarn, das auf die Gelegenheit zum Revanchekrieg 
gegen seine beiden slawischen Nachbarn lauert; Italien, das den Slawen 
die Herrschaft an der Ostküste der Adria streitig macht. Österreich ist die- 
Brücke zwischen den beiden Slawenstaaten: im gemeinsamen Krieg gegen 
Ungarn könnten sie die österreichischen Verkehrsmittel nicht entbehren. 
Österreich ist die Brücke zwischen Italien und Ungarn: im gemeinsamen 
Krieg gegen Jugoslawien würden sie die österreichischen Verkehrswege- 
brauchen. 

— 262 — 



Der Kampf um das Burgenland halle Österreich den beiden slawischen 
Staaten genähert Der Vertrag von Lana war das Ergebnis dieser Phase 
der Entwicklung. Seit der Beendigung des Streites um das Burgenland 
erstarkten in Österreich die Tendenzen, die zum Abrücken von der slawi- 
schen Gruppe, zur Annäherung an Italien und an Ungarn drängten. 

Diese Tendenzen waren von den konterrevolutionären Gruppen der öster- 
reichischen Gesellschaft getragen. Sie hatten Sympathien für Ungarn, seit- 
dem dort die Konterrevolution wütete. Sie gewannen Sympathien für Italien, 
■seitdem dort der Fascismus in schnellem Aufstieg war. Sie haßten die 
Tschechoslowakei und Jugoslawien: die einen, weil die Macht der beiden 
slawischen Staaten der Restauration Habsburgs im Wege steht; die anderen, 
weil die Tschechoslowakei drei Millionen Deutsche unter fremder Herrschaft 
'hält. Sie hofften, ein italienisch-ungarischer Krieg gegen die Slawen werde 
auch Österreich Gelegenheit zur Revanche an den slawischen Nachbarn 
geben. Der Wortführer dieser Richtung war Czernin; er vor allem propa- 
gierte den Gedanken, Österreich müsse im Anschluß an eine italienisch- 
ungarische Kombination Schutz für die „Ordnung" im. Innern und Stärkung 
gegen die slawischen Nachbarn im Norden und Süden suchen. 

Diese konterrevolutionären Tendenzen fanden Unterstützung in der 
Außenpolitik des kärtnerischen und des steirischen Landespartikularismus. 
Als im August 1922 der wirtschaftliche Zusammenbruch Österreichs drohte, 
-^rerlangten beide Landesregierungen eine Verständigung mit Italien, damit 
Italien im Falle der Katastrophe Kärnten und Steiermark gegen die Gefahr 
eines Einbruches der Jugoslawen schütze. 

Unter dem Eindruck dieser Tendenzen trat der Bundeskanzler Seipel 
am 20. August 1922 seine Reise nach Prag, Berlin und Verona an. Die 
kargen amtlichen Berichte über die Besuche in Prag und in Berlin ent- 
hüllten den Zweck der Reise nicht. Erst Verona enthüllte das Geheimnis. 
-Seipel bot Italien eine Währungs- und Zollunion mit Österreich an. Italien 
sollte Österreich in seine Währungsgemeinschaft aufnehmen und es da- 
-durch vor der drohenden Währungskatastrophe bewahren. Dafür sollte 
Österreich in dem italienischen Wirtschaftsgebiet aufgehen, sollte es sich 
wirtschaftlich und politisch Italiens Protektorat unterwerfen; ein „größeres 
Italien" sollte sich so bis zur Donau ausdehnen. Damit wäre über Öster- 
reich die Brücke zwischen Italien und Ungarn geschlagen worden; die 
Brücke zwischen Jugoslawien und der Tschechoslowakei wäre in die Macht 
Italiens gefallen. 

Der Plan, den Seipel in Verona dem italienischen Minister Schanzer 
vortrug, war mit den Interessen Jugoslawiens und der Tschechoslowakei 
unvereinbar. Jeder Versuch seiner Verwirklichung hätte Mitteleuropa in die 
schwersten, dem Frieden gefährlichsten Verwicklungen stürzen müssen. Die 
italienische Regierung zauderte. Der Oberste Rat der Alliierten hatte am 
15. August den Völkerbund ersucht, Österreichs wirtschaftliche Lage zu 
überprüfen. Die italienische Regierung wies Österreich an den Völkerbund. 
Erst wenn die Beratungen im Völkerbundsrat zu keinem Ergebnis führen, 
werde Italien auf Seipels Vorschlag zurückgreifen. 

So hatten die Tschechoslowakei und Jugoslawien Zeit gewonnen, ihren 
Gegenstoß zu führen. Der tschechische Minister des Äußern, Benes, riß die 
Initiative an sich. Seine Aufgabe war klar: er mußte einerseits dafür sorgen. 



-> 263 — 



Juli der Vöikorbund (')sU-rroich vor der drohenden Währungskatastrophe- 
retle, damit sich Üslerrcich nicht Italien in die Arme werfe; er mußte 
anderseits dafür sorgen, daß die Mächte Österreich unter wirksame wirt- 
schaftHche und politisclie Kontrolle stellen, damit es seine Stellung 
zwischen den beiden Slawenstaaten einerseits, Italien und Ungarn ander- 
seits nicht ausnützen, nicht zum Streitobjekt zwischen den beiden 
Gruppen werden könne. Benes bemühte sich nun, die englische und die 
französische Regierung zu überzeugen, daß der Friede in Mitteleuropa 
ernsthaft gefährdet wird, wenn man Österreich zusamenbrechen läßt und 
es dadurch dem italienischen Imperialismus in die Arme wirft. Benes be- 
trieb nun mit großer Energie den Plan, Österreich durch die Garantie der 
Mächte eine große internationale Anleihe zu ermöglichen und es daf<ir 
unter die Kontrolle des Völkerbundes zu stellen. 

Der Schachzug Seipels in Verona und Benes' Gegenzüge in Paris,. 
London und Genf hatten die innere Lage in Österreich vollständig ver- 
ändert. Am 23. August hatte sich die Sozialdemokratie bereit erklärt, rnit 
den bürgerlichen Parteien gemeinsam eine Regierung zu bilden, die die 
unmittelbar drohende Währungskatastrophe abwehren sollte. Drei Tage 
später war die Lage völlig verändert. Ob auf dem Wege Seipels oder auf 
dem Wege Benes' — mit einemmal gab es wieder Hoffnung auf Hilfe vom 
Ausland. Die Krone, die am 25. August ihren tiefsten Stand erreicht 
hatte, sank nicht mehr. Die Bourgeoisie faßte wieder Hoffnung, der 
Währungskatastrophe zu entgehen, ohne vor dem Proletariat kapitulieren; 
zu müssen. Sie war nicht bereit, sich unseren Bedingungen zu unter- 
werfen, sobald sie einen anderen Weg sah. Von Verona zurückgekehrt,, 
lehnte Seipel die Umbildung der Regierimg schroff ab. Die Vertreter der 
österreichischen Regierung fuhren nach Genf; als dort der Völkerbunds- 
rat zusammentrat, zeigte es sich, daß Benes' Bemühungen die englische- 
und die französische Regierung bereits für die tschechischen Pläne ge- 
wonnen hatten. 

Die Verhandlungen in Genf zogen sich einige Wochen hin. Der 
Gegensatz zwischen Italien einerseits, England und Frankreich, die sich: 
zu Benes' Plan entschlossen hatten, anderseits, zog sie in die Länge. Erst' 
am 4. Oktober wurden die Genfer Protokolle von den Vertretern Eng- 
lands, Frankreichs, Italiens, der Tschechoslowakei und Österreichs unter- 
zeichnet. Benes' Gegenzug gegen Verona hatte vollen Erfolg. 

Seipel hatte ein kühnes Spiel gespielt. Er hatte alles auf eine Karte 
gesetzt. Die österreichische Regierung selbst hatte vor ganz Europa öffent- 
lich erklärt, Österreichs völliger Zusammenbruch sei unvermeidlich, wenn- 
es nicht schleunigst Kredithilfe vom Ausland bekommt. Kam diese Kredit- 
Viilfe nicht, dann mußte sich eine solche, alles Vertrauen zur Fähigkeit. 
Österreichs, sich aus eigener Kraft zu retten, zerstörende Erklärung furcht- 
bar rächen; drohte sie, den gefürchteten Zusammenbruch wirklich herbei- 
zuführen. Die österreichische Regierung selbst hatte Österreich dein italieni- 
schen Imperialismus feilgeboten; entschloß sich Italien, Österreich beinr 
Worte zu nehmen, dann harrte unser das Schicksal, zu einer Kolonie 
Italiens zu werden. Aber so waghalsig Seipels Spiel gewesen war, sein Ziel 
war erreicht. A's die Großmächte am 15. August den Völkerbund auffor- 
derten, „die Lage Österreichs zu untersuchen", war dies kaum mehr als^ 

~ 26'i — 



t'iiie höfliche Verhüllung der ablehnenden Antwürl aul Österreichs Bitte 
um Kredit. Erst unter dem Drucke der tschechischen Gegenalvtion gegen den 
Vorschlag, den Seipel in Verona der italienischen Regierung gemacht, hatten 
die Verhandlungen des Völkerbundsrates über Österreich ernsten Charakter 
erlangt. In dem Genfer Vertrag verpflichteten sich die Mächte in der Tat, 
die Bürgschaft für eine österreichische Anleihe im Höchstbetrag von 
650 Millionen Goldkronen zu übernehmen, von deren Ertrag 130 Millionen 
Goldkronen zur Rückzahlung der Österreich im Jahre 1922 gewährten Aus- 
landskredite, 520 Millionen Goldkronen zur Deckung des österreichischen 
Defizits für die Dauer von zwei Jahren verwendet werden sollen. 

Aber dieser Erfolg Seipels wurde teuer erkauft. Seipel selbst hatte in 
•Verona Österreichs wirtschaftliche und politische Selbständigkeit feil- 
geboten. Er wurde nun beim Worte genommen. Benes' Ziel war, an die 
Stelle des italienischen Protektorats, dem Seipel in Verona Österreich hatte 
unterwerfen wollen, das gemeinsame Protektorat der Ententemächte und 
■der Tschechoslowakei über Österreich zu setzen. Das ist es, was durch den 
Genfer Vertrag verwirklicht wurde. 

Der Genfer Vertrag verpflichtete Österreich zunächst, keine Verpflich- 
tungen einzugehen, durch die es seine Unabhängigkeit irgendeinem anderen 
Staat gegenüber gefährden würde. Durch diese Bestimmung schützte sich 
•die Tschechoslowakei gegen einen Anschluß Österreichs an Italien; dieselbe 
Bestimmung schließt aber auch nicht nur den Anschluß Österreichs an 
Deutschland, sondern auch jede engere wirtschaftliche Verbindung Öster- 
reichs mit Deutschland aus. 

Der Genfer Vertrag unterwirft zweitens Österreich einer doppelten Kon- 
trolle: der Kontrolle durch einen vom Völkerbund ernannten General- 
kommissär und der Kontrolle durch ein Kontrollkomitee, das aus den Ver- 
tretern der Mächte, die die Bürgschaft für die österreichische Anleihe über- 
nehmen, zusammengesetzt ist; der Vorsitzende dieses Komitees wird von 
der italienischen, sein Stellvertreter von der tschechischen Regierung er- 
nannt. Die österreichische Regierung darf ohne Zustimmung des Kontroll- 
komitees keinerlei Anleihen aufnehmen. Sie darf ohne Zustimmung des 
Generalkommissärs über die Erträgnisse der von den Mächten garantierten 
Anleihe nicht verfügen. Der Generalkommissär kann die Bedingungen fest- 
setzen, unter denen er die Anleiheraten der Regierung zur Verfügung 
stellt. Da die Regierung das Defizit nicht mehr durch Banknoteninflation 
decken und da sie ohne Zustimmung des Kontrollkomitees keine Anleihen 
aufnehmen darf, kann sie die Staatswirtschaft nicht fortführen, wenn der 
Generalkommissär ihr nicht die Anleiheraten überweist; sie ist daher von 
der Willkür des Generalkommissärs vollständig abhängig. 

Der Genfer Vertrag verpflichtet Österreich drittens, der Regierung un- 
beschränkte Vollmacht zur Durchführung des mit einer Völkerbunds- 
delegation und mit dem Generalkommissär zu vereinbarenden Reform- und 
Sanierungsprogramms zu geben, sodaß die Regierung die zur Durchführung 
dieses Programms erforderlichen Maßregeln verfügen kann, ohne an 
das Parlament herantreten zu müssen. Dadurch sollte auch das Gegen- 
gewicht der Parlamentsmacht gegen die Auslandskontrolle aufgehoben 
Verden. 

— 26o — 



Am 17. Okiober kam eine Delegation dos Finanzkomitees des Völkor- 
bundes nach Wien, um mit der österreichischen Regierung das ,.Refofm- 
und Sanicrungsprogramm", zu dessen Durchführung binnen zwei Jahreiy 
sich Üsterreicli verpflichten sollte, zu vereinbaren. Die Delegation war von- 
Bankiers geführt. Die Tätigkeit der Delegation war von dem Gedanken be- 
herrscht, das Reform- und Sanierungsprogramm müsse Österreich das „Ver- 
trauen dos Auslandes", das heißt das Vertrauen der ausländischen Bankiers, 
die Österreich den Kredit unter. der Garantie des Völkerbundes gewähren 
sollen, gewinnen. „Der öffentliche Kredit," sagt Marx, „beruht auf dem 
Vertrauen, daß sich der Staat durch die Juden der Finanz exploitieren läßt." 
Sollte uns das Reform- und Sanierungsprogramm Kredit in London, in 
Paris, in Amsterdam werben, so mußte es den Beweis erbringen, daß siclx 
der österreichische Staat von der internationalen Hochfinanz willig aus- 
beuten lassen wolle. Die Auffassungen der Bankiers, die die Verhandlungen 
führten, die Rücksicht auf die Bankiers, die den Kredit gewähren sollten, 
sie bestimmten den Inhalt des „Wiederaufbaugesetzes", in dem das Reform- 
und Sanierungsprogramm niedergelegt wurde; sein Entwurf machte es; 
anschaulich, daß die Finanzkontrolle des Völkerbundes nichts anderes sein 
konnte als die Kontrolle der internationalen Hochfinanz. Das W^iederaufbau- 
gesetz will die Finanzen der Republik einerseits durch rücksichtslose Be- 
steuerung der Volkmassen, anderseits durch rücksichtslosen Abbau der 
Bundesangestellten sanieren. Die Sanierung soll ausschließlich auf 
Kosten der breiten Massen der Arbeiter, Angestellten und Beamten erfolgen,, 
während die heimischen besitzenden Klassen ängstlich geschont werden,., 
dem ausländischen Kapital aber das wertvollste Eigentum der Republik ver- 
pfändet und die Selbständigkeit der Republik preisgegeben wird. 

Die Sozialdemokratie hatte zu Beginn der Verhandlungen Seipels in- 
Genf ihre Stellung fest umgrenzt: Keinen Anschluß an Italien! Aber auch 
keine Kontrolle des Völkerbundes, die über die bloße Kontrolle der Siche- 
rung des Zinsendienstes für eine internationale Anleihe hinausgeht! 
Seipel hatte sich in Genf um diesen Einspruch nicht gekümmert. Er war 
überzeugt, daß Österreich die Hilfe des Auslandes nicht ablehnen werde, 
auch wenn die Bedingungen noch so drückend wären. Er fürchtete die- 
Kontrolle des Auslandes über unser gesamtes öffentliches Leben nicht; 
überzeugt, daß sich das 'Parlament zu den harten Maßregeln, die die 
Wiederherstellung des Gleichgewichts im Staatshaushalt erfordert, aus-- 
eigenem Willen nicht werde entschließen können, wünschte er es unter 
den Zwang der Auslandskontrolle zu setzen. Er setzte auf die Kontrolle 
des Auslandes geradezu seine Hoffnung: die Kontrolle der ausländischen 
kapitalistischen Regierungen über Österreich sollte die österreichische 
Bourgeoisie von der Kontrolle durch das österreichische Proletariat befreien.. 
Die Verhandlungen in Genf waren geheim. Durch das Geheimnis gedeckt,, 
stimmte Seipel den Bedingungen zu, die die Unabhängigkeit Österreichs 
vollständig aufhoben. Das österreichische Volk erfuhr das Ergebnis der- 
Verhandlungen erst, als sie schon abgeschlossen waren. Erst am 5. Ok- 
tober erfuhr es, daß sein Kanzler seine Souveränität um 520 Millionen 
Goldkronen verkauft hatte. Und die Gefahren dieser Preisgabe unserer 
Selbständigkeit wurden anschaulich, als die Vereinbarungen mit der Dele- 
gation des Völkerbundes den Genfer Pakt konkretisierten. So mußten wir 

~ 266 — 



•den schärfsten Kampf gegen den Genfer Vertrag und gegen das Wieder- 
aufbaugesetz aufnehmen. 

Aber diesen Kampf mußten wir unter den ungünstigsten Bedingungen 
führen. Das österreichische Volle hatte vier Jahre furchtbarster Geldent- 
wertung erlebt. Vier Jahre lang war es von furchtbarer Teuerung ge- 
quält worden. Es halte schließlich im August den Zustand der Panik erlebt, 
in dem die vollständige Vernichtung des Wertes des Papiergeldes die 
.Leb,ensmitteizufuhr aus dem Ausland überhaupt unmöglich zu machen 
drohte. Nun war es mit einemmal anders geworden. Seitdem die Aus- 
sicht auf den großen Auslandskredit bestand, sank der Kronenkurs nicht 
mehr, die Warenpreise begannen zu sinken, die Panik war geschwunden. 
Diese guten Wirkungen von Genf waren da. Sie waren iederraann fühlbar. 
Die bösen Wirkungen, die die Sozialdemokraten voraussagten, waren vor- 
erst nichts als Prophezeiungen. Die Stimmung der breiten Volksmassen 
l)is tief m die Reihen der Beamten und Angestellten hinein war für Genf. 
Wir mußten unseren Kampf gegen die Stimmung breiter Volksmassen 
.führen. 

Und in diesem Kampfe mußte unser Ziel ein anderes, weiteres sein als 
die bloße Verwerfung des Genfer Vertrages. Vv^ir hatten die Krise des 
August erlebt. Wir wußten: wird der Genfer Vertrag verworfen, dann be- 
steht vorerst keine Aussicht auf Auslandskredite; dann drohen, wenn nicht 
gleichzeitig die energischesten Maßregeln zur Abwehr des Währungs- 
zusammenbruchs getroffen werden, neuer Sturz der Krone, neue Teuerungs- 
welle; dann entsteht die Gefahr wieder, daß die Lebensmitteleinfuhr aus 
dem Ausland überhaupt zu stocken beginnt, daß Österreich in eine Hunger- 
katastrophe stürzt. Darum mußten wir sagen: Wir dürfen die Ratifizierung 
des Genfer Vertrages nur unter der Bedingung verhind.ern, daß wir gleich- 
.zeitig finanzpolitische Maßregeln durchsetzen können, die die drohende 
Währungskatastrophe zu verhindern geeignet sind 

Solche Maßregeln waren möglich. Man konnte durch eine Zwangsanleihe 
in Valuten und Devisen von den Banken und den Börsennritgliedern 
120 Millionen Goldkronen in ausländischen Zahlungsmitteln anfordern, 
konnte ferner durch Valorisierung der Zwangsanleihe Segurs ihren Ertrag 
auf wenigstens 60 Millionen Goldkronen erhöhen, hatte schließlich auch 
noch einen Goldschatz aus der Liquidation der Österreichisch-Ungarischen 
Bank im Betrage von 35 Millionen Goldkronen zur Verfügung. Mit diesen 
Mitteln konnte man das Staatsdefizit für geraume Zeit ohne Beanspruchung 
•der Notenpresse decken, den Kronenkurs stabilisieren und dadurch für die 
Bilanzierung der regelmäßigen Einnahmen und Ausgaben des Staates Zeit 
gewinnen. Ökonomisch war es also unzweifelhaft möglich, den wirtschaft- 
lichen Zusammenbruch auch im Falle der Verwerfung des Genfer Ver- 
trages zu verhüten. Aber war es auch politisch möglich? Waren wir im- 
stande, die Regierung Seipel zu stürzen und an ihre Stelle eine Regierung 
zu setzen, die die Ratifizierung des Genfer Vertrages abgelehnt und gleich- 
zeitig die von uns geforderten Maßregeln finanzieller Selbsthilfe mit solcher 
Energie und solcher Schnelligkeit ergriffen hätte, daß die Währungskata- 
tstrophe wirklich verhütet werde? 

Die erste Voraussetzung dafür war, die Volksstimmung gegen Genf zu 
wenden. Wir be